Maybe this year - Dieser eine Tag im Winter - Emily Bell - E-Book
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Maybe this year - Dieser eine Tag im Winter E-Book

Emily Bell

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Beschreibung

Was, wenn es für die große Liebe nur auf diesen Tag ankommt?

Vor zehn Jahren gaben sich Andrew und Norah ein Versprechen: Wenn sie an Weihnachten 2019 beide noch single sind, treffen sie sich an Heiligabend in Dublin. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, aber wird Andrew wirklich dort auf sie warten? Norah hat nie vergessen können, wie sie sich damals im Italienurlaub kennenlernten und sich Hals über Kopf ineinander verliebten. Doch das Schicksal trennte ihre Wege. Ohne Kontaktdaten ist ihr altes Versprechen Norahs einziger Hoffnungsschimmer. Sie muss einfach herausfinden, ob Andrew auch noch Gefühle für sie hat. Also macht sie sich kurzerhand auf die Reise quer durchs verschneite Land. Kann ihr Wunsch zehn Weihnachten später wirklich in Erfüllung gehen?

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1. I’ve Got My Love To Keep Me Warm

2. Baby, It’s Cold Outside

3. Remember Me

4. Have You Met Miss Jones?

5. But Not For Me

6. All I Want For Christmas

7. Sentimental Journey

8. How High The Moon

9. Has Anyone Seen My Man?

10. Don’t Stop Believin’

11. A Face In The Crowd

12. Girl In The Red Dress

13. A Foggy Day

14. Family Reunion

15. Some Enchanted Evening

16. On Raglan Road

17. How Long Has This Been Going On?

18. Going Back

19. Coffee Cold

20. I Get Along Without You Very Well

21. I Say A Little Prayer

22. I’m Beginning To See The Light

23. Old Flames

24. What A Difference A Day Makes

Epilog : You Make Loving Fun

Dank

Anmerkungen zu den Schauplätzen

Über das Buch

Vor zehn Jahren gaben sich Andrew und Norah ein Versprechen: Wenn sie an Weihnachten 2019 beide noch single sind, treffen sie sich an Heiligabend in Dublin. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, aber wird Andrew wirklich dort auf sie warten? Norah hat nie vergessen können, wie sie sich damals im Italienurlaub kennenlernten und sich Hals über Kopf ineinander verliebten. Doch das Schicksal trennte ihre Wege. Ohne Kontaktdaten ist ihr altes Versprechen Norahs einzige Hoffnung. Sie muss einfach herausfinden, ob Andrew auch noch Gefühle für sie hat. Also macht sie sich kurzerhand auf die Reise quer durchs verschneite Land. Kann ihr Wunsch zehn Weihnachten später wirklich in Erfüllung gehen?

Über die Autorin

Emily Bell wuchs in Dublin auf und zog nach ihrem Studium nach London. Sie hat schon in verschiedenen Jobs gearbeitet, unter anderem als Tour Guide, Buchhändlerin und Pubsängerin, und schreibt heute Vollzeit. Sie lebt mit Mann und Tochter im Norden von London.

EMILY BELL

Maybe this year

Dieser eine Tag im Winter

ROMAN

Aus dem Englischen von Angela Koonen

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2021 by Emily BellTitel der Originalausgabe: »Baby it’s cold outside«Originalverlag: Penguin Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Dr. Ulrike Brandt-SchwarzeTitelillustration: © Shutterstock.com: RAKHIMOVA DARYA | Kozyreva Elena | Stock Vector OneUmschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.deeBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-2849-2

luebbe.delesejury.de

Für StellaIch liebe dich über alles.

1

I’ve Got My Love To Keep Me Warm

Samstag, 14. Dezember 2019

Es gibt nicht viel, was man als Single beherzigen muss, aber in den zwei Jahren, die ich allein lebe (falls jemand fragt, aber eigentlich sind es vier), habe ich mir ein paar feste Regeln gesetzt. Nummer eins: Sorge mindestens zwei Monate vorher für eine Verabredung über Weihnachten. Nummer zwei: Bemüh dich um deine Familie, selbst wenn sie dich in den Wahnsinn treibt. Oh, und Nummer drei: Sag niemals einer Freundin ab, weil sich etwas Besseres bietet. Meiner Mutter sind diese Grundsätze offenbar unbekannt, denn anderthalb Wochen bevor ich sie besuchen soll, um mit ihr Weihnachten zu verbringen, sagt sie mir ab.

Es ist fünf Uhr nachmittags und ein ungemütlicher Tag mit Graupelschauern. Der Himmel sieht aus, als ob es bald schneien würde, aber das passiert in London praktisch nie. Ich habe mich tapfer ins West End begeben, um auf die letzte Minute Geschenke zu besorgen, und stehe im Fortnum & Mason, wo ich die Zitronenkekse für meine Mutter kaufe. Sie wird sich beschweren, wie überteuert die sind, aber ich weiß, sie isst sie wirklich gern – und mehr Beziehung besteht zwischen uns nicht. Ich überlege gerade, ob ich eine Tüte Lady Grey dazulegen soll, als ich mein Handy summen höre und sehe, dass sie es ist. Ich hasse es, in Geschäften zu telefonieren, und bin versucht, den Anruf zu ignorieren. Aber das tue ich nie, denn schließlich könnte das die letzte Gelegenheit sein, mit demjenigen zu sprechen.

»Hi, Mum.« Ich begebe mich in die Ecke, wo am wenigsten los ist, und senke die Stimme. Der Laden ist gerammelt voll, und die Kunden können sich kaum bremsen beim Anblick der festlichen Leckereien: Schachteln mit Turkish Delight, türkisblaue Blechdosen mit Keksen und Macarons, reihenweise schimmernde Champagner- und Schaumweinflaschen. Durch die dunkelroten Teppiche und Kaminsimse mit Tannengrün, an denen große goldfarbene Christbaumkugeln leuchten, fühlt man sich in eine viktorianische Weihnachtskarte versetzt. Chormusik mischt sich mit dem permanenten Geraune der Leute, und aus dem Café im Erdgeschoss duftet es nach Tee und Lebkuchen. Ich bin in Weihnachtsstimmung – zumindest bis ich höre, weshalb sie anruft.

»Hallo, Darling, kannst du reden? Bald ist Mittwoch.«

»Mittwoch. Du meinst Weihnachten?«

»Ja. Weihnachten. Weshalb ich anrufe …« Ich höre sie im Hintergrund mit irgendetwas klappern. Vermutlich wischt sie die Arbeitsfläche in der Küche sauber oder brüht sich eine Tasse Tee, während sie per Kopfhörer telefoniert, noch in der Trainingshose von ihrem langen Spaziergang im Matsch. Meine Mutter kann es nicht leiden, untätig zu sein, und wenn sie anruft, dann meistens, während sie etwas erledigt. »Ich hab mich gefragt, ob wir unsere Pläne überdenken könnten. Es hat sich etwas ergeben. Ich weiß, es ist schade, aber wie wär’s, wenn wir uns eine Woche später treffen?«

»Du meinst, in der Woche nach Weihnachten? Wirklich? Was hat sich ergeben?« Ich unterrichte Musik an einer weiterführenden Schule und sehne das Trimesterende am nächsten Freitag herbei.

