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Als Jacob und Maya von Jacobs Vater aus seinem Garten herausgeworfen werden, ahnen sie noch nicht, dass dies der Anfang vom Ende ist - vom Ende ihrer Beziehung, aber auch vom Ende der Welt. Gemeinsam mit ihrem Freund Moses navigieren sie einen Herbst lang durch die Untiefen eines Lebens zwischen Kulturszene, Social Media, künstlicher Intelligenz und postmoderner Ellbogengesellschaft. Doch spätestens, als Moses sich auf Twitter anmeldet, um dort seine verschollene Schwester zu suchen, wird deutlich, dass das Leben der drei Freunde sich mehr verändern wird, als sie es ahnen. Denn die geplante Obsoleszenz, aufgrund derer heute jedes Gerät nach vier Jahren den Geist aufgibt, hat schleichend die ganze Welt befallen, und eine große Materialermüdung breitet sich aus. Also kämpfen die drei in einer zerfallenden Welt um das, was ihnen wichtig ist: Ihre Freundschaft, ihre Familien, ihre Liebe - und die Menschheit, die sich stets Geschichten vom eigenen Untergang erzählt und sich darin immer wieder neu erfindet. Materialermüdung, der furiose Debütroman von Dietrich Brüggemann, lebt von tiefgründigem Humor, einer markanten Figurenzeichnung sowie dem feinen Gespür für die Höhen und Tiefen des Zeitgeistes. Der Musiker und Filmemacher zeigt mit seinem ersten Roman, dass er nicht nur auf Zelluloid ein großer Erzähler ist, der dem Irrsinn unserer Zeit mit Scharfsinn, Witz und gewaltigem erzählerischen Tempo beikommt.
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Seitenzahl: 693
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ebook Edition
Dietrich Brüggemann
MATERIALERMÜDUNG
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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-94967-153-1
© Edition W GmbH, Frankfurt/ Main 2022
Umschlaggestaltung: Michaela Spohn Design unter Verwendung eines Motives von Dennis Rudolph
Satz: Publikations Atelier, Dreieich
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
cover
1 Vertreibung
2 Segnung
3 Vollsperrung
4 Kernspaltung
5 Schöpfung
6 Bauchlandung
7 Phantomspeisung
8 Wortfindungsstörung
9 Resteverwertung
10 Unschuldsvermutung
11 Erdbestattung
12 Materialermüdung
Epilog
Titel
Inhaltsverzeichnis
Für F.
Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch.Wir wollen sie nicht balsamieren.
J. W. Goethe, Faust 1
If the world ends I hope you’re here with me I think we could laugh just enough To not die in pain
Guillemots
»Im Anfang war das Wort, aber welches Wort, das verrät einem keiner. Und da fängt das Problem schon an. Findest du das gut?«
»Gut für was?«
»Als Ankündigungstext. Ich finde es schlecht.«
Maya löschte den Text, tippte etwas anderes, vertippte sich, löschte wieder und sagte: »Tippen auf dem Handy ist wie Haareschneiden mit Fausthandschuhen.«
»Das finde ich gut«, erwiderte Jacob, »schreib das doch rein.«
Maya konzentrierte sich auf ihr Smartphone, und Jacob schaute an ihr vorbei und in die Ferne. Die Sonne brannte vom Himmel, und am Horizont flimmerte die Luft, als würde jemand ein Spiegelei braten. Neben einem Waldstück in ein oder zwei Kilometern Entfernung lag ein kleiner Teich. Hundert Meter näher stand eine Reihe von schlanken Bäumen, deren Blätter im Sonnenlicht silbern glitzerten. Einer der Bäume war umgefallen, seine Blätter glitzerten jetzt am Boden. Vor den Bäumen war ein abgeerntetes Feld, trockene Maishalme ragten aus dem rissigen Boden, und hoch oben in der Luft flog ein Vogel langsam im Kreis. Noch ein Stück näher, fünf Meter von Jacob entfernt, spazierte eine magere Katze durchs Gras, und noch viel näher, einen halben Meter von Jacob entfernt, saß eine junge Frau mit halblangen rotblonden Haaren, die einen Kaffeebecher ohne Henkel in der Hand hielt und mit gedankenverlorener Konzentration auf ihr Handy schaute. Sie trug eine ausgewaschene schwarz-rosa gestreifte Hose und ein altes T-Shirt, auf dem »Sparkasse Oldenburg« stand. Jacob stellte sich vor, er würde sie nicht kennen, und versuchte sie so anzuschauen, wie er sie als Fremde anschauen würde. Es gelang ihm nicht. Es war Maya, seine Freundin. Sie klopfte auf ihr Handy und sagte: »Scheißinternet.«
»Ja. So ist das hier.«
Sie saßen nebeneinander auf einer Bank, die aus einem Brett auf zwei Klötzen bestand. Es war ein Freitagmittag, Anfang August, und der Sommer nahm kein Ende. Vor ihnen stand ein Tisch aus verwittertem grauen Holz, neben ihnen war ein Stück Wiese, dann ein Blumenbeet, daneben hinter einem hölzernen Zaun ein kleiner Gemüsegarten und dann eine Wiese mit Obstbäumen. Hinter Jacob und Maya stand ein kleines Haus, die Fassade war grau, in den Fenstern hingen staubige Gardinen, zum Hintereingang führten drei Stufen hinauf.
Jacob legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Ein Flugzeug zog einen schmalen Kondensstreifen über den Himmel. Als Kind hatte Jacob bei diesem Anblick an Raketen und Raumschiffe gedacht. Später immer noch an Fernweh und Abenteuer. Heute dachte er: Alle fliegen irgendwohin, machen da Fotos von sich selber und stellen die dann ins Internet. Vor vier Jahren, als er Single gewesen war, hatte er sich bei Tinder angemeldet. Dort gab es viele verschiedene Frauen, die sich mit immer demselben Foto präsentierten: an irgendeinem Strand, auf dem Höhepunkt eines Luftsprungs. Für jedes dieser Fotos war jemand zum Flughafen gefahren, in zehn Kilometern Höhe irgendwo hingeflogen, dort ein Auto gemietet, vom Flughafen irgendwo hingefahren, hatte eine Tür aufgeschlossen, Licht angeschaltet, einen Wasserhahn aufgedreht, warm gegessen, kühl getrunken, Strom verbraucht, Waren und Dienstleistungen konsumiert. Irgendwann hatte sie am Strand die beste Reisegefährtin oder den damaligen Freund gebeten, ein Foto von ihr zu machen, auf dem sie in die Höhe sprang, und dabei möglichst genau den richtigen Moment zu erwischen. Das hierfür verwendete Handy war das vorläufige amtliche Endergebnis von 3 000 Jahren Forschung und Technik und bestand aus Rohstoffen, die die Menschheit auf fünf Kontinenten der Erde entrissen hatte, und für das Sprungfoto hatte es ein paar Versuche gebraucht, dann war eines gelungen, die Frau war auf dem oberen Totpunkt der Flugbahn scharf abgebildet, und ihr Gesicht sah nicht aus wie das eines Hundes, der sich gerade schüttelt, also wurde das Foto gespeichert, dann zog man weiter, blieb noch ein paar Nächte, setzte sich schließlich wieder in ein Flugzeug, flog mit achthundert Sachen durch die Stratosphäre zurück und lud das Bild irgendwann bei Tinder hoch, wo es dann am Ende als eines von hunderten Luftsprung-Strand-Fotos nach links weggewischt wurde, und zwar von Männern, die ihre eigenen Tinderbilder auch für einmalig hielten, während sie in Wahrheit eher hundert- oder tausendmalig waren. Das eigentlich Erstaunliche daran war, dass sich auf diese Weise überhaupt Paare fanden, in denen die Partner einander für einzigartig hielten. Jacob hatte das Gefühl gehabt, auf Tinder fünfzigtausendmal derselben Frau zu begegnen, die fünfzigtausendmal am Strand in die Höhe sprang und irgendwas von Travel / Books / Yoga / Avocados in ihr Profil schrieb. Jacobs Tinderphase war kurz und erfolglos gewesen. Er hatte die Strandluftsprungfrauen nach links weggewischt und fast alle anderen auch, aber umgekehrt hatten die Frauen ihn auch alle weggewischt, und so kam er in vier Monaten Tinder-Präsenz auf kein einziges Match. Dieser Misserfolg war so spektakulär, dass er fast schon wieder stolz war.
In der Mittelstufe hatte Jacob einen engagierten Biolehrer gehabt, der eine AG angeboten und Ausflüge gemacht hatte. Einer dieser Ausflüge hatte zu einer Fischzucht geführt. Es gab Becken, in denen es vor Fischen wimmelte und in denen man angeln konnte. Die anderen Ausflugsteilnehmer hatten reihenweise Fische aus dem Wasser gezogen, nur Jacob hatte eine Stunde lang überhaupt nichts gefangen. Er fand das aber nicht schlimm, denn er war sich nicht sicher, ob er einen Fisch haben wollte. Fünfzehn Jahre später auf Tinder kam er sich genauso vor: Er warf halbherzig die Angel aus, bekam trotz ungeheurem Angebot nichts ab und wusste nicht, ob er darüber traurig sein sollte. Als er dann Maya kennenlernte, hatte er nur noch alle paar Tage ein paar Minuten lustlos auf Tinder verbracht und es dann ganz gelassen.
