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Nora und ihre langjährige Partnerin sind glücklich miteinander, meistens. Noras Leben gerät durcheinander, als sie sich während der Arbeit für die größte Plattform für Lebenspartnerschaften Matchforyou verliebt – zu ihrer eigenen Bestürzung in einen Mann. Das Leben in einer nicht allzu fernen Zukunft ist durch ein neues Partnerschaftsmodel geprägt: Die Menschen vertrauen auf die Objektivität der Algorithmen, um ihren idealen Lebenspartner zu finden. Das sind nach den Berechnungen der Plattformen Frauen für Frauen und Männer für Männer. Noras Affäre mit einem Kunden von Matchforyou ist nicht verboten, aber gesellschaftlich unerwünscht, weshalb sie niemandem von den Treffen mit Volker erzählt. Ausgerechnet bei einer Familienfeier taucht Volker unvermittelt auf. Obwohl der Roman in der Zukunft spielt, beschäftigt er sich mit Themen, die uns heute umtreiben. Wie geht eine Gesellschaft mit Minderheiten um? Wie sieht unser Alltag unter den Bedingungen von extremen Wetterverhältnissen aus? Wie entwickelt sich Familie jenseits von biologischer Elternschaft? Dabei lebt Nora in einer Gesellschaft, die davon angetrieben wird, sich selbst zu optimieren: die perfekte Party, der perfekte Körper, der perfekte Partner. Eine Tendenz, die sich auch schon in unserer heutigen Gesellschaft andeutet.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
Verena Goetze
Matchforyou
Liebe in Zeiten der Zufallslosigkeit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Nene
Helena
Michael
Sabine
Nora
annashia
Volker
Ellen
Jordan
Edward-Ow
Michaels Hochzeit
24 Stunden
22 Stunden
20 Stunden
16 Stunden
12 Stunden
4 Stunden
1 Stunde
0 Stunden
Epilog
Personenregister
Impressum neobooks
Aus Gründen der Gerechtigkeit wird im Text verallgemeinernd das generische Femininum verwendet. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen alle Personen; alle sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen und mitgemeint.
Italienische Opern, verschiedene Netzwerkgames und einige Konzertbesuche mit hochwertigen Drogencocktails: Nora ließ schon seit mehreren Minuten dasProfilüber ihr Sichtfeld gleiten, konnte aber nichts Ungewöhnliches in den Freizeitaktivitäten der Kundin entdecken. Sie ging auf das Oberflächenprofil und steuerte die Fotos an. Auch hier nichts Besonderes: lange braune Haare, braune Augen, schlichtes dunkles Shirt mit einem Cardigan. Man konnte sagen, annashia war eine klassische Erscheinung.
Auf den anderen Bildern sah man sie bei einer Tour durch die naturbelassenen Zonen. Sie trug hochwertige Outdoorkleidung und wirkte kein bisschen angestrengt, obwohl der Berggipfel verriet, dass sie einige Höhenmeter zurückgelegt haben musste, um dorthin zu gelangen. Wo war der Fehler? Der Fall annashia wirkte sich jetzt schon negativ auf Noras Zeitkonto aus, wie sie mit einem Blick auf das Produktivitätslevel ihres Teams feststellte.Sie zog sich die Rohdaten der Kundin heran – es war bereits das zweite Mal. Irgendetwas musste sie übersehen haben.
Geburtsland: Niederlande
Wohnort: Berlin
Größe: 1,82 Meter
Gewicht: keine Angabe
Alter: 36 Jahre
Beruf: Neuroimplanteurin
Nora grinste. Sie hatte gewusst, dass annashia irgendwas mit Bildung machte. Genauso sah sie auch aus. Sie öffnete den Bereich Sport. annashia hatte sehr viele Felder ausgefüllt, deutlich mehr als die Pflichtfelder. „So eine Übersportliche“, dachte Nora. Sogar in verschiedenen asiatischen Kampfsportarten hatte sie sehr hohe Level angegeben. Als Erstsemesterin hatte Nora einige Monate einen Taekwondo-Kurs besucht, das aber nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Offiziell, weil die Sportart ihre Wirbelsäule zu stark stauchte, in Wirklichkeit hatte sie aber auf der ewig kalten Matte in der kleinen Sporthalle zum ersten Mal erkannt, wie viel Kraft und Ausdauer es sie kosten würde, auch nur ein annehmbares Level zu erreichen und hatte erschrocken aufgegeben.
Nora atmete schwer. Warum teilte das System annashia keine Matches zu? Alle Felder waren ausgefüllt und die üblichen Abfragen hatten keine Auffälligkeit ergeben. Im Frontend gab es keine Erklärung dafür, sie würde in den Algorithmus selbst schauen müssen. Bevor sie einen Termin mit der nächsten freien Backend-Observerin vereinbarte, ging sie noch einmal in annashias Dashboard und von dortin den Nachrichtenverlauf. Hier konnte Nora sehen, dass sie selbst aktiv geworden war und einige Frauen selbstständig angeschrieben hatte – Eigeninitiative, die bei Matchforyou nicht vorgesehen war.
Matchforyou hatte sich auf LebensPaare spezialisiert, weshalb die Partnerinnensuche komplett automatisiert verlief. Die Kundinnen von Matchforyou erstellten ein Profil, indem sie Fotos von sich hochluden und einen Fragenkatalog zu ihren Vorlieben beantworteten. Es war allerdings ein offenes Geheimnis, dass nicht der Fragenkatalog, sondern das digitale Bewegungsprofil im Netz, welches die Mitarbeitenden bei Matchforyou auswerteten, die eigentliche Grundlage des Profils bildeten.
annashia gehörte zu den wenigen, die sich selbstständig auf die Suche nach passenden Profilen in der Datenbank von Matchforyou gemacht hatte. Die meisten der vielen Millionen Nutzerinnen weltweit vertrauten auf das Versprechen der Plattform, die eine passende Lebenspartnerin für sie zu finden und überließen die Auswahl den Algorithmen. Im Durchschnitt lieferte die Datenbank rund drei Treffer im Monat, das waren die sogenannten Matches, Kundinnen, die in einhundertprozentiger Übereinstimmung zueinander passten. Die Erfolgsquote war beeindruckend: Wer sich für eine Mitgliedschaft bei Matchforyou entschied, fand sein perfektes Gegenüber innerhalb von wenigen Wochen. So lautete jedenfalls das Werbeversprechen. Matchforyou war schon kurze Zeit nach der Einführung Marktführerin geworden. Die Firma warb damit, rund 40 Prozent aller LebensPaare auf der Erde initiiert zu haben.
