MAUL VERNIMMT - Hinrich Schroeder-Hohenwarth - E-Book

MAUL VERNIMMT E-Book

Hinrich Schroeder-Hohenwarth

0,0

Beschreibung

Fünf Tage Polizeiarbeit, das heißt: mit stadtstreichenden Diven umzugehen, die Tauben (oder: Taube?) füttern, - mit einem brutalen Tennismatch zwischen Ost und West, mit einem techniksüchtigen Photoliebhaber, mit einem sodomistischen Entwicklungshelfer und schließlich einer Gruppe betrunkener GIs, die sich ein Maskottchen aus dem Kuwait-Krieg mitgebracht haben. Also: der ganz normale Wahnsinn in Frankfurt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



IMPRESSUM

MAUL VERNIMMT Frankfurter Wache

Hinrich Schroeder-Hohenwarth

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright: © 2012 Hinrich Schroeder-Hohenwarth

ISBN 978-3-8442-2614-0

INHALT

Marlene füttert die Tauben

Konkurrenten

Joss

Platz für alle

Jonny Maskottchen

MARLENE FÜTTERT DIE TAUBEN

Sie haben sich bestimmt schon mal gefragt, weshalb die Polizei diese ganzen Penner nicht einfach abräumt, - ich meine: einsammelt und wegschließt oder wenigstens in die Obdachlosenasyle bringt. Da können die dann von mir aus ihren Rausch ausschlafen oder sich wenigstens mal waschen.

Wahrscheinlich haben Sie auch schon mal beobachtet, daß der eine oder andere tatsächlich verschwunden ist, wenn sie morgens über die Mainbrücke kommen. Dann ist die Parkbank bei der DLRG-Wache frei, und ein übriggebliebenes Liebespärchen verkriecht sich ineinander vor der Morgensonne. Oder ein wohnsitzloser Pole redet ganz manierlich mit den Möven. Die sitzen aufgereiht mit dem Schnabel zum Wind und dösen. Hinten im Sandkasten liegt noch ein gelber Eimer.

Aber einen oder zwei Morgen später liegt der wieder da auf der Bank, der Penner. Am Anfang sieht er ja noch ordentlich aus, liegt auf der Seite, abgetragener Mantel, aber sauber. Die blaue Hose nur etwas zerknittert vom Liegen, vier Plastiktüten zwischen Bauch und Lehne eingeklemmt. An Schuhsohlen und Absätzen sehen Sie: aus der Kleidersammlung; immerhin, es geht. Später aber, nach einer Woche höchstens, können Sie es dann schon von weitem riechen: dieselben Socken, dieselbe Hose, derselbe Mantel, dreckig, fleckig, durchgeschwitzt, seit Tagen ungewaschen. Sie sehen den roten Ausschlag am Hals, auf den Händen Schorf; die leeren Flaschen liegen im Einkaufswagen, das Glas klimpert auf dem Drahtgestell. Also fragen Sie sich: Wenn das doch einmal geht und immerhin eine Woche recht und schlecht funktioniert, warum nicht immer so?

Die Antwort ist einfach: Die Polizei hat Angst. Nicht solche Angst wie vor Junkies oder den Rausschmeißern in der Elbestraße, wo es schon mal Prügel geben kann. Die Polizei hat vor den Pennern Angst, weil die den ganzen Dienstplan durcheinander bringen. Und ich sage Ihnen: das braucht Tage, so etwas wieder einzurenken. Dagegen gehört so eine Schlägerei zum normalen Geschäft, jedenfalls für meine Kollegen. Aber so ein Penner! – Besser, man läßt ihn, und wenn es zu schlimm wird, hilft meistens schon ein Hinweis bei der Abteilung "Wohnsitzlose", und wenn die überlastet sind oder der Penner noch nicht wieder lange genug Platte gemacht hat, dann findet sich vielleicht noch ein unerfahrenes und ehrgeiziges Mitglied bei der Heilsarmee oder so.

