Martins Frühling - Josef Ebner - E-Book

Martins Frühling E-Book

Josef Ebner

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Beschreibung

München im März 1945: Tag und Nacht heulen die Sirenen, feindliche Flieger lassen Bomben auf die Stadt regnen. Inmitten des Kriegsinfernos versuchen Christa und ihr zehnjähriger Sohn Martin so gut es geht zurechtzukommen. Für ihn ist der Krieg trotz aller Gefahren auch ein großes Abenteuer. Doch allmählich beginnt er, seine Brutalität zu begreifen. Als Martin erfährt, dass seine Mutter ihn angelogen und eine heimliche Affäre mit einem französischen Kriegsgefangenen hat, läuft er davon … Auf eine eindringliche, aber einfühlsame Weise erzählt der Roman von Stärke und Gebrechlichkeit, von menschlichem Mitgefühl und hinterhältiger Grausamkeit, von Hoffnung und Verzweiflung - und von einem Jungen, der inmitten von alldem erwachsen wird.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Josef Ebner

Martins Frühling

Als der Krieg zu Ende ging

Roman

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm:www.allitera.de

Originalausgabe April 2015 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2015 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Fotografie von © Süddeutsche Zeitung Photo

Für meinen Vater, mit dem ich gerne mehr geredet hätte

I

Graf Cagliostro hätte gewusst, was zu tun war. Er hätte an seinem Zauberring gedreht und schon wäre er weg gewesen. Weg aus diesem Luftschutzkeller, weg vom schrillen Pfeifen der Bomben, von den berstenden Explosionen ringsum, die das Haus erbeben und den Putz von den Wänden bröseln ließen. Weg vor allem von der Todesangst, von der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit. Christa Klausen dachte oft an ihn, während sie im trüben Licht der nackten Glühbirnen unten im Keller auf das Ende des Angriffs wartete, unter all den anderen Hausbewohnern, die mit grauen Gesichtern um sie herum auf den Bänken und Stühlen saßen und manchmal leise miteinander sprachen, so als könne zu lautes Reden die Bomben anlocken. Aber leider hatte sie keinen Zauberring, um all das hinter sich zu lassen, um aus dieser Welt, aus dieser Zeit zu entfliehen.

Graf Cagliostro war Baron Münchhausens Freund und Gegenspieler in dem Farbfilm, den Christa schon dreimal gesehen hatte, und in dem Hans Albers die Titelrolle spielte. Wie der Schauspieler hieß, der den Zaubergrafen verkörperte, hatte sie schon wieder vergessen. Aber das war ja auch nicht so wichtig. Alle anderen Frauen schwärmten für »den blonden Hans«, nur Christa hatte sich in den dunkelhaarigen, so gar nicht arisch aussehenden Cagliostro verguckt. Vielleicht war sie ja nicht ganz normal. In ihrer Fantasie ließ sie ihn sogar manchmal den Platz vom Baron Münchhausen einnehmen, das eröffnete ganz neue Handlungsmöglichkeiten. Allerdings war da in letzter Zeit etwas passiert, das auch Cagliostro in den Hintergrund treten ließ. In Christas Fantasie sah er nun mehr und mehr aus wie Yves.

Wieder gab es eine Detonation ganz in der Nähe, das schwere Haus, das auf dem Keller lastete, schüttelte sich und knackte, feiner Staub drang aus den Wänden, und dann erlosch das Licht. Eine Frau schrie auf, es waren sowieso fast nur Frauen im Keller, man hörte angestrengtes Atmen, das schnell dumpfer wurde, denn jeder presste das feuchte Tuch, das er für solche Fälle bereithielt, gegen Nase und Mund. Es waren auch mehrere mit Wasser gefüllte Eimer im Raum verteilt. Und vier volle Sandsäcke lagen neben der Tür, eine Handspritze, eine Axt und was sonst noch vorgeschrieben war.

Christa spürte, dass auch Martin neben ihr zusammengezuckt war. Sie legte den Arm um ihn und zog ihn an sich. Er fühlte sich verkrampft an, aber er sagte nichts. Wahrscheinlich hatte er die Lippen fest zusammengepresst, das tat er immer, wenn er sich unter Druck gesetzt fühlte, sein Mund wurde dann zu einem schmalen Strich. Er tat Christa unendlich leid, sie selbst hatte ja noch eine einigermaßen normale Kindheit gehabt, aber der arme Kerl, den sie da an sich drückte, wuchs unter Bedingungen auf, die sie ihrem schlimmsten Feind nicht hätte zumuten wollen.

»Na siehst du«, sagte sie, »wieder daneben. Sie schaffen es einfach nicht, unser Haus zu treffen.«

Martin gab keine Antwort und setzte sich aufrecht hin, dadurch deutlich machend, dass sie ihren Arm von seiner Schulter nehmen solle. Er hatte sich verändert in letzter Zeit, fand sie, er war zurückhaltender geworden, vor allem, wenn sie versuchte zärtlich zu sein. Mehr und mehr schien er sich vor ihr zu verschließen, und das beunruhigte sie.

Licht flackerte auf, es war Hans Reschke, der Luftschutzwart, der zwei für solche Fälle bereitgehaltene Petroleumlampen entzündete. Im unruhigen gelben Schein sah sie feine Schweißperlen auf seiner Stirn. Weil er vorhin, beim Alarm, noch in seiner dicken grauen Lodenjacke bis hinauf in den fünften Stock gerannt war, um sicherzugehen, dass auch alle Bewohner in den Keller gingen? Oder aus Angst? Man konnte ja an den Führer und den Endsieg glauben und trotzdem Angst haben, die Bomben und die Luftminen scherten sich nicht um persönliche Überzeugungen. Denn Reschke glaubte an den Endsieg. Unerschütterlich. Zumindest tat er so.

