Mäuse-Mina und der Drachenzauberer - M.C. Hermann - E-Book

Mäuse-Mina und der Drachenzauberer E-Book

M.C. Hermann

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Beschreibung

Mäuse-Mina lebt im Keller eines Hauses, das am Ende einer langen Straße steht. Adoptiert von einer Mäusefamilie, ist sie ganz zufrieden mit ihrem Leben bis ein alter Mann im Haus auftaucht. Mäuse-Mina ist sicher, dass er böse ist, und bald bestätigt sich ihr Urteil: Der alte Mann spuckt Feuer, stellt Mausefallen auf und scheint auch sonst finstere Pläne zu hegen. Auf der Flucht vor ihm stolpert Mäuse-Mina unfreiwillig durch Tore in ihrem Haus und gerät in andere Welten, in denen sie Drachen, Hexen und weiteren seltsamen Wesen begegnet. Bald stellt sich heraus, dass sie und ihre Freunde nur dann eine Chance haben, den bösen Zauberer zu vertreiben, wenn sie sein Herz finden, das irgendwo in einer der Welten versteckt ist ...

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2015

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M.C. Hermann

Mäuse-Mina und der Drachenzauberer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

In dem Augenblick, in dem Mäuse-Mina den alten Mann zum ersten Mal sah, wusste sie, dass die Dinge im Haus sich ändern würden. Er sah nicht aus wie irgendein alter Mann, und sie spürte, dass er böse war. Eisig pfiff der Wind durch den Spalt der Kellertür, hinter der sie sich verbarg, und durch sämtliche Löcher in ihrem abgetragenem alten Mantel, sodass sie schauderte. Aber es kam nicht nur von der Kälte.

Der alte Mann schlurfte durchs Treppenhaus. Dünne, grauweiße Haare krochen wie durchsichtige Würmer über den Kragen seines langen, grauen Mantels, der sonderbar schuppig wirkte, als wäre er aus Krokodilleder gemacht. Kurz konnte Mäuse-Mina seine Augen sehen und wäre vor Schreck fast zurückgeprallt. Sie waren gelb und sahen aus, als wären sie aus den Splittern zerbrochener Flaschenböden zusammengesetzt. Und sie glitzerten auf verwirrende Weise, als spränge das Licht, das auf sie traf, von einem Splitter zum anderen. Mäuse-Mina hatte noch nie solche Augen gesehen. Sie sahen böse aus. Auf kalte, grausame, gelbe Art böse.

Wo war der alte Mann hergekommen? Er war einfach im Haus aufgetaucht. In dem Haus, das Mäuse-Mina als ihres betrachtete. Sie war wütend.

Und sie hatte Angst.

Einige Tage später stand sie an der Hinterseite des Hauses auf der Kellertreppe und beobachtete, wie vier oder fünf Elstern ein Eichhörnchen durch den verwilderten Garten jagten. Vielleicht war der Nager um die Gelege der Vögel herumgeschlichen und erwischt worden. Sie waren wirklich hinter ihm her, verfolgten ihn übers Gras, immer nur knapp einen Meter hinter ihm, versuchten ihm den Weg abzuschneiden, und als er einen Baumstamm hinaufhuschte, griffen sie ihn auch da von allen Seiten an. Mäuse-Mina drückte dem kleinen Kerl die Daumen. Eierdieb oder nicht, fünf gegen einen war gemein.

Die Elstern griffen in Geschwaderform an. Mit ihren schwarzen Rümpfen und den weißen Flügeln sahen sie aus wie Jagdflugzeuge aus Metall. Gnadenlos.

Mäuse-Mina hörte über sich jemanden lachen. Schnell duckte sie sich in den Rahmen der Kellertür und schaute hoch. Der alte Mann lehnte sich aus einem Fenster im dritten Stock und beobachtete die Jagdszenen. Immer wenn es so aussah, als ob es dem Eichhörnchen an den Kragen ginge, kicherte er vergnügt und klatschte in die Hände. Als es dem armen Tierchen schließlich gelang, sich im Unterholz einiger Sträucher in Sicherheit zu bringen, schlug der alte Mann enttäuscht die Fäuste aufs Fensterbrett. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Wut und Hass.

Mäuse-Mina hatte keinen Zweifel.

Er war böse.

Das Haus, in dem Mäuse-Mina wohnte, stand am Ende einer langen Straße, ganz am Ende, wo niemand mehr so genau hinsah und keiner sich darum kümmerte, was dort vorging. Sie war sicher, es gehörte nicht mehr so richtig dazu und war aus den Gedanken der Menschen herausgerutscht. Die Ziegel der Wände waren verwittert und bröckelig, die Fenster staubig und hier und da fehlten ein paar Dachschindeln.

Schon kurz nach ihrem Einzug hatte Mäuse-Mina gemerkt, dass dieses Haus nicht geheuer war. In den vier Jahren, in denen sie hier lebte, schienen sich die Gänge des Kellers, wo sie ihr Lager hatte, verdoppelt zu haben. Und sie waren lang. Sie hatte nie den Mut gehabt, ihnen länger als zehn Minuten zu folgen. Es war, als streckte das Haus seine Fühler immer weiter in ein seltsames Nirgendwo aus.

Natürlich hatte Mäuse-Mina sich davon überzeugt, dass alle Wohnungen leer standen, bevor sie sich im Keller niederließ, und dort wohnte sie nun seit ihre Eltern sie davongejagt hatten. Eigentlich hatten ihre Eltern sie nicht wirklich davongejagt, wie sie sich manchmal eingestand, aber sie hatten einfach zu viele Kinder gehabt und zu wenig Geld. Mäuse-Mina erinnerte sich an den ständigen Hunger. Und an die Schläge. Eines Tages, kurz nach ihrem siebten Geburtstag, war sie einfach davongegangen, und niemand hatte versucht, sie aufzuhalten.

Ohne lange suchen zu müssen, fand sie das Haus am Ende der langen Straße. Sie hatte sich gefühlt, als wäre sie auch ein bisschen aus den Gedanken der Menschen herausgerutscht, und manchmal dachte sie, das Haus hätte sie gefunden und nicht umgekehrt.

Ohne große Umstände war sie von einer siebenköpfigen Mäusefamilie, die im Keller lebte, adoptiert worden. Die Mäuse versorgten das neue Familienmitglied bereitwillig mit Essen und schleppten Käsestückchen, Brotrinden und Wurstzipfel aus der ganzen Gegend heran. Sie fanden immer etwas, auch wenn es manchmal nicht viel war und einiges davon schimmlig. Mäuse-Mina lernte, mit wenig auszukommen. Außerdem lernte sie die Sprache der Mäuse. Es war eine piepsige Sprache, und es kostete sie einige Mühe, aber nach einem Jahr konnte sie sich fließend mit ihrer neuen Familie unterhalten.

Wenn sie sich manchmal in den weniger staubigen Fensterscheiben der Wohnungen gespiegelt sah, fand sie, dass sie inzwischen selbst fast wie eine Maus aussah. Ihre Haare fielen in dünnen, braunen Strähnen unter einer grauen Wollkappe heraus, und dazwischen streckte sich eine spitze Nase hervor. Tagaus tagein trug sie über T-Shirt und Hose einen braunen Mantel, den sie in einem alten Koffer im Keller gefunden hatte. Wenn sie darauf achtete, von Schatten zu Schatten zu huschen, war es schwierig, sie überhaupt zu entdecken, und darauf war sie besonders stolz. Sie hütete sich, von Erwachsenen gesehen zu werden, denn sie hatte nicht die geringste Lust, in einem Heim zu landen oder bei irgendeiner doofen Familie. Die Mäusefamilie reichte ihr völlig. Und sie hatte auch keine Lust, zur Schule zu gehen, obwohl gleich nebenan eine stand, nur ein verwildertes, abschüssiges, von Unkraut und Sträuchern überwuchertes Rasenstück und einen Maschendrahtzaun entfernt. In den frühen Morgenstunden schlich sie durch einen Gang im Keller, den die Mäuse ihr gezeigt hatten, zu dieser Schule hinüber, um sich und ihre Sachen dort zu waschen - gelegentlich jedenfalls - und um Plastikflaschen mit Trinkwasser zu füllen. Ansonsten aber mied sie die Schule wie die Pest.

Es war ein altes Gemäuer, aus dunkelroten Ziegeln erbaut, und roch nach Holzbänken und Tinte. In den langen düsteren Gänge verirrte sich Mäuse-Mina manchmal, vor allem im Winter, und wenn dann der Hausmeister auftauchte und die Lichter anmachte, gelang es ihr oft nur gerade so eben, im Keller zu verschwinden, bevor die Schulkinder eintrafen.

Alle kannten sie. Von ihnen hatte sie auch ihren Namen bekommen. Manchmal, wenn sie mit ihrer Mäusefamilie durch den Garten ging, kamen die Kinder in die Ecke des Pausenhofs gelaufen, die dem Haus am Ende der Straße gegenüberlag, standen am Zaun und piepsten und lachten und riefen „Mäuse-Mina! Mäuse-Mina!“

Es machte ihr nichts aus. Sie mochte den Namen. Ihren richtigen Namen hatte sie verloren, als sie unterwegs gewesen war. Sie hatte nicht besonders darauf achtgegeben.

Die Kinder verrieten sie nie. Mäuse-Mina nahm an, sie vergaßen sie in dem Moment, in dem sie das Haus betrat, das aus den Gedanken der Menschen herausgerutscht war, und sie war froh darüber.

Alles in allem mochte Mäuse-Mina ihr Leben im dem Haus am Ende der langen Straße, hinter dem es nur Ödland, verlassene Fabriken und einen Kanal gab, und hätte es gegen kein anderes eintauschen wollen.

Bis zu dem Moment, in dem der alte Mann auftauchte.