»Tja, du wirst das sicher albern finden. Aber die unglaubliche Frau, deren Bücher ich gelesen habe, die durch Südamerika gereist ist und diese Visionen hatte …«

»Und lauter Drogen nahm?«

»Keine Drogen, nur Ayahuasca, das ist ein großer Unterschied. Es geht mehr um spirituelle Erfahrung. Jedenfalls, du wirst es nicht glauben, sie ist zurzeit hier und veranstaltet ein Jul-Retreat, eine viertägige Selbstheilungstauchbaderfahrung! In Herefordshire, bei voller Verpflegung.«

»Mit Drogen?«

»Wir werden Ayahuasca trinken, aber das ist kein Selbstzweck. Darling, es tut mir wirklich leid, dass ich unsere Verabredung nicht einhalte. Aber dieses Retreat ist genau das, was ich brauche – nach diesem Jahr.«

Mit dieser Bemerkung hat sie mich. Nach diesem Jahr kann ich nichts dagegen einwenden, wenn sie etwas für sich tut. Sie hat mit neunundfünfzig Jahren ihren Arbeitsplatz als Sekretärin in einem Reiseunternehmen verloren und wurde durch eine Zweiundzwanzigjährige ersetzt, die auch für die Hälfte ihres Gehalts den Unterschied zwischen Instagram Reels und Stories erklären kann. Da war sie verständlicherweise sehr niedergeschlagen. Also möchte ich ihr eine Stütze sein. Ich wünschte jedoch, sie hätte sich früher dazu entschlossen und mir und meinem Bruder dadurch Zeit gegeben, eine Alternative zu organisieren. Aber vielleicht hat er längst eine?

»Was ist mit Miles?«, frage ich.

»Oh, der wird zur Familie seiner Freundin gehen. Das war kein Problem, du brauchst dir seinetwegen keine Gedanken zu machen. Ich hab ihn gerade angerufen.«

»Da bin ich aber erleichtert«, sage ich sarkastisch.

»Du brauchst nicht so zu reagieren, Darling – ich musste ihn zuerst anrufen, er ist der Jüngste. Weißt du, du könntest so einen Kurzurlaub auch gebrauchen.«

Jetzt bin ich verwirrt. Bietet sie mir an mitzukommen? Eine schreckliche Vorstellung. Andererseits könnte uns das einander auch näherbringen. »Heißt das, du hättest es gern, wenn ich dich begleite? Wie ist die Unterbringung?« Ich frage mich, ob ich mich dort möglicherweise mit einem Buch in mein Zimmer verkriechen könnte.

»Ich fürchte nein, Darling. Ich habe den allerletzten Platz bekommen, als Gratisgeschenk von der Autorin, und ich finde, das darf ich nicht ablehnen.«

»Okay.« Na gut, wenigstens muss ich nicht das Für und Wider von Ayahuasca-Konsum abwägen. Ich nehme mir einen Moment, um die Tatsache zu verarbeiten, dass meine Mutter Weihnachten lieber mit fremden Leuten als mit mir verbringt. Liegt es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich sie nicht oft genug angerufen oder besucht? Und dann der niederschmetterndste Gedanke von allen: Das wäre nicht so schlimm, wenn mein Vater noch da wäre.

Ich kann mich gut erinnern, wie Weihnachten mit ihm gewesen ist, wie schön das war, selbst dann noch, als wir ihn nach der Trennung nicht am Weihnachtstag, sondern erst später besucht haben. Gleich beim ersten Mal entschied er, kein zweites trauriges Truthahnessen mit mir und Miles zu veranstalten und unser Weihnachten lieber auf eine erwachsene, intellektuelle Weise zu begehen. Ein Spaziergang an der South Bank und eine heiße Schokolade im Café des British Film Institute, anschließend in die Nachmittagsvorstellung von Ist das Leben nicht schön? Oder Dim Sum in Chinatown und einen Nachmittag lang in der Buchhandlung stöbern, um mit einem Stapel neuer Taschenbücher nach Hause zu fahren. Ich hoffe, er wusste, wie sehr ich diese unweihnachtlichen Weihnachtstage mit ihm geliebt habe. Er starb vor sechs Jahren, da war ich sechsundzwanzig, und meine Eltern hatten sich getrennt, als ich zwanzig war, deshalb gab es nicht viele solcher Weihnachtsfeste, drei, um genau zu sein.

»Tja, wenn es das ist, was du willst, dann hoffe ich, du verbringst ein paar schöne Tage«, sage ich zu ihr. »Ich werde zu Hause bleiben. Das macht mir nichts aus«, füge ich hinzu für den Fall, dass sie sich das fragt.

»Schätzchen … danke, dass du so verständnisvoll bist. Aber ich fühle mich schrecklich deswegen. Und deshalb tue ich Folgendes: Ich werde meine Flugmeilen mit dir teilen, als Weihnachtsgeschenk für dich – du kannst fliegen, wohin du willst. Auf meine Rechnung.«

Was für ein herzerwärmendes Geschenk für eine Tochter: Du kannst fliegen, wohin du willst, nur besuchen kannst du mich nicht. Doch ich kann ihr nicht richtig böse sein. Sie ist keine krasse Narzisstin, wie meine Freundin Kiran einmal nach zu viel Rotwein behauptete, sondern nur vollauf mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Und das hat mich belastbar gemacht. Die Absage ist enttäuschend, aber ich komme klar. Ich bin zweiunddreißig, nicht zwölf. Ich kann Weihnachten auch mal allein verbringen.

»Das ist nett von dir, Mum, aber ich muss nicht in ein Flugzeug steigen. Ich werde hier ausspannen.«

»Was ist mit …« Meine Mutter stockt für einen Moment und überspringt die Option, die sich nicht mehr bietet und die wir nie erwähnen: Dad. »Was ist mit deinen Freunden? Bestimmt kannst du dich mit denen verabreden. Was macht Caroline zurzeit? Du wolltest doch schon immer mal Weihnachten mit Freunden verbringen, nicht wahr? Das kann wirklich toll sein!«

Jetzt werde ich ärgerlich. Ich kann ihre Absage akzeptieren. Aber ich lasse mir nicht einreden, dass sie das eigentlich mir zuliebe tut.

»Sicher. Hör mal, ich stehe vor der Kasse und bin jetzt dran. Ich rufe dich später noch mal an.« Ich lege auf und lege die Kekse ins Regal zurück – ich würde sie ihr nicht mehr rechtzeitig mit der Post schicken können – und begebe mich zum Ausgang. Ella Fitzgerald singt aus den Lautsprechern, dass sie sich mit ihrer Liebe warm hält. In dem Gang vor mir steht ein deutsches Pärchen in gleichen Parkas vor den Macarons und diskutiert, welche Packung sie nehmen sollen, und eine junge Mutter mit einem Baby im Tragetuch sieht sich die Geschenkkörbe an, während sie das Kinn auf dem Kopf ihres Kindes ruhen lässt. Ich dränge mich nach draußen und gehe auf die U-Bahn-Station zu.

Und dann passiert es. Ganz plötzlich werde ich von Trauer überschwemmt. Wie in den ersten Szenen vom Zauberer von Oz verblassen die Lichterketten und festlichen Farben am Piccadilly, und alles wird grau und kalt. Es ist, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Weihnachten ist wirklich meine geringste Sorge. Ich könnte zu Hause bleiben und Doctor Who gucken oder irgendwo ehrenamtlich arbeiten oder vielleicht zu Javier und Paul gehen. Trotzdem denke ich: Wann bin ich mal an der Reihe? Wann stehe ich mal im Mittelpunkt meines eigenen Lebens und nicht am Rand des Lebens anderer? Ich bekomme einen Kloß im Hals und fürchte, dass gleich Tränen fließen. Ich hasse es zu weinen und lasse es deshalb nie so weit kommen. Gerade will ich die Treppe zur U-Bahn hinuntergehen, als mir bewusst wird, dass ich ein paar Minuten lang einem Straßenmusiker zugehört habe.

