Maulwurfsblut - Zdravka Evtimova - E-Book

Maulwurfsblut E-Book

Zdravka Evtimova

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Beschreibung

Pernik, Provinzstadt unweit von Sofia, in postindustrieller Zeit. Ein „Bulgarien in der Nussschale“ zu Zeiten der Transformation. In den Ruinen der alten Ordnung zerfallen die patriarchalen Verhältnisse. Während die Männer ausgezogen sind, in Dubai auf dem Bau und bei der Olivenernte in der Toscana schuften oder irgendwo stranden, sind ihre Frauen zuhause mit dem Überleben der Familie beschäftigt, erweitern ihre Horizonte, behaupten sich und ihre Würde. Alle 14 Tage veröffentlicht Zdravka Evtimova eine neue Short Story auf dem Portal OFFnews.bg. Mit Sinn und Herz für die sozial Deklassierten, einer geradlinigen, zupackenden Schreibart gehört sie zu den populärsten Autorinnen ihres Landes, zuhause und in der Welt.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Zdravka Evtimova

MAULWURFSBLUT

1. Auflage 2024

© eta Verlag

Alle Rechte vorbehalten

eta Verlag | Petya Lund

Schönhauser Allee 26

10435 Berlin

www.eta-verlag.de

kontakt @ eta-verlag.de

Lektorat: Petya Lund

Gestaltung & Satz: Stefan Müssigbrodt

Titelfoto: Roberto Sorin / shutterstock

Originaltitel: Кръв от къртица

Janet 45-Verlag, Plovdiv, Bulgarien 2005

Copyright © 2005, Здравка Евтимова / Zdravka Evtimova

Published by arrangement with Sofia Literary Agency

All rights reserved

ISBN 978-3-949249-23-5

Zdravka Evtimova|

MAULWURFSBLUT

Kurzgeschichten

Aus dem Bulgarischen von Andreas Tretner, Elvira Bormann-Nassonowa und Alexander Sitzmann

The European Commission's support for the production of this publication does not constitute an endorsement of the contents, which reflect the views only of the authors, and the Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein.

Maulwurfsblut

In meinen Laden kommt nur wenig Kundschaft. Meistenteils Lehrer, die einen Satz Versuchstiere für die Biologiestunde brauchen. Ich handle mit Fröschen, Echsen, Insekten und so weiter. Demnächst ist damit Schluss, ich kann die Ausgaben nicht mehr decken. Dabei bin ich so gewöhnt an dieses düstere Kämmerchen, den Formalingeruch.

Vor einiger Zeit kam eine Frau in den Laden: klein und hinfällig wie ein Häuflein Schnee im Frühling. Zu scheu, mir in die Augen zu sehen.

Sie machte nicht den Eindruck, etwas kaufen zu wollen, vermutlich war ihr nicht wohl, und sie wollte bei mir verschnaufen. Sie schwankte und wäre umgefallen, wenn ich nicht nach ihrem Arm gegriffen hätte.

„Haben Sie Maulwürfe?“, kam auf einmal die Frage.

Ihre Augen schimmerten blass: jedes eine alte, ramponierte Spinnwebe mit einer winzigen Spinne darin hockend, das war die Pupille.

„Maulwürfe?“, fragte ich verdutzt. Da musste ich sie enttäuschen. Maulwürfe sind nicht im Handel, ich hab im Leben noch keinen gesehen. Aber das war es nicht, was die Frau hören wollte – ihr glühender Blick, der sich an meinen Augen festgesaugt hatte, verriet es mir.

„Hab ich nicht“, sagte ich. Sie seufzte schwer, verharrte einen Moment, wandte sich ruckartig ab.

„Das heißt“, rutschte es mir heraus, „ich kann noch mal nachsehen.“

Sie hielt inne. Sah mich an.

„Maulwurfsblut soll Heilkraft haben“, flüsterte sie mehr, als sie sprach. „Drei Tropfen genügen.“

Mir wurde mulmig. In ihren Augen stand eine furchtbare Pein.

„Wenn wenigstens die Schmerzen nachließen … Wenigstens eine Weile“, raunte sie, dann versagte ihr die Stimme ganz.