Jacob wusste, dass man so gut wie nie im Leben bei irgendwas der Einzige war. Wenn man am Strand in die Höhe sprang, dann taten tausend andere das auch. Bei Tinder musste es also vielen Menschen so ergehen wie ihm: Sie wischten sich durch tausend Fotos, und am Ende kam nichts heraus. Für viele andere funktionierte es zwar, aber Jacob wurde das Gefühl nicht los, dass es sich da um eine dünne Oberschicht aus gutaussehenden Erfolgsmenschen handelte, die medial überrepräsentiert waren und deswegen dachten, es gäbe außer ihnen niemanden. Die breite Masse schob Bilder von Millionen anderen Menschen sinnlos hin und her, war dabei wiederum der irrigen Annahme, die Ausnahme zu sein, und schämte sich. So gesehen war das Ganze ein riesenhaftes Monument der Sinnlosigkeit.
»Das ist wie im Gulag«, hatte Jacobs Freund Moses dazu gesagt. »Die Nazis haben ihre KZ-Häftlinge mit Zwangsarbeit massenweise vom Leben zum Tode befördert, aber die Arbeit hatte immer einen erkennbaren Zweck – Bauarbeiten oder Waffenmontage oder sowas. In Russland hingegen war die Arbeit völlig sinnlos. Schnee von links nach rechts schaufeln und dann gleich wieder zurück.«
»Aber müssen wir uns Sisyphos nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen?«, hatte Jacob gesagt.
»Hast du noch mehr Kalendersprüche auf Lager? Hast du Chaos in dir und willst einen tanzenden Stern gebären?«
»Ja, das hatte ich vor.«
»Sisyphos wäre ein glücklicher Mensch, wenn der Stein auf dem Berg einen Zweck hätte. Wenn er beispielsweise als Baustein eines Hauses gedacht wäre – ganz egal, was für ein Haus. Es kann auch ein Nazi-Folterknast sein. Hauptsache nachvollziehbarer Zweck. Das Haus muss fertigwerden. Aber solange der Stein keinen Zweck hat, ist Sisyphos unglücklich und der Mythos behält recht: Es ist die Höchststrafe. Und dass das Empfinden des Menschen so beschaffen ist, das ist wiederum das Absurde, denn Bombenbau für Hitlerdeutschland hat in der Welt objektiv mehr Schaden angerichtet als Schneeschaufeln in Sibirien.«
»Und was hat das mit Tinder zu tun?«
»Der Vorgang ist der gleiche. Du schaufelst sinnlos irgendwas von links nach rechts. Aber anders als ein Gulag-Häftling bildest du dir einen Sinn ein. Du brauchst keine Nazi-Aufseher, die dir befehlen, Bomben zusammenzuschrauben, du hast deinen eigenen Nazi-Aufseher in dir drin, der dir die sinnlose Arbeit zu etwas Sinnvollem zurechtlügt.«
»Na ja«, hatte eine rotblonde Frau eingeworfen, die mit am Tisch saß, »das ist aber ein bisschen überspitzt, oder? Die Frauen und Männer auf Tinder sind eben keine sinnlosen Schneemassen, sondern potentielle Partner, also haben wir ein Ziel, Kontaktaufnahme und Paarung, wo wir über den Sinn streiten können, was aber subjektiv als sinnvoll erlebt wird. Um das Ziel einer Tinder-Session herauszufinden, muss ich mir keinen inneren Nazi-Aufseher konstruieren.«
»Wir meinen beide dasselbe«, hatte Moses gesagt.
»Nee«, hatte sie erwidert, »du lässt dich von der oberflächlichen Ähnlichkeit zwischen Schneeschaufeln und Tinderwischen blenden und drehst intellektuelle Loopings. Du schaufelst verbalen Schnee hin und her. Davon abgesehen taucht sinnlose Zwangsarbeit schon bei Dostojewski auf, und zwar im Bericht aus einem Totenhaus, aber ob das in russischen Lagern wirklich umgesetzt wurde, da sind die Gelehrten sich nicht so einig, und es gibt Quellen, die behaupten, die Nazis hätten das auch gemacht, aber da müsste ich nochmal nachgucken. Ich bin müde. Komm, wir tanzen.«
Das Gespräch hatte nachts gegen eins in einer Theaterkantine stattgefunden, Maya war Regieassistentin einer Inszenierung, zu der Jacob die Musik beisteuerte, und Moses war auf Jacobs Einladung zur Generalprobe gekommen. Jacob hatte sich über die Probenzeit mit Maya angefreundet, eigentlich sogar in sie verliebt, und konnte jetzt zuschauen, wie Moses ihrem Intellekt verfiel und sich gleichzeitig ärgerte, dass sie ihn argumentativ aufs Kreuz gelegt hatte. Maya wollte damals aber niemanden, keinen Freund und keine Affäre, also hatte Jacob sich wieder entliebt, um dann, fünf Monate nach der Premiere, überraschenderweise doch mit ihr zusammenzukommen. Das war vier Jahre her, und seitdem waren in seinem Handy immer noch Rohstoffe aus fünf Kontinenten, aber keine am Strand in die Höhe springenden Frauen mehr. An die dachte er nur noch selten, wenn er am Himmel einen Kondensstreifen sah, so wie jetzt, als er mit Maya vor dem Häuschen saß, das seinem Vater gehörte.
Im Hintereingang war Gerhard, Jacobs Vater, erschienen. Er trug ein Tablett mit einer Kanne Kaffee und einem Teller mit drei viereckigen Stücken Rhabarberkuchen. Er stellte das Tablett ab, und ein braunes Blatt fiel vom Baum und landete auf dem Kuchen. Jacobs Vater warf das Blatt weg, nahm sich eines der Kuchenstücke und biss hinein. Dabei schaute er in die Ferne zu dem umgefallenen Baum und sagte: »Haste gesehen? Der Biber hat eine von den Pappeln umgelegt. Darfste aber nix machen. Naturschutz. Zumindest für den Biber. Die Bäume schützt keiner.«
Gerhard wohnte seit fünf Jahren in diesem Haus, das allein auf dem Acker lag. Davor hatte er in Magdeburg gewohnt, davor in Bremen und davor in Würzburg, wo Jacob aufgewachsen war, bis er 16 war und die Ehe seiner Eltern auseinanderging. Ein weiteres Blatt fiel vom Baum und landete in Gerhards Tasse. Er fischte es heraus und sah es nachdenklich an.
»Miniermotte. Wirste nicht los. Ich hab beschlossen, dass ich Miriam in Zukunft so nennen werde.«
Miriam war Jacobs Mutter.
»Ich werde im Geiste meine Lebensgeschichte umschreiben«, sagte Gerhard, »einmal mit Suchen und Ersetzen rübergehen und überall Miriam durch Miniermotte ersetzen.«
»Papa«, sagte Jacob und merkte, wie seine Stimme einen Sprung machte, eine große Terz nach unten, der wahrscheinlich auf der ganzen Welt dasselbe sagte: Du nervst.
»Ja, ja, ja, ja, ja«, sagte sein Vater, »lass mich doch mal einen Witz machen. Eure Generation hat keinen Sinn mehr für Satire.«
Der Baum, unter dem sie saßen, war eine Kastanie, und das Haus lag in der Uckermark. Vielleicht war es auch die Schorfheide oder der oder das Oderbruch. Jacob war orientierungslos, was die Namen der Gegenden um Berlin herum betraf. Genauso orientierungslos war er bei den Namen von Pflanzen und Tieren. Einen Papagei und einen Kaktus konnte er identifizieren, aber Buchfink, Teichrohrsänger und Nachtigall kannte er allenfalls aus Büchern aus den 60er und 70er Jahren, die es in den 90ern in der Ortsbücherei gegeben hatte. Am Ausgang der Bücherei stand ein Rollwagen mit ausgemusterten Büchern, die man für eine Mark mitnehmen konnte. In jedes Buch war hinten ein Zettel eingeklebt, auf den das Rückgabedatum gestempelt war, anhand dessen man sehen konnte, wann und wie oft das Buch »Die Vögel des Waldes« im Lauf der Jahre ausgeliehen gewesen war. Jacob hatte einige dieser Bücher in seinem Kinderzimmer gehabt. Sie handelten von Fischen, Bibern und Zugvögeln, er blätterte sie manchmal durch und achtete darauf, keine Seite auszulassen und jedes Bild gewissenhaft anzuschauen. Sein Verhältnis zu Zeisig und Zaunkönig war trotzdem nicht besser geworden, und Pflanzenbücher hatten ihn überhaupt nie interessiert, daher wusste Jacob nicht, wie die Blumen hießen, die in Kübeln neben dem Eingang des Hauses standen. Rosen, Tulpen und Narzissen konnte er unterscheiden, danach war Schluss.
