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Maskenmacht ist ein Fantasyroman für alle, die düstere Geschichten mit einem Hauch Abenteuer, jeder Menge Intrigen und vielen Geheimnissen mögen... Mit einem Geheimnis fängt alles an. Mit einem Geheimnis hört alles auf. Vaara lebt in einer Welt, in der die Magie im Sterben liegt. Als ihr ein magisches Schwert in die Hände fällt, kann sie ihr Glück kaum fassen. Doch die Klinge gehört Morvan, einem der Maskierten, die einst eine Mauer um das Reich der Menschen bauten und seither über sie herrschen. Er spürt Vaara auf, würde sie für das Schwert sogar töten. Sie wird gerettet, aber ihr Vertrauen in Ghodrias Herrscher ist zerstört. Als die Maskierten erneut ihr Leben bedrohen, fasst sie einen Entschluss: Sie will die Mauer überwinden und jene zur Rede stellen, die ihr alles genommen haben. Gemeinsam mit zwei Freunden schmiedet sie einen Plan, der sie entweder umbringen oder alles verändern wird. »Der Auftakt der Maskenmacht-Saga von Lily Wildfire«
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Seitenzahl: 677
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für alle, die falsche Entscheidungen getroffen
und Fehler gemacht haben.
Für alle, die gegen Dämonen gekämpft haben.
Ihr seid nicht allein.
Sei gewarnt!
Vaaras Welt ist keine schöne.
Dich erwarten Flammen, Blut und Tod.
Das Geheimnis unter der Hütte
Schwerter und Brüder
Die Fischer im Flammenmeer
Nebelfeuer
Narben
Aus der Asche
Sieben Jahre später
Der dritte Versuch
Feuerprobe
Das Hospital
Die Wache am Westtor
Unter der Stadt
Gilean von Alvaé
Keine Rettung
Abschied
Die Verbrennung
Kyria triumphiert
Zurück unter die Erde
Vaaras Plan
Die Elster von Era
Fuchs und Schlange
Warten
Der Dieb entscheidet sich
Aufbruch
Spuren in der Erde
Elster und Fuchs
Der Pfad der Vögel
Der Habicht
Eine weitere Narbe
Ewiglicht
Knochenschmuck
Die Silberne Stadt
Die Audienz
Vaaras letzte Hoffnung
Die Meisterin
Das Bankett
Firan
Ein Sprung ins Wasser
Gebrochen
Eine Stadt wie ein Grab
Taraleas Erben
Eine lange Nacht
Eine schwere Entscheidung
Die Wispernden Wälder
Stimmen der Finsternis
Ein Leben für ein Leben
Das Verbrannte Land
Ein Käfig voller Monster
Arash
Der Palast
Die Verschwörung
Vaara kauerte unter der offenen Fensterluke und wartete. Seit Stunden harrte sie auf dem Hüttenboden aus. Ihre Zehen waren taub, ihre Finger längst steif von der Kälte. Die herbe Seeluft pfiff durch die Ritzen im Holz und bauschte ihr dünnes Leinenhemd. Aus Furcht vor dem verräterischen Knarzen der Dielen holte sie sich keine Decke. Sie hatte einen ganzen Mondlauf auf diesen Tag gewartet.
Vor drei Tagen war endlich eine Blutkrähe auf ihrem Fensterbrett gelandet. Der schaurige Vogel mit dem schneeweißen Gefieder und dem blutroten Schnabel hatte ihrer Familie eine Nachricht überbracht. Die Tiere waren eigensinnig und schwer zu zähmen. Luvianer sandten deshalb lieber Nebelfalken oder Wintertauben. Nur einer kündigte sein Kommen mit einer Blutkrähe an. Der einäugige Mann.
Seinem Eintreffen fieberte Vaara in der Dunkelheit entgegen. Ihre Eltern nahmen ihn immer vor der Hütte in Empfang. Hätten sie gewusst, dass Vaara sie heimlich dabei beobachtete, wären sie außer sich gewesen. Doch die Aussicht auf eine Strafe – die ihr zweifellos blühte, sollte sie entdeckt werden – schreckte sie nicht ab. Der einäugige Mann kam selten in ihr abgelegenes Dorf. Diese Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen.
Denn was er tat, war nicht nur verboten, es war sogar unmöglich.
Er schmuggelte Waren aus allen Ländern Ghodrias über die Mauer ins Grüne Reich. Jenseits des riesigen Schutzwalls herrschten die Maskierten. Menschen durften dieses Gebiet nicht betreten. Angeblich wimmelte es dort von Zrash und anderen Monstern. Vaara musste einfach wissen, wie der einäugige Mann die mächtigsten Wesen der Welt austrickste. Außerdem wollte sie einen Blick auf seinen Wagen werfen. Neben getrockneten Früchten, allerhand Gewürzen und schillernder Seide brachte er auch einige höchst interessante Dinge aus den fernen Ländern mit.
Magische Dinge.
Harmlose Spielzeuge, denen ein letzter Funke jener wundersamen Macht anhaftete, die einst ganz Ghodria beherrscht hatte. Jetzt sickerte die Magie aus ihnen heraus wie Wasser aus einem löchrigen Eimer. Nicht mehr lange und auch der letzte Zauber würde verblassen. Oh, was gäbe sie darum, einen magischen Gegenstand in die Finger zu bekommen! Seit ihrem fünften Namenstag wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein Ewiglicht. Diese kleinen gläsernen Kugeln leuchteten bei Berührung heller als jedes Feuer. Für ihre nächtlichen Streifzüge durch das Dorf wäre das ziemlich nützlich. Unglücklicherweise waren diese Ausflüge in den Augen ihrer Mutter mindestens genauso gefährlich wie die des einäugigen Mannes.
Das heisere Krächzen der Krähe schreckte Vaara auf. Es war so weit. Der einäugige Mann traf endlich ein. Vorbei an ihrer Hütte führte ein gewundener Pfad die Klippen hinauf. Der Aufstieg war sogar für ihre Ziegen beschwerlich und für einen wuchtigen Pferdekarren war der unbefestigte Weg erst recht nicht gemacht. Mit ohrenbetäubendem Lärm polterte er ins Dorf hinunter.
Vaara stellte sich auf die Zehenspitzen und zog sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett. Mit eingezogenem Kopf kauerte sie in der Fensterluke. Sie entdeckte ihre Eltern in der Nähe der Hütte, zwei schwarze Schemen vor der aufgehenden Sonne. Ihre Mutter wirkte winzig in den Armen ihres Vaters. Im letzten Winter war sie krank geworden, inzwischen schwand von Mondlauf zu Mondlauf mehr von ihr. Der gewaltige Wagen verstärkte diesen Eindruck noch. Mit quietschenden Rädern kam er vor ihren Eltern zum Stehen; der klapperdürre Schimmel, der ihn zog, schnaubte. Dampf stieg aus seinen Nüstern. Der einäugige Mann thronte auf dem Kutschbock und hielt die Zügel in den ausgemergelten Händen. Auf seiner Schulter hockte die Blutkrähe. Doch erst das falsche Auge ließ ihn wie eine Gestalt aus einem Albtraum erscheinen. Eine milchweiße pupillenlose Kugel kreiste unablässig in der linken Augenhöhle. Einmal hatte der einäugige Mann Vaara bei dem Versuch auf seinen Wagen zu klettern erwischt. Es hatte sich angefühlt, als könnte er mit dem Auge geradewegs in ihr Innerstes blicken. Seitdem weigerte sie sich, seinen Namen auszusprechen.
Ihr Vater fürchtete sich davor nicht. »Harada.«
»Goran, Valruna – wie schön euch zu sehen.«
Der einäugige Mann stieg ab und verneigte sich. Hinter ihm erstrahlte der Wagen in bläulichem Glanz. Ewiglicht. Mit angehaltenem Atem trat sie an den Rand des Fensterbretts.
»Wir hatten Euch eigentlich am ersten Goldmond erwartet.«
Vaara zählte mit den Fingern nach. Heute war der fünfte Goldmond, also war der einäugige Mann vier Tage später als gewöhnlich aufgetaucht. Das war bisher noch nie geschehen.
»Der Gaul hat ein Eisen verloren und ich musste bei Luvia halten.«
Ihre Mutter trat an den Wagen heran. »Luvia? Ihr habt uns doch nicht etwa Leinen von dort mitgebracht?«
Seit Wochen sprach sie von Stoffen aus Luvia. Kendrans erstes Kind würde bald zur Welt kommen und in ihrem Dorf bekam jedes Neugeborene eine meerblaue Decke. Natürlich sollte auch Vaaras Neffe oder Nichte dieses Geschenk erhalten – am besten aus dem feinsten Leinengewebe Luvias. Ihr Vater brauchte dringend eine neue Reuse, denn die mehrmals geflickten Schnüre der alten hielten kräftigen Fischen kaum noch stand. Wie jedes Mal hoffte Vaara auf etwas anderes. Etwas mit einem Funken Magie …
Nach wenigen Minuten türmten sich die Errungenschaften ihrer Eltern neben dem Wagen. Ein Ewiglicht war nicht dabei.
»Ich möchte euch noch etwas zeigen«, sagte der einäugige Mann und winkte sie mit einem zahnlosen Grinsen heran. »Nun kommt schon! Es wird euch gefallen. So etwas habt ihr noch nie gesehen.«
Vaara vergaß jede Vorsicht. Vom Dach aus war die Sicht auf den Wagen besser. Das Fensterbrett bog sich bedenklich unter ihren Füßen. Sie drehte sich, streckte den Arm nach einem hervorstehenden Dachbalken aus und warf einen Blick über die Schulter. Eigentlich wollte sie sich bloß vergewissern, dass ihre Eltern abgelenkt waren, doch in diesem Moment hob der einäugige Mann den Kopf. Die weiße Kugel erstarrte und erfasste sie im Dämmerlicht.
