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Petar reist beruflich nach Malaysia. Doch anstatt zu arbeiten, betrügt er hinterlistig seine Firma und tingelt lieber durch Südostasien. Dort feiert er auf Punk-Konzerten, trifft auf schräge Leute und katapultiert sich dabei manchmal auch in eine gefährliche Situation. Petar ist das, was in Malaysia ein „Matsaleh“ genannt wird: ein weißer Tourist, der meistens betrunken ist. Mit schrägem Humor führt Christian Todoroski seinen Expunk aus Deutschland durch die faszinierenden Besonderheiten Malaysias und gestattet uns einen authentischen, durchaus kritischen Einblick in die südostasiatische Subkulturszene.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
No love left for this life, everything is dead inside,
caught inside the current, I’m swept away …
(Dropdead)
We learn, live and die a number.
(Assück)
I hate this fucking world for fucking hating me
(Carpathian)
A journey without an end is not a journey. A life without an end is not a life.
(Dionysian)
Death touches us, from the moment we begin to love.
(The Departues)
Inhale/Exhale … Afraid to live, afraid to die.
(Nasum)
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Without music, life would be a mistake.
(Friedrich Nietzsche)
CHRISTIAN TODOROSKI, 1978 in Duisburg geboren, stammt aus einer mazedonischen Einwandererfamilie und begeisterte sich schon früh für alternative Musik, Literatur und Kunst. Nach der Schule studierte er Geisteswissenschaften an der Düsseldorfer Heinrich-Heine Universität und war viele Jahre in der musikalischen Subkulturszene innerhalb des Ruhrgebiets aktiv. Seit 2011 lebt der Autor in Südostasien wo er unter anderem als DaF-Dozent, Koordinator und Übersetzer an diversen Universitäten, Schulen und Firmen in Malaysia, Singapur, Thailand und China tätig war. Zur Zeit arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Soziologie an einer internationalen Schule in der Nähe Kuala Lumpurs und ist Gitarrist und Sänger der Doom-Metal Band Dionysian. Matsaleh ist sein dritter Roman.
Christian Todoroski
MATSALEH
Roman
www.edition.subkultur.de
CHRISTIAN TODOROSKI: „Matsaleh“
1. Auflage, Juli 2019, Edition Subkultur Berlin
© 2019 Periplaneta — Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
www.subkultur.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat & Projektleitung: Silvia Klein Cover: Marion Alexa Müller Satz & Layout: Thomas Manegold
Made in Berlin
print ISBN: 978-3-943412-43-7 epub ISBN: 978-3-943412-44-4
Der „paid“-Stempel landete mit ordentlich Saft auf Petars Unterarm, er hatte etwas von einem wüsten Dackelkuss. Dackel waren hier keine. Nur ein paar kranke Straßenköter mit blutig gekratztem Fell, die es sich – peu à peu und einer nach dem anderen – hinter den saufenden Punks und Crusties gemütlich machten. Es war ein schäbiger Haufen von Irokesen, Glatzköpfen und Dreadlockträgern, die in Grüppchen verteilt auf dem Hinterhof des Autonomen Zentrums Rumah Api aka „brennendes Haus“ herumlungerten und friedlich vor sich hin rülpsten. Dann und wann flog zum Zwecke der allgemeinen Erheiterung eine geleerte Bierdose von der einen Gruppe zur anderen. Je nachdem welcher Knallkopf gerade was für einen Zug hatte. Petar wurde durchgeschleust und war gerade dabei, die von Bandstickern übersäte Tür zu öffnen, als er die rote Irokesenmatte hinter ihm über die 20 Ringgit Eintritt protestieren hörte. „What the fuck, bro!“ Sein Kumpel hier habe schließlich gestern mit seiner Band in diesem Laden gezockt. Das sei ja wohl Grund genug, um heute für die Hälfte reinzukommen. Der Kassentyp verstand die Logik nicht: „Bro, 20 Ringgit her oder draußen bleiben. Außerdem ist heute ein anderes Konzert.