Maybe It's Us. Joyce & Jonah - Kalin Liu - E-Book

Maybe It's Us. Joyce & Jonah E-Book

Kalin Liu

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Beschreibung

**Das Licht in meiner Dunkelheit** Seit dem Tod ihrer Mutter kämpft Joyce täglich gegen den Schmerz, die Stille und die Angst in ihrem Herzen an. Doch erst als sie ihr altes Leben hinter sich lässt und einen Neuanfang wagt, scheint sich die Dunkelheit in ihrer Seele etwas aufzuhellen. Denn in Marble Arch muss sie sich nicht mehr jeden Tag ihren Ängsten stellen. Und dort trifft sie auch auf den unfassbar charmanten Jonah, der sie mit seiner humorvollen Art sogleich in seinen Bann zieht. Joyce ahnt jedoch nicht, dass der Mann, der sie wie kein anderer zu verstehen scheint, von seinen eigenen Dämonen heimgesucht wird. Und diese könnten die aufkeimenden Gefühle zwischen ihnen für immer zerstören … Von Zuckerwatte-Küssen in einer tiefschwarzen Welt – zutiefst emotional, unglaublich berührend und voller Herzschmerz-Momente. Eine Lovestory, die einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt! //»Maybe it's us. Joyce & Jonah« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impress

Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

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Kalin Liu

Maybe It’s Us

**Das Licht in meiner Dunkelheit**

Seit dem Tod ihrer Mutter kämpft Joyce täglich gegen den Schmerz, die Stille und die Angst in ihrem Herzen an. Doch erst als sie ihr altes Leben hinter sich lässt und einen Neuanfang wagt, scheint sich die Dunkelheit in ihrer Seele etwas aufzuhellen. Denn in Marble Arch muss sie sich nicht mehr jeden Tag ihren Ängsten stellen. Und dort trifft sie auch auf den unfassbar charmanten Jonah, der sie mit seiner humorvollen Art sogleich in seinen Bann zieht. Joyce ahnt jedoch nicht, dass der Mann, der sie wie kein anderer zu verstehen scheint, von seinen eigenen Dämonen heimgesucht wird. Und diese könnten die aufkeimenden Gefühle zwischen ihnen für immer zerstören …

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Vita

Playlist

Danksagung

© privat

Kalin Liu wurde 1996 in China geboren, wuchs in Oberösterreich auf und zog für ihr Studium nach Salzburg. Bereits in jungen Jahren faszinierte sie die kreative Seite des Lebens und mit 12 Jahren schrieb sie die ersten Geschichten und veröffentlichte diese auf Fanfiction-Portalen. Neben dem Schreiben lebt sie ihre Kreativität als Buchbloggerin auf ihrem Instagram-Kanal aus und flaniert am liebsten zwischen den Zeilen ihrer liebsten Bücher.

Vorbemerkung

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die Spoiler enthält.

Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleibe damit nicht allein. Wende dich an deine Familie und an Freunde oder suche dir professionelle Hilfe.

Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.

Kalin und das Impress-Team

Für alle Joyce’ und Jonahs da draußen: Wir schaffen es, irgendwann ein bisschen weniger am Arsch zu sein.

Playlist

Safe & Sound – Hayd

Outnumbered – Dermot Kennedy

If the World Was Ending – JP Saxe, Julia Michaels

Social Stemina – ROSIE

What Am I – Why Don’t We

Little Do You Know – Alex & Sierra

Like My Father – Jax

Broken – Jonah Kagen

Be Alright – Dean Lewis

In The Stars – Benson Boone

I’ll Be There – Walk Off the Earth

Kids In The Dark – All Time Low

Monsters – Timeflies, Katie Sky

Supermarket Flower – Ed Sheeran

Try – Paul Eckert

I GUESS I’M IN LOVE – Clinton Kane

Dive – Hot Shade, Mike Perry, Chris James

By the Way – Erica Padilla

How Do I Say Goodbye – Dean Lewis

The Woods – Hollow Coves

Butterfly Fly Away – Miley Cyrus, Billy Ray Cyrus

Dandelions – Ruth B.

The Book of You & I – Alec Benjamin

22 (Taylor’s Version) – Taylor Swift

Cardigan – Taylor Swift

Prolog

Joyce

Sie ist tot.

Mom hat sich mit leisen Schritten aus unser aller Leben verabschiedet und dabei ein ohrenbetäubend lautes, unendlich tiefes Loch hinterlassen. Es ist nicht die Angst vor der Finsternis, die mich jagt, sondern die Ungewissheit, ob wir jemals wieder dort rauskommen werden.

Als ich jünger war, faszinierte mich das Konzept des Durchschlagpapiers. Es war toll zu sehen, wie man etwas draufschrieb und es Abdrücke auf der nächsten Seite hinterließ. Vielleicht kann man den Verlust eines geliebten Menschen ganz gut damit vergleichen. Mom schrieb, während sie lebte, prägte unser aller Sein mit jedem Wort und jeder Tat – und nun wurde ihre Seite vom Tod herausgerissen. Wie ein Fehler einfach korrigiert.

Heute Morgen ist sie gestorben. Als ich meine Kreuze auf das gelbliche Papier des Aufnahmetests für die University of Colorado gesetzt habe, setzte der Krebs ein Kreuz bei ihr. Um acht Uhr morgens, wo andere einen neuen Tag damit beginnen, Mutter zu sein, hat sie damit aufgehört.

Meine Finger umschließen das Smartphone in meiner Hand fester, ich klammere mich daran, als wäre es der Hoffnungsschimmer, nach dem ich gesucht habe. Die Worte meines Vaters drücken auf mein Herz wie eine Müllpresse. Hoch, runter. Hoch, runter. Bis es irgendwann hoffentlich so winzig ist, dass der Schmerz mitschrumpft.

Juju, deine Mom … deine Mom ist heute früh … Mein Vater musste den Satz nicht beenden, seine tränenerstickte Stimme hat mir bereits verraten, wie er enden würde: … gestorben.

Dad fragte mich gleich nachdem er sich wieder gefangen hatte, wie es mir gehe, und ich fragte mich währenddessen, wie ich mich jemals von einem Menschen verabschieden sollte, der mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.

Mein Blick ist auf die vorbeiziehende Landschaft geheftet und ich spüre, wie meine Augen in der Geschwindigkeit des Zuges, in dem ich stehe, den orange-goldenen Blättern draußen zu folgen versuchen.

Drei Jahre, 1095 Tage, hat der verfluchte Krebs gebraucht, um einen der stärksten Menschen, den ich kenne, in die Knie zu zwingen. 1095 Tage hören sich für viele an wie eine Ewigkeit, aber für mich ist es die kürzeste Ewigkeit, die es je gab. Drei Jahre voller Tränen, Ängste und unbeschreiblicher Liebe – einfach vorbei. Übrig bleibt mein Müllpressenherz. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wäre nicht darauf vorbereitet gewesen … hätte den Sieg des Multiplen Myeloms nicht kommen sehen.

Die Ärztinnen und Ärzte haben uns nie Hoffnung auf Heilung gemacht. Dieser Krebs war ein Todesurteil, das früher oder später gefallen wäre. Es ging nie darum, Moms Leben zu retten, sondern mehr darum, den Tod hinauszuzögern. Und dennoch ist die Diagnose damals über mein achtzehnjähriges Ich hereingebrochen wie ein Tsunami.

Ich stand kurz vor meinem Highschool-Diplom, konnte das feste Papier, auf dem mein Zeugnis gedruckt werden würde, bereits zwischen meinen Fingern spüren. Auch die lauen Sommerabende an den Stränden von Kalifornien oder die heißen australischen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ich wollte nach dem Abschluss die großen und kleinen Winkel der Welt entdecken, auf das Jeder-kennt-jeden-Leben in meinem Heimatstädtchen Brentwood zurückschauen – mit der Frage, was das Leben noch für mich bereithalten würde.