Besonders elegant läßt sich das Problem auch schon mal in Zivil lösen, hat Maul erzählt. Nämlich hat er neulich an einem Samstag einen solchen Bruder in die Stadtbäckerei am Lokalbahnhof eingeladen. Das war wirklich filmreif, stelle ich mir vor. Also, da stehen in dieser Gegend immer die Leute mit dem "Wachtturm" 'rum und versuchen, einen beim Brötchenholen zu erwecken. Natürlich hat der Bäcker den stinkenden Kerl sofort vor die Tür gesetzt. Maul hat was von mangelnder Solidarität gemurmelt, gezahlt und ist hinterher. Um die Ecke stehen zwei Zeugen Jehovas, besser eine junge Zeugin und ein älterer Zeuge. Maul bittet den Zeugen, seinen Gast zu erwecken. Verdutztes Schweigen. Die zwei Hände klammern sich um das Erleuchtungsblättchen. Maul sagt, daß er leider anderswo gebraucht wird und auch sehr ungeeignet ist, für die Errettung Schiffbrüchiger und so weiter. Sofort erkennt Mauls stinkender Gast die Chance und bittet um Hilfe jeglicher Art, während er sein restliches Brötchen mümmelt. Der Wachturm-Mann ist also völlig überrumpelt, und Maul entfernt sich.

Natürlich war seine Schadenfreude in diesem Moment noch viel größer als seine Vorfreude, beim Dienstantritt am Montag einen Penner weniger im Revier zu haben. Aber solchen verbotenen Freuden folgt bekanntlich sehr rasch die verdiente Strafe. Als Maul nämlich schnell die beiden Zeugen mit ihren Blättchen und dem Penner stehen lassen wollte, sah er noch einmal ganz routinemäßig die Frau an und die ihn, aber irgendwie besonders. Jedenfalls muß die Frau gesehen haben, daß Maul ein ganz und gar rettungsbedürftiger Zeitgenosse ist, geradezu eine Erleuchtungsprüfung, während Maul gleich am nächsten Montagmorgen mit dem Kaffeebecher in der Hand über die Verführung so vieler junger Leute durch die Sekten redete. Ich kenne den Maul inzwischen schon ganz gut: Der war einfach hin. Natürlich muß er sich als Polizist besonders für den Schutz von gefährdeten Minderheiten einsetzen, zum Beispiel von Pennern oder Glaubensbrüdern. Zufällig war nun diese junge Zeugin nicht nur gläubig, sondern auch ziemlich reizvoll.

Überhaupt sind die Pennerinnen viel gefährlicher als die Penner. Und ohne diese etwas ausführliche Vorgeschichte würden Sie bestimmt nie verstehen, warum Maul gerade Marlene aufs Revier schleppen mußte. Zugegeben: Sie war notorisch, - fast in jeder Beziehung. Saß im Sommer laut schimpfend auf der Bank hinter dem Spielplatz, fütterte die Tauben mit Getreide aus dem Reformhaus, räumte unablässig in ihren Rucksäcken und Tüten, ließ die Wollstrümpfe rauf und runter, daß jeder ihre Krampfadern sehen konnte. Lag auf dem Rücken im Gras und turnte wegen ihrer Bandscheibe oder schob mit ihrer schwerbeladenen Kinderkarre rum und brüllte die Leute an. Ja, Marlene brüllt eigentlich pausenlos. Das ist das Schlimmste. Dabei hat die Frau einen Wortschatz, überhaupt eine Art zu reden, - unbeschreiblich. Und noch an einer anderen Stelle, da ist sie ganz notorisch: Sie riecht immer nach Parfum, allerdings nach sehr viel Parfum, also schon von weitem, so, wie man sie auch von weitem schon hört. Irgendwie paßt das bei Marlene zusammen.

