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Seit jeher bestimmen das Meer, der Wind und vor allem der Thunfisch das Leben auf der kleinen süditalienischen Insel Katria. Angeführt vom Raìs, gibt die Mattanza, der Höhepunkt des traditionellen Thunfischfangs, den Rhythmus der Insulaner vor. Doch nachdem der Enkel und letzte legitime Erbe des Raìs gegen alle Erwartungen als Mädchen geboren wird, muss Nora beweisen, dass sie auch als Frau die Traditionen ihrer Gemeinde wahren und ihrem Großvater nachfolgen kann. Während sich die Welt um Katria immer schneller dreht, erreichen die ersten Wellen des Tourismus die Insel und schließlich auch der Strom an Menschen, für die dieses Stück Land das erste Stückchen Europa bedeutet. Der Wandel scheint unaufhaltsam und stellt Nora vor die Frage, wie weit sie zu gehen bereit ist, um ihre Traditionen zu schützen.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2023
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mare
Germana Fabiano
Roman
Aus dem Italienischenvon Barbara Neebund Katharina Schmidt
mare
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel L’ultimo raìs bei Robin Edizioni srl, Turin.
Copyright © Robin Edizioni srl – 2015
Die Arbeit der Übersetzerinnen wurde im Rahmen des Programms »Neustart Kultur« aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
© 2023 by mareverlag, Hamburg
Covergestaltung Nadja Zobel, Petra Koßmann / mareverlag
Coverabbildung Mathias Bothor
Datenkonvertierung E-Book Bookwire
ISBN E-Book: 978-3-86648-826-7
ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-670-6
www.mare.de
… Sofort werden alle Netze gespannt
Die wie eine Stadt auf den Wogen treiben …
Oppian aus Kilikien, Halieutika, Buch 3
You consider me the young apprentice
caught between Scylla and Charybdes
hypnotized by you if I should linger
staring at that ring around your finger
Devil and the deep blue sea behind me
vanish in the air you’ll never find me
I will turn your face to alabaster
then you’ll find your servant is your master
The Police
1960
1967
1978
1979
1983
1985
1986
1990
1991
2000
2012
Skizze TONNARA
Wenn es Gott gab, hatte er diesmal einen Fehler begangen. Dieser gotteslästerliche Gedanke stand allen sechs Tonnaroti ins Gesicht geschrieben, die sich in der Bar Peppe Vino e Cucina zu dieser späten Stunde eingefunden hatten, als hätte sie jemand gerufen, aber so war es nicht. Die Thunfischfänger waren aus eigenem Antrieb hergekommen, durch die dunkle Nacht, selbst auf die Gefahr hin, sich einen Fuß oder das Kreuzbein zu brechen. In der allgemeinen Fassungslosigkeit mussten sie miteinander reden und Trost suchen. Der Fehler war geschehen, der große Fehler, und es gab kein Mittel dagegen.
»Es gibt gegen alles ein Mittel«, sagte jedoch Nicola Valenti, hüllte sich enger in seine Wolljacke und strich sich über den Bart. Er war der Älteste von ihnen, und alle hörten auf ihn, ganz besonders an jenem unglückseligen Abend, als niemand wusste, wie es weitergehen sollte.
»Er ist ausgeblieben. Er hätte nicht ausbleiben dürfen, aber er ist ausgeblieben. Nach vierhundert Jahren. Was für ein Mittel soll es dagegen geben?«, wandte Saro Vitale ein, der zu jung war, um mit Don Nicola in diesem Ton zu sprechen, aber es war eben eine außergewöhnliche Nacht, und deshalb musste man ihm die Unhöflichkeit verzeihen, dachten alle.
»Raìs heiratet bestimmt nicht noch einmal, und seine Tochter, wie alt ist seine Tochter? Zweiundvierzig, dreiundvierzig, also ist das heute Abend schon ein Wunder gewesen«, fuhr Saro Vitale fort, dann schüttete er ein ganzes Glas Wein auf einmal in sich hinein; noch nie in seinem Leben hatte er so lange am Stück geredet und musste sich deshalb erst mal davon erholen.
»Dann wird man wohl Martoranas Sohn nehmen«, platzte Agatino Spanò heraus, der immer laut aussprach, was er dachte, und es hinterher immer bereute.