Nora scrollte durch die Nachrichten von annashia. Sechsmal innerhalb der letzten drei Wochen hatte sie öffentlich sichtbare Profile angeschrieben. Weiter konnte auch Nora die Kommunikationsräume nicht einsehen, das regelten die Datenschutzbestimmungen von Matchforyou. annashia hatte ausschließlich Frauen angeschrieben. Keine hatte geantwortet. Die angeschriebenen Frauen ließen auf den ersten Blick kein Muster erkennen. Alle waren hübsch, doch wirkte die Auswahl auf Nora willkürlich: Kein Algorithmus der Welt hätte diese Paarkonstellationen errechnet. Nora öffnete ihr Dashboard und notierte das Ergebnis ihrer Untersuchung. Dann öffnete sie den internen Kalender, ließ sich die nächste freie Backend-Observerin anzeigen und vereinbarte einen 30-minütigen Termin für den nächsten Arbeitstag mit einer Kollegin Namens Karo. Der Name sagte ihr nichts.
Während sie sich noch ein letztes Mal für heute ihrem Dashboard zuwandte, um die aktuellen Änderungen an den von ihr und ihrem Team erarbeiteten Prozessen zu lesen, ploppte rechts unten in Noras Gesichtsfeld ihr Status-Update über ihr heutiges Workout auf: Auch heute hatte sie ihre Leistungen wieder leicht steigern können. Zumindest im Kardiobereich. Das sagte jedenfalls ihre Monatsstatistik, die das Programm anhand von einer aufsteigenden Kurve veranschaulichte. Im Bereich Muskelaufbau stieg die Kurve allerdings nicht an, sondern verlief horizontal. Nichts Neues für Nora: ihre genetischen Anlagen hatten nun mal dünne Ärmchen für sie vorgesehen, daran konnte auch das neue Sportprogramm nichts ändern, zu dem sie erst vor kurzem hatte wechseln dürfen – als Anerkennung für ihr zwölftes Jahr bei Matchforyou. Neben dem Sportprogramm hatte Noras Körper während ihrer Arbeitszeit auch entspannt, sauniert und war mit einer genau für sie errechneten Dosis an Energie, Vitaminen und künstlichem Sonnenlicht versorgt worden. Zufrieden klinkte sie sich aus dem System von Matchforyou. Ihre Tagesbewertung erschien und zeigte ihr an, dass sie alle Tagesaufgaben innerhalb von 9,5 Stunden erledigt hatte. Ihr Produktivitätslevel lag bei 85 Prozent, womit Nora höchst zufrieden war. Bei über 90 Prozent kam man bei Matchforyou für verantwortungsvollere Tätigkeiten in Frage und musste sich einem langwierigen Bewerbungsverfahren unterziehen. Das galt es aus Noras Sicht unbedingt zu vermeiden.
Wo hatte Nora ihren Speedo heute Morgen eigentlich abgestellt? Ihr Lieblingsplatz war besetzt gewesen. Daran erinnerte sie sich. Aber war sie dann nach oben oder nach unten gegangen? Nora verließ den Bürokomplex von Matchforyou und steuerte in Richtung Zweirad-Dome. Zügig betrat sie das schmale, in die Höhe gebaute Gebäude. Wie für die Uhrzeit üblich, war ein Nachmittagssturm aufgezogen und seine Orkanböen trieben Regenschauer vor sich her. Nora würde für den nicht-überdachten Teil ihres Nachhauseweges die U-Bahn nehmen müssen. Sie entspannte die Schulter- und Halsmuskulatur und ließ ihren Kopf in die gewohnte Position sinken. Mit ihrem Kinn konnte sie durch den Stoff ihrer Jacke hindurch die Wärme ihres Brustkorbs spüren. Sie verengte die Augen zu Schlitzen und klinkte sich ins System ein. Sie formte eine Frage für ihre digitale Assistenz: Wo ist Speedo? Sofort legte sich eine dreidimensionale Karte des Domes über ihr Gesichtsfeld. Auf der dritten Etage leuchtete ein roter Punkt mit dem Textfeld „Noras Speedo X-Racer 2124“. Ein blau gestrichelter Weg zeigte ihr die Route an und informierte sie darüber, dass sie 19 Meter von ihrem E-Bike entfernt war. Nach wenigen Sekunden hatte sie das metallic-blau glänzende Fahrzeug erreicht. Mit ihrem Fingerabdruck öffnete sie das Schloss, schwang sich auf den Sattel des Zweirads und rollte langsam eine der Ausfahrten herunter.
Nora wählte den Schnell-Tunnel vorbei an einer riesigen unbebauten Fläche, die vor vielen Jahrzehnten einmal ein Flughafen gewesen war und heute als größtes Anbaugebiet der Stadt zur Produktion von Frischnahrung genutzt wurde. Hier waren die meisten Bereiche für Fußgängerinnen gesperrt, weshalb die Verkehrsteilnehmenden ihre E-Räder stark beschleunigen konnten. Fast niemand nutzte für diese Strecke die eigene Muskelkraft. Die meisten Fahrzeuge rasten gleichmäßig im Automatik-Modus auf der dreispurigen Straße dahin und erreichten damit fast die Geschwindigkeit der parallel verlaufenden Straße für die Elektrofahrzeuge der verschiedenen Carsharing-Anbieterinnen.
Auch Nora hatte Speedo in den Automatik-Modus gestellt, um sich kurz ins System einklinken zu können. Wie erwartet hatte ihre Freundin Helena schon mehrere Nachrichten hinterlassen. Nora hatte ihr monatliches Alumni-Treffen mit ihren Freundinnen aus der Uni und bat nun Nora, auf dem Nachhauseweg bei ihrer Einkaufskooperative vorbeizufahren, um noch Lebensmittel für das Abendessen zu besorgen. Kurz überlegte Nora, die Nachricht zu ignorieren, direkt nach Hause zu fahren und Helena ohne frische Zutaten das Abendbrot kochen zu lassen. Sie könnte ja behaupten, sie hätte die Nachricht zu spät gesehen. Leider würde ein Blick von Helena genügen, um ihre Lüge zu entlarven. Sie hatten sich beide die vollen Rechte über ihre Profile eingeräumt, was beinhaltete, dass sie jederzeit sehen konnten, wo sie sich befanden und ob sie die Nachrichten der anderen gelesen hatten. Eine Entscheidung, die Nora zunehmend bereute.
Nora hätte gar nicht sagen können, wann das eigentlich genau angefangen hatte, dass sie immer mehr haushaltsnahe Tätigkeiten übernommen hatte. Eine Feststellung, die Nora nur schwer vor sich selbst zugeben konnte. Die paritätische Verteilung der Hausarbeit galt seit der Überwindung der Heterosexualität in allen gesellschaftlichen Schichten als selbstverständlich. Aber es half auch nicht, sich selbst anzulügen: Helena hatte Nora zu ihrer Haushälterin gemacht.
Eigentlich waren sie abwechselnd für das Kochen des gemeinsamen Abendessens zuständig und weil es beiden sinnvoll erschien, ging diejenige, die Kochdienst hatte, auch einkaufen. Wenn Nora allerdings an die letzten Wochen zurückdachte, hatte ausschließlich sie gekocht. Außer Freundinnen waren zu Besuch, dann war Helena die Köchin und Nora durfte ausschließlich Hilfsarbeiten, wie Gemüse schneiden und Gewürze anreichen, ausführen. Waren sie allein und Helena war mit dem Kochen an der Reihe, gingen sie spontan essen oder Helena bat darum, ihren Kochdienst verschieben zu dürfen.
