Me. Dreams. Baby. - Silvia Schneider - E-Book

Me. Dreams. Baby. E-Book

Silvia Schneider

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Beschreibung

Kristin dachte, sie hätte das Schlimmste hinter sich, bis sie ihrem Ex-Mann Robert über den Weg läuft - und entdeckt, dass er ihren Kinderwunsch mit einer anderen Frau verwirklicht hat. Diese Begegnung reißt alte Wunden auf und entfacht erneut ihre Sehnsucht nach einer Familie. Verzweifelt spricht sie mit ihrer Ärztin, die ihr von alternativen Familienmodellen erzählt. Wenig später lernt Kristin Valentin kennen, einen charmanten, schwulen Mann mit eigenen Geheimnissen. Während Kristin beginnt, sich auf dieses neue Abenteuer einzulassen, steht plötzlich Robert vor ihrer Tür und will zurück in ihr Leben. Kristin muss nun die Entscheidung treffen: Soll sie den neuen Weg mit Valentin einschlagen oder Robert eine zweite Chance geben?

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dieses Buch ist eine Hommage an diejenigen, die trotz stürmischer Zeiten unbeirrt ihren Weg gehen. Euer Mut inspiriert, eure Stärke bewegt.

Gebt niemals auf!

Inhaltsverzeichnis

Ein Funke der Veränderung

Freitag, 8. April 10 Uhr

Freitag, 8. April 11:05 Uhr

Freitag, 8. April 22:30 Uhr

Samstag, 9. April 9:25 Uhr

Samstag, 09. April 10:15 Uhr

Montag, 11. April 12:40 Uhr

Sonntag, 15. Mai 8:15 Uhr

Sprung ins Neue

Freitag, 30. Juni 0:01 Uhr

Samstag, 6. Juli 9:55 Uhr

Sonntag, 24. Dezember 17 Uhr

Montag, 25. Dezember 1:00 Uhr

Dienstag, 26. Dezember 18:25 Uhr

Dienstag, 26. Dezember 19:00 Uhr

Mittwoch, 27. Dezember 8:34 Uhr

Mittwoch, 27. Dezember 18:25 Uhr

Wechselbad der Gefühle

Freitag, 2. Februar 19:50 Uhr

Samstag, 3. Februar 9:15 Uhr

Sonntag, 4. Februar 14 Uhr

Sonntag, 4. Februar 18:30 Uhr

Mittwoch, 14. Februar 9 Uhr

Ostersonntag, 31. März 17:15 Uhr

Donnerstag 04. April 12:15 Uhr

Samstag, 13. April 17:20 Uhr

Samstag, 13. April 18:05 Uhr

Dienstag 07. Mai 10:15 Uhr

Mittwoch, 22. Mai 7:00 Uhr

Mittwoch, 22. Mai 19:00 Uhr

Freitag, 14. Juni 13:30 Uhr

Samstag, 15. Juni 11:30 Uhr

Dienstag, 02. August 15:20 Uhr

Freitag, 30. August 15:45 Uhr

Montag, 18. November 14:40 Uhr

Samstag, 23. November 19:10 Uhr

Happy End liegt im Auge

Dienstag, 03. Juni 14 Uhr

Epilog

Bucket List

Realschulabschluss mit gut oder sehr gut bestehen.

Physiotherapeutin werden.

Ersten Kuss mit 15.

Große Liebe mit 16 finden.

Erstes Mal spätestens mit 18, sonst ende ich als alte Jungfer.

Hochzeit meiner großen und einzigen Liebe mit 25.

Haus mit Garten. Unbedingt auf dem Land!

An meinem 27. Geburtstag schwanger mit dem ersten Kind.

Das zweite Kind kommt vor dem Dreißigsten.

So eine Mama werden, wie meine Mama.

Für meine Kinder wünsche ich mir einen Papa, der so ist, wie mein Papa.

Eigene Physiotherapiepraxis eröffnen.