»Und warum den Sohn von Martorana und nicht meinen?«, wollte Michele Santangelo wissen, der nie zurückstand, wenn er auch nur entfernt eine Möglichkeit witterte, mit jemandem zu streiten.
»Weil dein Sohn ein Trottel ist«, blaffte Toni Spagnolo, der von Natur aus ruppig war und sich nie ändern würde.
»Jetzt mal ruhig, ihr beiden, so kommen wir zu keiner Lösung«, sagte Nicola Valenti und erstickte den Streit schon im Entstehen. »Es muss jemand von seinem Blut sein.«
»Also der Fehler ist da«, erwiderte Tommaso Martinez, »diesmal hat sogar der Herr einen Fehler gemacht.«
Bei diesen Worten, die gefährlich an Blasphemie grenzten, legte sich Stille über den Raum. Die Fischer schwiegen eine Weile nachdenklich, mit gesenkten Köpfen, die Augen auf ihre Gläser und gleichermaßen auf die tragischen Aussichten einer trüben Zukunft gerichtet.
Es war ein Fehler, und zwar ein gewaltiger. Welchen Grund hatte Gott, sie so zu strafen? Schon Monate vor der Geburt hatten ihre Frauen so viele Kerzen angezündet, dass die Kirche taghell erleuchtet war, und so viele Rosenkränze gebetet, dass man daraus, hätte man sie aneinandergereiht, ein ganzes Netz für den Schwertfischfang hätte machen können. Und sie selbst hatten, wie Modegecken elegant in Samt gekleidet, die Trage mit der Statue des Allerheiligsten Gekreuzigten auf den Schultern die Stufen hoch- und runtergetragen, durch alle Gassen, dass ihre Rücken krumm wurden, und der Pfarrei drei riesige Thunfische geschenkt. Deshalb konnte der Herr nicht zornig auf sie sein. Und so war es bestimmt kein böser Wille gewesen, sondern ein Fehler. Plötzlich riss Don Nicola mit großer Geste sein Glas hoch.
»Trinken wir auf diese Geburt, auf die wir alle gewartet haben. Trinken wir darauf!«
Nach einem ersten Moment der Unsicherheit wurden weitere Gläser erhoben. Darauf schloss sich Peppe Vino e Cucina eilig dem allgemeinen Trinkspruch an.
»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Don Nicola mit einem Blick durch den Raum, der demjenigen, der ihm zu widersprechen wagte, alles Unglück der Welt verhieß.
»Herzlichen Glückwunsch«, wiederholte er noch einmal feierlich, »auch wenn es ein Mädchen ist.«
Die Nachricht brach noch vor der Morgendämmerung über das Dorf herein. Sie senkte sich von oben darauf herab wie ein göttlicher Fluch, der sie alle bedrohte und jedem durch Mark und Bein bis ins Herz fuhr. »Er ist ausgeblieben«, hieß es am Hafen, auf den Booten, im Postamt, im Tabakladen und beim Sechs-Uhr-Rosenkranz. »Er ist ausgeblieben, diesmal ist er ausgeblieben«, hallte es von den Felsen, durch den Wind und die Wellen und sogar bis zu den Kieseln am Strand. »Er ist ausgeblieben«, raunte man überall auf der Insel mit einem Hauch von Bitterkeit und Unsicherheit, denn selbst wenn niemand Schuld daran hatte, trugen sie doch alle den Schaden davon.
»Der Herr ist gnädig, aber denkt daran, Aberglauben ist eine Todsünde!«, sagte Don Cosimo, der Pfarrer der Kirche Santissimo Crocifisso, in seiner Hilflosigkeit gegenüber den bestürzten Gesichtern der Fischer, die zu ihm in die Kirche gelaufen kamen wie noch nie zuvor. Man verlangte nach einer Erklärung, suchte seinen Rat, und so hatte die Geburt von Eleonora Greco wenigstens etwas Gutes.