Er singt River von Joni Mitchell. Den Song habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Ich wollte es nicht mehr, weil er mich an ihn erinnert: den Einzigen, der ihn genauso schön fand wie ich. Der Straßenmusiker klingt wie ein Ire, und mir kommt die verrückte Frage, ob er es ist. Ich dränge mich zwischen den Zuhörern an der Regent Street durch, bis ich ihn sehen kann – natürlich ist er es nicht. Dieser Mann ist blond und sonnengebräunt, nicht dunkelhaarig und blass. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mehr auf der Straße musiziert. Und er hat auch nie gesungen, sondern Gitarre gespielt, zu meinem Gesang.

Ich bleibe stehen und lasse die Passanten an mir vorbeiströmen, bis ich nicht mehr zuhören kann. Ohne ihn anzublicken, werfe ich ein paar Münzen in seinen Hut und gehe weiter. Mir ist noch nicht danach, in meine leere Wohnung zurückzukehren. Ich bin traurig und unruhig und von Erinnerungen aufgewühlt, die längst vergessen sein sollten. Darum lasse ich die U-Bahn links liegen und schlendere die Rupert Street hinunter und durch Soho, schaue durch beschlagene Fensterscheiben zu lachenden, plaudernden Leuten, steige über Pfützen, in denen sich Leuchtreklame und Lichterketten spiegeln. Ein Verkäufer der Big Issue bietet mir die Weihnachtsausgabe an. Ich kaufe eine, und mein Blick fällt auf das Datum: Dezember 2019. Ich denke an den Tag zurück, als ich ihm in dem Café in Italien gegenübersaß, und er sagte: Wenn du in zehn Jahren nach Dublin kommst, werde ich da auf dich warten … um sechs Uhr am Weihnachtsabend vor dem Bewley’s Café auf der Grafton Street.

Kaum zu glauben, dass die zehn Jahre schon um sind. Als er das damals vorschlug, schien das Jahr 2019 so weit weg zu sein, reine Zukunftsmusik. Aber die Zeit ist wie im Flug vergangen, und nun ist es da. Nicht dass ich glaube, er würde sich an unsere Abmachung noch erinnern. Ich habe sie ja selbst fast vergessen, bis mir im Januar klar wurde, welches Jahr gerade anfing. Doch dann hatte ich an andere Dinge zu denken, und meine Tage waren voll ausgefüllt – bis jetzt.

Ich hole mein Handy hervor und überlege, wer mich jetzt aufmuntern könnte. Dabei bin ich in einer glücklichen Lage, denn ich kann Caroline oder Kiran jederzeit anrufen. Wir sind seit unserem fünfzehnten Lebensjahr befreundet. Wenn ich eine Leiche loswerden müsste, würde Kiran mit einem Spaten kommen, und Caroline würde eine Decke und eine Thermosflasche Tee mitbringen und würde wahrscheinlich einen Podcast kennen, der mich in meinen Gefühlen bestätigt. Aber ich will nicht über die Erinnerung reden, die der Song in mir hochgespült hat. Auch nicht über die Absage meiner Mutter. Sie sollen nicht glauben, ich würde mich zu Weihnachten bei ihnen einladen – sie haben beide schon eigene Pläne, die sie mit Ehemann und Freund abgesprochen haben. Natürlich würden sie nicht wollen, dass ich mich einsam fühle, aber ich möchte lieber mit jemandem reden, der versteht, wie es ist, ständig für sich allein zu entscheiden und Verantwortung nur für sich selbst zu haben, nicht auch für jemand anderen.

Es fängt wieder an zu regnen, ein kalter dichter Schneeregen. Inzwischen bin ich am Bloomsbury Square neben der Bowlingbahn angekommen. Ich tauche aus meinen Gedanken auf und stelle fest, dass ich den ganzen Weg zur Adresse meines Freundes Joe gelaufen, wie auf Autopilot einer vertrauten Strecke gefolgt bin. Diesen Weg von Soho zu seiner Wohnung bin ich Hunderte Male gegangen, manchmal mit Joe allein und meistens mit unserer Clique. Kein Wunder, dass ich unbewusst hier gelandet bin. In seiner Wohnung brennt Licht. Gott sei Dank. Er ist derjenige, mit dem ich jetzt am liebsten reden möchte, und es ist doch viel netter, das persönlich zu tun, als nur zu telefonieren oder zu simsen. Ich greife nach dem Handy und wähle seine Nummer.

2

Baby, It’s Cold Outside

Die meisten Londoner empfinden es als unsozialen Akt, wenn man plötzlich bei ihnen reinschneit. Je nachdem, um welche Tageszeit man es tut und wie gut man sich kennt, wäre das in etwa so, als würde man auf den Boden spucken, Abfall auf die Straße werfen oder mutwillig öffentliches Eigentum zerstören. Aber Joe und ich sind wie eine Familie – tatsächlich sind wir sogar besser als das, wenn man bedenkt, was meine Mutter sich gerade geleistet hat. In unserer Clique stehen wir uns alle nahe, und das seit der Schulzeit, doch bei den anderen würde es jetzt nicht passen. Carolin hat einen romantischen Abend mit ihrem Freund Stefan, an dem sie jeden Moment mit einem Heiratsantrag rechnet. Kiran dürfte gerade ihre Zwillinge ins Bett bringen, und Javier und Paul verbringen ein Liebeswochenende in Bath. Joe und ich sind die Singles der Clique, wobei er in der Hinsicht viel erfolgreicher ist als ich. Und deshalb rechne ich halb damit, dass er sich gerade fertig macht, um zu einer Samstagabendverabredung zu gehen, oder dass er mit der Freitagverabredung Schluss macht.

Augenscheinlich nicht. Er öffnet mir die Tür in seinen Couchklamotten, wie er sie nennt – einem weichen roten Flanellhemd, Trainingshosen und dicken grauen Wollsocken. Seine dunklen Haare sind zerzaust. Er sieht aus, als hätte er ein Nickerchen gemacht. »Hallo, Fremde«, sagt er. »Du frierst – komm rein!« Er beugt sich zu mir herunter und umarmt mich.

Er hört Musik, wahrscheinlich einen Spotify-Weihnachtsmix, und gerade läuft eins meiner Lieblingsduette: Frank Sinatra und Dorothy Kirsten mit Baby, It’s Cold Outside.

»Du weißt, man kann den Song nicht mehr spielen.« Ich ziehe meinen Mantel aus. »Der Text geht nicht mehr. Er dreht sich um einen Mann, der eine Frau in seiner Wohnung festhält, während sie bettelt, dass er sie gehen lässt.«

»Ach, komm schon … echt jetzt? Der stammt aus einer anderen Zeit. Ist das nicht übertrieben?«

»Mmm«, sage ich. »Es war ganz harmlos gemeint, als Mickey Rooney den Japaner in Frühstück bei Tiffany spielte, nicht wahr? Auch aus einer anderen Zeit.«

»Okay, du hast recht«, sagt Joe. »Hey, warte mal. Bleib so. Nein, mit dem Arm über dem Kopf …«

Ich halte beim Abwickeln des Schals inne. Er greift sich einen Skizzenblock und Bleistift und führt einige schnelle Striche aus, während ich die Augen rolle. »Joe, im Ernst … lass mich doch erst mal reinkommen. Darf ich es wenigstens sehen?« Er zeigt mir die Skizze. Meine Locken sind vom Wind zerzaust, meine Augen ausdrucksvoll, er hat sogar meine Sommersprossen angedeutet.