Kristin, 12 Jahre alt

Ein Funke der Veränderung

Freitag, 8. April

10 Uhr

Marienplatz München

Kristin trat aus dem Salon und ließ den Duft von Haarspray und Shampoo hinter sich. Die strahlende Morgensonne begrüßte sie und schien ihr zuzuflüstern, dass heute ein besonderer Tag werden würde. Ihr erster freier Tag seit langem, und er war prall gefüllt: ein Krebsvorsorgetermin, ein Bewerbungsgespräch und schließlich ein Treffen mit ihrer besten Freundin Vio im Kunstgenuss. Trotz der vielen Vorhaben versprach dieser Tag, endlich wieder ein Stück Normalität und Freude in ihr Leben zu bringen.

Der Erste seit Ewigkeiten.

Als sie den Marienplatz erreichte, spielte das Glockenspiel des Rathauses die Zehn-Uhr-Melodie. Bis zum Frauenarzttermin blieb ihr also noch eine halbe Stunde. Genügend Zeit, ihren grummelnden Magen zu stillen. Wie so oft hatte sie auch heute die Wohnung ohne Frühstück verlassen. Nur ein schneller Kaffee war drin, dann musste sie auch schon los, um den Friseurtermin nicht zu verpassen.

Sie überquerte den Marienplatz, der wie jeden Tag gefüllt von Touristen war, und steuerte ihre Lieblingsbäckerei an. Schon von weitem konnte sie erkennen, dass der Verkaufsraum gedrängt voll war und die Schlange bis zur Tür reichte. Das könnte knapp werden. Doch der verführerische Geruch aus der Bäckerei ließ ihren Magen immer lauter werden und sie gab sich geschlagen. Es gelang ihr selten, daran vorüberzugehen, ohne dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief und sie sich dann ergebend eins dieser köstlichen Blätterteigteilchen gönnte.

Sie stellte sich brav hinter die Wartenden und sah sich um, während die warme Aprilsonne sie anstrahlte. Egal, in welche Richtung sie blickte, überall wimmelte es von Pärchen und Familien. Pärchen, die Küsse austauschten und verliebte Selfies von sich machten. Pärchen, die bald zu dritt waren. Pärchen, die verzauberte Blicke in den Kinderwagen warfen.

Kristins Augen wanderten sehnsuchtsvoll von einem Paar zum Nächsten, bis sie an einem hängen blieb.

Sie erstarrte.

Ihr Herz begann wild zu pochen.

Das einstige Hungergefühl wich einem Brechreiz.

Das konnte nicht sein.

Sie blinzelte mehrfach hintereinander.

Keine Veränderung.

Sie kniff ihre Augen zusammen, um den Blick zu schärfen. Doch auch das brachte nichts.

Das musste ein Alptraum sein.

Sie zwickte sich in den Unterarm, um aufzuwachen. Außer dass sie morgen vermutlich einen dicken blauen Fleck davontragen würde, änderte sich nichts.

Das Bild, das sich ihr bot, blieb.

Wut stieg in ihr hoch, das Rauschen in den Ohren wurde lauter und mit einem Tunnelblick stürmte sie auf das Pärchen mit dem Kind zu. Auf halben Weg blieb sie abrupt stehen und versteckte sich hinter der Mariensäule. Das konnte alles nicht wahr sein. Sie schlug die Hände vors Gesicht.

Robert.

Hand in Hand mit Tamara. Und auf seinen Schultern ein Junge. Von Weitem schätzte Kristin den Bub auf drei.

Drei Jahre sind seit der Scheidung vergangen.

War der Junge der Grund? Kristin verstand die Welt nicht mehr. Ihr schwirrte der Kopf. In was für ein entsetzliches Spiel war sie nur geraten? Robert hatte sie wegen ihres Kinderwunsches verlassen und nun läuft er mit einem Kind über den Marienplatz.