Eleonora war ein nicht eingelöstes Versprechen; sie war das Kind, das als Junge zur Welt hätte kommen sollen, und das war ihr nicht gelungen. Eleonora war ein lebender Vorwurf; sie war das Kind, das man trotzdem lieben musste, aber das fiel nicht leicht. Eleonora war eine Mogelpackung; sie war das Kind, das sich an die Stelle eines anderen geschoben und das niemand gerufen hatte. In jener Februarnacht, in der sie geboren wurde, hatten die Tonnaroti erkannt, dass selbst Gott nicht unfehlbar war, an Eleonora klebte der Fluch der Insel, und niemand konnte etwas dagegen tun. Die Mutter Maria Lombardo, verehelichte Greco, hatte vor ihr bereits zwei Töchter bekommen. Die erste hatte man noch mit allgemeinem Wohlwollen begrüßt, schließlich blieb ja noch reichlich Zeit, die zweite schon mit Misstrauen, denn allmählich eilte es doch, und von da an wartete die gesamte Insel Katria jahrelang gespannt darauf, dass Maria Lombardo ein weiteres Mal schwanger würde. Jeder ihrer Stimmungswechsel wurde beobachtet, die Größe ihrer Brüste und die Breite ihrer Hüften wurden taxiert und Kerzen vor jedem Heiligen angezündet, auch vor solchen, die nicht für Empfängnis und Geschlecht eines Kindes zuständig waren, bis endlich die erlösende Nachricht die Runde machte, dass das Wunder geschehen sei, ganz sicher ein doppeltes, schließlich war Maria Lombardo schon zweiundvierzig, und, da Gott in Sachen Wunder bekanntlich keine halben Sachen machte, es diesmal ein Junge werden musste. Aber es kam anders.
Die Tochter des Raìs ließ zwei Monate ins Land gehen, ehe sie Eleonora taufen ließ, als könne man mit dem Aufschieben der Zeremonie auch das endgültige Eingeständnis der Niederlage hinauszögern.
»Für einen Jungen ist es jetzt zu spät«, sagte sie immer wieder zu den Verwandten, den Nachbarinnen, den Frauen der Insel, als ob sie durch unablässige Selbstbezichtigung wenigstens einen Teil ihrer Schuld abbüßen könnte. Die Frauen trösteten sie zwar, aber tief im Innern vermochten sie Maria nicht zu verzeihen, dass sie Unheil über ganz Katria brachte, indem sie ein Kind in die Welt gesetzt hatte, das ein für alle Mal ein Mädchen war. Als der Pfarrer ihr sagte, man müsse jetzt aber endlich eine Christin aus diesem Kind machen, denn Aberglauben mochte man ja noch hinnehmen, aber keine Heidenkinder, wurde als Patin eine ledige alte Cousine gewählt, die nicht mehr ganz richtig im Kopf war, anstelle des Raìs, dem eigentlich vorgesehenen Paten, wäre Eleonora ein Junge geworden. Dem gesamten Dorf blieb daher der Mund offen stehen, als Andrea Lombardo an jenem Tag im Sonntagsstaat die Kirche betrat, seiner dritten Enkeltochter das Kettchen mit dem goldenen Madonnenbildnis um den Hals legte und die gesamte Familie zum Festschmaus ins Peppe Vino e Cucina einlud, ganz so, wie es seine Pflicht als Taufpate gewesen wäre. Während an der Tafel das Körbchen mit dem rosa Taufkonfekt herumging, wandte er sich an seine Tochter, und zwar so laut, dass alle Anwesenden ihn hören mussten.
»Sobald das Kind keine Mutter mehr braucht, bring es zu mir, wie es beschlossen ist.«
»Ich soll es zu dir bringen? Aber es ist doch ein Mädchen.« Der Raìs von Katria sah daraufhin seine Tochter an, seine einzige, schöne und innig geliebte Tochter, die sich für einen Quell ewiger Enttäuschungen hielt, weil sie selbst eine Frau war und ihm zudem nur drei Mädchen geboren hatte, und verkündete: »Es steht fest, dass der Raìs von unserem Blut sein muss, aber dass es keine Frau sein darf, hat niemand gesagt.«
Dank Peppes geschwätziger Frau, die ebenso verblüfft war wie alle anderen Anwesenden, machten die Worte des Raìs bereits eine Stunde später die Runde. Keiner wagte, sich dazu zu äußern, aber es bildeten sich zwei ganz unterschiedliche Meinungen heraus, und die waren eindeutig: Entweder hatte der Raìs den Verstand verloren, oder er war ein Genie, denn nur ein Genie konnte auf eine so offensichtliche Lösung kommen.
Niemand hat gesagt, dass es keine Frau sein darf, überlegte der Raìs auf seinem Heimweg vom Taufessen.