»Ich wollte das nur schnell festhalten, falls wir mal einen Trollfilm drehen …«

Ich schlage mit dem Stiefel nach ihm, den ich gerade ausgezogen habe, und stelle ihn mit dem anderen in sein Schuhregal, wie er es mir beigebracht hat. Bei einem Blick in den Spiegel streiche ich mir durch die Haare, aber die tun, was sie wollen, ein wetterfühliger Lockenschopf, der bei der geringsten Luftfeuchtigkeit Kringel bildet.

»Entschuldige, Norah«, sagt er. »Das hatte nichts mit der Arbeit zu tun. Ich konnte nur nicht widerstehen.«

Joe ist Trickfilmzeichner oder genauer gesagt ein 3D-Charakter-Modellierer. Er zeichnet viel zur Übung, obwohl er hauptsächlich Programme benutzt, die Namen haben wie Python und Z-brush. Er arbeitet für ein Filmstudio in Soho, das in erster Linie Videospiele herstellt und im vergangenen Jahr einen Spielfilm im Stil von Avatar gedreht hat, der ein Megahit wurde. Ich weiß noch, wie besorgt seine Eltern waren, als er seine Ingenieursstelle aufgab, um in der Animations- und Trickfilmbranche zu arbeiten. Verglichen damit erschien meine Stelle an der Schule krisenfest. Doch nun kann Joe sich eine Atelierwohnung in Bloomsbury leisten – wenn auch bei einem zwielichtigen Vermieter, der die Miete wegen seiner Visumprobleme nicht erhöhen kann –, und seine Firma zieht in ein neues Zehn-Millionen-Pfund-Gebäude in Brentford um, in dem sie ein Kino mit zweihundert Sitzplätzen für Filmvorführungen haben werden. Man kann also sagen, es hat sich für ihn gut entwickelt.

»Fortnums!«, sagt Joe mit Blick auf meine Einkaufstüten. »Gibt es was zu feiern?«

»Nein. Aber du kannst gern ein paar Trüffel haben.« Ich hole sie aus der Tüte und lege sie auf seine Küchentheke. Ich liebe Joes Wohnung. Sie besteht nur aus einem großen Raum und einem kleinen Bad, aber sie hat hohe Decken und hohe Fenster mit Blick auf die Straße, Bücherregale, Pflanzen und überall Kunst – Zeichnungen mit Wäscheklammern an Nylonfäden aufgehängt und gerahmte Originale an allen Wänden – und lauter Stumpenkerzen. Außerdem einen Barwagen, der für die meisten meiner Kater verantwortlich ist.

»Ich habe Lebkuchen gebacken, möchtest du welchen?«

»Ist nicht wahr!«

»Doch.« Joe stellt das Gebäck und Teller auf den Tisch und legt Papierservietten mit Rentiermuster dazu, während ich mich mit untergeschlagenen Beinen in meinen Lieblingssessel am Kamin setze, einen abgenutzten aus Leder, der wie der des Vaters in der Serie Frasier aussieht. Wie ich sehe, hat Joe Weihnachtsdekoration aufgehängt, er hat sogar einen kleinen Weihnachtsbaum, im Gegensatz zu mir. Die Mühe habe ich mir gespart. Joe ist in der Hinsicht ungewöhnlich, denke ich. Den meisten (Hashtag nicht allen!) alleinlebenden Männern, die ich kenne, ist ihre Wohnung egal, so als ob sie auf eine Frau warten, die daraus einen Ausstellungsraum ihrer Persönlichkeiten macht oder wenigstens Lampenschirme über die nackten Glühbirnen hängt. Joe ist anders. Er hat es genau so gestaltet, wie er es mag.

»Also, was ist los?«, fragt er.

»Du weißt doch, dass ich Weihnachten eigentlich bei meiner Mutter verbringen wollte?«

»Was ist passiert? Erzähl mir nicht, sie hat jemanden kennengelernt.«

»Nein. Im Grunde ist es lustig. Sie fährt zu einem Drogen-Retreat, ist so ein New-Age-Ding. Wie auch immer. Ich, na ja …« Ich ziehe die Knie an die Brust und lege die Arme darum. »Ich fühle mich ein bisschen scheiße, ganz allgemein …« Meine Stimme schnappt über, und ich habe wieder Angst zu weinen.

»Okay, lassen wir den Lebkuchen. Ich mixe dir einen Drink. Willst du einen Boulevardier?«

»Einen Boulewas? Klar.« Ich hole tief Luft. »Kommt da Whisky rein?«

»Ja, Whisky, süßer Wermut und Campari. Mit Eis und Orangenschale.« Er mixt und schüttelt und benutzt seine Barutensilien, die wir ihm alle zusammen zum Dreißigsten geschenkt haben. Und von denen wir reichlich profitieren. »Zünde ein paar Kerzen an.« Er wirft mir eine Schachtel Streichhölzer zu.

Ich fange sie auf und knie mich vor den Kamin, dankbar für die Aufgabe. Joe weiß, dass ich Aktivität für das beste Mittel gegen seelischen Schmerz halte. Als ich das Streichholz anreiße und die dicken Stumpenkerzen anzünde, werde ich ruhiger. Ich sehe zu, wie Joe den rotbraunen Cocktail über die Eiswürfel in die Kristallgläser gießt, die wir letzten Sommer in der Camden Passage gekauft haben. Whisky. Irischer Whisky. Dublin. Andrew.

Komm nach Dublin … um sechs Uhr am Weihnachtsabend vor dem Bewley’s Café auf der Grafton Street.

Aber natürlich wird er nicht dort sein. Es ist – ich rechne schnell nach – sechs Jahre her, seit wir zuletzt Kontakt hatten. Er wird sich nicht mehr daran erinnern, und selbst wenn, wird er nicht hinkommen. Er ist zu Weihnachten bestimmt an einem anderen Ort und mit jemand anderem zusammen – im Gegensatz zu mir. Ich habe immer geglaubt, das würde auch mir so gehen. Ich habe mir nie vorgestellt, ich könnte 2019 um diese Zeit noch Single sein und keine Pläne haben.

»Norah? Alles okay?«, fragt Joe.

»Oh … klar! Alles gut. Ehrlich.« Ich ermahne mich und versuche, präsent zu bleiben. »Also, kein Date heute Abend? Wie war es letzte Woche mit Kristy … oder Misty?«

»Felicity. Fliss. Ja, war schön! Sie ist nett.«

»Werdet ihr euch noch mal treffen?«

»Sicher.« Er zuckt die Achseln. Und mir tut die arme Fliss schon leid. Ich hoffe, sie wartet nicht auf eine SMS von ihm.

Ich denke darüber nach, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse in seinem Dating-Leben von denen in meinem unterscheiden. Für mich ist das Singledasein eine alltägliche Londoner Frauentragödie, aber für Joe ein Mysterium, über das niemand Aufschluss geben kann. Ich persönlich glaube, der Übergang vom jugendlichen Computerfan zum heißen, gut bezahlten Junggesellen hat sich so schnell vollzogen, dass es ihm zu Kopf gestiegen ist, und jetzt hat er dabei zu viel Spaß, als dass er dieses Leben je aufgeben würde. Was seine Dates angeht, ist er auf langweilige Art diskret und erzählt mir nie etwas Interessantes.