„Sind Sie krank?“, fragte ich.

„Mein … Sohn.“

Ihre Hände, schrumpelig wie totes Gezweig, glitten von der Ladentischkante. Ich musste die Frau beruhigen, ihr irgendetwas geben – einen Schluck zu trinken wenigstens. Ihre Schultern waren so schmal, dass sie sich in dem dunkelblauen Mantel nicht abhoben.

„Wollen Sie ein Glas Wasser?“

Sie nahm es und trank, das Runzelnetz um ihre Augen bebte.

„Wird schon wieder“, faselte ich und wusste nicht weiter.

Sie drehte sich um und schlich zur Tür.

„Warten Sie!“, brüllte ich. „Ich geb Ihnen welches!“

Ich stürzte ins Hinterzimmer und fackelte nicht lange. Dass ich sie beschwindeln musste, ließ mich nicht zögern. Es musste sein. Ich hatte kein Maulwurfsblut, nicht einmal Maulwürfe. Die Frau wartete. Ich stieß die Tür hinter mir zu, damit sie nicht sehen konnte, was ich tat. Ritzte mir das Handgelenk mit dem kleinen Messer, das in der Schublade, bei den Schachteln mit den Angelködern lag. Aus dem Schnitt begann das Blut zu rinnen. Ich spürte keinen Schmerz, mochte nur nicht hinsehen, wie es in das Röhrchen tropfte. Viel kam nicht zusammen – es sah aus wie zwei, drei rote Beeren, die am gläsernen Boden kullerten.

Ich beeilte mich, in den Laden zurückzukehren.

„Da haben Sie“, sagte ich. „Maulwurfsblut. Ganz frisch.“

Sie starrte auf mein Hand, an der noch Blutstropfen hingen. Machte keine Anstalten, nach dem Röhrchen zu greifen. Ich drückte es ihr in die Hand.

„Vom Maulwurf. Können Sie glauben!“

Sie befingerte das Röhrchen. Darin blinkte es rot wie vergehende Glut. Nach einem Moment des Zögerns griff sie in ihre verschlissene Handtasche und zog ein paar Geldscheine hervor.

„Das will ich nicht“, sagte ich.

Die Frau sah mich nicht mehr an, warf die Scheine auf den Tisch und trottete zur Tür.

Ich hätte ihr die Tür aufhalten wollen, vorher noch einmal Wasser anbieten. Aber ich spürte, dass sie in dem Moment weder mich noch irgendwen sonst gebrauchen konnte.

Dem Herbst gefiel es, Nebeltage ohne Ende über der Stadt auszuschütten. Die Schließung des Ladens war nicht mehr lange hinauszuschieben. Es war ungemütlich kalt, die Leute hetzten an meinem Schaufenster vorüber. Keine Kundschaft bei dieser Kälte.

Eines Morgens wurde die Ladentür heftig aufgestoßen. Das Frauchen von neulich trat ein und kam auf mich zu. Ich schaffte es nicht mehr, im Flur nebenan abzutauchen, im Nu stand sie vor mir.

Umarmte mich. Fing an zu weinen. Ich hielt sie, damit sie nicht in sich zusammensackte, so fragil kam sie mir vor. Auf einmal packte sie meine linke Hand und hob sie vor ihr Gesicht. Die Narbe von dem Schnitt war kaum noch zu sehen, aber sie fand sie. Presste ihre Lippen daran, ihre Tränen netzten die Haut meines Handgelenks und den Ärmel meiner blauen Arbeitsjacke.

„Er kann wieder gehen“, schluchzte die Frau und schlug die Hände vors Gesicht, auf dem ich ein mattes Lächeln gesehen hatte.

Sie versuchte mir noch mehr Geld zu geben. Trug etwas bei sich in einem großen Beutel. Mir schien, dass sie sich zusammenriss, ihre kleinen Finger waren fest und zitterten nicht mehr. Ich brachte sie vor die Tür; sie blieb an der Ecke stehen, stand noch eine ganze Weile in der Kälte und lächelte.

Schließlich war die Straße wieder leer. Mir war auf einmal behaglich zumute in meinem kleinen Laden. Der gute alte Formalingeruch kam mir wie Honigduft vor.