Maya wusste, wie die Pflanzen in den Kübeln hießen, aber sie war dagegen. In der Sonne waren ein paar kümmerliche Geranien, an der Fassade eine Kletterrose und im Schatten zwei Begonien und eine Hortensie. Maya fand die Pflanzen banal und lieblos behandelt. Wenn das ihr Haus wäre, würde das anders aussehen. Dann wäre auf der Terrasse eine große Familie von Töpfen in allen Größen mit Rosen und Tomaten und Chili, dann wäre da in der Ecke zwischen den Bäumen ein Komposthaufen, auf dem fünf verschiedene Sorten Minze wild wuchern würden, und überall Kürbisse und Zucchini. Und ein großer Busch Salbei, der würde hier wachsen wie wahnsinnig. Wenn das mein Haus wäre, dachte Maya, dann wären hier immer Leute, den ganzen Sommer über, dann würde immer irgendwo jemand sitzen und ein Buch lesen oder eins schreiben oder ein Bild malen oder Kunst machen oder sich ein Theaterstück ausdenken. Abends würden alle im Garten unter dem großen Baum an einem langen Tisch gemeinsam essen, im Baum würden Lichter hängen, keine zwei Teller auf dem Tisch würden gleich aussehen, dann würden alle zusammen Wein trinken und man würde sich gegenseitig vorlesen und erzählen, was man tagsüber gemacht hatte. Paare würden sich hier finden, ein Jahr später würden sie mit Babys wiederkommen, und nach drei Jahren wäre schon alles voller Kinder. Im Winter würde das Leben sich ins Haus zurückziehen, sie würde den Ofen anheizen und Brot backen und immer einen großen Topf Gemüsesuppe auf dem Herd haben, aber auch im Winter wären immer ein paar Leute im Haus, die vor der grauen Trübsal des Berliner Winters flohen. Maya fragte sich, ob in dieser Fantasievorstellung auch ein Platz für Jacob war. Saß er mit ihren Freunden an der langen Tafel? War er im Winter dabei, wenn es um fünf dunkel wurde und sie die Suppe auf den Herd stellte? Oder gab es ihn nicht? All das dachte sich Maya, aber das Haus gehörte nicht ihr, sondern Jacobs Vater, der neben ihr saß, in seiner Kaffeetasse rührte und mit dem Mund Bewegungen machte, als hätte er etwas zwischen den Zähnen.
Gerhard hatte beobachtet, wie Maya mit zusammengezogenen Augenbrauen auf seine Terrassenbepflanzung starrte. Er konnte ihre Gedanken nicht lesen, aber ihr Anblick sagte: Die ist energisch, die will mit der Stirn durch die Wand, egal wie dick die Wand ist und ob dahinter die Welt zu Ende ist. Es wäre ein völlig natürlicher Impuls gewesen, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, aber sie war ja die Freundin seines Sohnes, und dieser Gedanke war der eigentlich absurde, denn Gerhard hatte das Gefühl, höchstens Ende 30 oder Anfang 40 zu sein, aber nicht 76. Das, was er als seine eigene Wahrheit empfand, war vor 40 Jahren stehengeblieben, aber die Realität hatte sich über die Jahrzehnte immer weiter von dieser Wahrheit entfernt, die Realität war grotesk geworden und hatte ihn in einen alten Mann verwandelt. Gerhard hatte schon seit einigen Jahren keine Frau mehr im Arm gehalten, und er konnte nicht verhindern, dass eine wütende Eifersucht auf Jacob in ihm aufstieg. Sein eigener Sohn war ihm immer ein Rätsel geblieben. Er wurde den Argwohn nie los, dass Jacob ihn im Grunde hasste, und den darunterliegenden Argwohn, dass Jacob dafür gute Gründe hatte. Und jetzt saß sie hier vor ihm, die junge eigenwillige Frau, die Jacob mitgebracht hatte – Jacob, dieses schreiende Baby, dieses egozentrische Kleinkind, dieser endlos Fragen stellende Fünfjährige, dieser penetrant Widerworte gebende Neunjährige, für den Gerhard sein eigenes Leben irgendwo abgestellt und stehen gelassen hatte wie ein Auto, das man parkt und dann vergisst, wo man es geparkt hat, und dann geht man halt zu Fuß weiter. Ihm wurde schwindlig, wenn er über sich selbst nachdachte.
Maya wandte den Blick von den Pflanzen ab, und Gerhard schaute rechtzeitig weg von ihr, um ihr nicht das Gefühl zu geben, er hätte sie angestarrt.
»Ich muss die Pflanzen mal gießen«, sagte er.
»Mein Freund Moses sagt immer: Zuviel Gießen bringt den Tod«, sagte Jacob.
»Moses?« fragte sein Vater, »Sohn jüdischer Eltern?«
»Nein«, sagte Jacob, »aber er ist in Gießen aufgewachsen –«
»Und seine Eltern wollten den Holocaust wiedergutmachen«, unterbrach Maya, »deswegen heißt er Moses und seine Schwestern heißen Hannah und Rachel.«
»Und deswegen sagt er immer: Zuviel Gießen bringt den Tod«, sagte Jacob.
»Weil seine Eltern Philosemiten sind.«
»Nein, weil er in Gießen aufgewachsen ist.«
Maya hatte keine Lust auf dieses Wochenende gehabt. Sie hasste die roten Regionalzüge der Deutschen Bahn, sie hasste sämtliche Bahnhöfe, an denen der Zug hielt, und die Bahnhöfe, an denen man aus- oder umsteigen musste, die hasste sie erst recht. Sie hasste sämtliche Mitreisende, und sie hasste die elektronische Flöte, die mit der Melodie eines längst vergessenen Volksliedes jeden Halt ankündigte.
»Aber mein Papa fährt übers Wochenende weg«, hatte Jacob erwidert, »und kommt erst Sonntagabend wieder. Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens Pflichtbesuch, der sitzt da immer so allein, zweitens ein Wochenende zu zweit auf dem Land. Wir können die Räder mitnehmen und zum See im Wald fahren.«
»Sag nicht immer mein Papa. Das klingt, als wärst du gerade mit Gymnasialempfehlung aus der Grundschule gekommen.«
»MeinVater«, hatte Jacob erwidert, »oder Gerhard. Wenn ich Gerhard sage, komme ich mir vor wie ein antiautoritär erzogenes Kinderladenkind aus den 70ern.«
»Antiautoritäre Erziehung hätte dir gut getan.«
»Die antiautoritär erzogene Generation, die ihre Eltern beim Vornamen nennen musste, ist jetzt Ende 40 und hängt in ihrer Therapie fest, während die 15 Jahre jüngeren, die Mama und Papa sagen durften, an ihnen vorbeigezogen sind und Karriere gemacht haben.«
»An welchem Endvierziger bist du denn schon vorbeigezogen?«
»An keinem, und das liegt an meinem komplett mangelnden Ehrgeiz. Ich will mit dir aufs Land fahren, die Hängematte in den Garten hängen und die Seele baumeln lassen.«
»So intensiv kann ich meine Seele gar nicht baumeln lassen«, hatte Maya gesagt, »dass diese schrecklichen Bilder aus meiner Seele rausverdunsten.«
»Welche schrecklichen Bilder?«
»Die aus dem Regionalzug. Die vollgequalmten Brandenburger Teilzeitnazis mit Bierdosen und grauenhaften Tattoos, denen die Wampe aus der Jogginghose hängt und die von Pritzwalk nach Pasewalk fahren und dabei mit stumpfem Blick in eine stumpfe Welt glotzen und sich fragen, warum sie eigentlich von Pritzwalk nach Pasewalk fahren, denn hinterher müssen sie ja doch wieder von Pasewalk nach Pritzwalk zurück, da könnten sie auch gleich in Pritzwalk bleiben, und daneben ihre verfetteten Trullas, die sich nach 49 Jahren Verfettete-Trulla-Dasein in verfrüht verfette Omas verwandeln, und dann die resoluten Muttis aus dem Plattenbau in Köpenick, die sich für was Besseres halten als die Nazitrullas, und dann die Berliner Speckgürtel-Spießer-Fahrradausflugsgruppen mit teuren Funktionsjacken für fünfhundert Euro, die mit zwanzig voluminösen Spießer-E-Bikes die ganze Bahn vollstellen und die sich wiederum für was Besseres halten als die Köpenicker Muttis und die Nazitrullas, weil sie nen Job bei der Senatsverwaltung für Kultur und Besserwisserei haben, und dann am Ende noch Craft-Beer-trinkende Neukölln-Idioten mit Bart und Dutt, die in Startups arbeiten und sich für was Besseres halten als alle anderen und die sich die ganze Uckermark kaufen wollen. Und dann vielleicht noch verstrahlte Mittfünfziger aus Mitte, die in den 90ern die Loveparade erfunden haben und sich die ganze Uckermark schon gekauft haben, weswegen die Craft-Beer-Hipster jetzt leer ausgehen. Da komme ich dann aufs Land und muss drei Tage lang die Seele intensiv baumeln lassen, bis es mir wieder halbwegs gut geht, und dann fahren wir zurück und auf dem Rückweg ist es wieder dasselbe.«
»Hältst du dich nicht auch für was Besseres als die alle?«
»Keine Ahnung«, hatte Maya gesagt, »ich kann mich selber in dieser Situation gar nicht wahrnehmen. Ich verschwinde zwischen Naziwampen und Fahrradtaschen. Ich existiere nicht, also bin ich auch nichts Besseres.«
»Dann gebe ich mich geschlagen«, hatte Jacob gesagt, »wir bleiben hier und legen uns aufs Tempelhofer Feld.«
»Nein«, hatte Maya erwidert, »ich will ja auch aufs Land, aber im Zug musst du mich fest in den Arm nehmen, sonst kriege ich Depressionen, wenn ich lilafarbene Aufbau-Ost-Bausünden aus den 90ern sehe und zubetonierte Unterführungen und Bahnhofschilder, die mit -walde oder -felde oder -ow enden, zum Beispiel Faschow oder Pornow oder Brutalow. Und ich will nicht, dass dein Vater uns abholt. Wir nehmen die Räder mit.«
Jacob hatte sie also in den Arm genommen, als sie an Lichtenberg vorbei aus der Stadt hinausfuhren, hinaus in den Sommer, der überall war und kein Ende nahm, vorbei an Möbelhäusern und Self-Storage-Hallen, an Plakatwänden mit Sportschuhen, Autos und Gartengeräten, dann hinaus nach Brandenburg und durch Dörfer, in denen die Bahn den alten Backsteinbahnhof dichtgemacht hatte, wo auf dem Vorplatz ein einsamer Asia-Imbiss stand und drei Jugendliche biertrinkend und rauchend in eine unklare Zukunft guckten, vorbei an Schrebergärten mit Deutschlandfahnen, vorbei an Einfamilienhäusern, die aussahen wie im Baumarkt gekauft, mit blau glänzenden Ziegeldächern und Fassadenverblendungen aus Imitat, bei dem man nicht sagen konnte, was es imitieren sollte – »das ist Imitat in seiner reinsten Form«, hatte Maya dazu gesagt, »es imitiert nichts mehr, es ist in seiner Imitathaftigkeit ganz bei sich«, dann hatte es Verspätung wegen einer Weichenstörung gegeben, so waren sie eine Stunde lang in Angermünde hängengeblieben, hatten die Fahrräder auf den Bahnsteig gestellt, sich daneben auf den Boden gesetzt und in den Himmel geguckt.