»Buongiorno, Raìs.« Von jedem, an dem er vorbeikam, hörte er diesen Gruß, und er bemerkte durchaus die Ehrerbietung, den Respekt, das leichte Kopfnicken dabei, all das, was ihn beständig daran erinnerte, wer er war.
»Buongiorno«, erwiderte er, niemals ein Wort mehr oder ein Lächeln, nie schenkte er mehr außer der Kälte, die er für alle seine Mitmenschen bereithielt. Wie schon einige Male zuvor dachte er darüber nach, ob wohl diese Kälte vor vielen Jahren seine Frau ins Grab gebracht hatte, und er fragte sich, ob er in der Lage sein würde, sich zu ändern, damit es ihm mit der Kleinen nicht genauso erginge, wenn sie bei ihm leben würde. Von nun an kannte er nur noch ein Ziel: lange genug am Leben zu bleiben, um ihr alles beibringen zu können. Es gab keinen anderen Weg.
Ein uraltes Gesetz, das im kollektiven Gedächtnis der Insel verankert war, seit es auf Katria die Tonnara* gab, bestimmte, dass der Raìs immer aus derselben Familie stammen musste, und das hatte der Insel seit Jahrhunderten volle Netze und damit das Überleben gesichert. Hatte der Raìs einmal keine Söhne, wartete man eben auf die Geburt eines Enkelsohns, oder man griff auf den Sohn eines Bruders oder Cousins zurück, Hauptsache, er war vom Blut der Familie Lombardo. So lautete das Gesetz, und wenn man es missachtete, würde das Unheil und Katastrophen über die Insel bringen. Doch diesmal gab es keine männlichen Nachkommen, nicht einmal Enkelsöhne oder Cousins.
Während er sein Haus betrat und seinen Sonntagsstaat ablegte, dachte der Raìs an jenen Winternachmittag zurück, an dem sein Vater ihn in der Muciara auf das Meer mitgenommen und ihm erklärt hatte, was Katria von ihm erwartete.
»Aus welchem Grund unsere Familie ausgewählt wurde, weiß niemand, und es spielt auch keine Rolle. Du wirst tun, was zu tun ist, wirst viele wunderbare Dinge sehen und andere, die dir nicht gefallen werden. Du wirst die Geheimnisse der Meeresströmungen erfahren und bewahren, das Gesetz, das die Thunfischschwärme durch die Ozeane in deine Netze treibt, die Architektonik der Meerestiefen, die geheimen Gesänge der Fische. Du wirst hinnehmen, dass der Tod den trifft, der dir am teuersten ist, wirst zulassen, dass das Meer deine Seele verschlingt und alles, was du sonst liebst, denn man kann nur eine Liebe haben. Du wirst begreifen, dass Schweigen eine Kunst ist, die vor vielen Fehlern schützt. Du wirst in deinem Gesicht die Routen tragen, die du auf dem Meer zurückgelegt hast, die Furchen, die dir die Sonne in die Haut brennt, und eine Zärtlichkeit, die niemand je in dir erkennen wird. Was ich dir hier übergebe, ist kein Geschenk. Es ist eine vergiftete Gabe, denn eine Wahl hast du nicht, nur eine Verantwortung, und wenn die Kette reißt, wird Unheil Katria treffen, und die Geschichte der Insel endet.«
Das hatte der Vater in dem wohlklingenden Duktus des alten Sizilianisch gesagt, unterstrichen durch knappe, entschiedene Gesten, und seine Augen schienen den kleinen Jungen dabei zu durchbohren, Augen, so grün wie das Meer an stillen Tagen. »Wenn die Kette reißt, endet auch die Geschichte Katrias.«
Jetzt hatte diese Kette ein schwaches Glied, dachte der Raìs, aber sie würde nicht reißen.
* Die Elemente der Tonnara, des traditionellen Thunfischfangs, werden in einer Skizze auf S. 186/187 veranschaulicht.
Das Dorf schien dahinzutreiben. Wenn man es vom Meer oder oben vom Berg aus betrachtete, konnte man meinen, es würde schweben, ohne Rücksicht auf die Grenzen, die Berge und Klippen ihm zu setzen suchten. Es hing in der Luft zwischen dem Monte Hiera und der Cala Grande, dem Berg und der Bucht, zerrissen zwischen dem Schatten der Felsen und der Glut der Sonne in einer Art Schizophrenie, die Jahre später diejenigen, die dorthin kamen, um Dinge zu finden, die sie woanders verloren hatten, entweder in den Wahnsinn trieb oder zu einer unsterblichen Liebe.