Vaara unterdrückte einen Aufschrei, verlor das Gleichgewicht und stürzte rücklings aus dem Fenster. Sie fiel nicht tief, doch der Aufprall war hart. Einen Atemzug lang blieb sie liegen, dann setzte sie sich benommen auf. Ihre Eltern würden sie umbringen. Doch weder Goran noch Valruna eilten an ihre Seite. Vaara verlor keine Zeit. Sie rappelte sich auf, nahm Anlauf und sprang an das Fensterbrett. Ihre Fingerkuppen rutschten über das Holz, während sie mit den nackten Füßen verzweifelt Halt an der Hüttenwand suchte. Beim zweiten Versuch gelang es ihr, die Beine über das Fensterbrett zu schwingen. Blitzschnell kehrte an ihren Schlafplatz zurück. Dort angekommen zog sie die Decke bis zur Nasenspitze hoch. Keine Sekunde zu früh. Die Tür schwang nach innen und Vaara drehte ihr eilig den Rücken zu.
Ihre Mutter betrat die Hütte zuerst. Vaara erkannte sie an ihren federleichten Schritten. Sie hielt den Atem an und schloss die Augen. Doch statt sie wutentbrannt anzufahren, senkten ihre Eltern plötzlich die Stimmen.
»Ich halte das für einen Fehler, Goran.«
»So ein Unsinn. Harada hat uns einen fantastischen Preis gemacht.«
»Einen fantastischen Preis? Wenn du mich fragst, war er froh, dieses nutzlose Ding endlich loszuwerden.«
Vaara drehte sich langsam auf den Bauch. Es klang nicht, als hätten sie ihren Sturz bemerkt. Aber wie war das möglich? Der einäugige Mann hatte sie gesehen, daran gab es keinen Zweifel.
»Sei doch vernünftig, Runa«, bat ihr Vater leise. »Wir können es verkaufen.«
»Wer hat hier denn schon Verwendung dafür?«
»Doch nicht hier! Ich kann es in Luvia versuchen. Den Leuten dort gefällt dieser Kram, das weißt du doch am besten.«
Ihre Mutter war in Luvia aufgewachsen. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Leben an der Goldenen Küste dem in der Stadt vorgezogen – sehr zum Unmut ihrer luvianischen Familie.
»Luvia? Und du meinst, dort hätte Harada es nicht selbst versucht?« Vaara hatte ihre Mutter selten so aufgebracht erlebt. »Die Reise dauert zwei Wochen! Ich brauche dich hier, Goran. Unsere Kinder brauchen dich.«
»Kendran kann sich um euch kümmern.«
»Das können wir nicht von ihm verlangen, nicht ausgerechnet jetzt.«
Für einen Moment herrschte Stille in der Hütte. Vaaras Herz hämmerte in ihrer Brust.
»In Luvia gibt es erfahrene Heiler, die dir womöglich helfen können. Aber ohne das hier können wir sie nicht bezahlen.«
Ihrem Vater schien jedes Wort gegen seinen Willen entrissen zu werden. Seinen Worten folgten schnelle Schritte, das Aufschnappen einer Truhe, das Rascheln von Stoff.
»Ich will jetzt nicht darüber sprechen, Goran. Vaara könnte uns hören. Sie soll sich keine falschen Hoffnungen machen. Niemand sollte das. Ich mache mir keine.«
Die Worte waren ein Schlag in die Magengrube. Vaaras Mund fühlte sich seltsam trocken an. Sie hatte nie darüber nachgedacht, dass ihre Mutter für immer krank sein könnte. Bisher war sie davon ausgegangen, alles würde wieder so wie früher werden. Ihr schwirrte der Kopf.
»Sie wird es ohnehin herausfinden. Du weißt doch, wie sie ist.«
»Das ist ja das Problem! Ich weiß genau, wie sie ist.«
»Den scharfen Verstand hat sie von dir, Runa.«
»Im Gegensatz zu ihrem Talent, sich damit in Schwierigkeiten zu bringen.«
»Heute Abend spreche ich mit Kendran.« Der Tonfall ihres Vaters duldete keinen Widerspruch. »Ich werde dir Medizin aus Luvia mitbringen. Vaara muss davon nichts erfahren. Du kannst ihr erzählen, was immer du willst.«
»Ihre Sturheit hat sie auch von dir.« Ihre Mutter seufzte. »Ich kann dich ja sowieso nicht davon abhalten. Versprich mir wenigstens, dieses Ding vor ihr zu verstecken.«
»Versprochen.«
Vaara hielt den Atem an und zog sich die Decke über den Kopf. Selbst nach ihrem Sturz aus dem Fenster war sie nicht so durcheinander gewesen. Ihre Eltern wollten sie belügen, ihr Vater fortgehen. Der Weg nach Luvia war weit und nicht ungefährlich. Es lauerten allerlei Gefahren in den Wäldern. Die Zrash liebten es, Menschen zu fangen. Kendran und Yaro sprachen ständig von Angriffen auf Reisende. Der Mann der alten Elana war dorthin aufgebrochen und niemals zurückgekehrt.
Durch die Decke hörte sie gedämpfte Schritte. Wahrscheinlich suchten ihre Eltern nach einem passenden Versteck. Sie tippte auf den Hohlraum unter dem Schlafplatz ihres Vaters. Unter einer losen Diele lagerten sie gewöhnlich alles, was Vaara und ihre Brüder wirklich nicht finden sollten. Ihr Geheimversteck war allerdings schon lange nicht mehr so geheim, wie sie glaubten. Kendran hatte es vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt. Seitdem wussten sie alle davon. Bisher hatten ihre Eltern dort jedoch nur ganz gewöhnliche Dinge versteckt. Dieses Mal war es anders. Was immer der einäugige Mann ihnen verkauft hatte, musste etwas ganz Besonderes sein.
Jeden Morgen brach ihr Vater zum Fischen auf und ihre Mutter traf sich währenddessen mit den anderen Frauen und bereitete das Mittagessen vor. Sobald sie verschwunden waren, würde Vaara in aller Ruhe einen Blick in das Versteck werfen können.
Ihre Mutter wusste diesen Plan allerdings zu durchkreuzen.
»Weckst du Vaara? Ich möchte, dass sie uns heute begleitet.«
Eine halbe Stunde später schlurfte Vaara mit hängendem Kopf und in den Hosentaschen vergrabenen Händen ins Dorf hinab. Jeder Schritt erinnerte sie schmerzhaft an ihren Sturz. Die blauen Flecken an ihren Armen und Beinen waren gestern noch nicht da gewesen. Irgendwie war es ihr gelungen, die Blessuren vor ihren Eltern zu verbergen. Jetzt musste sie nur noch das schmutzige Nachthemd loswerden, das sie notdürftig unter ihrer Decke versteckt hatte.
»Vaara! Hör auf zu träumen und hilf deinem Vater beim Tragen!«
Sie hastete an seine Seite und nahm ihm einen Eimer ab. Er schenkte ihr ein verschmitztes Grinsen. Ihr Vater war ein alter Mann. Sein Gesicht war runzlig, seine Haare grau. Doch das Lächeln ließ ihn um Jahre jünger erscheinen. Wie jeden Morgen trug er die aufgerollten Fischernetze unter dem einen und die Reuse unter dem anderen Arm. Vaaras Lächeln geriet reichlich schief. Er wollte fortgehen und ihr nichts davon erzählen, das konnte sie nicht vergessen.
Trotz ihres gebrechlichen Zustandes war ihre Mutter vorausgegangen. Vaara entdeckte sie ein ganzes Stück weiter unten. Das Dorf verteilte sich über ein gutes Dutzend Felsvorsprünge entlang der Klippen. Der unwegsame Pfad führte vom Waldrand bis hinunter an den Strand. Ihre Vorfahren hatten ihn geradewegs in den Felsen geschlagen. Obwohl die Flut im Spätsommer immer wieder Hütten fortriss, waren sie geblieben.
Direkt vor ihnen schoss die alte Elana aus ihrer Hütte und verwickelte ihre Mutter in ein angeregtes Gespräch. Vaara packte den Unterarm ihres Vaters mit beiden Händen. Sie hasste die Freunde ihrer Eltern. Immerzu erteilten sie ihr Ratschläge, vermutlich weil sie fürchteten, Vaara eines Tages als Teil ihrer Familie begrüßen zu müssen. Dabei war es ein sinnloses Unterfangen. Ihre eigene Mutter war daran gescheitert, ihr das Nähen und allerlei andere Fertigkeiten beizubringen, die von einer Frau erwartet wurden.
Elana begleitete sie bis an den Strand. Dort wurden sie bereits erwartet. Ihr Vater war ein begnadeter Fischer; die anderen Männer verließen sich auf seine Erfahrung.
»Da sind Nemra und Regan.« Die knochigen Finger ihrer Mutter bohrten sich in ihre Schulter. »Komm jetzt.«
»Aber Vater ist noch nicht fort.«
Er lud die Netze ab und zog sein Holzboot durch den goldenen Kies ins Wasser. Diesen Steinen verdankte die Goldene Küste ihren Namen. Sie rannte zu ihm und half, die Reuse zu verstauen. Einen Moment lang verspürte sie das dringende Bedürfnis, ihm die Wahrheit zu sagen; dass sie gelauscht hatte und von dem Geheimnis unter der Hütte wusste. Doch dann war er schon ins Boot gestiegen und ruderte davon.