Für diese Bilder im Kopf hatte ich hart gearbeitet, hatte jeden einzelnen Dollar, den ich bei Marjorie im Tante-Emma-Laden die Straße runter verdienen konnte, in ein albernes Einmachglas geworfen. Auf das Leben klebt heute noch darauf.

Moms Diagnose hat die Träume eines naiven Teenagers zu Staub zermahlen. Anstatt der glühenden Sonne und des salzigen Geschmacks des Meeres lernte ich nach meinem Schulabschluss das Innere von Krankenhäusern kennen. Laborergebnisse. Notaufnahme. Chemotherapie. Die restliche Zeit, die nicht der Krebs gefressen hatte, arbeitete ich weiterhin bei Marjorie im Laden. Ich habe bei ihr angefangen, als ich sechzehn war, um meine Schülerinnenkasse ein bisschen aufzubessern. Nach dem Schulabschluss bin ich dann noch weitere drei Jahre bei ihr hängen geblieben. Ich habe dort zwar kein großes Geld gemacht, aber die Arbeit hat mir ein kleines Stück Normalität verschafft.

Der Prozess, in dem ich langsam anfing zu zerbrechen, war genauso schleichend wie der Krebs. Die Krankheit bedeutete für meine ältere Schwester Charlie und mich nicht nur, uns mit dem drohenden Tod unserer Mutter abzufinden, es hieß gleichzeitig, dass es an der Zeit war, ein Stückchen unserer Jugend und Leichtigkeit abzugeben.

Mom und Dad bemühten sich, uns trotz der ganzen Umstände ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, indem sie schlechte Neuigkeiten verschwiegen oder beschönigten. Sie wussten nichts davon, dass Charlie und ich uns nachts nicht in unsere Zimmer schlichen, um gemeinsam Angst vor der Ungewissheit zu haben. Normalität – wie absurd mir dieser Begriff plötzlich erscheint.

Ich stehe im Gang dieses maßlos überfüllten Zuges und versuche krampfhaft meine Tränen zu unterdrücken. Gleichzeitig will ich einfach nur schreien und nie wieder einen Laut von mir geben. Ich beiße mir fest auf die Unterlippe, als mir ein leises Lachen entwischt. Menschen sind immer der Meinung, dass es nur eine Art gibt, um mit Verlust umzugehen. Sie erwarten die hässliche Art. Die schreiende. Trauer hat jedoch so viele Facetten. Manche trauern leise für sich, andere wiederum lachen laut. Nicht weil sie glücklich sind, sondern weil sie zu viel auf einmal fühlen. Vielleicht ist das Lachen eine Kurzschlussreaktion? Ein Schutzmechanismus oder eine Wundsalbe, die die Risse eines Herzens klebt.

Ich schlage mir die Hand vor den Mund und merke, wie die Sicht vor mir langsam verschwimmt. Ein Weichzeichner legt sich über das Herbstbild. Mit den bunten Blättern dort draußen fallen auch meine ersten Tränen hier drinnen.

»Guten Tag! Den Fahrschein, bitte.«

Eine rauchige Stimme reißt mich ruckartig aus meiner Trance und ich drehe mich zu einem älteren Mann in Uniform um. Er legt fragend seine Stirn in Falten.

»Ist alles in Ordnung?«

Seine Stimme ist sanft und erinnert mich an die meines Vaters. Seine weißen Augenbrauen ziehen sich besorgt zusammen und er neigt den Kopf leicht nach rechts. Die Hitze kriecht meinen Körper hinauf und legt sich auf meine Wangen. Himmel, ist das unangenehm!

Ich nicke hastig und fange an, in meiner kleinen braunen Lederhandtasche nach der Fahrkarte zu wühlen. Meine Fingerspitzen zittern so sehr, dass ich kaum den Reißverschluss aufbekomme.

»Warten Sie! Vergessen wir es einfach, in Ordnung? Ich bin mir sicher, dass Sie eine Fahrkarte haben.«

Ich stoppe den Versuch, meine Tasche aufzubekommen, und starre ihn verwundert an.

»Ich weiß zwar nicht, was Sie gerade durchmachen, aber ich hoffe, dass es bald vorbei sein wird. Haben Sie noch einen schönen Tag.« Er schenkt mir ein warmes, aufmunterndes Lächeln und setzt zum Gehen an.

»In diesem Abteil sind noch einige Sitzplätze frei. Es ist zwar die erste Klasse, aber da ich Ihr Ticket nicht gesehen habe, weiß ich ja nicht, was daraufsteht.« Mit einem letzten verschwörerischen Grinsen lässt er mich stehen und verschwindet im nächsten Abteil.

Mein Blick folgt ihm, bis er aus meinem Sichtfeld tritt, und bleibt ein paar Sekunden länger an dem Platz haften, an dem ich ihn eben noch gesehen habe. Mein Herz zieht sich krampfartig zusammen. Die Luft scheint mir plötzlich zu dickflüssig und zäh, um sie einzuatmen. Ich lache, während mir der salzige Geschmack meiner Tränen wie eine bittere Decke auf der Zunge liegt.

Diese kleine freundliche Geste ist der Hammer, der meine Mauer aus zurückgedrängten Emotionen mit einem Ruck splittern lässt. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und atme tief ein und aus, in der Hoffnung, meine Gefühle, die alle gleichzeitig gefühlt werden wollen, zu beruhigen. In diesem Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine feste Umarmung meiner Mom. Ihre Umarmungen gehörten zu denen, die sich wie ein Schutzschild um einen legten. Sie fühlten sich an, als würde man wie von selbst damit aufhören zu zerfallen.

Ich ziehe mir den Ärmel meines schwarzen Hoodies über meine Hände, wische mir über meine brennenden Wangen und straffe meine Schultern.

Joyce, du wirst dich jetzt verflixt noch mal zusammenreißen! Nur noch eine halbe Stunde Fahrt bis zu Hause. Da kannst du loslassen, aber nicht hier und nicht jetzt.

Das Abteil, von dem der Kontrolleur vorhin gesprochen hat, ist tatsächlich fast leer bis auf eine alte Dame, die mit ihrer Nase tief in ihrem Buch versunken zu sein scheint, und einer jungen Frau, die gedankenverloren aus dem Fenster sieht. Ich schiebe die Tür auf und setze mich direkt auf den ersten freien Platz, den ich bereits von draußen durch die Glastür gesehen habe. Das Handy in der Tasche meines beigen Mantels vibriert in dem Moment, in dem ich gerade danach greifen will. Auf dem Sperrbildschirm tauchen einige WhatsApp-Nachrichten von Charlie und ein paar in Instagram auf. Ich ignoriere sie alle und öffne den Chat von meiner besten Freundin Vic und mir. Die letzte Nachricht haben wir vor zwei Tagen geschrieben, als wir uns zum Pizzaessen in Denver verabredet hatten. Vic und unser gemeinsamer bester Freund Cam sind nach der Schule wegen ihres Studiums dort hingezogen. Eigentlich sollte ich auch dort sein und mit ihnen überteuerten Kaffee am Campus der CU trinken und uns über die nächsten Klausuren den Kopf zerbrechen. Eigentlich. Bis das Leben eben andere Pläne für mich hatte. Vor zwei Tagen saßen wir noch bei unserem allerliebsten Italiener, wir erzählten uns lustige Anekdoten aus unserer Schulzeit, lachten und alberten, als wären wir unbesiegbar.

Joyce: Mom ist heute Morgen gestorben.

Menschen sind nicht dazu erschaffen, um unbesiegbar zu sein.

Die schwarze Schrift in der grauen Sprechblase scheint mich regelrecht zu verspotten. Was schriebst du da, Joyce? Mom ging es doch gut. In meinen Augen sammeln sich langsam wieder Tränen und ich sende die Nachricht an Vic, bevor ich sie einfach lösche.

Vic: Willst du wieder zu uns zurückfahren?