“ Der Gockel durchkramte mächtig angepisst seine Taschen. Dessen um zwei Köpfe kürzerer, stockbesoffener Skinhead-Kumpan schwankte derweil zwischen dem Eintrittstisch und seinem Iro-Freund hin und her, sich gerade noch mal an jenem, mal an diesem abstützend. Nein, er wollte einfach nicht hinfallen. Draußen, als der Glatzkopf noch etwas nüchterner herumstand und sie alle auf das Ende des Soundcheck-Geschrammels warteten, hatte er Petar um eine Zigarette angeschnorrt. Diese hatte er kaum angezündet, da wurde endlich die Eingangstür von innen geöffnet und ein grinsender, Alf-ähnlicher Asiate besetzte hurtig die Kasse. Das Iro-Glatze-Duett gehörte zu dem Crust-Punk-Hardcore-Weiß-der-Teufel-was-Haufen aus dem benachbarten Indonesien. Sie waren etwa ein Dutzend Leute, die schon seit dem frühen Nachmittag billiges Dosenbier und ein Gemisch aus dem in Asien populären Kakaogetränk Milo und bitterbeißendem Arak-Schnaps tranken, während ab und zu ein Joint durchgereicht wurde. Bei diesem Gelage tätowierte der segelohrige Zwerg unter ihnen zwei seiner Kumpels. Deren missratene Anker, Anarcho-As und Spinnennetze auf den Armen und Hälsen sollten mittels gleicher Motive überdeckt werden – was nach Vollendung nur noch hässlichere Krickeleien auf der Haut zurückließ.
„I Adi, from Medan. Have cigret? Wea ju from?“, fragte die Glatze.
„Germany“, antwortete Petar.
„Järmaniii, wooh, good!“, Adi fing an, wie aus der Pistole geschossen über seine Jungs zu reden. Gestern hatten sie im Rahmen ihrer South-BEast-Asia Tour mit ihrer Band The Alcoholocaust hier gespielt – aber nur zu dritt, da der zweite Gitarrist im thailändischen Songkhla vor ein paar Tagen too much hardcore war und dort noch immer im Krankenhaus läge. Der Grund dafür erschloss sich Petar erst nach einer Weile, als er das verstandene Irgendwas von „Show at the Reaggae Bar … 3 days ago … beerbottle … ass tight … one guy hold bottle … try open … broke ass … very bad, lah!“ in seinem Geiste endlich zurecht sortiert hatte. Er gab der Glatze zum zweiten Mal Feuer, da während des Redeschwalls die Kippe ausging. Ob er noch eine für später haben könne?
„Klar“, sagte Petar und gab ihm aus seiner angefeuchteten Canyon-Schachtel gleich zwei mit auf den Weg. Zurück zu seinen Jungs geeiert, exte Adi noch den Rest Milo-Arak weg. Drinnen piepsten die Mikrofone auf: „Jalan, jalan, lah! Let’s go.“ Verpeilt und zugedröhnt reihten alle sich allmählich vor der Kasse auf. Zeit für Fuck’n’Roll.
Drinnen sah es aus, als hätte das Rumah Api neben dem Boykott von McMurder und Capitalist Cola auch zum Protest gegen Besen, Putzeimer und Allzweckreiniger aufgerufen. Die kleine Bar auf der linken Seite war verschmiert von Kaffee und Bierresten aus dem vorigen Jahrhundert. Die ranzige Couch auf der rechten Seite lud den besoffenen Glatzen-Adi sofort zum Verweilen ein. Kaum war er hineingeplumpst, flüchtete eine Gang Kakerlaken vom Inneren der massiven Couchritze entlang seiner Oberschenkel nach draußen, was von Adi als völlig normal hingenommen wurde. Petar stand zwischen Bar und Couch herum und schnappte nach Luft. Endlich tat sich was. In der Ofenhitze stieg die erste Band auf die zusammengebretterte Bühne. Local Act aus Kuala Lumpur. Fünf chinesisch-tamilisch-malaysische Mischmasch-Wesen postierten sich an ihren Instrumenten. Der dicke, nicht mehr ganz so junge Sänger trug einen blondgefärbten Scheitel, marine Armeeshorts mit Aufnähern von NY Hardcore Bands und ein abgewetztes Minor Threat Shirt. Er hielt eine Dose Sprite in der linken, das Mikrofon in der Straight-Edge-X-markierten rechten Hand. Vor der Bühne hielt einer sein Handy hoch. Ob es losgehen könne, fragte ihn der Sänger von der Bühne herab.