»Ich glaube«, hatte Jacob dort zu Maya gesagt, »die Welt ist wie ein verstimmtes, eigentlich schrottreifes Klavier. Wenn man da Beethoven-Sonaten spielen will oder irgendwas, was es schon gibt, dann kann das nur schiefgehen. Wenn man aber gar nichts will, sondern herausfindet, welche Töne noch brauchbar sind, dann kann man auch auf einem Schrottklavier Musik machen. Man muss nur improvisieren.«
»In diesem Plädoyer für Bescheidenheit«, hatte Maya erwidert, »steckt eine kleine Portion Arroganz. Eigentlich sagst du: Wer nicht Klavier spielen kann, der versteht meine Metapher nicht, aber Klavierspielenkönnen reicht nicht, man muss zusätzlich noch improvisieren können, nicht nur doof nach Noten spielen, und voll der sensible kreative Künstler sein. Und dann am Ende muss man so tun, als wäre man bescheiden und introvertiert. Die Arroganz der Bescheidenheit. Zentrales Problem der deutschen Kulturlandschaft.«
Jacob hatte nichts gesagt.
»Entschuldigung«, hatte Maya gesagt, »das klang jetzt döfer, als es gemeint war.«
»Und du darfst an den Leuten im Zug leiden. Steckt da nicht auch eine Portion Arroganz drin?«
»Nein. Da stirbt meine Seele.«
»Also sich beklagen, dass einem durch die bloße Präsenz anderer Menschen Gewalt angetan wird, ist okay, aber konstruktiv nachdenken, was man dagegen tun könnte, das ist nicht okay. Da bin ich dann privilegiert, weil in meinem Vergleich ein Klavier vorkommt.«
»Bei solchen Gesprächen stirbt meine Seele auch.«
Jacob seufzte. »Na gut, dann lassen wir das Klavier weg, dann ist das Leben halt wie ein gewundener Trampelpfad, auf dem man nicht einfach geradeaus fahren kann, aber dann sind wir bald bei den Postkartensprüchen, die meine Mutter in der Küche hängen hat und die du immer so lustig findest.«
»Man muss sich lustig machen«, hatte Maya entgegnet, »sobald irgendjemand Sätze von sich gibt, in denen das Leben vorkommt, kann man sich gar nicht genug lustig machen.«
»Hier«, sagte Jacobs Vater und legte einen kleinen Stapel von gefalteten und gehefteten Blättern auf den Tisch. Sie sahen aus wie die Schülerzeitung, bei der Jacob in der zehnten Klasse mitgemacht hatte. Auf dem Titelblatt stand:
SOKRATES-REPORT
Durchblick & Klartext seit 2013
Sechster Jahrgang – Ausgabe 33 – Aug./Sep. 2019
Aus dem Inhalt:
BRÜSSELER KARTELL ENTLARVT SICH SELBST
DER GEHEIMPLAN DER ROCKEFELLER FOUNDATION: WAS WIRKLICH BIS 2030 PASSIEREN SOLL
WIE CHURCHHILL KAISER WILHELM AUFS KREUZ LEGTE
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ UND NATÜRLICHE DUMMHEIT: DIE ALLMACHT DER ALGORITHMEN
WISSENSCHAFTLER AM CERN SPIELEN MIT DEM ENDE DER WELT
DIE VERRÄTERISCHEN SCHUTTBERGE DES 11. SEPTEMBER
BITCOIN, BILDERBERGER UND B’NAI B’RITH:UNZEITGEMÄSSE GEDANKEN ZU GELD UND MAGIE
GLOSSE: GEPLANTE OBSOLESZENZ UND MEINE KAPUTTE KAFFEEMASCHINE
»Nehmt ruhig alle mit«, sagte Gerhard, »ihr könnt das auch gern an eure Freunde verteilen.«
Maya beugte sich über den Stapel und verdrehte den Kopf, um die Überschriften lesen zu können. Gerhard hielt ihr ein Exemplar hin. Maya nahm es nicht, aber sagte: »Bei Churchhill ist ein h zu viel.«
Gerhard setzte seine Brille auf, beäugte die Titelseite und erwiderte: »Tatsächlich. Eieiei. Das war alles auf den letzten Drücker, wir haben in der Endredaktion zwei Nächte durchgeackert, da kann das mal passieren.«
Jacob schlug das Heft von hinten auf und las auf der letzten Seite:
Nietzsche und Overbeck trinken ein Bier
Satirische Kurzgeschichte von Barry Gerrington
Auf der vorletzten Seite stand als Herausgeber der Name seines Vaters, Gerhard Benrath, und als Redaktion zehn Namen von acht Männern und zwei Frauen, die allesamt nicht existierten, sondern Pseudonyme von ihm selbst waren. Gerhard schrieb dieses Heft seit acht Jahren im Alleingang und war stolz darauf, wie er alle Welt glauben machte, dahinter stünde eine ganze Gruppe von Autoren, wo doch in Wahrheit alles von ihm war. Alle Welt waren die ungefähr 800 Abonnenten, die den Sokrates-Report bezogen. Gerhard war selbst stets aufs Neue beeindruckt, wie jeder seiner erfundenen Autoren einen ganz eigenen Tonfall hatte, und wies gelegentlich mit leisem Stolz darauf hin. Jacob konnte diese Tonfallunterschiede nicht richtig wahrnehmen, aber ihm fehlte der Antrieb, seinem Vater das mitzuteilen oder ihn damit zu konfrontieren, was er da alles von sich gab. Erstens war es ihm irgendwie egal, zweitens war jede Diskussion zu diesem Thema vollkommen fruchtlos, und außerdem fand Jacob die Artikel manchmal sogar ganz interessant, zumindest für die ersten drei Absätze, bevor er sie wieder weglegte, weil er den Tonfall schrill fand, egal welcher erfundene Autor da schrieb. Dass Gerhard ihm sein Blatt so aktiv unter die Nase hielt, war allerdings neu, bisher hatte er es immer nur dezent ins Gespräch geschmuggelt oder irgendwo aus Versehen liegengelassen, und wenn Jacob gewusst hätte, dass das passieren würde, dann hätte er diesen Wochenendausflug vielleicht nicht gemacht. Jacob hatte den Kontakt zu seinem Vater auf ein Minimum reduziert, aber ihm fehlte der Mut oder die Entschlossenheit, ihn ganz abzubrechen.
Maya nahm das Heft jetzt auch in die Hand und suchte den Churchill-Artikel. Er war mit »Bernhard Hartge« gezeichnet.
»Hier ist Churchill richtig geschrieben«, stellte sie fest.
»Na so ein Glück«, seufzte Gerhard.
Jacob legte das Heft auf den Tisch.
»Nimm es mit«, wiederholte sein Vater, »das kann sich bei deinen Freunden ruhig auch mal verbreiten. Und guck mal auf Seite 22. Da ist eine Replik auf Franz Tschackert, die sich gewaschen hat.«
»Wer ist Franz Tschackert?«, fragte Maya, nahm das Heft und blätterte an die angegebene Stelle.
Jacob tippte Maya an den Ellbogen. Ihm waren diese Aktivitäten seines Vaters peinlich, Maya fand sie lustig.
»Das ist ein Spinner«, erwiderte Gerhard, »der glaubt an die Weltverschwörung von CIA und Scientology und schreibt ein Blatt, das keiner liest.«
»Also nicht so wie dieses Blatt«, fuhr Maya fort, »das hat ja offensichtlich einige Leser.«
»Wir haben fünfzehnhundert Auflage. Tschackert fantasiert von CIAntology und hat vielleicht 200 Leser. Aber bildet sich ein, er könne mir ans Bein pinkeln.«
»Gut, dass da jemand für, äh, Durchblick und Klartext sorgt.« Maya nickte todernst, und Jacob konnte es kaum ertragen, wie dieser Spott von seinem Vater entweder nicht bemerkt oder stoisch ignoriert wurde. Er stupste Maya unter dem Tisch mit dem Fuß an, sie trat heftig zurück. Er zog sein Handy aus der Tasche, sah nach der Uhrzeit und sagte:
»Musst du nicht mal los?«
»Eile mit Weile«, sagte sein Vater, sah dann auf die Uhr und sagte: »Verdammt.«
Er ging ins Haus und kam mit einer Reisetasche aus 90er-Jahre-Nylon zurück. Maya blätterte weiter im Sokrates-Report. Es war nicht zu erkennen, ob ihr Gesicht Interesse oder Abscheu ausdrückte.
