Mauerzeit - Traumzeit - Dietmar Schubert - E-Book

Mauerzeit - Traumzeit E-Book

Dietmar Schubert

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Beschreibung

1975 – Berlin. Wie hat sie gelebt und geliebt, die Generation Mauer? Es muss schlimm gewesen sein. Die Stasi steht im Rücken und die Partei im Angesicht. Es mangelte an allem, Freiheit, Recht, Autos, Essen und Trinken. Konnte man in dieser Zeit überhaupt leben? Es gab sie, die erste Liebe, die geliebten und ungeliebten Lehrer. Es gab sie, die kleinen Freiheiten, die man sich nehmen konnte, wenn man wusste, wie die Zahnräder der Macht funktionierten. Es gab sie, die Angst vor der Macht, wenn man rebellierte und etwas sagte, was besser ungesagt geblieben wäre und wenn man nicht wusste, wie es ausgehen wird. Es gab Freundschaften und Feindschaften, Tränen, Verzweiflung und manchmal nicht wissen wie es weiter geht. Es gab aber auch immer wieder Aufstehen und Weitergehen, nicht nur, weil die FDJ-Singegruppe "Du hast ja ein Ziel vor den Augen..." trällerte. Nur für Silke liegt ein besonders großer Stein im Weg, den sie nur mit Holgers Hilfe zur Seite räumen kann.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Dietmar Schubert

Mauerzeit - Traumzeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

August 1975 – Berlin

Der geheimnisvolle Waldsee (1)

Der erste Schultag mit Überraschungen

Drehmaschinen und Waschmaschinen

Efpi und die Friedensbewegung im Westen

Jeder geht seine eigenen Wege

Schuldisko

Der geheimnisvolle Waldsee (2)

Silke und die Schülerband

Peggy und Silke

Die Schülerband mit dem Namen …

Der geheimnisvolle Waldsee (3)

Wer ist Matthias?

Warum hat Silke Angst?

Quadratische Funktion in Granit

Silkes Tagebuch

Silke, ich liebe dich

The school is out

Der geheimnisvolle Waldsee (4)

Epilog

Impressum neobooks

August 1975 – Berlin

Es ist ein eigenartiges Jahrzehnt. Die Welt ist bipolar aufgeteilt und der Kalte Krieg scheint kurz Pause zu machen. Es ist im Westen das Jahrzehnt der Stones, Deep Purple, Abba, The Sweet und Middle Of The Road. Es ist im Osten das Jahrzehnt von Renft, Electra, Lift, Puhdys und Stern Meißen. Es ist im Westen das Jahrzehnt der 68er, der APO, erste Ölkrise, Willy Brandt, Helmut Schmidt, RAF und Deutschem Herbst. Es ist im Osten die vorsichtige Liberalisierung der beginnenden Honecker-Ära, die den provinziellen Mief der Ulbricht-Ära abgelöst hat und in der das Woodstock des Ostens, die X.Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin, noch intensiv nachwirkt.

Die Lethargie und Endzeitstimmung der 1980er sind Mitte der 1970er noch in weiter Ferne.

Berlin – die geteilte Stadt - zu dieser Zeit an diesem Ort, an einer EOS. Die Besten der Besten lernen hier. Gesiebt wird bei der Zulassung heftig; Leistung und Weltanschauung müssen stimmen und die Eltern auch, am besten beide Arbeiterklasse. Aber zwischen Weltanschauung und Weltanschauung können Welten liegen. Darf man sagen, was man denkt? Manchmal ja, manchmal nein, manchmal hat man Glück.

Silke, Holger, Efpi, Gunther, Ina und wie sie alle heißen, leben genau in dieser Zeit an diesem Ort. Schule, Schülerband, erste Liebe und viele Träume haben sie.

Silke

Ich verstehe nicht, warum ich in meinem Zuhause nicht auch mal die Tapete diagonal an die Wand kleben und mit blauen Punkten verzieren darf, weil blau meine Lieblingsfarbe ist. Ich will doch deswegen mein Zuhause nicht einreißen, ich möchte es nur schöner machen.

Holger

Mädchen waren für mich bisher dufte Kumpels, mit denen ich über Sport, Musik, Gott und die Welt quatschen konnte oder doofe Zicken, die über jeden Mist kichern.

In mir ist etwas nicht mehr so wie früher, der Traum in einer gerechten Welt zu leben.

Eine Geschichte der Generation Mauer, die in den 1970ern so gewesen sein kann.

Der geheimnisvolle Waldsee (1)

Ich bin verliebt – in Silke. Bei der Klassenfahrt, in den Frühjahrsferien Anfang Mai, hat es zwischen uns gefunkt, wie bei einem Sommergewitter. Der See im Wald neben der Jugendherberge, die Halbinsel, der Baum mit seinen knorrigen Wurzeln und wir beide stehen eng umschlungen. Meine Hände wühlen in Silkes langen, blonden Haaren, die bis auf die Jeans reichen. Unsere Lippen sind ganz fest aneinander gedrückt, unsere Zungenspitzen berühren sich und spielen miteinander. Das Gefühl ist Wahnsinn, es ist das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl.