»Was machst du Weihnachten, Joe? Fährst du zu deinen Eltern?«

»Nein … zufällig bin ich auch eine Weihnachtswaise. Hab ich das nicht gesagt? Meine Eltern machen eine Flugreise, bei der die Kinder nicht eingeladen sind.«

»Nach Hongkong?«, frage ich, weil sein Vater von dort stammt.

»Nein, zum Skifahren nach Österreich. Sie feiern ihren fünfunddreißigsten Hochzeitstag.« Er grinst. »Darum bin ich nicht eingeladen. Und meine Schwester feiert Weihnachten mit ihrem neuen Mann. Ich könnte etwas mit Kollegen unternehmen. Ein paar Australier haben sich zusammengetan und einen Truthahn besorgt – ich weiß, das klingt wie der Anfang eines Witzes.«

Es ist wirklich gut zu wissen, dass ich einen Plan B habe. Aber während er redet, wandern meine Gedanken meilenweit weg. Vierhundert Meilen weit, um genau zu sein. Natürlich wäre es verrückt, nach Dublin zu fliegen – aber na und? Es gibt nichts, das mich aufhält.

»Norah, was hast du? Du brütest doch über etwas.« Er reicht mir meinen Cocktail, und dankbar nehme ich den ersten Schluck.

»Nichts. Es ist im Grunde albern. Ich dachte nur gerade … Erinnerst du dich an den Iren, den ich mal in Italien kennengelernt habe?«

Er wirft sich in den Sessel gegenüber, dass seine Eiswürfel klirren, und legt die Füße auf einen Schemel. »Ja … ich glaube. In Rom? Prost, übrigens.«

»Prost.« Ich nehme den nächsten Schluck und spüre, wie ich unter dem Whisky und dem süßen Wermut auftaue. »Nein, das war in Verona. Schmeckt herrlich, übrigens.«

»Ach ja, bei eurer Girls-Gone-Wild-Tour. Wie hieß er noch gleich?«

Ich ignoriere die Titulierung. »Andrew.« Ich habe den Namen seit Jahren nicht mehr ausgesprochen und bekomme eine Gänsehaut. »Es war … etwas Besonderes. Wir sind zwei Jahre in Kontakt geblieben, haben es aber nicht geschafft, uns zu treffen. Er ist nach Amerika gegangen, und ich bin hiergeblieben. Es hat einfach nicht geklappt. Aber er sagte damals: Wenn du niemanden hast, treffen wir uns in zehn Jahren in Dublin. Am Weihnachtsabend 2019. Wir haben den Treffpunkt und die Uhrzeit vereinbart.«

Joe zieht die Brauen hoch. »Und du überlegst hinzugehen?«

»Nein … natürlich nicht.« Und einen Augenblick später gebe ich es zu. »Aber eigentlich habe ich nichts anderes vor.«

»Doch, hast du«, sagt Joe sofort. »Du kannst mit mir abhängen. Ich bin mir sicher, dass ich zu dem australischen Truthahnschmaus jemanden mitbringen darf.«

Ich bin gerührt. »Danke, Joe. Das wäre bestimmt schön.« Aber meine Gedanken kreisen wieder um Andrew. »Außer … meinst du wirklich, es wäre so verrückt, hinzugehen?«

Joe streicht sich durch die Haare, die dick und wellig, aber beneidenswert gefügig sind. »Ja, na klar. Denn wieso habt ihr beide euch nicht eher mal getroffen oder seid wenigstens in Verbindung geblieben? Wieso das kitschige Drama, seine Nummer auf einen Papierflieger zu schreiben und abzuwarten, ob er an deinem Haus vorbeischwebt? Er hätte in den zehn Jahren doch mal einen Wochenendtrip oder einen Besuch vorschlagen können.«

»Hat er. Aber da war ich gerade mit jemandem zusammen. Mit Matt, erinnerst du dich? Andrew kam wegen eines Konzerts nach London und hat gefragt, ob wir uns treffen wollen, und ich habe abgelehnt.«

»Oh.« Joes Gesichtsausdruck ändert sich. »Das ändert alles.«

»Und wir sind ja in Verbindung geblieben … wir haben uns E-Mails geschrieben. Aber dann, kurz nach dem Konzert, ist es im Sande verlaufen. Und meine E-Mail-Adresse änderte sich, und ich glaube, seine auch. Auf meine letzte Mail hat er jedenfalls nicht mehr geantwortet.«

»Hast du ihn gegoogelt?«

»Natürlich … ist schon eine Weile her, aber da hab ich nichts über ihn gefunden. Kann sein, dass es einen Eintrag gab, in dem es um ihn ging, aber ohne Bild, sodass ich mir nicht sicher sein konnte. In den sozialen Medien war er auch nicht präsent. Also ist er verschwunden.«

»Gib mir zwanzig Sekunden. Ich finde ihn.«

Doch er hat nicht mehr Erfolg als ich. Er findet einen Flötisten namens Andrew Power, aber keinen, der wie der Mann aussieht, den ich in Erinnerung habe.

»Du weißt, er hätte dich googeln können, wenn er gewollt hätte«, sagt Joe.

Ich zeige auf mich. »Du weißt, wie ich heiße? Norah. Jones.«

Joe grinst. Meine Eltern fanden es unglaublich, als eine Sängerin mit meinem muffig altmodischen Namen einen Riesenhit landete. Später wurde ständig gewitzelt, dass ich alle zu den Grammys einlade, und es gab unendlich viele Versuche, mir einen Norah-Jones-Song als Klingelton zu verpassen, während mein Handy irgendwo herumlag. Der Name war auch für meine Gesangskarriere nicht hilfreich – so als hieße man zufällig Naomi Campbell und wollte Model werden. Ob man ihn änderte oder nicht, das war wie ein Zeichen von Gott: Bemüh dich nicht.

»Dann hätte er eben ausgiebiger suchen müssen. Norah Jones Lehrerin London. Da bist du.« Er hält mir sein Handy hin. »Schönes Foto.«

»Er weiß nicht, dass ich unterrichte«, sage ich triumphierend. »Die Stelle habe ich erst bekommen, nachdem der Kontakt abbrach. Davor habe ich noch versucht, Sängerin zu werden.«

Joe schüttelt den Kopf. »Du hast es nicht versucht, du warst eine Sängerin. Du bist eine Sängerin.«

»Nett, dass du das sagst.« Ich versuche, das Schwanken meiner Stimme zu kaschieren. »Wie auch immer. Klar, er könnte mich finden, wenn er wirklich wollte, aber vielleicht hat er sich weiterentwickelt.«

»Ja, genau wie du! Oder nicht?«

»Offenbar nicht, denn ich sitze hier bei dir.« Ich zucke mit den Schultern und versuche, nicht an all das zu denken, was falsch gelaufen ist. Meine Mutter. Mein Vater. Dieses Weihnachten. Mit zweiunddreißig noch Single, und noch dazu einer, der das nicht genießt, also eine doppelte Pleite. »Du kannst mir glauben, ich weiß, wie verrückt das ist. Aber was hab ich zu verlieren?«

»Nichts, aber ich hasse die Vorstellung, dass du enttäuscht wirst. Wenn du nämlich hingehst, und er ist nicht da. Was der Fall sein wird, fürchte ich. Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat Kinder oder lebt mit jemandem zusammen, und selbst wenn nicht, wird er nicht aufkreuzen. Weil nämlich Männer – ja, ich verallgemeinere – weil Männer nicht dazu neigen, an die Vergangenheit zu denken, so wie Frauen das tun. Ich denke nie an irgendeine Ex und schon gar nicht an eine Urlaubsbekanntschaft. Er erinnert sich vermutlich gar nicht mehr an die Verabredung.«

»Das weiß ich! Aber danke für deine ›Herrklärung‹.«

»Man kann es wohl kaum ›herrklären‹ nennen, wenn ich … erkläre, wie es ist, ein Mann zu sein«, erwidert er.