»Der Führer weiß, was er tut«, hatte er erst vor ein paar Tagen versichert, als jemand eine vorsichtige kritische Bemerkung machte. »Der Führer hat das alles mit einkalkuliert, die Wende steht kurz bevor.« Und er hatte drohend hinzugefügt: »Dann werden alle die zur Rechenschaft gezogen, die an ihm gezweifelt haben.«

Dabei griffen seit dem letzten Frühjahr nicht mehr nur die Briten an, die in der Regel nachts kamen, jetzt erschienen tagsüber die amerikanischen Bomberpulks mit ihren Flying Fortresses und Liberators am Himmel. Vor genau einem Jahr, im März 1943, hatten zum ersten Mal auch am Tag die Sirenen geheult, und seitdem dauerte die tägliche Angst vierundzwanzig Stunden. Ein ganzes Jahr ging das nun schon so, und keiner wusste, wann es aufhören würde. Nicht mehr lange, dachten und hofften die meisten, aber das dachten und hofften sie schon seit Langem. Das Heulen der Sirenen war Teil des täglichen Lebens, so wie die Durchhalteparolen im Radio, die brennenden Häuser und das Schlangestehen vor den wenigen noch nicht zerbombten Läden, um mit den gerade aufgerufenen Lebensmittelmarken etwas Essbares zu ergattern. Zum normalen Leben gehörte auch, dass man fast komplett angekleidet schlief, um beim nächsten Alarm gleich wieder in den Keller rennen zu können, und sich kaum noch wusch, weil es nur stundenweise Wasser gab, manchmal auch nur aus Tankwagen oder am Hydranten, und überhaupt anderes wichtiger war. »Die Amerikaner sollen nur kommen«, hatte Frau Kronawitter vom dritten Stock einmal gesagt, »die stinken wir zur Stadt hinaus.«

Hans Reschke … Vielleicht bildete sie sich das ja nur ein, aber es kam ihr vor, als beäugte er sie in letzter Zeit besonders misstrauisch. Ob er Yves gesehen hatte, vor drei Tagen? Es war ja auch ziemlich ungewöhnlich, wenn einem ein französischer Kriegsgefangener gegen Abend einen kleinen Sack Kartoffeln in die Wohnung bringt. Er hatte sich in der Großmarkthalle verspätet, war mit dem dreirädrigen Goliath-Lieferwagen auf dem Rückweg zur Gärtnerei gewesen und hatte kurz bei ihr gehalten. Er war nicht lange geblieben, nur ein paar Minuten, auch Martin war da gewesen, und Christa hatte ihm nachher eingeschärft, niemandem etwas von diesem Besuch zu erzählen, Yves würde sonst große Schwierigkeiten bekommen. Martin verstand das, er kannte Yves, hatte ihn schon mal in der Gärtnerei gesehen und sogar ein wenig mit ihm geredet. Wenn Christa ihren zehnjährigen Jungen so ansah, wusste sie nicht, wovor sie mehr Angst hatte: dass er dahinter kam, was passiert war – oder Hans Reschke.

»Ich habe dir etwas mitgebracht«, hatte Yves zu Martin gesagt und dann unter den Kartoffeln etwas hervorgeholt, etwas Kleines, in braunes Packpapier gewickelt. Das Papier war fettig, ein starker Geruch ging davon aus, Yves öffnete das Päckchen …

»Geräucherter Speck!«, rief Christa. »Wo haben Sie denn den her?« Am liebsten hätte sie ihm einen Tritt gegen das Schienbein verpasst. Brachte der Kerl auch noch sowas hier an. Wenn Martin das nun weitererzählte …

»Großes Geheimnis«, lächelte Yves. »Kann nicht verraten.«

»Darf ich gleich probieren?«, fragte Martin.

Christa schnitt eine Scheibe ab, wollte ihm ein Stück Brot dazu geben, doch Martin nahm sie ihr einfach aus der Hand und biss hinein. »Brauch kein Brot«, sagte er, »wir haben eh nicht mehr viel davon.«

Sie hatte Yves zur Tür gebracht, während Martin sich eine weitere Scheibe vom Speck abschnitt. Unter der Tür wollte Yves ihr einen Kuss geben, doch sie stieß ihn zurück. »Mach sowas nie mehr!«, zischte sie. »Ich will dich hier nicht mehr sehen.«

Er hatte mit den Schultern gezuckt, ein wenig gegrinst – wieder einmal stellte sie eine Ähnlichkeit mit dem Grafen Cagliostro fest – und war die Treppe hinuntergelaufen.

Und jetzt saß sie wieder mal im Luftschutzkeller und wartete darauf, dass die Sirenen das Ende des Angriffs verkündeten. Martin hatte sein Märchenbuch aus seinem kleinen Koffer geholt, blätterte darin und sah sich die eingeklebten Bilder an, die er schon hundertmal gesehen hatte. Wie das von Rapunzel, die ihren langen geflochtenen strohgelben Zopf aus dem Fenster im Turm hängt, damit die böse Hexe daran zu ihr hinaufklettern kann und später dann der schöne Prinz. Oder das vom Tod, wie er den Spielhansel mitnehmen will, damit er den Leuten kein Geld mehr abgewinnt. Aber selbst der Tod wird von ihm übers Ohr gehauen. Ganz besonders schien ihm das düstere Bild vom Rattenkönig Birlibi zu gefallen, wie er dick und feist in der goldenen Kutsche sitzt, neben ihm, zärtlich an ihn geschmiegt, seine ebenso dicke und feiste Gemahlin, beide mit Kronen auf den Rattenköpfen, und wie sie so, von Wölfen gezogen, durch den nächtlichen, mondbeschienenen Wald jagen. Richtig unheimlich sahen auch die beiden großen Katzen mit ihren leuchtenden Augen aus, die als Lakaien hinten auf der Kutsche standen und brennende Fackeln in den Pfoten hielten. Einmal hatte Christa Martin gefragt, was ihm denn so gefiele an diesem Bild, aber er hatte nur brummig »Weiß nicht« geantwortet. Er war verschlossener geworden in den letzten Monaten, fand Christa, weniger kindlich. War ja auch kein Wunder bei dem, was sie hier Tag und Nacht erlebten.