Die vergangenen drei Jahre waren nicht leicht für sie gewesen. Es war ein ständiges Auf und Ab der Gefühle und die fröhlichen Momente konnte sie, wenn sie zurückdachte, tatsächlich an einer Hand abzählen. Gleich nach seinem feigen nächtlichen Abgang hatte sie im Internet nach einem Lebenszeichen von ihm gesucht, nichts gefunden und sich wochenlang in ihrer Wohnung eingeigelt. Nur ihres Jobs wegen, den sie von Herzen gern tat, konnte sie sich tagtäglich aufraffen und vor die Tür treten. Doch am Ende jeden Tages verschloss sie sich wieder der Außenwelt. Selbst ihrer Mutter und Vio fiel es anfangs schwer, sie durch den Nebel der Ungläubigkeit und Trauer zu erreichen. Die Zeit heilt alle Wunden, predigten sie bei jedem Gespräch. Ihre beider Beharrlichkeit zum Dank fand sie peu à peu wieder zurück zur Normalität. Zumindest was man Normalität nennen konnte. Sie besuchte ihre Familie regelmäßig auf dem Land und bestellte nicht mehr beim Lieferservice, sondern traf sich mit alten Freunden zum essen oder kochte nur für sich allein. Die Stille der Wohnung quälte sie nicht mehr und die nächtliche Suche nach dem warmen Körper ihres Mannes, an den sie sich schmiegen konnte, war auch verschwunden.

Jetzt stand sie hier, versteckt hinter der Mariensäule. Das Pflaster, das ihre fast verheilte Narbe noch bedeckt hatte, wurde durch den Anblick eines glücklichen Roberts radikal abgerissen und die Wunde platzte in ihrer ganzen Schmerzlichkeit wieder auf.

Sie brauchte Antworten! Dringend!

Aber auf einmal fehlte ihr jegliche Kraft, ihn damit zu konfrontieren. Eine unbändige Müdigkeit überfiel sie und die Tränen liefen unaufhörlich die Wangen hinunter.

Sie fühlte sich verraten.

Wie konnte er ihr das antun? Er hatte ihr doch immer gesagt, wie sehr er sie liebte und nur sie liebte. Und jetzt läuft er mit dieser arroganten, reichen Tussi durch die Gegend. Kristin hatte sie noch nie gemocht, weil sie auf jeder Veranstaltung um Robert herumscharwenzelt war. Als Tochter von Privatklinikinhaber Professor Doktor Rudolf Falkenberger, war sie natürlich auf sämtliche klinische Anlässe mit eingeladen und nutzte diese auch aus, Roberts Aufmerksamkeit zu bekommen.

Zuhause versicherte Robert ihr immer wieder, dass es keinerlei Grund zur Eifersucht gäbe. Hatte er in diesem Augenblick schon gelogen? Wie lange hatte er sie betrogen? Wie oft? Warum hatte er ihr nicht einfach die Wahrheit gesagt? Warum die Nacht und Nebelaktion, als er sich ohne ein Wort aus dem Staub gemacht hatte? Dann die Sache mit der Wohnung. Den bezahlten Scheidungsanwalt, der ein Jahr nach Roberts Verschwinden mit den Scheidungspapieren vor der Tür stand.

Warum all diese Lügen?

Kristin atmete tief durch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Es half alles nichts. Sie musste sich zusammenreißen und ihn zur Rede stellen. Sie hatte eine Erklärung verdient, nur so konnte sie dieses Kapitel ihres Lebens endgültig abschließen. Vielleicht hatte dann die Achterbahn der Gefühle endlich ein Ende.

Vorsichtig lugte sie um die Säule herum und hätte beinahe vor Schreck aufgeschrien. Robert war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt. Sein Blick war Tamara zugewandt, die gerade etwas sagte, woraufhin er lachte. Er beugte sich zu ihr hinunter und drückte ihr einen innigen Kuss auf die Lippen, während er mit der einen Hand den wankenden Jungen auf seinen Schultern hielt und mit der anderen über den Bauch von Tamara strich.

Entsetzt riss Kristin ihre Augen auf. Erst jetzt fiel ihr der gewölbte Bauch auf. Tamara war wieder schwanger. Und wunderschön noch dazu.