Nora rief ihre Assistentin auf, um die Routenführung zu ändern. Als Zwischenziel fügte sie die Einkaufskooperative ein, wodurch sich der Streckenabschnitt mit der U-Bahn verkürzte. „Das hat ein Gutes“, dachte sie. So blieb weniger Zeit für das Treffen mit ihrer Mutter, mit der sie heute verabredet war.
An der U-Bahnhaltestelle angekommen, klappte sie den Speedo mit drei geübten Handgriffen zusammen, bestieg die nächste Bahn in Richtung Süden, klinkte sich ins System ein und begab sich direkt zu ihren Chaträumen. Ihre Mutter hatte offensichtlich schon gewartet. Nene war vor einigen Jahren in die naturbelassene Zone gezogen und lebte somit quasi illegal auf der Erde. Da die Netzabdeckung in den naturbelassenen Zonen dürftig war, hatten Nora und sie feste Chatzeiten vereinbart. Wenn Nora es richtig verstand, musste ihre Mutter dazu an den Rand der urbanen Zone gehen. Dort hatten „ihre Leute“, wie Noras Mutter die anderen Illegalen nannte, einen Netzzugang eingerichtet, um zum Beispiel in Kontakt mit ihren Kindern bleiben zu können. Alle Illegalen hatten gemein, dass sie sich weigerten, sich einen Netzzugang implantieren zu lassen. Hin und wieder konnte Nora den Entschluss ihrer Mutter nachvollziehen. Der Wunsch, einfach nicht mehr auffindbar zu sein, überkam auch sie von Zeit zu Zeit. Wenn sie so viel Selbstreflexion zuließ, musste sie sogar feststellen, dass der Wunsch momentan besonders groß war.
Nora verurteilte nicht, wie ihre Mutter lebte, aber sie verurteilte, wie es dazu gekommen war. Bis ihre Mutter ihren aktuellen Liebhaber kennengelernt hatte, hatte sie nämlich keine Probleme mit dem „System“ gehabt. Um genau zu sein, hatte ihr die Rolle an der Seite von Ellen Silberberg ganz gut gefallen. Nora war 12 Jahre alt, als sie die zukünftige Partnerin ihrer Mutter kennenlernte. Wie ihre Mutter Ellen kennengelernt hatte, hatte sie nie herausgefunden. Für das Treffen hatten Nene und Ellen ein beliebtes Restaurant gewählt. Mit am Tisch saß Ellens Sohn Michael, der genau 3 Monate und 5 Tage älter war als Nora selbst. Während die vier auf ihre Mittagessen warteten, hatten Ellen und ihr Sohn fast ununterbrochen geredet. Das Gespräch sollte eine lockere Plauderei sein, aber die Anspannung wegzureden, war nicht möglich gewesen. Auf dem Nachhauseweg hatte Nora ihre Mutter gefragt, wer diese Frau eigentlich gewesen sei. Nene hatte geantwortet, dass das ihre sehr gute Freundin Ellen sei und dass sie das doch schon längst erzählt hätte. Zwei Tage später waren Nora und ihre Mutter zu Ellen und Michael in das große Haus am Stadtrand gezogen.
Nora hatte sich sofort gut mit Ellen verstanden. Weniger, weil sie eine Nähe zu ihrer neuen Stiefmutter aufbauen konnte, sondern eher, weil sie intuitiv wusste, dass Ellen ihre Chance war, dem rastlosen Leben ihrer Mutter, und damit gezwungenermaßen auch ihrem, eine Ruhepause zu gönnen. Als Nora kurz nach dem Auszug ihrer Mutter ebenfalls auszog, weil sie keine Bleibeberechtigung mehr für sich sah, hatte sie die längste Zeit ihres bisherigen Lebens in Ellens Haus gelebt. Ähnliches galt für Nene: Zehn Jahre in einer Beziehung waren für sie ein Rekord.
Nenes Auszug verlief so schnell wie ihr Einzug. Sie hinterließ ihrer Tochter, ihrer Ehefrau und Michael einen Brief: es sei ja nicht für immer, sie müsse auf ihre innere Stimme hören, sie würden es jetzt nicht verstehen, aber vielleicht irgendwann. Ein paar Tage später hatte Nene die Abwesenheit ihrer Familie genutzt, um einige Kleidungsstücke, ihren Schmuck sowie einige teure Gemälde und Teppiche von Ellen einzupacken und mitzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt war sie im Netz schon nicht mehr auffindbar.
Obwohl Nene die Ehe eigentlich ablehnte, hatten sie und Ellen schnell geheiratet. Nora war erleichtert, als Ellen sie fragte, ob sie sie adoptieren dürfe, damit sie alle den Namen Silberberg tragen könnten. Erste Zweifel ob der Richtigkeit ihrer Entscheidung kamen ihr allerdings schon am ersten Schultag in der neuen Schule. „Bist du verwandt mit Ellen Silberberg?“ Diese Frage sollte sich von da an regelmäßig wiederholen. Nora brauchte etwas, um eine passende Antwort zu finden, bis sie herausfand, dass ein schlichtes „Nein“ das Gespräch am schnellsten beendete. Obwohl Ellens wenig glamouröser Abgang von der politischen Bühne schon elf Jahre zurücklag, wurde sie hin und wieder noch auf ihren Nachnamen angesprochen. Jetzt allerdings antwortete sie mit „Ja“, wenn sie das Gespräch nicht fortsetzen wollte. Das daraus resultierende kurze Schweigen nutzte sie, um sich auf einer Party einen Drink zu holen oder mit einem „Bis später“ zu verschwinden. Auf diese Weise hatte sie auch Helena kennengelernt.
Die Hochzeit von Ellen und Nene war ein gesellschaftliches Ereignis, welches Ellens PR-Beraterinnen geschickt nutzten, um der damals schon aufflammenden Kritik an der Chefin der Operation Neuland etwas Positives entgegenzusetzen. Die Bräute feierten Zuhause im engsten Kreis mit rund 300 Gästen, davon waren eine Handvoll Ellens Studienfreundinnen, der Rest waren Parteimitglieder und andere Amtsträgerinnen. Nene hatte keine Freundinnen aus Studienzeiten. Neben Nora hatte sich Nene eigentlich immer nur auf ihre häufig wechselnden Partnerinnen konzentriert und das hatte selten in Freundschaft geendet. So lud Nene ihre Familie ein, von der es viele Mitglieder gab.
Nene stammte aus einer Familie, deren größte Sorge der gesellschaftliche Abstieg war. Mit leidlich guten Schulnoten und zeitgemäßer technischer Ausstattung versuchten sie, diese Angst zu verbergen. Außenseiterinnen wie Nene wurden nur so lange toleriert, wie sie die Ausnahme blieben.