Er bewahrte sein Märchenbuch in einem kleinen Koffer auf, einem Koffer aus brauner Presspappe mit verstärkten Ecken, der fertig gepackt neben seinem Bett stand und den er immer mit in den Keller nahm. Außer dem Buch waren noch ein Sitzkissen darin und eine kleine Decke gegen die Kälte, eine Volksgasmaske, eine Feldflasche mit Wasser, die jeden Tag frisch gefüllt wurde, ein Päckchen Kekse und ein kleiner Bär. Der war aus braunem Plüschstoff zusammengenäht, er hatte schwarze Augen aus Jackenknöpfen und war mit Stoffschnipseln gefüllt. Er war an vielen Stellen geflickt und sah schon ziemlich schrumpelig aus. Früher, so erinnerte sich Christa Klausen, bis etwa vor einem halben Jahr, hatte Martin den Bären im Luftschutzkeller immer herausgeholt und neben sich gelegt und ihn manchmal auch festgehalten. Aber jetzt ließ er ihn im Koffer. »Da kann ihm nichts passieren«, hatte er einmal gesagt und ein bisschen verlegen gegrinst.

Nicht nur Martin hatte einen Koffer neben sich stehen. Jeder hier im Keller hatte einen dabei, gefüllt mit Kleidung, wichtigen Papieren, einer Taschenlampe, der Volksgasmaske und was man sonst noch so braucht, wenn eine Bombe das Haus trifft. Sofern man überhaupt noch etwas braucht. All das war sogar vorgeschrieben. Nur der alte Henning vom Parterre kam immer mit einem großen, ausgebleichten Rucksack hereingeschlurft, eine Decke über dem Arm. Er holte ein Handtuch aus dem Rucksack und band es sich um den Kopf, um die Explosionen nicht zu hören. Das klappte sehr gut, denn er war auch noch schwerhörig. Dann breitete er die Decke doppelt gefaltet auf einer der Liegen in der Ecke aus, legte sich darauf, schob den Rucksack unter den Kopf und schloss die Augen. Reschke hatte schon ein paar Mal versucht, es ihm abzugewöhnen, aber er ließ sich nichts sagen. Von Reschke, den er nicht ausstehen konnte, schon gar nicht. Während des Angriffs fragte Henning dann immer wieder: »Ist es schon vorbei?«

Martin war das einzige Kind im Keller. Es gab noch vier andere im Haus; zwei, die älter waren als zehn, hatte man mit der KLV, der Kinderlandverschickung, aufs Land gebracht. Und die beiden anderen waren zusammen mit ihren Müttern irgendwohin evakuiert worden.

Voriges Jahr im September, als alle Volksschulen geschlossen wurden, war auch Martin mit seiner Klasse weggebracht worden, in einen kleinen Ort im Chiemgau. Er war gerade zehn geworden, wollte nicht von seiner Mutter weg und sie hatte lange auf ihn einreden müssen, bis er widerstrebend zugestimmt hatte. Auch Christa war diese erste längere Trennung von ihrem Sohn sehr schwer gefallen. Zusammen mit den anderen Müttern war sie am Bahnhof gewesen, als der Zug abfuhr, sie hatte lächelnd gewinkt, aber kaum war er außer Sichtweite, hätte sie am liebsten losgeheult. Den meisten anderen erging es ebenso, ein paar waren sich sogar schluchzend in die Arme gefallen.

Martin war gerade mal eine Woche weg, da kam schon die erste unangenehme Überraschung: ein Schreiben, das ihr ihre Kriegsdienstverpflichtung bekannt gab. Denn nun, da sie nicht mehr für ein Kind sorgen musste, war sie nicht mehr davon befreit und musste ihren Anteil zum Endsieg beitragen. Der Kriegseinsatz der Frau dient dem Kampfeinsatz des Mannes, wie es in der Propaganda hieß. Sie hatte sich im Verkehrsministerium, in der Transportkommandantur, zu melden.

Sie wurde Fernschreiberin. Sie schrieb chiffrierte Texte, empfing chiffrierte Texte, die sie weiterleitete, saß zusammen mit einem Dutzend anderer Frauen in einem vom Rattern der Fernschreiber erfüllten Raum. Das einzige, was sie daran als positiv empfand, war, dass es sie ablenkte. Tagsüber dachte sie nur selten an Martin, ebenso selten wie an Robert, ihren Mann. Seit Monaten schon war er in Russland vermisst.

Ihrem Sohn konnte sie wenigstens schreiben, und sie bekam auch Briefe von ihm. Sie waren ziemlich traurig, auch wenn sie merkte, dass er sich Mühe gab, sich nicht zu sehr zu beklagen. Man hatte den Müttern eingeschärft, die Kinder in den ersten Wochen nicht zu besuchen, das würde ihr Heimweh nur noch verstärken – aber nach drei Wochen setzte sich Christa doch in den Zug und fuhr zu Martin.

Sie entdeckte, dass das Aufsichtspersonal an der Schule, wo man die Kinder im Turnsaal einquartiert hatte, nicht nur aus Lehrern bestand. Auch ein paar schon ältere Hitlerjungen waren zu sehen. Man holte Martin, er sah sehr müde aus. Es kam ihr vor, als wäre er sogar zu müde, um sich über ihre Ankunft zu freuen, aber er ergriff ihre Hand und wollte sie nicht mehr loslassen. Christa ging mit ihm hinaus auf die Straße, wo niemand sie hören konnte, und da erzählte er, dass man die Kinder nicht nur unterrichtete, sondern dass sie auch Wehrübungen machen mussten, draußen im Gelände, man gab ihnen sogar Gewehre, die allerdings nicht geladen waren.

»Die sind so schwer, Mama, ich kann das Ding kaum hochheben «, sagte Martin.

Christa überlegte nicht lange. Sie ging zum Schulleiter und teilte ihm mit, sie werde ihren Sohn nun mit nach München nehmen. Das sei immer noch ihr Kind und sie allein würde bestimmen, was mit ihm geschehe.

»Nicht ganz, Frau Klausen«, bekam sie zu hören. »Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft hat da auch noch mitzureden, das wissen Sie ganz genau.«

»Mag sein. Ich nehme jedenfalls Martin jetzt mit nach München. Ich lasse nicht zu, dass man ihn hier zum Soldaten macht.«

Man ließ sie gehen, nicht ohne ihr Konsequenzen anzudrohen. Und so kam Martin wieder nach München und in den Luftschutzkeller. Christa meldete bei der Transportkommandantur, dass sie nun doch wieder für ein Kind zu sorgen habe, aber man machte die Dienstverpflichtung nicht mehr rückgängig, gewährte ihr lediglich halbtäglichen Schichtdienst. Vom Nachtdienst war sie von nun an befreit.