Ich atme erleichtert aus. Diese Nachricht wirkt womöglich auf Außenstehende kaum empathisch, aber ich bin einfach nur froh, dass sie genau diese Worte gewählt hat. Ich habe noch nie verstanden, weshalb Menschen sagen, dass es ihnen leidtut, als wären sie schuld daran. Mein Beileid. Worte, die meist keine Bedeutung haben, weil man sie einfach so dahinsagt, damit um sich wirft, als wären sie Konfetti. Eigentlich geht es doch darum, dass sie sich nicht besser zu helfen wissen und der Tod ihnen unangenehm ist. Fast so, als wäre zu sterben eine Sache, wofür man sich schämen muss.

Joyce: Ich sollte lieber nach Hause fahren. Danke trotzdem. Viel Spaß heute Abend beim Konzert.

Mein Geist zerreißt sich in diesem Augenblick. Ihr Angebot ist so verlockend. Denver liegt immerhin nur zwei Stunden von Brentwood entfernt, fast zu nahe, um Nein zu sagen. Ich will einerseits nichts lieber, als wieder zurück zu Vic und Cam zu fahren, um mit ihnen gemeinsam auf der Couch bei einem grottenschlechten Netflix-Film eine große Packung Chocolate Fudge Brownies zu verputzen und dabei so zu tun, als würde meine Welt sich noch in die richtige Richtung drehen. Andererseits wünsche ich mir nichts sehnlicher, als mich in mein Bett zu verkriechen und mich an meiner Decke festzukrallen, um nicht endlos in die Dunkelheit gerissen zu werden.

An dem Tag, als der Krebs meine Mutter besiegt hat, besiegte er irgendwie auch mich.

Jonah

Vergessen. Einfach nur vergessen. Der Beat von Smells Like Teen Spirit jagt durch jede Zelle meines Körpers und bringt mein Herz dazu, mit dem schlechten Remix mitzuschlagen. Der von süßlichen Mixgetränken geflutete Boden klebt unangenehm unter den Sohlen meiner weißen Sneakers. Vor einer Viertelstunde habe ich meinen dritten Joint geraucht und eine hellblaue Pille eingeworfen, ohne genauer hinterfragt zu haben, welche Substanz es war und welche Wirkung sie auf mich haben würde.

Ein Typ, der selbst nicht mehr alle Sinne beisammen hatte, hat sie mir draußen vor dem Klub angeboten. Ich habe sie eingenommen, weil das THC seine Wirkung zu langsam und zu schwach entfaltet hat. Die ersten zwei Joints haben ungefähr den gleichen Nutzen, wie wenn man ein Glas Wasser auf ein brennendes Haus schüttet. Drogen von zwielichtigen Typen anzunehmen ist nicht unbedingt die klügste Idee, aber wenn einem alles wehtut, dann ist einem auch jedes gottverdammte Mittel recht, damit es aufhört. Ich weiß nicht, ob man dieses Gefühl überhaupt noch als Schmerz bezeichnen kann. Damit etwas schmerzt, muss man etwas fühlen. Ich fühle nichts. Kann man Leere fühlen? Kann man unter etwas leiden, das nicht existent ist?

Der Raum ist bis auf den letzten Zentimeter voll. Er scheint sich zu drehen und beschwört Übelkeit herauf. Fremde Körper stoßen immer wieder gegen mich und bringen mich ins Wanken.

Ich habe mit Riley geschlafen, Jonah!

Ich hatte immer gedacht, ich wüsste, wie sich echter Schmerz anfühlte – bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir Louisa nach verfluchten sieben Jahren Beziehung gesagt hat, sie sei mit einem unserer gemeinsamen Freunde ins Bett gegangen. Aber ich hatte nicht einmal ansatzweise eine Ahnung davon, wie sich wirklicher … unerträglicher Schmerz anfühlte.

Ich habe versucht zu weinen, ich habe versucht zu schreien, ich habe alles versucht, um diese Leere und diese Wut zu kompensieren. Vielleicht ist es auch irgendwo meine eigene Schuld gewesen, sie als Fels in der Brandung oder so einen Schwachsinn zu betrachten.

Sieben verdammte Jahre. Als wir zusammenkamen, waren wir fast noch Kinder. Wir waren für unsere gemeinsamen Freunde das Für-immer-Pärchen. Unsere Namen fielen immer als Erstes, wenn es darum ging, wer von uns im Freundeskreis zuerst heiraten und Kinder bekommen würde. Sie war mein sicherer Ort, wenn ich es zu Hause nicht mehr aushielt, wenn Dad zu präsent war und Mom zu abwesend. Nennt man so etwas ein Paradoxon, wenn die Person, bei der man sich in Sicherheit wähnt, gleichzeitig die Person ist, die einen am heftigsten verletzen kann?

»Hey, Jonah! Geht es dir gut?«

Ich höre die Frage, aber irgendwie höre ich die Frage auch nicht.

Drews Gesicht erscheint vor mir und verschwindet, als ich blinzle, um einen Augenblick später wieder in meinem Sichtfeld aufzutauchen. Ich sehe die tanzenden und grölenden Individuen nur mehr als eine ineinander verschmolzene Masse. Die Musik, die Stimmen, das Gelächter um mich herum hören sich dumpf in meinen Ohren an, so, als hätte mein Gehirn die Geräusch-Unterdrückungsfunktion eingeschaltet.

Ich spüre, wie mein Herz mit voller Wucht gegen meinen Brustkorb schlägt und mir mit jedem Schlag einen schmerzhaften Stich verpasst. Meine Hände und Beine zittern vor Kälte, als wäre ich nicht gerade zwischen Hunderten von Menschen eingequetscht. Gleichzeitig kriecht eine unerträgliche Hitze durch meinen Körper.

Alles kribbelt, obwohl sich im selben Augenblick ein furchterregendes Taubheitsgefühl ausbreitet. Die Wände des Klubs scheinen immer näher zu kommen, der Raum dreht sich und zwingt meinen Gleichgewichtssinn sich mitzudrehen. Die verschwommene Sicht wird hin und wieder kurzzeitig schwarz – als würde man bei einer Diashow weiterklicken. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich atme. Flehe meine Lunge an zu funktionieren.

Ein kalter, klebriger Schweißfilm legt sich über meine Haut, das unkontrollierte Zittern meiner Finger wird stärker und das Stechen in meiner Brust mit jeder vergehenden Sekunde schmerzhafter. Ich will nicht sterben. Ich bin müde von all der Scheiße, die sich Leben nennt, aber ich will nicht sterben.

»Jonah!«

Drews graue Augen tauchen wieder vor mir auf. Seine Hände, die er auf meine Schultern legt, fühlen sich tonnenschwer an. Was mache ich hier? Was passiert mit mir? Wieso bin ich mit Drew hier? Ich konnte diesen Typen schon während der Highschool nicht ausstehen. Er ist ätzend, aber er weiß, wie und wo man günstig an Gras rankommt. Reichte für mich allem Anschein nach aus, um mit ihm abzuhängen.

Wieso schlägt mein Herz so schnell? Meine Gedanken überschlagen sich und mischen alles Erdenkliche wie bei einem schiefgelaufenen Chemieexperiment wirr zusammen, bis ein dichter Nebel aufsteigt und mir das klare Denken endgültig unmöglich macht.

»Komm schon, Jonah! Mach keinen Scheiß! Hey!«

Ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen, und gleichzeitig das Gefühl, daran zu ersticken. Meine Beine geben zuerst nach. Ein stechender Schmerz durchfährt mich, als ich unsanft auf dem feuchten Boden lande.

Schwarz. Grauschwarz. Dunkelschwarz. Alle Facetten von Schwarz.

Ich glaube, ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt wie später an diesem Abend, als ich allein, gegen eine dreckige Hauswand gelehnt, neben stinkendem Müll aufgewacht bin. Ich kann mich noch vage an aufgeregte Stimmen um mich herum erinnern und an die kühle Luft, die mein Gesicht traf, als Drew mich irgendwie aus dem Klub gezerrt hat.