„Can cousin, can“, rief dieser hinauf.
„Check, Check, apa kabar, what is going on, lah! We are The Major Threat from fucking Petaling! Jayaaaaa!“
Als nach der Ansage ein dermaßen mieses „Fuck Religion” von Propagandhi als grölende Metal-Interpretation ertönte, wollte Petar beinahe seine Hände zum Gebet falten. Der Schlagzeuger verkackte nach nur zehn Sekunden, schraubte sich selbst während des einfachsten Trommelzwischenwirbels aus dem Takt. Die Gitarren leierten völlig verstimmt einen lärmenden Brei zusammen, während dem Sänger schon nach der ersten Strophe die Luft ausging. Einzig der Bassist spielte solide. Er sah zumindest so aus, dachte Petar. Hören konnte man ihn aufgrund des defekten Gitarrenkabels nicht.
Petar trat ein paar Schritte zurück, um seine Ohren zu schonen. Er sah sich nochmals um. In seinem Inneren pulsierte immer noch dieses befremdliche Gefühl, wieder in so einem Laden gelandet zu sein. Gut 80 Leute hatten sich in dieser Anarcho-Miefkaschemme eingefunden. Die meisten aus der Punk und Hardcore Szene in und um Kuala Lumpur. Einige Typen aus der DIY-Szene, die sich mit ihren winzigen Plattenlabels gegen den Kommerz verschworen hatten, kamen aus der Küstenstadt Melaka und dem südlichen, an Singapur angrenzenden Johor Bahru. Während des Soundchecks hatten sie ihre Ständchen neben der Bar aufgebaut. Zwei bleiche, storchbeindünne Japaner mit Osaka Grindcore Crew T-Shirts saßen kiffend auf der zum obigen Plattenladen führenden Treppe und verfolgten die Show aus der Vogelperspektive. Dicht am Eingang gedrängt standen ein paar junge Mädels mit Garfield Longsleeves und ihren blöden Hijabs und guckten unsicher und schüchtern umher. Sie wurden wohl von ihren Milo-gesichtigen Boyfriends mitgeschleppt, die ungeduldig auf die Hardcore-Metal Band von der malaysischen Insel Penang warteten, um sich beim Windmühlen-Tanz ihre arschteuren Nike Turnschuhe gegenseitig in die Fresse zu treten. Der Teddybär von Merchandise-Verkäufer, der seinen Shirt- und Vinyltisch neben der Bar als Erster aufgestellt hatte und etwas verloren davor stand, suchte Blickkontakt und zeigte, als Petar endlich näher kam, auf seine spärlichen Vinylkisten und Distro-Listen. Dazwischen lagen ein paar Disrupt und Poison Idea Aufnäher zu je 3 Ringgit herum. Ob er von seinem neuen Label Mötordead schon gehört habe, mit Grind, Deathmetal und Crust Bands aus den Philippinen, Malaysia und Borneo. Wo er denn herkäme.
