8,99 €
Eine Geschichte voller Emotionen, Sentimentalität und Weisheiten! Adriana hatte es schon in ihrer Kindheit schwer gehabt. Bis heute plagt sie die Vergangenheit und auch die Gegenwart. Ihre beste Freundin wandert nach Amerika aus und sie verlässt nach einem wiederholten Streit das Haus ihrer Mutter. Sie fühlt sich allein und verloren, bis eines Tages der gutaussehende, liebenswerte, intelligente und humorvolle Alen zufällig in ihr Leben tritt und all ihre Sorgen und Ängste in Freude und Liebe verwandelt. Er bringt sie zum Lachen, bringt ihr bei zu lieben und lässt sie leben. Doch aus Adrianas Vergangenheit tauchen Geheimnisse auf, womit Alen niemals gerechnet hätte...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2022
Manche Begegnungen sind zufallsbedingt.
Aber manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass
dieser eine Zufall dein Schicksal bestimmt.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Ausgerechnet jetzt muss es regnen, wenn ich von Zuhause fliehe. Echt tolles Wetter. Wie gut, dass ich daran gedacht habe, meine Stoffjacke anzuziehen, bevor ich aus dem Haus geflüchtet bin. Dennoch mache ich mir nicht die Mühe, die Kapuze überzuziehen. Der Regen prasselt auf das Geländer der Brücke, auf meine Hände und meinen gesamten Körper. Ich betrachte, wie die Regentropfen ins Wasser platschen. Sonst sind hier immer so viele Leute unterwegs. Heute scheint aber nicht viel los zu sein. Zum Glück.
Meine Tränen vermischen sich mit den Regentropfen in meinem Gesicht, sodass man nicht erkennen kann, wie viele mir doch über die Wangen herunterkullern. Seit einer Stunde stehe ich schon hier und grüble nach. Warum ich eigentlich weine, weiß ich selbst nicht. In mir herrscht ein Gefühlschaos aus Wut und Trauer. Ich habe es satt, jedes Mal von zu Hause verschwinden zu müssen, nur weil diese Kämpfe mit meiner Mutter nicht aufhören. Ich gebe zu, ich bin nicht immer höflich zu ihr. Aber sie, sie war es noch nie. Seit ich denken kann, ist sie so. Eiskalt, ohne jeglichen Tropfen Liebe oder Wärme.
Ich wische mir mit den Handflächen unter die Augen und schniefe. Vergesse die Zeit und die Umgebung um mich herum, als wäre ich ganz allein in diesem Universum. Komischerweise beruhigt mich der Regen und die Geräusche, die er von sich gibt. Für einen Moment lang vergesse ich alles. Als ich mich jedoch zum Gehen wenden möchte, bemerke ich, dass sich jemand neben mich gestellt hat. Instinktiv weiche ich etwas zu Seite, weil es mir unangenehm ist, wenn jemand Fremdes so nah an mir steht. Seine Ellenbogen lehnen am Geländer und er schaut in die Ferne hinaus.
››Was machst du hier allein im Regen?‹‹, fragt der Unbekannte mich. Plötzlich hebt er den Kopf und sieht mich von der Seite an. Misstrauisch blicke ich zu ihm, während er versucht, mir ein leichtes Lächeln zuzuwerfen.
››Die Regentropfen zählen. Ist mein Hobby‹‹, antworte ich ihm in einem unfreundlichen Ton. Was hat ihn das zu interessieren, was ich hier mache? Wer ist dieser Kerl überhaupt, und wer erlaubt es ihm, dass er sich einfach so neben mich hinstellen und mir Fragen stellen darf?
››Finde ich toll! Das mache ich auch immer‹‹, antwortet er in einem sarkastischen Ton und schaut auf den Fluss hinab. Ich mustere sein Gesicht, um seine Laune abschätzen zu können. Versucht er witzig zu sein? Wenn ja, geht das gerade völlig daneben!
Mir ist heute nicht nach Scherzen zumute. Meine Tage sind von verletzenden Worten, schlechten Launen und Streitigkeiten geprägt.
››Kann ich etwas für dich tun?‹‹, fragt er plötzlich.
››Ja mich in Ruhe lassen! Noch mehr Idioten am Morgen können mir erspart bleiben‹‹, seufze ich und verdrehe die Augen. Aus meinem Augenwinkel heraus sehe ich, wie sich ein leichtes, trotziges Lächeln in seinem Gesicht bemerkbar macht. ››Bist du eigentlich immer so unfreundlich?‹‹
››Ja! Hast du ein Problem damit?‹‹, fahre ich ihn an.
Für einen kurzen Moment herrscht Stille. ››Nein, ehrlich gesagt nicht.‹‹ Er sieht einmal hoch in den Himmel. Dann betrachtet er mich eine Weile lang. Wieso tut er das? Kann man mich nicht einfach in Ruhe lassen?
››Man sieht deine Tränen trotzdem, auch wenn es regnet. Deine Augen sind knallrot‹‹, klärt er mich mit einer sanften Tonart auf und hebt seine Hand in die Höhe, als würde er mich trösten wollen, lässt sie aber sofort wieder sinken, als er mein empörtes Gesicht bemerkt. Einen Moment lang ruht sein Blick auf mir, doch dann wendet er sich zum Gehen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich hätte gerne etwas dazu gesagt, doch der Unbekannte hat sich schneller aus dem Staub gemacht, als das ich hätte etwas sagen können.
Was erlaubt er sich eigentlich? Wenn ich hier im Regen tanzen würde, kann ihm das egal sein! Ich möchte doch nur allein sein. Es ist gerade das Einzige, was mich etwas zur Ruhe kommen lässt. Der kalte Herbstregen, der auf mich herabfällt, der kühle Wind, der mir ins Gesicht weht, und mir eine Gänsehaut verpasst. Hier ist mein Platz zum Nachdenken, und dafür brauche ich gerade niemanden bei mir, der mich noch mehr zum Kochen bringt.
Sobald er verschwunden ist, überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Mit den Handflächen streiche ich mir die nassen Haare aus dem Gesicht. Wenn ich ihm das nächste Mal begegnen sollte, muss ich mich entschuldigen. Im Prinzip hat er ja nichts Böses gesagt. Es ist einfach nur so, dass ich gerade niemanden um mich herum brauche.
Wer weiß, ob ich ihm jemals wieder begegnen werde.
Und so begann alles. Unsere erste Begegnung, an einem regnerischen Sonntagmorgen, als ich wieder einmal aus dem Haus aus meiner Mutter, nach einem grausamen Streit, geflohen bin. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er es mal sein wird, in den ich mich unsterblich verlieben würde. Aber wie jedes Schicksal in meinem Leben, konnte ich auch dies nicht beeinflussen. Es passierte einfach.
Ein neuer Lebensabschnitt begann für mich, als wir uns immer wieder begegneten, und ich endlich mal ein Gefühl von Geborgenheit und Zuneigung verspürte. Ich fühlte mich zum ersten Mal willkommen in der Welt. Doch so schnell und zärtlich dieses Glück zu mir kam, so schnell und grausam verlies es mich wegen eines dummen Fehlers wieder…
Das grauenhafte Schrillen des alten Weckers weckt mich aus meinem schönen Schlaf. Mit meiner Handfläche haue ich auf den Knopf und schalte das blöde Ding aus. Ich brauche eine Weile, bis ich begreife, dass es schon Morgen ist. Die Sonne strahlt aus meinem Eckseitenfenster auf mich und ich muss vor lauter Helligkeit die Augen zukneifen. Seufzend lege ich mir den Arm über den Kopf und verweile so einen Moment lang. Ich lasse mir durch den Kopf gehen, was ich heute alles zu erledigen habe. Zur Uni gehen, das Krankenhaus besuchen, Entwürfe zu Ende zeichnen, und so weiter und so fort. Heute wird ein langer Tag.
Bevor ich noch weiter grüble, setze ich mich auf und reibe mir die Augen.
Grübeln. Grübeln. Grübeln. Schon wieder viel zu viel!