Die letzten Augusttage sind heiß und machen den Abschied von zwei Monaten Sommerferien schwer. Nächste Woche geht Schule wieder los – mit der 10. Klasse. Das Hunde-Katzen-Fahrrad-Sperrmüll-Abteil der S-Bahn ist mit Fahrrädern vollgestellt. Silke und ich stehen eng gedrängt zwischen Abteilwand und unseren Fahrrädern.

Die Enge ist unerträglich - durch die offenen Fenster dringt kaum Abkühlung, selbst wenn die S-Bahn fährt. Die Enge ist schön - Silke schmiegt sich an mich, ihre Arme hat sie um mich gelegt und ihre großen blauen Augen schauen mich verliebt an. Die Sonnenbrille keck über die Stirn in den Pony geschoben. Die karierte Bluse mit einem großen Knoten zusammengebunden und einen dunkelblauen Bikini drunter. Die Jeans reichen gerade soweit, dass ein Stück nackte Haut unterhalb des Knotens zu sehen ist.

Ruckelnd bleibt die S-Bahn in der Endstation stehen. Wir sind die Letzten, die aussteigen.

„Wo liegt dein Waldsee?“, fragt Silke.

„Ich fahre vornweg, du findest ihn nie!“, antworte ich.

Ich habe einen Lieblingsplatz, meinen Waldsee – namenlos und kreisrund liegt er in einem Talkessel. Kiefern reichen bis an sein Ufer; vereinzelt stehen große Buchen und Eichen zwischen ihnen. An drei Stellen ist ein kleiner Schilfsaum. Ein einziger, schmaler Pfad führt über die steile Uferböschung und endet auf einer kleinen Wiese direkt am See. Das Wasser ist klar, selbst in der Mitte des Sees habe ich schon bis auf den sandigen Grund gesehen.

„Pass auf!“, rufe ich Silke zu. Sie rast die Uferböschung hinab und bleibt nur eine Reifenbreite vor dem Wasser stehen.

„Wahnsinn, dein Waldsee!“, ist ihr erstes Urteil nach wenigen Augenblicken. Sie lehnt ihr Fahrrad gegen den umgebrochenen Baum, eine Hälfte liegt im Wasser und die andere auf der Wiese. Eine Wolke hat sich auf den blauen Himmel verirrt und findet auch noch den Weg vor die Sonne. Der See bekommt für einen kurzen Moment eine düstere Stimmung.

„Und gruselig ist er auch noch!“, stellt Silke fest und kuschelt sich an mich.

„Kommst du trotzdem mit baden?“, frage ich.

„Du bist doch bei mir.“

Sie wirft einen Blick über den See, auf dem die Sonnenstrahlen wieder tanzen.

„Außerdem hat sich die Wolke in Nichts aufgelöst“, setzt sie fort.

Unsere Sachen laden nach wenigen Augenblicken auf der Decke. Silkes Bikini bedeckt verdammt wenig. Da ist es wieder, das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl; wie damals nach der Sportstunde, als mir Silke zum ersten Mal in die Augen geschaut hat und wie zur Schuldisko, wenn wir uns ganz zärtlich umarmen.

„Du wolltest mir im See was zeigen?“ unterbricht Silke meine Gedanken. Ich berühre ihren Arm und greife nach ihrer Hand.

„Ab geht’s! Wir müssen ans andere Ufer.“

Das Wasser ist kalt, mehr als kalt. Die Kühle treibt uns an, zügig zu schwimmen.

„Was ist das?“, fragt Silke und zeigt auf den dunklen Fleck unter der Wasseroberfläche. Ich gehe wenige Schritte durch das bauchtiefe Wasser und setze mich. Silke schaut erstaunt, weil ich nicht unter Wasser verschwinde.

„Der dunkle Fleck ist ein Findling, wie ein Sofa, sogar mit Lehne.“

„Stark, was die Eiszeit so alles liegen gelassen hat“, stellt Silke fest und setzt sich neben mich, lehnt sich an den Stein und blinzelt in die Sonne. Verdammt, Silkes Gesicht sieht schön aus, die langen Wimpern, die Augenbrauen, ihr Mund, der immer ein Lächeln hat, ihre Lippen, den kann ich jetzt nicht widerstehen.

„Holger ist schon wieder eine Wolke vor der Sonne?“

Ich antworte nicht, fasse hinter ihren Kopf und drücke ihn an meinen. Unsere Lippen berühren sich fast. Silke reißt ihre Augen auf, ich schaue sie erschrocken an.