Sie keuchte. Unbewusst strich Kristin über ihren flachen Bauch. Eine unbändige Traurigkeit gepaart mit einer Stinkwut machte sich in ihr breit.

Angetrieben durch die heftigen Gefühle trat sie mutig aus dem Schutz der Mariensäule hervor und wartete darauf, dass Robert in ihre Richtung blickte.

Mit Genugtuung beobachtete sie den rekordverdächtigen Mimikwechsel in seinem Gesicht, als er sie erkannte. »Hallo Robert.«

»Kein Kontakt, das war die Bedingung«, schnauzte Tamara sie mit hasserfüllter Stimme an.

Verwirrt starrte Kristin Tamara an, dann wanderte ihr Blick zurück zu Robert, der zu Boden sah. Dessen Pulsader am Hals aber sichtbar pochte. Ein Zeichen, dass er vor Wut kochte. »Robert?«

»Er redet nicht mit dir!«, antwortete Tamara anstelle von Robert donnernd.

»Kannst du bitte mal die Klappe halten!«, fauchte Kristin zurück und wandte sich mit beharrlichem Blick wieder Robert zu: »Du bist mir eine Erklärung schuldig.«

»Du solltest besser weiter gehen.« Roberts Stimme war leise aber knurrend. Er hob den Kopf und blickte ihr flehend in die Augen. Sein schlechtes Gewissen war unübersehbar. Was Kristin noch mehr verwirrte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das werde ich nicht.«

»Er hasst dich. Wegen dir musste er hier in München alles aufgeben!«, schrie Tamara boshaft und ihr schöner Mund verzog sich zu einer gehässigen Grimasse.

Kristin versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken, doch er war zu groß. »Stimmt das?«, krächzte sie und blickte Robert niedergeschlagen an.

Er zögerte kurz, hob dann den Jungen von seinen Schultern und stellte ihn neben Tamara ab, die bereits den Mund zum Widersprechen geöffnet hatte. »Geht zur Eisdiele. Ich komme gleich nach«, befahl er in strengen Ton. Tamara warf Kristin einen hasserfüllten Blick zu, nahm den Jungen an die Hand, drehte sich auf dem Absatz um und ging widerwillig davon.

Tamara war kaum außer Hörweite, als er explodierte. »Warum bist du nicht bei der Arbeit? Um diese Uhrzeit bist du doch immer dort.« Er zog seine Augenbrauen grimmig zusammen. »So hätte es nicht kommen sollen. Verdammt, ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl dabei, nach München zurückzukehren.« Seine Stimme brach, er machte einen Schritt auf sie zu, hob die Arme und für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als wollte er sie umarmen. Doch er ließ sie schwerfällig wieder sinken.

Kristin sah Tränen in seinen Augen glitzern. »Robert, was ist nur los?«

»Lass uns da drüben bei den Stühlen hinsetzen«, schlug er vor und deutete auf die Sitzreihe neben dem U-Bahn-Abgang.

Er war schmaler geworden, dachte Kristin und betrachtete seine Statur von hinten, während sie ihn zu den Stühlen folgte. Außerdem waren ihr die tiefen Furchen um seine Augen, trotz seiner Brille aufgefallen und das einst dunkelbraune Haar schimmerte nur noch durch das Grau hindurch. Auch wenn er die Haare nach neuster Mode gestylt hatte und keinen Vollbart mehr trug, so sah er doch um zehn Jahr älter aus. Wieder einmal fragte sie sich, was in den drei Jahren geschehen war. Was hatte ihn so verändert? Wo war der Mann, den man bei seinem vierzigsten Geburtstag auf dreißig geschätzt hatte?

Wie ein alter Mann ließ sich Robert auf den Stuhl fallen. »So hätte es nicht kommen sollen«, flüsterte er kopfschüttelnd und blickte auf den Boden.

»Das sagtest du bereits, Robert. Ich will endlich wissen, was los ist, verdammt noch mal! Du bist mir eine Erklärung schuldig«, entfuhr es ihr heftig.