Noch am selben Nachmittag stand vor der Theke meines schummrigen Ladens ein Mann. Groß, gebeugt, etwas bänglich.

„Haben Sie Maulwurfsblut?“, fragte er. Schaute mir ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Nein. So etwas führen wir nicht.“

„Ist nicht wahr! Sie haben welches! Mein Frau ist dem Tode nah. Drei Tropfen genügen!“ Er packte meine linke Hand, zerrte sie gewaltsam zu sich heran, schien sie mir verrenken zu wollen. „Drei Tropfen! Sonst ist sie verloren!“

Diesmal hatte ich Mühe, überhaupt etwas aus der Schnittwunde zu pressen.

Der Mann hielt sich das Glas vor die Augen, die Tropfen krabbelten wie Ameisen die Wand des Röhrchens hinab.

Er hinterließ auf der Theke einen Haufen Geld.

Am nächsten Morgen erwartete mich eine größere Menschentraube vor der Ladentür.

„Maulwurfsblut! Maulwurfsblut!“, krakeelten sie und drängelten sich. Jeder mit einem Unglück im Haus und einem kleinen Messer in der Hand.

Juli wird nicht

Das Gras stand hoch, es war feucht wie am Grund eines Sumpfes und schwer, doch Sima achtete nicht darauf. Er war ja hier – Simeon.

Sie waren jung und hatten mit dem Leben etwas vor – zwei arme Schlucker in der Kleinstadt. Plattenbauten mit viel Leerstand; Diensttag war Markttag. Angewurzelt waren sie hier, auf flachem Grund, wo das Benzin nach dem Weißdorn und Hartriegel der Landstraßen roch. Aber die Welt war groß, und weder Sima, noch Simeon würden etwas von deren Sonnenaufgängen zu Gesicht bekommen, wenn ihre Finger weiter ineinanderwüchsen, wenn sie ihre Tage hier verwarteten als Knoten in einer alten, vom Sommer gebleichten Wäscheleine. Und allmählich begriffen die beiden, sie mussten fliehen voreinander und vor diesem hohen Gras, herrlich saftig wie das eigene Blut. Das Gras war überall. Es gab keine Gärten, keine Tomatenbeete, weder Erdbeeren noch Himbeeren, nur Unkraut und Regen – dafür atmeten sie gemeinsam. Schon ihre Babykutschen seien immer Seite an Seite gewesen, pflegte Simas Mutter zu erzählen.

Sima hätte nicht sagen können, wo sie selbst aufhörte und Simeon anfing. Man ist nur einmal jung im Leben, das Ende der Jugend kommt jäh, und um es zu vergessen, durften sie nicht beisammen sein. Hier gab es nur Regen und Diebe, der alte grüne Wohnwagen war restlos ausgeraubt bis auf die Holzrahmen der Betten. Besonders hatten es die Diebe naturgemäß auf Metallgegenstände abgesehen: Gabeln, Löffel, Sprungfedern, Hämmer – etwas, das man noch am selben Abend versaufen konnte. Simeon und Sima versteckten sich in ihrer Liebe, sie liebten sich im Gras und auf den Wegen, auf den alten, von Mäusen angefressenen Steppdecken, und über ihnen summten die Wespen, die ihre Nester mit dem Gift aus ihren Drüsen an die Decke klebten, der alte Wagen zischte vor Angst und vor Wonne oder vom Regen, und die Tage waren ohne Ende.

So flatterten die beiden ins Nirvana, ihre Liebe war ein Provinznest, wo es, wenn nicht gerade ein alter Eisenzaun zu klauen war, nichts weiter zu tun gab. Das Einzige, was sich hier bewegte, war der Fluss. Simeon und Sima hatten das Gras plattgelegen, der Hof war aufgeheizt, als stünde er in Flammen. Das beißend grüne Blut der Nesseln lag vor ihnen auf den Knien.