Sofort springe ich aus dem Bett und gehe ins Badezimmer, um mir das Gesicht zu waschen und Zähne zu putzen. Anschließend zeichne ich mir noch einen braunen Eyeliner auf mein Oberlid, trage Wimperntusche und etwas Bronzer auf, bevor ich mich steil die Treppen hinunter zur Küche begebe. Bereits im Flur duftet es nach frischem French-Toast. Als ich durch die offene Küchentür hineinspicke, entdecke ich auf der Kücheninsel ein Tablett mit Schüsseln, die voller Himbeeren, Blaubeeren und Erdbeeren gefüllt sind. Und natürlich eine kleine Schale mit Schokoladencreme.
Ach, sieht das himmlisch aus!
››Guten Morgen‹‹, sage ich mit verschlafender Stimme.
››Guten Morgen süße Maus! Gut geschlafen?‹‹, fragt mich Amber lächelnd und ich nicke. ››Dein Kaffee steht bereits dort. Gerade frisch zubereitet!‹‹, fügt sie hinzu und deutet mit ihren Augen auf die Kaffeemaschine, während sie mit dem Pfannenwender in die Pfanne taucht.
››Wie immer pünktlich‹‹, sage ich lächelnd und bedanke mich dann bei ihr. Instinktiv schnappe ich mir meine Lieblingstasse, mit der schönen Belle von die Schöne und das Biest als Motiv, und laufe dann ins Esszimmer, wo meine Mutter bereits mit einer Zeitschrift und einer Tasse Tee in der Hand am Esstisch sitzt.
Schweigend setze ich mich gegenüber von ihr. ››Guten Morgen‹‹, sagt sie, als sie die Zeitschrift zur Seite legt und einen Schluck aus ihrer Tasse nimmt. Das kennt man ja so gar nicht von ihr.
››Guten Morgen‹‹, murmle ich. Im gleichen Moment kommt Amber mit dem Tablett voller Früchten, der Schokocreme und daneben der Teller mit den French-Toasts. Sie stellt alles säuberlich vor uns auf den Tisch ab und wünscht uns einen guten Appetit, bevor sie sich wieder in die Küche begibt.
››Kommst du gleich mit?‹‹, fragt meine Mutter mich, während ich mir einen Toast schnappe.
››Ich habe heute zwei Seminare‹‹, antworte ich.
Sie verdreht genervt die Augen. ››Ich möchte dich danach im Büro sehen, wenn das möglich wäre. Es gibt noch jede Menge zu tun, wobei du mir behilflich sein könntest.‹‹ Ein lautloser Seufzer widerfährt mir. Ich hasse es, wenn sie so rechthaberisch mit mir spricht. Mein Studium hat eben Vorrang, als ihr bei ihren Entwürfen und Kreationen für ihr Modeunternehmen zu helfen. Ich kann zwar sehr gut zeichnen, und es macht mir auch unheimlich viel Spaß, neue Kleider zu entwerfen und zu designen, aber ich bevorzuge viel lieber medizinisches Wissen. Seit ich zwölf bin, träume ich davon, Ärztin zu werden. Und jetzt, wo ich mitten im Studium bin, möchte ich auf garkeinen Fall, dass etwas schiefläuft.
››Nach dem Seminar eventuell‹‹, gebe ich ihr als einzige Antwort. Nach dem Frühstück begebe ich mich schnell wieder in mein Zimmer hoch. Ich habe mir viel zu lange zeitgelassen. Es ist bereits nach acht. Ich muss mich noch fertig richten und zur Uni laufen. Wieder einmal bin ich viel zu spät dran!
Ich öffne meinen Schrank und starre verwirrt hinein. Dabei stelle ich mir wie jeden Tag aufs Neue dieselbe Frage: Was ziehe ich heute an?
Ich öffne kurz das Fenster, um zu testen, wie kalt es draußen ist. Die Sonne scheint, aber es weht ein kühler Wind. Deshalb entscheide ich mich für eine schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt. Darüber ziehe ich meine schwarze Lieblingsjeansjacke an, die mit den silbernen Knöpfen, dazu passend meine silbernen Creolen, und fertig ist der Look!
Zum Glück sind meine Haare von Natur aus glatt. Sonst müsste ich sie jeden Morgen glätten. Dank dieses Gens habe ich jeden Morgen eine Menge Zeitersparnis.
Schnell packe ich noch meine Tasche für den heutigen Tag und steige in meine Air Force. Eilig kontrolliere ich noch einmal, ob ich auch wirklich alles eingepackt habe, bevor ich mich schließlich auf den Weg mache.
Als ich eine halbe Stunde zu spät am Campus ankomme, sehe ich bereits Dina von Weitem auf mich warten. ››Zu spääääät!‹‹, höre ich sie rufen, und je näher ich auf sie zugehe, desto mehr kann ich das breite Grinsen in ihrem Gesicht erkennen.
››Du aaaaauch!‹‹, gebe ich sarkastisch zurück. Wieder einmal hat sie auf mich gewartet, um mit mir gemeinsam ins Seminar zu gehen, obwohl sie genau weiß, dass ich fast jedes Mal zu spät zum Unterricht erscheine. Das ist einer der Gründe von vielen, warum ich sie so gernhabe. Wenn ich etwas vermassele, tut sie das dementsprechend auch.
››Hier, ich habe dir schonmal einen Kaffee geholt, weil ich mir gedacht habe, dass du dich wieder verspätest‹‹, sagt sie freudentaumelnd und hält einen weißen Becher in meine Richtung. ››Danke, ich hatte heute Morgen schon einen. Aber ich nehme ihn trotzdem‹‹, erkläre ich und entnehme ihr ihn aus der Hand.
Dina ist meine einzige Freundin hier. Ich verstehe mich zwar sehr gut mit vielen anderen Studenten, aber mit denen bin ich nicht wirklich befreundet. Dina und ich kennen uns seit dem Kindergarten. Anfangs habe ich sie überhaupt nicht leiden können, doch irgendwann haben wir aus heiterem Himmel beschlossen, Freundschaft zu schließen. Ich fand es cool, wie sie immer das getan hat, was sie wollte. Egal, was die anderen ihr gesagt oder vorgeschrieben haben. Sie hat immer das Gegenteil gemacht. Dina findet es ziemlich amüsant, wenn Menschen sich wegen ihr aufregen, und sie sich dann darüber lustig machen kann. Außerdem hat sie den besten Humor und eine große Klappe. Deswegen versuche ich erst gar nicht, mich mit ihr anzulegen. Trotz allem ist Dina ein wundervoller Mensch. Jeder Außenstehende würde das niemals behaupten, weil sie so dominant wirkt und aussieht, als wäre sie eine verwöhnte, reiche dumme Kuh. Nur weiß keiner, dass sie ebenfalls ein nicht so tolles Schicksal erleidet. Ihre Eltern gaben sie als Baby in ein Kinderheim ab. Bis heute weiß Dina nicht, wo sich ihre Eltern befinden. Sie hat indische Wurzeln, doch war noch nie in ihrem ganzen Leben dort. Sie fühlt sich dort nicht heimisch und macht dafür ihre Eltern verantwortlich. Verständlich, wenn sie ihr Kind im Stich lassen.
Ich mag sie wirklich. Dina hat etwas Herzliches an sich, dass man nur verstehen kann, wenn man ihr Nahe steht. Fast jeden Freitag begleitet sie mich ins Krankenhaus, wenn ich dort meinen Dienst habe. Obwohl ich in meinem Praktikum viel zu tun habe und meist nicht bei ihr sein kann, schenkt sie mir dennoch ihre Gesellschaft.
Die Zeit geht verdammt schnell vorüber. Das vierte Semester meines Studiums hat bereits vor einem Monat begonnen und es fühlt sich immer noch so an, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mich hier angemeldet habe. Ich weiß noch, wie meine Hände vor Aufregung gezittert haben, als ich zum ersten Mal die Treppen des Gebäudes hoch zum Rektorat gelaufen bin, um meine vollständigen Papiere abzugeben. Es war ein tolles Gefühl, mich selbst endlich eine Studentin nennen zu können. Endlich hatte ich etwas geschafft, dass ich mir schon immer gewünscht hatte.
››Ich muss dir was sagen‹‹, unterbricht Dina meine Gedanken in einem ungewöhnlichen Ton.
