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Eine junge Schauspielerin stirbt. Ihre Freundin glaubt nicht an eine natürliche Ursache und wendet sich an den Detektiv Vincent McKenzie. Dieser ist anfangs skeptisch, aber seine Nachforschungen im Theater-Milieu machen ihn stutzig. Ist die junge Schauspielerin auf natürliche Weise gestorben oder war es Mord? Falls ja, läuft der Mörder weiter frei herum. Vincent McKenzies erster Fall.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2022
A. Evans
Masken
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Prolog
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Impressum neobooks
Es war ein lauwarmer Spätsommerabend. Die Sonne stand bereits so tief am Himmel, dass Marie die Augen zusammenkneifen musste. Sie mochte diese Tageszeit eigentlich sehr, da die Sonne die komplette Umgebung in ein rötlich-goldenes Licht tauchte. Nur jetzt gerade war es hinderlich, die Augen schließen zu müssen, da sie sich auf dem Heimweg mit dem Fahrrad befand und auf den Verkehr achten musste.
„Warum laufen wir?“, fragte Marie ihre Begleitung.
„Dir ging es eben nicht so gut und es ist sicherer, wenn du nicht auf dem Fahrrad sitzt“, bekam sie als Antwort. Okay, das sah sie ein. Ihre Gedanken wanderten wieder zur Schlussszene. Die Premiere des Theaterstücks sollte in zwei Wochen stattfinden. Sie hatte schon vorher Hauptrollen gespielt, aber noch nie eine Hauptrolle in einem so klassischen Stück, das die Reputation des renommierten Staatstheaters aufrechterhalten sollte. Sie konnte sich nicht erinnern, ob Solana gleich zu Hause sein würde oder nicht, wenn sie heimkam. Normalerweise, wenn sie diesen verwirrten Zustand erreichte, musste sie dringend etwas essen. Sie versuchte, wieder etwas zu sagen, aber das Sprechen fiel ihr unglaublich schwer.
Ihre Begleitung nahm ihr nun das Fahrrad ab, wie sie dankbar registrierte. Sie war schweißgebadet.
„Das ist bestimmt der Stress wegen der Premiere, höchste Zeit, dass du dir einen entspannten Abend machst“, sagte sie zu Marie. Verschwommen meinte sie sich zu erinnern, dass sie von ihrer Begleitung ein Getränk bekommen hatte. Sie schaute auf ihre Hand. Richtig, die halbe Colaflasche war noch voll. Sie trank einige Schlucke weiter und wartete darauf, dass es ihr besser ging. Inzwischen lief sie wie in Trance und setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen. Irgendwann stand sie vor der Haustüre und wartete, dass ihre Begleitung mit dem Schlüssel aus ihrer Tasche aufschloss. Kaum war sie in der Wohnung, legte sie sich auf das Sofa. Inzwischen war ihr alles egal und sie schloss ihre Augen. Kurz tauchte noch ein Gedanke an Solana auf, aber sie wusste nicht, warum. Sie merkte, dass ihr Bewusstsein immer schwächer und der Nebel in ihrem Kopf immer dichter wurde, bis die Dunkelheit sie vollkommen übermannte.
Vincent McKenzie saß in seinem Büro, das Gesicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen. Er war hundemüde. Kein Wunder. Er arbeitete schließlich seit über einem Jahr als Privatdetektiv und war sein eigener Chef. Das hatte eine Menge Vorteile, aber ein eindeutiger Nachteil war, dass er seit Beginn seiner Tätigkeit keinen einzigen Tag Urlaub oder frei gehabt hatte. An den seltenen Tagen, an denen er keine klassischen Detektivtätigkeiten ausübte, musste er den Berg an Buchhaltung abarbeiten, der in den stressigen Ermittlungsphasen regelmäßig viel zu stark anwuchs.
Er wusste, dass er eigentlich Unterstützung damit brauchte, aber zuerst hatte er das Geschäft zum Laufen bringen wollen – worüber er sich nicht beschweren konnte, es lief wirklich besser als erwartet. Doch nun war er in dem Teufelskreis gefangen, dass er sich eigentlich die Zeit nehmen wollte, um in einem gründlichen Bewerbungsprozess einen geeigneten Mitarbeiter oder eine geeignete Mitarbeiterin zu finden, aber das Gefühl hatte, dies nicht zu können, da er bereits so viele geschäftliche Verpflichtungen hatte, um die er sich von Tag zu Tag kümmern musste.