Vaara stapfte zurück. Ihre Mutter sprach gerade mit Nemra, ihrer engsten Freundin. Deren Sohn Regan stand mit gesenktem Kopf an ihrer Seite. Auch er hielt einen Eimer in den Händen. Sie stieß ihn mit ihrem eigenen an und das metallische Scheppern ließ mehrere Köpfe hochfahren.
»Vaara!«
Valruna besaß die erstaunliche Fähigkeit, ihren Namen gleichzeitig wie einen Vorwurf, einen Tadel und eine Warnung klingen zu lassen.
Vaara packte Regans Handgelenk und grinste. Er warf ihr ein scheues Lächeln zu, ein typisches Regan-Lächeln, und schüttelte den Kopf.
»Ich brauche mindestens einen Eimer Muscheln für die Suppe, hast du verstanden?« Ihre Mutter wies auf Vaaras Füße. »Und lass deine Schuhe hier, ich habe sie gerade erst geflickt.«
Sie schlüpfte aus ihren Sandalen und wedelte zustimmend mit dem Eimer. Nemra und Valruna wechselten einen düsteren Blick. Vaara begriff das als Signal, zu verschwinden, und zog Regan hinter sich den Strand entlang.
»Was hast du mit deinen Händen gemacht?«
Regan setzte sich schnaufend auf einen Felsen. Das Laufen strengte ihn sichtlich an. Er streckte das Bein aus und massierte seine rechte Wade. Sein verkümmerter Fuß erinnerte an die Krallen der Blutkrähe. Die anderen Kinder ärgerten ihn deshalb, aber Vaara machte es nichts aus. Eine Menge Dinge waren wichtiger als Füße. Allerdings war es ziemlich albern von Regan, sich nicht von ihr helfen zu lassen. Seit einigen Mondläufen bestand er darauf, alles allein zu schaffen.
»Bin aus dem Fenster gefallen.«
Sie präsentierte ihm die aufgeschürften Handflächen. Er machte große Augen und als sie ihm die blauen Flecken an ihren Schultern zeigte, bekamen seine Wangen rote Flecken vor Neid. Die nächste Stunde verbrachte sie damit, ihm alles über die vergangene Nacht zu erzählen.
»Also geht dein Vater nach Luvia?«
»Hast du mir nicht zugehört?« Sie tänzelte auf einem Felsen herum und ließ den Eimer um ihr Handgelenk kreisen. »Da liegt ein magischer Schatz unter unserer Hütte und du fragst mich nach Luvia!«
»Der König lebt in Luvia.«
»Und warum sollte mich das kümmern?«
»König Herén gehört das ganze Grüne Reich!«
Vaara krempelte die Hosenbeine hoch und klemmte sich den Eimer umständlich unter den Arm. »Kann er zaubern?«
»Natürlich nicht! Es gibt schon seit hunderten von Jahren keine Magier mehr, wie oft soll ich dir das noch sagen?«
»Dann ist er langweilig.«
Sie kletterte auf den nächstgrößeren Felsen. Die großen Steine waren scharfkantig und glitschig, aber die konnte sie übernehmen, während Regan die kleineren absuchte. Mit seinem Fuß fand er auf den großen Steinen einfach keinen Halt. Er reichte ihr den zweiten Eimer und gemeinsam schaufelten sie Muscheln hinein. Klonk, klonk, klonk. Vaara streckte den Arm bis zur Schulter ins Wasser und zupfte die Tiere von den Felsen. Klonk, klonk, klonk.
»He!« Regan riss an ihrem Ärmel und wackelte mit den Augenbrauen. »Schau mal, was ich gefunden habe – eine Vaara.«
Er warf eine schlammfarbene Muschel in den Eimer. Vaara schnaubte und klaubte sie wieder heraus. Mit einem gewaltigen Platschen landete das hässliche Ungetüm im Meer. Regan versuchte vergeblich, die Muschel noch zu fassen zu bekommen.
»Du hast gar nicht nachgesehen, ob eine Perle drin ist!«
»Warum siehst du nicht für mich nach?«
Sie packte ihn bei den Haaren und tauchte seinen Kopf schwungvoll unter Wasser. Tropfnass kam er wieder hoch. Vaara verschränkte die Arme vor der Brust und Regan hob abwehrend die Hände.
»Schon gut, schon gut«, keuchte er und spuckte mit angeekeltem Gesicht Salzwasser auf die Felsen. »Tut mir leid.«
Vaara warf ihm einen finsteren Blick zu. Jeder im Dorf kannte die Geschichte ihrer Namensgebung. Kurz vor ihrer Geburt war ihrem Vater eine seltene Muschel ins Netz gegangen. Verborgen in ihrem schlammbraunen Fleisch hatte er eine Perle gefunden. Ihre Mutter trug sie noch heute an einer Lederschnur um den Hals. Ihre Brüder wurden nicht müde, jedem davon zu erzählen. Das war alles gut und schön – Vaara wünschte allerdings, ihre Eltern hätten sie nicht nach einer stinkenden Monstermuschel benannt.
Sie reichte Regan einen der vollen Eimer und kletterte mit dem anderen in der Hand an den Strand zurück. Gemeinsam schlenderten sie durch die schäumende Gischt. Regans Hemd klebte an seiner Haut, seine Lippen verfärbten sich an den Rändern bereits blau. Ihr Gewissen meldete sich mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend.
»Willst du meins anziehen?« Vaara deutete auf ihre Brust. »Das ist eins von Kendrans alten Hemden, das passt dir bestimmt.«
»Auf keinen Fall!«
»Warum denn nicht?«
Sie wollte es schon ausziehen, immerhin trug sie darunter noch ein dünnes Unterhemd, doch Regan packte ihr Handgelenk und schüttelte den Kopf. Vaara seufzte und umfasste den Henkel ihres Eimers mit beiden Händen, weil sie plötzlich nicht mehr wusste, wohin mit ihnen. Regan kickte mit seinem gesunden Fuß einen kleinen Stein vor sich her.
»Willst du wirklich nachsehen, was deine Eltern vor dir versteckt haben?«, fragte er schließlich leise.
»Machst du Witze? Wer würde das nicht wollen?«
»Du wirst dich nur wieder in Schwierigkeiten bringen.«
»Na und?«
»Es könnte gefährlich sein!«
»Na und?«, wiederholte Vaara ungeduldig. »Seit wann kümmert uns das?«
Regan stöhnte und fuhr sich durch die nassen Haare.
»Warum bist du so besessen von Magie?«
»Die Maskierten benutzen Magie.«
»Behauptet wer?«
»Meine Brüder sagen, damit beschützen sie uns vor den Zrash.«
»Das können die doch gar nicht wissen.« Regan streckte die Hand nach ihrem Eimer aus. »Lass mich den nehmen.«
»Warum bist du so besessen davon, meine Sachen für mich zu tragen?«
Beim letzten Mal war Regan bei dem Versuch, ihren Eimer zu tragen, mit seinem gesunden Fuß umgeknickt. Zwei Wochen war er an seinen Schlafplatz gefesselt gewesen. Vaara hätte eher beide Eimer geschleppt, und sich noch einen dritten zwischen die Zähne geklemmt, als ihm ihren zu überlassen. Er war ihr bester Freund und der einzige Junge im Dorf, den sie wirklich mochte.
»Ich kann mein Zeug selbst tragen.«
»Darum geht’s doch gar nicht.«
»Worum dann?«
Regan schüttelte den Kopf und beschleunigte seine Schritte, wobei er noch mehr schwankte als ohnehin schon.
»Regan …«
»Vergiss es einfach, ja?«
Zum ersten Mal war sie froh, das Dorf zu erreichen. Regan ließ sie stehen und stapfte geradewegs zu Nemra. Vaara blieb stirnrunzelnd zurück. Sie suchte nach ihrer Mutter und entdeckte sie zwischen den anderen Frauen, vertieft in eine ihrer Näharbeiten. Vermutlich flickte sie eine von Kendrans zerschlissenen Hosen.
»Du bist schon fertig?« Ihre Mutter sah auf. »Da wart ihr aber schnell.«
Nicht wirklich, dachte Vaara und biss sich auf die Lippe. Wir trödeln sonst einfach, weil wir miteinander sprechen.
»Ist irgendetwas passiert?«
»Mh-Mh.«
Sie beobachtete, wie Nemra Regan für seine nassen Sachen tadelte. Unter dem Gelächter der anderen Kinder und mit eingezogenem Kopf hinkte er davon. An jedem anderen Tag wäre Vaara ihm gefolgt, doch heute nicht. Wahrscheinlich wollte er sie gerade gar nicht sehen.
»Hattet ihr Streit?«
»Wir streiten nie.«
Sie presste die Lippen aufeinander, rieb sich den goldenen Kies so energisch von den Fußsohlen, dass er in alle Richtungen stob, und schnürte ihre Sandalen fest. Ihre Mutter seufzte und legte ihre Näharbeit beiseite.
»Geh und bring deinen Brüdern das Mittagessen.«
Vaara hob den Kopf. »Ich darf gehen? Wirklich?«
»Wirklich.«
Sie stieß die Faust triumphierend in die Luft und ließ sie eilig wieder sinken, als sie den verkniffenen Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter bemerkte.
»Du machst keine Umwege und bist in drei Stunden zurück.«
»Keine Umwege und in vier Stunden bin ich wieder da.«
»Drei Stunden, Vaara.«
»Ja …«, sagte sie gedehnt. »Drei Stunden.«
»Und ich will später nicht hören, dass du irgendetwas angestellt hast.«
»Wirst du nicht.«
Vaara sprang auf und rannte zum Feuer. Darüber köchelte ein köstlich duftender Eintopf in einem gusseisernen Kessel. Sie hob ihn an dem hölzernen Griff vorsichtig aus der Halterung. Endlich bekam sie die Gelegenheit, einen Blick in das Geheimversteck unter dem Dielenboden zu werfen. Um diese Zeit ließen ihre Brüder die Ziegen oberhalb der Klippen grasen. Der Weg zu ihnen führte direkt an ihrer Hütte vorbei. Ihre Arme bebten und ihre Schultern ächzten bei dem Versuch, den Kessel über dem Boden zu halten. Trotzdem ließ sie sich Zeit.
