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Mauergeflüster Lassen Sie sich in das Jahr 1987 hinter die Mauer entführen, irren Sie mit mir durch die Zeit politischer Repressalien, Montagsdemos und Massenfluchten und entdecken Sie die heutige Gesellschaft mit den Augen eines DDR-Bürgers, der verwundert und unsicher Neuland betritt. Dieses Buch ist ein emotionales, ehrliches und sehr privates Zeugnis einer widersprüchlichen Zeit, eingefroren in Gedichten am Ort des Geschehens. Die eigentliche Motivation zum Schreiben war der Wunsch, die Empfindungen dieser Zeit festzuhalten, um später meinen Kindern möglichst authentisch davon erzählen zu können. An eine politische Wende oder gar den Mauerfall war damals noch gar nicht zu denken. 1987 wurde politisches Kabarett zu gefährlich und diese öffentliche Auseinandersetzung mit der Zeit musste dem lautlosen Schreiben weichen. Den Gedichten ist eine kurzgehaltene Einführung in das „Lebensgefühl DDR“, am eigenen Beispiel erzählt, vorangestellt. Ich hatte sie geschrieben, um die Gedichte auch den Lesern zu öffnen, die diese Zeit nicht aus eigenem Erleben kennen. In Probelesungen ist diese DDR-Schilderung so interessiert aufgenommen worden, dass diesem Buch ein Ergänzungsband: „Belauscht und belogen“, unter der ISBN-Nr.:978-3-7357-4248-3, folgt.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Für meine Kinder,
die diese Zeit zwar erlebt haben,
aber noch zu klein waren, um sie zu verstehen.
Leben in der DDR – Mein Rückblick
DDR - Stagnation – 1987 bis 1988
DDR - Wende – 1989
Grenzöffnung – 1989/1990
Im Netz der Mauer – Stuttgart 2007
Bildernachweis – Zlatko Filipaj
Ich möchte ein wenig von der Zeit „hinter der Mauer“ erzählen. Und da ich kein Historiker bin und mich weder auf das Glatteis politischer Interpretationen wagen, noch mit Wikipedia wetteifern möchte, erzähle ich einfach von mir selbst und meinem Weg durch eine Gesellschaft, die inzwischen schon fast unwirklich anmutet.
Und doch ist es kein Märchen…
Zwei Jahre vor dem Mauerbau wurde ich 1959 in Berlin geboren. Meine Mutter war Pionierleiterin, die sich zur Unterstufenlehrerin weiterbildete, und mein Vater war Assistent an der Humboldt-Universität Berlin.
Sie waren beide jung, gerade Anfang 20, hatten kein Geld, aber berufliche Pläne und so gaben sie mich schon im Alter von 3 Monaten in eine Wochenkrippe, in der Kleinstkinder von Montagfrüh bis Freitagabend durchgehend betreut wurden. Das war nicht ungewöhnlich damals, sondern sogar staatlich gefördert und erwünscht.
Eine Folge dieser Fremdfürsorge war für mich schweres Asthma, das meine ganze Kindheit überschatten sollte.
Meinem Bruder, der 5 Jahre jünger war, blieb dieses Schicksal, dank der zweifelhaften Erfahrungen mit mir, zum Glück erspart.
Aufgewachsen bin ich im Herzen Ost-Berlins, Prenzlauer Berg, nur wenige Straßen vom Alex und der Mauer entfernt.
Meine Kindheit verlief vollkommen DDR-konform, pädagogisch streng und politisch geradlinig. Da meine Eltern beide Pädagogen waren und absolut parteitreu, durchliefen ihre Kinder natürlich das ganze sozialistische Programm: Jung-Pionier1, Thälmann-Pionier2, FDJ3ler.
Zu Hause gab es kein „Westfernsehen“, auch nicht heimlich. Und das in Berlin! In der Schule war ich damit eine absolute Ausnahme. Wenn sich die Mitschüler unterhielten, was denn abends im Fernsehen käme, lernte ich schnell, dass sie nicht die zwei DDR-Kanäle meinten und war still, um ihrem Spott zu entgehen. Meine Kleidung, wie die scheußlichen DDR-Jeans, gab schon genug Anlass zum Hohn.
Doch ich füllte dieses Defizit mit den vielen Möglichkeiten auf, die die Gesellschaft Kindern und Jugendlichen tatsächlich bot:
Ich war eine Leseratte, die sich systematisch, einfach regalweise, durch die kleine Bibliothek an der nächsten Straßenecke las, liebte Rezitationen und gewann damit einige (Ost-) Berliner Wettbewerbe und verbrachte jede freie Minute in der Kabarettgruppe im „Haus der Pioniere“.
Das war sehr wichtig für mich, da mein Vater, soweit ich zurückdenken kann, ständig promovierte und danach habilitierte. In der hellhörigen Wohnung mussten wir immer nur still sein: „Seid leise, Papi arbeitet!“. Beschäftigung oder Spaß mit den Kindern brachte nun wirklich keine Karrierepunkte.