Seitdem fragte sie sich oft, ob sie recht gehabt hatte, ihren Sohn wieder nach München zu holen, ihn täglich der Todesgefahr auszusetzen. Wäre es denn so schlimm gewesen, ihn Wehrübungen machen und mit Naziparolen füttern zu lassen; wenigstens wäre seine Chance zu überleben um ein Vielfaches größer gewesen. Natürlich wollte er bei ihr sein, aber war es wirklich besser für ihn? Hatte nicht vielmehr Egoismus ihr Handeln bestimmt, der Wunsch, ihren Sohn immer bei sich zu haben? Wahrscheinlich hatte auch der Gedanke eine Rolle gespielt, Martin davor zu bewahren, allein zurückzubleiben, wenn sie selbst bei einem Angriff den Tod fand. Wenn schon, dann sollten sie beide sterben. Aber auch das war im Grunde unlogisch, denn sie arbeitete ja halbtags, war also nicht immer bei ihm. Und was war mit Robert, seinem in Russland vermissten Vater? Vielleicht kam er ja doch zurück, und dann hatte sie ihm, sozusagen, seinen Sohn weggenommen. Für immer. Und wenn Robert nicht zurückkam?

Scheißkrieg! Scheißnazis! Scheißbomben!

Zu Tante Kathi nach Niederbayern könnte sie ihn schicken, da hatte es Martin immer sehr gefallen. Die Tante war eine Schwester ihrer Mutter und lebte in einem kleinen Häuschen außerhalb des Dorfes mit zwei Katzen, zwei Ziegen, einem Dutzend Hühnern und ein paar Kaninchen. Aber auch dann wäre Martin dort allein. Sie bekam keinen Urlaub in der Transportkommandantur, seit Monaten schon war generelle Urlaubssperre angeordnet. Sie wollte Martin einfach nicht weglassen, sie wollte nicht ohne ihn sein, das war's. Eigentlich ganz einfach. Ein ganz einfacher, womöglich tödlicher Egoismus. Vielleicht sollte sie ihn doch zur Tante schicken. Aber wer sollte ihn begleiten, sie konnte ihn doch nicht allein reisen lassen. Auch das war ja lebensgefährlich, immer wieder hörte man von Tieffliegerangriffen auf Züge. Sofern überhaupt noch welche fuhren.

Wieder schlug es in der Nähe ein, und gleich darauf drang Brandgeruch in den Keller. Reschke setzte den Stahlhelm auf, griff sich einen der neben der Tür stehenden gefüllten Wassereimer und eine Feuerpatsche und rannte hinaus. Frau Lehner aus dem ersten Stock, ebenfalls mit Helm, folgte ihm. Sie hatte an einem Lehrgang der Feuerwehr teilgenommen. Außerdem hatte sie was mit Reschke, ging das Gerücht. Christa sah sich um, schaute auf die Leute, wie sie zusammengesunken auf den vor den roh verputzten Wänden aufgestellten Bänken und Stühlen saßen, zwei Tische und drei Liegen gab es auch, als warteten sie auf ihre Hinrichtung. Das trübe Licht ließ sie älter aussehen, es kam ihr plötzlich vor, als wären sie schon alle tot, als sei dies hier eine Gruft, in der sie nun langsam zu Staub zerfielen. Sie schloss die Augen.

Und sie dachte an den Tag, an dem das begonnen hatte, was ihr inzwischen ebenso zu schaffen machte wie die Bombenangriffe, was fast genauso lebensgefährlich war und dem sie, darüber war sie sich im Klaren, entkommen musste. Irgendwie. Es würde sehr schwer werden, sie fürchtete sich davor.

Wieder einmal war sie mit dem Rad zur Gärtnerei Rohrer gefahren, das dauerte eine Viertelstunde, es sei denn, man musste schieben. Was immer dann der Fall war, wenn nach den Angriffen Schuttberge die Straße blockierten und nur noch ein schmaler, gewundener Weg zwischen den hohläugigen Ruinen hindurch führte. Zur Gärtnerei gehörte ein kleiner Laden, in dem es nicht nur die eigenen Produkte zu kaufen gab, sondern auch, je nach Jahreszeit, Obst und Gemüse aus dem Süden. Dafür brauchte man keine Marken. Manchmal gab es das sogar jetzt noch, trotz Bomben und Zerstörung und Chaos, immer dann, wenn ein Transportzug aus Italien durchkam und in München nicht mehr weiterkonnte. Aber es geschah selten, sehr selten, man musste wissen, wann die Rohrers so etwas bekamen, und dann stundenlang vor dem Laden warten. Wegen ihres Schichtdienstes schaffte es Christa so gut wie nie; wenn sie zur Gärtnerei kam, waren die paar Kisten Obst meist schon weg. Und Gemüse oder Salat aus dem eigenen Anbau gab es um diese Jahreszeit noch nicht.

Manchmal hatte sie dort die beiden französischen Kriegsgefangenen gesehen, die den Rohrers zugeteilt worden waren. Früher, so hatte man ihr beim Schlangestehen erzählt, waren sie jeden Morgen aus dem Lager gebracht worden, das auf der anderen Seite der Isar irgendwo hinter Thalkirchen lag, und am Abend wieder zurück. Seit ein paar Monaten blieben sie jedoch auch nachts in der Gärtnerei und schliefen dort in einem Schuppen neben dem Gewächshaus; die Bewachungsfunktion war pro forma dem alten Rohrer übertragen worden. Man hatte ihn, wie er einmal erzählte, deshalb sogar zum Hilfssoldaten ernannt und ihm ein Gewehr ausgehändigt. Das er dann umgehend in einen Schrank einschloss und nie mehr herausholte.