»Meinetwegen. Schau, mir ist klar, dass er höchstwahrscheinlich nicht auftauchen wird. Aber vielleicht ja doch. Und das kann ich nur erfahren, wenn ich hingehe.«

»Willst du das ernsthaft tun?«

Inzwischen habe ich meinen Cocktail ausgetrunken. »Eigentlich ja. Glaube ich. Denn wieso nicht? Was kann schon passieren? Außer dass ich zehn Minuten auf der Grafton Street herumstehe.« Ich seufze. »Allerdings wäre das ziemlich hart. Allein die weite Reise machen und in der Kälte auf jemanden warten, der wahrscheinlich nicht kommt.«

»Tja, na ja.« Joe steht auf und mixt uns zwei neue Drinks. Während ich ihm zusehe, geht mir durch den Kopf, dass er Weihnachten auch nichts Besonderes vorhat. Und mir kommt eine Idee.

»Wäre es denkbar … dass du mitkommst?«, frage ich.

»Mit dir? Nach Dublin?«

»Ja. Warum nicht? Das könnte schön werden«, sage ich hoffnungsvoll. »Wir könnten Spaß haben. Bier trinken … ins Museum gehen … ein hübsches Hotel nehmen … Wie wär’s?«

Er schüttelt den Cocktailbecher, ohne darauf einzugehen. »Du müsstest nicht, äh, mit mir zusammen auf der Straße warten, am Weihnachtsabend«, füge ich hinzu. »Du könntest etwas unternehmen. Oder mit einem Whisky und einem Buch im Hotel bleiben.«

»Danke. Klingt aufregend.«

»Na ja, aber davon abgesehen kann es toll werden! Und das würde mir viel bedeuten. Joe? Könntest du … darüber nachdenken?«

Er gießt wortlos die Cocktails ein und gibt mir meinen. »Vielleicht. Aber keine Folkmusik. Und auch keinen Jazz. Zu diesen Bedingungen könnte ich es in Erwägung ziehen. Oh, und wir müssten uns wirklich ein schönes Hotel suchen. Und wenigstens einmal in ein richtig gutes Restaurant gehen.«

»Wirklich?« Ich starre ihn an, und ganz allmählich lächle ich, endlich mal wieder, wie mir scheint. Wenn er mich begleitet, kommt mir die Aktion nicht ganz so erbärmlich und erschreckend vor. Denn wenn ein Kurztrip mit einem Freund daraus wird und ich zufällig um sechs Uhr vor dem Bewley’s Café stehe, dann bedeutet das viel, viel weniger Erfolgsdruck, als wenn ich allein vierhundert Meilen fliege, um nach zehn Jahren auf gut Glück am Treffpunkt zu erscheinen.

»Würdest du wirklich mitkommen, Joe? Im Ernst?«

»Also, meiner Ansicht nach ist das eine schreckliche Idee. Aber okay, ich komme mit.«

»Das ist fantastisch! Danke!« Ich stutze. »Was werden die anderen sagen?«

»Was meinst du?« Aber er weiß genau, was ich meine. Wir sind schon oft alle zusammen verreist. Und ich habe mit Caroline und Kiran Urlaub gemacht. Aber ich und Joe zusammen, nur wir beide, über Weihnachten – das werden sie definitiv ungewöhnlich finden. Sie werden Bemerkungen machen und Erklärungen verlangen, über uns reden und Witze reißen – über die letzten standhaften Singles.

»Wir könnten es ihnen einfach verheimlichen«, bietet er an, wie ich es mir schon dachte. Joes beste Eigenschaft ist, dass er es versteht, ein gutes Leben zu führen und zu Freunden und Familie ein harmonisches Verhältnis zu haben. Seine nicht so gute Eigenschaft ist, dass er fast alles tun würde, damit die Harmonie erhalten bleibt, und sogar beträchtliche Mühen in Kauf nähme, um Streit zu vermeiden. Zum Beispiel hat er seinen Eltern am Anfang nicht erzählt, dass er seine Ingenieursstelle gekündigt hat, sondern erst, als sein erstes Videospiel veröffentlicht wurde, ein ganzes Jahr später.

»Natürlich werden wir es ihnen erzählen. Warum denn nicht? Wir sagen ihnen einfach, dass …« Doch da stehe ich auf dem Schlauch, denn ich will eigentlich nicht kundtun, dass ich nach Irland fliege, nur auf die vage Möglichkeit hin, meinen Urlaubsflirt von damals wiederzusehen. Das ist albern genug, auch ohne, dass ich stündlich Updates in die Gruppe schreiben muss. Aber Caroline werde ich es sagen. Sie ist meine beste Freundin, und es würde sie befremden, wenn ich sie ausschließe. Nicht zuletzt, weil sie mal mit Joe zusammen war. Das war vor langer Zeit und ging nur über sechs Monate, aber trotzdem.

»Tja, lass uns später darüber nachdenken«, sagt Joe. Einer seiner Lieblingssätze. »Lass uns unseren Cocktail trinken und dann nach Flügen suchen.« Auch so ein Lieblingssatz.

»Super. Gehen wir an den Computer.« Mit Herzklopfen stehe ich auf. Weihnachten 2019. Es ist so weit. Es passiert. Und Joe begleitet mich. »Oh, wow, guck mal nach draußen. Schneit es tatsächlich?« Ich gehe ans Fenster und sehe hinaus. Aber es ist dasselbe wie vorhin. Schneeregen, kein Schnee.

»Nicht ganz, aber fast«, sagt Joe neben mir.

»Die Geschichte meines Lebens«, scherze ich. Und voller Aufregung denke ich: Vielleicht nicht mehr lange.

3

Remember Me

Von Joe aus laufe ich zur U-Bahn und quetsche mich in einen Waggon der Piccadilly Line Richtung Turnpike Lane. Während ich mit der Masse der Weihnachtseinkäufer hin und her schwanke, wandern meine Gedanken zehn Jahre zurück zu einem anderen Zug. Anstelle von Einkaufstüten sehe ich Rucksäcke aufeinandergestapelt in der Ecke, wo wir sitzen. Der feuchte Mief der Londoner U-Bahn verschwindet, und ich spüre die Sonne, die durch die Fenster auf meinen sommerbraunen Arm brennt. Ich höre das Rattern und Zischen des Zuges, der uns von Florenz nach Verona bringt.