Die Hochzeit war – dank Ellen – perfekt ausgerichtet: Das Haus war stimmungsvoll dekoriert, das Menü erlesen und sogar das Wetter zeigte sich gnädig, sodass die Gäste bis weit nach Mitternacht den weitläufigen Garten nutzen konnten, bis das übliche Unwetter über den Feiernden aufzog. Dank Nene wurde noch sehr lang über die Hochzeit gesprochen. Neben einer Rabbinerin war auch ein buddhistischer Priester anwesend, um den Bräuten den Segen auszusprechen. Nora war berauscht von so viel Großbürgerlichkeit und dem großzügig ausgeschenkten Champagner gewesen. Ihr Leben schien nun endlich in geordneten Bahnen zu verlaufen. Natürlich war ihr aufgefallen, dass ihre Verwandten nicht recht zum Rest der Festgesellschaft passten. Sie hielten die Champagnergläser weniger elegant, die Festgarderobe passte sich nicht so perfekt zur Umgebung und trotzdem fühlte sie sich zugehörig, bis sie auf dem Weg zur Toilette ein Gespräch von zwei Gästen mithörte. Eine Frau in einem cremefarbenen schulterfreien Kleid und ein schlanker Mitfünfziger in einem maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug sprachen über ihre Mutter. Aus ihrer Perspektive war Nene aufgrund ihrer mangelnden Bildung und fehlenden Umgangsformen eine schlechte Wahl, noch nicht einmal besonders hübsch. Es fehlte ihnen jegliches Verständnis dafür, was die beiden Bräute miteinander verband. Nene würde Ellen ausnehmen und unglücklich zurücklassen – was nachträglich betrachtet eine durchaus zutreffende Analyse war.
Die Beziehung von Ellen und Nene zeigte schon vor der Hochzeitsnacht erste Risse. Nene war so betrunken, dass sie spätestens ab dem Gewitter anfing, jedem Gast unangenehm aufzufallen. Das galt im Übrigen auch für den größten Teil ihrer eigenen Familie. Dabei war die Tatsache das sie betrunken war nicht das Ärgernis ihrer frisch vermählten Ehefrau, sondern dass sie es jedem Hochzeitsgast persönlich erzählte, inklusive des Details, dass sie sich dringend übergeben müsse.
Innerlich bedrohlich gereizt, doch äußerlich die Ruhe selbst, versuchte Ellen Nene unter sanftem Zureden von der Tanzfläche zu bugsieren. Was anfangs gelang, endete in einer Szene, die sich Nora tief ins Gedächtnis brannte. Unter den Klängen eines zu der Zeit beliebten Pop-Hits, riss sich Nene los, stürmte wieder auf die Tanzfläche, um dort die Arme in die Höhe zu reißen und unter dem Applaus ihrer Familie zu rufen: „Du gehörst mir!“.
Dieser Ablauf sollte sich in den folgenden Jahren regelmäßig wiederholen. Nene kündigte bei öffentlichen Partys an, nie Alkohol zu trinken und deshalb besonders schnell einen Schwips zu haben, dann orderte sie Sekt und trank sich in die Weichheit eines Rausches hinein. Die zwei folgenden Akte drehten sich um die Themen Exzess und Übelkeit. Ellen warf ihr vor, sie in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen, Nene schwieg.
War es in den ersten Jahren ihrer Ehe deswegen noch zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, in denen Nene mehrmals mit gepackten Sachen und Nora an der Hand das Haus verlassen hatte, um sich von Ellen ein paar Stunden später in einem Hotel abholen zu lassen, so entwickelten sie im Laufe der Jahre eine andere Strategie: Entfremdung. Ellen hatte durch die Operation Neuland auf politischer Ebene schon eine größere Bekanntheit erlangt. Mit der weltweiten Relevanz des Projektes wurde sie innerhalb kurzer Zeit eine Person des öffentlichen Lebens. Nene, die sich ihr ganzes Leben nicht recht an einen Job binden wollte, hatte umgehend nach der Hochzeit den Broterwerb eingestellt, offiziell mit der Begründung, ihrer vielbeschäftigten Ehefrau den Rücken freihalten zu wollen. Sie versorgte die zwei Kinder, die jedoch schon in der Pubertät waren und sich so gut es ging der Aufmerksamkeit ihrer Mütter entzogen. Die meiste Zeit des Tages beschäftigte sie sich mit den verschiedensten esoterischen Strömungen oder spielte Fantasy-Spiele. Es gab Tage, da holte sie Ellen erst am späten Abend aus dem Netz zurück in das heimische Wohnzimmer. Nachdem Nene durch das exzessive Spielen auf ein lebensbedrohliches Gewicht abgemagert war, intervenierte Ellen und zwang sie, eine stationäre Suchtklinik aufzusuchen. Hier lernte Nene ihre neue Liebhaberin kennen.
Nora blieben nur 12 Minuten für das Treffen mit ihrer Mutter. Obwohl es eigentlich nicht vorgesehen war, dass Menschen sich ihren in den Körper implantierten Netzzugang wieder entfernen ließen, gab es einige selbstgebaute öffentliche Zugänge, die, soweit Nora wusste, auch nicht von den Behörden geschlossen wurden, was vermuten ließ, dass die Zahl der sogenannten Illegalen gar nicht so klein war.
Nora hat den Chatroom mit ihrer Mutter „Immer wieder sonntags“ genannt, weil sie sich anfänglich jeden zweiten Sonntag im virtuellen Raum trafen. Nenes Persona trug dasselbe wie sonst auch. Um diesen Punkt beneidete Nora ihre Mutter: Nene wählte nur noch in der realen Welt Kleidung für sich aus. Ihre Persona beließ sie für die wenigen Treffen mit ihrer Tochter so, wie sie war, als sie ihren persönlichen Netzzugang operativ hatte entfernen lassen: in einem kurzen roten Minikleid.
Mit Zunahme der virtuellen Räume, sowohl im beruflichen Kontext als auch für private Treffen, war ein ganzer Programmiererinnenzweig für Personas entstanden. Obwohl alles an Gestaltung möglich gewesen wäre, entschieden sich die meisten Menschen für eine Persona, die im Prinzip so aussah wie sie selbst in der realen Welt, nur etwas glattgezogener: weniger Falten, weniger Bauchspeck, dafür mehr durchtrainierte Körper und vollere Haare. In den letzten Jahren war das Optimieren der Persona in die Kritik geraten. Insbesondere im Bereich der Lebenspartnersuche hatte es einige unangenehme Zwischenfälle gegeben, weshalb mittlerweile die große Mehrheit der Personas im Großen und Ganzen Spiegelbilder ihrer Besitzerinnen waren, nur besser angezogen. Besonders im beruflichen Kontext war es üblich, der eigenen Persönlichkeit durch täglich wechselnde Programmierungen des Persona-Outfits Ausdruck zu verleihen. Das hatte zur Folge, dass die virtuellen Räume gefüllt waren mit gut gekleideten Personas, während die Menschen auf der Straße, bedingt durch die Wetterextreme, zunehmend praktischer und dadurch auch einheitlicher gekleidet waren.