Man hätte glauben können, er wäre in eine der Wohnungen im dritten Stock eingezogen. Er hatte sogar ein Namensschild an die Tür gehängt. Aber Mäuse-Mina ahnte, dass er nicht von außen in das Haus gekommen war. Das hätten sie und die Mäuse gemerkt. Und in einem Haus wie diesem wurden keine Wohnungen vermietet. Es gab keine funktionierende Heizung und kein fließendes Wasser, geschweige denn Strom. Wer hier wohnte, hatte Grund sich zu verstecken.

Mäuse-Mina hätte nichts dagegen gehabt, ihr Haus mit jemandem zu teilen. Sie war nicht wild darauf, aber sie wusste aus eigener Erfahrung, dass man manchmal eben so ein Haus brauchte. Aber wenn sie an die Augen des alten Mannes dachte, wollte sie ums Verrecken nicht von ihm bemerkt werden.

Wer war er? Was wollte er hier? Was würde er tun, wenn er merkte, dass sie hier wohnte?

Ihr erster Gedanke war, das Haus zu verlassen.

Weg hier! Bevor er mich bemerkt.

Aber wo sollte sie hin? Häuser wie dieses gab es nicht viele. Und dann war da noch ihre Mäusefamilie. Sie konnte sie nicht einfach so verlassen wie ihre Eltern damals, denen es egal gewesen war.

„Ist vielleicht gar nicht so schlimm“, sagte sie sich. „Vielleicht ist er wirklich nur ein alter Mann, der kein Geld hat.“

Aber sie versuchte vergeblich, sich etwas vorzumachen. Sie wusste, dass sich die Dinge in diesem Haus ändern würden. Und sie war alles andere als glücklich darüber.

2

Eine Woche nachdem der alte Mann aufgetaucht war, zog ein seltsamer Geruch durch das Haus. Nicht unangenehm, sondern süß und würzig. Mäuse-Mina hatte keine Ahnung, worum es sich handelte, aber es roch lecker, und sie verspürte einen kaum bezähmbaren Appetit auf das, was den Geruch verursachte.

Was trieb der alte Mann da oben in seiner Wohnung?

Schon jetzt hatte sich ihr Leben erheblich verändert. Jeder Schritt musste sorgfältig bedacht werden. Sie mied das Treppenhaus und wagte sich nur noch im Dunkeln ins Freie. Von der Schule aus sah sie, dass die Fenster der Wohnung im dritten Stock mit schwarzen Tüchern verhängt waren. Kein Licht drang heraus, aber der Holzboden knarrte die ganze Nacht so laut, dass es bis in den Keller zu hören war. Der alte Mann schien niemals zu schlafen.

Mäuse-Minas Gedanken kreisten den ganzen Tag um den neuen Hausbewohner. Sie merkte, dass es keinen Sinn hatte, sich nur zu verstecken. Sie musste mehr über den Alten herausfinden.

Eines Abends trommelte sie die Mäusefamilie, die ihre Besorgnis teilte, zusammen und beriet sich mit ihr.

„Ich glaube, er ist gefährlich”, sagte sie. „Wir müssen wissen, warum er hier ist und was er hier macht.”

„Am besten, wir spionieren ihn aus”, sagte der Mäusevater. „Das ganze Haus ist voller Mäuselöcher. Wir werden sie alle besetzen und ihn beobachten.”

„Gut”, sagte Mäuse-Mina. „Aber seid vorsichtig. Lasst euch ja nicht sehen. Er darf auf keinen Fall erfahren, dass er nicht allein ist im Haus.”

Die sieben Mäuse nickten ernst. Man beschloss, sich am Morgen zu treffen, um Bericht zu erstatten.

Es wurde eine schlaflose Nacht für Mäuse-Mina. Sorgen und Vorwürfe wechselten sich ab. Sie hatte ihre Familie durch diese Spionagemission in Gefahr gebracht, aber was sollte sie sonst tun? Der alte Mann war unheimlich. Vielleicht hatte er etwas vor, das sie alle ins Verderben stürzen würde.

Am Morgen versammelte sich die Mäusefamilie - vollzählig, wie Mäuse-Mina erleichtert feststellte - in der Kellernische, in der sich das Lager des Mädchens befand. Sie stellten sich im Halbkreis um den Haufen aus verschimmelten Decken auf und machten betretene Gesichter.

„Was ist?”, fragte Mäuse-Mina ungeduldig. „Was habt ihr gesehen?”

„Die Lage ist ernst”, sagte der Mäusevater. „Ich habe das Unheil gesehen.”

„Ich auch”, sagte die Mäusemutter. „Der alte Mann hat Mausefallen aufgestellt.”

Die ganze Familie stöhnte entsetzt und schauderte.

„Seit Mäusegedenken hat es in diesem Haus keine Mausefallen mehr gegeben”, sagte der Vater. „Der Urgroßvater meines Großvaters war der Letzte, der eine gesehen hat. Schlimme Geschichten hat er erzählt, und sie wurden weitergegeben und weitergegeben, damit keine Maus jemals vergisst, was für schreckliche Gefahren es in der Welt gibt.”

„Ach, lass doch diese alten Geschichten”, sagte Müriel, die älteste Tochter, mürrisch. „Wir alle wissen, was Mausefallen sind und was sie tun können.”

Müriel war meistens schlecht gelaunt. Sie war ein bisschen altjüngferlich und etepetete. Beklagte sich immer darüber, dass Mäuse aus guten Familien niemals in ein Haus wie das ihre kämen. „Wie soll ich einen Mann finden?”, fragte sie oft säuerlich. „Ich werde noch eine Kanalratte heiraten müssen.” Und dann schüttelte sie sich vor Grauen und seufzte melancholisch.

„Was tun sie denn eigentlich, diese Mausefallen?”, fragte Miller, der älteste Sohn, ein etwas traniger Bursche. „Sind sie wirklich so gefährlich wie immer behauptet wird?”

Die Familie stöhnte.

„Miller, Miller!”, sagte der Mäusevater tadelnd. „Du solltest dich wirklich mehr mit Geschichte und Kultur deiner Art beschäftigen, anstatt den ganzen Tag nur vor dich hin zu schnüffeln und ans Fressen zu denken. Wenn du in eine Mausefalle gerätst, bist du verloren. Die Menschen packen leckeren Käse hinein. Du willst ihn dir holen, und ehe du dich versiehst, schnappt die Falle zu. Das schwere Eisen klappt runter, und deine Rübe ist ab.”

Miller starrte ihn mit offenem Mund an. „Aber dann wär ich ja tot!”, rief er entgeistert.

Die Familie stöhnte wieder.

„Ja, Miller, dann wärst du tot”, sagte der Mäusevater entnervt. „Deshalb sind die Drecksdinger ja so gefährlich. Also mach einen Bogen um sie. So weit wie es geht.”

Miller versank in betroffenes Schweigen.

„Wo hat er die Fallen aufgestellt?”, fragte Mäuse-Mina.

„Überall in seiner Wohnung”, sagte der Mäusevater.

„Und im dritten Stock des Treppenhauses”, meldete sich Halbschwanz, der zweitälteste Sohn zu Wort. Er hieß so, seit ihm eine Katze die Hälfte seines Schwanzes abgebissen hatte. Wenn man ihm glauben durfte - und er redete gern und oft darüber, wie Mäuse-Mina aus leidvoller Erfahrung wusste -, war es ein harter, um nicht zu sagen verbissener Kampf gewesen, und er bildete sich viel auf seine Kriegsverletzung ein.

„Vor jedem Mauseloch steht eine”, sagte er. „Deshalb konnten wir ihn nicht auskundschaften. Der Kerl hat sich total abgesichert. Klare Sache. Der hat was zu verbergen.”

„Schlaumeier!”, sagte Mintz, die zweitälteste Tochter. Sie war eine ziemlich kecke Mäusin. „Wie bist du darauf nur gekommen?” Sie kicherte spöttisch.

Halbschwanz piepste ärgerlich vor sich hin. Er sah sich als tapferen Mäusekrieger und mochte es nicht, wenn man ihn auf den Arm nahm.

„Reg dich ab”, sagte Mintz. „Es stimmt, er hat alle Löcher mit seinen blöden Fallen verbarrikadiert, aber es gibt noch andere Möglichkeiten, seine Wohnung zu beobachten.”

„Hast du was rausbekommen?”, fragte Mäuse-Mina gespannt.

„Nun”, sagte Mintz lässig, „ich glaube, wo der Kerl herkommt, gibt es keine Häuser mit Zentralheizung. Die Rohre der Heizkörper in seiner Wohnung sind alle durchgerostet. Viele schöne Löcher zum Rausgucken. Offenbar ist er gar nicht auf die Idee gekommen, sich dort abzusichern. Der hat keine Ahnung, was die Dinger darstellen sollen.” Sie lachte selbstzufrieden.

Mäuse-Mina überlegte. Das war ein wichtiger Hinweis. Wo immer der alte Mann herkam, hier jedenfalls schien er sich nicht richtig auszukennen.

„Willst du etwa behaupten, du bist durch die Ofenrohre gekrochen?”, fragte Miller ungläubig. „Die sind doch viel zu eng!”

„Für dich vielleicht”, sagte Mintz mit einer Spur Gehässigkeit. „Aber ich bin eben nicht so eine dicke Maus wie du.” Sie konnte manchmal sehr boshaft sein.

„Ja ja, niemand ist so schlank und schön wie du, Mintz”, sagte Müriel und verdrehte verächtlich die Augen. „Aber nun sag schon, was du gesehen hast.”

„Falls du etwas gesehen hast”, sagte Miller beleidigt.

„Er hat mitten im Wohnzimmer etwas gebaut”, sagte Mintz triumphierend. „Aus Steinen. Und es hängt ein Kessel darüber, in dem er irgendwas kocht.”

„Eine Feuerstelle?”. fragte Mäuse-Mina erstaunt. „Er hat eine Feuerstelle gebaut?”

Mintz nickte und putzte sich mit den Pfoten die Barthaare. Sie war sehr eitel. „Da ist Feuer zwischen den Steinen. Es kommt Dampf aus dem Kessel. Und dieser leckere Geruch.”