»Ihr kennt euch ja aus«, sagte Jacobs Vater, »schlafen könnt ihr im Wohnzimmer, das obere Stockwerk ist tabu, der Rasen zwischen den Bäumen könnte mal gemäht werden, es gibt massenweise Kirschen, bedient euch. Der Apfelbaum hinterm Schuppen trägt zum ersten Mal seit sieben Jahren, aber nur sehr wenig, bisher genau drei Äpfel, und die hätte ich gerne weiter unter Beobachtung, also lasst da bitte die Finger von, die sind ohnehin noch nicht reif.«
»Alles klar.«
»Dann macht euch eine schöne Zeit. Ich komm Sonntagabend wieder.«
»Da sind wir schon weg.«
»Na dann. Tschüs, Maya!«
Maya schenkte Gerhard ein zuckersüßes Lächeln und winkte zum Abschied, als er in seinen 23 Jahre alten Ford Focus Kombi stieg. Der Wagen sprang an und setzte rumpelnd zurück. Gerhard reiste an diesem Wochenende zu irgendeinem Treffen; er hatte Jacob erzählt, um was es da ging und wo es stattfand, aber Jacob hatte es sofort vergessen.
»Komm«, sagte Maya, »wir stellen uns an die Ausfahrt und winken.«
Jacob griff nach ihrer Hand und sagte: »Wenn schon, dann richtig.«
Händchenhaltend liefen sie ums Haus und kamen gerade rechtzeitig an, als Gerhards Auto um die Ecke bog. Sie winkten wie fröhliche Kinder, Gerhard hupte, das Auto fuhr den Feldweg entlang, der einen Kilometer weit zur Straße führte, und zog eine Staubfahne hinter sich her, die langsam in den windstillen Sommerhimmel aufstieg und in der Ferne verschwand.
»Tut mir leid, dass du dir das anhören musst«, sagte Jacob.
»Ist doch toll«, entgegnete Maya, »er glaubt da wirklich dran. Das ist eine Wahnsinnsleistung. Also eine Leistung, aber halt auf dem Gebiet des Wahnsinns.«
Maya konnte an der Welt leiden wie kaum jemand, aber wenn sie nicht litt, dann beurteilte sie alles konsequent nach dem Unterhaltungswert. Man konnte nie vorhersehen, ob eine Bahnfahrt durch Brandenburg oder eine Begegnung mit Jacobs Vater bei ihr zu Schimpftiraden oder Freudenausbrüchen führen würde. Und Jacob mochte beides an ihr, denn er empfand Maya, auch wenn sie schimpfte, in gewisser Weise als musikalisches Ereignis.
Sie gingen wieder ums Haus und durch die Hintertür hinein. Das Haus hatte im Erdgeschoss nur eine Küche, einen Flur und ein kombiniertes Wohn- und Esszimmer, außerdem eine schmale Treppe ins Obergeschoss. Oben war eine Schlafkammer und ein weiteres Zimmer, das Gerhard als Arbeitszimmer benutzte, doch das obere Stockwerk hatte Jacob erst ein einziges Mal betreten, und das war vier Jahre her. Im Wohnzimmer gab es einige DDR-Möbel aus den 60er Jahren, eine »Wohnwand« aus den 90ern und ein monströs großes sowie ein kleineres Sofa. Überall stapelten sich Bücher, kopierte Zettel, Briefe, Zeitungen und eingetrocknete Kaffeetassen. Jacob kannte genügend Hauskauf-in-Brandenburg-Geschichten aus dem Freundeskreis, da gab es stets einen ersten Akt, in dem man schubkarrenweise alten DDR-Schrott hinausbeförderte. Genau das hatte Gerhard nicht getan. Er hatte alles so gelassen, wie es war, ein paar eigene Möbel sowie einen klobigen Röhrenfernseher aus der Spätzeit der Fernsehröhre dazugestellt und dann nach und nach alles mit Papier und Bücherstapeln überhäuft. Immer wenn Jacob zu Besuch war, also höchstens einmal im Jahr, dachte er, hier sei demnächst ein Ausmaß an Verwahrlosung erreicht, bei dem man irgendwie einschreiten müsse. Jedesmal ging er dann in die Küche, erwartete das Allerschlimmste und kam erleichtert wieder heraus, denn hier hielt Gerhard einigermaßen Ordnung. Er kochte Marmelade ein, verzehrte Gemüse aus dem eigenen Garten und ernährte sich ansonsten weitgehend von Spiegelei.
Im Flur standen die Rucksäcke, mit denen Maya und Jacob angereist waren. Obwohl sie nur für ein Wochenende gepackt waren, sahen sie nach einer längeren Abenteuerreise aus, denn an jedem Rucksack hing eine zusammengerollte Isomatte und ein Schlafsack, außerdem beulte Jacobs Rucksack sich von einer großen zwei-Personen-Hängematte, in der sie den Großteil des Wochenendes zu verbringen gedachten. Zwischen Jacob und Maya herrschte Übereinkunft, dass sie in diesem Haus keine Matratze, kein Bettzeug und kein Handtuch benutzten, sondern alles selber mitbrachten. Gerhard besaß sowieso nur eine einzige Matratze, und auf der schlief er selber im Obergeschoß, das Jacob weder betreten wollte noch durfte.
»Lass mal raufgehen«, sagte Maya.
»Nur über meine Leiche.«
»Hast du Schiss vor deinem Papa?«
»Nein, ich habe keinen Bock. Und außerdem wäre das unfair. Man kann ein fragwürdiges Verschwörungsblatt im Selbstverlag herausbringen und trotzdem ein Recht auf Privatsphäre haben.«
»Ich will nur meine Ängste beruhigen. In meiner Phantasie ist dein Vater ein Holocaustleugner und Kinderschänder und hat da oben alles mit menschenverachtenden Sachen volltapeziert, von denen ich nachts schlimm träumen werde, aber wenn ich jetzt da raufgehe und sehe nur ein normal zugemülltes Arbeitszimmer von einem alten Mann, der einen unterhaltsamen Knall hat, dann kann ich beruhigt schlafen. Aber du musst mitkommen.«
Jacob schüttelte den Kopf.
»Mir geht es genau umgekehrt. Ich befürchte das Allerschlimmste und will es nicht bestätigt bekommen.«
»Warum nicht?«
»Weil dann das Wochenende im Eimer wäre und wir nach Hause fahren müssten.«
»Lahme Ausrede. Das wäre voll aufregend.«
»Hängematte im Garten ist auch aufregend. Komm.«
Jacob nahm beide Rucksäcke und schleppte sie hinaus in den Sonnenschein, zwischen die Bäume des Gartens. Es kam ihm vor, als sei der Geist seines Vaters mit einigen Minuten Verspätung dem Auto hinterhergeflogen, jetzt war er weg, man konnte durchatmen und den Garten als Garten wahrnehmen. Das Gras stand hoch, die Äste hingen tief, die Sonne fiel in Millionen Strahlen durch die Zweige.
»Hier«, sagte Jacob, »zwischen den zwei Dingsdabäumen haben wir Schatten von dem –«
»…Walnussbaum, und die beiden Dingsdabäume sind Birnbäume.«
Jacob zog die Hängematte aus dem Rucksack und hängte sie zwischen die Bäume. Maya spazierte währenddessen durch den Garten und kam mit einer Stofftasche voller Äpfel, Birnen und Kirschen wieder.
»Zu zweit in der Hängematte«, sagte Jacob, als sie ihre Gliedmaßen über- und untereinander sortierten, »komme ich mir immer vor wie zwei Elefanten in der Badewanne.«
Sie lagen gegenläufig, Kopf neben Füßen, das hatte sich in längeren Versuchen als die beste Anordnung herausgestellt. Jacob hatte vorgeschlagen, zwei separate Hängematten mitzunehmen, aber auf diesen Vorschlag war Maya nicht eingegangen. »Ich will Körperkontakt und Gedankenaustausch«, hatte sie gesagt, »einzeln herumhängen kann ich so schon genug.« Jacob schlug ein Buch auf, und Maya nahm den Kindle zur Hand, den ihr ihre Mutter vor drei Wochen zum Geburtstag geschenkt hatte.
»Guck mal«, sagte sie und hielt ihm das Gerät hin, »guck dir mal diesen Scheiß an.«
»Blutig schwarzer Schnee«, las Jacob auf dem Sperrbildschirm, den das Gerät anzeigte, wenn man es ausschaltete, »nach Blutig grünes Gras und Blutig blauer Himmel der neue nervenzerfetzende Superschocker von Ashley B. Callahan.«
»Nervenzerfetzender Superschocker steht da nicht.«
»Das habe ich hinzugedichtet.«
»Können die ihre Kackwerbung nicht wenigstens personalisieren? Halten die mich für bekloppt? Ich will doch kein Gerät in die Hand nehmen, was zur Begrüßung jedesmal meinen Intellekt beleidigt. Die sammeln doch eh alle Daten, also könnten sie auch mal einen Blick darauf werfen, was auf diesem Gerät gelesen wird, und dementsprechende Werbung anzeigen. Das ist für mich als Kundin sonst ein miserables Produkterlebnis mit hoher Frustrationsrate oder wie die das in eurer Managementseminaridiotensprache heißt. Amazon, Scheißverein, so wird das nichts mit der Weltherrschaft.«
»Stimmt«, sagte Jacob und versuchte sich auf sein Buch zu konzentrieren.