„Trampelt da was durch den Wald?“, schockt sie mich. Ich schaue in Richtung Ufer und achte einen Moment nicht auf Silke. Mit ihren Armen umschlingt sie mich und sitzt auf meinem Schoß. Eine Armee Trampeltiere könnte durch den Wald hetzen, das wäre mir egal. Unsere Lippen liegen nur einen Augenblick aufeinander, bevor sich unsere Münder öffnen und meine Zunge sich frech auf den Weg macht, Silkes zu berühren. Meine erste Freundin, Rita, war beim richtigen Küssen zickig und feige, als würde man davon Kinder oder Pickel im Gesicht bekommen. Ich müsste Luft holen, das geht nicht, jetzt ist küssen dran. Verdammt, in meiner Badehose wird es eng und Silke merkt das, da bin ich mir ganz sicher. Nicht von Silke und vom Küssen träumen, sondern sie sitzt auf meinem Schoß und ich umarme sie ganz fest.

Silke kramt in ihrer Tasche und sortiert einen Kamm, ein dünnes Buch und ein Badetuch auf die Decke. Ich greife nach dem Buch.

„Eh, wo hast’n den Plenzdorf her?“, frage ich sie, „Die neuen Leiden finde ich gut.“

Sie fährt mit dem Kamm erstaunlich leicht durch die langen Haare, die von der Sonne schon fast wieder getrocknet sind.

„Eingeschmuggelt“, antwortet sie kurz.

„Hä, wie’n das, verstehe ich nicht.“

Sie legt sich auf die Decke, stützt den Kopf in die Hände und schaut mich frech an.

„Eingeschmuggelt aus Prag, da gibt’s ein tolles Antiquariat mit deutschsprachigen Büchern, die du bei uns kaum kriegst. Höchstens unterm Ladentisch als Bückware.“

Ich hole aus der Gepäcktasche am Fahrrad mein derzeitiges Lieblingsbuch und lege es auf die Decke. Sie blättert darin und schüttelt mit dem Kopf.

„Wie könnt ihr Jungen bloß den Werner Holt gut finden?“

„Die Sprache ist doch ganz stark“, ich blättere schnell eine Seite auf, die ich mit einem Eselsohr markiert habe, „hier, schau, die Szene in der Flakbatterie in Gelsenkirchen – ihr Schweine, ihr trichinösen, ich werde euch schleifen, bis euch der Bauchnabel glänzt – das ist doch so richtig brutal, so richtig knallhart. Nicht so romantisch verklärter Mist, wie in irgendwelchen langweiligen Klassikern.“

„Die Sprache ist weder knallhart oder brutal, die ist Scheiße“, erwidert Silke, „wer so redet, hat nicht alle Tassen im Schrank. Du kannst sicher sein, wenn der Holt im Deutschunterricht dran ist, gebe ich Kontra. Außerdem verstehe ich nicht, wieso ihr Jungen dauernd rumjammert, weil ihr nach dem Abi für drei Jahre zur Fahne müsst, um euer Lieblingsstudium zu kriegen, aber solche Kriegsschinken wie den Holt stark findet.“

Silke hat sich warm geredet, da teilt sie in alle Richtungen aus. Wer da nicht in Deckung geht, den fliegen die Worte um die Ohren.

„Dein Edgar ist aber auch nicht gerade lammfromm“, kontere ich, „außerdem macht er sich an Charlie ran, obwohl die vergeben ist. Findest du das okay?“

„Edgar ist Rebell, das finde ich stark und Charlies Freund Dieter kannst du vergessen, der ist schlimmer als eine Schlaftablette. Geschieht ihm ganz recht, dass Edgar sich an Charlie ranmacht. Außerdem“, doziert sie weiter, „Edgar ist Jeansfan, wie ich. Ohne Jeans komme ich mir nackt vor.“

In Silkes Gesicht ist eine Haarsträhne gefallen. Ich greife danach und schiebe sie hinter ihr Ohr.

„Hast du Verwandte im Westen?“, frage ich. Sie nickt mit dem Kopf.

„Ja, einen Onkel und der lässt ab und zu eine blaue Fliese rüberwachsen.“

„Und ich hätte mal laut hier schreien sollen, als die Westverwandten verteilt wurden. Da muss ich wohl gerade ein Brötchen zwischen den Zähnen gehabt haben“, stelle ich traurig fest.

Ich lege mich auf den Rücken und schaue in die Kronen der zwei Buchen hinter uns. Silke rückt ganz nah an mich. Auf meiner Haut kitzeln Silkes Haare und ihre Hand streichelt über meine Brust.

„Holger, mir ist es egal, ob du Wisent-Jeans aus der Jumo trägst oder Levis aus dem Intershop. Du bist mein Freund, weil du...“, sie bricht den Satz ab und ihre Augen werden für einen Moment traurig. Ich fasse nach ihrer Schulter und ziehe Silke noch ein Stück an mich.

„Weil ich was?“, frage ich sie. Sie überlegt einen Moment.

„Weil du anders bist, als die Anderen“, setzt sie den Satz fort und ich glaube ihr. Meine Finger schieben den Bikiniträger ein Stück von ihrer Schulter und ein kleines Stück mehr nackter Haut ist zu sehen.