Was hast du diesmal angestellt? ertönt die Stimme in meinem Kopf. Es ist bedenklich bekannt, dass Dina so einigen Mist anstellt. Aber diesmal klingt ihre Stimme irgendwie ernst, was für sie ziemlich untypisch ist, wenn sie eines ihrer Geschichten erzählt.
››Was denn?‹‹ frage ich neugierig. Sie hält einen Moment inne, als wir die großen Stufen der Haupttreppe im Gebäude hochlaufen. ››Mach mir keine Angst! Was ist passiert?‹‹, füge ich mit besorgter Stimme hinzu und bleibe inmitten der Treppen stehen. Plötzlich hält sie sich die Hand vor den Mund, weil sie fast lachen muss. Verwirrt runzle ich die Stirn. ››Ich werde heiraten‹‹, quiekt sie und klatscht sich freudentaumlig in die Hände.
Mein Kaffee landet wieder im Becher. Sofort muss ich husten, weil ich mich verschluckt habe. Sie klopft mir sanft auf den Rücken, während sie vor sich hin lacht.
››Du willst mich verarschen, stimmts? Ich kenne deine blöden Witze mittlerweile!‹‹, schimpfe ich, nachdem ich mich wieder eingekriegt habe. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte. ››Ich meine das wirklich ernst. Das hier ist kein Scherz!‹‹, versucht sie mich zu überzeugen, doch diesmal falle ich nicht darauf rein.
››Wenn du heiratest, lasse ich mir ein Tattoo stechen!‹‹, scherze ich.
Sie macht ein ernstes Gesicht. ››Dann solltest du das in einem Monat tun. Am besten auf meiner Hochzeitsfeier!‹‹, taumelt sie und verschränkt die Arme vor der Brust. Im ersten Stock angekommen, bleibe ich noch einen Moment im Flur stehen. ››Was meinst du mit einem Monat?‹‹, frage ich dämlich. Sie wirkt etwas sauer, so vermittelt es mir zumindest ihr Gesichtsausdruck. Erst jetzt begreife ich, dass sie gar keinen Scherz gemacht hat. Sie meint es verdammt ernst mit dem Heiraten! Schockiert steht mir der Mund offen. ››Du willst wirklich heiraten? Aber wen denn?‹‹
››Was für eine dumme Frage. Benjamin natürlich!‹‹, seufzt sie.
Ich mache ein skeptisches Gesicht. ››Benjamin? Den Austauschschüler, mit dem du dich in letzter Zeit triffst?‹‹
››Nein Benjamin Blümchen!‹‹ Sie verdreht die Augen. Wenn ich nicht so schockiert wäre von dem, was sie mir hier vermitteln will, hätte ich gelacht.
Was zur Hölle ist in sie gefahren? Heiraten? Mit zwanzig? Sie ist mitten im Studium!
››Aber ist es nicht etwas zu früh? Ich meine, ihr kennt euch doch erst seit ein paar Monaten.‹‹
››Na und? Wieso sollte ich noch länger warten, wenn ich weiß, dass er der Richtige ist? Er ist ziemlich nett und gutaussehend. Es gibt da halt nur ein Problem bei der Sache‹‹, erklärt sie.
››Was für ein Problem könnte dich aufhalten?‹‹, frage ich neugierig.
Unwillkürlich starrt sie auf den Boden. Ihr Lächeln von vorhin ist wie weggeblasen und ihr schwarzes, lockiges Haar bedeckt ihr Gesicht ein wenig.
››Na, sag schon‹‹, dränge ich sie. ››Wieder machst du so ein ernstes Gesicht.‹‹
››Er möchte mit mir in die Staaten verreisen‹‹, erklärt sie schließlich und ich runzle wieder die Stirn.
Flitterwochen am Ende der Welt! Wieso nicht?
››Und was ist daran schlimm?‹‹, frage ich dämlich.
››Also ist es kein Problem für dich, dass ich dort hinziehe?‹‹
Was hat sie da gerade eben gesagt? Sie möchte London verlassen und nach Amerika auswandern? Ist das ihr Ernst? Sie war doch noch nie im Ausland und dann will sie ausgerechnet so weit weg? Was soll ich denn hier ohne sie machen?
Sie kann nicht einfach so gehen! Das ist doch lächerlich!
››Bitte sag etwas‹‹, fordert sie.
››Spinnst du? Amerika? Dina das ist doch totaler Schwachsinn!‹‹, erkläre ich panisch. Ich kann es gar nicht fassen! Meine einzige Freundin will mir weiß machen, dass sie hier wegziehen will, und das für immer?
Dina legt die Hände auf meine Schultern und schaut mich dabei tiefgründig an, als würde sie versuchen, meine Gedanken zu lesen. ››Hey hör mir zu! Ich weiß, für dich klingt das richtig absurd, aber ich bin mir sicher, dass er der Richtige ist. Deshalb möchte ich mit ihm gehen. Und nur, weil ich hier wegziehe, heißt das nicht, dass du nicht mehr meine beste Freundin bist. Wir werden immer befreundet sein, das wird sich nie ändern. Wir können telefonieren und uns gegenseitig Briefe schreiben‹‹, versucht sie mich zu trösten.
Jetzt lächelt sie wieder ein bisschen, doch meine Mundwinkel bleiben da, wo sie sind. Ich bin irgendwie traurig und zugleich geschockt. Einerseits freue ich mich für sie, sehr sogar, aber andererseits lindert das nicht den Schmerz und den Gedanken daran, hier ohne sie zu sein. Die Vorstellung allein ist schon grausam. Und es ist eine verdammt überleghafte und große Entscheidung, die sie da getroffen hat!
››Was mache ich dann ohne dich hier?‹‹ Die Trauer in meiner Stimme ist kaum überhörbar.
››Ach komm schon! Willst du lieber mit mir mitkommen? Ich glaube kaum, dass du London jemals verlassen würdest. Dir hängt viel zu viel an dieser Stadt. Und jetzt hör auf, sonst fange ich gleich an zu weinen.‹‹ Und so traurig die Situation sein mag, wir können nicht anders, als beide zu lachen.
Dina und weinen? Das ist so unterschiedlich wie Tag und Nacht! Ich habe sie in meinem ganzen Leben vielleicht drei Mal weinen gesehen, und das waren alle drei Male in der Kindheit. Sie hat recht, ich wäre nie bereit dazu, England zu verlassen. Ich bin hier aufgewachsen, auch wenn ich keine gebürtige Engländerin bin. In einem anderen Land mit anderen Leuten zu leben, ist schwer vorstellbar.
Wie soll sie das überhaupt hinbekommen? Ich hoffe nur, sie macht das Richtige.
››Jetzt lass uns endlich ins Seminar gehen, bevor wir noch mehr von der Vorlesung verpassen.‹‹
››Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du wirklich bereit dazu bist, nach Amerika auszuwandern.‹‹ Es mag egoistisch klingen, doch ich denke gerade nur daran, was ich ohne sie hier tun werde. Es wird komisch sein, und ich werde mich vermutlich einsam ohne meine beste Freundin fühlen. Wenn ich Dina doch nur umstimmen könnte zu bleiben. Sie freut sich zwar, das kann man ihr deutlich ansehen, doch es ist ebenso nicht zu übersehen, dass sie sich davor fürchtet. Schließlich ist es ein ganz anderes Land, ein ganz anderer Kontinent, und so weit von hier entfernt.
››Ich kann es auch kaum glauben‹‹, antwortet sie aufgeregt.
Zusammen laufen wir die Straßen entlang, bis wir an ihrem Haus ankommen. Sie verabschiedet sich mit einer Umarmung von mir, bevor sie die Haustüre aufschließt. Nochmals sagt sie mir, dass ich mir keine Gedanken machen soll. Auf dem Weg zu ihrer WG habe ich Dina bestimmt tausend Mal gefragt, ob es wirklich eine gute Entscheidung ist, mit jemanden auszuwandern, den sie erst seit gut fünf Monaten kennt. Dennoch kenne ich Dina zu gut. Sie ist nicht leicht umzustimmen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Eine Charaktereigenschaft, die wir gemeinsam haben.