„Das ist aber nicht ungefährlich”, sagte die Mäusemutter besorgt. „Offenes Feuer im Haus! Der spinnt wohl.”

Mäuse-Mina zuckte mit den Schultern. „Der Herd funktioniert mit Strom, und den gibt es hier nicht.”

„Wahrscheinlich weiß er gar nicht, was ein Herd ist”, sagte Mintz verächtlich.

„Was ist denn ein Herd?”, fragte Miller.

Die Familie stöhnte.

„Das Ding, wo man Töpfe drauf stellt, um Essen in ihnen warm zu machen”, sagte der Mäusevater.

„Ach so”, sagte Miller. „Na gut. Obwohl ich keine Ahnung habe, wozu das gut sein soll. Unser Essen ist doch auch nie warm.”

„Die Menschen sind da anders”, sagte die Mäusemutter. „Sie mögen es, wenn ihr Essen richtig heiß ist. Trotzdem, das mit dem Feuer gefällt mir nicht. Wie leicht kann da was passieren, und mir nichts dir nichts brennt unser Haus ab.”

„Das will er wohl mit den Steinen verhindern”, sagte Mäuse-Mina. Sie erinnerte sich dunkel an ein Bild in einem Buch. „An solchen Feuerstellen hat man früher das Essen warm gemacht, als es noch keinen Strom und keinen Herd gegeben hat.”

Kam der alte Mann aus der Vergangenheit und kannte sich deshalb nicht aus? Vielleicht hatte er hundert Jahre geschlafen. Oder tausend. Vielleicht hatte man ihn verzaubert, weil er böse und gefährlich war, und nun war er entkommen. Der Gedanke beunruhigte sie. Sie zupfte nachdenklich an den Wollfäden, die aus ihrer Kappe heraushingen.

„Wie hat er das Feuer angemacht?”, fragte sie. „Hast du das gesehen?”

„Ach ja, das ist das Tollste!”, rief Mintz. „Das hätte ich fast vergessen.” Sie schaute mit dramatischem Blick in die Runde. „Der alte Kerl spuckt Feuer!”

„Was?”, riefen die anderen wie aus einem Mund.

Mintz nickte aufgeregt, und ihr Schwanz kringelte sich nervös. „Er speit Feuer! Aus seinem Mund. Ich hab´s gesehen. Er hat ihn aufgemacht, und es kam ein Feuerstrahl heraus. Irgendwie grünlich. Mit viel Rauch. Es klang, als ob eine Katze faucht. Widerlich! Der Feuerstrahl ging zwischen die Steine, und kurz darauf fing´s im Kessel an zu brodeln.”

Mäuse-Mina schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein. Niemand spuckt Feuer. So was gibt es gar nicht.“

„Genau!”, rief Halbschwanz. „Der würde doch verbrennen, wenn da Feuer in ihm drin wäre. Du spinnst, Mintz! Willst uns ´nen Bären aufbinden, weil du als Einzige was gesehen hast.” Er lachte sarkastisch, offensichtlich erfreut, sich für den Spott revanchieren zu können, mit dem seine Schwester ihn vorhin bedacht hatte.

„Ich spinn überhaupt nicht!”, rief Mintz hitzig. „Und wohl hab ich das gesehen! Kriech doch selber durch ein Ofenrohr und kuck´s dir an, du Blödmann! Dann wirste schon sehen!”

„Kinder! Kinder!”, sagte die Mäusemutter besänftigend. „Vertragt euch! Das ist eine wichtige Angelegenheit. Wir müssen alles ganz genau wissen.”

„So ist es”, sagte der Mäusevater. „Also, Mintz, bist du ganz sicher, dass du gesehen hast, wie der alte Mann Feuer spuckt?”

Mintz nickte würdevoll.

„Vielleicht hat er ein Gerät gehabt, aus dem ein Feuerstrahl kam”, meinte Mäuse-Mina. „Und du hast nur gedacht, er käme aus seinem Mund.”

„Nee!”, sagte Mintz ärgerlich. „Ich hab´s genau gesehen. Das Feuer kam aus seinem Mund.”

Mäuse-Mina schwieg nachdenklich. Es war nicht so, dass Mintz eine notorische Lügnerin gewesen wäre, aber sie stand gerne im Mittelpunkt des Interesses, und manchmal schoss sie ein bisschen über das Ziel hinaus.

„Mal angenommen, du hättest Recht, Mintz”, sagte der Mäusevater, „was würde das bedeuten?” Er sah Mäuse-Mina fragend an.

Sie zuckte mit den Schultern. „Nur Drachen spucken Feuer.”

„Was sind denn Drachen?”, fragte Miller.

Die Familie stöhnte nicht.

„Ja, was sind denn Drachen?”, fragte der Mäusevater.

„So was Ähnliches wie große Schlangen, aber mit Beinen und Flügeln.” Mäuse-Mina dachte angestrengt nach. Sie erinnerte sich vage an Filme, die sie gesehen hatte, als sie noch bei ihrer Menschenfamilie lebte. „Sie spucken Feuer und sind ziemlich gefährlich. Aber ich glaube, es gibt sie nur in Geschichten. Vielleicht hat es sie vor langer Zeit gegeben. Keine Ahnung.”

„Große Schlangen mit Flügeln?”, fragte Halbschwanz. „Das würd ich gern mal sehen.”

„Gib nicht so an, Halbschwanz”, sagte Müriel. „So ein Drachendings würde dich vermutlich aus Versehen rösten, wenn es niest.”

Mintz lachte beifällig. „Oder unter einem Fuß zerquetschen, wenn es landet.”

„Ihr seid so doof!”, schrie Halbschwanz. Er hatte sich schon oft bei Mäuse-Mina darüber beklagt, dass es Schwestern gab. Mäuseschwestern, wie er immer eilig hinzufügte.

„Wenn ich das richtig verstanden habe”, sagte der Mäusevater, „kann der alte Mann kein Drache sein, ob es sie nun gibt oder nicht, da er ein Mensch ist und keine Schlange mit Flügeln. Wieso kann er trotzdem Feuer spucken?”

„Wenn das überhaupt stimmt”, warf Halbschwanz mürrisch ein.

„Genau”, sagte Miller, der im Zweifelsfall immer zu seinem Bruder hielt.

„Ich weiß es nicht”, sagte Mäuse-Mina. „Das müssen wir noch rausfinden. Wenn es wirklich stimmt, wär das sehr sonderbar und ein Grund mehr, auf der Hut zu sein. Hast du feststellen können, was er da in seinem Kessel kocht, Mintz?”

Die Mäusin schüttelte den Kopf. „Nee, leider nicht. Ich weiß nur, wie es riecht, aber das wissen wir ja alle.”

„Ich weiß, was er da kocht”, sagte Zwick. Er war der jüngste Spross der Familie und hatte sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet.

„Du?”, fragte Mintz spöttisch. „Woher willst du das wissen?”

„Ich pass noch besser durch die Ofenrohre als du”, sagte Zwick, „und ich kann nicht nur durch die Löcher kucken, sondern auch rauskrabbeln.”

„Du bist in der Wohnung des alten Mannes gewesen?”, fragte Mäuse-Mina.

„Was fällt dir ein, Zwick?”, rief die Mäusemutter. „Hast du nicht an die Fallen gedacht?”

„Doch, hab ich”, sagte Zwick lässig. „Und ich hab einen großen Bogen um sie gemacht. Zuerst hab ich nur beobachtet, wie Mintz. Der alte Mann hat in seinem Kessel gerührt und gerührt, und dann hat er was von dem Zeug da drinnen mit einer Kelle ausgeschöpft, gewartet, bis es abkühlt, und dann hat er es zwischen den Händen gerieben, bis eine Stange draus geworden ist. Eine bräunliche Stange. Er hat sie sich angekuckt und dann hat er Feuer auf die Stange gespuckt. Danach war sie schwarz. Mintz hat Recht, wisst ihr? Er spuckt tatsächlich Feuer.”

„Da habt ihr´s!”, rief Mintz triumphierend.

„Ist die Stange verbrannt?”, fragte Müriel.

„Nee”, sagte Zwick. „Sie ist irgendwie hart geworden. Er hat sie in eine Tüte gesteckt, die aussah, als ob schon viele Stangen drin wären. Dann hat er wieder von vorne angefangen und eine neue Stange gemacht. Ich hab gewartet, dass er mal abhaut, weil ich wissen wollte, was das für Stangen sind.”

„Zwick!”, rief seine Mutter entsetzt.

„Schließlich ist er in ein anderes Zimmer gegangen”, fuhr Zwick ungerührt fort. „Und blieb ziemlich lange weg. War überhaupt nichts zu hören. Ich dachte, der pennt bestimmt. Bin aus dem Ofenrohr raus und rüber zu der Tüte. Blitzschnell. Hab ´n Loch reingenagt und mit den Zähnen ´n Stück von ´ner Stange abgebrochen.”

Er verschwand kurz in den Schatten des Kellergangs und kam dann wieder zurück. Dabei hatte er ein schwarzes längliches Stück, so groß wie das oberste Glied eines kleinen Fingers, in seinem Maul. Er ließ es fallen, und es rollte zwischen die anderen Familienmitglieder, verfolgt von neugierigen und misstrauischen Augen. Es war spiralenförmig gedreht, und auf vier Seiten zog sich eine dünne rote Linie durch das Schwarz.

„Was ist ´n das?”, fragte Miller.

Mäuse-Mina nahm das Stück auf und betrachtete es genau. Sie roch daran. Es war der Geruch, der seit Tagen durchs Haus zog, nur schwächer.

„Ich glaube, das ist Lakritze”, sagte sie.

„Lakritze?”, fragte der Mäusevater, ehe Miller etwas sagen konnte. „Was soll das sein?”

