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92290 ist die Erkennungsnummer in der französischen Sprache „Matricule“ des Gerhard Reimann in der Französischen Fremdenlegion. 1933 in Herne geboren – leistete er von 1952 bis 1957 als Fremdenlegionär in Algerien und Indochina Kriegsdienst. 1952 lernte die 17-jährige Christa Reitmann, verehelichte Reimann aus Hamburg ihn über eine Anzeige im Hamburger Abendblatt brieflich kennen. Viele Briefe haben sie sich geschrieben. Fotos wurden einander zugeschickt. 1955 besuchten Christa und ihr Vater ihn in Algerien. Nach der Entlassung aus der Legion heirateten sie. Im Schlafzimmerschrank wurden die Briefe aufbewahrt und haben sämtliche Umzüge überstanden. Nach fünfzig Jahren – im Rentnerstand – haben sie die Briefe und Fotos wieder hervorgeholt. Zeitdokumente über fünf Jahre eines sinnlosen Krieges, aber auch ein Zeugnis wie sich zwischen der jungen Frau und dem Legionär eine Zuneigung entwickelte, ohne sich drei Jahre persönlich zu kennen. Nicht alle Briefe eigneten sich zum Niederschreiben. Lediglich über Absätze, die zum Thema passten, wurde geschrieben. Christa hat ihren Mann viele Male befragt und aus seinen Berichten mit ihren eigenen Worten eine Biografie mit 27 Kapiteln verfasst. Hiervon weichen drei Kapitel ab, in denen die Schreiberin authentisch ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Christa Reimann
MATRICULE92290
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Fotografien © Christa Reimann
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Widmung
Für meine Enkel
Für meine Schreiblehrerin
Autorin Angela Förster
Christa Reimann
Die Zukunft gehört dem Buch und nicht der Bombe, dem Frieden, und nicht dem Krieg.
Victor Hugo
Man schreibt. Es mag mal schlechter oder besser sein. Aber man schreibt.
Unbekannt
Im Zorn
Ausbildung
Nach Indochina
Kein Pardon
Gefangene
Mädchen
Camerone
Verwundet
Vietminh
Der Zug
Der Orden
Raus aus Kesat
Zurück
Weihnachten in Hue (Annam)
Auf dem Schiff
Allein nach Afrika
In Tlemcen
In Nemours
Briefe hin und her
In Sidi Bel Abbès
Brennende Wälder
Bardot
Telefon aus Hamburg
Dauernd Alarm
Über die Mauer
Auf Patrouille
Die Heimkehr
Von der Straße her führt der Weg in die Felder hinein. Er bleibt stehen und lauscht. Hört Schreie. Hoch – gellend: »Lass mich los!« Schluchzen – Weinen.
Das Haus liegt bis auf ein schwaches Licht im Wohnzimmer im Dunkel. Es ist 11 Uhr abends im Sommer des Jahres 1952. Der neunzehnjährige Gerhard hat sein Boxtraining in Bielefeld beendet. »Da ist ja wieder was zu Hause los«, murmelt er vor sich hin.
Er rennt den Feldweg entlang auf das Haus zu. Hin zum erleuchteten offenstehenden Fenster. Ein Klimmzug – und er blickt hinein. Was er sieht, treibt ihm das Blut in den Kopf. Kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Mit einem Hechtsprung gelangt er in die Stube. Er landet neben den Menschenbündeln, die seine Eltern sind. Der Vater hockt rittlings auf der Mutter, die schreiend die Hände vor ihr Gesicht hält. Die Schläge treffen sie ungehemmt – immer wieder auf die Brust – an den Hals. Gerhard fällt dem wild Zuschlagenden in den Arm. Der hält überrascht inne, dreht sein Gesicht von der Schreienden weg. Gerhard ist außer sich vor Wut und Empörung. Seine Faust trifft die Wangenknochen des Vaters.
Gerhard – das zweitälteste Kind – von sechs – hatte sich nie mit seinem Vater verstanden. Der Vater mit 39 Jahren bereits Frührentner. Steinstaublunge, die er sich im Kohlebergwerk in Herne zugezogen hatte. Die achtköpfige Familie lebte in einem Dorf bei Bielefeld. Der Vater musste sich bereit erklären, gegen Deputat bei dem reichen Bauern zu arbeiten, der ihm das einfache Haus überlassen hatte. Gleich nach Abschluss der Volksschule schaffte auch Gerhard bei diesem Bauern in der Landwirtschaft und trug zum Familieneinkommen bei. Erst nach zwei Jahren Bauernarbeit durfte Gerhard in die Schlosserlehre. So war er wenigstens über Tag von den häuslichen Schwierigkeiten befreit. Aber trotzdem musste er noch nach Feierabend oft zur Arbeit auf den Bauernhof. Gerhards älterer Bruder war längst schon in der Lehre. Eine Mitarbeit beim Bauern wurde von ihm nicht erwartet. Die anderen Geschwister waren noch zu jung, um mit zu arbeiten. Die Enge in dem kleinen Haus war für Gerhard schlecht auszuhalten. Gerhard schlief jahrelang mit seinem Bruder in einem Bett. Wasser aus einer Pumpe auf der Diele. Der Vater – ein jähzorniger Mensch – der oft seinen Hosengürtel löste und auf seine Familienmitglieder eindrosch. Oft traf es Gerhard, weil er zum Widerspruch neigte, und er die Wutausbrüche seines Vaters nicht ertrug. Widerwärtig waren ihm die Attacken gegen seine Mutter.