Den Rest des Weges nach Hause laufe ich allein. Ohne sie wird es hier tierisch langweilig sein und vor Einsamkeit trotzen. Wieso muss sie sich auch ausgerechnet in einen Austauschschüler verlieben? Wie seltsam mir das alles vorkommt. Vor ein paar Monaten hat sie von sich selbst aus noch behauptet, dass sie sich nicht vorstellen kann, eine Ehe einzugehen, geschweige denn, mit irgendjemanden ein Verhältnis anzufangen. Sie war immer glücklich und zufrieden mit ihrem Singledasein. Und schwuppdiwupp platzt ein Junge in ihr leben, in den sie sich auf einmal verliebt, dass sie sogar bereit dazu ist, ihr jetziges Leben komplett zu verändern.
Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen, als mein ganzes T-Shirt mit brauner Brühe überschüttet wird. Ein leichtes Brennen auf meiner Haut breitet sich aus, weil der Kaffee auf mir noch ein Tick heiß war. Entsetzt schiele ich auf die Stelle hinab.
››Entschuldige!‹‹, sagt die Männerstimme vor mir in einem gelassenen Ton, als wäre das alles hier mit Absicht gewesen.
Ich hebe meinen Kopf und schaue den Schwarzschopf an. Ein vertrautes Gefühl will mir verklickern, dass ich diesem Typen schon irgendwo einmal begegnet bin. Ich komme bloß nicht drauf, wo es gewesen sein könnte.
››Verdammt! Was soll das?‹‹, frage ich ihn verärgert.
Er hebt sofort die Augenbrauen an. ››Du gibst mir die Schuld? Du bist gegen mich gelaufen, weil du nicht darauf geachtet hast, wohin du läufst‹‹, antwortet er mir mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
War ich wegen Dina so in Gedanken vertieft, dass ich tatsächlich die Besinnung verloren habe?
Mein Blick wandert instinktiv zu der Gruppe von Jungs, die uns ein paar Meter entfernt beobachten. Zwei von den Vieren haben sich auf das Steingeländer eines Grundstückes gehockt, während sie zu mir sehen und lachen.
Der Unbekannte vor mir neigt leicht den Kopf zur Seite und mustert mein Gesicht mit einem leichten Lächeln. ››Hat es dir die Sprache verschlagen?‹‹ Ich werfe ihm sofort einen vernichtenden Blick zu und er fängt an zu lachen. Dann holt er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche heraus und reicht es mir.
Klar, als ob ein Taschentuch diesen Fleck beseitigen könnte! Trotzdem nehme ich es ihm aus der Hand und versuche über die Stelle zu wischen, damit es wenigstens etwas vom Kaffee aufsaugt. Dabei spüre ich immer noch seinen Blick auf mir. Wieso starrt er mich denn die ganze Zeit so an?
››Soll ich dir helfen?‹‹, fragt er auf einmal und kommt mir ein Stück näher, woraufhin ich sofort einen Schritt zurückweiche.
››Nein! Versuch ja nicht, mich anzufassen!‹‹ Aufgebracht laufe ich an ihm vorbei, während ich weiterhin an meinem Oberteil rubble.
››Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?‹‹, ruft der dumme Idiot mir hinterher, doch ich reagiere nicht darauf. Am liebsten würde ich zurückgehen und ihn beleidigen, aber ich halte mich seltsamerweise zurück. Normalerweise würde ich jetzt einen Aufstand machen, doch heute fehlt mir irgendwie der Mut und die Kraft dazu.
Die Gruppe von Idioten, die immer noch vom Steingeländer aus zu mir sehen, lachen, als würden sie einer Komödie zusehen.
››Haltet eure bescheuerten Klappen ihr Idioten!‹‹, schreie ich ihnen zu, bevor ich mich wütend auf die andere Straßenseite begebe. Sofort hole ich meine Jeansjacke aus der Tasche und versuche damit, so gut es geht, den Fleck auf mir zu bedecken. Gott sei Dank ist es nicht mehr so weit bis nach Hause.
Das ist mir so peinlich! Die Flecken kriege ich bestimmt nie wieder heraus. Klar, dass sowas immer nur mir passierten muss!
Obwohl ich stinksauer bin, drehe ich mich noch einmal in die andere Richtung um, als ich bei einer Ampel stehen bleiben muss. Seine Gestalt begibt sich gerade zu den anderen Jungs, die tatsächlich immer noch mir hinterherspicken. Als schließlich dann sei Blick von dieser Entfernung aus zu mir wandert, drehe mich abrupt weg. Ungeduldig warte ich darauf, dass die Ampel grün anzeigt, damit ich endlich aus seinem Sichtfeld verschwinde.
Wieso habe ich nur das Gefühl, dass ich ihm schon irgendwo einmal begebet bin?
Zuhause angekommen, gehe ich sofort ins Zimmer hoch, um mich umzuziehen. Ausgerechnet mein weißes Spitzenoberteil, dass ich so liebe! Gott sei Dank habe ich meine Jeansjacke nicht angehabt, als das passiert ist. Das wäre noch schlimmer gewesen. Die war so oder so schon teuer genug!
Genervt nehme ich mir mein blaues Top, dass auf dem Schreibtisch liegt, und flitze damit ins Bad. Ich ziehe mir das durchnässte Ding über den Kopf und werfe es in die Ecke zu meinem schon vorhandenen Berg von Klamotten, die eigentlich schon längst in die Waschmaschine müssten.
Amber könnte den Fleck vielleicht herausbekommen. Sie ist so geschickt und besitzt Tricks und Tipps, um solche Flecken zu beseitigen. Ich schnappe mir das Spitzenoberteil wieder vom Berg und mache mich auf die Suche nach ihr.
››Amber?‹‹, rufe ich, als ich in die Küche hineinspaziere.
Niemand scheint hier zu sein. Ich seufze laut und gehe wieder in den Flur hinüber. Kurz darauf läuft mir Amber mit einem Picknickkorb in der Hand entgegen. Gott sei Dank!
››Oh! Ich habe gar nicht gehört, dass du nach Hause gekommen bist!‹‹, sagt sie und lächelt mich an.
››Ich brauche deine Hilfe!‹‹, erkläre ich ihr mit einem entsetzten Ton. Sie fängt an zu Lachen. ››Komm mit in die Küche‹‹, fordert sie mich auf und läuft an mir vorbei. Sie stellt den geflochtenen Korb auf den Küchentresen ab und wendet sich dann zu mir. Einen Moment lang frage ich mich, woher sie diesen Picknickkorb hat und wozu sie ihn braucht.
››Denkst du, du bekommst irgendwie diesen Riesenfleck aus dem Oberteil?‹‹, frage ich sie hoffnungsvoll und zeige ihr ihn. Sie nimmt mir das Ding aus der Hand und schaut es sich genauer an. Doch so skeptisch sie das Gesicht verzieht, gibt es wohl keine Hoffnung mehr dafür.
››Ich könnte es versuchen, aber garantieren kann ich für nichts‹‹, klärt sie mich auf.
››Das wäre so cool, wenn du das hinbekommst‹‹, erkläre ich lächelnd und falte die Hände ineinander.
Amber fängt wieder an zu lachen. ››Wie hast du das überhaupt geschafft, dass so ein großer Kaffeefleck entsteht?‹‹
››Das war nicht ich, sondern so ein Idiot, der mit seinem Kaffeebecher gegen mich gelaufen ist‹‹, informiere ich sie.
Sie hebt eine Augenbraue an. ››Ich hoffe doch, dass er sich bei dir entschuldigt hat.‹‹
Ein spöttischer Seufzer widerfährt mir. ››Na klar doch.‹‹ Ich verdrehe genervt die Augen und erinnere mich kurz an das Szenario von vorhin zurück.
››Ich gebe mein Bestes‹‹, sagt Amber und klemmt sich das T-Shirt unter den Arm.
Zurück in meinem Zimmer schnappe ich mir mein Lehrbuch aus der Tasche und lasse mich aufs Bett fallen. Ich sollte noch etwas lernen, bevor es spät wird, und ich zu müde werde, um mich noch konzentrieren zu können. Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr unbedingt einen besseren Durschnitt im Zeugnis zu erreichen. Eigentlich ist er gar nicht so schlecht, aber mir gefallen einfach ein paar Noten nicht, die unbedingt verbessert werden müssen.