„Kommst du noch mal mit baden“, ich überlege einen Augenblick; ihre Augen sind neugierig, „nackt?“

Einen Moment zögert sie, dann stehen wir auf, ihr Bikini und meine Badehose fallen auf die Decke. Eine dicke Haarsträhne fällt über ihre Brust und wippt frech über den Bauch und die dunklen Schamhaare. Ich fasse nach ihrer Hand und wir gehen langsam in den Waldsee. Ich umarme Silke und will sie ganz fest an mich drücken. Nur noch ein dünner Wasserfilm ist zwischen uns. Das Von-Silke-Träumen-Kribbel-Gefühl lässt einen Gedanken wie einen Blitz durch mich jagen – mit Silke schlafen?

„Nicht Holger, ich mag nicht“, sie schiebt mich ein Stück von sich und löst sich einen Augenblick später aus meiner Umarmung. Mit schnellen Schritten läuft sie auf das Ufer zu, rennt zur Decke und zieht den Bikini wieder an. Langsam komme ich aus dem Wasser – was war das eben? Ich ziehe meine Badehose an und gehe zu Silke, die am Ufer steht. Ich erschrecke, über ihr Gesicht laufen Tränen. Habe ich was falsch gemacht? Habe ich ihr weh getan? Ich stelle mich vor sie, schaue in ihr Gesicht und lege meine Hände auf ihre Schulter.

„Was ist Silke? Warum weinst du?“

Sie umarmt mich.

„Alles, alles war wieder da. Es hat wehgetan.“

Ich habe Angst. Ich drücke sie ein Stück von mir weg, ich will in ihre Augen sehen. Meine Hände fassen fest nach ihr, ich will sie festhalten, ihr Sicherheit geben.

„Was war wieder da? Was hast du erlebt?“

Sie umarmt mich wieder und schmiegt sich an mich.

„Ist schon gut, Holger! Nicht so schlimm! Ich erzähle dir später alles.“

Ich bin unruhig, aber ihr leidenschaftlicher Kuss beruhigt mich wieder.

„Ich bin ganz doll verliebt in dich“, flüstert sie in mein Ohr.

Die S-Bahn schaukelt über ein paar Weichen. Im Hunde-Katzen-Fahrrad-Sperrmüll-Abteil sitzen wir auf einer der beiden Holzbänke, Silke schlafend auf meinem Schoß. Was ist mit Silke passiert? Diese Frage kreiselt durch meinen Kopf und findet keine Antwort. Ich bin anders als die Anderen, hat Silke gesagt. Wo? Fast zwei Meter bin ich groß, schlaksig, mehr in die Höhe geschossen, als in die Breite gegangen. Genauso alt wie Silke, sechzehn Jahre. Braune Augen, dunkelblonde Haare bis auf die Schulter, Mittelscheitel und die ersten Barthaare sind auch schon zu sehen. Auf Schule habe ich manchmal keinen Bock, aber das Abi schaffe ich auf jeden Fall, ich will studieren, was mit Elektronik.

Auf dem Bahnsteig stehen ein paar Leute und schauen gelangweilt. Die S-Bahn bleibt stehen, ein Oma-Opa-Ehepaar schaut neugierig durchs Fenster und geht weiter. ‚Friedrichstraße’ steht in der Fahrzielanzeige unter dem Bahnhofsdach. Alle S-Bahn-Züge, die hier halten, fahren dahin. Friedrichstraße – mitten in der Stadt und doch Endstation, mitten in der Stadt und doch am Ende der Welt. Meiner Welt, mit Silke, mit meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinen Freunden und allem was dazugehört, um glücklich zu sein.

Silke bewegt ihre Arme, schlingt sie noch enger um mich, ohne munter zu werden. Mädchen waren für mich bisher dufte Kumpels, mit denen ich über Sport, Musik, Gott und die Welt quatschen konnte oder doofe Zicken, die über jeden Mist kichern. Bei Silke ist alles anders. Verliebtsein ist wunderschön. Es kribbelt im Bauch, ich könnte die Welt umarmen.

Der erste Schultag mit Überraschungen

„Es ist sieben Uhr und dreißig Minuten. Sie hören Nachrichten des Berliner Rundfunks.“

Bei diesen Worten des Nachrichtensprechers schalte ich meinen ‚Sternrecoder’ aus. Die Nachrichten sind sowieso dieselben, wie die vor einer halben Stunde. Peggy, meine jüngere Schwester, scharrt schon mit den Hufen.

„Komm endlich“, kommandiert sie, nachdem sie zum fünften Mal versucht, ihre strubbeligen Haare vor dem Spiegel zu bändigen.

„Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die schönste Peggy im ganzen Land?“, verulke ich sie. Sie wirft den Kamm auf die Kommode und steckt mir frech die Zunge raus.