„Hübsches Kleid, so schlicht“, lobte Nene Noras Outfit, wobei sich Nora nicht sicher war, ob das Lob ihrer Mutter ernst gemeint war. „Dunkelblau macht mich ja leider so blass.“
Dafür, dass Nene nun in einer Gemeinschaft lebte, in der nach Selbstaussage das Äußere nicht zählte, war sie eigentlich immer an Noras Kleidung interessiert und in der Mehrheit fand sie, dass Nora ihren Körper viel zu sehr unter weiten, dunkelblauen Shirts versteckte. „Das hast du doch gar nicht nötig“, pflegte sie bei solchen Gesprächen zu sagen. „Wenn ich noch einmal so jung wäre wie du.“
„Was dann?“, fragte Nora daraufhin, aber Nene antwortete immer nur mit einem leichten Schulterzucken. Alternativ sagte Nora manchmal auch, dass ihr die dunkelblauen weiten Shirts gut gefielen, was aber auch nur das angedeutete Schulterzucken hervorrief.
„Ich habe nur noch 11 Minuten“, versuchte Nora ihre Mutter auf ein anderes Thema zu lenken. „Warum wolltest du mich so dringend sprechen?“
„Dein Bruder Michael hat mich zu seiner Hochzeit eingeladen. Und ich werde kommen!“
Nora betrat die Einkaufskooperative. Per Iris-Scan überprüfte das System Noras Identität. Da es sich um die ihr zugewiesene Filiale handelte und Nora und Helena in diesem Monat schon einen größeren Betrag umgesetzt hatten, würde Nora heute eine Ermäßigung von fünf Prozent erhalten. Eigentlich ihr Standard, aber das System verkündete diese Botschaft jedes Mal aufs Neue mit inbrünstiger Begeisterung in der künstlich erzeugten Stimme, die direkt in Noras Großhirn geleitet wurde. Außerdem, so verkündete die Stimme, hatten Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln sowie noch zehn weitere Obst- und Gemüsesorten aktuell den richtigen Reifegrad erreicht und Gurken gab es heute im Angebot.
Während Nora den Weg in Richtung Gemüseabteilung einschlug, rekapitulierte sie das Gespräch mit ihrer Mutter. Als sie die geschmackvoll gestaltete Einladung zu Michaels Hochzeit in ihrem Posteingang fand, galt ihr erster Gedanke ihr: „Hatte ihr Stiefbruder auch Nene zu seiner Hochzeit eingeladen? Und wenn ja, dachte sie ernsthaft darüber nach, die Einladung anzunehmen?“. Eigentlich hätte Nora sich diese Frage auch sparen können. Natürlich hatte Michael seine Stiefmutter zu seiner Hochzeit eingeladen. Er hatte die aus Noras Perspektive schlechte Eigenschaft, von allen geliebt werden zu wollen. Ein Grund, warum Nora Michael für die Ehe ungeeignet hielt.
In der Gemüseabteilung empfing Nora eine feuchte Wärme. In zehn Meter langen Reihen wuchsen verschiedene Gemüsesorten: Tomaten neben Gurken, Auberginen neben Zucchini. Durch das perfekte Maß an Nährstoffen, Licht und Temperatur konnte das Gemüse in den Einkaufskooperativen unter idealen Bedingungen wachsen. Das Fehlen von Schädlingen machte den Einsatz von Pestiziden unnötig. Autonom fliegende Bienenroboter übernahmen fortlaufend die Bestäubung der Pflanzen. Zusätzlich wurde durch die Steuerung des Lichts der Tag künstlich verlängert, was die Früchte im Vergleich zum konventionellen Anbau deutlich schneller reifen ließ. Die extremen Wetterverhältnisse hatten den Freilandanbau unwirtschaftlich gemacht.
Nora entschied sich für Aubergine und Zucchini. Eine einfache Pasta sollte für heute genügen. Sie steuerte über das Display die Symbolbilder an. Auf dem Display erschien die mögliche Auswahl. Die Kamera scannte die Auberginen und Zucchinis mit dem passenden Reifegrad ab, wählte auf dem Touchpad zwei mittelgroße Auberginen aus und legte sie in ihren digitalen Einkaufskorb. Sofort steuerten zwei Greifarme das ausgewählte Gemüse an, trennte es von der Pflanze und legte die Ware auf das Transportband in Richtung Kasse.
Kurz überlegte Nora, aus Protest gegen Helenas Methode, ihr den Haushalt überzustülpen, statt Zuchtfleisch das teure, traditionell hergestellte Fleisch zu kaufen. Die Wetter- und Bodenverhältnisse hatten das Halten von Schlachttieren teuer gemacht. Helena lehnte das konventionelle Fleisch aber auch aus anderen Gründen ab: Wie konnte sie sicher sein, dass die Nutztierhalterinnen sich an die Gesetze zur Tierhaltung hielten und ihren Tieren den teuren Aufenthalt im Freigelände ermöglichten?
Mit Beginn der Klimakatastrophe hatte es einige unschöne Skandale gegeben. Bäuerinnen, die partout an der konventionellen Tierhaltung festhalten wollten und ihre Tiere in enge und lichtlose Bunker sperrten. Die konventionelle Tierhaltung hatte sich niemals ganz von diesem PR-Tief erholt. Da ging Helena lieber auf Nummer sicher und kaufte ausschließlich Fleisch aus dem Labor.
Auf dem Weg zur Kasse durchquerte Nora die anderen Abteilungen der Einkaufskooperative. Interessiert betrachtete sie die dort ausgestellten Produkte. Eine neue Schokoladenmarke präsentierte sich in einer 3-D-Animation. Den potentiellen Käuferinnen wurden Bilder von echten Kakaobohnen gezeigt, die an exotischen Orten von ausnehmend glücklich wirkenden Menschen zu einer samtenen Masse verrührt wurden. Tatsächlich rühmte sich das Produkt damit, Kakaobohnen aus dem sogenannten halb-konventionellen Anbau zu nutzen. Bei dieser beliebten Methode wurden die Pflanzen stundenweise dem echten Sonnenlicht ausgesetzt, was sich laut Marketing positiv auf den Geschmack auswirkte. Den Beitrag betrachtend steckte Nora sich ein Stück der ausgestellten Schokolade in den Mund. Auch wenn Nora wusste, dass die Szene aus der Animation wenig mit der Realität zu tun hatte – wie alle anderen Pflanzen dieser Anbaumethode wuchsen auch die Kakaopflanzen für diese Schokolade in einem Gewächshaus mit modular bewegbaren Dächern – vermischten sich doch der süße Geschmack und die fröhlichen Menschen zu einem positiven Gefühl. Per Klick legte sie sich eine Tafel der neuen Schokolade in ihren Warenkorb.