„Ohh, Järmaniii! Nice, lah! First time here in Rumah Api?“
Er war nett, roch aus dem Mund aber scheußlich nach Duriankeksen, was Petar auf Distanz hielt. Er stöberte nur kurz in der Plattenkiste herum und fingerte sich durch die CD-Reihe. Außer der grandiosen „Passion LP“ von Catharsis, weiß der Teufel, wie die hier herkam, manövrierten seine Finger nur durch völlig unbekannte Scheiben aus Südostasien und uralten, langweiligen Ami-Punk-Schrott. Er blickte zum Teddybären hoch, der ihn anlächelte, und kaufte aus Mitleid eine Compilation mit irgendwelchen Popel-Grindbands aus Java und Manila. Danach schritt Petar wieder etwas näher zum Bühnenbereich, wo jetzt auch ein zugepiercter Dreadlock-Typ mit Terrorizer T-Shirt und einer Wunde am Bein stand. Dieser hatte sich vor einer Stunde draußen mit den zugedröhnten Indonesiern angefreundet. Aus Frankreich sei er, wie Petar mithören konnte, und hier auf ein paar Wochen Crust-Punk Backpackerreise. In Südostasien solle die Szene ja noch „true“ sein, habe er gehört. Nicht so wie im Ami-Land oder bei uns, im eingeschnarchten Europa, wo es im Hardcore nur noch um Kommerz, Kohle und Fashion ging. Ob er Lust hätte, übermorgen mit ihnen nach Malang mitzukommen, fragten ihn die Indonesier. Sie müssten mal langsam in ihre Heimat zurück, ein paar Gigs spielen, mit Sick Squad und den legendären Anti Regime.
„Oh, mon ami, sure!“, rief der Franzose begeistert, „And now fuck it“, er klatschte auf sein linkes Bein und ließ sich von Adis zwergigem Kumpel mittels seines selbstgebauten Nadelapparats ein Hakenkreuz im Verbotsschild auf die schweißnasse Wade stechen. Ob sich das wegen der Bakterien auch wirklich nicht entzünden würde, fragte er Adi, der vor dem ersten Stich etwas Arak auf die Stelle kippte.
„No lah, keine Sorge“, beruhigte der die Franz-Wurst. „Mein kurzer Kumpel hier ist Profi.“
Nachdem der Deckenventilator im Schrägstrich-Ei fertig gestochen war – es bedurfte nur fünf Minuten für dieses Meisterwerk – grabschte der nun um einiges fröhlicher dreinblickende Franzose nach seinem tarnfarbenen Rucksack, aus dem er eine Tüte billiges Kingfisher Dosenbier herauszog und zur Feier des Tages eine Runde schmiss. Dabei beugte er sich seitlich so weit zurück, dass er den am Eingang herumstehenden Petar erblickte und ihm, nach kurzem Gesichtsmuskel-Warm-Up, schließlich den berüchtigten Blick zuwarf: den Anti-Blick!
Jenen gewissen, stummen, stechenden, dosenbierkalten, aschenbechergrauen Nietenjackenklassiker aus der Pionierzeit des D-Beat Crust-Punk. Entstanden aus einer Mischung von systemkritischer Frustanhäufung, post-pubertärem Nihilismus und der Enttäuschung, nicht schwul zu sein. Jene düstere, aufgesetzte Lethargie-Visage der Joy Division Generation, die sich in ihrer subkulturmorphologischen Maskeradefortsetzung nicht mehr die „Against Again“, sondern die „Against Everything“ Flagge aufsetzte. Jahre später fand selbst sie den Weg nach Asien, wo sich nun auch diese putzigen Subkultur-Malaysier an „dem Blick“ versuchten – dabei aber eher so wirkten, als habe man ihnen beim Frühstück das Nutella-Glas weggeschnappt.
Petar grinste ihn einfach an. Äußerlich ein nettes Grinsen. Innerlich ein entnervtes. Es dauerte nur wenige Sekunden, nur zwei Gedankensätze lang an. Mach dich locker, du armselige Lyonerwurst. Ich und du, wir sind zwar die einzigen Matsaleh hier, aber ich quatsch dich schon nicht an!