Caroline, Kiran und ich hatten beschlossen, zusammen zwei Wochen Urlaub zu machen und mit dem Rucksack durch Italien zu reisen. Ursprünglich hatten wir das in den Monaten nach dem Examen tun wollen, aber wir hatten befürchtet, keine Stelle zu bekommen, wenn wir uns nicht sofort darum kümmerten. Tagsüber arbeitete ich als Aushilfe und abends sang ich in Londoner Pubs und Restaurants, die mich mit meinem Casio-Keyboard auftreten ließen. Meine Eltern hatten sich in meinem zweiten Uni-Jahr getrennt, und ich wohnte bei meinem Vater in Ealing, um die Miete zu sparen. Caroline hatte einen Job bei Industrial Metals ergattert, einer Fachzeitschrift, in der kein Blech stand. Den Witz machten wir ständig, aber wir betrachteten sie mit Ehrfurcht, weil sie tatsächlich als Journalistin arbeitete. Und Kiran, die Glückliche, war bei einer Personalberatungsfirma – die mehr darauf spezialisiert war, Köpfe rollen zu lassen als Köpfe einzusetzen, aber wir rieben ihr das nicht allzu sehr unter die Nase. Sie äußerte sehr offen und freimütig, dass sie keine Sekunde länger bereit wäre, sich von Reis und Fischstäbchen zu ernähren, Wirtschaftsflaute hin oder her.

Das war 2009, was mir rückblickend wie eine andere Ära erscheint. Caroline und ich hatten noch Nokia-Klötze als Handys, und wir suchten uns unseren Weg mit einem abgegriffenen Lonely-Planet-Reiseführer, während Kiran den viel nobleren Rough Guide benutzte. Sie hatte außerdem ein Smartphone, aber das funktionierte nur, wenn es mit W-LAN verbunden war, was nicht in allen Hostels der Fall war. Darum arbeiteten wir mit verteilten Aufgaben. Kiran war die Technikbeauftragte, Caroline unsere Kunsthistorikerin, die uns sagte, was wir besichtigen sollten, wenn wir die verschiedenen Kirchen und Plätze abklapperten, bevor wir uns auf ein Bier oder einen Kaffee hinsetzten. Und ich war die Vernünftige, die ein zusätzliches Ladekabel und einen Adapter dabeihatte (Caroline hatte ihren vergessen), sowie einen Monatsvorrat an Paracetamol und eine Liste aller Hostels, die wir vorab gebucht hatten, mit Adressen und geordnet nach Datum.

Doch in Italien lief die Sache schief. Wir hatten es geschafft, in Florenz in den falschen Zug zu steigen – mit der klassischen Verwechslung von arrivi und partenze – und fuhren statt nach Rom in Richtung Venedig. Beim nächsten Halt, in Verona, stiegen wir aus und stellten fest, dass die Touristeninformation geschlossen hatte. Nachdem wir eine halbe Stunde lang vergeblich an einem Münzapparat telefoniert hatten, um eine Unterkunft zu bekommen, gaben wir auf und setzten uns in ein Café, um die Lage zu besprechen.

Die Umgebung hätte idyllischer nicht sein können. Wir waren in Verona, der Heimat Romeos und Julias, einer Stadt voll schöner alter Häuser und mittelalterlicher Gassen, über denen sich die Balkone beinahe berührten, und der Himmel war strahlend blau. Unser Café lag an einem Platz mit Blick auf das berühmte römische Amphitheater, wo am Abend eine Oper aufgeführt werden würde. In der Nähe plätscherte ein dreistufiger Brunnen und glitzerte in der Sonne. Aber es war schon sechs Uhr, und wir hatten noch immer keinen Schlafplatz. Wir mussten uns überlegen, ob wir weitersuchen oder mit dem Nachtzug nach Rom zurückfahren wollten oder ob wir tatsächlich bereit waren, eine horrende Summe für ein Hotelzimmer auszugeben, anstatt in den Doppelstockbetten eines Hostels zu übernachten, wie wir es sonst immer taten. Kiran war für das Hotel, Caroline und ich waren dagegen.

»Das würde unser Wochenbudget sprengen, Kiran«, sagte Caroline, und in dem Moment mischte sich jemand in unser Gespräch ein.

»Entschuldigt, Leute …« Ein junger Typ in unserem Alter trat mit halb erhobener Hand an unseren Tisch. Er schien Ire zu sein. »Ich will nicht stören, aber wir haben zufällig mitbekommen, dass ihr noch keinen Platz zum Übernachten habt?«

Wir starrten ihn an und schätzten ihn in Sekundenschnelle ein. Kiran und ich warfen Caroline instinktiv einen Blick zu, um zu sehen, ob sie ihn angelockt hatte. Denn sie war nicht nur unsere Kunsthistorikerin, sondern auch der Männermagnet. Sie war schon immer hübsch gewesen, aber in dieser Woche mit ihrer Sommerbräune, den langen Beinen und den großen braunen Augen strahlte sie etwas aus, das Kiran und ich nicht hatten. In Siena hatte ihr schon ein älterer Franzose angeboten, zu ihr nach London zu ziehen. In Genua waren wir ihretwegen zu einer fantastischen Party eingeladen worden, und wir waren im Morgengrauen aus Florenz geflüchtet, um einem ihrer Bewunderer zu entkommen, der auf eine wirklich gruselige Art bekundet hatte, ihr bis in ihre Träume hinein folgen zu wollen. Sie konnte offensichtlich so wenig dafür, dass wir nicht einmal eifersüchtig waren. Die Männer flogen einfach auf sie.

»Das muss damit zu tun haben, dass mit Dan Schluss ist«, meinte Kiran. Dan war Carolines grauenhafte Uni-Beziehung gewesen. »Man sieht dir an, dass du frei bist.«

Doch so unglaublich das war, der Typ schien Caroline gar nicht zu beachten. Er schaute nur mich an. Er sah nicht direkt toll aus, aber mit seinen dunklen, über der Stirn zerzausten Haaren und seinen grauen gegen die Sonne blinzelnden Augen war er auf eine Art anziehend, die ich viel aufregender fand.

»Ja, wir sind heute Nachmittag angekommen, und alles ist ausgebucht«, sagte ich.

»Wir wollten gar nicht nach Verona«, erklärte Kiran. »Wir sind in den falschen Zug gestiegen.«

Ich zuckte zusammen. Das hatte ich nicht erwähnen wollen, weil wir damit wie totale Anfänger dastanden, wie hilflose Mädchen, die sich nicht mal mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtfinden oder einen Stadtplan lesen können.

»Das nennt man einen glücklichen Zufall«, erwiderte unser neuer Freund. Er lächelte, und ich bekam einen Schock, ein Gefühl wie ein Déjà-vu, als würden wir uns längst von irgendwoher kennen oder als wäre das schon einmal passiert.

»Jedenfalls wollte ich euch nur sagen, dass in dem Hostel, in dem wir übernachten, noch Betten frei sind. Es liegt am Hang oberhalb der Stadt, bis dahin geht man etwa zwanzig Minuten zu Fuß. Es ist ein schönes altes Haus. Da ist gerade eine Gruppe von Deutschen abgereist, und die Frau an der Rezeption hat heute früh zu mir gesagt, dass wieder einiges frei ist. Es ist auch ziemlich preiswert. Sechzig für ein Dreibettzimmer, wie wir es haben. Seid ihr zu dritt?«, fragte er und sah wieder nur mich an.

Bei der Frage klopfte mein Herz schneller, während die anderen zwei ihm bestätigten, dass wir zu dritt wären und dass das ein super Tipp sei. »Wenn du mir die Nummer gibst, kann ich gleich dort anrufen.« Kiran nahm ihr Handy heraus.

Er zog ein kleines schwarzes Moleskine-Notizbuch aus der hinteren Hosentasche, und Kiran tippte die Nummer ab, während ich versuchte, nicht seine braun gebrannten Unterarme oder sein schönes Profil zu begaffen. Anstelle des allgegenwärtigen Rucksacktouristen-Outfits aus Slogan-T-Shirts, Shorts und Sandalen trug er ein weißes T-Shirt und dunkelblaue Baumwollhosen zu ausgelatschten weißen Tennisschuhen. Ich bemerkte seine beiden Freunde an einem der Nachbartische. Einer hatte neben sich einen Cellokasten an den Tisch gelehnt, und ich sah noch zwei andere Geigenkoffer – Violinen? Der Typ wirkte auf mich nicht wie ein Rucksacktourist und auch nicht wie ein Straßenmusiker.