Und sie trägt immer einen langen, weißen Schal, möglichst mit breiten Fransen. Im Sommer, wenn es heiß ist, legt sie ihn über Schultern und Arme, nimmt die langen Enden locker in die Hände und geht dünn und kerzengerade auf dem Plattenweg vor dem Bunker hin und her, dass es nur so weht, sagt Maul. Und zum Klappern ihrer Absätze ruft sie dazu manchmal einzelne Wörter in die Luft, im selben Rhythmus, sagt Maul, nur ganz kurze, wie "ruck zuck", "weg" und "auf der Streck". Ich bin noch nicht so lange dabei, daß ich sie schon so gesehen hätte. Ich kenne nur den Mann mit dem weißen Bart, der mich seit dem Tag im Oktober immer ausschimpft, als er in seinen Pantoffeln an uns vorbeigeschlurft kam und die Flasche Zitronenlimonade unter seinem Arm vergessen hatte, als er Maul militärisch grüßte.

Als ich hier anfing, trug Marlene den weißen Schal jedenfalls immer um den Kopf, wie einen gewaltigen Turban, mit den herunterhängenden Fransen oder Quasten rechts und links als Ohrenschützer. Wo sie bleibt, wenn es richtig kalt wird, weiß auch Maul nicht. Den Frühling hört man jedenfalls schon früh an der "Nizza" und der "Schönen Aussicht", auch wenn man von ihm noch nichts sieht. Da rennt sie dann wieder rum und wütet.

Marlene füttert nicht einfach Vögel, sondern nur die Tauben. Gerade in den Altbaugebieten haben die Leute aber wieder Angst vor Taubenzecken. Junge Mütter glauben, ihre Kinder kriegen Hirnhautentzündung, Milben , Krätze oder beschweren sich beim Schornsteinfeger, weil ein Kamin nicht zieht. Natürlich hat sich irgendwo eine tote Taube verklemmt. Auch das Denkmalamt macht schon mal Meldung, weil "Goethe I" in der Taunusanlage wieder dermaßen mit Taubenschissen zugedeckt ist, daß die Busse von der Stadtrundfahrt nur noch vorbeirollen. Kein Halt mehr zum Fotografieren.

Trotzdem: Ältere Leute zeigen Pennerinnen eigentlich nie wegen Taubenfütterei an. Eher schon wegen unflätiger Beschimpfungen oder heruntergelassener Strümpfe. Diesmal war es jedenfalls eine jüngere Tagesmutter, die darauf bestanden hatte, daß Marlene in Gewahrsam genommen wird, sagt Maul. Was war passiert? Natürlich war es nicht nur der schleimige, weißliche Kot mit dem grauen Endkringel auf den Gehwegen und bei den Sandkästen, und bestimmt war das mit der besonderen Verantwortung für die drei fremden Kinder von der Tagesmutter auch nur vorgeschoben. Wahrscheinlich sind die beiden Frauen irgendwie persönlich aneinander geraten. Denn Maul sagte mir noch vor der Vernehmung, daß er die beiden mühsam trennen mußte, damit sie sich nicht vor den Kindern verdreschen. Dann ist die Marlene aber gleich auf ihn losgegangen, und da hat er sie dann eben vorläufig festgenommen.

Tatsächlich hat Marlene, kaum war sie auf dem Revier, sofort dermaßen getobt, daß wir sie erst mal in die Arrestzelle gesteckt haben, zur Beruhigung. Trotzdem glaube ich heute, daß Maul sie eigentlich für sich mitgenommen hat, weil er seinem Fräulein Zeugin von der Erweckung mal vormachen wollte, wie man einen Menschen richtig erleuchtet. Aber erst mal mußte ich noch Protokoll führen.

Kaum saß Marlene, war das Zimmer auch schon randvoll mit dem Geruch von fünf Operndivas und mindestens drei Primadonnen. Die ganze Zeit hatte sie die Hand an ihrem achträdrigen Geländebuggy und schob ihn unablässig hin und her, daß die herumbaumelnden Plastiktüten laut raschelten und knisterten. Mich machte das wahnsinnig, aber Maul ließ sie reden und musterte den Plunder, der sich im Laufe der Zeit in der Karre angesammelt hatte. Maul dachte wohl, das Reden gibt sich. Vielleicht versuchte er auch, ihr nervtötendes Gelärme zu überstehen, indem er sich tot stellte. Denn wenn Marlene redete, dann redete sie so laut, daß niemand, wirklich niemand sie nicht hören könnte.