Er nickte mit gesenkten Kopf. »Du hast recht.« Er hob den Blick und seine braunen Augen sahen entschlossen und kraftvoll aus. »Wo soll ich anfangen?«

»Warum hast du mich mit Tamara betrogen, obwohl du mir unzählige Male geschworen hattest, dass es keinen Grund zur Eifersucht gäbe?«

Robert nickte ein weiteres Mal mit verbissener Miene. »Kannst du dich an den Abend erinnern, als mein damaliger Chefarzt seinen Geburtstag gefeiert hatte?«

»Ja.« Kristin nickte.

»An diesem Abend war ich sehr wütend auf dich.«

»Robert ...«

»Unterbrich mich bitte nicht.« Er hob einen Arm, um sie zum Schweigen zu bringen. »Ich war an diesem Abend sehr wütend auf dich, weil ich durch deine geistige Abwesenheit dem Begehren von Tamara nicht widerstehen konnte.«

»Du gibst mir die Schuld an deiner Untreue?« Kristin verschlug es die Sprache. Sie hatte diese Klinikveranstaltungen immer gehasst und das Gehabe von Tamara sowieso, aber aus Liebe zu Robert hatte sie es sich jedes Mal widerstandslos über sich ergehen lassen. Nur an diesem Abend wollte sie unbedingt auf die Eröffnung des Kunstgenusses, dass ihrer neuen Nachbarin Vio gehörte. Hätte sie nur vorausgeahnt, dass dieser Wunsch einen heftigen Streit auslöste ... Es war ihr erster richtiger Ehestreit. Am Ende war sie in Tränen aufgelöst, gab klein bei und begleitete ihn.

»Nein.« Er knirschte mit den Zähnen. »Nicht mehr«, fügte er hinzu. »Damals dachte ich mir, du musst merken, dass ich dich brauche, um sie abzuwehren. Waren wir beide doch Seelenverwandte.«

»Robert, es tut mir leid, dass ich nichts gemerkt habe, aber ...«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es war Quatsch, zu denken, dass du meinen Mangel an Widerstandskraft bemerkst.«

»Wie ging es dann weiter?«

»Tamara bekam sofort mit, dass ich an diesem Abend wütend auf dich war. Weswegen sie deine kurzzeitige Abwesenheit auf dem Klo ausnutzte. Sie drückte ihren ...« Er brach abrupt ab.

»Was drückte sie?«

Robert schüttelte energisch den Kopf.

»Um dein Handeln zu verstehen, musst du mir alles erzählen«, sagte sie gequält.

»Ich will dich nicht verletzen.«

»Dafür ist es etwas zu spät, findest du nicht?«

Er räusperte sich. »Sie drückte ihren geschmeidigen Körper an mich. Dann legte sie ihre Hand in meinen Schritt.« Robert hatte die Stimme gesenkt und Kristin musste sich hinüberbeugen, damit sie ihn besser verstand. »Mein Körper reagierte sofort und ab da konnte ich nicht mehr klar denken. Ich war wie high. Kein schlechtes Gewissen regte sich. Ich wollte nur sie. Und zwar sofort. Sie hakte sich bei mir unter und führte mich aus den Saal, in irgendeine Rumpelkammer.«

»Kondom?« Ihr Mund formte das Wort, aber kein Laut war zu hören.

Er schüttelte den Kopf.

Entgeistert und sprachlos sah sie ihn an. »Wie konntest du nur ohne?«

»Wie gesagt, mein Kopf war völlig leer. Und sie gab mir auch keinerlei Zeit, darüber nachzudenken. Sie hatte einen Plan.«

»Sie wollte dich besitzen und das ging nur, wenn sie von dir schwanger werden würde?«, fragte sie entsetzt und ungläubig.

Er nickte müde.