Wenn es Abend wurde, wählte das Meer gedämpfte und raue Laute, um Gott in den Schlaf zu wiegen. Vom Haus des Raìs aus hörte man das Rauschen der Wellen und das Raunen der Bäume und Büsche, denn es befand sich zwischen dem Berg und dem Meer, genau gleich weit entfernt von der übrigen Welt.
Nora wusste, dass das Haus, in dem sie mit dem Raìs wohnte, das größte im ganzen Dorf war, wenn man einmal von der Villa Filangeri absah, aber die war so etwas wie ein Palast und zählte deswegen nicht. Das Haus des Raìs war zweistöckig, weiß und quadratisch wie alle anderen Häuser, die Läden grün und himmelblau lackiert mit den Farben, die vom Streichen der Boote übrig blieben, und es lag an der schmalen, gewundenen Straße, die entweder zu den Klippen der Punta Sottile hinaufführte oder steil hinab zum Strand der Cala Bianca, je nachdem, wie man es betrachtete.
Nora wusste, dass man von der sonnenglühenden Terrasse aus den Gipfel des Monte Hiera beinahe greifen und manchmal, an klaren Tagen, genau den Punkt am Horizont erkennen konnte, an dem aus dem Himmel das Meer wurde. Sie wusste, dass dort draußen in der Macchia die Wildschweine waren und in dem Meer die Thunfische, die am Ameisenfelsen vorbeischwammen, und sie wusste auch, dass man weder in den Wald noch aufs Meer durfte, wenn man wie sie ein kleines Mädchen und allein zu Hause war. Sie wusste auch, dass man sich besonders vor dem Anfang und dem Ende des Tages fürchten musste, weil sich dann aus dem Wald die Stimmen der Malaluna erhoben, der Werwölfe, die alle Menschen wahnsinnig werden ließen, und dass sich am Rand des Dorfes finstere Wesen herumtrieben, Briganten oder schwarze Schlangen mit zwei Köpfen, die allzu neugierige Kinder holten oder andere geheime Zwecke verfolgten, die ihre Vorstellungskraft überstiegen.
Ihr genügte die kleine Straße, auf der sich jeden Tag eine andere Ameisenkolonie zeigte, ein rätselhaftes Loch im Boden, Fußabdrücke eines Menschen oder eines Tiers, und ihr genügte das Haus mit seinen kühlen Schatten, um dort mit ihrer Puppe mit den zerzausten Haaren und den Glasaugen Mutter und Kind zu spielen. Teller, Besteck, Brot, Wasser und Wein auf der geblümten oder karierten Tischdecke, Wasser in den Topf und dann mit einem Holzlöffel darin rühren; den Gashahn aufdrehen und den Herd mit einem langen Streichholz anzünden, nein, das nicht. Das ist Aufgabe des Raìs, wenn er nach Hause kommt.
Er geht nicht gleich hinein. Noch in Jacke und mit der Schiebermütze auf dem Kopf bleibt er ein Weilchen draußen auf der Veranda auf dem Steinsitz hocken. Nora setzt sich neben ihn, um die Stille mit ihm zu teilen, die man nicht durch unpassende Worte durchbrechen darf, weil mit ihnen schwer umzugehen ist. Sie weiß, dass dort ihr Platz in der erhabenen Ordnung des Universums ist, so still und klein, aber auf irgendeine Weise so notwendig wie die Allerletzte im Zug der Ameisen, die versuchen, in die Küche zu gelangen. Noras Nasenlöcher nehmen den Geruch des Raìs in sich auf, er riecht nach Algen, Fisch, Salz, nach Steinen und Netzen, und sie fragt sich, was er heute hinter diesen starr auf die Straße gerichteten Augen verbirgt – und was in seiner Jackentasche. Drops oder Früchte vielleicht oder Pfefferminzbonbons, die er kauft, wenn am Freitag die Fähre kommt und all ihre Köstlichkeiten für den Dorfladen von Donna Teresa entlädt.
Raìs lächelt ein wenig. Er redet nicht viel, und dank seiner eisernen Selbstbeherrschung gibt er nie etwas von sich preis.