Gleich zu Anfang kam Jordan, der Vertreter von Bannasch, ganz erschrocken rein. Der kümmert sich sowieso nur um unsere Arbeit, wenn sie ihn stört. Also tippte er sich an die Stirn und verschwand sofort wieder. Wenig später brachte dann auch noch Kollege Holtz einen Zettel: 'IDIOT! ' stand drauf. Wirklich: mit Marlene in der Nähe war an Arbeit nicht mehr zu denken. Das wußte Maul doch, aber wahrscheinlich hatte er ja von Anfang an was ganz anderes mit ihr vor.

"Kopulation statt Kompromiß" keifte sie los. "Hören Sie? Marlene hat der Dame nur gesagt: Kopulation statt Kompromiß! Was für ein Schwachsinn, fremder Leute Kinder zu hüten, statt selbst welche zu kriegen. Marlene würde sofort noch mal, wenn sie nicht schon eines gehabt hätte. Sofort. Anstatt sich als Kinderputzer zu verkaufen, an wildfremde Frauen. Marlene putzt nur ihren eigenen Hintern, außer früher natürlich, den von ihrer Maria. Natürlich, Freundchen. Also: Keine Kompromisse. Hör zu! Sie meinte, 'Kompromiß ist Koproschiß"'.

Marlene redet von sich immer wie von einer anderen Person. Das hatte Maul mir schon beim ersten Mal gesagt. Jetzt wollte Maul wissen, was die Tagesmutter an Marlenes Aufforderung zur Kopulation denn so aufgeregt hätte. Aber die Frage kam ziemlich ungeschickt, so daß Marlene anhaltend wie ein Esel in ihr Rauchergelächter ausbrach, überhaupt nicht aufhören wollte, dann plötzlich aufstand und: "Doppelverlierer" rief. "Sie Doppelverlierer, Sie", mit einer vernichtenden Handbewegung dazu. "Natürlich denken Sie nur an Tennis, Sie Traumbell! Man sieht es an Ihren Augen. Aber alles Quatsch, Sie Polizei, Sie! Keine Ahnung von Verbrechen, aber einfangen. Jeder normale Mensch macht seine Erfahrungen und wendet sie auch an. Aber Ihr wollt ja sauber bleiben. Also seid Ihr die Dummen. Bis viertel nach acht, dann ist endlich Euer Tatort. Muß doll sein, jede Nacht mal richtig auf Mord zu gehen, - natürlich nur mit den Augen. Ein Bulle, der Krimis sieht, das ist doch wie ein Wichser vorm Spiegel. Also sagt sie ‚Doppelverlierer!’ Die Penner seid Ihr. Ihr seid die Penner."

"Du hast wieder die Tauben gefüttert, Marlene, auf dem Spielplatz." "Was geht es Euch an?" "Wo die Kinder am Boden rumkrabbeln und in die Taubenschisse fassen." "So?" "War es so?" "Woher soll sie das wissen, kann sein, kann nicht sein. Haben Sie denn noch nie Tauben gefüttert?" "Vielleicht, aber nicht auf dem Spielplatz." "Sie hat recht! Sie haben eben keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung, was das für ein Spielchen ist. Aber uns Vorschriften machen, abfischen, einseifen, wegschließen, das könnt Ihr. Mensch, Maul, merkst Du denn nicht, daß Du überhaupt keinen Aufschlag hast?" "Was soll das heißen: Aufschlag?" "Na Aufschlag eben, das Spiel machen, gib mir mal 'ne Zigarette rüber. Keinen einzigen hast Du. Rennst nur rum und belästigst alte Frauen." "Marlene, Du weißt doch genau, weshalb Du hier bist." "Marlene weiß alles genau, Herr Maul. Sie sind der Doppelverlierer, und Marlene ist zum Tode verurteilt."