Vielleicht, dachte sie und blickte hoffnungsvoll über das Feuer hinweg, vielleicht kommt Regan und will mich begleiten.
Doch er blieb verschwunden. Vaara seufzte und hievte den Kessel hoch. Unter dem forschenden Blick ihrer Mutter taumelte sie den Pfad hinauf.
Vaara erreichte die Hütte fluchend und mit verbrühten Zehen. Der Eintopf war über den Rand des Kessels geschwappt. Sie ließ ihn neben der Tür stehen und wischte sich die Füße ungelenk mit ihrem Hemdsaum ab. Plötzlich zitterte sie vor Aufregung. Die windschiefe Tür wirkte auf einmal wie ein Tor in eine andere Welt. Gleich würde sie das Geheimnis lüften. Regan würde seine Wut vergessen, wenn sie ihm erst von ihrer Entdeckung berichtete.
Beim Eintreten hielt sie die Luft an – und stieß sie sogleich wieder aus. Es war alles wie immer. Ihre Schilfmatten lagen aufgerollt an den Wänden, schmutziges Tongeschirr stapelte sich in einer Kiste aus Treibholz neben der Feuerstelle. Das hatte sie nicht erwartet. Musste sich die Welt in der Nähe eines magischen Gegenstandes nicht anders anfühlen? Irgendwie … verändert?
Entschlossen verriegelte sie die Tür und hockte sich mit hochgekrempelten Ärmeln über das lose Brett. Es war ein gutes Versteck. Kaum sichtbare Einbuchtungen ermöglichten es, die Diele aus dem Boden zu hebeln. Vaara benötigte drei Versuche, um sie beiseite zu wuchten.
Sie lehnte sich über den Spalt und spähte hinunter in die Dunkelheit. Ihre Vorfreude verpuffte. Ein Ewiglicht wäre faustgroß und rund gewesen, doch das Päckchen am Boden des Verstecks war schmal und länger als ihr Arm. Ihre Mutter hatte den Gegenstand in mehrere Lagen alter Tücher gehüllt. Besonders magisch sah er nicht aus.
Jetzt mach schon!
Ihre Eltern konnten höchstens die Arme in den Hohlraum unter der Hütte stecken, doch Vaara war das kleinste Mädchen im Dorf. Sie schwang die Beine durch den Spalt und rutschte auf dem Hinterteil bis an die Kante. Die Erde unter ihren Füßen war feucht. Mit einiger Anstrengung zwängte sie ihre Schultern durch die Öffnung. Überall klebten Spinnenweben, Staub und Erde rieselten von den Wänden. Eine tote Spinne fiel auf ihre Schulter. Vaara fegte das Ungetüm fort und griff behutsam nach den Tüchern.
Vielleicht ist es gefährlich!
Die Stimme in ihren Gedanken klang verdächtig nach Regan. Mit einem beherzten Kopfschütteln brachte Vaara sie zum Schweigen. Es war nicht ihre Schuld, dass er wütend auf sie war. Er hatte kein Recht, ihr das hier zu verderben, nur weil er sich vor Magie fürchtete und ein langweiliges Leben führen wollte. Sie wappnete sich mit einem tiefen Atemzug. Was es auch war, sie nahm sich vor, nicht enttäuscht zu sein. Mit einem Ruck zog sie den Stoff fort. Zuerst war sie wie gelähmt, dann wich sie zurück und schlug die Hände vor den Mund.
Zwischen ihren Füßen lag ein Schwert.
Waffen wie diese kannte Vaara nur aus Erzählungen. Eine aufwendige Gravur zierte den gewundenen Griff und das schwarze Leder der Scheide war geschuppt wie die Haut einer Schlange. Das Schwert hatte nichts mit den langen Messern aus ihrem Dorf gemein. Sie entdeckte weder Rost noch Kratzer. Sein letzter Besitzer war entweder besonders pfleglich damit umgegangen oder nie in eine Schlacht gezogen.
Ihre Finger schwebten über der Waffe. In dem winzigen Versteck war nicht genügend Platz, um sie zu ziehen. Außerdem wollte Vaara auf keinen Fall aussehen wie ein Mädchen, das mit einem Schwert spielte.
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, umfasste den Griff mit der rechten Hand und ließ ihn beinahe wieder los. Das Metall strahlte eine vertraute Wärme aus. Es fühlte sich an, als würde sie über Haut streichen. Vielleicht hätte sie beunruhigt sein sollen, ganz sicher sogar, doch das war sie nicht. Stattdessen packte sie auch mit der anderen Hand zu.
Das Schwert war federleicht. Vaara schob es durch den Spalt über ihrem Kopf und kletterte anschließend selbst hindurch. Sonnenlicht stach ihr in die Augen. Blitzschnell lehnte sie die Fensterläden an und zerrte einen dreibeinigen Hocker neben die Feuerstelle. Aufgestellt reichte ihr die Waffe bis unter das Kinn. Sie stieg auf den Schemel und presste das Schwert gegen die Hüfte. Dort hätte es ein Mann in seinem Waffengurt getragen. Und so berührte es wenigstens nicht den Boden. Sie dachte an all die Geschichten über ruhmreiche Krieger und daran, wie sie im Kampf ihre Klingen zogen.
Wie sich das wohl anfühlte?
Sie zog das Schwert aus der Scheide und verrenkte sich dabei fast die Schulter. Der Stahl war spiegelglatt. Feine Linien durchzogen ihn, verwoben zu verschlungenen Mustern. Mit einiger Anstrengung gelang es ihr, den Arm durchzustrecken und mit der Spitze der Klinge auf das Fenster zu weisen.
Jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, ein Schwert zu ziehen.
Es fühlte sich richtig an.
Vaara stieß den Hocker beiseite und schwang die Klinge durch die Luft. Plötzlich gab es nur noch sie und die Waffe in ihren Händen. Sie schloss die Augen, drehte sich um die eigene Achse, wirbelte lachend durch die Hütte und ließ das Schwert mit klopfendem Herzen sinken. Eine seltsame Mischung aus Angst und Aufregung ergriff sie. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das war keine gewöhnliche Waffe.
Die ist ganz sicher magisch, dachte sie aufgeregt und machte sich daran, die silberne Klinge genauer zu untersuchen.
Mit einem Aufschrei zog sie die Hand zurück. Unter ihren Fingerspitzen hatte es gepocht! Aber das war vollkommen unmöglich; ein Schwert war ein Ding und Dinge lebten nicht.
Ihr Ärmel klebte warm und feucht an ihrem Unterarm. Die Klinge rutschte ihr aus der Hand, schlug dumpf auf den Boden und blieb zu ihren Füßen liegen. Dunkelrotes Blut rann über ihre Handfläche. Die Schürfwunden an ihren Fingerkuppen waren wieder aufgebrochen. Konnte das beim Klettern passiert sein? Sie presste die Hand gegen die Brust, beugte sich hinunter, um das Schwert aufheben – und erstarrte.
Blutige Fingerabdrücke glänzten auf dem Stahl. Schwarzer Rauch kroch langsam an der Klinge empor und verschlang sie wie ein hungriges Tier. An den verfärbten Stellen sickerte das Blut geradewegs in das Schwert.
Etwas klopfte von innen gegen ihre Rippen. Ein zweiter Herzschlag. Sie riss sich das Hemd über den Kopf und tastete mit blutigen Fingern über ihre Brust. Das fremde Herz schlug langsamer und kräftiger als ihr eigenes, was es leicht machte, die beiden zu unterscheiden.
Vaara wich an die Wand zurück. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme schien irgendwo in ihrer Kehle festzustecken. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie gelähmt vor Angst.
Tief durchatmen, Vaara.
Kendrans Stimme schlich sich in ihre Gedanken. Seit ihre Mutter krank geworden war, weckte er sie aus ihren Albträumen. Sie dachte an seine sichere Umarmung und mit jedem Atemzug löste sich das beklemmende Gefühl in ihrer Brust ein wenig mehr. Der zweite Herzschlag schlug nun im Takt mit ihrem eigenen. Sie blickte an sich hinab und schluckte. Das war schlecht. Kein Mensch sollte zwei Herzschläge haben.
Das Schwert lag neben der Feuerstelle. Feine blutrote Linien glänzten im Halbdunkel auf der Klinge. Sie hätte es mit einem Fußtritt zurück in den Hohlraum unter der Hütte befördern können. Ihr Vater wollte das Schwert nach Luvia bringen. Sie würde es nie wiedersehen müssen.
Nein, das geht nicht.
Sie stemmte sich hoch und marschierte auf die Klinge zu. Noch während sich ihre Finger fest um den Griff schlossen, formte sich ein einzelnes Wort in ihren Gedanken.
Raznar.
Vaara schob die lose Diele an ihren Platz zurück und trat sie mit den Füßen fest. Sie brauchte Kendrans Hilfe. Auf ihn würde Vater hören. Er durfte das Schwert nicht verkaufen. Natürlich konnte sie nicht halbnackt vor ihre Brüder treten. Mit zitternden Fingern las sie das blutbefleckte Hemd vom Boden auf und zog es wieder an. Das Schwert befestigte sie mit einem alten Ledergurt umständlich auf ihrem Rücken.