Er atmete tief ein und ging dann in die Küche, um sich eine Tasse grünen Tee zu kochen. Er trank zwar seit einigen Jahren kein Koffein mehr, brauchte bei seinem Arbeitspensum aber definitiv auch ab und zu einen kleinen Wachmacher.
Im Moment befasste er sich mit zwei Fällen. Der eine war ein Scheidungsfall. Die Noch-Ehefrau hatte ihn beauftragt, ihren Noch-Ehemann zu beschatten und fotografisch festzuhalten, wenn er in unseriöse Geschäfte verwickelt war. Der Plan war, dass sie das alleinige Sorgerecht für die zwei Kinder bekommen wollte. Der Ehemann hatte während der Ehe kein tiefgehendes Interesse an seinen Kindern gezeigt, wollte seinerseits aber auch das alleinige Sorgerecht aus Prinzip haben – wie wohl bei allen anderen Dingen aus dem gemeinsamen Haushalt auch. Während seiner einjährigen Tätigkeit als Privatdetektiv, in der ein Großteil der Fälle mit Beziehungen oder besser mit zum Scheitern verurteilten Beziehungen zu tun hatten, hatte Vincent McKenzie sich oft dabei beobachtet, sehr erleichtert und froh über sein Single-Dasein zu sein. Nicht, dass ich überhaupt gerade die Zeit für eine Beziehung hätte…, dachte er.
Der zweite Fall war eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Beziehungsfällen. Der Chef eines kleinen regionalen Unternehmens hatte Vincent McKenzie eingeschaltet, da er einen seiner Auszubildenden in Verdacht hatte, Drogen zu nehmen. Da es sich um ein renommiertes und erfolgreiches Unternehmen handelte, war er sehr um diesen Ruf bemüht und wollte um jeden Preis negative Schlagzeilen vermeiden. Vincent war eigentlich froh, dass er seine Zeit gerade nur zwischen zwei Fällen aufteilen musste – vor ein paar Monaten gab es eine Phase, in der er an vier Fällen gleichzeitig gearbeitet hatte. Er fragte sich bis heute, wie er das geschafft hatte. Diese Zeit tauchte in seinem Gedächtnis nur als undeutliches Gemisch von unbestimmten Erinnerungen an drei untreue Ehemänner und eine untreue Ehefrau auf. Die schwammige Erinnerung an diese Phase war der Tatsache geschuldet, dass er unter extremen Schlafentzug gelitten hatte, der mit Nährstoffmangel (er aß nur noch auswärts oder Fertiggerichte) und Zeitmangel (für sich selbst und soziale Kontakte) einherging. Seine aktuelle Erschöpfung führte er darauf zurück, dass er immer noch meistens 10-Stunden-Tage arbeitete und das kontinuierlich, ohne Urlaub, seit über einem Jahr. Egal wie sehr man mit seiner Arbeit zufrieden war, Vincent McKenzie war sich inzwischen darüber im Klaren, dass ununterbrochene Arbeit für niemandem zumutbar war.
Da es sich um einen Dienstagnachmittag handelte und sich seine beiden Beschattungsobjekte an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen befanden, nutzte Vincent McKenzie die Zeit, seine eigene Buchhaltung abzuarbeiten. Vorsichtig nippte er an dem heißen Tee, entschied dann, dass er auch ein paar Nüsse vertragen konnte und holte sich welche aus der Küche. Seufzend wandte er sich wieder dem Stapel an Dokumenten zu.
*
Solana Bright schaute zum zwanzigsten Mal auf die Uhr. Immerhin zeigte sie inzwischen 15:45 Uhr an, was bedeutete, dass sie in 15 Minuten endlich Feierabend machen konnte. Das Wort Feierabend kam ihr immer noch falsch vor, seitdem sie sich nach der Arbeit nicht mehr freute, nach Hause zu kommen. Seit dem entsetzlichen Tag vor heute genau 2 Monaten wurde sie jeden Tag von einer leeren und stillen Wohnung empfangen, die sie konstant mit Erinnerungen an Marie konfrontierte.