»Schau mal her«, sagt er schließlich und holt zwei runde, orangefarbene Früchte aus der Tasche, die mit einem beinahe unsichtbaren Flaum bedeckt sind. Er bricht eine auseinander, und es ist so, als hätte er selbst sie in diesem Moment geschaffen, die Aprikosen, hätte sie erdacht und der Welt geschenkt – und die Welt ist sie. Nora beißt in eine Hälfte, und dieser Geschmack, süß und intensiv, ist noch etwas, das gegen die Einsamkeit hilft.
Raìs ist ein blonder Riese, breitschultrig, beinahe zwei Meter groß, und erfüllt alles mit seiner Gegenwart. Es wirkt, als könne ihn nichts aufhalten, verändern oder umwerfen. Seine grünen Augen richten sich auf die Welt, allein um ihr zu verkünden, dass man Andrea Lombardo nicht besiegen kann, es sei denn, man würde ihn mit einem Haken durchbohren wie einen Thunfisch oder Schwertfisch, und dass dem Raìs von Katria kein anderer Abgang von dieser Welt entspräche, außer vielleicht der sanftere Tod im eigenen Bett.
Im Vergleich zu ihm sind alle anderen, die Tonnaroti, der Lehrer, der Pfarrer, ja sogar Conte Filangeri, klein, nichtssagend, so unscheinbar, dass sie Nora vorkommen wie Zwerge, Barsche, Kraken oder Tauben, aber nicht wie Männer, denn ein Mann, das ist der Raìs, sie sind nicht von der gleichen Art, nicht aus dem gleichen Stoff gemacht. Raìs beherrscht die Veranda, das Haus, die Straße, das Dorf und die gesamte Insel mit der gleichen Schlagkraft und demselben sakrosankten Recht der Natur, wie nur Gott es vermag. Nora ist überzeugt, dass Er selbst Raìs an diese Stelle gesetzt hat, weil Er sich allein und von dort oben im Himmel nicht um alles kümmern kann. Und genau wie Gott sichert Raìs Katria das Überleben, indem er die Mattanza und somit den Thunfischfang anführt, Frieden stiftet, Streitigkeiten schlichtet, festlegt, was erlaubt und was verboten ist, und das nach seiner eigenen unanfechtbaren Sicht der Dinge.
Niemand nennt ihn je bei seinem richtigen Namen, nicht einmal die Tochter oder die Schwestern, weshalb Nora jahrelang glauben wird, dass er mit diesem Beinamen Raìs auf die Welt gekommen ist, der alles Nötige beinhaltet und gleichzeitig all seine Erhabenheit.
Raìs. Eine lang gezogene, endbetonte Silbe – der Inbegriff von Perfektion und für Nora der Grund, aus dem sie Mutter, Vater, Schwestern und das Haus am anderen Ende des Dorfes verlassen musste, ein Grund, der mit dieser einen Silbe gesagt ist und den ihr zu erklären niemand sich je bemüßigt fühlte. Nicht Vater, nicht Großvater, nicht Don Andrea. Nur Raìs, nichts weiter. Dieser Titel, der ihm per Geburtsrecht zugesprochen wurde, schließt jede andere Form des Daseins aus. Allerdings verwirrt Nora manchmal das Nebeneinander seiner übernatürlichen Begabungen und so banaler Alltagsverrichtungen wie essen, Hände waschen, die blaue Jacke anziehen; es kommt ihr merkwürdig vor, dass Raìs essen, trinken, schlafen muss wie jeder andere normale Mensch.
Nora nimmt eine weitere Aprikosenhälfte aus seinen Händen, eine fleischige Sonne, ein Tropfen aus gelb-orangem Licht. Raìs’ Hände sind sehnig, schwielig, vernarbt, ihre Haut ist von Tauen verhärtet, von Netzen, Rudern und Gaffhaken, doch jetzt schenken sie Süße und Sanftheit. Er steckt sich ebenfalls eine halbe Aprikose in den Mund, genießt sie langsam, und Nora tut es ihm nach. Sie dreht das Fruchtstück auf der Zunge, kaut es bedächtig, und unbewusst lernt sie dabei für alle Zeit, dass jedes Ding auf der Welt den gleichen Stellenwert hat, der Geschmack einer Frucht wie die Sonne am Himmel, und dass nichts wichtiger ist als das, was im Hier und Jetzt geschieht.