Ich öffne meine Nachttischschublade und hole darin meine weißen Kopfhörer heraus. Mit ein bisschen Musik fällt es mir bestimmt gleich leichter, mich zu konzentrieren und die Dinge gut einzuprägen. Warum das so ist, weiß ich selbst nicht. Einfach den Tönen und Melodien beruhigender Musik zu lauschen, lässt mich runterkommen.
Gerade als ich vertieft in den Zeilen der Medizinwissenschaft bin, werde ich durch den Klingelton meines Handys unterbrochen. Auf dem Display erscheint der Name von Dina.
››Sie wünschen?‹‹, frage ich herzhaft zur Begrüßung.
Sie schießt sofort los. ››Was hast du heute Abend vor?‹‹
››Eigentlich nichts, warum?‹‹, frage ich neugierig.
Sie erzählt mir, dass heute Abend wieder eine große Hausparty bei Mike stattfindet, und bittet mich mitzukommen. Womöglich hätte Mike so viel Alkohol bei sich zu Hause, dass er loswerden muss, bevor seine Eltern wieder aus Spanien anreißen.
››Mittwoch? Party?‹‹, frage ich dämlich.
››Komm schon! Das ist wirklich die letzte Party.‹‹ Das hat sie letztes Mal auch schon behauptet!
Ich seufze laut. Sie ist nicht mehr so lange hier. Leider. Deswegen überlege ich nicht zweimal und stimme zu.
Seit Mikes Eltern im Urlaub sind, hat er fast jeden Tag eine Party bei sich zu Hause veranstaltet. Er schmeißt förmlich das Geld seiner Eltern aus dem Fenster hinaus mit diesen dämlichen Hauspartys. Ich möchte gar nicht wissen, was er macht, wenn sie von davon erfahren. Zum Glück ist das nicht mein Problem!
Ich brauche ungefähr zwei Stunden, um mich in eine Partymaus zu verwandeln. Mein etwas auffallendes Make-Up sitzt perfekt und mein schwarz-glitzerndes Spaghettiträger-Top, mit dem dunkelblauen Jeansrock kombiniert, der mir bis zur Mitte meiner Oberschenkel reicht, passt umwerfend dazu. Ich verzichte diesmal auf High-Heels und ziehe mir stattdessen einfach meine Air-Force an. Nachdem ich meine schwarze Lederjacke und alles weiter Nötige geschnappt habe, kann es losgehen.
Als ich und Dina vor Mikes Haus ankommen, kann man die Musik bereits von draußen hören. Im Vorgarten sind schon ein paar Leute betrunken, und ich kann es kaum erwarten, im selben Zustand zu sein. Wenn es schon die letzte Party ist, dann muss sie auch richtig gefeiert werden.
Vor der Eingangstür überkommt mich wie jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Hier sind so viele Dinge geschehen, an die ich mich nicht gerne zurückerinnere. Ich versinke kurz in Gedanken, während Dina an der Tür klingelt und wartet, bis sie uns endlich jemand öffnet.
››Na ihr hübschen Dinger! Hereinspaziert!‹‹ Dina und ich können uns ein Lachen nicht verkneifen.
››Was ist denn mit dir los? Schon betrunken mein Lieber?‹‹, albert Dina herum und wuschelt dann mit der Hand durch Mikes Locken, der wiederum genervt seinen Kopf wegzieht. Er hasst es, wenn man seine Haare anfasst, und sie weiß das ganz genau!
››Du kennst mich doch. Immer schon ein Spaßvogel gewesen‹‹, sagt er stolz und klopft sich auf die Brust.
››Aber klar doch!‹‹, erwidert Dina und geht voraus.
Ich folge ihr in den Wohn- und Essbereich, oder besser gesagt „den Partyraum“, wie Mike ihn immer wieder gern nennt, weil an den Oberwänden LED-Lichter eingebaut sind, die verschiedene Lichteffekte machen. Außerdem steht neben dem riesigen Fernseher eine Stereoanlage, die einen mächtigen Bass und einen guten Sound besitzt. In der Ecke des großen Raumes steht zusätzlich noch ein Billardtisch. Sonst ist das Wohnzimmer in einem schlichten Weiß gestaltet, mit kleinen beigefarbenen Details. Seine Eltern haben auf jeden Fall Geschmack. Und sind steinreich. Allein die Einrichtung muss ein Vermögen kosten. Ich kann verstehen, warum Mike diese Partys immer heimlich veranstaltet und seine Eltern nichts davon mitbekommen dürfen. Die würden ihm den Kopf abreißen, wenn die erfahren, was hier tagtäglich abgeht, seit sie im Urlaub sind.
Dina und ich beschließen uns aus der Küche Getränke für uns zu holen. Ich laufe voraus, sodass sich Dina noch kurz mit einer ihrer Bekannten unterhalten kann, die im gleichen Moment uns über den Weg läuft. Kurz bevor ich vor der Küchentür ankomme, werde ich durch eine bekannte Stimme aufgehalten.
››Na sieh mal einer an, wer hier zu finden ist.‹‹ Ich verdrehe schon automatisch die Augen, weil ich auf diese Göre keine Lust habe.
››Was willst du Lola?‹‹, frage ich mit genervter Stimme und drehe mich lustlos zu ihr herum.
››Ich habe gehört, Dina zieht weg von hier. Schade, dann ist Adriana wohl auf sich allein gestellt, nicht wahr? Sonst hast du ja keine Freunde‹‹, provoziert sie mich und wirft mir ein fieses Lächeln zu. Sie versucht echt alles, um mich zum Kochen zu bringen! Kaum zu glauben, dass ich und Lola mal sehr gute Freunde waren. Nicht so wie Dina und ich es sind, aber wir sind sehr gut ausgekommen und hatten auch immer viel Spaß zusammen. Bis sich herausgestellt hat, was für ein Flittchen sie eigentlich ist.
››Ich glaube, du hast die Ohrfeige von letztem Mal sehr schnell vergessen, kann das sein, Lola Schätzchen?‹‹, sagt Dina hinter ihr, die gerade auf uns zukommt, und sich dann neben mich stellt. Ich schenke Lola ein fieses Lächeln. Ich weiß ganz genau, dass das trifft. Jeder hat sich über sie lustig gemacht, weil Dina ihr vor allen Anwesenden eine gescheuert hat. Lola hat es aber gar nicht anders verdient. Wenn sie so dämlich ist, sich mit Dina anzulegen und ihr versucht, Wasser ins Gesicht zu schmettern…Ein Wunder, dass sie sich nach dieser Nummer überhaupt noch hierher traut. Lola war nämlich am Ende diejenige, die heulend durch die Flure gerannt ist, und verzweifelt das Bad aufgesucht hat, um wegen einer blöden Ohrfeige zu weinen, die meiner Meinung nach viel zu harmlos war. Dina hat sie nicht einmal richtig getroffen. Vielleicht hätte ich einfach ihre blöden, blonden Haare rausreißen sollen, als sie weggelaufen ist.
Nachdem Dina ihr die Ansage erteilt hat, hat sich Lola auch schon mit einem arroganten Blick verzogen. Gott sei Dank. Ich habe heute wirklich keine Lust auf irgendeinen Zickenkrieg. Ich möchte einfach nur feiern und abschalten.
››Danke! Ich habe heute wirklich keine Lust auf eine weitere dumme Diskussion.‹‹
››Ich auch nicht. Obwohl es schon witzig gewesen wäre, Lola wieder heulen zu sehen‹‹, lacht Dina amüsiert.
Ich schüttle belustigt den Kopf. ››Ich gehe mir was zu trinken holen.‹‹
››Bring mir bitte was mit. Ich gehe so lang wieder zu Amanda‹‹, erklärt sie und verschwindet in die Menschenmenge.
Ich begebe mich auf den Weg in die Küche. Das Erste was ich tue, ist, mir zwei Becher aus dem Wandschrank zu holen. Auf der Küchentheke sind haufenweise Flaschen mit allem Möglichem. Von Bier bis Vodka und sogar kleine Klopfer. Wie will Mike den ganzen Haufen hier bloß bis nächste Woche wegbekommen?