»Nerv ich dich?«
»Man kann das wegschalten. Man muss irgendwelche Ordner löschen und dann schreibschützen. Behauptet zumindest Moses.«
»Kannst du mir das machen?«
»Das kannst du selber.«
»Ja, aber ich kann auch meinen Mann für mich arbeiten lassen.«
Maya wischte die Werbung weg, wanderte mit dem Finger durch ihre Bibliothek, konnte sich nicht entscheiden, legte den Kindle wieder weg und nahm den Sokrates-Report erneut zur Hand. In der Mitte, dort wo das gefaltete Heft sich von selbst öffnete, stand:
WIE AM CERN MIT DEM ENDE DER WELT GESPIELT WIRD
Ein Interview mit Dr. Ing. Wolfgang A. Richter vom Sensos-Institut für biophysische Materialprüfung – Teil 1
In der Fachwelt der Kern- und Elementarteilchenphysiker herrscht seit zwei Jahren Aufruhr, doch das Schweigekartell der etablierten Wissenschaftsjournalisten hat das Thema bisher erfolgreich aus den Mainstreammedien ferngehalten. Damit könnte es jetzt vorbei sein, denn bereits im April diesen Jahres erschien das Buch »Der große Zerfall« aus der Feder des – informierten Zeitgenossen bestens bekannten – Dr. Ing. Wolfgang A. Richter, seines Zeichens Gründer, Vorstand und wissenschaftlicher Leiter des renommierten Sensos-Instituts in Weiden/OPf. In seinem Werk entwirft er ein plausibles und auch Laien verständliches Szenario, wie waghalsige Teilchenexperimente am CERN in Genf eine Kettenreaktion auslösen könnten, an deren Ende die Vernichtung des gesamten physischen Universums stehen würde. Dr. Richters Buch, das bei uns am Redaktionstisch für manches Stirnrunzeln, die eine oder andere Sorgenfalte und einige nachdenkliche Gespräche sorgte, wurde in der Establishment-Presse mit eisigem Schweigen quittiert – wer hätte es anders erwartet – , doch wir erweisen der Wahrheit die Ehre, auf dass sie siegreich vom Felde gehen möge. Wir erreichten Dr. Richter telefonisch am Rande einer Konferenz in Rosenheim, und er war so freundlich, uns eine Stunde seiner kostbaren Zeit für ein Telefoninterview zur Verfügung zu stellen, das wir in drei aufeinanderfolgenden Teilen veröffentlichen. Das Gespräch führte Greta H. Bernhard.
Maya sah stirnrunzelnd in die Ferne, haarscharf an Jacob vorbei.
»Was machst du denn für Grimassen?« fragte Jacob.
»Erkennst du meinen Gesichtsausdruck nicht?«
»Nein. Du guckst, als wolltest du aussehen wie Albrecht Dürers Mutter.«
»Das ist manches Stirnrunzeln und die ein oder andere Sorgenfalte.«
»Hä?«
»Steht hier.«
Jacob wandte sich wieder seinem Buch zu, das aus den 70er Jahren kam und davon handelte, wie alle menschliche Kultur eigentlich nur eine Fluchtbewegung vor der unerträglichen Gewissheit des Todes sei. Das Buch zog ihn einerseits herunter, andererseits nicht so richtig in seinen Bann, er schweifte dauernd ab und fragte sich dabei, ob diese Abschweiferei ganz normal war oder ob er der falsche Adressat für das Buch war oder ob das ein Resultat der allgemeinen Smartphone-Sucht war und niemand sich mehr länger als drei Minuten konzentrieren konnte. Dann dachte er an Moses, der ihm das Buch empfohlen und nach eigenen Angaben dreimal gelesen hatte, also rief er sich zur Ordnung, las noch einen Absatz, schweifte wieder ab und stellte sich den Autor als 70er-Jahre-Mann mit Schnurrbart, Koteletten und Karohemd vor, der in einem Gebirge aus hölzernen Zettelkästen am Schreibtisch saß, mit qualmender Zigarette im Mundwinkel und einer weiteren qualmenden Zigarette im Aschenbecher auf seiner Schreibmaschine vor sich hintippte und auf dessen Horizont vor lauter Rauchen und Schreibmaschineschreiben nie der Gedanke auftauchte, dass die Menschheit nicht nur aus Männern bestand. Es gab Fotos aus den 70ern, auf denen Jacobs Vater genauso aussah, und Jacob war nie das Gefühl losgeworden, dass Männer aus dieser Generation Frauen in gewisser Weise als Teil einer anderen Menschheit betrachteten.
Die Hängematte schaukelte, und Maya fiel fast heraus, als sie sich zum Boden beugte und im Rucksack nach ihrem Handy fischte.
»Was hast du vor?«
»Ich muss den Typen googeln«.
»Viel Erfolg. In zwei bis drei Stunden weißt du mehr.«
Maya tippte Dr. Ing. Wolfgang A. Richter Sensos Institut ins Handy und wartete. Jacob schlug sein Buch zu und schaute in den Himmel.
»Welchen Typen und wieso musst du den googeln?«
»Der Typ, der hier sagt, dass Kernphysiker in der Schweiz fahrlässig das Ende der Welt herbeiführen könnten. Der hat bestimmt an der Bundeswehr-Universität studiert. Solche Leute waren immer 12 Jahre Zeitsoldat, haben dann an der Bundeswehr-Uni irgendwas Technisches studiert, dann haben sie 30 Jahre lang für eine mittelständische Firma gearbeitet, und jetzt sind sie Rentner und schreiben Bücher, in denen drinsteht, dass Kaiser Wilhelm an gar nix schuld war. Darunter liegt aber in Wahrheit ein Ressentiment gegen die eigenen Altersgenossen, die in ihren Zwanzigern an der Uni die Nächte durchgefeiert und gesoffen und gevögelt haben und genau durch diese Sauf- und Vögelzeit ein solides Netz an Beziehungen geknüpft haben, das einen mühelos durch einen langen Lebenslauf trägt, während sie selber Zeitsoldat waren und immer fleißig und natürlich auch dauernd besoffen, aber eben anständig, mit soldatischer Haltung, ohne Vögeln und ohne Karriere-Mehrwert. Scheiß-Internet, da kommt ja wirklich nix.«
Maya ließ das Handy fallen, angelte wieder nach unten und zog den Beutel mit dem Obst aus dem Gras. Sie reichte Jacob einen Apfel und nahm sich selber eine Handvoll Kirschen. Jacob biss in den Apfel. Er schmeckte intensiv süß, fast wie ein Stück Apfelkuchen. Er reichte ihn Maya.
»Probier mal«.
Maya griff nach dem Apfel und biss hinein.
»Krass. Lecker.«
»Wo ist der denn her?«
Maya wedelte vage in Richtung Schuppen.
»Ist der von dem Baum, von dem wir nix nehmen sollten?«
»Ich hab mir nicht gemerkt, welcher Baum das war.«
Jacob nahm den Apfel zurück und aß weiter. Nach zwei weiteren Bissen änderte sich der Geschmack, und er biss auf einen Wurm. Er verzog das Gesicht und warf den Apfel weg.
»Bäh. Spätestens jetzt ist egal, von welchem Baum der war.«
Maya hatte ihre Kirschen aufgegessen und die Kerne in alle Richtungen gespuckt. Sie sah nochmal nach ihrem Handy, das weiterhin auf Daten wartete, die nicht kamen. Dann legte sie sich wieder in die Hängematte und blickte in den Himmel, an dem jetzt eine einzelne kleine Wolke erschienen war. Jacob blickte in denselben Himmel, die Hängematte schaukelte sanft, ihre Körper berührten sich – seine Füße an ihrem Hinterkopf, ihre Knie an seinen Rippen, seine Hand auf ihrem Po, ihre Hand auf einer Wanderung, die gemächlich zwischen seine Beine führte. Die Schwerkraft und die Hängematte drückten sie aneinander, Jacob ließ seine Hand um Mayas Körpermitte herumwandern und dachte dabei an ein Segelschiff, das ohne besondere Eile auf dem Äquator vor sich hinsegelt. Er küsste ihre Füße. Der rosa Nagellack auf ihren Zehennägeln war drei Wochen alt und nur noch in Bruchstücken vorhanden.
»Warum«, sagte Maya und fingerte an seiner Hose herum, »trägst du immer diese dämlichen Gürtel?«
»Damit ich meine Hose nicht verliere.«
»Ich schenke dir bald mal Hosenträger.«
»Dann schenke ich dir einen Minirock.«
»Dann schenke ich dir einen Schottenrock.«
Der Versuch, sich in der Hängematte gegenseitig auszuziehen, führte zu unvorhersehbaren Schwankungen und Schaukeleien, und als Jacob Mayas Ellbogen ins Gesicht bekam, setzte er sich auf und stellte die Füße auf den Boden. Sie streiften sich die Kleider vom Leib, legten sich wieder hin und machten da weiter, wo sie aufgehört hatten.
»Ich liege oben«, verkündete Maya.
Sex in der Hängematte erwies sich als umständlich, aber interessant. Umständlich, aber interessant, dachte Jacob vor sich hin, das beschreibt das Zusammensein mit Maya generell ganz gut, und dann dachte er: Schweife ich schon wieder ab? Bin ich überhaupt bei der Sache? Offenbar nein, beziehungsweise ja? Liebe ich sie genug? Müssten wir nicht eigentlich wie zwei Tiere übereinander herfallen und jeden klaren Gedanken vergessen? Liegt das jetzt auch an der Smartphone-Epidemie, dass ich nicht mal beim Sex ganz bei der Sache bin? Oder wird umwerfend toller Sex in Filmen und Romanen und in der Presse und im Internet viel zu sehr abgefeiert? Ist das alles nur Medienpropaganda? Und ist Medienpropaganda ein Wort, das auch in meines Vaters Verschwörungstheorie-Blatt drinstehen könnte? Werde ich auch mal so enden? Und ist mein Vater eigentlich noch anatomisch, also, äh, technisch in der Lage, Sex zu haben? Würde er mir die Wahrheit sagen, wenn ich ihn fragen würde?