„Ich hab mal so was gegessen. Es schmeckt nicht schlecht, solange man nicht zu viel davon isst. Süß, aber auch ein bisschen bitter. Es wird aus Pflanzen, Zucker und Mehl gemacht.”

„Kann ich mal probieren?”, fragte Miller hoffnungsvoll.

Mäuse-Mina schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. Kommt mir nicht geheuer vor. Wieso macht der alte Mann da oben Lakritze in einem Kessel über einer Feuerstelle? Das ist verrückt. Man kann es überall im Supermarkt kaufen. Keiner macht es selbst.”

„Vielleicht will er es verkaufen”, sagte Müriel. „Ein Lakritzemacher, der durch die Gegend zieht und sich so sein Geld verdient.”

Mäuse-Mina zog die Nase kraus. „Hab noch nie von so einem Lakritzeverkäufer gehört. Ich glaube kaum, dass man davon leben kann. Und außerdem, wieso hat er Feuer drauf gespuckt?“

„Um sie fertig zu backen”, meinte Miller, der immer noch gierig auf das Stückchen Lakritze starrte.

„Diese roten Linien”, sagte Mäuse-Mina nachdenklich. „Was es damit wohl auf sich hat?”

„Vergessen wir nicht etwas?”, fragte Mintz. „Ich meine, der Typ spuckt Feuer! Wie ich euch vorhin schon gesagt habe. Aber mir glaubt ja keiner. Es ist immer noch ungeklärt, wieso er das kann, wenn er kein Drache ist.”

„Du hast Recht”, sagte Mäuse-Mina. „Das mit dem Feuerspucken ist ´ne merkwürdige Sache. Ich glaube, der alte Mann ist nicht von hier. Am besten wär´s, wir versuchten erst mal rauszufinden, woher er kommt.”

„Wie machen wir das?”, fragte Müriel.

„Frag ihn doch einfach”, sagte Halbschwanz zu Mäuse-Mina. „Ich würd´s tun.”

„Ja ja, der tapfere Halbschwanz”, spottete Mintz. „Kämpft gegen Katzen und Drachen, und alle fürchten sich vor ihm.”

„Klappe, Mintz!” Halbschwanz streckte ihr die Zunge raus. Diese Geste hatten sich die Familienmitglieder von Mäuse-Mina abgeschaut. Sie wirkte bei ihnen sehr eigenartig.

„Ich werd ihn ganz bestimmt nicht fragen”, sagte Mäuse-Mina grimmig. „Ich will auf keinen Fall, dass er auf uns aufmerksam wird.”

„Wie willst du es sonst rausfinden?”, fragte der Mäusevater.

„Das Namensschild!”, rief Mäuse-Mina. „Er hat doch ein Namensschild an seine Tür gehängt.”

Die Mäuse blickten skeptisch.

„Lasst mich nur machen”, sagte Mäuse-Mina.

3

Die folgenden Tage verbrachten Mäuse-Mina und ihre Familie damit, die Gewohnheiten des alten Mannes auszuspionieren. Man fand heraus, dass er jeden Vormittag um zehn aus dem Haus ging und um eins wieder zurückkam. Nachdem sich Mäuse-Mina von der Regelmäßigkeit dieses Vorgangs überzeugt hatte, schlich sie an einem grauen Morgen um halb elf durchs Treppenhaus nach oben, bewaffnet mit einem Blatt Pappkarton und einem Stückchen Kohle. Beides hatte sie im Keller gefunden.

Nach langem Grübeln darüber, wie sie den Namen des alten Mannes von seinem Namensschild herunter und in ihr Ohr hinein zwingen könnte, hatte sie sich schließlich einen Plan ausgedacht, der ihr etwas kompliziert, aber machbar erschien.

Verzagt stand sie vor der Tür der Wohnung im dritten Stock und lauschte einige Minuten bang ins Treppenhaus hinab, um sicherzugehen, dass der Alte sie nicht überraschen würde. Dann schaute sie sich die Zeichen auf dem Namensschild genau an und malte jedes einzelne sorgfältig mit Kohle auf der Pappe nach. Mehrmals verglich sie das Ergebnis mit dem Original, bis sie zufrieden feststellte, dass alle Striche und Bögen an den richtigen Stellen saßen. Ehrfürchtig faltete sie den Karton zusammen, ganz sorgfältig, um die Kohle nicht zu verschmieren. Es kam ihr vor, als hätte sie dem alten Mann durch Zauberkraft etwas gestohlen, und nun, da es in ihrem Besitz war, verschaffte es ihr ein wenig Macht über ihn. Sie überlegte kurz, ob er den Diebstahl bemerken könnte. Vielleicht sah man es den Zeichen an, wenn man sie abmalte und ihre Bedeutung mit sich davontrug. Vielleicht nutzten sie sich dadurch ein bisschen ab, und ihr Besitzer merkte es, wenn er genau hinsah.

Mäuse-Mina zuckte mit den Schultern. Das war ein Risiko, das sie eingehen musste.

Jetzt, da sie die Zeichen gestohlen hatte, wusste sie aber immer noch nicht, wie sie klangen, wenn man sie las und aussprach. Hier wurde ihr Plan ein wenig gefährlich, denn sie brauchte jemanden, der ihr die Zeichen auf dem Karton vorlas.

Sie hatte nicht viel Auswahl. Von der Kellertür auf der hinteren Seite des Hauses aus schaute sie hinüber zur Schule und wartete darauf, dass es zur Pause klingelte. Es war ein trüber Tag. Krähenwetter, nannte Mäuse-Mina es für sich, denn an solchen Tagen saßen die schwarzen Vögel überall mit eingezogenen Köpfen auf Zäunen und Ästen oder watschelten in Gruppen nachdenklich über den Rasen.

Endlich erklang das vertraute Klingeln, und die Kinder strömten auf den Schulhof. Es hatte keinen Zweck, sich einer Gruppe zu nähern. Man würde Radau machen, spotten, lachen und dadurch womöglich einen Lehrer herbeilocken. Mäuse-Mina musste ein einzelnes Schulkind erwischen und versuchen, möglichst unauffällig mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Zunächst wollte sich keine Gelegenheit ergeben. Die meisten Kinder standen in Grüppchen zusammen oder rannten umher oder rannten sogar in Grüppchen umher. Es gab Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Mädchen und Jungen. Boten wurden von den Grüppchen ausgeschickt, überbrachten Beleidigungen oder Herausforderungen und wurden mit Worten oder Taten in die Flucht getrieben und gejagt. Dann wurde unter höhnischem Gelächter gewartet, bis sich ein weiterer herantraute. Insgesamt war es ein lautstarkes Spektakel, und Mäuse-Mina, die das Treiben auf dem Schulhof noch nie so genau beobachtet hatte, fragte sich ungeduldig, wie sie ihr Ziel erreichen könnte. Schließlich klingelte es wieder und alle Kinder verschwanden schlagartig im Schulgebäude. Der Schulhof, eben noch Schauplatz ausgelassenen Trubels, lag verlassen und still da, als wäre alles nur ein Spuk gewesen.

„Das wird nichts”, sagte Mintz, die Mäuse-Mina begleitete, um ihr den Rücken zu stärken. „Du wirst auffallen, sobald du dich dem Zaun näherst.”

„Wir müssen eben Geduld haben”, sagte Mäuse-Mina, vor allem zu sich selbst, denn insgeheim teilte sie die Befürchtungen ihrer Mäuseschwester. „Manche Pausen sind länger. Dann werden sie vielleicht müde, bevor es wieder klingelt.”

In der nächsten Pause ging es zunächst genauso zu wie in der vorigen, doch zu Mäuse-Minas eigener Überraschung traf ihre Vorhersage ein. Das Treiben beruhigte sich nach einer Weile, die Gruppen entfernten sich voneinander und blieben für sich oder lösten sich auf. Manche der Kinder zogen sich zu zweit in eine Ecke zurück, vielleicht um mit dem engsten Freund oder der engsten Freundin Neuigkeiten oder Geheimnisse zu besprechen. Andere blieben allein, aßen ihr Pausenbrot oder starrten wie gebannt auf ihr Handy.

Mäuse-Mina beobachtete alles aufmerksam. In der Nähe der Ecke, die an das Rasenstück hinterm Haus grenzte, stand ein Junge an den Drahtzaun gelehnt. Die Schatten einer Fichte fielen auf sein Gesicht und verbargen seine Gedanken. Man konnte nicht sehen, ob er unbedingt allein sein wollte, aber Mäuse-Mina hatte keine Wahl. Die Pause würde bald zu Ende sein, und dies war vielleicht die beste Gelegenheit, die sich ihr bieten würde.

„Der da?”, fragte Mintz zweifelnd.

„Der da”, sagte Mäuse-Mina.

Mintz rümpfte zweifelnd die Nase. „Aber der hat rote Haare.”

„Na und?“

„Ich kannte mal eine Katze, die solche Haare hatte. Ein widerliches Mistvieh. Hätte mich fast gefressen.”

„Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen”, sagte Mäuse-Mina entschlossen und schlich unauffällig hinüber zum Zaun. Mintz folgte ihr durch das Gras, blieb aber einige Schritte hinter ihrer Adoptivschwester zurück.

Mäuse-Mina hockte sich in die Schatten der Fichte neben dem Zaun. Außer dem Jungen waren keine Kinder in unmittelbarer Nähe, und niemand achtete auf sie.

„He! Du da!”, rief sie leise.

Der Junge am Zaun blickte kurz zur Seite, ohne Mäuse-Mina zu entdecken.

„Du da! Mit den roten Haaren!”, rief Mäuse-Mina etwas energischer.

Der Junge löste sich vom Zaun und drehte sich um. Als er Mäuse-Mina im Gras sitzen sah, schaute er sich unsicher um.

„Ich?”, fragte er.

„Ja. Komm mal her!”

„Warum?”, fragte der Junge misstrauisch.

„Ich will dich was fragen. Keine Sorge, ich tu dir nichts.”