Ich hole Steffen ab. Wir sind vor einem Jahr aus derselben Schule auf die EOS gekommen. Gunther, Dieter und Ina warten schon am Treffpunkt unserer Clique. Silke und ihre Freundin Efpi sind die Letzten, die kommen. Efpi, die eigentlich Bettina heißt, hat immer Flower-Power-Blusen an, deshalb der Spitzname. F und P für Flower-Power und der Rest, damit man es aussprechen kann. Heute, zum Schulanfang, ist FDJ-Hemd angeordnet. Silke schaut mich an – los komm Holger, jetzt sollen es auch unsere Freunde erfahren, dass wir ein Pärchen sind. Der Begrüßungskuss wird lautstark kommentiert.

„He, he, Küsschen am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen“, reimt Steffen in Sekundenschnelle.

„Deine Reime haben das Niveau vom Sandmännchen-Abendgruß, reim dich oder ich fress dich“, erwidert Silke.

„Was, Sandmännchen-Abendgruß, was reimt sich da?“, fragt Steffen.

„Hast du Kummer oder Sorgen, dann schreibe gleich morgen an Frau Puppendoktor Pille mit der großen, klugen Brille“, zitiere ich.

„Ach Silke“, Dieter setzt einen mitleidigen Dackelblick auf, „da kann ich mir bei dir wohl keine Hoffnungen mehr machen.“

Silke schüttelt den Kopf und fasst nach Dieters Schulter.

„Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss. Aber du wirst es verschmerzen, so wie du den Romeo rezitieren kannst, wirst du deine Julia finden“, tröstet sie ihn und schaut in seine Augen, dass ich eifersüchtig werde.

„Silke, welches Mädchen steht denn heute noch auf Romantik und inniges Liebeswerben wie bei Shakespeare. Stelle dir vor, ich würde mich vor Efpi hier auf dem Asphalt werfen und auf Knien um sie werben“, säuselt er zurück. Verdammt, Dieter ist mein Freund, aber von Silke soll er gefälligst die Finger lassen. Efpi lacht laut los und bringt die Hände in Abwehrposition, falls Dieter seine Idee in die Realität umsetzen will.

„Ich würde dich freundlich fragen, ob du wieder auf Augenhöhe kommen willst und dir die Hand reichen, um aufzustehen.“

„Nur zum Aufstehen würdest du mir, liebe Efpi, die Hand reichen?“

„He, he, das gibt’s nicht, kaum hat Dieter von Silke einen Korb gekriegt, baggert er die Nächste an“, wirft Gunther ein und schüttelt seine schwarze Haarmähne.

„Los geht’s“, legt Gunther fest, „eure Romantikspielchen könnt ihr heute Nachmittag weiter spielen.“

Vor der Schule ist Gedränge, kleinere und größere Gruppen stehen auf dem Fußweg. Mir gegenüber steht Ekel-Bert. Für mich der Fiesling, wie Klaus Kinski in Edgar-Wallace-Filmen - maulfaul und unberechenbar. Aber die AG Disko hat er im Griff, seine Schuldiskos sind unschlagbar. Mit Volker, seinem Freund, komme ich mittlerweile klar; mehr aber auch nicht. Der ganzen Clique um Bert und Volker traue ich nicht so recht über den Weg, ist auch egal, mit meinen Freunden komme ich gut aus.

Die Schulklingel rasselt los und wir setzen uns in Bewegung. Nur wenige Augenblicke im Schulflur und die Ferien fallen von mir ab. Die Schule hat mich wieder, mit allem, was dazugehört, den Lehrern, den Unterrichtsstunden, dem Lärm in den Pausen und den Gerüchen. Die Schule hat ganz eigenartige davon. Das Linoleum in den Fluren, das matt glänzt und Bohnerwachs ausdünstet. Das Erdgeschoss mit dem großen Essensraum, in dem sich der Weißkohleintopf und die Quarkspeise für immer eingebürgert zu haben scheinen, auch wenn es Schnitzel gibt. In der Chemieraumetage wabern die Gase geruchsintensiver Experimente. In der Physikraumetage entsteht immer der Eindruck, jemand spielt mit Hochspannung und Blitzen. Das Ozon wandelt durch den Flur, ehe es sich auflöst. Auch die Geräusche sind eigenartig. Die lautstarken Rufe in der Etage der Unterstufenklassen – Jeder muss Jedem sämtliche Erlebnisse des letzten Tages gleichzeitig erzählen. Die hohen Kinderstimmen hallen durch die breiten Flure und erst im großen Treppenhaus verliert sich der Schall. In der Etage der fünften, sechsten und siebten Klassen geht es ruhiger zu und das Gekicher der Mädchen erinnert mich an meine Schwester Peggy. In den letzten beiden Etagen geht es am ruhigsten zu; Grüppchen stehen zusammen und die Unterhaltung ist zwar laut, aber nicht lärmend aufdringlich. Ohne auf uns Rücksicht zu nehmen, rasselt die Schulklingel wieder los und unterbricht jede Unterhaltung. Die letzten Kinderstimmen verhallen, die letzten Schritte sind in den Fluren zu hören. In nur wenigen Augenblicken ist der Lärm verklungen und die Ruhe wirkt eigenartig.