Obwohl, bei so vielen Leuten, die sich hier versammelt haben, wird das unter Umständen wohl nicht so schwer sein dürfen.
Ich schnappe mir die Kokosnussrumflasche, fülle meinen Becher damit und vermische das Zeug anschließend noch mit Ananassaft. Im gleichen Moment betritt Mike die Küche und lächelt mich süß an. ››Du mixt Rum mit Ananassaft? So stark ist der doch gar nicht.‹‹ Er schaut belustigt in meinen Becher hinein.
››Mir schmeckt er aber so besser‹‹, erkläre ich peinlich berührt. Ich vertrage einfach keinen puren Alkohol. Es ist einfach widerlich. Nicht mal ein Glas Wein kriege ich hinunter, wenn ich ihn nicht mit irgendetwas vermische. Ich glaube Mike würde mich auslachen, wenn er das wüsste. Jeder würde mich auslachen.
››Bediene dich einfach. Es gibt genug da und ich bin froh, wenn das ganze Zeug endlich weg ist.‹‹ Ich nicke mit einem Lächeln und führe den Becher an meinen Mund.
››Mike?‹‹, rufe ich ihm zu, als er gerade dabei ist, wieder in den Flur hinüberzugehen. Er macht ein paar Schritte zurück und dreht sich dann wieder zu mir um. ››Er ist nicht hier, oder?‹‹, frage ich nervös und hoffe, dass er Nein sagt.
Mike schenkt mir ein kurzes Lächeln. ››Keine Sorge. Den würde ich hier nicht reinlassen. Außerdem ist er sowieso nicht mehr in London.‹‹
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bin froh, wenn ich niemanden
hier begegnen muss, dem ich nicht unter die Augen fallen möchte. Ich schnappe mir das Glas von Dina und gehe wieder ins
Wohnzimmer zurück. Hier sind so viele Menschen auf einen Haufen versammelt, dass ich kaum irgendwo vorbeikomme. Ich frage mich echt, woher Mike all diese Leute nur kennt!
Zum Glück entdecke ich Dina schnell mit ein paar anderen Mädchen, die ich flüchtig von der Uni kenne. Es sind eher gute bekannte von Dina. Sie haben es sich neben dem glanzweißen Esstisch gemütlich gemacht und unterhalten sich. Als ich mich zu ihnen geselle, bekomme ich eine freundliche Begrüßung von allen. ››Hey Beauty! Das ging aber schnell!‹‹, sagt Dina. Ich drücke ihr das Glas in die Hand und sie bedankt sich bei mir mit einem Lächeln.
››Ja er nervt einfach total‹‹, führt Kira ihr Gespräch weiter, dass sie wahrscheinlich begonnen hat, als ich noch in der Küche war.
››Um was geht es?‹‹, flüstere ich Dina ins Ohr und nippe an meinem Glas.
››Sie hat einen heimlichen Verehrer, aber sie findet ihn überhaupt nicht interessant. Behauptet sie zumindest‹‹, flüstert Dina zurück. Ich kichere, weil ihr Atem mein Ohr kitzelt. ››Also wenn ich mich für einen Jungen nicht interessieren würde, dann würde ich nicht so viel von ihm erzählen.‹‹ Ich schenke Dina einen fragenden Blick, ob sie sich sicher ist, was sie da gesagt hat. Sie nickt tatsächlich sehr überzeugt.
Unsere Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf Kira, die weiterhin erzählt, was ihr heimlicher Verehrer noch so alles für sie tut.
Eine wirklich witzige Geschichte.
››Lass uns noch was trinken‹‹, lallt Dina, als sie schon das fünfte Glas innerhalb der letzten vergangenen halben Stunde in sich hineinkippt.
››Bist du sicher, dass du nicht genug hattest?‹‹, frage ich behutsam. Sonst trinkt sie nie so viel. Und schon gar nicht in so kurzer Zeit.
Dina schüttelt nur den Kopf, nimmt meine Hand und führt mich an den vielen Leuten vorbei, um das sechste Mal die Küche aufzusuchen. Gott sei Dank sind auf dem Weg dorthin nur ganz wenige Leute, die uns zum Glück nicht beachten, als wir kichernd an ihnen vorbeilaufen. Diesmal mixe ich mir eine Weinschorle zusammen. Dinas Blick ruht auf mir und ich kann erkennen, wie sie versucht, ihr dummes Grinsen zu unterdrücken.
››Schau nicht so! Ich weiß genau, was du denkst‹‹, sage ich grinsend und verdrehe die Augen. Ja sie weiß es, dass ich keinen puren Alkohol vertrage. Leider hat sie damals auf einer Party zufällig mitbekommen, wie ich mit mir selbst gesprochen habe. Ausgerechnet in dem Moment, als ich mir selbst einen Vorwurf deshalb gemacht habe, hat sie mich im Hintergrund heimlich belauscht. Dina hat mir fest versprochen, es niemanden zu erzählen, doch jedes Mal, wenn wir uns etwas zu trinken holen, steht sie kurz vor einem Lachanfall.
››Ich verstehe es einfach nicht. Dir entgeht so einiges. Tequila Shots, Pfirsich Likör…‹‹
››Lass das‹‹, erwidere ich, während ich dabei bin, mir Limonade in mein Glas zu kippen, das bereits halbvoll mit einem leckeren Weißwein gefüllt ist. Ich kann ja nichts dafür, dass es so ist. Ich habe schon ein paar Mal versucht, pures Zeugs meine Kehle hinunterzukriegen, aber jedes Mal habe ich davon einen Würganfall bekommen oder musste mich schon direkt übergeben. Es ist einfach nichts für mich.
Zurück im Wohnzimmer gesellen wir uns zu Kira und den anderen Erstsemestern, die es sich bereits auf dem teuren Designersofa bequem gemacht haben. Das Thema scheint plötzlich ein ganz anderes zu sein als das zuvor.
››Gibt es schon einen festen Hochzeitstermin?‹‹, richte ich die Frage an Dina, die gerade strahlendlächelnd auf ihr Handy starrt. Im Augenwinkel kann ich erkennen, dass der Name von Benny auf dem Display erscheint. Eigentlich will ich nicht darüber sprechen, aber ich kann mich nicht über ihr Glück stellen und sie deswegen nicht gehen lassen. Sie hat diese Entscheidung getroffen, und ich muss damit klarkommen.
Sie sieht glücklich aus, und das würde ich ihr keinesfalls nehmen wollen. Schließlich hatte sie ähnliche Schicksalsschläge in der Vergangenheit wie ich, weshalb ich ihr nichts mehr wünsche, als dass sie endlich ihr Glück findet. Auch, wenn sie deshalb ans Ende der Welt ziehen muss.
››Noch nicht. Aber sobald wir in den Staaten sind, machen wir einen‹‹, informiert sie mich.
››Das heißt, du willst nicht erst hier heiraten?‹‹, sprudelt es aus mir heraus.
››Benny will nicht ohne seine Eltern eine Hochzeit veranstalten. Deshalb haben wir beschlossen, uns dort das „Ja“-Wort zu geben‹‹, erklärt sie etwas nervös und beißt sich auf die Unterlippe. Sie will in einem anderen Land heiraten? Mit zwanzig? Ohne beendetes Studium und dann auch noch ohne jemanden, den sie kennt? Ohne ihre Freunde? Ohne mich?
Seit wann macht Liebe so blind?
Aber was stelle ich mir diese dumme Frage überhaupt? Ich war damals selbst blind vor Liebe.
Ob ich diesen Schritt auch gewagt hätte?
Nein, ich glaube nicht!
››Warum ist Benny nicht mitge…‹‹, will ich sie fragen, doch ich werde mysteriöserweise von einer männlichen Stimme unterbrochen.
››Hey Mädels!‹‹, sagt die Stimme in einem amüsierten Ton. Alle drehen sich plötzlich zu dieser Person, die auf uns zuzukommen scheint. Der braunhaarige Typ bleibt mit seinem Blick für einen Augenblick lang an Dina hängen, bevor er sich einen freien Platz neben Amanda ergattert. Hinter ihm folgen drei weitere Jungs, die ebenso in unsere Richtung kommen. Es brennen zwar nur die LED-Lichter, weshalb ich die Jungs nicht richtig erkennen kann, aber irgendwie kommen mir die Gesichter gewaltig bekannt vor.