Christa hatte die beiden Franzosen lange Zeit kaum beachtet, sie waren ja auch nur selten im Laden, tauchten dort nur auf, wenn es Kisten oder volle Säcke zu transportieren galt. Aber dann war ihr einer der beiden doch aufgefallen, und sie hatte erfahren, dass er Yves hieß und eigentlich Lehrer war. Er war ziemlich groß, blickte immer sehr ernst, und er hatte, sie konnte es kaum glauben, eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Grafen Cagliostro. Wenn man von den wirren dunklen Haaren absah, die aussahen, als seien sie mit der Heckenschere gestutzt worden.

An dem bewussten Tag war Christa wieder mal zu spät gekommen, alle Kisten waren leer, und sie war mit der alten Frau Rohrer allein im Laden, als Yves durch die Hintertür hereinkam. Er hatte sich an der Hand verletzt und suchte Verbandszeug.

»In der Abstellkammer im Schrank«, sagte Frau Rohrer. Sie wollte mit ihm gehen, aber dann kamen Leute ins Geschäft und sie zögerte.

»Ich mach das«, sagte Christa spontan. »Mit einer Hand kann er sich ja kein Pflaster draufkleben.«

Sie folgte Yves in die Abstellkammer hinter dem Geschäft, wo zwischen allerlei Gartengerät ein Schränkchen an der Wand hing.

»Da ist es«, sagte Yves. Er öffnete das Schränkchen und deutete auf eine kleine Schachtel. »Können Sie bitte das nehmen, ich mache sonst Blut drauf.« Er hatte einen kleinen Riss außen an der rechten Hand, harmlos, aber es blutete ziemlich stark. »Von Spaten«, erklärte er. Er sprach fast fehlerfrei, aber mit starkem Akzent; Christa gefiel das.

Christa nahm die Schachtel heraus, fand Watte, tupfte das Blut ab, schnitt ein großes Stück von der Pflasterrolle und klebte es über ein Stück Watte, das sie auf die Wunde legte. Das sah nicht sehr professionell aus, aber es stoppte die Blutung. Yves hatte sich auf die Kante eines abgewetzten alten Tisches gesetzt und hielt ihr die Hand hin. Christa konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, aber sie konnte nicht verhindern, dass die Nähe des Mannes sie nervös machte; schon seit Langem war ihr kein Mann mehr so nahe gewesen. Sie spürte, dass er sie ansah, und sie vermied es, den Kopf zu heben. Seine Hand war schmal, nicht die eines Arbeiters, wenngleich jetzt mit Schwielen an der Handfläche. Er war etwa in ihrem Alter, vielleicht ein wenig jünger. Sie hätte gerne gewusst, welche Farbe seine Augen hatten, aber dazu hätte sie ihn direkt anschauen müssen, und das ging natürlich nicht.

»Sie machen das gut«, sagte er, »wie Krankenschwester.«

Christa strich noch einmal über den Pflasterrand und hob den Kopf. »Das vielleicht nicht, aber so hält es wenigstens. Ich habe einen kleinen Sohn, zehn Jahre, da lernt man sowas.« Warum erzählte sie ihm das überhaupt? Seine Augen waren grau, er sah sie an, aber er lächelte nicht.

Er rutschte vom Tisch herunter. »Vielen Dank für Hilfe. Einen Moment, bitte.« Er verließ die Abstellkammer und kam mit einer geschlossenen Pappschachtel zurück, die er auf den Tisch stellte. »Hier, für Sie.«

Sie öffnete die Schachtel und schaute hinein. Es waren zwei kleine Salatköpfe drin, wahrscheinlich aus dem Treibhaus.

»Oh, vielen Dank«, sagte sie. »Dürfen Sie das denn?«

Er zuckte mit den Schultern. »Lassen Sie die Schachtel nicht sehen.«

»Natürlich. Nochmals danke.« Und dann konnte sie sich die Frage nicht verkneifen: »Wer hat Ihnen denn die Haare geschnitten? «

»Mein Kollege«, antwortete er. »Wir dürfen nicht zu deutschen Friseuren.«

»Und was ist Ihr Kollege von Beruf?«

»Bäcker.« Jetzt lächelte er zum ersten Mal. Er sollte es öfter tun, dachte Christa.

Eigentlich hätte sie jetzt gehen sollen. Aber sie blieb und fragte: »Was machen Sie eigentlich bei Fliegeralarm?«

»Herr Rohrer hat mit uns im Garten kleinen Bunker gebaut. Unterirdisch. Da steigen sie bei Alarm hinunter, auch wir dürfen hinein. Aber ich bleibe immer in Hütte.«

»Warum? Das ist doch gefährlich?«

Yves zuckte mit den Schultern. »Kann sein. Aber ich halte es nicht aus. Zu eng, wie eingesperrt.«

Dann war sie nach Hause gefahren. Und sie hatte die ganze Zeit Yves' Lächeln vor sich gesehen. Wie ein Backfisch, hatte sie wütend gedacht, wie ein dummer, verwirrter Backfisch. Sie hatte versucht, sich auf den Grafen Cagliostro zu konzentrieren, aber das lief auf dasselbe hinaus. Die beiden überlagerten sich, irgendwie.

Christa öffnete die Augen und schaute um sich. Immer noch derselbe Keller, immer noch dieselben trüben, ausdruckslosen Gesichter. »Ob es für heute Nacht vorbei ist?«, fragte Frau Kronawitter, die, das Strickzeug im Schoß, ihr gegenübersaß. Denn schon seit einer Weile waren keine Detonationen mehr zu hören gewesen.

»Ist es vorbei?«, fragte der alte Henning in seiner Ecke.

Hans Reschke und Frau Lehner kamen jetzt in den Keller zurück und berichteten, dass das Haus den Angriff ohne größeren Schaden überstanden habe, nur im Speicher sei eine Brandbombe eingeschlagen, von ihnen aber schnell unschädlich gemacht worden, ein paar Balken seien angekokelt.