Beim Verlassen der Hütte stolperte sie beinahe über den Kessel, den sie neben der Tür zurückgelassen und völlig vergessen hatte. Der Eintopf war an den Rändern eingetrocknet. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie hoch an den Himmel und überprüfte den Stand der Sonne. Die drei Stunden waren beinahe um. Ihre Mutter durfte auf keinen Fall nach ihr suchen, sonst würde ihr selbst Kendran nicht mehr helfen können.
Sie packte den Kessel und erklomm den Pfad neben der Hütte.
Raznar.
Unablässig wiederholte sie das Wort in ihren Gedanken. War es vielleicht eine Art Zauberformel? Doch auch als sie es mehrmals laut aussprach, geschah überhaupt nichts.
Der Weg führte an scharfkantigen Felsbrocken vorbei. Vaara zog die Schultern hoch und beschleunigte ihre Schritte. Es waren schon Männer von herabstürzenden Steinen erschlagen worden und sie war nicht erpicht darauf ihr Schicksal zu teilen.
Als sie schnaufend das Ende des Weges erreichte, war sie völlig verschwitzt. Sie blickte auf die zahlreichen Felsvorsprünge mit den winzigen Hütten hinab. Unten am Wasser wuselten die Menschen wie Ameisen über den Strand.
Vor ihr führten Wagenspuren durch das hüfthohe Gras. Vaara entdeckte Stiefelabdrücke und Ziegenmist in den tiefen Furchen und folgte ihnen bis zum Waldrand. Es war kein langer Fußmarsch. Schon nach kurzer Zeit tauchten weißgraue Flecken in dem Meer aus Grün auf. Zottelige Flecken mit winzigen Hörnern und vier kurzen Beinen. Ihre Ziegen. Die Tiere nahmen keine Notiz von ihr und grasten unbeeindruckt auf der Lichtung.
In der Ferne konnte sie ihre Brüder ausmachen. Kendran hielt einen langen Stock in den Händen und kämpfte gegen die Zwillinge. Sie erkannte ihn an seiner Größe und den wilden rostroten Locken. Gerade holte er Haron mit einem gezielten Schlag von den Füßen. Natürlich war es kein echter Kampf. Die Zwillinge wollten Soldaten werden und übten verbissen mit Kendran, wann immer sich die Möglichkeit dazu bot.
Vaara blieb stehen und beobachtete, wie Haron sich aufrappelte. Eines Tages würden Yaro und er andere Menschen vor den Zrash beschützen, gegen Finsterwesen und Gestaltwandler kämpfen, während sie Fischsuppe kochte und Kleider flickte.
Kendran entdeckte sie zuerst. Als ältester Sohn war er geübt darin, ein Auge auf sie alle zu haben. Sie stellte den Kessel ab und winkte ihm zu. Er warf seinen Stock beiseite. Die Zwillinge folgten ihm mit ernsten Gesichtern.
Vielleicht war das hier ein Fehler gewesen; vielleicht hätte sie das Schwert einfach irgendwo verstecken sollen. Doch dafür war es jetzt zu spät.
Auf halber Strecke blieben ihre Brüder stehen.
»Beim Götterauge!«, rief Kendran. »Ist das etwa Blut auf deinem Hemd?«
»Ach das …« Vaara atmete erleichtert auf. »Das ist nichts. Ich bin beim Muschelsammeln ausgerutscht und habe mich geschnitten.«
»Und was ist das da hinter deinem Rücken?«
Das Schwert erzitterte zwischen ihren Schulterblättern, als hätte es die Frage verstanden. Vaara biss sich auf die Lippe. Schließlich löste sie den Ledergurt und schwang die Klinge nach vorne. Kendran wurde blass. Hinter ihm rissen die Zwillinge die Augen auf.
»Wer hat dir das gegeben?«, fragte Kendran.
»Niemand.«
»Wem gehört dieses Schwert?«
»Mir.«
Das hatte sie gar nicht sagen wollen, doch es stimmte. Kendran und Yaro starrten sie ungläubig an. Haron schob die beiden aus dem Weg und kam geradewegs auf sie zu. Unter seinem Blick schrumpfte sie zusammen. Die Zwillinge waren ihrer Mutter so ähnlich wie Vaara und Kendran ihrem Vater. In seinem spitzen Gesicht funkelten ihre braunen Augen.
»Was hast du jetzt schon wieder angestellt?« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Spuck es schon aus, Schwesterchen.«
»Haron«, sagte Kendran warnend und ging mit einem schweren Seufzen vor ihr in die Hocke. »Du musst es mir geben, Vaara. Es könnte gefährlich sein, verstehst du?«
Er hätte sie genauso gut um einen Arm oder ein Auge bitten können. Sie konnte ihm das Schwert nicht einfach geben. Wie stellte er sich das vor? Es war jetzt ein Teil von ihr.
Sie schüttelte den Kopf und trat zurück.
»Das kann ich nicht.«
Kendran verharrte reglos im Gras. Yaro lehnte sich über seine Schulter und zog die Augenbrauen hoch.
»Also für mich sieht das Ding ziemlich harmlos aus«, sagte er. »Lass sie es doch einfach behalten.«
»Hast du den Verstand verloren?«
»Jetzt schau es dir doch mal genau an.«
Kendran und Yaro wechselten einen seltsamen Blick. Haron trat zu ihnen und murmelte etwas Unverständliches. Verstehen trat in Kendrans harte Züge, sie wurden weicher und er nickte. Vaara konnte ihr Glück kaum fassen. Natürlich war das Schwert nicht harmlos, aber das brauchten ihre Brüder ja nicht zu wissen.
»Also darf ich es behalten?«
Kendran lächelte. »Wir zeigen dir sogar, wie man damit kämpft. Was hältst du davon?«
»Das würdet ihr tun?«, hauchte Vaara ungläubig. »Wirklich?«
»Natürlich.«
»Wir fangen mit den einfachen Dingen an.« Yaro ging an Kendran vorbei und streckte die Hand aus. »Du musst es anders halten. Hier – ich zeig’s dir.«
Sie erkannte zu spät, was er vorhatte. Yaro packte den Griff und riss das Schwert grob herum. Vaaras rechte Schulter knackte, ihre aufgeschürfte Handfläche rutschte über das weiche Leder. Der Schmerz lenkte sie ab und das Heft entglitt ihren Fingern.
Raznar!
In diesem Moment begriff sie, dass es sich weder um ein Wort noch um einen Zauberspruch handelte. Es war ein Name. Sie rief ihn laut und deutlich in ihren Gedanken. Und das Schwert antwortete ihr.
Keine Sorge, säuselte es. Ich bleibe bei dir, ich beschütze dich.
Eine gewaltige Druckwelle riss Vaara von den Füßen, schleuderte sie durch die Luft. Der Kessel flog in hohem Bogen über sie hinweg und kalter Eintopf spritzte in alle Richtungen. Sie lag auf dem Rücken, bekam kaum Luft. Ihr ganzer Körper schmerzte. Vor ein paar Jahren war sie beim Muschelsammeln gestürzt und fast ertrunken. Dieses Gefühl war dem von damals ganz ähnlich. Probeweise bewegte sie Arme und Beine. Gebrochen war anscheinend nichts.
Die Druckwelle hatte das Gras in einem Umkreis von gut fünfzig Fuß kreisförmig niedergemäht. Kendran lag nicht weit von ihr entfernt. Er kämpfte sich auf die Füße, brach aber mehrmals wieder auf die Knie. Was war geschehen? Wo wollte er hin?
Es knackte und knirschte in ihrem Kopf, ein Gefühl wie Wasser in den Ohren. Vaara presste die Zähne zusammen, stemmte sich hoch und kam schwankend auf die Beine. Ein heiseres Kreischen durchbrach das Rauschen. Der Laut ängstigte sie mehr, als das falsche Auge des einäugigen Mannes es jemals gekonnt hätte.
So müssen die Zrash klingen, dachte sie.
Doch dann erkannte sie die Stimme. Sie gehörte weder den Zrash noch anderen Monstern, sondern Yaro. Er lag inmitten des Kraters und warf sich brüllend herum. Kendran erreichte ihn zuerst, schaffte es aber nicht, ihn zu beruhigen. Yaro bäumte sich auf. Kurz darauf fiel Haron kreidebleich neben ihm auf die Knie und versuchte, seinen Zwillingsbruder an den Schultern zu Boden zu drücken. Eine Platzwunde schimmerte an seiner Schläfe.
»Halt ihn verdammt nochmal fest!«, brüllte Kendran.
»Was glaubst du, was ich hier versuche?« Schweiß rann über Harons Stirn. »Das ist nicht so einfach!«
Vaara hatte ihre Brüder fast erreicht, da entdeckte sie das Schwert im Gras zu ihren Füßen. Haron starrte sie über Kendrans Schulter hinweg an und schüttelte heftig den Kopf, als sie es an sich nahm.
»Bleib, wo du bist!«
»Aber –«
»Bleib mit dem Ding weg!«
Die heiseren Schreie verstummten und Yaros zuckende Gliedmaßen erschlafften. Seine Arme sackten herab und seine rechte Hand klatschte in Vaaras Blickfeld zu Boden. Mit ihr hatte er zuvor das Schwert gepackt. Würgend fiel Vaara auf die Knie. Raznar landete neben ihr im Gras, blutbesudelt und mit schwarzer Klinge. Yaros Finger dampften, waren kaum noch als solche zu erkennen. Das Fleisch war an manchen Stellen bis auf die Knochen verbrannt, an anderen warf die Haut hässliche Blasen.
Du hast das getan, dachte sie und starrte das Schwert an. Du warst das.