An all dies muss er denken, als er vor der Rache seines Vaters von zu Hause floh. Mit einem Rucksack und etwas Geld von seinem letzten Lehrlohn steht er an der Straße und wartet auf den Bus, der ihn in die Stadt bringen soll. Die kommenden Tage sind für Gerhard ein Umherstreunen in Parks, Warenhäusern und Gaststätten. In einem der Wirtshäuser trifft er auf einen Menschen, der ihm von den Abenteuern in der Fremdenlegion erzählt.
Per Anhalter erreichen sie Koblenz in der französischen Besatzungszone. Sie erkundigen sich nach der Kaserne, wo die Alliierten ihren Dienst verrichten. Hier befindet sich auch das Büro zum Engagieren in der Französischen Fremdenlegion. Sie bekommen erst einmal etwas zu essen. Beide sind wie ausgehungert, denn ihr Geld ist längst verbraucht. Zum ersten Mal macht Gerhard Bekanntschaft mit einem französischem Baguette und Rotwein. Dazu gibt es eine Dose Ölsardinen.
»Mensch, schmeckt der Wein sauer«, sagt er zu seinem Kumpel.
»Ja«, meint der, »aber man wird da so schön duselig von.«
Mit anderen jungen Männern, die sich ebenfalls in der Fremdenlegion verpflichten wollen, geht es nun auf Lastwagen nach Straßburg.
Dort besteigen sie einen Zug nach Marseille. Hier bleiben sie vorerst in der Kaserne St. Nicolas. Sie müssen zum Militärarzt, der die gesundheitliche Tauglichkeit feststellt. Die Männer erhalten Impfungen gegen die Cholera. Vorher jedoch befragt sie der Arzt: »Wollen Sie wirklich engagieren?« Sie hätten sofort in die Heimat zurückfahren können. Die Rückfahrkarte würde von der französischen Verwaltung bezahlt werden. Gerhard überlegt nicht eine Sekunde.
Am anderen Tag geht es per Schiff durch das Mittelmeer nach der Algerischen Hafenstadt Oran.
Ende der Ausbildung. Erst jetzt erhalten die Männer das typische weiße Käppi der Fremdenlegion. Aus dem heißen und vertrockneten Bosouet geht es zurück nach Sidi Bel Abbès. In die Kaserne, in der die Legionäre vor ihrer Ausbildung einquartiert waren. Der Vorgesetzte befragt die Legionäre, in welcher Abteilung sie ausgebildet werden möchten. 92290 entschließt sich für die Musikabteilung. Trommeln würde ihm Spaß machen. Aber er ist enttäuscht: Er schafft den vorgegebenen Rhythmus nicht. Er bewirbt sich für den Autodienst. Ausgebildet auf einem Jeep legt er am 13.11.1952 die Abschlussprüfung für den Führerschein Permis V.l. et P.L / deutsch Klasse III und 2 ab.
Sechs Wochen dauert die Ausbildung. Deutsche Legionäre lehren 92290 das Fahren. Er fährt auf nichtsynchronisierten Autos mit Zwischengas. Abwürgen des Motors ist an der Tagesordnung, denn die Straßen sind holprig und voller Furchen. Den theoretischen Unterricht erhalten die Legionäre in französischer Sprache. Verkehrsschilder gibt es nicht, so dass sich der Unterricht auf Motorkunde und auf Politik beschränkt. Hier erfahren die Legionäre, dass Frankreich bereits seit 120 Jahren Kolonialherr in Algerien ist. Es gilt, dieses Recht zu verteidigen. Zumal es auch in der Sahara zu Petroleumfunden gekommen ist, das nur so aus dem Wüstensand heraussprudelt.
Der Kontakt zu Deutschland soll aufrecht erhalten bleiben. Die Legionäre bekommen daher kostenlos das Hamburger Abendblatt. Auch 92290 liest gern in dieser Zeitung und gibt mit einigen anderen Legionären eine Anzeige auf. »Legionär sucht Briefwechsel mit deutschsprachigem Mädchen.«
»Ob uns wohl welche schreiben?«, fragen sich die Männer.
Am 19.11.1952 erfahren die Legionäre den Befehl: »Ab nach Oran! Es geht nach Indochina!« Krieg gegen die Viets. Die Kolonialmacht Frankreichs verteidigen. Dreihundert Legionäre werden am 20. November 1952 auf dem ehemaligen deutschen Lazarettschiff Leipzig aus dem 2. Weltkrieg nach Indochina verschifft. Die Franzosen haben es in ATHOS II umgetauft. 92290 wird zum 1. Regiment 2. Bataillon CCB – (Compagnic Comande Bataillon) eingeteilt. Hier sieht er zum ersten Mal richtiges Geld, denn es gibt eine Überschiffungsprämie von 7000,- Frc. Das sind ungefähr 2100,- Mark. Damals eine sehr große Summe. Die Kajüten sind überbelegt und stickig. Nachts sind die Legionäre auf Deck. Schnappen nach Luft und spielen Belott. Ein französisches Kartenspiel. Kurz vor dem Einlaufen in den Suezkanal kommt auf dem Mittelmeer ein Sturm von solcher Mächtigkeit auf, dass sich viele Schiffsteile lösen und über Bord spülen. Das Opfern dem Meeresgott Neptun ist all überall. 92290 ist einer der wenigen, der über ein gutes Gleichgewichtszentrum verfügt, und dem das Schlingern des Schiffes nichts ausmacht.
Port Said – die Hafenstadt am Eingang zum Suez – hier heißt es: »Alle Legionäre unter Deck!« Das Schiff – breit und riesig – berührt mit beiden Seiten fast die gegenüberliegenden Uferstreifen.. Eine Leichtigkeit für einen Legionären zu flüchten, weil ihm durch die harte Ausbildung die Abenteurerlust vergangen ist.