»Aber weiter vorne brennt die ganze Straße«, sagte Reschke. »Da ist kein Haus stehen geblieben. Wahrscheinlich hat's viele Tote gegeben.«

Dann erklang der langgezogene Heulton der Entwarnung. Es war zwei Uhr zwanzig am Morgen. Christa weckte Martin, der trotz des Lärms an ihre Schulter gelehnt eingeschlafen war, und sie stiegen langsam in den zweiten Stock hoch. Jeder trug seinen Koffer. Es roch nach Rauch und verbranntem Holz, Staub hing in der Luft, jemand trat auf Glas, es klirrte und knirschte. In der Wohnung sah es aus wie nach beinahe jedem Angriff: Dreck und Staub überall, ein paar Verdunkelungstücher vom Luftdruck zerfetzt, und auch die Pappe, die das schon längst zersprungene Glas ersetzte, war eingerissen, obwohl sie die Fenster offengelassen hatte. Aber jetzt war nicht die Zeit sauber zu machen, jetzt zählte nur noch eines: Schuhe und Jacke ausziehen und ins Bett. Martin bestand darauf, auch die Hose auszuziehen, Christa ahnte, weshalb. Vor ein paar Tagen hatte sie am Morgen festgestellt, dass er ins Bett genässt hatte. Sie hatte es erst bemerkt, nachdem er schon zum Unterricht gegangen war; deshalb also hatte er an diesem Morgen ausnahmsweise selbst sein Bett gemacht. Sie hatte nicht mit ihm darüber gesprochen.

Er hatte kaum die Zudecke hochgezogen, da war er schon eingeschlafen; Christas Hand, die seinen Kopf streichelte, spürte er nicht mehr. Sie legte noch eine zweite Decke darüber, denn es konnte nachts sehr kalt werden. Heizen ging nur noch am Abend, denn sie musste sparsam mit den wenigen Kohlen umgehen, die ihr geblieben waren. Zum Glück war der Winter jetzt vorbei, die Frühlingswärme ließ allerdings noch auf sich warten.

Auch Christa legte sich sofort hin. Von draußen, durch die Pappe an den Fenstern, drang das Tuten der Feuerwehr. Menschen schrien Unverständliches, heller Feuerschein flackerte durch die Risse der Verdunkelung, irgendwo weiter weg war eine Detonation zu hören. Wahrscheinlich eine Bombe mit Zeitzünder. Trotz ihrer Müdigkeit konnte sie nicht einschlafen. Sie dachte an Robert. Seltsamerweise fiel ihr zuerst seine Begeisterung für die Nationalsozialisten ein, damals, als sie an die Macht kamen. »Sowas brauchen wir hier«, hatte er gesagt. »Jetzt geht es endlich aufwärts mit Deutschland.« Im September 1939 kam dann der Krieg, und schon im nächsten Frühling musste Robert einrücken, zuerst hatten sie ihn nach Frankreich geschickt, später dann an die Ostfront. In den ersten beiden Jahren kam er noch regelmäßig auf Urlaub, und seine anfängliche Begeisterung für den Führer wurde von Mal zu Mal geringer. Zum Schluss sprach er nur noch von der Verbrecherclique in Berlin. Wenn er überhaupt sprach, denn er wurde immer schweigsamer, ähnelte immer weniger dem unbeschwerten jungen Mann, den sie geheiratet hatte. Heiraten hatten sie müssen, denn damals, 1934, war sie schon schwanger gewesen.

Lebte er noch? Liebte sie ihn noch? Gewiss, er fehlte ihr und sie wünschte sich, er möge nach Hause kommen, schon Martins wegen, auch wenn der die Fotos seines Vaters, die sie ihm regelmäßig zeigte, ansah, als wären es die eines Fremden. Aber war das Liebe? Sie wusste es nicht. Und was war mit Yves?

Ja, was war mit Yves? Was sie am meisten erstaunte, war, dass sie keine Schuldgefühle empfand. Vielleicht war dafür auch kein Platz mehr zwischen all der Angst und dem verzweifelten Wunsch zu überleben und dem Festkrallen am kleinsten Funken Hoffnung. Vielleicht war das, was sie zu Yves hinzog, was sie mit ihm verband, nur der Versuch, dieser täglichen Verzweiflung zu entkommen. Sie wollte nicht darüber nachdenken, sie wollte erst recht nicht an die möglichen Konsequenzen denken. Andererseits: Es musste solche Konsequenzen ja nicht geben, sie waren immer sehr vorsichtig gewesen, wenn sie sich trafen und bis jetzt, da war sie sich sicher, hatte niemand etwas gemerkt. Aber wie sollte es weitergehen? Es konnte, es durfte nicht so weitergehen.

Christa schlief ein. Graf Cagliostro ritt durch ihre Träume, allerdings nicht auf einer Kanonenkugel, sondern auf einer Bombe, dann sah er plötzlich aus wie Yves, und die Bombe raste senkrecht nach unten, auf ihr Haus zu. Yves drehte lächelnd an seinem Zauberring am Finger und verschwand, nur die Bombe kam direkt auf sie zu … Christa erwachte von ihrem eigenen herausgewürgten Angstschrei, sie lag ein paar Minuten wach, stellte fest, dass von draußen nicht mehr nur der Geruch nach verbrannten Holz hereinkam, sondern auch der nach brennendem Phosphor, dann war sie wieder eingeschlafen.

Am nächsten Tag hatte sie nachmittags Dienst, sie konnte also ausschlafen, auch Martin konnte zu Hause bleiben. An den Tagen nach nächtlichen Angriffen war kein Unterricht. So hatten sie es mit Herrn Binder vereinbart.

Sie frühstückten zusammen: eine Scheibe Brot mit dem Rest Kunsthonig aus der letzten Zuteilung, dazu Pfefferminztee, für den sie das Wasser auf dem kleinen Elektrokocher erhitzt hatte. Gas gab es schon seit drei Monaten nicht mehr. Strom auch nicht immer, aber heute endlich wieder mal. Sonst musste sie eben den Spirituskocher nehmen. Es war kalt in der Wohnung, aber weil draußen die Sonne schien, sparte sie die Kohlen. Sie legten sich Decken um die Schultern und wärmten sich die Hände an den heißen Tassen. Zum Abschluss des Frühstücks gab es »Schiebewurst«. Eine Scheibe Wurst, die entfernte Ähnlichkeit mit einer Salami aufwies, wurde aufs Brot gelegt, mit der Oberlippe festgehalten, aber nicht gegessen. Darunter schob man dann das Brot nach und biss es ab. So hatte man immer den Geschmack der Wurst. Erst ganz zum Schluss, mit dem letzten Stück Brot, durfte man sie essen. Christa hatte sich dieses Spiel ausgedacht, und Martin machte gerne mit. Wobei er die Wurstscheibe »aus Versehen« manchmal etwas zu früh erwischte.