»Was ich nicht ganz verstehe. Warum hast du mir nicht einfach die Wahrheit gesagt? Warum diese Heimlichtuerei? Warum hast du sie geheiratet?«

»Als sie sich selbstzufrieden und grinsend ihr Kleid glatt strich, wurde mir erst klar, welchen Mist ich gebaut hatte, aber ich wollte dich nicht verlieren, also beschloss ich, alles zu verdrängen, was in dieser Kammer geschah. Bis zwölf Wochen später ihr Vater auftauchte.«

»Professor Doktor Rudolf Falkenberger. Dieser aufgeblasene Schnösel.«

Mit traurigen Augen sah er Kristin an. »Er machte mir unmissverständlich klar, dass er mich, wenn ich seine geschwängerte Tochter nicht heirate, nicht nur persönlich, sondern auch beruflich zerstören würde. Sein Einfluss sei groß, keiner wäre mehr bereit, mich einzustellen.«

Kristin zitterte am ganzen Körper. Mit allem hatte sie gerechnet, aber dass ihre Ehe durch solche Intrigen zerstört wurde, lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Sie war wie gelähmt, ihr Gehirn wie betäubt. Nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Ihr Herz tat weh. »Wie konntest du so einen Deal eingehen, Robert?«

»Mein Leben wäre zerstört gewesen, wenn ich nicht mehr als Arzt hätte arbeiten können. Du weißt, wie gern ich Arzt bin. Es ist mein Leben. Ich wollte nie etwas anderes werden. Das weißt du doch.« Er sah sie anklagend an.

»Du hattest kein Recht, allein über unsere Zukunft zu entscheiden. Wir hätten sicher gemeinsam eine Lösung gefunden. Du hast mein Leben zerstört. Unsere Liebe. Unsere Ehe.«

»Ja, dass weiß ich, aber dir gehts doch jetzt gut. Sieh dich an, du siehst phantastisch aus, besser denn je. Und glücklich«, er lächelte, doch seine Augen blieben traurig. »Dein neuer Partner tut dir gut.«

Sie legte die Stirn in Falten. »Wie kommst du da drauf, dass ich einen Partner habe?«, fauchte sie ihn an. »Ich bin Single, Robert. Seit dem Tag, an dem du mich verlassen hast.« Kristin redete sich in Rage,ungeachtet darauf, dass die Leute um sie herum, sie anstarrten. »Obwohl du mir mein Herz gebrochen hast, wirst du immer meine große Liebe bleiben. Dieser Platz wird in meinem Herzen auf ewig besetzt sein. Und dafür hasse ich mich. Denn es nimmt mir das Glück von dem ich seit meinen Kindheitstagen, träume«, sie schluckte und legte eine Hand auf ihr Herz. »Einer eigenen kleinen Familie.«

Robert nahm ihre freie Hand in seine und umschloss sie fest. »An diesen einen Abend, als du von deinem Bruder nach Hause kamst und mir von deinem neugeborenen Neffen vorgeschwärmt hattest, es war auch der Tag, an dem Rudolf mich aufsuchte ...« Er hielt inne. »Dein Wunsch nach einem Baby ... Tamara schwanger ... Da konnte ich nicht mehr. Alles, was ich dir an den Kopf geworfen habe ...« Er schluckte. »Es tut mir aufrichtig leid. Nichts von all dem war wahr.«

Kristin schloss die Augen. Die Erinnerung daran war zu schmerzvoll. Den Teufel werde ich tun und mit dir Kinder in die Welt setzen. Du wärst keine gute Mutter, hallten ihr seine harten Worte noch immer in den Ohren. Daraufhin packte sie ihre Sachen und fuhr für eine Nacht zu ihren Eltern. Am nächsten Tag stand er mit einem Strauß roter Rosen vor der Tür und entschuldigte sich tränenreich bei ihr.