„Pah!”, machte der Junge verächtlich. „Meinst du, ich hab Angst vor dir, Mäuse-Mina?”

„Na, dann komm doch her.”

„Was willst du denn?” Zögernd ging er zu der Stelle, wo Mäuse-Mina saß.

Sie reichte ihren Karton über den Zaun. „Kannst du mir vorlesen, was da draufsteht?”

Der Junge nahm den Karton. „Kannst du noch nicht mal lesen?”

„Wenn ich´s könnte, würd ich dich ja nicht fragen, du Schlaumeier”, sagte Mäuse-Mina ärgerlich. Es behagte ihr überhaupt nicht, sich von diesem rothaarigen Burschen helfen zu lassen, aber was sollte sie tun? Sie musste wissen, wie der alte Mann hieß.

„Agaskar”, sagte der Junge nach einem Blick auf den Karton.

„Agaskar”, flüsterte Mäuse-Mina. Es klang seltsam. Fremd. So einen Namen hatte sie noch nie gehört. Er musste von sehr weit her kommen.

„Was willst du denn von dem alten Herrn Agaskar?”, fragte der Junge.

„Du kennst ihn?”, fragte Mäuse-Mina erstaunt.

„Klar kenn ich den. Alle kennen ihn. Ein netter alter Mann. Er kommt oft an den Zaun und verteilt Lakritze. Die leckerste Lakritze, die ich je gegessen habe. Sie brennt ein bisschen im Hals, aber sie ist viel süßer als das Zeug, das man sonst bekommt.”

„Du hast davon gegessen?”, fragte Mäuse-Mina alarmiert.

„Na und?”

Mäuse-Mina schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich würd´s nicht tun.”

„Wieso?”, fragte der Rothaarige besorgt. „Alle haben davon gegessen. Wo ist das Problem?”

Mäuse-Mina überlegte, was sie ihm sagen sollte. Wahrscheinlich würde er ihr nicht glauben, aber sie hatte das Gefühl, sie müsste ihn warnen.

„Wie heißt du?”, fragte sie, um Zeit zu gewinnen.

„Hannes.”

„Also, Hannes, diese Lakritze ist nicht geheuer.”

„Was meinst du damit?”, fragte Hannes. „Ist sie vergiftet?” Er wurde blass.

Mäuse-Mina zuckte die Achseln. „Weiß nicht. Vielleicht. Er macht sie oben in seiner Wohnung, und wenn sie fertig ist, spuckt er Feuer drauf.”

„Er macht was?”

„Spuckt Feuer drauf.”

Hannes lachte. „Du spinnst. So was gibt´s ja gar nicht.”

„Hab ich auch erst gedacht. Aber Mintz hat´s gesehen.”

„Wer ist Mintz?”

Mäuse-Mina drehte sich zur Seite und zeigte auf ihre Adoptivschwester, die hinter ihr im Gras saß.

„Die Maus da?”, fragte Hannes ungläubig.

„Was ist?”, fragte Mintz. „Warum kuckt der mich so komisch an?”

„Er glaubt das mit dem Feuerspucken nicht”, sagte Mäuse-Mina.

„Geht den doch auch gar nichts an”, meinte Mintz kritisch. „Wieso erzählst du ihm das?”

„Der alte Mann verteilt die Lakritze an die Kinder. Der Junge hier hat auch was davon gegessen. Wir müssen ihn warnen.”

„Was piepst du da so herum?”, fragte Hannes misstrauisch. „Redest du etwa mit diesem Viech?”

„Das ist kein Viech”, sagte Mäuse-Mina ärgerlich. „Das ist meine Schwester.”

Hannes starrte sie mit offenem Mund an. „Du hast sie wirklich nicht alle, Mäuse-Mina.” Er sah aus, als ob er gleich davonlaufen wollte. „Dachschaden. Total plemplem. Ich fass es nicht!”

„Ist ja gut!”, sagte Mäuse-Mina kühl. „Nur weil du die Mäusesprache nicht verstehst, heißt das nicht, dass niemand es kann.”

„Mäusesprache!”, rief Hannes aufgebracht. „So was gibt´s ja gar nicht!”

„Nicht so laut!”, zischte Mäuse-Mina. Ein paar Kinder auf dem Schulhof schauten herüber, und sie duckte sich etwas tiefer in die Schatten der Fichte. „Ob du´s glaubst oder nicht, ist mir völlig egal. Wenn du weiterhin Agaskars Lakritze futtern willst, dann bitte sehr! Ich hab dich gewarnt.” Sie wollte sich zum Haus zurückschleichen.

„He, warte mal!”, rief Hannes leise. „Glaubst du wirklich, da stimmt was nicht mit der Lakritze?”

Mäuse-Mina schnaubte. „Also, ich würde nichts essen, wo der Kerl Feuer drauf gespuckt hat.”

„Hast du´s selber gesehen?”

„Nee. Mintz hat´s gesehen. Hab ich doch gesagt.”

„Ja klar”, sagte Hannes verächtlich. „Die Maus da hat´s gesehen und dir erzählt.”

„Andere haben´s auch gesehen.”

„Noch mehr Mäuse?”

„Na und?”

Hannes schien zu überlegen. „So merkwürdig ist das gar nicht. Das mit dem Feuerspucken. Ich hab so was schon mal gesehen.”

„Wirklich?”, fragte Mäuse-Mina verblüfft. „Wo denn?”

„Bei einem Straßenfest. Da war einer, der hat ´n Schluck aus einer Flasche in den Mund genommen und dann auf eine Fackel gespuckt. Hat ´ne ganz schöne Stichflamme gegeben.”

Mäuse-Mina überlegte. „Aber dann war es das Zeug in seinem Mund, das gebrannt hat. Das Feuer kam nicht aus seinem Innern.”

Hannes schnaubte. „Natürlich nicht. Wie soll denn richtiges Feuer in einem Menschen sein? Das ist Blödsinn.”

„Warte mal.” Mäuse-Mina gab das, was Hannes gesagt hatte, an Mintz weiter. „Meinst du, so könnte es bei Agaskar gewesen sein?”

„Bei wem?”

„Agaskar. So heißt der alte Mann. Hab doch gesagt, ich finde es raus.”

„Aha. Nee, da war keine Flasche. Das Feuer hat er einfach so ausgespuckt.”

„Hört sich total bescheuert an, wie du da rumfiepst”, sagte Hannes. „Kannst du wirklich verstehen, was die Maus sagt?”

„Ja, kann ich. Und die Maus sagt, da war keine Flasche. Das Feuer kam aus seinem Innern.”

Hannes tippte sich an die Stirn. „So was gibt es nicht. Ich an deiner Stelle würde mich nicht auf das verlassen, was eine Maus sagt.”

Mäuse-Mina schwieg verdrossen und zupfte an den Wollfäden ihrer Kappe.

„Was ist, wenn wir uns das selbst ankucken?”, sagte sie dann. Sie hatte es vorgeschlagen, bevor sie richtig darüber nachgedacht hatte. Bislang hatte sie jeden näheren Kontakt mit den Schulkindern vermieden. Andererseits brauchte sie vielleicht Hilfe.

Hannes zog zweifelnd die Nase kraus. „Wie soll das gehen? Willst du Agaskar heimlich beobachten?”

„Genau. Ich will wissen, was das für einer ist. Ich trau dem nicht. Vielleicht stellt sich raus, dass es besser wär, zu verschwinden.” Sie sah Hannes kritisch an. „Und willst du vielleicht weiterhin Lakritze essen, auf die einer Feuer gespuckt hat?”

Hannes schwieg, aber es war offensichtlich, dass ihm die Vorstellung nicht behagte. „Wo wohnt er überhaupt?”

Mäuse-Mina zeigte über ihre Schulter. „Bei mir im Haus. Dritter Stock.”

„Haus?” Hannes runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Offenbar hatte er Mühe, das Haus überhaupt zu erkennen. „Ach, das!”, sagte er schließlich verwirrt, als hätte er es lange nicht gesehen.

„Ich versuch ´ne Möglichkeit zu finden, ihn auszuspionieren. Dann sag ich dir Bescheid. Also, was ist, machst du mit?”

„Wieso willst du, dass ich mitkomme?”

Mäuse-Mina schaute zum Haus hinüber. Im grauen Licht des Herbsttages schien es wie aus grauen Schatten gemacht. Es kam ihr vor, als verschwände es allmählich. „Ich hab ein bisschen Angst vor Agaskar. Ich glaube, er ist böse.”

„Ich glaube, du spinnst”, sagte Hannes. „Das ist nur ein alter Mann. Aber meinetwegen. Vielleicht ist es besser, sich mal anzukucken, was er mit der Lakritze macht.”

„Wieso hast du die überhaupt gegessen? Bist ganz schön vertrauensselig, was?”

Hannes zuckte die Achseln. „Manche wollten nichts von einem Fremden annehmen, vor allem die aus den ersten Klassen. Die sind sowieso ziemlich ängstlich. Diejenigen, die zuerst von der Lakritze probiert haben, meinten, das Zeug sei toll. Also haben die meisten zugelangt. Agaskar kommt immer nur in den Pausen, wirft uns ´ne Tüte zu und verschwindet schnell wieder. Wir dachten, das sei einfach ein alter Mann, der nett zu Kindern sein will.” Er schwieg nachdenklich.

„He Hannes! Was machst´n da?”

Ein stämmiger Junge stand einige Meter entfernt und grinste breit. Dann drehte er sich um und winkte ein paar andere herbei. „Kuckt euch das an! Hannes hat ´n Rendezvous mit Mäuse-Mina!”

Die Jungen bauten sich johlend hinter Hannes auf.

„Red doch keinen Quatsch!”, rief Hannes hitzig. „Was kann ich dafür, wenn sie hier rumlungert?”

Die Jungen lachten schadenfroh und machten Kussgeräusche.

„Ich geh jetzt”, sagte Mäuse-Mina.