Ich kann einfach nicht glauben, dass sie schon seit 8 Wochen tot ist, dachte sie und schüttelte unbewusst den Kopf.
Die ersten 4 Wochen war die reinste emotionale Achterbahnfahrt gewesen. Sie hatte bereits alle Trauerphasen durchgemacht und glaubte nicht, dass sich das bald großartig ändern würde. Akuter Schock, tiefer Schmerz, das Gefühl, einen unsagbaren Verlust erlitten zu haben, Wut, Ohnmacht. 2 Wochen hatte sie sich von ihrem Hausarzt krankschreiben lassen, sie hatte den Alltag nicht bewältigen können und wollen. Danach hatte sie es für eine gute Idee gehalten, wieder ihrer Arbeit als Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Kanzlei nachzugehen, um allmählich wieder eine Alltagsroutine zu bekommen. Allerdings hatte sie bereits vor Maries Tod das leichte Gefühl gehabt, dass sie sich bald einen neuen Job suchen wollte. Irgendwie fühlte sich die Arbeit in der Kanzlei nicht mehr befriedigend an. Diese unterschwellige Unzufriedenheit war nach ihrem großen Verlust noch deutlicher hervorgekommen und sie merkte, dass ihr die Arbeit zwar Beschäftigung bot, aber sie überhaupt nicht mehr erfüllte. Irgendwo hatte Solana mal gelesen, dass Krisen oftmals Veränderungen auslösten. Ob das nun Veränderungen des Aussehens, des sozialen Netzwerks oder berufliche Veränderungen waren, war sehr individuell. In meinem Fall scheint es ja definitiv zuzutreffen, stellte sie fest.
Heute führte allerdings nicht nur die allgemeine Unzufriedenheit mit ihrem Job dazu, dass sie alle 2 Minuten auf die Uhr schaute. Sie war nervös, da sie um 16:30 Uhr einen Termin mit Vincent McKenzie hatte.
Nach längerer Recherche nach einem guten Privatdetektiv in Perlstadt und Umgebung hatte sie sich entschieden, bei ihm einen Termin zu vereinbaren. Einige der Websites anderer Privatdetektive hatten mehr als unseriös ausgesehen. Sie war froh, als sie schließlich auf McKenzies Seite gestoßen war, die in ihren Augen seriös aussah und den Detektiv kompetent erscheinen ließ. Natürlich war sie dennoch leicht misstrauisch und dementsprechend etwas nervös vor ihrem Termin. Eine weitere Rolle dabei konnte ihr Anliegen spielen, mit dem sie auf den Privatdetektiv zugehen wollte.
Nachdem sich der anfängliche Schock wegen Maries Tod gelegt hatte, während dem sie unfähig gewesen war, zusammenhängend zu denken, beschlichen sie immer mehr Gedanken darüber, dass Marie keines natürlichen Todes gestorben war. Gleich nach ihrem Tod hatte die Polizei standardmäßig Maries näheres Umfeld befragt, da eine 26-Jährige, die zwar an Diabetes Typ 1 litt, aber ansonsten gesund war, normalerweise nicht urplötzlich zu Hause vor ihrem Fernseher verstirbt. Da sie jedoch nichts Ungewöhnliches dabei herausfand und bei der Obduktion nur festgestellt wurde, dass die Todesursache tatsächlich ein diabetisches Koma gewesen, aber ansonsten unauffällig war, legte die Polizei den Fall zu den Akten. Als Solana nach ihrer anfänglichen Schockphase begann, die Geschehnisse zu verarbeiten und der Polizei gegenüber ihre Zweifel an einem natürlichen Tod äußerte, wies diese sie behutsam, aber bestimmt zurück. Auch als sie es nach einigen Wochen noch einmal versuchte, ließen die Beamten nicht mit sich reden.