Unser Klassenraum ist unter dem Dach. Die Wände sind weiß gestrichen und strahlen Kühle und Nüchternheit aus. Die Holzdielen knarren unter unseren Füßen. Sie wirken edel und eigentlich müssten wir Hausschuhe anziehen. Die Wandzeitung vergilbt vor sich hin. „Die FDJ – Kampfreserve der Partei“ – das Thema ist immer richtig, egal zu welcher Jahreszeit. In der ersten Klasse wurde ich Jungpionier, in der vierten Thälmannpionier und in der achten Mitglied in der FDJ. Das war für mich eine Selbstverständlichkeit, wie Essen, Trinken oder Schlafen. Ich muss nicht für alles eine Begründung haben, die weltbewegend ist und alle zu mir aufblicken lässt – ich, der Individualist. Über die Partei muss ich mir erst in zwei Jahren einen Kopf machen, dann bin ich achtzehn – erwachsen.

Die Poster neben der Tafel finde ich gut. „Faust“ – Goethe, „Der Schimmelreiter“ – Storm und „Die Abenteuer des Werner Holt“ – Noll; Herr Rohl ist unser Klassenlehrer und unterrichtet Deutsch. Er schließt die Tür, geht zum Lehrertisch und beginnt sein Ritual vom vergangenen Jahr zu wiederholen.

„Neues Schuljahr, neue Plätze und damit es keinen Streit gibt, dieselbe Prozedur, wie letztes Mal am ersten Schultag. Eine Ausnahme, wer ein Los gezogen hat, darf sich seinen Banknachbarn selbst wählen. Es ist für jede Bank nur ein Los da.“

Er schüttet die Lose auf den Lehrertisch. Efpi und Silke greifen sofort in den Loshaufen.

„Wandreihe, fast ganz hinten“, freut sich Silke und wir beide gehen auf die ausgeloste Bank zu. Die letzten Lose sind verteilt, die Sitzordnung neu gemischt, das Schuljahr kann losgehen, wie jedes Jahr am ersten Schultag – Appell zum Weltfriedenstag.

Die Aula füllt sich, vorn die Pioniere mit rotem Halstuch und weißem Pionierhemd, dahinter die FDJler im blauen FDJ-Hemd. Der Ablauf ist wie ein Ritual.

Die Pioniere werden von der Pionierleiterin mit dem Pioniergruß „Für Frieden und Sozialismus - Seid bereit!“ begrüßt. Ein glockenhelles „Immer bereit!“ schallt aus den Kehlen der Pioniere durch die Aula. In der siebten Klasse wurde aus "Immer bereit" oft "Immer breit" – in Vorfreude auf die erste Fete mit alkoholischen Getränken. Wir wollten endlich erwachsen werden – das Pionierhalstuch war was für Kinder.

Der FDJ-Sekretär der Schule begrüßt uns mit dem FDJ-Gruß „Freundschaft!“. Ein tief dunkles „Freundschaft!“ kommt von uns zurück. Der Schulchor singt zwei Lieder aus der Singebewegung und bringt damit Leben in die Aula. Die Direktorin eröffnet das Schuljahr. Ihre Rede klingt wie all die Jahre vorher, egal, wie der Chef heißt, der da vorn steht. Ich höre sie zum zehnten Mal - Weltfriedenstag, DDR, Kampf für den Sozialismus und für das Leben lernen wir.

Der Schulhof ist riesig groß. Nur direkt am Schulgebäude liegen Steinplatten, der Rest ist Sand. Große Kastanien stehen am Ende des Schulhofes. Dahinter ist eine Kinderkombination. In der Krippe stehen die Kinderwagen auf der Terrasse. Im Kindergarten stehen ein paar Knirpse am Zaun und schauen neugierig auf den Schulhof. Wenn die wüssten, was sie da erwartet, würden sie jetzt bestimmt mit den Anderen im Sandkasten spielen. Das Zentralorgan der Vorschulkinder, die Zeitung „Bummi“, hat ihnen bestimmt überzeugende Argumente geliefert, dass Schule ganz toll ist.

Eine kleine Sportanlage liegt im Schatten von alten Wohnhäusern. Die Aschenbahn ist leicht holprig. In der Kugelstoßecke und der Weitsprunggrube markieren tiefe Löcher die Durchschnittsweiten.

Unsere Clique strebt zu der niedrigen Steinmauer. Wir haben unseren Stammplatz, der hartnäckig gegen jeden Eroberungsversuch verteidigt wird. Der neue Stundenplan wird ausgewertet. Er ist fies, drei Mal in der Woche bis fünfzehn Uhr und sonnabends bis zwölf.

„Was macht eure Schülerband? Ich will euch endlich mal live sehen!“, fragt Efpi neugierig, „oder kommt ihr gegen Volkers Band nicht an?“

„Efpi, ich lasse mich von dir nicht provozieren“, sagt Gunther betont ruhig, „auch wenn wir erst zu dritt sind. Volker mit seiner Band bei jeder Schuldisko absahnt und die Groupies das Ekelpaket Bert, den teddybärgesichtigen Bassisten und den schlafmützigen Drummer umschwärmen.“

Er streckt provokant seine Beine aus, lehnt sich zurück und setzt eine Siegermine auf.