Jetzt ist keine Spur mehr von ihm und den aufgewühlten Stimmen zu hören oder zu sehen. Wahrscheinlich haben sie gedacht, ich würde draufgehen. An meinen Händen klebt Erbrochenes, dessen Anblick mich direkt wieder würgen lässt. Wäre es nicht so traurig, würde ich fast über den grotesken Witz, den mir mein Leben hier erzählt, lachen. Vielleicht gehöre ich genau hierher. Vielleicht bin ich nicht mehr als das Überbleibsel von einem eigentlichen schönen Leben, das nicht mehr für mich bestimmt ist.

1. KAPITEL

Joyce, ein Jahr später

Ich betrachte meine linke Hand und suche nach einem Anzeichen dafür, ob sie zittert. Meine Finger verhalten sich jedoch ruhig, ich erkenne nicht mal eine klitzekleine Regung. Mir geht es gut. Die aufsteigende Panik passiert nur in meinem Kopf, sie ist nicht real. Das flauschige Fell meines steinalten Katers, Mister Scrooge, kitzelt meine Beine und erinnert mich wieder an die bevorstehende Abreise. Ich atme einmal tief durch und verspreche mir dabei selbst, stark genug für diesen Schritt zu sein, während ich unruhig an den losen Strähnen meiner Haare zupfe. Mister Scrooge maunzt beleidigt und stößt nun fester mit seinem Köpfchen gegen mein Schienbein.

»Na, du kleiner Miesepeter.« Ich schmunzle, als ich mich zu ihm hinunterbeuge, um ihn zwischen seinen orange-weißen Ohren zu kraulen. »Ich werde dich vermissen«, murmle ich mit dem Beigeschmack von Schwermut auf den Lippen.

Wie auf Kommando fängt er an zu schnurren und lässt sich direkt vor meinen Füßen zur Seite fallen, um mir seinen kuscheligen Bauch zu zeigen.

»Er wird dich bestimmt auch sehr vermissen.«

Ich hebe meinen Blick und sehe, wie meine ältere Schwester im Türrahmen meines Zimmers lehnt – mit verschränkten Armen und einem amüsierten Grinsen im Gesicht.

»Er wird darüber hinwegkommen. Sei in den nächsten Wochen einfach ein bisschen nachsichtiger, wenn er ein paar Leckerlis mehr möchte als sonst, und leg ein paar Kuscheleinheiten drauf. Er wird sich kaum mehr an mich erinnern, wenn ich wiederkomme«, erwidere ich und hebe ihn vom Boden auf, um meine Nase ganz tief in seinem getigerten Fell zu vergraben.

»Und wer gibt mir Kuscheleinheiten, wenn ich dich vermisse?«, schmollt Charlie und schiebt ihre Unterlippe vor. Sie zeigt es nicht sehr deutlich, aber ich weiß auch ohne große Worte, dass mein kommender Auszug sie seit Wochen nicht in Ruhe lässt. Sie versucht ihr Bestes, um es sich nicht anmerken zu lassen – das tut sie immer. Ich weiß es trotz all ihrer Bemühungen, weil es mir genauso schwerfällt. Aber ich brauche nach den letzten Jahren einfach Luft zum Atmen.

»Du kannst Scroogie ja ganz nett darum bitten, vielleicht akzeptiert er dich als Kuschelpartnerin«, entgegne ich mit einem amüsierten Grinsen, das mir jedoch einen Augenblick später aus dem Gesicht fällt, als mir Charlie unerwartet gegen den Oberarm boxt.

»Mach dich ruhig lustig über deine große Schwester, die einfach nicht zusehen kann, wie du erwachsen wirst.« Sie seufzt theatralisch und ich rolle belustigt mit den Augen.

»Bist du so weit, Juju?«, höre ich Dad im Flur nach mir rufen.

Bei dem Klang meines Spitznamens legt sich eine angenehme Gänsehaut wie eine wärmende Decke über meinen Körper. Als ich auf die Welt kam, war Charlie erst zwei Jahre alt und schaffte es trotz aller Bemühungen nicht, meinen Namen richtig auszusprechen. Für sie hieß ich Juju und somit bürgerte sich dieser Name in unseren vier Wänden ein.

»Bin gleich da!«, rufe ich und fahre mit meinen Fingern noch ein letztes Mal über Mister Scrooges unverschämt weichen Bauch. »Ich denke, es kann losgehen.«

Ich straffe die Schultern und richte noch mal die Riemen meines pastellfarbenen Rucksacks, der eigentlich bereits tadellos auf meinem Rücken sitzt. Himmel, die Aufregung zerfrisst mich bald.

»Bis dann, du kleine Nervensäge«, flüstert mir Charlie leise ins Ohr, als sie mich in eine feste Umarmung zieht. »Pass auf dich auf und bau keinen Scheiß«, ergänzt sie noch, bevor sie sich mit einem breiten Grinsen von mir löst.

»Was für einen Scheiß soll ich denn bauen? Ich bezweifle, dass man wegen Extrem-Couchings und exzessiver Filmmarathons verhaftet werden kann«, erwidere ich amüsiert.

»Touché, meine Liebe! Und jetzt los, du wirst Marble Arch rocken!« Sie verleiht ihren Worten Nachdruck, indem sie mir einen sanften Schubs in Richtung Haustür gibt. »Ich hab dich lieb, Juju!«, höre ich sie noch hinter mir rufen, als Dad und ich bereits beim Wagen stehen.

»Ich dich auch, Charlie!« Ich winke ihr noch ein letztes Mal zu, bevor ich meinen Rucksack in den Fußraum schmeiße und einsteige.

O Gott, das hier passiert gerade wirklich. Ich habe mich tatsächlich getraut.

Mit jedem weiteren Meter, den wir uns von Brentwood entfernen, wird mir meine Nacht-und-Nebel-Entscheidung bewusster. Ich lasse meinen sicheren Ort, meine Komfortzone hinter mir und das jagt mir unendlich viel Angst ein. Neuanfänge sind nicht immer so romantisch, wie es Filme und Bücher einem weismachen wollen. Neuanfänge beginnen mit einem Koffer voller Sorgen, Ängste und Zweifel. Die Sorge vor der Einsamkeit, die Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, und die Angst davor zu scheitern.

»Ich hoffe, eure Beziehung wird für immer so bleiben.«

Dads Stimme reißt mich aus meinem inneren Monolog. Ich brauche einen Augenblick, um einzuordnen, worüber er spricht. Er meint Charlie und mich. Dad ist seit Moms Tod sentimentaler geworden und um einiges näher am Wasser gebaut. Er sprach oft davon, dass er froh über das verbesserte Verhältnis von meiner Schwester und mir sei, denn Mom sei das perfekte Beispiel dafür, dass das Leben von einem auf den anderen Augenblick vorbei sein könne. Und jedes Mal, wenn er uns wieder daran erinnerte, dass auch er nicht ewig bei uns sein würde, versetzte es mir einen Stich. Ich konnte es auch Charlie ansehen, wenn sie ihren Blick abwandte. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie wir einen weiteren Abschied überleben sollten, da doch bereits der von unserer Mom uns nur noch als halbe Seelen zurückließ.

»Das hoffe ich auch«, erwidere ich lächelnd. Das hoffe ich wirklich, vielleicht mehr, als du denkst, Dad. Weil ich mich vor dem Alleinsein auf dieser Welt fürchte.

»Wann starten bei dir die ersten Kurse?«, fragt er, während er rechts blinkt, um Richtung Highway zu fahren.

»Montag und Dienstag sind die Willkommenstage. Ich glaube, den ersten Kurs habe ich am Donnerstag.«

»Ich bin wirklich sehr stolz auf dich, Joyce, und dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, dich ein Stück auf deinem neuen Weg begleiten zu dürfen. Das ist die größte Freude, die du mir machen kannst, Juju. Ich … ich hätte nur vor ein paar Monaten nicht gedacht, dass du diesen Schritt schon so bald machen würdest.« Seine Stimme bricht, und der letzte Teil des Satzes ist nur mehr ein leises Flüstern.