Schon seit dem frühen Morgen, seit sie zum ersten Mal aufgewacht war, hatte Christa den Laibacher eingeschaltet. Oft ließ sie ihn auch nachts an, aber da letzte Nacht schon ein Angriff gewesen war, rechnete sie nicht gleich mit einem neuen. Radio Laibach war der Sender, der für ganz Südbayern die Meldungen über anfliegende Bomberverbände brachte. Viele ließen ihn Tag und Nacht eingeschaltet, um nur ja die mit einem mehrmaligen Kuckucksruf angekündigten Meldungen nicht zu versäumen. Hier spricht die Befehlsstelle des Gauleiters. Feindliche Verbände haben die Reichsgrenze überquert und befinden sich im Anflug auf München. Oder so ähnlich.

Kam so eine Durchsage, wurde es Zeit, sich zurechtzumachen für die nächste Flucht in den Keller oder den Bunker. Dies umso mehr, als in letzter Zeit die Sirenen immer öfter ausfielen. In solchen Fällen kündigten Flakschüsse den Angriff an, die jedoch wegen der häufigen Explosionen von den Leuten oft nicht beachtet wurden, oder man fuhr auf Lastwagen handbetriebene Sirenen durch die Stadt, die dann erst recht zu spät kamen. Einmal, so erzählte man sich, bekam ausgerechnet so ein Lastwagen einen Volltreffer ab.

Oder man hörte den englischen »Feindsender«, der ebenfalls ein akustisches Erkennungszeichen hatte: eine Tonfolge, die an die ersten Takte von Beethovens Fünfter erinnerte. Natürlich kündigte er keine unmittelbar bevorstehenden Angriffe an, aber er informierte detailgenau über die in Deutschland angerichteten Schäden und vor allem über den Stand der Kämpfe, wie die Front verlief, bis wohin die Amerikaner und Engländer bereits vorgedrungen waren. Das konnte man ja sonst nirgends erfahren. Es war streng verboten ihn zu hören, aber trotzdem gab es nur wenige, die sich daran hielten. Diese vier Takte – bamm, bamm, bamm, baaam – waren, etwa mit dem Finger auf den Tisch geklopft, zu einer Art Erkennungszeichen Gleichgesinnter geworden. Aber wehe, wenn ein Nazispitzel das mitbekam! Christa hatte einmal Reschke beim Horchen an einer Wohnungstür erwischt. Etwas peinlich war es ihm dann doch gewesen.

»Darf ich ein bisschen raus?«, fragte Martin. Das Frühstück lag schon eine Stunde zurück, er hatte ein wenig mit seinen Schulbüchern gearbeitet und packte sie jetzt wieder in seinen Ranzen. Es war ihm anzusehen, dass er nicht an eine zustimmende Antwort seiner Mutter glaubte, und er behielt recht.

»Nein«, sagte Christa. »Du kannst doch nicht dauernd draußen rumlaufen, du weißt, wie gefährlich das ist. Und komm mir bloß nicht mit deinen Freunden. Die sind bestimmt jetzt auch nicht draußen.«

»Woher willst du denn das wissen?« So leicht gab Martin nicht auf.

»Weil ich vernünftig denken kann. Der eine, der Horsti, muss sich schließlich um seinen Vater kümmern, und der andere, wie heißt er gleich, der ist mir sowieso suspekt.«

»Er heißt Peter. Und was heißt suspekt?«

»Suspekt heißt verdächtig. Er ist doch schon älter, warum ist er nicht bei der Hitlerjugend? Oder eingezogen? Irgendwas stimmt doch mit dem nicht, du weißt ja nicht mal, wo er wohnt.«

»In Haidhausen, hat er mal gesagt. Aber er ist nett und er passt auf uns auf. Du kennst ihn doch auch.«

Vor etwa zwei Wochen war er ihnen begegnet, als sie und Martin vom Einkaufen zurückkamen. Martin hatte früher schon von ihm erzählt – wie er und Horsti ihn eines Tages getroffen hatten, als er scheinbar ziellos durch die Ruinenlandschaft streifte, wie sie miteinander geredet und er sie dann nach Hause begleitet hatte. Seitdem hatte er sich ihnen immer wieder angeschlossen, obwohl er schon viel älter war.

Und nun hatte er also plötzlich vor ihnen gestanden, ein magerer junger Kerl in einem langen, zerschlissenen Militärmantel, einen alten Rucksack umgehängt, eine lederne Schirmmütze auf dem Kopf, unter der lange, schmuddelige Haare hervorquollen. Christa schätzte ihn auf siebzehn, achtzehn. Er hatte nicht sehr erfreut ausgesehen, als er sie so unerwartet getroffen hatte, doch er hatte höflich »Grüß Gott, Frau Klausen« gesagt und ihr die Hand gegeben. Aber als sie ihn dann in ein Gespräch verwickeln wollte, hatte er vorgegeben, keine Zeit zu haben, sich um jemanden kümmern zu müssen, und war davongeeilt.

»Was heißt hier kennen? Ich habe drei Sätze zu ihm gesagt, und er ist dann gleich wieder abgehauen. Mir kam das vor, als wollte er nicht, dass ich ihm Fragen stelle.«

»Aber er hat die Frau Kronawitter besucht, und sie findet ihn auch nett.«

Das war immer sein Trumpf, wenn die Rede auf diesen Peter kam. Frau Kronawitter passte auf Martin auf, wenn er vom Unterricht bei Herrn Binder zurückkam und Christa nachmittags Dienst hatte. Sie ließ ihn auch auf die Straße, damit er sich mit seinen Freunden treffen konnte. Christa war damit einverstanden, unter der Voraussetzung, dass die Jungen sich immer in unmittelbarer Nähe des Hauses aufhielten, um bei Alarm gleich in den Keller rennen zu können. Es war ihr nicht wohl dabei, aber es gab keine andere Lösung; schließlich konnte sie ihn nicht zu Hause einsperren. Aber ob die drei immer in der Nähe blieben, konnte keiner kontrollieren, am allerwenigsten die gutmütige, kurzatmige Frau Kronawitter.