Raìs scheint ihre Empfindungen wahrzunehmen, die sie noch nicht in Worte fassen kann, und sieht sie mit dem gleichen Ausdruck an wie alles und jeden, als würde ihn die Sonne blenden.
Vor dem Spiel des Tischdeckens und dem Raten, was Raìs in seiner Tasche versteckte, kam die Schule. Sie war in einem Teil der großen Sakristei untergebracht, die der Lehrer und der Pfarrer mit zu kleinen Bänken vollgestopft hatten und mit den neunundzwanzig Kindern, die bis zur fünften Klasse ihrer Schulpflicht nachkommen mussten. Der Lehrer unterrichtete alle fünf Jahrgangsstufen gleichzeitig, jede Klasse in einer Bankreihe. Nora saß in der zweiten, zusammen mit Rosalba, Provvidenza, Vincenza und Paolo, der es hasste, in einer Reihe mit lauter Mädchen zu sitzen, aber nichts dagegen tun konnte. Hinter ihnen saßen die höheren Klassen, in der letzten Reihe die drei aus der Fünften, die aber nie zur Schule kamen; einer hütete die Herde, und die anderen beiden gingen fischen, wer gab denn schon etwas auf so ein Stück Papier.
Nora mochte den Schulraum, weil die Sonne nicht hereinkam und es dort kühl war, aber sie mochte weder ihre Mitschüler noch den Lehrer. Mit jeder Geste und jedem Wort erinnerten alle sie daran, dass sie anders war als die anderen, abgetrennt wie hinter Glas, ohne dass sie ihr je erklärten, ob es ihre Schuld oder ein Verdienst war.
Der Lehrer war dicklich und wurde leicht wütend. Wenn er sprach, begleitete er seine Ausführungen mit kleinen zuckenden Bewegungen der Arme und des Kopfes, die ihn wie einen Fisch auf dem Trockenen aussehen ließen. Sein Lachen war zu schrill, sein Rücken zu gerade, seine Kleidung, die er stolz zur Schau trug, unpassend für ein Fischerdorf. Als Abkömmling einer reichen Familie und Lehrer nur aus Berufung steckte er seinen gesamten Lohn in Anzüge, es hieß, er würde sie sich nach Maß in Trapani und in Palermo anfertigen lassen. Noras unglaubliches Gedächtnis hätte jedes Kleidungsstück aufzählen können, das er seit ihrem ersten Schultag angehabt hatte. Sommers trug er Anzüge aus cremefarbenem Leinen, Krawattenschal und Einstecktuch aus bedruckter Seide, Ledermokassins und einen breitkrempigen Panamahut. So sah er aus wie ein reicher Mann, der auf die Piazza gekommen war, um sich mit einer Granita zu erfrischen, während seine Jacht weit draußen auf Reede lag. In den kurzen Wintern beehrte er das Dorf mit perfekt geschnittenen Anzügen aus Schurwolle, strahlend weißen oder hellblauen Hemden und atemberaubenden englischen Schuhen, die mit ihrem Klack-Klack auf den alten Fliesen der Sakristei mit dem Ranken- und Lilienmuster einen Kontrapunkt zu seinem Unterricht setzten.
»Der putzt sich für Rosina so heraus«, zogen Rosalba und Vincenza kichernd über den Lehrer her, wenn er gerade einmal draußen war und mit dem Pfarrer plauderte.
»Aber Rosina nimmt den nie, der ist doch hässlich und gemein.«
Nora wurde nicht einmal in diesen Klatsch miteinbezogen, so gern sie ihre Erkenntnisse auch mit den Mitschülerinnen geteilt hätte. Es stimmte, der Lehrer kleidete sich so, um Rosina zu beeindrucken, die die Tochter des Schalterbeamten im Postamt war, von einem aus dem Norden, der mit einem Akzent sprach, als käme er von einem anderen Stern, und einen spärlichen Schnurrbart hatte. Rosina würde den Lehrer aber wahrscheinlich nicht nehmen, weil sie Francesco Russo heiraten wollte, der so schön war wie der Erzengel Michael, der in der Kirche rechts vom Altar stand, und Akkordeon spielen konnte Francesco auch. Man musste nur aufmerksam beobachten, wie die beiden sich ansahen, wenn sie einander auf der Straße begegneten oder während der Prozession nach der Mattanza. Insgeheim war Nora für Francesco, weil sie den Lehrer nicht mochte, denn der sprach nie mit ihr, sah sie nicht an, lobte sie nie für ihre guten Leistungen oder rügte sie für ihre Fehler. Seine Stimme wurde beinahe unmerklich leiser, wenn er beim Morgenappell ihren Namen vorlas, Greco, Eleonora, der dritte von oben, und sich in der Klasse einen Moment lang Stille breitmachte, als ob sich alle jeden Tag von Neuem darüber wunderten, dass auch sie unter ihnen war.