Solanas ungutes Gefühl nagte jedoch weiterhin an ihr. Sie war extrem unruhig. Weder konnte, noch wollte sie das Thema beiseitelegen, wie ihr die Polizei geraten hatte. Sie glaubte nicht, dass sie dieses Gefühl unbewusst herbeigeführt hatte, nur damit sie sich noch nicht mit Maries Tod abfinden musste. Sie war sich nur zu schmerzhaft bewusst, dass kein Umstand der Welt etwas daran ändern würde, dass sie zukünftig ohne sie weiterleben musste. So hatte sie sich also entschieden, diesen Vincent McKenzie aufzusuchen. Sie wusste nicht, was er genau für sie tun konnte. Aber er war ihre einzige Chance, noch etwas Neues über Maries Todesumstände herauszufinden.
*
Vincent McKenzie hatte konzentriert eine halbe Stunde lang seine Unterlagen weiter abgearbeitet und merkte, ohne vorher auf die Uhr zu schauen, dass es fast Zeit für seinen Termin war. Auf seine innere Uhr konnte er sich wirklich verlassen. Solana Bright hieß seine neue potenzielle Klientin. Bisher hatte er nur per E-Mail mit ihr Kontakt gehabt. Er stellte fest, dass er ein starkes Interesse an dem Anliegen hatte, mit dem sie auf ihn zugekommen war. Auf den ersten Blick lag zwar die Erklärung nahe, dass die Frau schlichtweg nicht mit dem Tod ihrer Partnerin zurechtkam und ihn deswegen mit einer Untersuchung der Todesumstände beauftragte. Seine natürliche Neugier war aber automatisch geweckt worden und er war bereit, die Frau zumindest einmal anzuhören und zu überprüfen, ob eine Untersuchung den Aufwand wert wäre. Ein Fall über mysteriöse Todesumstände war bei weitem spannender als die ganzen Aufträge, die mit Untreue oder Scheidungen zu tun hatten. Ich bin eben doch noch im Herzen Polizist, dachte er.
Vincent McKenzie hatte nach dem Abitur eine Laufbahn bei der Kriminalpolizei eingeschlagen. Er hatte ein Jahr nach dem Abitur ein Studium an der Polizeihochschule begonnen und hatte seitdem als Kriminalpolizist gearbeitet. Er war gut in seinem Job und war bei Kolleginnen und Kollegen angesehen. Letztes Jahr hatte er aufgrund psychischer Probleme jedoch seine ursprüngliche Karriere aufgegeben und war den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen. Einigen seiner Verwandten war die Kinnlade heruntergefallen und sie waren voller Unverständnis darüber, dass er seine sichere Beamtenlaufbahn aufgegeben hatte. Vincent McKenzie tröstete sich oft mit der Einstellung, dass man es niemals allen Leuten rechtmachen konnte und deshalb nur versuchen sollte, es sich selbst so recht wie möglich zu machen. Andere würden so oder so urteilen, deswegen war er überzeugt davon, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Allerdings lag nach knapp über 11 Jahren bei der Kripo das Interesse an ungeklärten Todesumständen definitiv noch immer in seiner Natur.
Er hatte sich gerade auf den Weg in die Küche gemacht, als es pünktlich um 16:30 Uhr klingelte. Er betätigte Sprechanlage und Türöffner und wartete auf seine neue potenzielle Klientin.
Solana Bright war größer, als er sich vorgestellt hatte, er schätzte sie auf ungefähr 1,75 m. Sie hatte eine sehr dunkle Hautfarbe und hatte ihre krausen Locken zu einem hohen Zopf zusammengebunden. Mit der schlanken Figur und dem feinen, ebenmäßigen Gesicht konnte sie ohne weiteres als Model durchgehen. Ihre schlichte, aber modisch und professionell wirkende Kleidung ließen ihn darauf schließen, dass sie in einem Büro arbeitete.
„Hallo, schön, Sie kennen zu lernen. Ich bin Solana Bright“, stellte sie sich vor und lächelte leicht. Es wirkte jedoch etwas angespannt.