„Aber“, mit dem Zeigefinger der rechten Hand bohrt er drohend in die warme Sommerluft, „aber Teddybärgesicht und Schlafmütze müssen ab November zur Fahne und dann stehen wir da oben. Ina an der Gitarre, Holger am Keyboard und ich am Schlagzeug, dann vibriert die Luft in der Aula.“

Er verschränkt die Arme vor der Brust und schaut zerknirscht.

„Leider fehlt uns noch jemand für die Bassgitarre, das ist sehr ärgerlich.“

Ich lege meinen Arm um Silkes Hüfte und sie nickt mir kurz zu.

„Das Problem ist gelöst“, meine ich regungslos.

Gunther schaut mich fragend an und sein Gesicht verfinstert sich.

„Willst du Bassgitarre spielen? Einen Takt Taste, einen Takt Saite?“

Ich schüttle mit dem Kopf.

„Nein, ich möchte dir Silke vorstellen.“

„Silke?“, beginnt er ungläubig, „Silke kenne ich seit einem Jahr.“

„Aber nicht mit Bassgitarre“, stellt sie fest und alle blicken zu Silke.

„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?“, fragt Ina neugierig.

„Doch“, sagt Silke nachdrücklich, „ich habe seit drei Monaten eine Bassgitarre. Hat jemand bei DT64 billig abgegeben und Gitarre spielen kann ich.“

Gunther strahlt über das ganze Gesicht und schüttelt seine Haarmähne.

„Silke“, er springt auf, umarmt sie, reißt sie fast um, „stark, ich kann mir richtig vorstellen, wie du auf der Bühne stehst. Mann, zwei Mädchen auf der Bühne, damit kriegen wir hier jeden überzeugt.“

Er lässt Silke los und dreht sich zu mir.

„Weißt du noch, vor einem Jahr, hier an der gleichen Stelle?“

„Na klar!“, sage ich begeistert.

„Wir beide mit dem Traum, eine Schülerband zu gründen“, die Schulklingel rasselt los, „und dieses Schuljahr stehen wir noch auf der Bühne. Stark, ich kann’s immer noch nicht glauben.“

Drehmaschinen und Waschmaschinen

In der Unterstufe hatten wir Werken, um zu verstehen, wie Holz, Plaste und Metalle bearbeitet werden. Ab der siebten Klasse wurde aus dem Werkraum die Fabrikhalle und das Fach heißt UTP – Unterrichtstag in der Produktion. Eine Woche Theorie, das nennt sich ESP – Einführung in die sozialistische Produktion. Interessant, wenn es um technische Dinge geht und langweilig, wenn die Stunde der Versuche ist, Marx und Planwirtschaft so zu erklären, dass eine scheinbare Schlüssigkeit entsteht. Interessanter ist da TZ – Technisches Zeichen, das gefällt mir. Werkstücke perspektivisch darstellen, Maßstäbe beachten, das hat was mit Exaktheit zu tun, die ich faszinierend finde. In dieser Woche ist PA – Praktische Arbeit – im Patenbetrieb der Schule. Jeden Wochentag garantieren zwei Klassen, eine vormittags, die andere nachmittags, die Planerfüllung. Die Arbeit fängt um sieben Uhr an und das für uns am Montag. Wir sitzen in Arbeitsklamotten im Aufenthaltsraum. Der Meister kommt und teilt uns den einzelnen Abteilungen zu. Ein nicht zu durchschauendes Lotteriespiel. Wer bei der Einteilung Pech hat, muss die neue Maschinenhalle fegen. Über mich hält jemand sein schützendes Händchen. Ich arbeite in der neuen Maschinenhalle immer an derselben Drehmaschine. Die ersten beiden Mal hat es noch Spaß gemacht. Aber jetzt, Teil aus der Kiste nehmen, dann einspannen, Maschine an, vier Minuten warten, Teil ausbauen, wieder von vorn anfangen. Der Lärm der Maschinen ist in der ganzen Halle zu hören und der Geruch von Fett, Öl und heißem Metall liegt in der Luft. Ein Gabelstaplerfahrer lässt mit ohrenbetäubendem Lärm und aus einigen Zentimetern Höhe eine Kiste am Arbeitsplatz neben mir fallen. Lässig kurbelt er am Lenkrad des Staplers, lädt eine andere Kiste auf die Gabel und rast in Richtung Lager davon.

Silkes Laune ist im Keller, als sie lustlos neben meinen Kisten steht. Ich versuche, sie zumindest mit einem Lächeln aufzuheitern.