Bevor sie zur Warenannahme schlenderte, steuerte sie noch die Getränkeabteilung über das Display an. Hier brauchte sie keine Inspiration, sondern wählte zwei Flaschen ihres aktuell favorisierten Rotweins aus. Helena und sie hatten bei der automatisierten Lebensmittelbestellung angegeben, dass sie in der Woche nur zwei Flaschen Wein trinken wollten. Heute war Donnerstag und beide Flaschen waren bereits leer. Ihr war es unangenehm, die wöchentliche Zwei-Flaschen-Ration zu erhöhen. Auch wenn der Algorithmus selbst sie nicht für Alkoholikerinnen halten würde, löste sie das Problem lieber auf diese Weise. Und heute Abend würde ihr ein Glas Wein guttun, da war sie sich sicher.
Obwohl der gesamte Konsum im Netz stattfand, hatten sich die Einkaufskooperativen zu beliebten Treffpunkten für die Nachbarschaft entwickelt und waren fast immer gut besucht, auch wenn sie für die Grundversorgung mit Gütern gar nicht nötig waren. Bis auf die Lebensmittel für die gemeinsamen Abendessen wurden auch Helena und Nora alle Produkte über ihr Home-System direkt nach Hause geliefert, sobald sie aufgebraucht waren. Die bestellten Produkte wurden mit autonom fahrenden Kurierdiensten direkt zu den Kundinnen geliefert, sicher verwahrt im Hauseingang, wo sich die Hausbewohnerinnen gekühlte Aufbewahrungsboxen teilten.
Ganz am Anfang ihrer Beziehung hatten Helena und Nora ganz spontan zwei Plätze für eine Urlaubswoche in den naturbelassenen Zonen bekommen. In ihrer Verliebtheit hatten sie vergessen, die Tage in ihren Kalendern mit „abwesend“ zu markieren. Als sie angenehm erledigt nach Tagen des Lebens unter den Bedingungen der klimatischen Veränderungen und vorfreudig auf die Annehmlichkeiten der urbanen Infrastruktur nach Hause kamen, hatten ihre Nachbarinnen erzürnt alle frischen Lebensmittel aus ihrer Home-System-Bestellung aus der Kühlung genommen, um Platz für ihre eigenen Lebensmittellieferungen zu schaffen. Damals hatte ein ganzer Korb diverser Milchersatzprodukte, Gemüse, Obst, Aufstriche, Fleisch und Brot sie vor ihrer Wohnungstür empfangen. Wäre nicht dieser leicht faulige Geruch von dem Sammelsurium ausgegangen, Helena und Nora hätten es im ersten Moment als Willkommensgeschenk deuten können. Stattdessen waren sie, ohne einander anzusehen, zeitgleich in hysterisches Lachen ausgebrochen, waren in die Wohnung geeilt, um Lappen und Feger zu suchen und hatten ihren Nachbarinnen eine entschuldigende Nachricht über ihren Haus-Chat zukommen lassen. Als Nora den Chat über ihre Assistentin angesteuert hatte, sah sie, dass ihre Nachbarinnen schon einige Nachrichten mit dem Betreff „Bestellung bitte abholen“ gepostet hatten. Schnell erklärte sie die Umstände, untermauert mit Bildern von Helena und sich selbst beim Wandern durch die unbewohnten Gebiete. Postwendend kamen freundlichere Nachrichten zurück – natürlich hatte die Nachbarschaft für das Missgeschick der Frischverliebten Verständnis und nachträglich verziehen sie auch die unangemessen lange Wartezeit auf die Rückmeldung auf ihre Nachrichten. In den naturbelassenen Zonen gab es keine Möglichkeit, online zu sein.
Im Kassenbereich nahm Nora ihre Ware in Empfang und verstaute sie in ihrer Fahrradtasche. Auf einem Display erschien der Betrag, der von ihrem Kundenkonto abgezogen wurde. Mit ihrem Daumenabdruck bestätigte sie die Richtigkeit des Vorgangs.
Kurz bevor sie die Einkaufskooperative verließ, klinkte sich Nora in das System und postete ein Foto der Auberginen und Zucchinis mit der Frage: HAT JEMAND TIPPS FÜR EINE PASTA HIERMIT in ihre Timeline.
Auf dem Weg zu ihrem Speedo fiel Noras Blick auf das benachbarte Community-Center ihres Viertels. Eine 3-D-Projektion im Fenster des nüchternen Neubaus warb für eine große Party zum 50-jährigen Bestehen des Zentrums. Community-Center waren flächendeckend eingeführt worden, um der um sich greifenden Systemsucht zu Beginn der 80er-Jahre des 21. Jahrhunderts etwas entgegenzusetzen.
Die auf dem Höhepunkt der Klimakatastrophe in die Städte drängenden Menschen waren durch das bedingungslose Grundeinkommen zwar finanziell versorgt, aber es fehlten Beschäftigungsmöglichkeiten für sie. Viele hatten durch den erzwungenen Umzug ihre sozialen Strukturen auf dem Land verloren und fühlten sich dadurch isoliert. Oft fehlte den Umsiedlerinnen, wie sie genannt wurden, die nötige Bildung, um in der städtischen Infrastruktur zu arbeiten oder die Fähigkeit, sich anderweitig in die Gemeinschaft einzubringen und damit zumindest ein hohes Soziallevel auf ihren Profilen zu erreichen. Sehr viele Menschen begannen nur noch im System zu leben. Das führte zu einer dramatisch anwachsenden Zahl von Polizeieinsätzen, bei denen dehydrierte und halb verhungerte Menschen aus ihren Wohnungen geborgen werden mussten. Die Zahlen waren so hoch, dass sich europaweit Krisenstäbe bildeten, um Lösungen für das wachsende Problem zu finden. Besonders knapp fiel eine Abstimmung im Europäischen Parlament aus, bei der die Abgeordneten über eine Verpflichtung zum Tragen eines Vitalfunktionenmessers abstimmten. Mit wenigen Stimmen wurde die Gesetzesnovelle abgelehnt. Die knappe Mehrheit der Abgeordneten sah darin eine Verletzung des individuellen Rechts auf Privatsphäre.
Eine entscheidende Veränderung brachte die Idee einer jungen Bürgermeisterin einer Stadt im Osten des Landes. Sie wandelte verschiedene Immobilien zu Gemeinschaftsräumen um, in denen die sogenannte Socialcare koordiniert wurde. Rund um die Community-Center entstand ein ganzes Netzwerk an informellen Beschäftigungsfeldern. Für jedes noch so ausgefallene Hobby fand sich eine Gruppe. Anfänglich als Rückfall in die DDR belächelt, als es in jedem noch so kleinen Ort ein Dorfgemeinschaftshaus gab, gingen die Zahl der Noteinsätze erheblich zurück und die Community-Center wurden zum Standard für jedes Viertel. Auch die Organisation der Kinderbetreuung und die Versorgung der Kranken und Alten wurde nach einigen Jahren komplett in die Einrichtungen verlagert.