So ungefähr ging das Gespräch. Es war ganz und gar unmöglich, mit Marlene eine normale Vernehmung zu machen. Man kam einfach nicht an sie ran. Ich meine, für sich war sie nie da, wo sie für uns war. Ich notierte mir trotzdem ein paar Stichworte, für den Fall, daß es kritisch werden sollte. Aber Maul gab mir auch kein Zeichen zum Mitschreiben, sondern lehnte sich jetzt mit einem Seufzer wieder zurück, als hätte er sich an einen früheren Vorsatz erinnert und ließ sie reden. Wenn sie nicht gerade an der Zigarette zog oder mit der Umschichtung ihrer Habe beschäftigt war oder den weißen Schal über die Schulter zog oder den Buggy umdrehte oder ans Fenster ging oder, oder, oder... Mir wurde nicht klar, worauf Maul hinauswollte.

"Warum fütterst Du die Tauben, Marlene?", fragte er ganz freundlich. Sofort schrie sie los: "Unrat, Walrat, Polizeirat!" sie fuchtelte mit der brennenden Zigarette vor seinem Gesicht herum. "Sie ist von Idioten umgeben. Sie hören nicht, was man sagt. Sie sagt: Walrat, Lampenöl, Erleuchtung. Hört sie denn keiner?" Sie wurde noch lauter, sprang in die Höhe. "Und da fragen Sie, warum sie die Tauben füttert, die Tauben, hören Sie, die Tauben? Man muß sie mit lauteren Worten füttern, damit sie genießbar werden. Aber sie wollen nicht hören, also muß man brüllen, bis man heiser ist."

Sie rannte zur Tür und trommelte mit den Fäusten dagegen. "Auch die Tauben brauchen doch Wörter, sonst denken sie nicht, Herr Maul. Aber man kommt so schwer in ihre kleinen Ohren, und dann machen sie lauter Unsinn aus dem, was man ihnen gesagt hat. Laufen einfach fort. Auch Nachrufe nutzen dann nichts. Also muß man sie wieder anfüttern. Marlene nimmt nur die besten Wörter, reine Wörter, kontrollierte Wörter. Die sollen sie fressen. Und dann wollen wir mal sehen, ob sie genießbar sind, die Tauben. Und da kommen Sie und wollen ihr das Rufen und Füttern verbieten, nur weil die armen sich gern an Spielplätzen versammeln. Und dann nimmt man Marlene mit, und sie muß die Tauben allein lassen, nur damit Sie fragen können, weshalb Marlene die Tauben füttert!"

Sie war rot angelaufen, zitterte und rang nach Luft. Dann stieß sie sich von der Tür ab und ging auf Maul los, so daß ich in meinem Schrecken nach Holtz und Frau Stödter rief. Aber Maul blieb sitzen, fing die dürren Arme von Marlene ab, wie ein widerspenstiges Geäst, und sagte zu den beiden Kollegen, als die Tür hastig aufging: "Okay, okay! Unsere Kleine muß sich noch ein bißchen beherrschen lernen. Alles in Ordnung, wirklich!"

Ich kriegte natürlich einen roten Kopf, und Marlene sagte: "Sie machen mir Spaß, Mädchen, haben Sie was gehört?" Ich nickte, und Marlene sah mich auf einmal richtig lieb an. Da platzten die beiden an der Tür los, daß es im Flur gellte und machten schnell wieder zu, damit man es nicht so laut hörte und sah, glaube ich.

"Wer lacht, hört erst recht nichts", sagte Marlene. Es war klar, daß an normales Arbeiten nicht zu denken war, so lange Maul sich mit ihr befaßte. Jetzt stand sie vor ihm, Pullover und Wollrock schlotterten, als sie heftig nach einer neuen Zigarette winkte. Auf dem weißen Schal lag ihr verschwitztes, bleiches Haar. Mit dem weiten Mantel hatte sie noch stark und sicher gewirkt. Jetzt sah ich aber, daß sie ein Klappergestell war und ein Ziegengesicht hatte, knochig, mit harten Kaumuskeln und schlaffen Falten den Hals herunter.

Sie setzte sich wieder und beugte sich vor. Maul gab ihr Feuer. Sie paffte, hielt die Zigarette zwischen ihrem knotigen Mittelfinger und dem Ringfinger. Ich sah die rissigen Schwielen auf den Fingergelenken.