Simeon sagte nicht: Du bist schön, und Sima flüsterte nicht: Geh nicht weg, denn er war der Strick um ihren Hals und eine leere Straße mit leeren Wohnblocks zu beiden Seiten. Er war die staubigen Fenster des alten Hauses, wo Simas Mutter mit ihrem Vater Schluss gemacht hatte und in ihr Glück gefahren war, das hinter dem Terminal 2 des Flughafens Sofia anfing. Doch im Städtchen wuchs der Nussbaum, den Sima wie von Sinnen liebte. Der Baum war mit ihrem Großvater aufgewachsen und dann mit ihrem Vater, allabendlich hatte er Sterne geboren. Simeon kam, und die zwei saßen zusammengekuschelt darunter wie zwei Glühwürmchen in der Nacht, auch wenn Tag war.

Simas Vater arbeitete in Spanien, die Mutter in Köln. Das Wort Schluss lebte zwischen den jungen Leuten fort. Die Eltern trafen sich manchmal zu Weihnachten. Um Sima hatte sich Simeons Mutter gekümmert – eine große Frau, die aufgehört hatte zu reden und ihr Verhältnis zu der in Kraut und Staub versunkenen kleinen Stadt in Margerinebroten zum Ausdruck brachte, die sie ihrem Sohn schmierte. Brot und Staub, das waren ihre Abende. Sie schmierte auch für Sima Brote mit.

Wie sich die beiden Mütter miteinander geeinigt hatten, wie sie die Ausgaben für ihre Kinder teilten, wusste niemand, aber für Sima gab es Margarine bis zum Abwinken. Sima und Simeon wuchsen heran zwischen Mathearbeiten für die Berufsschule, Kippen im verwilderten Park, inmitten von Erinnerungen an die Väter, beständigem Sparen, Kleingeldschnorren, dem Tod von Simas Großmutter.

„Wir sind nicht füreinander geboren“, erklärte Simeon.

„Das sind wir nicht“, bekräftigte Sima.

Wir müssen voneinander lassen, aus dieser Straße verschwinden, die öde ist wie die Zeitungen, in denen ewig dasselbe steht, nur wir kommen auf keiner Seite vor.

Und sie trennten sich, aber dieser Raum, dieser verdammte endlos große Hof voll niedergelegenem Gras, von dem ihre Haut grün war, brachte sie immer wieder zusammen. Das Gras konnte nicht ohne sie sein.

Sie ging zur Schule und schwor sich, sie würde einen finden, der sie wegholte von dem Platz mit den vier großen Linden und ihren weißhaarigen Tanten in dem vor Hitze zerschmelzenden Tal. Unklar, wie man es anstellte, den Fluss zu vergessen, die Badestellen. Der Fluss hatte das schmale Tal liebgewonnen und trocknete lieber aus, als sich von den alten Häusern zu entfernen. Aber Sima würde fortgehen, sie war jung und schön. Auch Simeon war hübsch und selbstbewusst genug, er würde zurechtkommen. Nichts hielt ihn mehr hier, die Margarine war längst alle, die Mutter eines Nachts gestorben, der Krankenwagen konnte nicht mehr helfen. Kaum der Schatten einer Erinnerung an sie war mehr lebendig – höchstens, dass die Nachbarinnen noch Brennnesselsuppe nach ihrem Rezept kochten, und Sima hingen die grässlichen Brote und ihr Schweigen, so dicht und tief wie der Herbst, immer noch an.

Nein, nichts hielt Simeon hier noch. Er war ein äußerst pragmatischer Mensch, das kommt vor bei Leuten, die Margarine essen. Die Plattenbauwohnung hatte er zum Spottpreis an eine Romafamilie mit fünf Kindern verkauft, Sima ihr Haus an eine andere – ob fünf Kinder oder zwei, es war immer dasselbe. Ihre Mutter kam schon lange nicht mehr zu Weihnachten, auch der Vater ließ sich im Städtchen nicht sehen. Sie verbrachte die lange Zeit der Feiertage allein, nur hin und wieder mit Simeon – dann klebten die beiden aneinander wie zwei Ziegel in einer einstürzenden Wand. Am Bahnhof, nachdem der erste Zug nach Sofia schon weg war, trennten sie sich wieder.