Ich hätte das auch nicht gedacht. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er mit seiner rechten Hand versucht eine Träne wegzuwischen.

Ich hatte mir nach Moms Tod ein weiteres Jahr Auszeit genommen und in der einzigen Bäckerei der Stadt gejobbt. Statt Abenteuerluft genoss ich jeden Morgen pünktlich um fünf den Duft frisch gebackener Brötchen. Der Aufnahmetest für die University of Colorado, den ich an Moms Todestag geschrieben hatte, hätte mir zwar einen Studienplatz gesichert, aber ich habe mich damals noch nicht bereit dazu gefühlt, in eine neue Stadt zu ziehen. Weg aus meiner vertrauten Umgebung. Weg von Dad, weg von Charlie. Weg von allem, das mich geprägt hat und ausmachte. Ich stand die ersten Monate neben mir und war die Beobachterin meines eigenen Lebens, hatte durchgehend Angst davor, dass diese echoende Leere und das taube Gefühl niemals wieder verschwinden würden. Mein Leben bestand aus Arbeit und Schlaf. An manchen Tagen war die Verzweiflung so groß, dass ich mich direkt nach der Arbeit in mein Bett legte und mir wünschte, alles auf der Stelle beenden zu dürfen. Ich denke, es war mein Ehrgeiz, gemischt mit dem letzten Funken Lebenswillen, der mich aus diesem dunklen Meer der Hoffnungslosigkeit gezogen hat. Aber vielleicht war es auch der Gedanke daran, wie weit ich schon gekommen war, und daran, eine schönere Zeit in der Zukunft zu verpassen.

An manchen Tagen war es schwerer als an anderen, aber ich hatte die Hoffnung, dass sich die Wunden, die Moms Tod bei uns allen hinterlassen hatte, irgendwann schließen würden. So war das nun mal, für die Lebenden ging das Leben weiter. Die Welt drehte sich, die Tage kamen, die Nächte gingen und Stillstand stand nicht zur Wahl. Also musste man sich mitdrehen, mit dem Leben mitziehen.

»Ich bin hier, Dad, und mir geht es besser. Marble Arch wird gut. Ich denke, ich brauche diesen Abschnitt. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass unser Haus zu klein wurde für all die Päckchen, die wir drei mit uns herumschleppen mussten. Ich denke, uns allen wird es guttun, mal wieder richtig durchatmen zu können«, sage ich mehr zu mir selbst als an ihn gerichtet. Ich lächele ihn sanft an, greife nach seiner Hand, die auf seinem Oberschenkel liegt, und drücke sie kurz.

»Da hast du wahrscheinlich recht. Das Gefühl habe ich auch.«

2. KAPITEL

Joyce

Nach einer fünfstündigen Fahrt kommen wir vor einem Gebäude zu stehen, in dem sich im Erdgeschoss ein Café befindet. Forest & Beans steht in großen Lettern über dem Eingang auf der agavengrünen Hauswand. Das Stockwerk darüber besteht aus sandfarbenem Backstein. Der Türrahmen der Doppelflügeltür, die in das Innere des Cafés führt, sowie die Rahmen der bogenförmigen Fenster im ersten Stock sind in einem hellen Rosa gestrichen. In dieses Haus werde ich gleich einziehen. Mein erstes eigenes Zuhause. Ich fühle mich einerseits von Glückshormonen überschüttet, gleichzeitig finde ich es einfach nur angsteinflößend.

Das Quaken einer Ente lässt mich aus meiner Bewunderung aufschrecken. Der Duft von frischem Kaffee, Zuckerguss und herrlichem Schokoladenkuchen umhüllt mich. Ein junger Mann mit zwei Kindern tritt aus der Tür. Mit beiden Händen stützt er sich auf Krücken ab, woraufhin ich seinen eingegipsten linken Fuß entdecke. Dem blauen Fleck auf seiner Wange und den Abschürfungen auf seinem Gesicht nach zu urteilen, scheint es ein echt übler Unfall gewesen zu sein.

Das kleine Mädchen hält mit beiden Händen einen liebevoll verzierten Karton fest umklammert. »Ich will beide Blaubeermuffins!«, verkündet sie. Das breite Grinsen auf ihrem Gesicht reicht von einem Ohr bis zum anderen.

»Du darfst aber nicht alle beide sofort essen. Da bekommen wir Ärger mit Mom«, erwidert der Mann und hebt einen Augenblick später seinen Blick.

Die Ähnlichkeit ihres Lachens wirkt beinahe schon gruselig. Seine Augen bleiben für einen kurzen Moment an meinen hängen. Heterochromia iridis. Ich habe so was noch nie an einem Menschen gesehen. Biologie kann manchmal so faszinierend und schön sein.

»Vertrau meiner kleinen Schwester nicht, der Schokoladenkuchen ist besser als die Blaubeermuffins«, höre ich ihn leise sagen, als er an mir vorbeigeht. Frische Bergamotte und holzig-herbes Patschuli lösen den süßlichen Duft von Kuchenteig ab. Seine Mundwinkel ziehen sich weiter nach oben und formen ein herzliches, verspieltes Lächeln. Meine Lippen ahmen seine wie von selbst nach und mein Magen meldet sich trotzig mit einem lauten Knurren, um mir mitzuteilen, dass es höchste Zeit ist damit aufzuhören, fremden Männer hinterherzuglotzen.

»Okay«, sage ich leise, als er schon längst die Straße hinuntergelaufen ist.

»Du darfst entscheiden. Sollen wir uns zuerst den Bauch mit Kuchen vollschlagen und dann an die Arbeit gehen, oder zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen?«, fragt Dad und legt einen Arm um meine Schulter.

Ich blinzle, um meine verloren gegangenen Gehirnzellen wieder einzusammeln. »O bitte, Dad! Ich dachte, du kennst mich mittlerweile. War ich die letzten zweiundzwanzig Jahre nicht deine Tochter?«, erwiderte ich und versuche mir mein kurzes Abgelenktsein nicht anmerken zu lassen.

Er drückt kopfschüttelnd meinen Oberarm und schenkt mir als Antwort ein sanftes Lächeln. »Los, bevor du mir hier noch vom Fleisch fällst.« Mit diesen Worten schiebt er mich in Richtung Zimt-Zucker-Paradies.

Das Quaken von eben ertönt erneut, als ich die Tür aufdrücke. Dieses Geräusch changiert definitiv zwischen nervtötend und grenzgenial. Das Forest & Beans ist nicht nur ein Freizeitpark für meinen Geruchssinn, sondern auch für meine Augen. Das Innere erinnert mich an ein Antiquariat, das durch eine Theke aus dunklem Holz und mithilfe einer riesigen silbernen Siebträgermaschine zu einem Café umfunktioniert wurde. Jede erdenkliche Ecke des Raumes wird von Pflanzen ausgefüllt, so, als wären sie schon da gewesen, bevor die Menschen beschlossen haben, hier ein Gebäude hinzubauen. Die Möbel sind kunterbunt zusammengewürfelt, manche davon wirken so alt, als stammten sie aus einer Zeit, auf die selbst meine Urgroßeltern noch nostalgisch zurückblicken würden. Irgendwie chaotisch, aber gleichzeitig einladend heimelig.

»Oh, hey! Willkommen im Forest & Beans. Tut mir leid, ich hab gar nicht mitgekriegt, dass ihr reingekommen seid.« Die Frau, die vorhin noch hinter der Theke stand, schlendert auf uns zu und lächelt uns freundlich an. »Diese wahnsinnig sture Kaffeemaschine und ich befinden uns momentan auf Kriegsfuß«, erklärt sie und deutet mit einer schnellen Handbewegung hinter sich.

»Wir sind gerade erst gekommen, alles gut. Dieses Geräusch«, ich nicke in Richtung Tür, »gewöhnt man sich irgendwann daran?« Weiß der Teufel, wieso ich hier gerade Small Talk führe, der mir Herzrasen beschert. Es kostet mich viel Überwindung, Menschen anzusprechen, weil man ihre Reaktionen nicht abschätzen kann und ihre Antworten nicht planbar sind. Die Tatsache, dass ich hier stehe und mich zu diesem Gespräch überwunden habe, habe ich wohl meiner Therapeutin Dr. Jeong und einem ganzen Jahr intensiver Therapie zu verdanken.