Die anderen Kinder, Jungen wie Mädchen, knufften sich, tauschten Murmeln, Pausenbrote und Geburtstagseinladungen, wobei sie Noras stumme Bitte ignorierten, doch auch Teil dieser Welt zu sein, die so atemberaubend Neues zu verheißen schien. Wenn sie sie ansprachen, dann verlegen und auch nur, wenn es unbedingt nötig war, mit der gleichen distanzierten Höflichkeit wie gegenüber einem Erwachsenen, der sie einschüchterte, und schlossen sie so aus jeder Gemeinschaft aus, als hätte die Taufe ihr nicht die Erbsünde von der Stirn getilgt. Genauso verhielt es sich im Dorfladen, bei der alten Frau mit dem Aniswasser und bei der Mutter von Vincenza, wenn Nora dort Eier kaufen ging. Sie fühlte sich immer von hundert Augen überwacht und von einem ständigen Raunen halb ausgesprochener Dinge verfolgt. Bei ihrer Familie war es auch nicht anders, dort in dem Haus, das sie mit sechs Jahren verlassen hatte, um beim Raìs zu leben.
Es stand am anderen Ende des Dorfes, hinter dem Postamt, hinter dem Peppe Vino e Cucina, hinter dem Dorfladen mit den Zeitungen, dem Tabakladen, der Krankenstation und der Telefonzelle. Ein weißer Würfel wie all die anderen mit blau-orangen Fensterläden aus Holz. Auch hier veränderte sich nie etwas: der Vorhang aus bunten Plastikschnüren, die Lieder aus dem Transistorradio, das ständig lief, die Flipflops im Eingangsbereich, auf der Fußmatte im Flur, die Papa in Marsala gekauft hatte, mit der Aufschrift in einer fremden Sprache, einem Wort, das mit W anfing.
Papa war ein freundlicher Mensch, er pendelte jeden Tag mit der Fähre nach Trapani, wo er in einem Büro arbeitete. Nora sah ihn immer sonntags, wenn alle zusammen Mittag aßen und er ihr etwas schenkte: eine Plastikflöte, einen Flummi, Kleider für ihre Barbie und zu ihrem siebten Geburtstag eine richtig große Corinne, als Ersatz für die Puppe mit den zerrauften Haaren, die jahrelang beim Tischdeckenspiel dabei gewesen war. Er zog sich sehr modern an, Rollkragenpullover und Jeans mit Schlag, hatte Koteletten und lange Haare genau wie die Sänger auf den Hüllen der LPs, die er allen am Sonntagnachmittag auf dem Plattenspieler vorspielte, wobei die Nadel ab und zu weitersprang. Aber auch von ihrer Familie wurde Nora mit dieser Rücksicht behandelt, durch die sie sich so anders fühlte, als wäre sie eine Cousine auf Besuch, zu der man nett und freundlich sein musste; wenn ihre Mutter ihr sagte: »Wende die Tintenfische im Teig«, klang sie dabei nicht so ungeduldig wie bei Flavia oder schlug den Befehlston an wie bei Laura, sondern fragte höflich, es war eine Bitte wie an eine Fremde, die aus irgendeinem Grund in ihrer Küche gelandet war und der man jetzt auch etwas zu tun geben musste. Tintenfische und Calamari im Teig wälzen, die Nunnata-Klöße ausbacken, aus denen einen hundert aufgerissene Fischaugen anstarrten, die Gläser spülen und abtrocknen. Ich mach das, Mama. Nein, nein, lass nur, geh und hör Musik, wenn du möchtest, denn das ist nicht deine Aufgabe, denn das ist nicht, was du sein musst