„Kommen Sie herein. Vincent McKenzie.“ Er deutete auf einen Schreibtisch, dem zwei leere Stühle gegenüber standen. „Bitte nehmen Sie Platz. Wollen Sie etwas trinken?“
Solana Bright lehnte dankend ab und setzte sich auf einen der beiden Stühle. Vincent McKenzie spürte ihre Nervosität und kam gleich zur Sache. „Sie hatten mir ja schon in Ihrer E-Mail kurz geschildert, worum es Ihnen geht. Könnten Sie das noch einmal bitte persönlich machen? Reden Sie einfach drauf los.“
Solana Bright nickte und begann sogleich zu sprechen. „Vor genau 8 Wochen ist meine Partnerin Marie Weingarten gestorben. Sie war 26 Jahre alt und hatte Diabetes Typ 1. Die Krankheit war bei ihr aber sehr gut eingestellt und sie hatte sehr selten schwere Unterzuckerungen. Deswegen hat die Polizei auch zunächst angefangen, zu ermitteln. Als aber die Obduktion unauffällig war und sie wohl nichts Auffälliges bei den Befragungen feststellen konnten, wurde der Fall geschlossen. Die offizielle Todesursache ist diabetisches Koma, ausgelöst durch schwere Hypoglykämie, also schwere Unterzuckerung. Die Frage, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht, ist: Wie konnte es dazu kommen, dass Marie urplötzlich ihren Diabetes nicht mehr im Griff hat? Sie lebte seit ihrem 13. Lebensjahr mit der Krankheit und hat immer sehr zuverlässig und schnell erkannt, wenn sie im Unterzucker war, sodass sie dementsprechend schnell handeln konnte. Ich kann das nicht begreifen.“
Darauf folgten einige Sekunden Stille. Vincent McKenzie hatte bereits angefangen, Notizen zu machen. „Erstmal mein Beileid zu dem Tod Ihrer Partnerin. Das muss gerade eine schwere Zeit für Sie sein.“
Solana Bright nickte. „Danke“, sagte sie und man sah die kurz in ihrem Gesicht widergespiegelt.
„Was können Sie mir über Maries Leben zu dem Zeitpunkt ihres Todes erzählen? Welcher Arbeit ging sie nach? Hatte sie Feinde? Fallen Ihnen irgendwelche außergewöhnlichen Umstände ein?“
„Marie war professionelle Schauspielerin am Staatstheater hier in Perlstadt. Sie hat seit 3 Jahren dort gearbeitet und war echt gut in Ihrem Beruf. Das hat auch das Theater gemerkt, denn für die aktuelle Spielzeit hat sie das erste Mal eine Hauptrolle für „Ein Sommernachtstraum“ bekommen. Sie war natürlich aus dem Häuschen vor Freude und hat sich noch mehr auf ihre Rolle vorbereitet als sonst.“ Nach einer kurzen Sprechpause fuhr sie fort: „Wenn das überhaupt möglich war. In Bezug auf ihren Beruf war sie immer extrem perfektionistisch. Aber deswegen war sie wohl auch so gut.“
„Welche Rolle hat sie genau gespielt?“, fragte Vincent McKenzie. „Sie ist 2 Wochen vor der Premiere des Stücks gestorben, sie konnte es leider nicht mehr miterleben, darin eine Hauptrolle zu spielen…es war die Rolle der Hermia.“
Vincent McKenzie machte sich eifrig Notizen. „Ok. Wie sah es mit Maries Privatleben aus?“
„Marie war sehr beliebt“, antwortete Solana Bright ohne zu zögern. „Sie hatte viele Freunde, Bekannte und Bewunderer – das lag wahrscheinlich auch an ihrem Job. Sie hatte wirklich eine große Anzahl von Bekannten in ihrem Leben; aber wie es oft so ist, mit nur wenigen war sie wirklich eng befreundet.“ Sie dachte kurz nach. „Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, ob sie vielleicht einen Stalker oder so hatte. Ich weiß, dass ihr sowas mal während ihrer Zeit an der Schauspielschule passiert ist. Mir ist klar, dass das nicht erklären würde, wie sie plötzlich in ein diabetisches Koma gefallen ist, aber es ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und dieses nagende Gefühl lässt mich einfach nicht los.“
Vincent McKenzie war bei der Erwähnung eines potenziellen Stalkers sofort hellhörig geworden. Sein Spürsinn, auf den er sich fest verlassen konnte, war gerade geweckt worden. „Bevor Sie sich dafür entscheiden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, werde ich Ihnen natürlich noch die Vertragskonditionen präsentieren. Haben Sie abgesehen von diesen Formalitäten noch weitere Fragen an mich?“
„Ich bin froh, dass Sie mich das fragen“, antwortete sie sogleich. „Ich habe natürlich Ihre Website gelesen, bevor ich Sie kontaktiert habe. Ich finde sie im Gegensatz zu den Websites anderer Privatdetektive sehr ansprechend, übrigens.“
Vincent McKenzie musste unwillkürlich lächeln. Er nahm das Lob dankend an. „Ich finde es sehr beeindruckend, dass Sie so lange bei der Kripo gearbeitet haben. Darf ich fragen, weshalb Sie aufgehört haben?“
Sie blickte ihm aufmerksam und abwartend ins Gesicht. Vincent McKenzie erwiderte ihren Blick und wog innerhalb weniger Sekunden seine Möglichkeiten ab, auf diese Frage zu antworten.