Die Bedienung kichert leise, was mich zum Lächeln bringt. Ich kann es spüren. Sie fühlt sich nicht an wie ein verurteilender Mensch. Ein weiterer Punkt an mir selbst, der mich fürchterlich nervt: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass mich jede Person ins schlechte Licht rücken könnte. Ohne dabei überhaupt zu wissen, wofür sie mich verurteilen würde. Ich projiziere meine Unsicherheiten automatisch auf alle Menschen, die mir über den Weg laufen. Vic konnte meine Ängste diesbezüglich nie nachvollziehen. Das können die meisten nicht, die psychisch stabiler sind.

»Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man fängt spätestens nach drei Tagen an, es guten Gewissens zu überhören«, erklärt sie und bindet sich im selben Moment ihre lockige goldblonde Mähne zu einem ordentlichen Zopf.

Ich entdecke dabei ein kleines Tattoo auf ihrem Handgelenk. Drei Worte in Serifenschrift, am Ende ein Semikolon. Dum spiro spero: Solange ich atme, hoffe ich. Semikolon-Tattoos erzählen immer eine Geschichte und ich frage mich, welche die ihre ist.

»Setzt euch einfach hin, wo ihr möchtet.«

Das Café scheint zu dieser Zeit nicht besonders voll zu sein. Ein altes Ehepaar und zwei junge Studierende mit Laptops, die Lehrbücher vor sich ausgebreitet, sitzen an den Tischen.

Ich bedanke mich bei ihr und zeige meinem Dad, der unser kurzes Gespräch die ganze Zeit schmunzelnd belauscht hat, einen freien Tisch in der Ecke.

Wir setzen uns hin und bestellen uns etwas Feines von der Kuchentheke und zwei warme Getränke.

»Das läuft doch gut hier. Das Mädel scheint nett zu sein und arbeitet gleich unter dir. Vielleicht könnt ihr ja Freundinnen werden«, schlägt er schief grinsend vor.

Dad meint es gut und ich weiß das. Er würde sich von ganzen Herzen für mich freuen, wenn ich hier ein bisschen Seelenfrieden finden könnte. Ich denke, niemand auf dieser Welt würde mir eine gute Zeit so gönnen wie mein eigener Vater. Aber dennoch wirbeln seine Worte ein unangenehmes Gefühl in mir auf. Dad macht sich Sorgen, das tut er immer. Womöglich versteht man wirklich erst, wieso Eltern niemals damit aufhören werden, wieso sie jede weitere Nacht wach bleiben werden, nur um sicherzugehen, dass man gut nach Hause gekommen ist, wenn man erst mal selbst in ihre Fußstapfen tritt. Er macht sich Gedanken um Charlie und mich und ich wünsche mir manchmal einen Moment, in dem er nur für einen kurzen Augenblick sich selbst sieht. Nicht Mom. Nicht uns. Nur ganz allein sich selbst.

Ich räuspere mich, weil sich in den vergangenen Sekunden ein ätzender Kloß in meinem Hals gebildet hat.

»Ja, könnten wir vielleicht. Aber Dad …« Ich greife über den Tisch nach seinen Händen. »Mach dir keinen Kopf. Ich komme klar und es wird besser«, verspreche ich und verziehe meine Lippen zu einem aufrichtigen Lächeln.

Ich bin mir sicher, dass es ab jetzt nur noch bergauf gehen wird. Ich bin so sicher, weil mich die letzten Jahre an den Abgrund gedrängt haben und ich letztendlich begriffen habe, dass ich allein die Person bin, die darüber entscheidet, ob sie springt. Ich bin nicht gesprungen. Damals nicht. Und heute nicht. Ich bin hier. Ich habe so etwas wie einen Plan, einen Studienplatz, meine ersten eigenen vier Wände und einen mies bezahlten Studentenjob. Ich habe zu viele meiner guten Tage durch schlechte ausgetauscht und ich will sie verdammt noch mal zurück. Fühlt sich irgendwie an wie Tauziehen gegen die eigenen Geister.

Bevor Dad antworten kann, unterbricht uns die hübsche Kellnerin von vorhin. »Einmal Chai Latte mit Macadamia-Sirup und Kürbis-Zimtschnecken.« Sie stellt mein Getränk und die süßen Teilchen mit einer fließenden Bewegung vor mich hin.

»Und der schwarze Kaffee mit Bacon-Bagel. Lasst es euch schmecken.« Sie lächelt uns noch flüchtig mit schief gelegtem Kopf zu und huscht an den nächsten Tisch.

3. KAPITEL

Jonah

Frustriert fahre ich mir mit den Händen übers Gesicht, lehne mich auf der Couch nach hinten und klappe energisch meinen Laptop zu. Mir wird wieder mal bewusst, dass Bildung ein unbezahlbares Gut in unserer kapitalversifften Gesellschaft darstellt, das sich nur die privilegierteste Oberschicht leisten kann. Ich recherchiere hin und wieder nach Möglichkeiten, wie ich mir ein Medizinstudium leisten könnte, ohne meine Niere dafür verkaufen zu müssen. Meine Niere. Als würde sie die horrende Summe der Studiengebühren aufwiegen können.

Ich stecke an diesem Punkt meines Lebens fest. Wie sagt man so schön? Zu wenig zum Leben, zum Sterben zu viel. Ich habe seit meinem Abschluss vor sechs Jahren gefühlt das gesamte Internet nach Auswegen durchforstet. Nichts. Die einzige Option, die es noch gibt, war, einen Kredit aufzunehmen, den ich jedoch bis an mein Lebensende abbezahlen müsste. Wenn man das Ganze realistisch betrachtet, gibt es keine Option. Ich würde mich selbst und meine gesamte Familie mit dieser Entscheidung in den Ruin treiben. Mom und Dad sind darauf angewiesen, dass ich mich jeden Tag zur Arbeit bewege. Ich kann das erleichterte Aufatmen meiner Mutter fast noch hören, als ich ihr nach der Highschool versichert habe, nicht studieren gehen zu wollen.

Studieren bedeutete Geld auszugeben, das wir nicht hatten. Studieren bedeutete, dass ich ihnen weiterhin auf der Tasche gelegen hätte. Ich wollte studieren, schon immer. Die Erinnerung daran, wie ich schon fast in der Highschool gelebt und unendlich viel Lebenszeit investiert habe, um die besten Noten zu schreiben, macht mich im Nachhinein wütend. Ich habe so viel Energie in einen sinnlosen Traum gesteckt, obwohl ich innerlich immer gewusst habe, dass ich ihn nie verwirklichen würde. Ich habe mein Leben damals an einen Traum verkauft.

Ich hätte meinen Weg sowieso nicht gehen können, nachdem ich realisiert hatte, dass Mom nachts stumm in der Küche weinte. Sie hatte Angst.

Ich hasse mich selbst dafür, dass ich nichts mehr auf dieser Welt wollte, als so viele Meilen wie nur möglich zwischen Dad, diese Stadt und mich zu bringen, und es nicht hinbekommen habe.

Das Geräusch der Türklingel holt mich aus meinem Strudel aus Wut und Aussichtslosigkeit. Es ist Mittwochabend, wer zur Hölle besucht mich spontan mitten unter der Woche? Stutzig lege ich meinen Laptop zur Seite, stehe von der Couch auf und gehe zur Wohnungstür, um einen Blick durch den Türspion zu werfen.

Blakes Gesicht erscheint.

»Hey. Was machst du denn hier?«, frage ich ihn etwas irritiert, nachdem ich die Tür geöffnet habe.

»Muss es seit neuestem einen Grund geben, damit dich dein bester Freund mal besuchen darf?« Er schiebt mich kurzerhand zur Seite und drängt sich an mir vorbei in die Wohnung.