Sie schrieben einander nicht. Gemeinsam konnten sie ihrer Zukunft nicht nützen, waren wie Schlamm und hartes Brot, durstige Spatzen im ausgetrockneten Abendrot. Doch als in dem riesigen Nussbaum die Glut aufschien, als die Sauerkirschen reiften und die Tage grünten, war wieder Juli. Als erste kam Sima, später Simeon. Sie redeten nicht viel, die Hitze brach über sie herein, ihre Häute wuchsen zusammen, das Gras ertrank in ihrem Blut, und nur die Kirschbäume wussten noch, dass die beiden einmal daran gedacht hatten, sich zu trennen, reich und berühmt hatten werden wollen. Unter ihren Zehen fing der Fluss wieder an zu fließen. Vielleicht kehrten sie deshalb zurück auf den verlassenen Hof, wo nichts mehr zu klauen war, außer vielleicht die Wildhasen, die abends hier durchhoppelten, doch insgesamt geriet der Juli so absurd und dämlich, dass Sima und Simeon den Sommer darin nicht sahen.

Als erster brach Simeon wieder auf – sein Wille war eisern, ließ Sima im Stich; wenn er Geld hatte, was selten vorkam bei ihm, ließ er es bis auf die letzte Stotinka neben ihrem Kopf liegen. Das stand im völligen, beängstigenden Widerspruch zu seinen sonstigen Ansichten vom Leben – dass du eine Frau knacken musst wie eine Kakerlake, damit sie dich respektiert, und nicht etwa alles hingeben, was du hast. Sima war eben eine besondere Art Frau mit dem einsamen Weihnachten im Blick, den ausgetrockneten Badestellen im Blut, ganz wie bei ihm. Es kam auch einmal vor, dass Sima als erste ging, und wie Simeon kratzte sie zusammen, was sie an Leva hatte – aber wo sollte eine Kellnerin aus dem Café Paradise, die Ökonomie studiert, Geld herhaben? Aber sie kratzte zusammen, was sie hatte, auch was sie nicht hatte, nur geborgt, und hinterließ es Simeon. Dabei sah sie ihn nicht an, weil sie sonst nicht hätte gehen können, warf ihm das Geld und das Weihnachten neben die Stirn, rannte wie besengt zum Busbahnhof, wo nur ein einziger Bus pro Tag abfuhr.

Beide wollte sie diese Glut vergessen, den Nussbaum, den Fluss, die Margarinenbrote und Simeons Mutter, die bestimmt schon zu Gras geworden war. Sie vergaßen sie auch, aber kaum dass der Juli da war, tauchten sie wieder auf – er zuerst, was seinen Lebensansichten zutiefst widersprach. Manchmal kam auch Sima als erste. Sie sprachen sich nie ab.

Dabei brach in dieser Stadt nicht weniger als zweiundneunzig Mal im Jahr der Juli an.

Als er sie zum dreiundneunzigsten Mal wiedersah, war alles ringsum Juli. Nur an den Juliabenden fließt das Blut zu den Sternen ab. Der Nussbaum verdorrte vor seinen Augen, die Bänke und die alten Krähen flatterten schwarz durch die schreckliche Luft. Simeon presste seine gierige Haut nicht an die ihre, er sagte:

„Ich heirate übermorgen.“

Das Mädchen war angeblich sehr intelligent. Ihr Vater ausgesprochen weise und sehr einflussreich. Die Mutter sollte vernünftig sein, im Besitz einer Margarinefabrik, einer Ladenkette in Sofia, diverser Beraterfirmen, eines Transport- und Logistikunternehmens, eines Lagerzentrums; alles Mögliche in Sofia besaß diese Frau, sogar die Sandwichautomaten in der Metro und ein Windpark gehörten ihr. Die Hälfte des Vermögens war auf den Namen seiner künftigen Frau eingetragen.

„Gratuliere“, sagte Sima. „Freut mich für dich.“

„Und was wird mit dir?“, fragte er, und in diesem Moment brach wer weiß woher der Juli herein: ein düsterer, rostiger, von der Hitze zerkochter Juli, wie ein Sandwich aus dem Metroautomaten.