Jacob schüttelte den Kopf, weil dieser Gedankengang ihm jetzt wirklich auf die Nerven ging. Er mochte Sex mit Maya, aber ob dieser Sex life changing war, das wusste er nicht so genau. Maya wusste es auch nicht, aber sie dachte auch nicht so kategorisch darüber nach. Gerade versuchte sie testweise, sich beim Sex ein Baby vorzustellen. Maya war sich alles andere als sicher, ob sie überhaupt Kinder wollte; sie fand die Verbindung zwischen Sex und Kinderkriegen merkwürdig unplausibel, genau deswegen versuchte sie manchmal beides mit Absicht zusammenzudenken, aber es funktionierte nie, in ihrer Vorstellung wollte einfach kein Kind auftauchen, auch jetzt gab es nur Jacob und sie selbst, zwei nackte Körper, die in einer großen blauen Hängematte eine seltsame Choreographie aus Hebelwirkung und Schwerkraft aufführten.
»Warum schüttelst du den Kopf?«, fragte sie.
»Keine Ahnung«, sagte Jacob, »das war mein, äh Körper.«
»Schau mir in die Augen«, sagte sie.
Mayas Augen waren von einem klaren, blassen Blau, wie der Himmel an einem Wintertag.
Jacobs Augen waren dunkelgrau. Seine Mutter behauptete, sie seien grün.
Eine Moment lang hielten sie still und hielten den Blick. Dann vergaß er seine Gedanken, und sie vergaß ihre. Kein Abschweifen, keine Medienpropaganda, kein imaginäres Kind, nur sie beide und eine Nähe, für die es keine Worte gab.
Ein Motorengeräusch näherte sich, dann war wieder Stille.
»Hast du das gehört?«, sagte Maya.
Eine Autotür fiel ins Schloss, dann erklangen Schritte, und dann hörte Jacob das charakteristische Räuspern seines Vaters.
Er hielt die Luft an, löste sich von Maya und richtete sich halb auf.
»Hey«, sagte Maya, »das ist überhaupt kein Grund, jetzt aufzuhören.«
»Wieso kommt der denn jetzt zurück«, zischte Jacob leise.
»Frag nicht mich«, erwiderte Maya in normaler Lautstärke.
»Psst!«
»Wieso? Wir machen doch nix Verbotenes!«
Jacob zog die Hängematte über ihnen zusammen, sodass nur zwei Köpfe und vier nackte Füße hinausschauten.
»Komm«, sagte Maya, »wir machen weiter. Der wird uns schon nicht stören.«
Sie griff Jacob beherzt zwischen die Beine.
»Das lässt gerade stark nach«, flüsterte Jacob.
»Du hast Angst vor deinem Papa«, kicherte Maya.
Gerhard kam um die Ecke des Schuppens und blieb stehen. Er trug eine Sonnenbrille, die zu hoch saß, und eine gelbe Schirmmütze, die ihm zu klein war.
»Der Zug fällt aus und der nächste auch«, rief er in den Garten hinein. »Weichenstörung oder irgend so was. Ich hätte drei Stunden am Bahnhof warten müssen.«
Er sah in den Garten und zu Jacob, dessen Kopf aus der Hängematte hervorschaute. »Da wäre jetzt noch genug Zeit, um hier zwischen den Bäumen zu mähen. Du könntest mir helfen.«
»Jetzt sofort?«
»Wenn überhaupt, dann jetzt. In einer Stunde haben wir das.«
»Siehst du«, zischte Maya halblaut, »wir hätten einfach weitermachen müssen, dann hätte er uns in Ruhe gelassen.«
»Wie bitte?«, fragte Gerhard.
Maya rief in den blauen Himmel: »Bei Jacob lässt es gerade stark nach, der kann jetzt nicht mähen.«
Sie sprang nackt aus der Hängematte, rief »oh!«, zog sich Unterhose und Hose und T-Shirt an, hob den Sokrates-Report vom Boden auf, wedelte damit in Gerhards Richtung, rief »das ist hochinteressant!« und legte sich wieder zu Jacob.
»Ey«, sagte Jacob und wollte noch etwas sagen, aber ihm fiel nichts ein.
»Gönn deinem Papa doch mal einen erfreulichen Anblick«, sagte Maya.
Jacobs Vater stand immer noch unentschlossen am Rand des Gartens, drehte den Autoschlüssel in der Hand und sah in seiner verbeulten Hose und dem zu kleinen Käppi aus wie ein altes einsames Kind. Dann bückte er sich und hob etwas vom Boden auf. Es war der zu zwei Dritteln aufgegessene Apfel, den Jacob weggeworfen hatte.
»Wo habt ihr den her?«
»Von einem der Bäume«, sagte Jacob.
»Moment mal«, murmelte Gerhard und verschwand hinter dem Schuppen. Dann kam er wieder, und etwas in seiner Haltung hatte sich verändert. Er hielt auf den Baum zu, an dem ein Seil der Hängematte befestigt war. Nein, dachte Jacob, das wird er nicht tun, und dann wurde ihm klar, dass sein Vater das durchaus tun würde. Das Seil löste sich, die Hängematte gab nach, Jacob und Maya fielen in- und übereinander zu Boden, Maya schrie, Jacob schrie auch, und dann kam Gerhard, stellte sich über sie und schrie am lautesten.
»Was habe ich euch gesagt?« brüllte er, »überall könnt ihr euch bedienen, aber den einen Apfelbaum lasst bitte in Frieden! Das habe ich doch gesagt, oder? Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Und was macht ihr? Ihr habt nichts Besseres zu tun, als genau das zu machen, was ich euch verboten habe!«
»Da war sowieso ein Wurm drin …«, setzte Jacob an und kam auf die Beine, doch sein Vater unterbrach ihn.
»Das kann dir vollkommen egal sein, ob da ein Wurm drin ist oder nicht! Zieh dir gefälligst erstmal was an! Wie stehst du hier überhaupt vor mir? Was habt ihr da eigentlich getrieben? Du ziehst dir jetzt sofort was an!«
»Keine Sorge«, sagte Jacob, »das hatte ich eh gerade vor.«
»Du hast mir nicht zu widersprechen«, brüllte Gerhard, packte mit einem Griff Jacobs Kleider vom Boden und warf sie in die Wiese. Jacob schüttelte nur den Kopf und wandte sich ab, um seine Hose und sein T-Shirt wieder einzusammeln. Währenddessen löste Gerhard auch das zweite Seil, raffte die Hängematte zu einem Knäuel zusammen und knallte alles zusammen Jacob vor die Brust, der inzwischen seine Kleider eingesammelt, aber noch nicht angezogen hatte.
»So«, schnauzte Gerhard, »und jetzt will ich euch hier nicht mehr sehen!«
»Moment mal«, setzte Jacob an, doch sein Vater brüllte: »Raus!!«
»Dürfte ich mich vielleicht noch anziehen?« schnauzte Jacob zurück.
»Was ist das überhaupt für ein Ton?«, herrschte sein Vater ihn an, »ich lasse mich doch von meinem eigenen Sohn auf meinem eigenen Grund und Boden nicht anschreien! Soweit kommt’s noch.«
Maya stand die ganze Zeit schweigend daneben und schaute fassungslos von einem zum anderen. So etwas hatte sie noch nicht erlebt. Diese Aggression, dieser wütend schreiende Mann erschreckte sie zutiefst und brachte in ihr eine Saite zum Klingen, die sie selbst nicht kannte. Zorn stieg in ihr auf, Zorn kannte sie, aber dieser Zorn war neu und explodierte in ihrem Kopf. Sie baute sich vor Gerhard auf und schrie ihn an: »Halt endlich die Fresse! Wir gehen sehr gern! Arschloch!«
Der Klang ihres eigenen Schreis überraschte sie selbst, und auch Gerhard wich zurück und schwieg für einen Moment. Maya griff die Schuhe vom Boden, packte Jacob am Handgelenk und zog ihn, nackt wie er war, von der Wiese. Gerhard folgte ihnen und wollte sie schieben wie einen zu langsamen Handwagen, doch als er ihren Arm berührte, explodierte Maya erneut und fauchte: »Fass mich nicht an! Bleib mir vom Leibe!«
Jeder ihrer Ausrufe war wie ein Messerstich. Maya zog Jacob, der seine Kleider und Schuhe und die Hängematte als großes Knäuel im Arm hielt, um die Hausecke herum, die Einfahrt entlang, am Briefkasten vorbei und durch das offene Tor hinaus auf den Feldweg und noch zehn Meter weiter von der Grundstücksgrenze weg. Gerhard verschwand hinter dem Haus und kam mit drei Gegenständen wieder, die er vom Boden unter der Hängematte aufgelesen hatte. Es war Jacobs Buch, Mayas Kindle und der Sokrates-Report, in dem Maya gelesen hatte. »Lasst euch hier nie wieder blicken!«, schrie er, »undankbares Pack! Nimm deine Drecksgöre und verzieh dich zu deiner Mutter! Miniermotte!«
»Oh doch, ich komm wieder«, brüllte Maya, »und dann haue ich dir deinen eigenen Spaten auf den Schädel!« Gerhard verschwand im Haus, kam gleich darauf mit den beiden Rucksäcken zurück, schleifte sie wie zwei Säcke hinter sich her und warf sie aus dem Eingangstor. Dann ging er nochmal weg, zerrte die beiden Fahrräder aus dem Schuppen und warf sie nacheinander auf den Feldweg. Schließlich stellte er sich breitbeinig in die Einfahrt, genau an die Grundstücksgrenze, und stemmte die Fäuste in die Hüften. Dort blieb er stehen.