Vaara war starr vor Entsetzen. Yaro lag reglos am Boden, Haron brüllte seinen Namen, während Kendran fieberhaft nach seinem Puls tastete. Sie näherte sich ihren Brüdern mit zitternden Knien. Yaro atmete noch.
Dem Götterauge sei Dank!
Einen schrecklichen Moment lang hatte sie daran gezweifelt. Seine Augen waren tief in die Höhlen gesunken, seine Haut war wächsern und kalkfelsenfahl. Unter seiner verbrannten Hand breitete sich eine glänzende Blutlache aus. Vaara rang mit Worten, die ihr nicht über die Lippen kamen, und als sie es schließlich taten, brach ihre Stimme mit jeder Silbe.
»Wird–wird er wieder gesund?«
»Seine Hand jedenfalls nicht.« Kendran sah nicht sie an, sondern Haron.
Gemeinsam trugen sie Yaro in den Schatten eines Goldhaselbaumes. Vaara folgte ihnen mit glühenden Wangen. Es hatte keinen Zweck, sich etwas vorzumachen. Mit nur einer Hand taugte Yaro allenfalls zum Ziegenhirten, die Ausbildung zum Soldaten würde er nicht antreten können. Sie hatte ihn um seine Zukunft gebracht.
Haron wickelte Yaros zerschundene Hand in sein Hemd. Es dauerte nicht lange, bis sich der Stoff mit Blut vollgesogen hatte. Kendran benetzte seine Lippen derweil wieder und wieder mit Wasser aus einem Lederschlauch. Dann warteten sie. Irgendwann zuckten Yaros Lider, er hustete.
»Was–was ist mit meiner Hand? Ich kann meine Finger nicht spüren.«
»Vergiss die verdammte Hand«, sagte Haron schroff. »Du hättest tot sein können. Wir holen eine Trage und bringen dich ins Dorf. Mutter wird dich schon wieder zusammenflicken.«
»Ich kann laufen.«
»Nein, kannst du nicht.« Kendran erhob sich. »Du wartest hier.«
»Was ist mit Vaara? Wo ist sie?«
Sie stürzte an seine Seite.
»Ich bin hier.«
In ihrer Brust herrschte ein seltsames Druckgefühl, das nichts mit dem zweiten Herzschlag zu tun hatte. Sie nahm seine unverletzte Hand und rieb Wärme in die kalten Finger.
»Ich habe das nicht gewollt –«
»Das weiß ich.«
Es wäre leichter zu ertragen gewesen, wenn er sie angeschrien hätte. Sein Verständnis machte alles nur noch schlimmer. Immerhin hatte sie gewollt, dass er das Schwert losließ und womöglich hatte es ihn nur deshalb verletzt. Kendran legte ihr die Hand auf die Schulter und drückte sanft zu. Vor ihren Brüdern wollte sie keine Tränen vergießen, also sie blinzelte angestrengt gegen das verräterische Brennen in ihren Augen an. Als sie sich umdrehte, stellte sie überrascht fest, dass Haron verschwunden war.
»Er treibt die Ziegen zusammen«, erklärte Kendran. »Sobald er zurück ist, machen wir uns auf den Weg. Du bleibst bei Yaro und passt auf ihn auf.«
»Ist gut.«
»Über das Schwert sprechen wir später.« Vaara öffnete den Mund, doch Kendran ließ sie nicht zu Wort kommen. »Nein, sieh mich nicht so an. Du kannst es nicht behalten. Dieses Ding ist gefährlich. Wir müssen es so schnell wie möglich loswerden. Ich werde mit Vater darüber reden.«
Ihr blieb keine Gelegenheit zu widersprechen, denn Haron kehrte zurück und zerrte die Ziegen an einem zerfaserten Strick hinter sich her. Schnaufend wickelte er ihn um den breiten Stamm des Goldhaselbaumes.
»Eine konnte ich nicht finden, muss wohl in den Wald gelaufen sein.«
»Das ist momentan unser geringstes Problem«, sagte Kendran.
Ein Stöhnen ließ sie alle herumwirbeln. Yaros hatte die Augen einen winzigen Spalt breit geöffnet.
»Was ist los?«, fragte Haron. »Werden die Schmerzen schlimmer?«
»Woher … woher kommt der Rauch?«
»Welcher Rauch?«
»Na, dort drüben«, krächzte Yaro.
Rauchschwaden verdunkelten den Herbsthimmel. Hinter den Klippen zuckten glutrote Lichtblitze und Stichflammen bis an die Wolkendecke. Wie schattenhafte Tentakeln kroch der Qualm über die Felsen, kräuselte sich am Boden und waberte auf sie zu. Der Gestank von verbranntem Fleisch stieg Vaara in die Nase, überlagerte den würzigen Duft von Laub und Gräsern. Dann setzten die Schreie ein. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand in die Brust gegriffen und ihr Herz gepackt.
»Mutter und Vater sind da unten«, flüsterte sie.
»Haron, warte!«, rief Kendran und versuchte noch, ihn zu packen, doch es war zu spät. Haron sprintete über die Lichtung davon. Hinter ihnen stürzten die Ziegen bei dem Versuch, sich zu befreien, übereinander. Kendran schnitt sie los. Sie waren noch nicht ganz zwischen den Bäumen verschwunden, da wurde das Schreien in der Tiefe lauter.
»Ihr bleibt hier«, sagte Kendran.
»Lass mich mitkommen.«
»Auf keinen Fall, Vaara.«
»Aber –«
»Nein.« Kendran blickte über die Schulter, als erneut ein schrecklicher Schrei aus dem Dorf ertönte. »Meine Frau ist dort, genau wie unsere Eltern. Ich muss –«
In diesem Moment schlang Yaro einen Arm um Vaaras Mitte. Sie prallte mit dem Rücken gegen seine Brust und verlor das Gleichgewicht.
»Ich habe sie!«, rief er. »Geh schon! Geh!«
Kendran rannte durch eine Wand aus schwarzem Rauch. Vaara brüllte seinen Namen und strampelte mit den Beinen. Ihre Fingernägel hinterließen blutige Striemen auf Yaros Unterarm, doch sein Griff blieb eisern. Nach einigen Minuten – oder vielleicht nach einigen Stunden – sackte sie kraftlos auf seinem Schoß zusammen.
»Versprichst du mir, nicht wegzulaufen?«, fragte Yaro. »Dann lasse ich los.«
»Aber ich will Kendran helfen!«
»Beim Götterauge! Du bist zehn Jahre alt!«
»Ich habe das Schwert! Wenn das die Zrash sind, dann kann ich –«
Yaro lachte ungläubig. »Die Zrash? Die kommen nicht aus dem Meer, Dummerchen.«
»Dann eben Gestaltwandler oder –«
»Es gibt keine Gestaltwandler«, sagte Yaro in einem unerträglich geduldigen Ton. »Das sind doch bloß Geschichten, die sie kleinen Kindern erzählen, damit sie sich von den Wäldern fernhalten.«
»Aber –«
»Es ist wahrscheinlich bloß eine Hütte in Brand geraten.«
Vaara rutschte von seinen Oberschenkeln und drehte sich um. Seine Lippen waren tiefblau. Sie zog ihr blutiges Hemd aus, legte es über Yaros Brust und kauerte sich in ihrem Unterhemd an seine Seite.
»Wenn es nur ein ganz normales Feuer ist, warum schreien dann alle so?«
»Vermutlich, weil sie Angst haben, dass es ihre Hütte auch erwischt.«
Sie stützte das Kinn auf die angewinkelten Beine und unterdrückte ein Schaudern. Kleine Rauchwolken umgarnten ihre Zehen, schlängelten sich um die Riemen ihrer Sandalen. Das Schwert erzitterte und der Rauch verzog sich wie ein aufgeschrecktes Tier. Vaara wollte die Waffe ziehen, hielt dann aber inne. Irgendetwas stimmte nicht. Es dauerte einen Moment, bis es ihr dämmerte. Die Schreie waren verstummt. Yaro presste einen Finger gegen die Lippen.
»Steh auf, aber sei leise.”
»Was?«
»Jetzt mach schon.«
»Soll ich Hilfe holen?«
»Nein, du sollst aufstehen. Los jetzt.«
»Warum flüstern wir?«
»Hör mir gut zu, Vaara. Das nächste Dorf liegt etwa zwei Tagesmärsche nördlich von hier. Du weißt, wo Norden ist?«
Sie nickte, aber offensichtlich stand ihr die Verwirrung dabei ins Gesicht geschrieben, denn Yaro zog sich am Stamm des Goldhaselbaumes hoch.
»Was hast du vor?«, fragte sie und legte seinen Arm um ihre Schultern. Er stützte sich auf sie und sie taumelten seitwärts.
»Gar nichts«, keuchte er. »Hilf mir zwischen die Bäume dort. Wir müssen tiefer in den Wald. Schnell!«
Sie zerrte ihn vorwärts, doch er konnte sich nicht lange auf den Beinen halten. Er stürzte und blieb stöhnend liegen. Vaara versuchte, ihn mit aller Kraft wieder auf die Füße zu ziehen.
»Du musst aufstehen«, sagte sie. »Komm schon!«
»Es hat keinen Zweck.« Er rollte sich auf den Rücken und starrte mit feuchten Augen zu ihr hoch. »Du läufst jetzt so schnell du kannst. Geh nach Norden und halte dich von der Straße fern.«
»Du machst mir Angst, Yaro. Lass mich Kendran holen.«
»Nein! Du holst auf keinen Fall Kendran. Lauf in den Wald!«
»Aber ich will nicht in den Wald«, stammelte sie. »Kendran kommt sicher jeden Moment zurück und holt uns.«
»Nein, kommt er nicht.«
»Was meinst du damit? Natürlich kommt er zurück.«
»Er kann nicht zurückkommen, weil er wahrscheinlich –«
Sie hörte ihm nicht mehr zu. Ein Flimmern zwischen den Felsen lenkte sie ab. Vaara atmete auf und stellte sich auf die Zehenspitzen.