Aber nur woher?
Als schließlich der Letzte von allen folgt und sein Gesicht im gedämpften Licht auf einmal erkennbar wird, ringe ich nach Luft und öffne fassungslos den Mund.
Das ist der Schwarzschopf von heute Nachmittag!
Nicht lange dauert es, bis er mich entdeckt und mich überrascht ansieht. Unwillkürlich starre ich ihn an, bis ich realisiere, dass mich seine Kumpels ebenfalls alles anstarren.
››Das war nicht geplant!‹‹, sagt einer seiner Freunde auf einmal.
››Zwei Fliegen mit einer Klappe! Wer sagts denn!“, ruft ein anderer in die Runde und ich hebe entsetzt die Augenbrauen in die Höhe. Wer soll denn die andere Fliege bitte sein?
Ohne zu zögern, setzt sich der Unbekannte neben mich und lächelt schief.
Warum muss ich auch ausgerechnet eine Lücke zwischen mir und der Sofalehne verschaffen, damit er Platz hat, sich hinzusetzen. Mit gerunzelter Stirn mustere ich ihn und versuche, etwas zur Seite zu rutschen. Er ist mir zu nah. Näher, als er sollte.
››Na wieder trocken?‹‹, fragt er mich mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.
Sofort fange ich an zu Blinzeln und reise die Augen auf. Was ist denn das bitte für eine bescheuerte Frage?
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu und würde ihm zu gerne eins reindrücken für diese dumme Anmerkung. Er schaut amüsiert zu seinem Kumpel gegenüber und rümpft sich die Nase.
Dina hebt unwillkürlich den Kopf nach vorne und sieht den Schwarzschopf neben mir mit großen Augen an. Ein Pech, dass ich zwischen den Beiden sitze, und fast eine Panikattacke wegen meiner bescheuerten Platzangst bekomme.
Ganz ruhig Adriana. Ich versuche ruhig zu atmen.
››Alen! Mach die Kleine nicht so an‹‹, ruft sein Kumpel von gegenüber ihm zu.
Kleine? Ernsthaft?
Ich höre Dina neben mir leise kichern. ››Mach ich gar nicht. Ich habe lediglich nur eine Frage gestellt‹‹, antwortet er selbstsicher zurück, während er zu mir schielt.
››Kennst du den Typen Adriana?‹‹, flüstert Dina plötzlich neben mir. Ich nicke und verdrehe die Augen. Plötzlich überkommt mich meine selbstbewusste Seite. Ich sollte nicht nur dasitzen, sondern meine Klappe mal benutzen.
››Der Typ da neben mir hat seinen Kaffee heute Nachmittag absichtlich auf mich geschüttet und sich lustig darüber gemacht‹‹, spreche ich rein, aus Provokation, so laut, dass es alle um uns herum hören können. ››Und dass – Ich zeige mit dem Finger in die Runde auf die Jungs – waren unsere Zuschauer und haben sich ebenfalls erlaubt, mich auszulachen.‹‹ Ich kann in meinem Augenwinkel sehen, wie dieser Alen neben mir verführerisch den Mundwinkel anhebt und mich weiterhin anstarrt. Man kann sowas von bemerken, wie er versucht, ein spöttisches Lachen zu unterdrücken.
››Schöne große Klappe‹‹, sagt ein anderer Freund von ihm in die Runde. Er nickt. ››Haben wir doch schon heute Nachmittag gesehen Tommy‹‹, bemerkt Alen breitgrinsend, woraufhin sein Kumpel Tommy lachend mit einem Nicken zustimmt, und die anderen Jungs anfangen zu kichern, als kämen sie frisch aus dem Kindergarten.
Dina sieht mich neugierig und etwas verwirrt an. Ich weiß jetzt schon, dass ich spätestens, wenn wir allein sind, wie in einem Gericht verhört werde. Ich verdrehe nur wieder genervt meine Augen. ››Keiner hat nach eurer Meinung gefragt‹‹, schnaube ich gereizt. Was wollen die denn überhaupt alle hier? Woher kennt Mike bloß solche Schwachmaten?
Für einen Moment lang wird es still. ››Na süße? Wie sieht es mit einem Date mit dir und Tyler aus? Er würde so gerne etwas mit dir unternehmen.‹‹ Kurz bin ich verwirrt und versuche die Frage zu verstehen, doch dann bemerke ich, dass sie an Kira gerichtet wurde. Alle starren die Arme an, und mir wird klar, wer wohl die zweite Fliege ist. Oder besser gesagt, die Ursprüngliche.
Das ist also Tyler, von dem sie vorhin behauptet hat, sie hätte einen Lover, der ihr ständig auflauert. Ich mustere diesen Typen mit den brauen Locken, der es sich neben diesem Tommy bequem gemacht hat, und ganz offensichtlich auf Kira starrt.
››Nein wie oft soll ich das noch sagen?‹‹, sagt Kira etwas eingeschüchtert.
››Wieso nicht? Er bemüht sich wirklich, dich rumzukriegen!‹‹, gibt Tommy zurück. Erst jetzt fällt mir auf, dass die Typen hier aufgetaucht sind, um Kira aufzulauern und sie mit diesem Tyler zu verkuppeln.
Ehrlich gesagt, interessiert es mich nicht wirklich. Mich kümmert gerade nur eins: Weg von hier. Hier sind zu viele Leute an einen Tisch geklatscht, und mir ist so viel Nähe unangenehm. Dieser Alen hat sich so dicht neben mich gesetzt, dass sich unsere Arme berühren. Und Dina ist genauso an mich gerutscht, dass ich das Gefühl habe, ich werde von den beiden gleich zerquetscht. Panik überflutet mich. Lange halte ich das nicht mehr aus.
››Verrätst du mir jetzt deinen Namen?‹‹, haucht Alen neben mir und ich versuche, ein Stück zurückzuweichen. Dabei knalle ich mit dem Kopf gegen Dinas. ››Ganz bestimmt nicht!‹‹, versichere ich ihm selbstsicher und motzig. Ich will nichts mit ihm zu tun haben.
Ich höre Dinas Kichern hinter mir, weshalb ich ihr mit dem Ellbogen einen Stoß gebe, damit sie aufhört.
››Wieso nicht?‹‹ fragt er etwas enttäuscht. Idiot! Wieder ist die Aufmerksamkeit in der Runde auf uns gerichtet, und dummes „Schulmädchengekicher“ dämpft in meinen Ohren.
››Adriana. Ihr Name ist Adriana‹‹, sagt Dina hinter mir und gibt ihm die Antwort, die er hören wollte.
››Dina!‹‹, fauche ich sie an. Warum macht sie das?
››Was denn? Er ist doch süß!‹‹, sagt sie mit einer piepsigen Stimme.
››Das seid ihr beide‹‹, spricht Tommy sie mit einer verstellten Stimme an und schenkt ihr ein schiefes Lächeln. Dina fängt an zu lachen.
Wo bin ich nur gelandet? Im Anmachclub für Vollidioten?
Ich erhebe mich schließlich von meinem Platz und suche einen Weg hier raus. Gott sei Dank habe ich heute flache Schuhe angezogen, sonst wäre ich mit Sicherheit gestolpert bei dem Versuch, mir einen Weg frei zu schaffen.
Endlich! Mein Puls ist wegen meiner Platzangst und wegen diesen Vollidioten da drüben auf hundertachtzig. Wenn es hier nicht so laut wäre, könnte ich wahrscheinlich mein eigenes Herz pochen hören.
Ich habe diese bescheuerte Platzangst, seit ich klein bin, und habe immer noch nicht gelernt, damit umzugehen. Jedes Mal überkommt mich das Gefühl, gleich in Ohnmacht fallen zu müssen.
››Bist du immer so schlecht drauf oder ist das nur heute so?‹‹, höre ich Alens Stimme hinter mir. Sofort halte ich inne und drehe mich um. Fast stoßen wir beide zusammen, weil ich so plötzlich stehen geblieben bin. Vor Schreck trete ich einen Schritt zurück, und er fängt an zu lachen.