Die Liebe geriet ebenso düster, rostig, zerkocht, und Sima fragte sich, ob ihr Körper ein verdorrter Nussbaum war. Wobei in dieser von den Menschen vergessenen Stadt nichts in Ruhe verdorren durfte, weil die Nachbarn jedes Stück Totholz abschnitten für den Ofen im Winter.

„Ich komm schon zurecht“, sagte Sima, der Himmel geriet durcheinander, es wurde Juli trotz dem Schreck unter beider Haut, aber das war kein Juli, das war schwarze Katze, weißer Kater und die Spedition einer vernünftigen Frau, der alle Sandwichs in der Sofioter Metro gehörten.

Morgens – es war immer morgens, wenn nicht mittags oder kurz nach Mitternacht – erwachte Sima zuerst, leerte alle Taschen, die sie als Kellnerin im Café Paradise hatte, und hinterließ das Geld neben Simeons Hand. Dabei sah sie ihn selbstredend nicht an, sonst wäre sie ja nie von diesem wilden Hof, dem ausgetrockneten Himmel, dem Städtchen losgekommen. Irgendeine Staubwolke fing in der Nähe an zu kreiseln, hungrige Windmühle, aber bald war der Wind wieder weg, der Sommer zu Ende und Sima gegangen.

Bald darauf war wieder Juli, obwohl die Leute gerade Mariä Geburt feierten. Es war heiß – so glühend heiß, dass der Himmel auslief und auf die Steine zufloss. Simeon machte, dass er auf den Hof kam, und natürlich fand er sie dort vor wie üblich.

„Ich hab geheiratet“, sagte Sima. „Er ist sehr einflussreich, intelligent, besitzt eine Reihe Wechselstuben, zwei Cafés im Zentrum von Sofia, seine Mutter ist so alt wie die Drachen in den Volksmärchen und respektiert mich, der Vater erhält trotz seines Alters astronomische Honorare für den juristischen Ratschlag.“

„Freut mich“, war Simeons Kommentar. Die Sonne fiel in die verwahrloste Wiese, die eingestürzte Mauer entzündete sich selbst, und die Margarine, die sie beide zusammen gegessen hatten, floß ab als trüber, blutiger, gieriger goldener Strom. Bestimmt war ihre Mutter in Barcelona, der Vater sonstwo, Simeons Mutter schaute von oben zu. Ein Juli geschah. Zwei Kinder hielten einander fest bei den Händen, nichts hätte sie trennen können im wärmsten aller Sommer, der währte einen ganzen Kosmos von Zeit.

„Ich liebe dich“, murmelte Simeon, aber so etwas sollte man überhaupt nicht sagen. Er zog einen Haufen Geld aus der Tasche, war schon ein reicher junger Mann. Aber was fing man an mit dem Geld in dieser herrlichen Hitze?

„Du hast ja keine Ahnung“, flüsterte Sima. „Juli wird nicht ohne dich.“

Hunger

Teo sah ihr zu. Und je länger er das tat, desto mehr zweifelte er, ob sie noch alle beisammen hatte. Lang und dünn und aß doch ununterbrochen. Sie hieß Maria, Teufel noch mal – so ein schöner Name und so ein Riesenmund.

Sie arbeitete halbtags in der Bibliothek, danach mähte sie den Sofiotern mit einem alten, wie ein Maschinengewehr ratternden Elektrorasenmäher ihre Parzellen, putzte ihnen die Häuser, badete überall in der Stadt irgendwelche kranken Omas, dabei wollte sie angeblich in Sofia studieren – all das wusste Teo vom Hörensagen.

Bis vor zwei Wochen war alles noch anders gewesen. Sie war ihm aufgefallen mit einem Becher Kaffee in der Hand, wie sie einen Typen fixierte: so einen langen, dunklen, schlotterigen Kerl, der bei Teo arbeitete, Maschinen montierte, und dem immer irgendwas nicht passte – mal wars ihm zu staubig, mal zu warm. Teo ließ sich das nicht lange bieten und schmiss ihn raus.