Nora hatte schon länger keine Veranstaltung mehr im Community-Center besucht. Um genau zu sein, war ihr Level im Bereich Nachbarschaftshilfe sogar ziemlich niedrig. Ihr letzter Eintrag in ihrem Profil war vor 6 Monaten gewesen. Zusammen mit Helena hatte sie einen Fingerfood-Stand auf einem Nachbarschaftsfest betreut. Seitdem gab es keinen einzigen Eintrag mehr. Nicht, dass geringes Engagement im Community-Center strafbar war, niemand wurde zu Socialcare gezwungen. Aber gut sah die klaffende Lücke in Noras Profil auch nicht aus. Zumindest ein paar Kleidungsstücke könnten sie und Helena für den Gemeinschaftsladen aussortieren, nahm sich Nora vor. Dann könnte sie zumindest eine Kleinigkeit in ihr Profil hochladen.
Auf der Straße überspülte das Wasser eines Platzregens die nicht-überdachten Bereiche der Straße. Nora sprang mit drei großen Schritten unter den überdachten Vorplatz des Community-Centers. Wie an jeder Straßenecke üblich, war der Vorplatz mit verschiedenen Sitzgelegenheiten und einem Spielplatz ausgestattet. Einige Erwachsene standen um den Spielplatz herum, miteinander ins Gespräch vertieft, während eine Handvoll Kinder auf den Spielgeräten kletterten. Nora erkannte ihre Nachbarin Heidi und winkte ihr zu. Ihr fiel ein altes Video von dieser Straße ein, das sie neulich im System entdeckt hatte. Der breite Gehweg, der links und rechts von repräsentativen Altbauten gesäumt war, war damals noch eine vierspurige Straße gewesen. Die Bürgersteige waren durch Auto-Parkstreifen so eng, dass Menschen mit Kinderwagen nur schwer an entgegenkommenden Passanten vorbeikamen. Sie und Helena waren entsetzt gewesen, wie wenige Jahrzehnte es erst her war, dass so fast alle Städte ausgesehen hatten.
Wenn Nora die alten Videos betrachtete, hatte sie den Eindruck, die Menschen hätten früher die Städte für Autos konzipiert, nicht für sich selbst. Ihre Großmutter hatte ihr erzählt, dass noch in ihrer Jugend fast jede Familie ein eigenes Auto besaß. Eine absurde Vorstellung, standen diese Autos doch die allermeiste Zeit herum und nahmen den Menschen wertvollen Platz weg. Um dem Lärm und der schlechten Luft in den Städten zu entfliehen, so berichtete ihre Oma weiter, waren die Menschen dann an ihren freien Tagen hinaus auf Land gefahren. Da das aber alle taten, bildeten sich an den Wochenenden lange Staus. Erst die per Notstandsdekret eingeführten Klimaschutzgesetze hatten dem ein Ende gemacht. Aber das war auf dem Höhepunkt der Klimakatastrophe gewesen, als sich durch die hohe Zahl der Umsiedlerinnen die Städte sowieso drastisch veränderten.
Nora neigte ihren Kopf, um sich in das System einzuklinken. Sie formte den Wunsch, mit Helena zu sprechen, und sofort erschien ihre Assistentin in ihrem Blickfeld und fragte, ob sie sie mit Helena verbinden solle. Helena saß mit fünf weiteren Personas in ihrem eigens für ihre Alumni-Treffen kreierten Raum. 3-D-Animationen aus ihrer gemeinsamen Studierendenzeit wurden nach einem Zufallsprinzip eingeblendet, was dem Raum die Atmosphäre einer Gedenkstätte verlieh. Nora wusste nicht, wer aus der Gruppe das Backend programmiert hatte, tippte aber auf Jochen. Er hatte schon immer einen Hang zum Kitschigen gehabt. Noras Konterfei tauchte in Helenas Gesichtsfeld auf, verbunden mit einer leisen Melodie, die nur sie benutze. Mit einem „Schaut mal wer wissen möchte, was ich so mache“, gestattete Helena Noras Aufnahmewunsch.
„Hi!“
Nora lächelte in die Gruppe und sagte zu Helena gewandt: „Ich wollte eigentlich gar nicht dazukommen, sondern dich nur kurz fragen, wann du zu Hause bist“.
„Bald, Süße, bald“, erwiderte Helena mit einem leicht genervten Unterton in der Stimme.
Es war Jochen, der Noras irritiertes Schweigen beendete: „Nora, schön dich zu sehen! Wie geht es dir?“
„Gut, danke. Ich war gerade einkaufen.“
Nicht nur, dass Helena sie vor ihren Freundinnen klein machte, nun trug sie selbst durch ihren wenig souveränen Auftritt auch noch zu einem schlechten Eindruck bei. „Ich war gerade einkaufen, wie uncool war das denn?“, empörte Nora sich innerlich über sich selbst.
Später beim Abendessen versuchte Nora, Helenas Verhalten bei dem Alumni-Treffen noch einmal zu thematisieren. Ohne Erfolg, Helena würgte das Thema mit dem Hinweis auf einen stressigen Tag sowie viele andere Konflikte, mit denen sie sich schon im Laufe ihres Arbeitstages hatte auseinandersetzen müssen, sofort ab. Deutlich mehr Interesse zeigte sie für Noras Gespräch mit ihrer Mutter.
„Nun wird die Hochzeit deines Stiefbruders endlich interessant! Wie lange ist es jetzt her, dass sich Nene und Ellen zuletzt gesehen haben?“
„Vierzehn Jahre.“
Die Aussicht auf etwas Drama bei Michaels wahrscheinlich perfekt durchorganisierter Hochzeitsfeier stimmte Helena ausgesprochen fröhlich.
Helenas Verhältnis zu Noras Familie war ambivalent: Ihr war es wichtig zu betonen, dass sie durch ihre Rolle als Noras Partnerin, quasi aus der Beobachterinnenperspektive heraus, eine objektive Sichtweise auf die Familie hatte, um schlussendlich aber immer Partei für Nene zu ergreifen. Helenas Sympathien für Nene hatten allerdings wenig mit Nene selbst zu tun. Vielmehr war sie fasziniert von der Absolutheit der Rolle, die Nene innerhalb der Familie bekommen hatte, nachdem sie die Familie über Nacht verlassen hatte. Die Rolle der bösen Mutter. Auch wenn das nie ausgesprochen wurde, so gab es doch eine stille Übereinkunft in der Familie Silberberg, dass alles Schlechte von Nene ausging.
Helena hatten den Kontakt zu den wenigen verbleibenden Mitgliedern ihrer eigenen Familie abgebrochen. Dem vorausgegangen war eine rund dreijährige, sehr intensive Therapiephase, an deren Ende der Entschluss stand, dass es für sie besser wäre, keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie zu haben. In dieser Zeit war ihr Therapeut Max Hermanski so existenziell wichtig für Helena geworden, dass sie wiederum anderweitig Hilfe suchen musste, um die Trennung von Max zu verkraften, der ihr nach dem Zwischenfall im dritten Jahr ihrer gemeinsamen Sitzungen erklärte, sie nicht mehr behandeln zu können. Max hatte die Aufkündigung ihres Patientinnenverhältnisses so bestimmt formuliert, dass Helena sich sicher war, dass er diese Sätze vorher geübt hatte.