»Klar, komm doch gern rein«, murmle ich und lasse die Tür wieder ins Schloss fallen.

Ich folge ihm in die Küche, wo er sich bereits aus meinem Kühlschrank bedient und zwei Flaschen Ginger Ale hervorholt.

»Du dachtest dir also, dass heute ein guter Tag ist, um mich zu besuchen?«, hake ich noch mal misstrauisch nach, wobei ich meine rechte Braue unwillkürlich nach oben ziehe.

»Alter, Jonah! Ist es wirklich so weit hergeholt, dass deine Freunde dich einfach mal so besuchen kommen, weil sie Lust auf deine Gesellschaft haben?« Blake drückt mir das geöffnete Ginger Ale in die Hand und lehnt sich gegen die Kante der Arbeitsplatte. Ich zucke als Antwort lediglich mit den Schultern.

Er räuspert sich und zupft an dem Etikett seiner Flasche. »Alles klar bei dir?« Er versucht es so klingen zu lassen, als würde ihm die Frage nicht schon seit längerem unter den Nägeln brennen.

»Also doch nicht einfach nur Lust auf meine Gesellschaft gehabt?«, erwidere ich vielleicht eine Spur gereizter als beabsichtigt. Ich hasse es, wenn sich Menschen, die mir wichtig sind, Sorgen um mich machen. Hat sich für mich schon immer unangenehm angefühlt. Ich mag diese Blicke nicht oder wie sich ihre Stimmlage unbewusst verändert, die ganze Atmosphäre plötzlich schwerer wird und wie zäher Teer an einem klebt.

»Na ja, ich weiß ja nicht, wie du es siehst, aber wenn mein bester Freund sich seit Wochen fast gar nicht mehr meldet …«

»Ich habe …«, versuche ich mich zu verteidigen, doch er ergreift bereits im selben Moment das Wort.

»Abgesehen von ein paar oberflächlichen Nachrichten, Jonah! Und wenn ich von meiner Freundin erfahre, dass sie dich heute gesehen hat und du aussiehst, als hätte dich ein Mähdrescher überfahren, dann entschuldige, wenn mir als Erstes in den Sinn kommt, mal vorbeizuschauen und zu checken, ob’s dir gut geht.« Ein gewisser Hauch von Sarkasmus schwingt in seinen Worten mit. »Aber es gibt bestimmt Leute, die das anders sehen«, fügt er noch schnell hinzu.

»Es ist alles bestens. Dein Anstandsbesuch wäre nicht nötig gewesen.«

»Anstandsbesuch?« Blake stößt ein frustriertes Lachen aus.

»Herrgott, Jonah! Wenn ich nicht wüsste, dass du normalerweise nicht so ein Arschgesicht bist, und du nicht mein bester Kumpel wärst, dann hätte ich dich bereits zum Mars gekickt. Also, was ist passiert?«, versucht er es noch mal. Er mustert mich von oben bis unten und deutet mit einem knappen Nicken auf meinen eingegipsten Fuß.

»Ernsthaft, Blake? Müssen wir wirklich darüber reden?« Ohne seine Antwort abzuwarten, weiß ich bereits, dass ich keinen Ausweg finde. Wenn ich nicht heute Abend mit ihm spreche, dann spätestens morgen in der Früh, denn er wird einen Teufel tun und sich ohne Erklärung aus der Wohnung bewegen.

»Ich bin nicht da, weil ich deine Gesellschaft so unglaublich genieße, Craig. Außer du kannst mir seit neuestem das bieten, womit Elli zu Hause auf mich wartet.« Seine Mundwinkel zucken und formen ein anzügliches Grinsen.

Das war ein stilles Friedensangebot seinerseits für die groben Antworten meinerseits. Egal wie sehr er mir manchmal auf die Nerven geht, er ist das, was einem Bruder am Nächsten kommt. Unsere Welten könnten kaum unterschiedlicher sein. Blake gehört zu den Privilegierten. Er trägt Hemden und T-Shirts von überteuerten Marken und die passende Jeans dazu. Menschen wie er machen sich keine Sorgen um Geld, Blake macht sich keine Sorgen um seine Zukunft. Sein Leben scheint, von außen betrachtet, perfekt zu sein. Es glänzt wie ein verdammter Goldbarren. Von unserer sozialen Schicht her betrachtet, ist es ziemlich abwegig, dass wir hier gemeinsam mit einem Ginger Ale stehen. Ich kenne ihn jedoch zu gut und zu lange, um daran zu glauben, dass sein Leben makellos ist.

Blake macht sich keine Sorgen um seine Zukunft, weil sein Weg bereits für ihn freigeschaufelt ist. Es gibt nur diesen einen. Wirtschaftsrecht und gleich danach in die Firma seines Vaters. Er gehört zu den Menschen, die festgekettet sind, die keine Aussicht auf Links oder Rechts haben, sondern nur auf Geradeaus. Ich weiß, dass die Erwartungshaltung seines Dads ständig den Haussegen schief hängen lassen. Blake ist schon viel zu oft in einem maßgeschneiderten Anzug nach irgendeiner heuchlerischen Gala vor meiner Tür aufgetaucht.

Blakes Leben ist nicht makellos. Er darf nicht gut sein, er muss der Beste sein. Erwartungen anderer erfüllen und so einen Müll. Was ich wiederum noch nie musste. Niemand hatte jemals hohe Erwartungen an mich. Man hat so seine Vorteile, wenn man im Schatten der Gesellschaft aufwächst.

»Es ist in letzter Zeit ziemlich kritisch zu Hause.« Ziemlich kritisch. Sehr schwierig. Nicht unbedingt leicht.

Ich spreche es nie aus. Benutze nichtssagende Umschreibungen, worunter sich die Menschen ihre Version der Geschichte so zurechtlegen können, wie es für sie am angenehmsten ist.

Jonah, du darfst nie, nie, niemals darüber reden. Das ist wichtig, mein Schatz. Das musst du dir merken, okay? Sie nehmen dich sonst Mommy und Daddy weg, verstehst du das? So oder so ähnlich hatte Mom es damals gesagt, als sie sich mit dem Handrücken das Blut von den Lippen wischte.

»Und wie ist das zur Hölle passiert?«, hakt Blake nach und deutet noch mal auf mein Gesicht.

»Komm schon. Du weißt, was passiert ist, wir wissen es beide.« Ich schnaube genervt.

»Ich kann mir vorstellen, was passiert ist, und deshalb bin ich hier. Ich will wissen, ob du klarkommst. Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst, aber vielleicht willst du doch irgendwann.« Blake ist nie übergriffig oder zynisch, er ist nach außen immer freundlich und bewahrt stets die Fassung. Gott, verschiedener könnten wir gar nicht sein. Aber er versteht mich auf eine gewisse Art. Er weiß, wie es ist, quasi ohne Vater aufzuwachsen. Mister Fitzroy war immer unterwegs, ein viel beschäftigter und wichtiger Mann.

Viel beschäftigt und wichtig – die neue, gesellschaftlich akzeptierte Beschreibung für: Ich habe eigentlich keinen Bock auf meine Kinder. Früher nannte man so etwas Zigaretten holen gehen. Der Unterschied ist, Mister Fitzroy kam immer wieder zurück. Er folgt Blake wie ein Schatten auf Schritt und Tritt, trieb ihn in die Enge, damit er ihn wieder aus der Ecke zerren konnte.

Blake ist die Ruhe in Person bis zu dem Zeitpunkt, an dem Dinge plötzlich nicht mehr tadellos laufen. Das nervt ihn, wirft ihn aus der Bahn und macht ihn fertig. Kann man es ihm verübeln? Von klein auf darauf trainiert, fehlerlos zu sein. In der Zeit, in der wir uns kennengelernt haben, war er ein Grenzgänger zwischen Burn-out und Anpassung. Mit sechzehn. Zerstörerische Väter haben kaputte Kinder – scheint eine goldene Regel zu sein.