Hannes würdigte sie keines Blickes mehr und fing eine Schubserei mit dem stämmigen Jungen an. Dann stimmte er in den Chor der Schmährufe ein, mit denen Mäuse-Mina bedacht wurde.

„Die denkt, sie kann mit Mäusen reden!”, schrie er, und alle brüllten vor Lachen.

„Blödmann!”, sagte Mäuse-Mina, als sie mit Mintz zum Haus zurücklief. Zurück in die grauen Schatten, die sich nicht mehr so richtig nach zu Hause anfühlten.

„Hab ich doch gesagt. Diesen Rothaarigen ist nicht zu trauen.”

Mäuse-Mina zuckte mit den Achseln. „Anfangs schien er ganz in Ordnung.”

Sie ärgerte sich. Wer wusste, was er den anderen alles erzählte? Vielleicht würden sie sogar Agaskar von ihr erzählen. Von ihrem Verdacht. Dann würde er wissen, dass sie und die Mäuse ihn beobachtet hatten.

Sie dachte an die Mausefallen und schauderte. Von nun an mussten sie höllisch aufpassen.

„Agaskar“, dachte sie.

Das klang sogar böse.

4

In den folgenden zwei Wochen wurde Mäuse-Mina das Haus am Ende der Straße immer unheimlicher. Sie fühlte sich wie eine Gefangene. Beim Blick aus den Fenstern wirkte die Welt draußen verschwommen, wie aus weiter Ferne gesehen. Die Äste der Bäume bewegten sich langsamer im Herbstwind als sie sollten; das Gras des Rasens schlug seltsame Wellen. Die noch belaubten Zweige eines hohen Busches schaukelten im Wind, streckten sich wie Arme, die aus der Erde herauslangten, schlangenhaft wedelnd, mal nach der einen, mal nach der anderen Seite. Wenn Mäuse-Mina zu lange hinsah, grauste es sie. Es kam ihr vor, als rutschte das Haus immer weiter aus der Welt heraus. Manchmal geriet sie in Panik; fühlte sich, als sinke sie in einen Abgrund. Es schnürte ihr die Luft ab, und wie eine Ertrinkende kämpfte sie sich dann aus dem Haus, das Herz fast schmerzhaft heftig klopfend, und hatte den Eindruck, gerade noch rechtzeitig dem Versinken entronnen zu sein.

Draußen war alles normal. Äste und Grashalme wurden vom Wind geschüttelt und gezaust wie man es erwartete, und alles andere sah auch aus wie immer.

Wenn sie sich beruhigt hatte, ging Mäuse-Mina mit stillem Grausen wieder zurück ins Haus. Es war ihr Zuhause. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie es verlassen sollte. Auch die Mäuse waren unschlüssig, aber für sie wurde es immer gefährlicher. Wegen der Mausefallen trauten sie sich kaum noch ins Treppenhaus. Fast auf jeder Stufe bis hinauf in den dritten Stock stand inzwischen eine. Ständig wurden sie mit frischen Käse- oder Wurststückchen versehen, deren Duft für die Mäuse eine arge Versuchung darstellte. Besonders für Miller war es eine Qual. Er war von Grund auf verfressen, und sein Appetit ausgeprägter als sein Verstand. Die Familie musste ein wachsames Auge auf ihn haben, damit er im Rausch der leckeren Düfte nicht durchdrehte und der Verlockung erlag.

„Dieser Agaskar hat wirklich was gegen Mäuse”, sagte Mintz einmal grimmig, als sie von Mäuse-Minas sicherer Schulter aus einen Blick auf die endlosen Reihen tödlicher Apparate aus Holz und Edelstahl warf. „Das reicht ja aus, um ganze Generationen von uns auszurotten.”

Merkwürdigerweise gab es im Keller zunächst keine Mausefallen. Es war, als scheute Agaskar die dunklen feuchten Gänge. Vielleicht wollte er auch seine auserwählten Feinde dort zusammenpferchen, um den Rest des Hauses für sich zu haben. Eine Weile fühlte sich die Familie im Keller sicher, verfluchte den alten Mann im dritten Stock, schimpfte auf die mörderischen Fallen und versorgte sich wie früher, indem sie die Speisekammern der Häuser weiter die Straße hinauf plünderte, zu denen es aus dem Keller viele enge, nur für Mäuse geeignete Verbindungen gab. Fast ging alles seinen gewohnten Gang. Man verdrängte zähneknirschend Agaskar und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Haus aus seinen Gedanken und tat so, als wäre alles halbwegs normal.

Mäuse-Mina wusste, es würde nicht funktionieren. Sie hatte keine Zweifel, dass Agaskar böse war. Hinter alldem, hinter seinem Auftauchen im Haus, den Fallen und dem Herstellen der Lakritze, deren Duft Nacht für Nacht das Haus durchdrang, musste ein Plan stecken. Ein böser Plan, der sich für ihre Familie als unheilvoll erweisen würde.

Sie behielt Recht.

Zwei Wochen, nachdem sie Agaskars Namen herausgefunden hatte, tauchte eine Mausefalle im Keller auf.

Direkt an der Kellertür.

Auf der Innenseite.

Erste Treppenstufe.

Die Familie war bestürzt. Man setzte sich am selben Morgen noch, an dem die Falle entdeckt worden war, zusammen, um zu beraten.

„Er hätte uns im Schlaf überraschen können”, sagte der Mäusevater besorgt. „Wir sollten von jetzt an Wachen aufstellen.”

„Was ist, wenn er mich gesehen hat?”, fragte Mäuse-Mina. Der Gedanke ließ sie schaudern. Ihr Lager befand sich in einem der Kellerabteile, aber natürlich hatte sie keine Möglichkeit, es abzuschließen. Vielleicht hatte Agaskar in der Nacht alles durchsucht und überall herumgeschnüffelt.

„Dann hätte er wahrscheinlich nicht einfach nur eine Mausefalle aufgestellt”, meinte Müriel.

„Gibt´s auch Menschenfallen?”, fragte Miller.

Mäuse-Mina antwortete nicht. Sie fürchtete, das Haus selbst war inzwischen eine Menschenfalle.

Abends nahm sie ihre Decken und zog sich weit in einen der Gänge zurück. Halbschwanz hatte die erste Wache übernommen, aber Mäuse-Mina bezweifelte, dass sie überhaupt ein Auge zutun würde. Wie sollte sie in diesem Haus jemals wieder ruhig schlafen? Sie fühlte sich mehr denn je wie in einer Falle. Es konnte so nicht weitergehen. Entweder sie fanden einen Weg, Agaskar loszuwerden, oder sie mussten selber gehen.

Sie döste schließlich doch noch ein, aber mitten in der Nacht wurde sie von Halbschwanz´ aufgeregtem Gepiepse geweckt.

„Er ist da!“, wisperte er. „An der Kellertür.“

Mäuse-Mina war sofort hellwach. „Was macht er?”

„Hat in die Falle gekuckt. Der Blödmann!”

„Wo sind die anderen?”

„Im Gang. Beobachten ihn.”

„Lass uns hingehen. Ich will sehen, was er vorhat.”

In der Finsternis des Gangs stießen sie auf die anderen Familienmitglieder. Mäuse-Mina hockte sich neben sie. Vor ihnen lag ein grauer Fleck in der Dunkelheit, und ein Schatten huschte dort bei der Treppe herum. Die offene Kellertür ließ ein wenig Licht herein, Mondlicht, das sich im Treppenhaus verfangen hatte und dort herumkugelte.

„Ich glaube, er stellt noch mehr Fallen auf”, flüsterte der Mäusevater.

„Das Schwein!”, zischte Halbschwanz voll unterdrückter Wut. „Ich möchte ihn beißen!”

„Mach keinen Quatsch!”, sagte Mintz. „Er darf uns nicht sehen. Schon vergessen? Der Kerl kann Feuer spucken.”

„Aber er versaut uns den Keller mit seinen Fallen! Wie sollen wir hier noch leben? Willst du auf Schritt und Tritt diese Höllenmaschinen vor der Nase haben?”

Mintz schwieg.

„Ich könnte sie einsammeln und wegwerfen”, sagte Mäuse-Mina halbherzig.

„Dann weiß er, dass hier jemand wohnt”, sagte der Mäusevater. „Wer weiß, was er dann macht.”

Wütend und hilflos beobachteten sie, wie Agaskar in der Nähe der Treppe einen Kreis aus Fallen aufstellte.

„Was packt er da bloß rein?”, fragte Miller und zappelte unruhig hin und her. „Das riecht ja köstlich!”

„Reiß dich zusammen, du blöde Nuss!”, zischte Mintz. „Wenn die Falle dir die Rübe abtrennt, wird es gar nicht mehr köstlich riechen.”

Miller wimmerte.

„Mintz, sei nicht so hart zu ihm”, sagte die Mäusemutter. „Er ist nun mal verfressen. Er kann nichts dafür. Alle Mäuse müssen viel fressen, aber bei ihm ist der Bauch doppelt so groß wie bei allen anderen.”

„Wir sollten ihn fesseln”, sagte Mintz gnadenlos. „Wenn er Agaskars Köder noch länger riecht, dreht er durch.”

Mintz´ Befürchtungen waren nicht unberechtigt. Miller trippelte im Kreis herum und hielt immer nur kurz inne, um seine Nase in die Luft zu recken und zu schnuppern. Man hörte regelrecht, wie ihm das Wasser im Maul zusammenlief. Ein leises Schwappen und Schmatzen.

Plötzlich lief er los in Richtung Kellertür.

„Miller!”, rief die Familie leise und entsetzt. Mäuse-Mina reagierte blitzschnell und packte ihren dicken Mäusebruder gerade noch rechtzeitig am Schwanz.

„Lass mich los! Lass mich los!”, rief er und zappelte aufgeregt. „Ich halt das nicht mehr aus! Ich will fressen! Fressen! Fressen!”

Mäuse-Mina hob ihn am Schwanz hoch und hielt ihn sich vors Gesicht.