So gesehen war die Gegenwart dieses Franzosen Petars eigene Vergangenheit. Auch wenn sie sich altersmäßig offenbar nicht stark voneinander unterschieden. Er hatte die Schnauze voll von solchen Typen, obwohl er früher in der AZ-Szene im Ruhrpott nicht groß anders war – das heißt, einmal rein äußerlich betrachtet. Petar griff nach dem zweiten Konzert zur Tube und färbte seine strohblonden, endlich lang genug gewachsenen Haare schwarz. Unterteilte sie in daumendicke Bündel und knotete sie fest zusammen. Schmierte noch eine Tube Pattex rein. Anschließend ein zweimonatiges Waschverbot, bis sie wie Kackwürste aussahen und nach verschimmeltem Thunfisch rochen. Dazu themengerechter Garderobenwechsel: abgewetzte Bundeswehrhosen mit Capitalist Casualties, Spazz und Phobia Aufnähern, passend zu seinem 625 Thrashcore Plattenlabel Shirt. Sein Gesicht, das, wie ihm oft gesagt wurde, sehr an Campino von den Toten Hosen erinnerte, blieb jedoch piercinglos. Die fand er ekelhaft. Tattoos hingegen ganz ok. Er ließ sich nach dem Abitur in einem Oberhausener „Home-Studio“ eines auf die rechte Schulter stechen. Der Totenkopf sah noch ganz passabel aus. Die Python hingegen, die sich durch Augenhöhlen und Kiefer „schlängeln sollte“, wurde leider nicht ganz so naturgetreu. Eine Mischung aus Horror-Wurm und Michelin-Männchen. Er hatte wohl keine andere Wahl, als sich daran zu gewöhnen. Ja, er wollte anders sein. Passend zu seinem „anders Denken“ auch anders aussehen, nicht mehr so uniform wie die Streber vom Handballverein, die alle Fanta 4 hörten und das für Gangsterrap hielten. Nach einiger Zeit und etlichen AZ-Shows ging diese Phase allerdings langsam zu Ende. Er kam sich unter seinesgleichen ebenfalls uniformiert vor. Also besuchte er nach Jahren erstmalig wieder den Frisörladen, ging mit einem Tennisspieler-Schnitt raus und merkte: Es war gar nicht so schlimm, nicht anders zu sein. Wenig später fischte er auch seine Jeans wieder aus dem Schrank und zog sich ein stinknormales T-Shirt über. Der Franzmann ganz offenbar nicht.
Auf der Bühne hatten Major Threat mit ihrem Propagandhi -Cover-Song einen noch schlechteren Mittelteil dargeboten als den Start. Nach knapp zwei Minuten und gerade beim famosen „The West Bank. The Gaza Strip“-Sing-Along angekommen – die Hampelmänner hatten daraus tatsächlich einen grunzenden Breakdown-Part gemacht – entschieden sie – weniger aus Talentdefizit als vielmehr sozialmedialem Grund – noch mal von vorn anzufangen. Dem Cousin des Sängers war während eines kindischen Dreier-Pogos sein Smartphone heruntergefallen, mit welchem er den Auftritt filmte.
„Shit, Bro!“, rief er seinem Cousin auf der Bühne zu. So könne man es auf keinen Fall auf Youtube stellen.
„Sorry jah, here we go again, lah!” Ansage eins, die zweite. Der Sänger griff nach einer weiteren Dose Sprite, während seine fünf Fans nochmals zu „Fuck Religion“ zappelten.
Eine Woche vor dem Rumah Api Konzert.
Gespräch auf der Managementetage der Firma Lingowood. Typ Uli Hoeneß und Typ Campino sitzen sich gegenüber.