»Hab ein Dreibettzimmer für uns!«, sagte Kiran triumphierend nach einer kurzen Unterhaltung. »Wir können jederzeit kommen. Die Rezeption ist bis neun Uhr besetzt.« Wir jubelten erleichtert und euphorisch.

»Vielen Dank«, sagte ich verlegen und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. Die waren noch anziehender als gedacht, und das Grau war auffallend hell.

»Großartig. Viel Spaß noch«, sagte er und nach kurzem Zögern: »Äh … meine Freunde und ich sitzen da drüben. Vielleicht habt ihr Lust, euch zu uns zu setzen? Je nachdem, was ihr vorhabt.«

»Sehr gern. Wir kommen gleich rüber.« Caroline strahlte ihn an. Das war unser bewährtes Vorgehen. Auf diese Weise hatten wir Zeit, vorher eine Strategie zu überlegen und uns zu einigen, auf wie viel wir uns einlassen wollen, und brauchten das nicht im Beisein der anderen unbeholfen untereinander abzuchecken.

»Also … dein Abend ist gerettet, Norah«, sagte Kiran, sowie er weg war.

»Sei nicht albern. Ich hab kaum zwei Worte mit ihm gesprochen.«

»Aber die Blicke«, sagte Caroline. »Ich hab leichte Verbrennungen abgekriegt, so stark hat’s da gefunkt.«

»Haha«, erwiderte ich, aber mein Gesicht stand in Flammen. »Was machen wir? Schnell was trinken und dann ins Hostel, die Rucksäcke abladen und duschen?«

»Ja, bitte. Die Shorts habe ich seit drei Tagen an. Die kann man schon hinstellen«, meinte Caroline.

»Deswegen brauchst du Smartwool. Ich trage mein T-Shirt aus Merinowolle jetzt schon fünf Tage«, verkündete Kiran stolz. Sie war konsequent bestrebt, mit möglichst leichtem Gepäck zu reisen, und hatte eine minimale Garderobe aus sonderbaren Sportklamotten bei sich, die man angeblich nicht zu waschen brauchte.

»Das ist uns nicht entgangen«, sagte Caroline. Ich machte die passende Mimik zu dem Scherz, obwohl ich völlig abgelenkt war. Denn ich durchlitt die irrationale Angst, dass wir zu lange zögerten und der Typ – ich kannte nicht mal seinen Namen – glauben könnte, wir kämen nicht, und mit seinen Freunden das Café verließ. Oder dass er, was viel realistischer war, Caroline ins Auge fassen und mich von da an ignorieren würde.

»Okay, gehen wir rüber«, sagte Caroline. »Du setzt dich neben ihn, Norah! Wir wollen nicht noch eine Tom-Katastrophe erleben.« Damit spielte sie auf den Abend an, als ich meinen Uni-Schwarm zu einem Essen mit Freunden eingeladen und dann den ganzen Abend in der Küche Kräuter gehackt hatte für ein absolut langweiliges Thai-Curry, das schlimmer schmeckte als ein Instant-Nudelgericht.

»Nie wieder«, beteuerte ich. Wir standen auf und gingen zu ihrem Tisch.

»Was hat es mit euren Instrumenten auf sich? Spielt ihr im Opernorchester?«, fragte Kiran, sobald wir saßen – ich neben Andrew, wie er anscheinend hieß.

»Ha! Nein, wir spielen nicht in der Oper«, antwortete Conor, Andrews Freund – ein Typ mit breitem Lächeln, Stirnglatze und charmantem Benehmen. Der dritte Musketier war Niall, ein kleiner Schüchterner, der erwartungsgemäß auf Caroline flog. Die drei hatten gerade ihren Abschluss in Musik am Trinity College in Dublin gemacht.

»Wir – oh Gott ist das peinlich. Willst du es ihnen sagen?«, fragte Andrew Conor.

»Wir machen eine kleine Kammermusik-Tournee und spielen auch bei zwei Hochzeiten. Wir sollten eigentlich als Sextett auftreten. Ja, lacht ihr nur«, sagte Conor, als die Mädels loskicherten.

»Sextett? Wusste gar nicht, dass es so was gibt«, sagte Kiran. Darum beneidete ich sie immer. Ihr war es nie peinlich zuzugeben, dass sie etwas nicht wusste, und dadurch wirkte sie selbstbewusster und intelligenter als die unter uns, die so etwas überspielten und ihre Selbstzweifel verbargen – wie ich zum Beispiel.

»Das gibt es. Zwei Cellos, zwei Bratschen und zwei Violinen. Außer wenn drei davon in ein Freizeitbad gehen, den ganzen Tag bei dreißig Grad rumlaufen, ohne sich einzucremen, und dabei einen Hitzschlag erleiden. In der Konzertpause gestern Abend mussten sie aufgeben«, sagte Andrew. »Jetzt liegen sie im Hostel in der kalten Badewanne. Also sind wir jetzt ein Trio. Gott sei Dank haben wir nicht beide Violinen verloren.«

»Wer weiß, was morgen sein wird«, sagte Niall. »Wir sollen dann eigentlich nach Hause fliegen. Wir werden sie aus dem Bett hieven müssen, vielleicht per Rettungshubschrauber zum Flughafen schaffen.«

»Man wundert sich wirklich«, sagte Conor. »Wie konnten Weiße in sämtliche Kontinente einfallen, wenn sie nicht mal einen Tag in der Sonne zubringen können, ohne dass ihnen das Gehirn verbrutzelt?«

Alle lachten, aber ich sagte: »Tatsächlich gibt es ein Buch, in dem genau das erklärt wird. Es heißt … äh …« Ich ließ den Satz in der Schwebe, weil ich Angst hatte, ich könnte die Stimmung falsch beurteilt oder den Witz verdorben haben. Doch Kiran und Caroline blickten mich stolz an, so wie wir Caroline stolz ansahen, wenn sie den Unterschied zwischen dorischen und ionischen Säulen beschrieb, oder Kiran, wenn sie den Facebook-Algorithmus erklärte. Wir stärkten uns gegenseitig, lange bevor das propagiert wurde. »Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften«, sagte ich schließlich.

»Arm und Reich«, wiederholte Andrew. Er holte sein Notizbuch hervor. »Das schreibe ich mir auf.«

Das war offenbar das Signal für seine Freunde zu johlen. »Das Notizbuch! Es kommt in sein Notizbuch! Aufgepasst, Norah: Sobald es da drinsteht, wird es ernst.«

»Die ganze Tour steht schon da drin«, sagte Conor. »Italienische Redewendungen, Kirchen, die er besichtigen will, Bücher, die er lesen will, kleine Anmerkungen, wie sich andere Musiker verbessern könnten … das steht da alles schwarz auf weiß.«

»Wir hoffen, dass er das Notizbuch dem Archiv des Trinity stiftet, wenn er ein berühmter Komponist geworden ist«, fügte Niall hinzu.

Sie kicherten, während Andrew gutmütig grinsend fluchte. Das war offensichtlich ein Insiderwitz ihrer Gruppe, wie wir auch welche hatten, und Außenstehende fanden die nicht halb so komisch wie wir.