„Pst!”, machte sie. Sie fürchtete, Millers aufgeregtes Gepiepse würde Agaskars Aufmerksamkeit erregen.

Aber Miller war in seiner unbändigen Fresslust offenbar nicht mehr zurechnungsfähig. Der Appetit schien seine Gedanken zu verwirren, und er kannte nicht mehr Freund noch Feind. Er biss Mäuse-Mina in die Nase, um zu erreichen, dass sie ihn losließ.

Sie quiekte erschrocken. Dann schlug sie sich die Hand vor den Mund.

Alle schauten zur Kellertreppe. Der Schatten dort stand wie erstarrt. Sie konnten Agaskars Gesicht nicht erkennen, aber es war unverkennbar, dass er das Geräusch gehört hatte.

Einige Sekunden lang passierte gar nichts. Dann aber trat Agaskar einen Schritt auf den Gang zu, in dem die Familie sich verbarg.

„Weg!”, rief der Mäusevater.

Alle drehten sich um und rannten den Gang hinunter ohne zurückzuschauen. Mäuse-Mina hatte immer noch Miller gepackt. Sie war wütend auf ihn, aber in seinem Zustand durfte er nicht frei herumlaufen.

Sie nahm eine Abzweigung. Dann noch eine. Sie wusste nicht, ob die Mäuse ihr folgten, aber vielleicht war es besser, wenn sie sich verteilten. Nach einigen Minuten blieb sie stehen, lehnte sich an eine feuchte Wand, versuchte, leise zu atmen, und horchte.

Miller zappelte in ihrer Hand herum und piepste.

„Halt die Klappe!”, zischte sie.

Jetzt, da er außer Reichweite der Gerüche war, die den Fallen entströmten, schien er sich zu beruhigen. Mäuse-Mina lauschte, konnte aber nichts hören. Aus der anderen Richtung wehte ein ungewöhnlich kalter Wind. Es war einer jener Gänge, die nirgendwohin zu führen schienen. Mäuse-Mina fröstelte. Sie hatte diese Gänge immer gemieden, wollte gar nicht wissen, was an ihrem Ende lag. Wenn da überhaupt irgendwo ein Ende war.

Vorsichtig ging sie zurück in Richtung Kellertreppe. Agaskar war nicht hinter ihnen hergestürmt, sonst hätte sie ihn längst gesehen. Wo war der Rest der Familie? Sie traute sich nicht zu rufen. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass der alte Mann sich versteckte und im Dunkeln auf sie lauerte.

Neben ihr raschelte es. Mäuse-Mina ließ vor Schreck Miller fallen.

„Aua!”, rief er nach der unsanften Landung.

„Scht!”, machte es neben ihnen. „Ich bin´s. Zwick.”

„Zwick!”, rief Mäuse-Mina erleichtert. „Hast du Agaskar gesehen?”

„Nee. Ich glaube nicht, dass er uns gefolgt ist. Anscheinend ist ihm der Keller nicht geheuer.”

„Wo sind die anderen?”

„In den Gängen verschwunden. Hast du Miller bei dir?”

„Jetzt nicht mehr. Ich hab ihn fallen lassen. Komm her, Miller!”

Nichts rührte sich.

„Miller?”

Nichts.

Zwick stöhnte. „Hoffentlich ist der Dussel nicht zu den Fallen gelaufen. Verflucht sei seine Fresslust!”

Mäuse-Mina tastete sich voran. „Wir müssen ihn erwischen. Bevor es ihn erwischt.”

Sie erreichten den Hauptgang, der zurück zur Kellertreppe führte, und stießen auf Mintz.

„Hast du Miller gesehen?”, fragte Zwick.

„Glaubst du, ich bin eine Katze und kann im Dunkeln sehen?”, brummte Mintz. „Etwas ist an mir vorbeigesaust. Könnte der Dicke gewesen sein.”

„Verdammt!” Mäuse-Mina schaute unruhig in Richtung Treppe. Am Ende des Ganges befand sich immer noch der graue Lichtfleck, aber von Agaskar war nichts zu sehen. „Wir müssen zu den Fallen.”

Hinter ihnen kamen die Mäuseeltern, Müriel und Halbschwanz heran.

„Was ist los?”, fragte Letzterer. „Wollen wir Agaskar angreifen?”

„Hör auf zu spinnen”, sagte Mintz. „Miller ist uns entwischt.”

„Oh nein!”, rief die Mäusemutter. „Wir müssen ihn finden!”

So schnell sie es wagten und mit so wenig Geräusch wie möglich rannten sie den Gang entlang. Sie waren etwa bis zur Mitte gekommen, als es einen lauten Knall gab. Fast gleichzeitig war ein schrilles Piepsen zu hören.

„Miller!”, riefen alle und blieben erschrocken stehen.

„Es hat ihn erwischt!”, rief Müriel. „Was machen wir jetzt?”

„Wir müssen ihm helfen!”, schrie der Mäusevater.

„Die Falle! Wir müssen die Falle finden!”, drängte Mäuse-Mina. „Ich versuche ihn zu befreien.”

Aber in dem Moment, in dem sie sich wieder in Bewegung setzten, erschien Agaskar in dem grauen Licht bei der Treppe.

Wieder blieben alle stehen.

„Was jetzt?”, fragte Mintz. „Wenn der Miller findet ...”

„Ich greife an!”, sagte Halbschwanz entschlossen.

Aber ehe jemand etwas unternehmen konnte, spuckte Agaskar Feuer in den Gang. Die grünliche Flamme strömte fauchend aus seinem Mund und schwang wie eine Peitsche vor und zurück und hin und her. Mäuse-Mina wandte geblendet die Augen ab.

„Miller!”, schrie Mintz. „Er hat Miller geröstet!”

Agaskars Feuer war über sämtliche Fallen hinweggefegt. Bei den meisten brannte das Holz. Die kleinen Brände erhellten den Gang, und man konnte sehen, dass einige Fallen völlig verkohlt waren.

„Miller ist tot”, flüsterte Müriel entsetzt. „Er kann das Feuer nicht überlebt haben.”

Die Familie stöhnte entsetzt.

„Doch, hab ich”, sagte eine Stimme aus den Schatten am Rand des Ganges.

„Miller!”, rief die Mäusemutter. „Du lebst?”

Sie fiel in Ohnmacht, und Mäuse-Mina musste sie aufsammeln.

„Ist dir wirklich nichts geschehen?”, fragte der Mäusevater. „Wir haben die Falle knallen gehört.”

Miller fing an zu heulen. „Mein Schwanz!”, sagte er. „Ein Stück ist ab. Es tut so weh!”

Ein weiterer Flammenstoß fegte von der Kellertreppe heran. Es roch verbrannt, und der Rauch ließ Mäuse-Mina husten.

Sie hob Miller auf. „Wir müssen hier weg.”

Alle stoben davon, den Gang hinunter, die Hitze des Feuers im Nacken. Das Fauchen der Flammen ließ nicht nach. Anscheinend war Agaskar außer Rand und Band und wollte sichergehen, dass keine Mäuse überlebten.

Erst nach zehn Minuten und tiefer in den Gängen als je zuvor, wagte die Familie es, stehenzubleiben und zurückzuhorchen. Alle waren außer Atem. Mäuse-Mina, in jeder Hand eine Maus, starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Hinter ihnen blieb es ruhig. Keine Schritte. Kein Feuer. Nur in ihrem Herzen brannte die Angst, als hätte die Glut Agaskars es angezündet.

5

„Glatt durch”, sagte Mäuse-Mina, nachdem sie Millers Wunde untersucht und mit einem Stückchen Tuch verbunden hatte. Die Schnappfalle hatte ein Stück von seinem Schwanz abgetrennt. „Ist nicht lebensgefährlich. Und das meiste ist ja noch dran.”

Miller schniefte.

„Hab dich nicht so”, sagte Halbschwanz nach einem kritischen Blick auf Millers verstümmelten Schwanz. „Ist höchstens ein Viertel ab.”

„Aber es tut weh!”, jammerte Miller.

„Da siehst du, wohin dich deine Unbeherrschtheit führt”, sagte der Mäusevater streng. „Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre statt der Schwanzspitze dein Kopf ab gewesen.”

„Sag so was nicht!”, stöhnte die Mäusemutter. „Diese Fallen sind Teufelswerk.”

„Was machen wir jetzt?”, fragte Müriel.

„Irgendwann müssen wir zurück zur Treppe”, sagte der Mäusevater düster. „In diesen verfluchten Gängen können wir nicht bleiben. Sie scheinen nirgendwohin zu führen. Hier finden wir nichts zu essen.”

„Ein paar müssen doch nach draußen führen”, meinte Mintz.

„Ja, aber welche?”, sagte Mäuse-Mina. „Willst du sie alle ausprobieren? Das kann Tage dauern, und vielleicht verlaufen wir uns auch. Wir müssen erst mal dahin zurück, wo wir uns auskennen. Dann können wir weitersehen.”

„Ich geh zurück und erkunde die Lage”, erbot sich Halbschwanz.

Diesmal wies ihn niemand in die Schranken. Sie hatten keine andere Wahl, als sein Angebot anzunehmen, und insgeheim war Mäuse-Mina froh, dass sie es nicht selbst machen musste. Sie nahm an, den anderen ging es genauso.

Halbschwanz wirkte etwas ernüchtert, als kein Widerspruch auf seinen Vorschlag erfolgte. Er zögerte kurz.

„Also, ich geh dann”, sagte er.

„Sieh dich vor”, sagte der Mäusevater. „Wenn Agaskar immer noch bei der Treppe herumlungert, dann zieh dich sofort zurück.”

„Klar”, sagte Halbschwanz. „Bin doch nicht blöd.”

„Und pass auf die Fallen auf”, sagte Mäuse-Mina. „Vielleicht funktionieren noch ein paar.”

„Klar”, sagte Halbschwanz. „Bin doch nicht blöd.”