Horsti und Martin kannten sich von der Schule her, Horsti war zwei Klassen über Martin, er war schon dreizehn. Beide hätten eigentlich schon beim Jungvolk sein müssen, der Eingangsstufe zur Hitlerjugend, denn ab zehn war das Pflicht. Aber Horsti war befreit, weil er sich um seinen beinamputierten Vater kümmern musste. Seine Mutter war gestorben, als er erst ein paar Jahre alt war. Und Christa hatte für Martin einen Aufschub herausgeholt, weil sie behauptet hatte, er leide an Asthma. Natürlich musste sie ein ärztliches Attest beibringen, aber sie hoffte, in dem täglich größer werdenden Durcheinander würde das vielleicht in Vergessenheit geraten. Martin hatte sich schon auf die schöne Uniform gefreut, aber seine Erlebnisse bei der Kinderlandverschickung hatte diese Begeisterung doch stark gedämpft, und so hatte er nichts dagegen gehabt.

Freunde waren sie früher nicht gewesen, Martin und Horsti, sie hatten sich zwar gekannt, vom Schulhof her, sich aber nicht viel zu sagen gehabt, der Altersunterschied war zu groß. Manchmal waren sie nach der Schule ein Stück zusammen gegangen, weil Horsti nicht weit von Martin zu Hause war. Immerhin wusste Martin, dass Horstis Vater sich alle nötigen Schulbücher besorgt hatte und ihn zu Hause unterrichtete. Er war früher Reporter beim Rundfunk gewesen, konnte jedoch nicht mehr arbeiten, seit er bei einem Angriff ein Bein verloren hatte. Martin hatte das seiner Mutter erzählt, und als Christa ihn dann vor einem halben Jahr aus der Kinderlandverschickung zurückgeholt hatte, war sie auf die Idee gekommen, Horstis Vater könnte vielleicht auch Martin Unterricht geben. Sie war zu ihm gegangen, er hieß Max Binder, und er war sofort einverstanden gewesen. Nicht mal das Geld wollte er annehmen, das sie ihm dafür angeboten hatte.

»Ich bin froh, eine Beschäftigung zu haben«, hatte er gesagt. »Und auf diese Weise hat Horsti wenigstens jemandem, mit dem er zusammen lernen kann. Der Stoff für die beiden ist zwar verschieden, aber das kriegen wir schon hin.«

Martin hatte zuerst ein wenig gemault, er hatte sich bereits auf die dauernd schulfreie Zeit eingestellt, aber die Aussicht, beim Unterricht mit Horsti zusammen zu sein, hatte ihm dann doch gefallen. Und er hatte sogar eingesehen, so sagte er jedenfalls, dass er nicht einfach nur herumhängen konnte, während seine Mutter arbeitete.

»Also, was soll ich jetzt tun?«, fragte Martin missmutig.

»Hol dir ein Buch und lies ein wenig. Ich muss sowieso bald weg, und dann kannst du zu Frau Kronawitter. Aber vor Nachmittag wird nicht rausgegangen, verstanden?«

»Jawohl, mein Führer.«

Christa unterdrückte ein Schmunzeln. »Du sollst das nicht sagen, du weißt, es gibt Leute, die sperren auch Kinder wegen so was ein.«

»Ich weiß, Mama. Aber es ist doch nur unter uns.«

Er kramte in dem Regal, in dem er seine Bücher aufbewahrte und holte eine Abenteuergeschichte von Friedrich Gerstäcker heraus. Horsti hatte sie ihm geliehen. Er setzte sich mit dem Buch in einen schon ziemlich zerschlissenen Rohrgeflechtsessel, der einmal seiner Großmutter gehört hatte, und begann zu lesen. Christa machte sich inzwischen für die Arbeit fertig. Manchmal fragte sie sich, ob Martin sich wirklich über die Gefahr im Klaren war, in der sie sich alle befanden. Sicher, er hatte Angst, wenn sie im Keller saßen und rundum die Einschläge krachten, aber auch die war, so kam es ihr wenigstens vor, nicht mehr so groß wie früher. Vielleicht nahm er sich auch nur stärker zusammen. Aber wovor genau hatte er Angst? Vor dem Tod? Konnte er sich überhaupt vorstellen zu sterben? Wahrscheinlich hatte er auf seinen Streifzügen schon gesehen, wie verschüttete Tote ausgegraben wurden, und vor drei Jahren, als seine Großmutter im Krankenhaus starb, war er dort gewesen. Er war seltsam unbeteiligt geblieben. Christa hatte versucht, mit ihm über das Thema zu reden, herauszufinden, was in ihm vorging, aber es hatte zu nichts geführt. Er hatte nur brummige, einsilbige Antworten gegeben. Nur einmal, als er sich in den Sessel setzte, hatte er gefragt: »Gibt es die Oma jetzt noch irgendwo?«

Bald darauf brach Christa auf, und Martin ging mit seinem Buch einen Stock höher zu Frau Kronawitter. Sie freute sich jedes Mal, wenn er kam. Sie machte ihm auch mittags etwas zu essen. »Zu zweit schmeckt's besser«, hatte sie gesagt, als Christa einmal meinte, das sei doch wirklich nicht nötig.

Christa hatte ursprünglich vorgehabt, ein Stück zu Fuß zu gehen und dann mit einer der wenigen verbliebenen Straßenbahnen zu fahren; im Zentrum, wo die Transportkommandantur lag, funktionierte manchmal noch die eine oder andere Linie. Und sie hatte ja auch einen Berechtigungsausweis, ohne den man keine Fahrkarte bekam. Aber nach dem Angriff heute Nacht war auch das nicht mehr sicher. Also holte sie das Rad aus dem Keller, obwohl es nach Regen aussah.