»Siehst du? Da ist er schon!«
Eine große Gestalt tauchte auf dem Pfad auf, dicht gefolgt von einer deutlich kleineren. Das war gewiss Regan. Sie wollte ihnen entgegen gehen, doch Yaro packte ihren Knöchel und hielt sie zurück.
»Das ist er nicht! Das ist nicht Kendran! Du musst dich verstecken, mach schon, lauf! Lauf jetzt, Vaara!«
»Was? Warum sollte ich –« Vaara verstummte.
Der Mann und sein Begleiter waren jetzt nur noch wenige Schritte entfernt. Yaro sagte die Wahrheit. Es waren nicht Kendran und Regan, die über die Lichtung auf sie zu kamen. Einer von ihnen war nicht einmal ein Mensch.
Sie blickte in ein erstarrtes Gesicht. Vaara hatte schon viele Geschichten über die Maskierten gehört und in den meisten war von außergewöhnlich schönen Geschöpfen die Rede, von Göttern. Doch dieser Mann war unheimlich.
Die Oberfläche der rabenschwarzen Maske war zerfurcht wie ein verkohltes Holzscheit. Zwei schräge Augenschlitze gaben den Blick auf rote Iriden mit schlitzförmigen Pupillen frei, umgeben von dunkler Lederhaut. Für den Mund gab es keine Öffnung, doch rund um den Kiefer schufen grobe Schnitzereien die Illusion von Zähnen, die länger waren als Kinderfinger. Über die gezackten Schulterplatten der schwarzen Rüstung fielen verfilzte rote Haare. Hier und da waren manche der fingerdicken Haarwülste mit dunklen Perlen gespickt, die an Käferaugen erinnerten. An Hals und Händen blitzte vernarbte Haut hervor.
Der Maskierte baute sich vor ihnen auf und verschränkte die Arme. Ein Junge erschien an seiner Seite. Er war ein Mensch, stammte aber nicht aus ihrem Dorf. Sie hatte nie zuvor einen Jungen mit goldenen Haaren gesehen. Über zerschlissenen braunen Gewändern trug er eine seltsame nachtfarbene Kutte. Vaara schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln, das der Junge nicht erwiderte.
»Wenn das nicht der Dieb ist, den ich suche«, sagte der Maskierte und blickte auf sie herab. »Du hast da etwas, das mir gehört, Menschenmädchen.«
»Ich?«
»Er will das Schwert, Vaara«, sagte Yaro außer Atem. »Gib es ihm.«
»Kluger Junge – du hast deinen Bruder gehört«, sagte er. »Er ist doch dein Bruder? Riecht jedenfalls so.«
Ihr blieb keine Wahl. Die Menschen waren den Maskierten zum Gehorsam verpflichtet, das hatte Mutter ihr dutzende Male erklärt. Der zweite Herzschlag in ihrer Brust meldete sich mit einem zornigen Pochen zurück. Unsicher blickte sie zu Yaro, der ihr mit einer unwirschen Geste bedeutete, sich zu beeilen. Vaara wollte den rechten Arm heben, doch er klebte an ihrer Seite, als wäre er dort festgewachsen. Sie biss die Zähne zusammen, ballte die Hände zu Fäusten.
Jetzt mach schon, greif danach!
Ihre Fingernägel hinterließen halbmondförmige Kerben in ihren Handflächen, die bluteten, als sie die Finger wieder spreizte. Jede Anstrengung war vergeblich. Sie schaffte es nicht, das Schwert zu ziehen.
Der Maskierte ließ die Arme sinken. Er schien ungeduldig zu werden, vermutlich wurden seine Befehle sonst ohne Zögern ausgeführt.
»Ich bin Morvan«, sagte er und irgendwie hatte sie den Eindruck, dass er es genoss, ihr das zu erzählen. »Der rechtmäßige Herrscher von Alvaé.«
»Gibt es auch einen unrechtmäßigen?«, fragte Vaara verwirrt.
Er lachte. »Du wärst überrascht, Menschenmädchen.«
Sie hatte keine Ahnung, was oder wo dieses Alvaé war, aber es war dem Maskierten – Morvan – offenbar wichtig. Vaara deutete eine Verbeugung an. Als Herrscher erwartete er ein solches Verhalten wohl von den Menschen.
»Jetzt, da du das weißt, wirst du mir mein Schwert sicher zurückgeben wollen«, sagte er lächelnd.
»Nein«, erwiderte Vaara. »Nein, das will ich nicht.«
Hinter ihr stöhnte Yaro gequält ihren Namen. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Einem Maskierten zu widersprechen war Wahnsinn. Was war bloß in sie gefahren?
Das Schwert, dachte sie schaudernd. Es ist das Schwert, es will nicht, dass ich es hergebe.
Morvan kam näher. Langsam, lauernd wie ein Raubtier, und mit klirrenden Stiefelschnallen.
»Wie war das?«, fragte er.
»Ich–ich sagte Nein«, sagte sie und zwang sich, ihn anzusehen. »Mein Vater hat dieses Schwert gekauft. Es gehört jetzt meiner Familie. Du kannst es nicht haben.«
»Vom alten Harada, nehme ich an? Der ist genauso ein Dieb wie du einer bist, Menschenmädchen. Aber das ist interessant; es war also euer Vater, der mir versicherte, er hätte mein Schwert direkt unter seiner Hütte versteckt. Was ein Jammer. Hätte ich gewusst, dass er die Wahrheit sagt, hätte ich ihn vielleicht schneller getötet.«
Sie musste sich verhört haben. Die Maskierten beschützten die Menschen, hielten sogar die Zrash von ihnen fern. Es handelte sich gewiss um ein Missverständnis. Vaara suchte Yaros Blick, hoffte auf einen Hinweis darauf, dass er diese Behauptung ebenfalls für lächerlich hielt. Doch Yaros Augen waren weit aufgerissen, sein Gesicht war kreidebleich. Er wirkte so bestürzt und durcheinander, wie sie sich fühlte.
»Und wenn euer Vater diese arme Seele war«, fuhr Morvan fort und griff in seinen Umhang, »dann gehörte das hier wohl eurer Mutter?«
Zwischen seinen vernarbten Fingern hielt er eine Lederschnur, an deren Ende eine winzige Perle baumelte. Sie war voller Blut.
Vaara bekam keine Luft, hatte gleichzeitig das Gefühl sich jeden Moment übergeben zu müssen.
Es ist nicht wahr, sagte sie sich. Morvan trug einige Messer und Dolche am Gürtel, doch keine der Klingen war blutbesudelt. Er hatte niemanden damit getötet. Das behauptete er lediglich, um ihr Angst einzujagen.
»Wenn du mir das Schwert nicht gibst, stirbt dein Bruder als Nächstes«, sagte Morvan und ließ die Kette wieder verschwinden.
»Aber ihr dürft Menschen nichts tun«, sagte Vaara.
»Dürfen wir nicht? Wie dumm von mir. Ich schätze, das hättest du mir eher sagen müssen. Jetzt sind sie ja schon alle tot.«
Vaaras Magen verkrampfte sich. Sie konnten nicht tot sein, das war unmöglich, sie hatte vorhin noch mit ihnen gesprochen, Kendran war gerade noch hier gewesen –
»Das ist eine Lüge.«
Bitte, bitte, lass es eine Lüge sein.
»Ich fürchte nicht, Menschenmädchen.«
»Sie kann es Euch nicht geben, Meister Morvan.«
Der Junge trat vor. Er strich sich eine honigfarbene Haarsträhne aus dem blassen Gesicht und sah Vaara an. Auf sie machte er einen kränklichen Eindruck, so als hätte er seit langer Zeit kein Sonnenlicht mehr gesehen.
»Was soll das heißen?«, fragte Morvan.
»Es hat sie ausgewählt.«
Ausgewählt? Wofür?
Wieder musste sie gegen Tränen ankämpfen, dieses Mal erbittert. Morvan drehte sich langsam zu dem Jungen um.
»Dieses Mädchen ist ein Mensch, Taris.«
»Ein Mensch durch und durch, Meister Morvan.«
Ein schauriges Knurren drang aus der Kehle des Maskierten. Er packte Yaro am Kragen und zerrte ihn auf die Füße. Ihr Bruder gab ein schreckliches Gurgeln von sich, seine Stiefel schwebten eine Handbreite über dem Boden, seine Beine zuckten wie die eines Insekts, das sich über Wasser zu halten versuchte.
Vaara schrie auf. »Du tust ihm weh!«
»Das ist der Gedanke dahinter.« Morvan schwenkte Yaros Körper wie einen leeren Krug. »Wie bedauerlich für deinen Bruder, dass du ihn nicht retten willst.«
»Nein, bitte!« Sie fiel vor ihm auf die Knie. »Bitte tu ihm nichts!«
»Dann gib mir das Schwert.«
»Aber ich weiß nicht, wie!«
»Taris!«, bellte Morvan und winkte den Jungen heran. »Geh und hilf dem Menschenmädchen.«
Taris verneigte sich und eilte zu Vaara. Er war einen Kopf größer als sie und spindeldürr. Seine Finger waren schmutzig, die Nägel ungepflegt. In seinen wässrig-blauen Augen konnte sie verschwommen ihr verängstigtes Spiegelbild sehen.