In der 9. Klasse kam ich in die „Erweiterte Oberschule“, was dem heutigen Gymnasium entspricht. Dort war ich der FDJ- Kulturfunktionär der Schule. Diese Funktion gab mir die Chance, Theater- und Konzertkarten kostenlos aus umliegenden Großbetrieben für die Schule zu besorgen, die sonst verfallen wären. Der Staat wollte dafür sorgen, dass die Arbeiter intensiv am Kulturleben teilhaben. Deshalb bekamen Betriebe große Kontingente von Eintrittskarten mit den besten Plätzen.
Die Menge an Karten, die ich nach dem Unterricht organisierte, überforderte sogar meine Mitschüler und so war ich mein bester Kunde.
Da ich kaum Taschengeld hatte, war ich überglücklich, auf diese Weise trotzdem fast alle großen Aufführungen erleben zu können. Auch aus einem anderen Grund war ich froh darüber, ein bis zwei Tage pro Woche dem Alltag entfliehen zu können.
Schon als ich 12 Jahre alt war, lebte ich ständig in der Angst vor der Scheidung meiner Eltern und dem permanent von ihr angedrohten Selbstmord meiner Mutter, der allerdings niemals geschehen sollte. Ich hatte damals einige Lehrer, die mir einfühlsam und sehr persönlich mit meinen häuslichen Problemen zur Seite gestanden haben.
Mein Vater war zu dieser Zeit schon Dozent für Chemiemethodik an der Humboldt-Universität Berlin und alle meine Chemie- und Biologielehrer waren durch „seine Hände“ gegangen, was ich in den ersten Schulstunden immer sehr deutlich zu spüren bekam. Ich glaube, sie alle haben ihn in ihrer Studentenzeit nicht weniger gefürchtet als ich. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sich genau diese Lehrer, nach anfänglicher Feindseligkeit, so besonders feinfühlig und verständnisvoll meiner Sorgen annahmen.
Bis zur 11. Klasse fühlte ich mich in meinem gesellschaftlichen Umfeld angenommen und wirklich gut aufgehoben. Ich hatte keinerlei Zweifel am System oder seinen politischen Zielen.
Die Ausweisung von Wolf Biermann, während meiner Abiturzeit, brachte mich erstmalig ernsthaft in politische Konflikte. Wir sollten eine Resolution für seine Ausweisung unterschreiben, ohne auch nur eine Zeile von ihm zu kennen. Ich war erschüttert über die Verlogenheit dieser feigen politischen Manipulation und das gleichgültige Schulternzucken meiner Eltern, als ich ihnen zutiefst empört davon erzählte.
Als die Zeit der Studienbewerbung näher rückte, sollte ich zum ersten Mal die Einmischung und Allmacht einer staatlichen Institution bitter am eigenen Leibe erfahren.
Schon in der 7. Klasse hatte ich für mich entschieden, dass ich Medizin studieren würde. Während einer Asthmakur hatte ich gesehen, wie der Arzt einen Jungen, der kaum Luft bekam, anherrschte, während des Abhörens gefälligst gerade zu stehen. Er hätte des Stethoskops nicht wirklich bedurft. Das rasselnde Röcheln des Jungen erfüllte den ganzen Raum. Dieser Arzt konnte sich in das panische Angstgefühl des Jungen ganz offensichtlich nicht hineinversetzen. Dieses Erlebnis sollte meinem Leben ein erstes Ziel geben:
Ich wollte ein einfühlsamerer Kinderarzt werden, der die Qual der Atemnot schon selbst erlitten hat, und dafür Medizin studieren.
Ich wusste, dass in der DDR die Arbeiter- und Bauernkinder für Studienplätze bevorzugt wurden. Bis zu einem Abiturdurchschnitt von 3,5 wurden sie generell zum Medizinstudium zugelassen, egal, ob Junge oder Mädchen. Danach kamen die Jungen aus Akademikerfamilien.
Sie brauchten schon einen Durchschnitt von 2,5 bis 3 und das Prädikat4 „Sehr gut“, was das gesellschaftliche und politische Engagement bewertete. Da ich einer sogenannten „Intelligenzler“-Familie entstammte, hatte ich als Mädchen einen Durchschnitt von mindestens 1,3 und das Prädikat „Besonders geeignet“ zu bringen. Diese Voraussetzungen waren mir lange schon bekannt und ich hinterfragte sie auch nicht.
In der Abiturzeit litt ich noch immer unter starkem Asthma und hatte überdurchschnittlich viele Fehlzeiten. Aus irgendeinem Grund ärgerte es den Schuldirektor persönlich, dass ich trotzdem sehr gute Zensuren hatte, mir sozusagen auch ohne die Schule den Stoff aneignete. Als wir unseren Studienwunsch einreichten, sagte mir der Direktor eiskalt, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen: „Du wirst nie Medizin studieren!“, obwohl ich einen Durchschnitt von 1,0 und auch das geforderte Prädikat hatte. Und er hielt leider Wort. Ein Schuldirektor konnte ohne Begründung eine Studienbewerbung verhindern, weil ihm eben einfach danach war.