Ihr großer Mund hatte ihn interessiert. Teo baute in Bresnik ein Farbenwerk auf, er hatte sie als Putzkraft für sein Büro angestellt. Es machte ihm Eindruck, wie flott sie arbeitete, ihre Arme leuchteten und flatterten ihm vor den Augen herum wie Neonreklamen. Er zahlte ihr absichtlich zu wenig, aber sie protestierte nicht, steckte das Geld ein, ohne nachzuzählen. Dann fragte sie, ohne einen Funken Respekt im Ton: „Kann ich den Sauerampfer rings um die Halle pflücken?“ – „Warum nicht“, erwiderte Teo, dem angenehm warm wurde bei dem Gedanken, etwas mit ihr anzufangen. „Kostet aber. Fünf Leva – nein, stimmt nicht: zehn.“

Sie würdigte ihn keines Blickes, gab sich nicht mal die Mühe zu sagen: leck mich, wandte sich ab, als wäre er gar nicht da, nein, schlimmer, als wäre er ein Haufen Hundedreck zu ihren Füßen. Und er war doch nicht irgendwer: Teo, dem schon das halbe Städtchen gehörte und alles Land, auf dem etwas wuchs, jetzt machte er dieses Farbenwerk auf und eine Spinnerei.

„Hau doch nicht gleich ab“, rief er ihr nach. Er wusste da noch nicht mal, wie sie hieß. Ihre Bluse fiel ihm auf, die sie in seinem Second-hand-Laden gekauft haben musste für einen halben Lev. Sie war ihr zu groß, aber der Rücken lebte – von einem kleinen Drachen, der in das unförmige Kleidungsstück hineingestickt war. Trotzdem, ihm den Rücken zuzukehren hatte bis dahin noch keiner gewagt.

„Ich wüsste nicht, dass wir uns duzen“, sprach ihr großer Mund, ohne sich umzudrehen. Jeder normale Mensch hätte einen Blick investiert – selbst bei einem Scheißhaufen, schon um nicht hineinzutreten. Sie aber zertrat seinen Schatten und ging; ihr Rücken – mit einem Drachen, der jetzt schon größer und bissiger aussah – schaukelte graziös davon in den Nebel.

Er sah sie später, grün eingesackt in einem dieser übergroßen Kleider aus seinem Second-hand-Shop, mit ihren erstaunlich dünnen, flinken Fingern das Grünzeug rupfen – Sauerampfer, vielleicht auch Brennnesseln – und sich in den Mund stopfen. Hockte da und malmte, der reinste Wiederkäuer.

Teo legte sich ein neues Hobby zu: Er stalkte sie. Sah sie aus der Bibliothek kommen in einem neuen Kleid aus seinem Laden, second or twenty second hand, zu eins fünfzig allerhöchstens; sah sie neben einer Mauer hocken, Nesseln rupfen und in ihren grünen Beutel stopfen, kauend. Rohe Brennesseln! Es verging eine Woche, der Ampfer nun anscheinend doch zu zäh, sie rupfte jetzt Rettichgrün und schlang es, später Melde, vielleicht noch irgendwelche anderen Kräuter, bis die ersten Erdbeeren reif wurden. Sie hatte jetzt nicht mehr den Beutel, sondern eine Stiege bei sich, schaufelte die Beeren mit der hohlen Hand – und zack. Ob sie womöglich auch die Blätter mitfraß?

Sie putzte bei faulen und kranken Leuten, bespaßte einsame alte Frauen auf dem Lande, grub Gärten um und befreite Beete vom Unkraut, säte Bohnen und pflanzte Paprika – zum Lohn bekam sie Erdbeeren statt Geld. Bei allem, was sie tat, ging ihr Blick unruhig umher. Als suchte sie wen oder was.

Dann fing die Kirschensaison an.

Jener Typ, der lange, schlotterige, war weg, wie vom Erdboden verschluckt. Teo befiel ein Verdacht: Seit der aus der Stadt war, sah er Maria sich mit diesem Grünzeug vollstopfen … Ach was. Blödsinn.

Teo besaß drei Kirschplantagen, er hatte sie erworben für einen Apfel und ein Ei und hohe Mauern darum gezogen, die inzwischen mit Melde überwuchert waren. Die die mit den ausgebleichten Kleidern weiterhin in sich hineinfraß, rund um die Uhr.