Weitere Ratschläge erfolgten nicht; offenbar mochte sich niemand vorwerfen lassen, er wolle Halbschwanz Blödheit unterstellen. Jedenfalls im Moment nicht.

Der Überlebende des legendären Kampfes mit einer Katze brach schließlich auf. Ohne Eile. Die Familie konnte seine gemächlichen Trippelschritte noch minutenlang hören.

„Nun geh endlich!”, rief Mintz ungeduldig.

„Ja ja!”, brummte Halbschwanz aus einigen Metern Entfernung. „So was will mit Vorsicht angegangen sein. Bin doch nicht blöd!”

Mäuse-Mina zupfte Mintz warnend am Schwanz, und diese verkniff sich daraufhin eine Antwort.

Sie warteten lange auf Halbschwanz´ Rückkehr. Sehr lange.

„Hoffentlich ist ihm nichts passiert”, sagte die Mäusemutter besorgt.

Mintz schnaubte. „Bei dem Tempo, das er angeschlagen hat, ist er wahrscheinlich noch nicht mal bei der Treppe angekommen.”

„Immer mit der frechen Schnauze voran, was, Schwesterchen?”, sagte eine Stimme aus dem Gang.

Alle fuhren erschrocken zusammen, aber es war nur Halbschwanz, der sich aus dem Dunkeln näherte.

„Und? Wie sieht´s aus?”, fragte Mäuse-Mina gespannt. Neben der Sorge um den Bruder war es vor allem die Frage, was nun aus ihnen werden sollte, die sie beschäftigte. Gab es zumindest einen Weg in den eigentlichen Keller oder waren sie hier in der Tiefe der Gänge gefangen und mussten jämmerlich zugrunde gehen? Die Ungewissheit war kaum zu ertragen.

„Bitte sehr, keine Ursache”, sagte Halbschwanz.

„Was soll das heißen?”, fragte Mintz.

„Oh”, sagte Halbschwanz geziert. „Ich dachte, ihr wolltet mir dafür danken, dass ich mich in Gefahr begeben habe, damit ihr alle im sicheren Versteck bleiben konntet.”

„Ja ja, schon gut”, sagte Mintz etwas beschämt. „Du bist eine tapfere Maus, Halbschwanz.”

„Das musste mal gesagt werden”, erklärte Halbschwanz feierlich.

„Nun, da es gesagt worden ist”, drängte Müriel, „erzähl uns endlich, wie es bei der Treppe aussieht.”

„Agaskar ist nicht mehr da”, sagte Halbschwanz. „Jedenfalls nicht im Keller. Hab mich vergewissert. Neue Fallen hat er auch nicht aufgestellt. Entweder muss er sich erst neue beschaffen oder er denkt, er habe uns alle erwischt.”

„Das wäre das Beste”, meinte Mintz. „Dann hätten wir erst mal Ruhe.”

Der Mäusevater räusperte sich. „Lasst uns zurückgehen und feststellen, ob wir dort noch leben können.”

Mit gemischten Gefühlen machten sie sich auf.

Der Gang bei der Treppe glich einem Schlachtfeld. Die Wände waren rußgeschwärzt und überall standen verkohlte Fallen, die das Feuer unbrauchbar gemacht hatte. Mäuse-Mina kickte sie alle zur Seite. Der Geruch nach verbranntem Holz und dem, was in den Fallen verbrutzelt war, hing schwer in der Luft.

„Das stinkt!”, sagte Müriel. „Es ist ungesund, in solcher Luft zu schlafen. Unsere Atemwege werden Schaden nehmen.“

„Wenn wir hier schlafen”, sagte der Mäusevater düster, „werden nicht nur unsere Atemwege Schaden nehmen. Wir sollten ernsthaft überlegen, ob wir das Haus verlassen und woanders hinziehen.”

„Aber wohin?”, fragte Mintz. „Das hier ist unsere Heimat. Es wird schwer sein, ein Haus wie dieses zu finden, wo Mäuse in Ruhe leben können.”

„Das gilt noch mehr für mich”, sagte Mäuse-Mina. „Ich kann mich nicht so leicht verstecken wie ihr. Wenn man mich entdeckt, wird man mich in ein Heim bringen.”

„Es muss auch woanders leer stehende Häuser geben”, meinte Halbschwanz.

Mäuse-Mina schüttelte den Kopf. „Nicht solche wie dieses. Es ist nicht einfach nur leer. Es ist aus den Gedanken der Menschen herausgerutscht. Sonst hätten sie es schon längst abgerissen oder neu vermietet.” Sie hatte in den letzten Wochen oft darüber nachgedacht, wegzugehen. Aber wohin? Sie hatte nie eine Antwort darauf gefunden. Vielleicht war dieses Haus der einzige Ort, an dem sie leben konnte wie sie es wollte. Der Gedanke war niederschmetternd. Die Dinge änderten sich auf eine Weise, die ihr Angst machte.

„Agaskar wird uns keine Ruhe lassen”, sagte der Mäusevater.

Alle nickten düster.

„Er ist böse”, sagte Mäuse-Mina.

„Jedenfalls hasst er Mäuse”, sagte Mintz.

„Das ist böse!”, rief Miller, der mit Leidensmiene und hängenden Ohren dasaß und seinen verbundenen Schwanz in den Pfoten hielt wie ein Beweisstück.

„Es gibt nur eins, das wir tun können”, sagte Mäuse-Mina grimmig. „Wir müssen Agaskar vertreiben.“

Die Familie schwieg eine Weile, als hätte der Vorschlag sie sprachlos gemacht.

„Wie stellst du dir das vor?”, fragte Müriel schließlich. „Was sollen wir gegen ihn ausrichten können?”

„Er ist viel größer als wir”, sagte der Mäusevater.

„Und böse!”, sagte Miller.

„Und er kann Feuer spucken”, sagte Mintz.

„Aber vielleicht”, warf Zwick ein, der wie immer die meiste Zeit geschwiegen hatte, „hat er Angst vor uns.”

Die anderen starrten ihn an.

„Wie kommst du darauf?”, fragte Halbschwanz. Er reckte sich und ließ die Muskeln spielen. „Das ist eine interessante Theorie.”

Zwicks Ohren zuckten nervös. „Na, überlegt doch mal! Die vielen Fallen. Das ist doch nicht normal. Keiner stellt sich so an wegen ein paar Mäusen im Keller. Wir haben uns doch gar nicht mehr im Haus sehen lassen seit Agaskar da ist. Trotzdem will er uns ausrotten. Es muss was dahinterstecken.”

Mäuse-Mina überlegte. „Vielleicht hat er irgendwas vor. Hier im Haus. Und Mäuse stören ihn dabei.”

Zwick lachte wegwerfend. „Wie könnten wir ihn stören? Er sieht uns ja nicht mal. Mäuse gibt es überall. Solange die Menschen uns nicht sehen, pfeifen sie drauf. Nee, nee, ich glaube, der fürchtet sich. Vielleicht ekelt er sich so vor Mäusen, dass er den Gedanken an sie nicht ertragen kann.”

„Das wäre eine Unverschämtheit!”, rief Mintz gekränkt. Alle wussten, dass sie sich für eine sehr attraktive Maus hielt.

„Ja”, sagte Zwick. „Aber vor allem könnten wir das gegen ihn verwenden, um ihn zu vertreiben.”

„Du hast Recht, Zwick!”, rief Mäuse-Mina aufgeregt. „Wenn wir ihm klar machen könnten, dass er uns nicht los wird, haut er vielleicht ab.” Sie lachte humorlos. „Wir haben die falsche Taktik angewandt. Statt uns zu verstecken, sollten wir uns so oft wie möglich zeigen.” Sie räusperte sich zerstreut. „Ich meine natürlich, ihr solltet euch zeigen.”

„Das ist aber gefährlich”, sagte der Mäusevater zögerlich. „Wir alle möchten, dass Agaskar verschwindet, aber wir sind nur wenige Mäuse, und er hat gezeigt, dass er skrupellos ist.”

„Genau”, sagte Miller. „Ich zeig mich nicht.”

„Also, ich mach mit!”, rief Halbschwanz.

„Ja ja”, brummte Mintz. „Du bist immer vornean, wenn´s gefährlich wird. Aber ist es dann soweit, erweist du dich als ziemlich vorsichtig.”

„Na und? Ich bin ja nicht blöd!”

Mintz wollte zu einer Antwort ansetzen, aber in diesem Augenblick klopfte es an die Kellertür.

Alle sahen erschrocken die Treppe hinauf. Die Türklinke wurde vorsichtig heruntergedrückt, ein heller Spalt tat sich auf, und dahinter lauerte ein schwarzer Schatten.

Mäuse-Mina sprang auf. Sie wedelte mit den Händen, um die anderen dazu zu bringen, sich in die Gänge zu verziehen, aber bevor die Mäuse losrennen konnten, sagte der Schatten oben an der Tür: „Mäuse-Mina? Bist du da?”

Sie blieb verblüfft stehen.

„Hannes?”, fragte sie.

Die Tür öffnete sich ein Stückchen weiter, und der Junge steckte seinen Kopf durch den Spalt.

„Hallo.”

„Was willst du denn hier?”, fragte Mäuse-Mina. Noch nie war eins der Schulkinder zum Haus gekommen. Sie fand es unerhört. Und sie genierte sich auch ein bisschen.

„Ich ... ich muss mit dir reden.”

„Wer ist denn das?”, fragte der Mäusevater.

„Ein katzenhaariger Blödmann”, sagte Mintz.

„Sind da Mäuse bei dir?”, fragte Hannes. „Es piepst so.”

„Ja”, sagte Mäuse-Mina. „Meine ganze Familie ist hier.”

„Oh.”

Hannes kam langsam die Treppe herunter.

„Sollen wir abhauen?”, fragte Müriel.

Mäuse-Mina winkte ab. „Mit dem werd ich schon fertig. Keine Ahnung, was er hier will.”