„Petar Stojanoski, hm, ich habe mich öfter schon gefragt … Jetzt, da Sie vollends bei uns im Boot sind, kann ich Sie ja fragen: Sind Sie eigentlich Russe?“
„Nein, Herr Möller, ich bin Deutscher, mit Jugo-Wurzeln.“
„Judowurzeln?“
„Jugoslawien-Wurzeln, Herr Möller. Daher der Name.“
„Ja ja, Sie brauchen mich da nicht belehren! Ist ja schon klar, dass Sie nicht aus dem Bimbo-Land kommen. Egal. Also, Herr Stojanoski, Sie hatten ja letzte Woche das ausführliche Gespräch mit Frau Dörnemann über die Zielvereinbarung. Fühlen Sie sich der Aufgabe, das erste Standbein unserer noch jungen Firma in Asien zu sein, auch wirklich gewachsen?“
„Ja, Herr Möller. Definitiv.“
„Gut! Genau das wollte ich hören, Herr Stojanoski. Ich möchte von Ihnen 100 Prozent Einsatz sehen. Wir alle setzen große Stücke auf Sie.“
„Sie bekommen 200 Prozent, Herr Möller.“
„Guter Mann! Guter Mann! Das ist die richtige Einstellung! Kürzlich waren Sie ja für uns in London, zwei Monate lang, bei unserem Tochterunternehmen. Haben dort recht kreativ die Angebotspalette erweitert. Wie ich höre haben Sie sogar der Standard Chartered Bank ein weiteres Sprachlernprojekt für 200 ihrer Mitarbeiter aufschwatzen können? Ha! Daumen hoch, Herr Stojanoski. Ich denke, Sie verstehen unsere Firmenmentalität.“
„Ich kann mich mit Lingowood vollstens identifizieren, Herr Möller. Unsere Sprachprodukte und der exzellente Service werden auch in Asien boomen. Das garantiere ich Ihnen. Ich werde Ihnen sofort die ersten Analysen und Updates schicken, sobald ich den Stein ins Rollen gebracht habe.“
„Darauf verlasse ich mich, Herr Stojanoski! Und Sie meinen, dass Sie dort drüben klarkommen?
„Ja, Herr Möller. Ich möchte aus diversen Gründen ungern weiter in dieser Region bleiben.“
„Asien ist nicht London, Herr Stojanoski. Schon gar nicht unser geliebtes Kölle. Sie bleiben dort auf jeden Fall viel länger als in England. Wir können Sie auf unsere Kosten auch nicht öfter als ein Mal zurückschicken.“
„Das ist mir bewusst, Herr Möller. Ich sehe darin kein Problem. Es reicht, wenn ich im Herbst mal kurz bei meinen Leuten vorbeischaue.“
Herr Möller lehnt sich zufrieden in seinem Bürosessel zurück und grinst. Petar ebenso. Herr Möller richtet sich wieder auf, klatscht seine Hände auf die Sessellehne.
„Na denn, Herr Stojanoski. Ihre Wohnung in Kuala Lumpur wird dann morgen gemietet. Wir haben da keine Mühen und Kosten gescheut. Liegt hübsch zentral. Das Kondominium soll einen erstklassigen Pool haben. Leben Sie sich da erst mal ein paar Tage ein. Ihre erste Etappe wäre dann … äh …“
„Peking, Herr Möller.“
„Richtig, Herr Stojanoski, Peking! Der Partner dort weiß schon Bescheid, dass Sie bald aufkreuzen werden. Mit den anderen Standorten müssen wir noch gucken. Am Donnerstag geht’s für Sie also rund. Ha! Ramba Zamba, ha, ha. Na dann, gute Reise, Herr Stojanoski.“
„Auf Wiedersehen, Herr Möller.“
Ein beschissener Song folgte dem nächsten. Petar hatte sich mittlerweile weit nach hinten zum Eingangsbereich zurückgezogen, schüttelte fassungslos den Kopf und zückte sein Handy. Er bestellte sich beim fulminanten Show-Ende von Major Threat ein Uber zurück ins Stadtzentrum von Kuala Lumpur.