»Ich will gerade nicht reden, aber danke«, murmle ich, meinen Blick auf den Boden gerichtet.

»Na gut. Aber du kommst klar?«

»Jep, ich komme klar«, versichere ich ihm und schicke noch ein Lächeln hinterher.

»Musst du Elli nicht von der Arbeit abholen?«

Blake wirft einen Blick auf die Wanduhr und nickt.

»Ja, war gerade unterwegs zu ihr, aber ich dachte mir, vielleicht brauchst du eine Schulter zum Ausweinen.«

»Danke, aber nein danke. Du kannst mich auch jederzeit anrufen, wenn du jemanden zum Anlehnen brauchst«, erwidere ich lachend.

»Das hört sich aus deinem Mund echt cringe an.« Er setzt sein fast leeres Ginger Ale noch mal an die Lippen und kippt es sich mit zwei großen Schlucken die Kehle hinunter.

»Wie sieht’s eigentlich aus, kommst du morgen mit zur Hütte? Die anderen würden sich bestimmt freuen, wenn sie das verschollene Kind wieder mal zu Gesicht bekämen.«

Manchmal wundere ich mich darüber, dass ich überhaupt noch Freunde habe.

»Grundsätzlich besteht Interesse, aber ich weiß noch nicht, wie es mit Noah und Gracie morgen aussieht und wann ich wegkomme«, antworte ich und räume unsere beiden Flaschen weg. Ich halte es nicht aus, wenn Sachen herumstehen. Ich verabscheue das Chaos.

»Gut, meld dich einfach. Ich muss jetzt los. Elli hat schon vor einer Stunde geschrieben, wie sehr sie sich auf ihren Pyjama und das Bett freut. Im Forest scheint heute wieder tote Hose gewesen zu sein.« Er geht Richtung Wohnungstür und schlüpft in seine Jeansjacke. »Du weißt ja, Elli lebt von Stress.« Blake verdreht grinsend die Augen.

Das Forest & Beans. Ich schmunzele bei der Erinnerung an die Begegnung mit dieser fremden Frau heute Nachmittag. Oberflächlichkeit hin oder her, sie war bildschön. Und es hat zugegebenermaßen mein Ego gestreichelt, als sie mich sekundenlang einfach nur angestarrt hat.

»Was grinst du so?« Blake schnipst vor meinem Gesicht herum und zieht eine Augenbraue fragend in die Höhe.

»Ich grinse nicht«, entgegne ich mit ernster Miene.

»Keine Geheimnisse, Craig, in Anbetracht dessen, wie wichtig du mir anscheinend bist, dass ich sogar meine Freundin für dich warten lasse«, schwatzt er grinsend vor sich hin und verleiht dem Ganzen mit einem theatralischen Seufzer den Höhepunkt.

»Hau schon ab«, sage ich lachend. Ich gebe ihm einen freundschaftlichen Schubs durch die Tür.

»Ich zähl morgen auf dich, Babe!«, höre ich ihn noch rufen, bevor ich die Tür wieder hinter ihm schließe.

4. KAPITEL

Joyce

Als mein Magen randvoll ist, machen Dad und ich uns an die eigentliche Arbeit. Wir gehen einmal ums Haus, um zur Hintertür zu gelangen, die anscheinend gleichzeitig meine Eingangstür darstellt. Rosie, meine Vermieterin, hat mir gestern den Code für die Eingangstür geschickt und ich war verwundert darüber, dass man mittlerweile ohne Schlüssel in eine Wohnung kommt.

Ich bin echt überrascht: Meine kleine Einzimmerwohnung liegt im ersten Stock und ich besitze sogar den Luxus eines winzigen Balkons. Rechts ist gleich die Tür in das Badezimmer und gegenüber befindet sich eine kurze Küchenzeile mit Kühlschrank, Herd samt Backofen und einer Waschmaschine. Am Ende des Raumes beim großen Sprossenfenster mit Blick auf die Straße steht eine dunkelgraue Zweisitzer-Couch und daneben weist eine Tür in eine klitzekleine Abstellkammer. An der rechten Wand steht ein weiß lackierter Schreibtisch mit Regalbrettern darüber und an der linken führen kleine Stufen aus hellem Holz auf die Hochebene, auf der ein großes Bett und ein Kleiderschrank thronen. Das Ganze ist klein, fein und vor allem … meins.

***

»So, das sollte alles gewesen sein.« Dad stellt die letzten beiden Kartons auf den Boden.

Brentwood habe ich nur mit leichtem Gepäck und den wichtigsten Dingen verlassen. Es hat für mich keinen Sinn gemacht, all die Erinnerungen, die Enge und die Traurigkeit, die auch an materiellen Gegenständen haften geblieben sind, mitzunehmen.

Ich drehe mich einmal um meine eigene Achse und grinse ihn breit an. »Danke, Dad. Für alles.« Ich bin hier, zwar immer noch in einer bröckeligen Welt, aber ich bin hier. Das Herz in meiner Brust fühlt sich seit Ewigkeiten wieder irgendwie ganz an.

»Soll ich dir noch beim Ausräumen helfen?« Dad stemmt seine Arme in die Hüfte und blickt mich fragend an.

»Nein, alles gut. Ich weiß noch gar nicht, wohin mit den ganzen Sachen. Du solltest dich auf dem Heimweg machen, du hast noch ein paar Stunden Fahrt vor dir und ich will nicht, dass du so lange im Dunkeln unterwegs bist.«

Dad muss morgen früh wieder zur Arbeit, sonst wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, ihn um diese Uhrzeit noch stundenlang nach Hause fahren zu lassen.

»Bist du dir sicher? Sollen wir noch mal alles gemeinsam durchschauen, ob alles in Ordnung ist? Oder wir könnten …«

»Dad!«, unterbreche ich ihn lachend und gehe auf ihn zu, um ihn in eine feste Umarmung zu ziehen. »Ich komme wirklich klar. Und ich verspreche, dass ich mich bei dir melde, wenn ich irgendetwas brauche. Aber in der Zwischenzeit fährst du sicher und langsam nach Hause, damit Charlie und ich uns keine Sorgen machen müssen.«

»Juju, wann bist du denn erwachsen geworden? Deine Mom wäre so unglaublich stolz auf dich und ich bin es auch. Ich hoffe, das weißt du.« Er löst sich von mir und hält mich eine Armlänge von sich entfernt.

Ich sehe, wie sich seine graugrünen Augen mit Tränen füllen, und muss mich selbst zusammenreißen, um nicht loszuheulen.

»Ich weiß, Dad. Danke, dass du immer für mich da bist.«

Das ist einer dieser Momente, vor denen ich Angst hatte. Ein Moment, der mich mit einem Satz verschlingen und gewaltvoll zurück in das Loch der Trauer reißen kann. Diese besonderen Ereignisse, bei denen ich mir wünsche, dass Mom noch hier wäre, weil ohne ihre Existenz plötzlich eine tiefdunkle Leere in diesem eigentlich schönen Augenblick entsteht. Ich bin zweiundzwanzig und trauere schon heute über die lebenseinschneidenden Ereignisse, die noch auf mich zukommen werden und bei denen meine Mutter nicht dabei sein wird.

»Na gut, dann mach ich mich mal auf den Weg. Hab einen tollen Start und meld dich, wenn du etwas brauchst.«

Vor der Tür zieht mich Dad noch mal in eine Wohlfühlumarmung und ich tanke diese bedingungslose Liebe.

***

Nachdem mein Vater losgefahren ist und ich das erste Mal allein in diesem Raum sitze, wird mir erst bewusst, wie still es hier ist. So still, dass ich meinen eigenen Atem hören kann. So ruhig war es bei uns zu Hause nie.

Ich schnappe mir meinen Rucksack und fische mein Handy heraus. In der Zwischenzeit haben mir Charlie sowie Vic und mein bester Freund Cameron geschrieben.

Cam: Gut in Marble Arch angekommen? Akzeptieren sie dich dort oder wurdest du schon aus der Stadt gejagt?