Er konnte ihr die gleiche Geschichte erzählen, die er den meisten Leuten erzählte, wenn jemand wissen wollte, warum er seine ursprüngliche Laufbahn aufgegeben hatte. Den meisten Leuten sagte er, dass er genug davon gehabt hatte, innerhalb einer geschlossenen Organisation zu arbeiten und immer jemanden über sich zu haben, dem er Bericht erstatten musste. Er hatte nie Bestrebungen gehabt, einen höheren Rang bei der Kripo einzunehmen, da sich seine Aufgabenbereiche damit auch geändert hätten. Sein Job mit genau den Aufgaben, die er hatte, gefiel ihm aber immer so gut, dass er das nie wollte. Leute, die ihn kannten, wussten das auch, weshalb es sich auch nie wie eine Lüge anfühlte, wenn er diese Erklärung gab. Überrascht stellte er jedoch fest, dass ihm sein Gefühl sagte, er könne dieser potenziellen neuen Klientin die Wahrheit sagen. Er hatte Klienten gegenüber immer nur die offizielle Version erwähnt, wenn das Thema aufkam. Generell gab es nur wenige Menschen, die den wahren Grund für die Änderung seiner beruflichen Laufbahn kannten: Das waren eigentlich nur seine unmittelbare Familie und Menschen, die er als wahre Freunde bezeichnete – wovon es, wie bei Marie Weingarten, nur wenige gab. Das Gefühl, einer fremden Person sofort vertrauen zu können, erlebte Vincent McKenzie sehr selten. Irgendetwas sagte ihm auch, dass es von Vorteil für die Detektiv-Klienten-Beziehung sein könnte, wenn er jetzt die Wahrheit sagte.
„Ich habe eine offizielle Version, die die meisten Leute von mir erzählt bekommen, und den wahren Grund, warum ich mich entschieden habe, nicht mehr bei der Polizei zu arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich Ihnen gegenüber aufrichtig sein kann“, sagte Vincent McKenzie schließlich.
Solana Bright sah ihm weiter offen ins Gesicht und nickte bekräftigend. „Ich hatte auch gleich so ein Gefühl, als ich in Ihr Büro reingekommen bin. Ich war im Vorfeld etwas voreingenommen und unsicher, aber das hat sich schnell aufgelöst, nachdem wir angefangen haben, zu sprechen."
„Also gut, dann brauche ich ja keine Bedenken mehr zu haben“, sagte Vincent McKenzie und lächelte leicht. „Kurz gesagt habe ich über die Jahre eine immer stärker werdende Blutphobie entwickelt.“ Solana Brights Augen wurden kurz etwas größer - vor Überraschung, nahm er an. „Ich habe Psychotherapien gemacht und hatte die Phobie ganz gut im Griff, aber nach der Trennung von meiner Ex-Freundin vor 2 Jahren hat sie sich so verschlimmert, dass ich nicht mehr in einer Umgebung arbeiten konnte und wollte, in der man jederzeit mit Blut konfrontiert werden kann. Die logische Konsequenz war, mich als Privatdetektiv selbstständig zu machen, da ich Ermittlungsarbeit einfach liebe und gut darin bin.“