So wechselte sie zu Dr. Margot Hofmann. Frau Dr. Hofmann war freundlich und mitfühlend, aber Helena vermisste echte Empathie. Gemeinsam mit Dr. Hofmann erlernte sie Methoden, um mit dem Verlust, sowohl von ihrer Familie als auch von Max Hermanski, umzugehen. Sie lernte, dass Verlassenwerden keine Abwertung ihres Selbst bedeutete und der Schmerz des Verlustes heilbar war. Nach rund 100 Therapiesitzungen verabschiedete sie sich mit einem Päckchen Plätzchen, es war Weihnachten, von Frau Dr. Hofmann, um sich direkt im Anschluss mit ihrer neuen Freundin Nora zu treffen.
Helena hatte ihrem Vater in einer E-Mail mitgeteilt, dass sie ihn nicht mehr sehen wolle und auch darum gebeten, auf seine Anrufe zu Weihnachten und zu ihrem Geburtstag zu verzichten. Darauf hatte sie zwar nie eine Rückmeldung bekommen, aber an ihrem nächsten Geburtstag blieb der Anruf tatsächlich aus. Als Helena an ihrem Geburtstag gegen 23 Uhr ein letztes Mal ihre Assistentin bat, ihr alle eingegangenen Nachrichten und unbeantworteten Anrufe vorzulesen, war ihr Vater nicht darunter. Damals hatte sie eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung empfunden.
Als sie ihren Vater allerdings zwei Jahre danach auf der Straße wiedererkannte, setzte ihr Herzschlag für eine Zehntelsekunde aus. Helena war gerade zu Nora gezogen. Sie hatten halbherzig versucht, eine neue Wohnung zu finden, den Versuch aber schnell wieder aufgegeben. Zwar ließen die meisten Bürojobs es zu, von überall auf der Welt zu arbeiten, wo die Netzabdeckung ausreichend war – man klinkte sich einfach ins System – aber die Wetterkatastrophe ermöglichte das Leben ausschließlich in den urbanen Zentren.
Ellen und Nene waren Teenager, als die letzten Dörfer zwangsumgesiedelt wurden. Die Veränderung des Wetters hatte zuerst eine schleichende Landflucht erzeugt. Auch wenn immer neue Erfindungen das Überleben auf dem Land suggerierten, zeigten doch die zunehmenden Katastrophen, wie flächendeckende Waldbrände und Sturzfluten mit riesigen Überschwemmungen, dass eine kostendeckende Nahrungsmittelproduktion nur noch durch sogenanntes Indoor-Farming möglich war. Da effiziente Systeme kurze Transportwege voraussetzten, verlagerte sich das Leben in die begrenzten Räume der urbanen Zentren.
Während die Jungen die ländlichen Regionen schon längst verlassen hatten, waren die Alten zurückgeblieben. Nach einer 18 Monate dauernden, intensiv geführten Diskussion im Europäischen Parlament, hatte die damals regierende konservative Mehrheit mit Zweidritteln aller Stimmen die Zwangsumsiedlung beschlossen.
Die Alten wurden also aus ihren Häusern geholt, was viele dramatische Bilder erzeugte. Da die Operation „Sicherheit im ländlichen Raum“, bei Polizei und Feuerwehr nur SiLa genannt, aber fast zeitgleich in allen Ländern Europas durchgeführt wurde, hielt sich die Aufregung in Grenzen. Was sich im Rückblick als viel einschneidender für das kollektive Gedächtnis herausstellen sollte, war die Frage, was mit den alten Menschen passieren sollte. Für den Übergang waren Notunterkünfte eingerichtet worden. Die Idee war, dass die Alten von ihren Familien aufgenommen werden sollten, die sich schon in den Städten eingerichtet hatten. Das blieb aber aus. Einerseits, weil die Familien sich ein Zusammenleben nicht vorstellen konnten, andererseits, weil der Mangel an Wohnraum es nicht zuließ. Meist traf aber beides zu.
Erlebten die Alten am Anfang noch eine Welle der Solidarität – rund um die Notaufnahmen hatten sich Willkommenskomitees gebildet, um die Alten mit Sport- und Begegnungsgruppen in das urbane Stadtleben zu integrieren –, waren sie schon nach einigen Monaten den meisten Menschen lästig. Einige Familien und Wohngemeinschaften hatten sich bereit erklärt, einen alten Menschen bei sich aufzunehmen, und gaben nun enttäuscht auf. Die Integration der Alten wäre unmöglich, zu groß seien doch die kulturellen Differenzen. Insbesondere führte die geringe Akzeptanz der Alten an der homosexuellen Lebensweise ihrer Enkelgeneration zu unüberbrückbaren Zerwürfnissen. Immer häufiger waren die Alten Anlass von negativer Berichterstattung: Statt sich als Ersatzoma und -opa gewinnbringend in die Gesellschaft einzubringen und ihre heterosexuelle Lebensweise aufzugeben, versuchten sie durch Betrügereien am Sozialsystem ihre Renten zu erhöhen. Auch gingen Bilder von bettelnden Alten um die Welt. Vermehrt kam es zu kleinen Überfällen und Taschendiebstählen, bei denen immer wieder auch alte Menschen festgenommen wurden. Die Stimmung in der Bevölkerung drohte zu kippen. Umfragen zeigten, dass eine knappe Mehrheit der Stadtbewohnerinnen die Aufnahme der Alten im Kern befürworte, aber die eigene Stadt mit der Flut an Alten an ihre Grenzen gekommen sei. Über Monate war der Integrationswiderwille der Alten das beherrschende Thema in den Nachrichten.
Der Bevölkerungsdruck auf den knappen Wohnraum nahm weiter zu, als die Alten sich zu Minderheitenvertretungen zusammenschlossen und forderten, aus den Notunterkünften aus- und in eigene Wohnungen einzuziehen. Auch die hinter vorgehaltenen Händen geführte Diskussion über die Endlichkeit der unangemessenen Forderungen der Alten ging nicht auf: Das Leben in den nun zu naturbelassenen Zonen erklärten Gebieten hatte die Alten scheinbar gesund gehalten. Ein zeitiges Ableben zeichnete sich nicht ab. Erst die Operation „Neuland“, deren Führung Ellen Silberberg mit nur 26 Jahren übernahm, löste die Diskussion ab und führte durch die vielen freiwerdenden Wohnungen, die nun durch kommunale Wohnungsbaugesellschaften übergangsweise bis zur Rückkehr der Pioneers vermietet wurden, zu Entspannung auf dem Wohnungsmarkt. Ellen hatte damals nicht lang überlegt und einige Wohnungen im Innenstadtkern angemietet. So waren Nora und Helena in der glücklichen Lage, zu einer vertretbaren Miete in einer großzügig geschnittenen Dreiraumwohnung leben zu können.