»Du musst mit dem Schwert sprechen. Es hätte sich nie für dich entscheiden dürfen. Zwing ihm deinen Willen auf.«
»Ich soll was? Mit ihm reden?«.
»In deinem Kopf«, sagte Taris. »Es wird dich verstehen. Es ist eine ganz besondere Waffe.«
Vaara blickte ängstlich zu Yaro, der in Morvans Griff kaum atmen konnte. »Gut«, sagte sie schnell. » Ich versuch’s.«
Sie schloss die Hände fest um den Schwertgriff und zog mit aller Kraft.
Bitte, dachte sie flehentlich. Bitte hilf mir! Ich muss Yaro retten! Ich kann dich nicht behalten!
Endlich konnte sie Raznar aus der Scheide ziehen. Morvans rote Augen blitzten begierig. Er streckte die Hand aus.
»So ist es gut. Jetzt gib es mir.«
Vaaras Arm war mitten in der Luft erstarrt. Sie wollte ihn ausstrecken, doch es gelang nicht. Yaro japste ihren Namen. In seinen Augen waren einige Adern geplatzt und färbten das Weiß darin rot, das Haar fiel ihm wirr ins Gesicht. Zu ihrem Bedauern unternahm Morvan nicht den Versuch, ihr das Schwert gewaltsam abzunehmen, sonst hätte es vielleicht auch ihn verletzt und ihnen eine Gelegenheit zur Flucht verschafft.
»Sieht aus, als bräuchtest du einen Anreiz«, sagte Morvan und brachte innerhalb kürzester Zeit gut zwanzig Fuß zwischen sie. Yaro versuchte vergeblich, die klauenhafte Hand von seiner Kehle zu lösen.
»Er bekommt keine Luft!«, rief Vaara.
»Nun«, sagte Morvan und betrachtete den zappelnden Yaro, »die braucht er ja auch nicht mehr.«
»Nein!« Sie stürzte auf ihn zu. »Ich versuche es doch!«
»Versuchen ist nicht genug«, sagte Morvan. »Vielleicht überlegst du es dir noch mal, wenn du siehst, wozu ich fähig bin.«
Er schnippte mit den Fingern. Wie von Geisterhand gelenkt krochen Flammen seinen Arm hinauf. Sie züngelten zärtlich über die vernarbte Haut, das Leder seiner Kleidung und die Rüstung. Das Feuer gehorchte Morvan. Es sammelte sich in seiner Handfläche und wickelte sich um seine Finger. Erst als er die Flammenhand nach Yaros Gesicht ausstreckte, verlor das Schauspiel jeglichen Reiz.
»Bitte nicht! Ich will es dir wirklich geben!«
Morvan wandte ihr sein maskiertes Gesicht zu. »Ich glaube dir nicht.«
Das Feuer sprang auf Yaro über. Innerhalb kürzester Zeit stand sein ganzer Körper in Flammen. Sie schrie und rannte auf Morvan zu, doch jedes Mal, wenn sie ihn fast erreicht hatte, verschwand er blitzschnell aus ihrer Reichweite. Yaros Schreie brannten sich geradewegs in ihre Seele.
Sie preschte vorwärts, schwang das Schwert, doch Morvan wich erneut aus. Wieder und wieder und wieder. Er war nur noch ein verschwommener Lichtpunkt. An den Klippen blieb er schließlich stehen und riss Yaro an den Haaren in die Höhe. Nicht der Anblick, sondern der Gestank zwang Vaara in die Knie. Ihre Beine gaben nach und sie spie gelbe Flüssigkeit auf den Erdboden.
Und dann, endlich, verstummten die Schreie. Es gab einen dumpfen Laut und als sie aufsah, klopfte Morvan sich die rauchenden Hände ab. Yaro war verschwunden.
Im nächsten Moment legte sich eine kalte Hand unter ihr Kinn. Taris drehte ihren Kopf ins Licht. Heiße Tränen rannen über ihre Wangen, Krämpfe schüttelten ihre Glieder.
»Das Mädchen steht unter Schock, Meister Morvan.«
Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Es spielte auch keine Rolle, nichts kümmerte sie noch. Yaro war tot. Genau wie alle anderen. Taris ließ sie los und Vaara sackte zu Boden. Morvans Stiefel schoben sich in ihr Blickfeld.
»Ausgezeichnet«, sagte er. »Halt mein Schwert gut fest, Mädchen. Wir nehmen dich mit.«
Sie brachten sie in den Wald. Früher wäre ihr ein solcher Ausflug aufregend erschienen, doch da hatte am Ende des Abenteuers stets ein Zuhause auf sie gewartet. Morvan hatte ihr die Handgelenke zusammengebunden und führte sie wie eine Ziege durch das Unterholz. Vaara folgte ihm gehorsam. Es gab keinen Grund, sich zu widersetzen. Sie war jetzt ganz allein auf der Welt. Und für Stunden war das ihr einziger Gedanke.
Alle tot.
Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Verstand wollte einfach nicht begreifen, was geschehen war. Es war, als wäre es einer Fremden zugestoßen, als würde sie den einäugigen Mann beobachten. Aus weiter Ferne, teilnahmslos.
Die Dunkelheit machte Morvan offenbar nichts aus. Er führte sie zu einem kleinen Fleck, an dem die Bäume nicht so dicht standen. Der zerbrochene Mond prangte hoch über ihnen am Himmel. Mit einem Wink seiner Hand entfachte der Maskierte ein loderndes Feuer.
Hektisch riss Vaara an ihren Fesseln. Ihre Haut kribbelte, als würden Ameisen durch ihre Adern kriechen. Schwindel überkam sie, dann schlug sie hart auf dem Boden auf. Morvan warf Taris das lose Ende des Stricks zu.
»Kümmere dich darum. Ich muss etwas überprüfen.«
Ein Luftzug streifte ihre Wange, trockenes Laub und Zweige knisterten unter hastigen Schritten. Stoff raschelte und Wärme hüllte sie ein. Taris hatte ihr seinen Umhang umgelegt.
»Ich will deine Hilfe nicht«, sagte Vaara.
»Mein Meister hat mir einen Befehl gegeben und den befolge ich.«
»Warum tust du das? Du bist genau wie ich.«
»Ich bin ganz und gar nicht wie du.«
Das Flackern des Feuers schimmerte rötlich durch den dunklen Kranz ihrer Wimpern. Sie kniff die Augen fester zusammen und alles wurde schwarz. Ihre Handgelenke waren aufgescheuert und sie hatte dröhnende Kopfschmerzen.
Taris zog sie auf die Füße.
»Setz dich«, sagte er. »Nein, nicht da. Dort drüben.«
Er schob sie vorwärts und zwang sie durch sanften Druck auf die Schultern in die Knie, bis sie mit dem Rücken gegen einen Baum stieß. Taris fesselte sie mit flinken Handgriffen an den Stamm und zog den Strick so fest, dass das Schwert gegen ihre Wirbelsäule gedrückt wurde. Die Flammen waren jetzt weiter entfernt; sie konnte ihre Wärme nicht mehr spüren. Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust ließ langsam nach.
»Ich wollte ihm das Schwert wirklich geben.« Sie musste es irgendjemandem erzählen. Der Gedanke, dass sie es nicht genug versucht hatte, machte sie verrückt.
»Natürlich wolltest du das«, sagte Taris. »Aber du hast keine Macht über das Schwert. Es hat Macht über dich.«
»Aber es ist nur ein Ding.«
»Du hast ja keine Vorstellung, was Magie bewirken kann! Sie ist zerstörerisch wie Feuer, unbeugsam wie Wasser, beständig wie Erde und allgegenwärtig wie Luft. Es gibt keine Grenzen für eine solche Kraft.« Seine blassen Wangen waren vor Aufregung gerötet, die wässrigen Augen glänzten verträumt.
»Warum hat es mich ausgewählt?«
»Die Gründe dafür kennen wir noch nicht.«
Vaara öffnete die Augen. »Wird dein Meister mich umbringen?«
Taris studierte sie wie ein Tier, das er zum ersten Mal aus der Nähe sah.
»Macht dir das Angst?«
»Nein«, flüsterte sie. »Jetzt nicht mehr.«
»Das sollte es auch nicht. Meister Morvan kann dich nicht töten. Das Schwert würde dich verteidigen, so wie es dich gegen deinen Bruder verteidigt hat. Du hast ja gesehen, was mit seiner Hand passiert ist. Mein Meister würde dieses Risiko niemals eingehen.«
»Ich kann das Schwert nicht umstimmen«, sagte sie. »Nicht so, wie du gesagt hast. Es hat nicht funktioniert.«
»Wir werden einen anderen Weg finden. Bis dahin musst du meinem Meister gehorchen. Dann lässt er dich vielleicht gehen, wenn es soweit ist.«
»Hat … Hat er meine Familie wirklich getötet?«
»Deine Familie und alle, die du kanntest«, sagte Taris.
Aus irgendeinem Grund glaubte sie ihm. Einen Schmerz wie diesen kannte Vaara nicht. Vor einigen Jahren hatte sie sich bei einem Sturz am Ufer den halben Rücken aufgerissen. Kendran hatte die Wunden einen ganzen Winter jeden Abend ausgewaschen, um die Entzündung in den Griff zu bekommen. Doch das war nichts gewesen im Vergleich zu den Qualen, die Taris’ Worte ihr bereiteten.
Seine kalten Finger legten sich über ihre Lippen.
»Still«, zischte er. »Du lockst die Finsterwesen an.«
Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie wieder zu weinen begonnen hatte, doch es kümmerte sie nicht.
Ist mir egal, dachte sie. Lass sie doch kommen! Kein Monster konnte ihr jetzt noch etwas anhaben. Sie hatte bereits alles verloren.