Sie hatten kurz zuvor die Fugazi Hymne „Waiting Room“ angestimmt, als aufgrund einer – na, nennen wir’s mal kosmischen Eingebung – der bekifftere der bekifften Japaner die Treppe hinunterschwebte. Er fackelte ihm mit seinem Feuerzeug von hinten links plötzlich die Dreadlocks an. Nach ein paar Sekunden der Geruchszuordnung, betastete der Franzmann seine braunen Zottel und drehte sich mit einem mörderischen Anti-Blick nach rechts um. Er schlug dem sturzbesoffenen, friedlich wankenden Glatzen-Adi kräftig auf die Glatze, sodass dieser nach hinten fiel. Dessen Bierflasche begrüßte den filmenden Smartphone-Typen sehr unfreundlich im Skrotum. Der Filmer ließ schmerzerbost zum zweiten Mal sein Smartphone fallen, schaffte es jedoch, dem am Boden liegenden Glatzen-Asi noch einen rachesüßen Tritt in den Arsch zu verpassen. Daraufhin wurde der Treter kurzerhand selbst zum Getretenen, da der eintrittsgeizige Iro-Kumpel des immer noch am Boden liegenden Glatzen-Adis sofort zu Hilfe geeilt war. Das anfängliche Fiasko steigerte sich aufgrund selbstloser, crustlicher Nächstenliebe endgültig zum Tumult. Vollends entfacht durch den Umstand, dass der große Smartphone-Typ ja schließlich der Cousin des Sängers war, welcher seinen filmenden Cousin immer und in jeglicher Hinsicht unterstützte – schon krachte das Mikro auf den Irokesenkopf. Jedoch, auch die malaysischen Windmühlentanz-Kids unterstützen ihre indonesischen Hardcore-Homies immer und in jeder Hinsicht – schon wirbelte es Turnschuhe auf die kleine Menge. In ebenbürtiger Weise unterstützen die restlichen Bandmitglieder ihren Sänger immer und in jeder Hinsicht, verstimmte Gitarren waren sehr wohl zu etwas gut, während die Label- und Distro-Typen sich noch unsicher waren, wem sie ihre Unterstützung zuteil kommen lassen sollten. Das darauf folgende „Finale Grande“ dieses Hardcore-Affentheaters kann man sich ohne große Mühe selbst bildlich vorstellen. Petar beschloss, zügig den lieu de distraction zu wechseln.
Als Petar nach Frischluft schnappend nach draußen trat, streifte ihn der Franzose zur Seite – der hatte es tatsächlich geschafft, sich vor dem Mob zu retten. Schon kam ein nikolausroter Myvi im Innenhof zum Stehen. Kennzeichen „XUN 2296“, wie bestellt. Am Lenkrad saß ein skeptisch dreinblickender Uber-Fahrer. Sein Name: Shankar. Auf Petars Handy-Display hatte er zuvor irgendwie gepflegter ausgesehen.
Anfangs war es eine kommentarlose Fahrt – bis Shankar sich die große Frage, was denn ein Mann wie er im asozialen Rumah Api suche, nicht mehr verkneifen konnte. Petar, der sich jetzt schon auf das Youtube-Video freute, erzählte ihm von seiner früheren Subkulturzeit in Deutschland. Besonders von den ganzen Konzerten. Warum er hier sei? Ein Anflug von Nostalgie, vielleicht. Oder einfach nur Neugier, zu erfahren, wie es um die Szene hier in Asien stehe. Nein, eigentlich sei er firmenbedingt hier. Also nicht im Rumah Api, sondern in Malaysia. Shankar guckte etwas ungläubig. Plötzlich hatte er also einen „Business Man“ neben sich sitzen, den er von einem Anarcho-Haus in die Ausgehmeile Bukit Bintang kutschierte.