Fragend starre ich Alen an. ››Was willst du? Was ist so lustig?‹‹
››Wieso bist du einfach verschwunden? Wir haben doch nur ein wenig herumgealbert!‹‹, sagt er mit einem schiefen Grinsen.
››Weil mir nicht nach Scherzen ist.‹‹ Ich verschränke die Arme vor meiner Brust. ››Außerdem…was interessiert es dich?‹‹
››Eigentlich interessiert es mich nicht‹‹, sagt er plötzlich gelassen.
››Wieso verfolgst du mich dann?‹‹, frage ich verwirrt und blicke in seine Augen. Seine geweiteten Pupillen sind nicht zu übersehen. Seine Augenfarbe strahlt sogar bei diesem gedämpften Licht, so blau, wie sie sind.
››Ich folge dir nicht. Ich möchte nur zu der Dame da hinten‹‹, erklärt er und schielt über meine Schulter hinweg. Irritiert schaue ich ihn einen Moment lang an, drehe mich dann aber um und sehe ebenfalls in die Richtung, in die er schaut.
Am Türrahmen des Wohnzimmers lehnt ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren, die uns beide lächelnd von oben bis unten mustert. ››Entschuldige mich‹‹, sagt er unerwartet und läuft an mir vorbei, ohne mich weiter zu beachten.
Was war das denn bitte?
Idiot! Einen Moment lang habe ich wirklich gedacht, er würde mir hinterherkommen und sich bei mir für sein unverschämtes Verhalten entschuldigen.
Irgendwie bin ich total verwirrt, aber auch peinlich berührt. Und irgendwie enttäuscht, dass er mir doch nicht gefolgt ist?
››Was fasle ich da?‹‹, spreche ich mit mir selbst und schüttle den Kopf. Es sollte mir egal sein.
Ein Mädchen neben mir sieht mich schräg an. Ich schenke ihr einen arroganten Blick und frage sie stumm, was sie mich so bescheuert ansieht, bevor ich mich aus dieser Menschenmenge entferne.
Genervt hole ich mein Handy aus der Jackentasche, als ich im Garten ankomme, um frische Luft zu schnappen. Es ist bereits nach Mitternacht. Sobald ich das Handy in der Hand halte, erscheint auch der Name von Dina auf meinem Display.
››Wo bist du hin?‹‹, fragt sie sofort, als ich abnehme.
››Im Garten bin ich.‹‹ Dann höre ich nur noch den Piepston, der mir sagt, dass sie aufgelegt hat. Zwei Minuten später steht sie bereits mit einem breiten Grinsen im Gesicht neben mir.
››Uuunnndddd? Gibt es da etwas, was du mir erzählen willst?‹‹, fragt sie mich kichernd.
››Das war eine scheiß Idee, hierherzukommen! Wer veranstaltet schon mitten in der Woche eine Party? Und noch schlimmer: Wer geht mitten in der Woche auf so eine dämliche Party?‹‹ Aufgebracht und schüttle den Kopf. Dina fängt laut an vor mir zu lachen und legt voller Belustigung einen Arm um mich. ››Genau deshalb liebe ich dich so sehr.‹‹ Sie drückt mir einen Kuss auf die Wange, der deutlich seine Spur hinterlässt. Mit der Handfläche wische ich mir angeekelt die Sabber von der Wange weg. Der Intus macht sich eindeutig jetzt so richtig bemerkbar. Ich kann mich nicht erinnern, jemals von ihr solche Worte im nüchternen Zustand zu hören.
››Findest du ihn attraktiv?‹‹, fragt sie plötzlich. Ich schnappe nach Luft. ››Was zum Teufel redest du Dina? Wie viele solche Dinger hast du getrunken?‹‹ Ich deute auf das Glas, dass sie in der Hand hält. ››Jetzt komm schon! Beantworte meine Frage!‹‹
››Ich weiß nicht von wem du sprichst‹‹, seufze ich.
››Du warst schon immer eine schlechte Lügnerin Adriana‹‹, sagt sie amüsiert und hebt ihr Glas an den Mund. Sie leert ihr Getränk in einem Zug, was mich etwas beunruhigt. Warum trinkt sie heute nur so viel? ››Nein. Ich finde ihn nicht attraktiv.‹‹
››Eindeutig gelogen!‹‹, stammelt sie lachend und stolpert fast bei dem Versuch, ihr Glas an der Fensterbank abzustellen. ››Also er findet dich süß.‹‹
Ich reiße die Augen auf und starre sie an. ››Was hast du eben gesagt?‹‹ Wieder fängt sie an zu lachen.
››Woher weißt du das?‹‹, überflutet mich meine Neugier, weshalb ich mir die Frage nicht verkneifen kann.
››Ich habe mich vorhin ein wenig mit ihm unterhalten‹‹, erklärt sie mit einem Grinsen und wedelt etwas mit ihrem Körper hin und her. Wann hatte sie bitte diese Gelegenheit dazu? Und wieso überhaupt?
››Was hat er noch gesagt?‹‹, sprudelt es aus mir heraus. Ich bereue meine Frage sofort.
››Aha! Habe ich dich! Du interessierst dich doch für ihn!‹‹
››Stimmt nicht! Ich bin nur neugierig‹‹, erkläre ich wahrheitsgemäß. Ich weiß auch nicht, warum ich unbedingt wissen möchte, was er über mich gesagt hat, aber es macht mich nun mal neugierig. Ich kann nicht erklären, wieso das so ist.
››Nichts weiter. Nur…‹‹, fängt sie an, doch wir werden durch Mike unterbrochen, der hinter uns erscheint. ››Mädels?‹‹ Dina und ich drehen uns beide schlagartig um. Meine Augen erblicken Alen sofort, der hinter Mike auftritt. Daneben das schwarzhaarige Mädchen von vorhin. ››Habe ich euch schon meinen alten Kumpel vorgestellt?‹‹, fragt Mike und deutet mit einem Nicken auf Alen. Dina fängt an zu kichern. ››Nein, aber wir kennen ihn bereits‹‹, bemerkt sie.
››Ja wir kennen uns schon‹‹, erklärt Alen ihm, während sein Blick auf mir ruht. Dinas fieses Grinsen erscheint mir im Augenwinkel.
Mir kommt es vor, als würden gerade alle auf mich starren, was mir sehr unangenehm erscheint. Ich verschränke deshalb die Arme vor meine Brust, um mir so etwas Selbstvertrauen zu vermitteln. Dann bemerke ich, wie Alens Mundwinkel langsam nach oben wandern und er gleichzeitig den Blick senkt. Wenn er kein Fremder wäre, würde ich das hier als ziemlich süß finden.
››Ach wirklich? Aber Maja kennt ihr noch nicht!‹‹, erklärt Mike und deutet auf das schwarzhaarige Mädchen, das sich auf einmal neben ihn stellt und nach seiner Hand greift.
››Nein, oder?‹‹, sagen Dina und ich im gleichen Moment. Ich glaube, wir denken beide das Gleiche. Vorhin habe ich gedacht, dass sie vielleicht eine gute Freundin oder mehr von Alen sein könnte. Aber da das Mädchen sich jetzt an Mikes Schulter lehnt… Was hat Alen aber dann vorher bei ihr gemacht?
››Freut mich, dass ich Mikes Freunde kennenlernen darf. Ich bin übrigens Alens Cousine‹‹, erklärt sie und lächelt freundlich.
Okay! Jetzt ergibt alles einen Sinn. Trotzdem irritiert diese Situation mich immer noch.
Alen hebt amüsiert seinen Becher an den Mund und nippt daran. Dann richtet er wieder seine geweiteten Pupillen auf mich. Bild dir nichts ein. Es ist nur wegen dem schlechten Licht. Deshalb sind sie so groß. Nicht, weil er dich ansieht.
Warum muss er unbedingt so gut aussehen? Kann er wenigstens nicht etwas Schlechtes an sich haben? Leider finde ich im Moment nichts, was mich davon überzeugen kann, ihn nicht anzusehen.