Jacob zog seine Kleider an, ging die zehn Schritte zurück zum Haus, vermied den Blick seines Vaters, hob die Räder vom Boden auf und schob sie dorthin, wo Maya stand. Dann ging er nochmal zurück, holte auch noch die Rucksäcke, ließ sie neben die Räder fallen und nahm Maya in den Arm. Engumschlungen standen sie auf dem schattenlosen Acker. Jacob spürte, wie Maya zitterte. Dann löste sie sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück.
»Hast du deinem Vater noch nie die Stirn geboten?«, fragte sie.
»Dem kann man nicht die Stirn bieten, dem kann man nur den Vogel zeigen.«
»Kann man wohl«, sagte Maya, »ich zeig dir das jetzt.«
Sie marschierte auf das Haus zu. Sie fixierte einen Punkt zwischen Gerhards Augen. Sie hob den Sokrates-Report vom Boden auf, wo Jacob ihn liegenlassen hatte, hielt Gerhard das Heft vor die Nase und sagte betont langsam: »Das stelle ich mir zuhause ins Regal und lache mich noch in dreißig Jahren darüber kaputt, wenn du längst tot bist.«
Gerhard holte Luft, doch ihm fiel keine schlagende Antwort ein. Maya hob das Buch und den Kindle vom Boden auf, rannte zurück zu Jacob, zog den Rucksack auf, hob ihr Fahrrad auf und fuhr los. Jacob folgte ihr.
Nach hundert Metern hielt Jacob an. Sein Vorderreifen war platt.
»Warte«, rief er. Maya blieb stehen, er schob sein Rad zu ihr.
»Ich hab kein Flickzeug.«
»Ich auch nicht.«
»Was machen wir jetzt?«
»Schieben. Bis Warnekow sind es fünf Kilometer. Das haben wir in anderthalb Stunden.«
»Ich könnte auch einfach schon fahren«, überlegte Maya.
»Fühl dich zu nichts verpflichtet.«
»Nein. Doch. Ich bleibe bei dir.«
Sie gingen los, Schritt für Schritt den Feldweg entlang. Die Sonne brannte vom Himmel. Es war viertel vor zwölf.
»Eins könnten wir noch machen«, sagte Maya.
»Und zwar?«
»Moses anrufen.«
»Der ist das Wochenende bei seinen Eltern.«
»Moses ist immer irgendwo. Ich ruf ihn an.«
600 Kilometer südwestlich und 40 Jahre vor dieser Begebenheit lag eine Frau unter einem Mann in einem Bett. Die 70er Jahre gingen dem Ende entgegen. Die Frau hieß Gisela, war 29 Jahre alt, hatte dunkelblonde, leicht gelockte Haare, braune Augen sowie eine Stupsnase und studierte Sozialpädagogik im elften Semester. Ihr Lebensgefährte hieß Günther, war 35, hatte ziemlich viele verschiedene Dinge studiert, zuletzt Deutsch und Geschichte auf Lehramt, und absolvierte derzeit das Referendariat an einem Gymnasium in Kassel. Der Mann, der in diesem Moment auf Gisela lag, war jedoch nicht Günther und sah auch nicht so aus, als würde er Günther heißen. Gisela und Günther führten eine Wochenendbeziehung, Günther wohnte in einem möblierten Zimmer in Kassel und Gisela in einer WG in Heidelberg. Sie organisierte mit ein paar Freunden einen studentischen Filmklub, in dem am Vorabend ein Film namens Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gezeigt worden war, und der Mann, unter dem Gisela jetzt lag, war der einzige Mann im Publikum gewesen, der nicht offensichtlich schwul oder offensichtlich von seiner Freundin zur Veranstaltung geschleppt worden war. Bei der Diskussion nach dem Film hatte der Mann nichts gesagt, aber seine Blicke wanderten immer wieder zu Gisela, ihr Blick konnte sich von seinem nicht lösen, und erst später war ihr klar geworden, was an ihm anders war als bei vielen anderen Männern: Er schaute ihr nicht auf die Brüste, er tastete ihren Körper nicht mit Blicken ab, er sah ihr einfach nur in die Augen.
Dass der Mann überhaupt zu dieser Veranstaltung gegangen war, war Teil einer Strategie. Es fiel ihm nicht leicht, Frauen kennenzulernen. Wenn er eine Frau attraktiv fand, dann hatte er sogleich die Angst, ihr damit zu nahe zu treten, ihr etwas aufzudrängen, das sie nicht wollte, und eine Ablehnung zu provozieren, die ihn wiederum im Kern seiner Seele treffen würde. In dem Land, aus dem er stammte, fühlte er sich damit allein auf weiter Flur, aber in dem Land, in dem er jetzt war, fühlte er sich noch auf ganz andere Art allein. Viele Frauen in diesem Land betrachteten ihn mit schlecht verhohlener Abneigung, als sei er aus minderwertigem Material gemacht. Andere fanden ihn aufregend, eben weil er anders aussah. In beiden Fällen fühlte er sich behandelt wie ein exotisches Tier. Ein etwas älterer Studienkollege, der aus demselben Land stammte, aber schon mit 14 nach Deutschland gekommen war, hatte ihm eines Abends den Rat gegeben:
»Soziologie ist schön und gut, aber da lernst du niemanden kennen. Die Frauen sind komplizierte Zicken, die Männer sind selbstgefällige Großmäuler, und die fangen dann miteinander Beziehungen an, in denen sie sich das Leben zur Hölle machen, weil die Frauen eben Zicken sind und die Männer Großmäuler. Und wenn dann doch mal eine interessante Frau dabei ist, dann hat sie garantiert einen besonders schlimmen Männergeschmack. Also studier Soziologie, wenn du auf Soziologie stehst, aber wenn du auf Frauen stehst, dann mach was anderes.«
»Und zwar was?«
»Kunstgeschichte. Da sind die schönsten Frauen, und die Männer interessieren sich meistens nicht für die Venus von Botticelli, sondern den David von Michelangelo, wenn du weißt, was ich meine. Mach ein oder zwei Seminare Kunstgeschichte, notfalls im fünften Nebenfach.«
»Ich habe keinerlei Ahnung von Kunst«, hatte der Mann erwidert, »ich würde dort schwitzen und rot werden und mich als völligen Ignoranten entlarven.«
»Würdest du nicht. In Kunstgeschichte kannst du ein ganzes Studium absolvieren, ohne einen Funken Ahnung von der Materie zu haben.«
»Andere können das, ich könnte es nicht.«
Sein Kommilitone hatte geseufzt und gesagt:
»Du bist deutscher als die Deutschen. Dann mach Freizeitaktivitäten. Mach nicht Sport, da ziehst du immer den Kürzeren gegen irgendeinen Platzhirsch, und Mädels, die auf Sportler stehen, sind eh nicht unsere Zielgruppe. Orchester sind gut, aber da muss man halt ein Instrument spielen. Chöre, schwierig, da sind viele Frauen mit energischem Kinn, die sich selbst und die Welt sehr ernst nehmen und beides nicht richtig auseinanderhalten können und auf Kirchentage gehen. Glaub mir, mach irgendwas mit Literatur, Film, Theater. Da sind immer schöne Frauen.«
Der Mann hatte am Ende beide Ratschläge befolgt, aber in den kunsthistorischen Seminaren hatte sich nichts ergeben, und bei den Lesungen, Vorträgen und Theaterabenden, die er besuchte, auch nicht. Dann hatte er den Aushang des Filmklubs gesehen und sich gedacht: Vielleicht kommt hier beides zusammen. Bei diesem Film werden vermutlich nicht viele Männer im Publikum sein, die sich für Frauen interessieren, aber vielleicht wird da irgendeine Frau sein, bei der ich nicht gleich denke, dass sie denkt, dass ich sie vergewaltigen will, weil ich schwarze Haare und dunkle Augen und eine große Nase habe.
Das hatte Gisela in der Tat nicht gedacht. Der Blick dieses Mannes löste in ihr etwas aus, für das sie sich irgendwie vor sich selbst schämte. Sie fand seinen Körper nicht attraktiv. Er war nicht besonders groß, kein bisschen sportlich, eher ein bisschen dicklich, und sein Haaransatz hatte bereits den Rückzug angetreten. Günther sah besser aus. Doch Günther sah sie nicht mit diesen Augen an. Wenn Günther sie ansah, dann bekam sein Gesicht, ja sein ganzer Körper diesen Hundeblick, der sagte: Ich werde dich niemals verlassen. Im Blick dieses Mannes dagegen, der da nach der Vorführung von Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt im Publikum saß und Gisela ansah, in diesem Blick lag etwas, das in Gisela den Wunsch weckte, sofort mit ihm zu schlafen. Nicht der Homosexuelle ist pervers, dachte sich Gisela, sondern wir alle. Da sitzt dieser südländisch aussehende Typ, Araber oder Marokkaner oder was weiß ich, den ich gar nicht besonders attraktiv finde, er schaut mich an, ich will mit ihm schlafen und finde das selber gleichermaßen pervers und erfüllend. Oder auch erfüllend, weil es pervers ist.
Jetzt, wenige Stunden später, lagen sie in Giselas Bett, sie unten und er oben.