„Ok lah, better hang out there, than here“, merkte er an. In seinem nun losgetretenen Monolog betonte er zuallererst, bitte nur als Teilzeit-Uber-Fahrer verstanden wollen zu werden. Eigentlich sei er Eventmanager und damit der Einzige von seinen Leuten, der es zu etwas gebracht hat. Die anderen seien Tellerwäscher in diesen schäbigen Mamak-Restaurants. Er hingegen besaß sogar einen Bachelorabschluss in „Business and Management Administration“, hat sich den Hintern platt studiert, hier, an der profilierten KDU University und schuftete sich dann die nächsten Jahre von einem Projekt zum anderen. Das Kirin Bierfest zum Beispiel, im bonzigen Mont Kiara Viertel, habe er alleine auf die Beine gestellt. Die reichen Matsaleh dort – oh, er bitte um Entschuldigung – und die Ami-Style Chinesen seien dank ihm jetzt alle gierig auf Teriyaki und dieses ekelhafte japanische Bier. Das dortige Oktoberfest lief hingegen den Bach runter. Paulaner und Ochsen fressen war gestern, „… jah lah, I’m telling you!“ Er hätte es retten können. Schlug die besten Ideen vor. Wartete jedoch vergeblich auf weitere Anrufe. Vermutlich haben die Leute vom Organisationsteam seine genialen Einfälle einfach nicht begriffen. Wie Petar denn Malaysia gefalle? Halt, nichts sagen. Vorher sollte er nämlich wissen, dass in Wahrheit sie, die Inder hier, über Generationen wie die Büffel geschuftet haben, um aus dieser einstigen Palmeneinöde eine Industrienation zu machen. Und was sprang am Ende für sie heraus? Ein Tritt in den Hintern. „Unity? Ha, no lah!“ Die Chinesen hielten ihre Marktmonopole fest in der Hand und die dummen Malaien, die nichts anderes konnten außer beten und pennen, wurden damals von der neuen, von Allah erleuchteten Regierung auch noch mit massenhaft Privilegien überhäuft. Man muss sich also nicht fragen, warum er und seine Leute blitzschnell im Abseits landeten …
Shankar redete sich nun vollends in Rage. Er sei Christ! „Ya lah!“, ein guter, vorbildlicher Christ! So wie Petar und damals dieser Guru Hitler aus der Schweiz. Auch sei er hochgebildet und weltoffen. Doch würde es ihn mittlerweile wenig kratzen, wenn nicht sogar entzücken, wenn mal endlich einer den Spieß umdrehe – eine hübsche Bombe in eine dieser hässlichen Moscheen hier. Während des Freitagsgebets – bumm! – ha. Selber Schuld, kann man da nur sagen. Die Muselmanenführer hier kriegten einfach den Hals nicht voll, wollten immer mehr und mehr. Hatten selbst den Leuten in Sabah ihren Mohammed aufgezwungen, um Malaysia beitreten zu können. Obwohl … „No lah!“, eine Bombe dann vielleicht doch nicht. Das wäre zu extrem. Er sei ja Christ und man wolle ja in Sachen Zivilisations- und Moral-Errungenschaften nicht auf dieselbe Stufe gestellt werden, nicht?! Aber das verfluchte Sharia-Gesetz müsse endlich auf den Müll. Er kenne ja selber viele Muslime, die eigentlich keinen Bock mehr auf das Ganze haben und eher aus Tradition als wirklicher religiöser Überzeugung den Mist mitmachten. Was sollten denn sonst die Eltern denken? Und die ganze Familie, wenn beim Koranwissen Hohlraum herrsche. Ja, es musste sich hier einiges grundlegend ändern … und, oh, fast da. Ob es für Petar in Ordnung war, an der Seitenstraße vor der Changkat Bukit Bintang auszusteigen. Am Samstagabend sei dort die Hölle los. Er bräuchte sonst eine gute Stunde, um da wieder raus zu kommen.
Petar stieg mit brummenden Ohren endlich aus. So eine Laber-Fontäne hatte er schon lange nicht mehr abbekommen. Doch in einem hatte Shankar recht: Auf der Changkat Bukit Bintang war tatsächlich die Hölle los. Zu dieser abendlichen Stunde wohl die gewohnte, samstägliche. Auf der berühmtesten Partymeile Kuala Lumpurs gab es in der kaum erträglichen Schwüle nichts, was es nicht gab. Ein dichtes, durchweg zweistöckig gewebtes Gebäudenetz aus arabischen Shisha-Restaurants, irischen Pubs und mexikanischen Salsaclubs, zwischen denen in Patchworkmanier Rock-Clubs, R’n’B-Diskotheken und Sportbars drangenäht worden waren. Lief man aus der einen Location raus, fiel man schon in die nächste hinein.