„Silke, einer muss die Halle fegen und heute hat es dich erwischt.“

„Ha ha, du hast gut lachen und wann bist du mal dran?“

Die Antwort verkneife ich mir. Wenn Silke böse ist, kneift sie ihre großen Augen zusammen und kleine Falten stehen auf ihrer Stirn. Die Drehmaschine ist fertig mit dem Teil. Ich spanne den nächsten Rohling ein und schalte die Maschine wieder an. Nach wenigen Augenblicken fliegen die ersten Späne unter die Maschine. Silke setzt sich auf die Kiste mit den Rohlingen und hält sich am Besen fest.

„Suchst du jemand?“, frage ich sie, weil ihre Blicke durch die Halle schweifen. Sie nickt mit dem Kopf.

„Ich muss aufpassen, wenn sich der Meister blicken lässt. Efpi hat beim letzten Mal Ärger bekommen, weil sie mit Simone gequatscht hat.“

Der Arbeiter neben uns blättert geräuschvoll in der FuWo.

„Scheiß BFC!“, flucht er, als er die Auswertung der Fußballoberliga liest. Mit Wut knüllt er die Zeitung zusammen und wirft sie in die Ausschusskiste. Die Zigarette im Mundwinkel stellt er die Maschine neu ein und sitzt wenige Augenblicke später gelangweilt neben ihr.

„RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien Welt!“, ist leise durch die Geräuschkulisse zu hören. Die Stimme kommt aus dem kleinsten Kofferradio, was ich kenne, dem Kosmos. Nicht viel größer, als zwei Seifenschachteln. Es gehört zum Arbeiter an der Drehbank hinter mir.

„Und morgen wird uns die Miera in Stabü wieder etwas über die führende Rolle der Arbeiterklasse beim Aufbau des Sozialismus in der DDR erzählen“, meint Silke und schüttelt mit dem Kopf.

„Und nächste Woche ist Leistungskontrolle in Stabü!“, ergänze ich.

„Das stört mich weniger, ich lerne den Stoff einfach auswendig“, erklärt sie. Sie schaut immer noch nach dem Meister, bevor sie ihren Kopf zu mir dreht.

„Weißt du, ich habe kein Problem damit, mir meine Hände schmutzig zu machen und an einer Drehmaschine zu arbeiten. Was mich ärgert, dass das, was ich an den Vormittagen beim UTP erlebe und mir dann die Miera in Stabü erzählt, hinten und vorn nicht zusammenpasst. Entweder kann mir das oder will mir das keiner erklären, warum da Theorie und Praxis nicht übereinstimmen. Da ist mir Physik oder Chemie viel lieber.“

„Weil es Experimente und Beweise gibt?“, frage ich sie.

„Genau deshalb“, antwortet sie mir.

„Am liebsten mache ich Experimente, wenn wir beide zusammen in einer Gruppe sind“, setzt sie ihren Satz fort. Ich bin verlegen. Silke macht mir einfach Komplimente und mir ist noch nie eines für sie eingefallen.

„Du bist immer ganz exakt, bei dir muss das Ergebnis stimmen. Wenn nicht, suchst du nach einer Erklärung. Du erinnerst mich ... .“

Hier stockt sie, ganz plötzlich, als würden ihr die Worte fehlen oder als wollte sie mir etwas nicht sagen wollen. Verdammt, damals am Waldsee hat sie den Satz auch so abgebrochen.

„An wem oder was erinnere ich dich?“, frage ich sie. Ihr Gesicht verfinstert sich. Sie überlegt eine Weile, bevor die Traurigkeit wieder aus ihrem Gesicht verschwunden ist.

„Du erinnerst mich an Wissenschaftler, die große Entdeckungen gemacht haben. Ich glaube, das sind auch so exakte Menschen wie du.“

Das Teil in der Drehbank ist fertig. Silke beobachtet jeden meiner Handgriffe, bis ich die Maschine wieder einschalte. Sie springt auf und fängt an, zwischen den Kisten zu fegen.

„Ich komme gleich wieder, der Meister ist im Anmarsch.“

Mit gespielter Begeisterung häuft sie Metallspäne und Dreck zusammen. Kommentarlos zieht der Meister an ihr vorbei und verschwindet aus der Halle.

„Hilfst du mir heute Nachmittag?“, fragt sie mich.

„Heute Nachmittag, was war da?“, grüble ich. Silke rollt mit den Augen.

„Holger, du hast ein Gedächtnis wie ein Kaffeesieb mit einem großen Loch“, wirft mir Silke vor, „wir haben uns doch erst gestern drüber unterhalten. Ich sage nur Waschhaus. Meine Eltern habe die Wäsche heute früh hingebracht und ich muss sie mangeln und abholen.“

Das Wort Waschhaus aktiviert meine Erinnerungen. Ich habe Silke versprochen mit zukommen, alleine ist die Heißmangel schwer zu bedienen. In unserer Familie habe ich diesen Job an Peggy abgegeben, ich kann die Waschweiber im Waschhaus nicht ausstehen.

„Kann ich das Teil auswechseln?“, unterbricht Silke meine Gedanken.