Er fuhr in seiner Erklärung unbeirrt fort. »In dieser Nacht, in der deine Bettseite kalt neben mir blieb, schlief ich keine einzige Minute. In meinem Kopf formte sich ein Plan. Ich musste dich verlassen und ich wollte dich so wenig wie möglich damit verletzen. Tage darauf setzte ich diesen Plan zügig um. Zuerst informierte ich Rudolf darüber, dass ich sein Angebot annehmen würde. Kündigte daraufhin meinen Job und ließ meinen Anwalt alles für die Scheidung und die Wohnungsübergabe vorbereiten.«

Fassungslos und mit offenem Mund schüttelte Kristin den Kopf.

»Nach sechs Wochen war es dann so weit. Der Tag der Trennung war gekommen. Vielleicht kannst du dich noch erinnern. Ich habe ungarisches Gulasch gekocht und als Nachtisch Mousse au Chocolat.« Er blickte sie betrübt an. »Mit Schlaftabletten, damit du nicht wach wurdest, als ich mein ganzes Zeug packte und verschwand«, fügte er hinzu und griff nach ihrer Hand.

»Du bist ein Arschloch«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor und entriss ihm ihre Hand.

Er nickte und blickte sie aus müden Augen an. »Es tut mir leid, was ich dir ...« Er seufzte. »Oder uns angetan habe, aber es ist nun, wie es ist, und du solltest damit abschließen. Vergiss mich, Kristin. Hab den Mut und mach den Platz in deinem Herzen frei für einen neuen Mann. Für ein Leben als Ehefrau und Mutter. Ich werde nicht zurückkommen.«

Freitag, 8. April

11:05 Uhr

Praxis Doktor Stein, München

Mit nur fünfminütiger Verspätung betrachtete Kristin ihr verheultes Gesicht im Spiegel des Aufzugs, der sie in die Praxis von Doktor Diana Stein hochfuhr. Sie sah grauenvoll aus. Die Augen vom vielen Weinen verquollen, die Nase rot und die Mundwinkel hingen nach unten. Vom Make-up war so gut wie gar nichts mehr übrig. Sie kramte in ihrer Handtasche nach der kleinen Kosmetiktasche. Darin befand sich nicht ihr teures Make-up, das sie sonst verwendete, sondern Gratisproben, die sie bei Einkäufen geschenkt bekam. Für Notfälle reichten sie allemal. Und dies war definitiv ein Notfall. Mit geübten Händen verteilte sie die Foundation, puderte und tuschte die Wimpern, was das Zeug hielt. Als die Aufzugtür aufglitt, sah sie wieder einigermaßen vorzeigefähig aus. Sie betrat den sonnendurchfluteten Vorraum der Arztpraxis und wurde von einer freudestrahlenden Arzthelferin begrüßt.

»Kristin Schubert. Ich habe einen Vorsorgetermin bei Doktor Stein.«

»Haben sie ihre Versichertenkarte dabei?«

»Ja, natürlich.« Kristin steckte die Karte in das Lesegerät vor ihr. Wartend sah sie den Fingern der Sprechstundengehilfin zu, wie sie geschäftig über dieTastatur wanderten.

»Frau Schubert, sie dürfen die Karte wieder herausziehen und direkt auf den Stühlen vor dem Behandlungszimmer Platz nehmen. Frau Doktor Stein wird sie gleich aufrufen«, erklärte sie und blickte lächelnd auf.

Kristin nickte ihr zum Dank zu und ging den hellen Flur entlang. So oft war sie ihn schon gegangen. Früher immer mit einem zögerlichen Gefühl. Sie hatte diese Untersuchungen gehasst, genauso wie den Zahnarzt, aber seitdem sie weiß, dass die Mutter und die Schwester von ihrer besten Freundin Vio an Gebärmutterhalskrebs starben, ließ sie kein Jahr ohne Untersuchung vergehen. Seitdem hatte sie auch eine große Vertrauensbasis zu Doktor Stein aufgebaut und sie empfand die Untersuchung nicht mehr ganz so unangenehm.

Sie saß gerade wenige Sekunden, als die Tür neben ihr aufgerissen wurde und der weißgraue Wuschelkopf von Doktor Stein im Türrahmen erschien. »Kristin, kommen sie doch herein.«

Kristin folgte der einsachtzig großen Ärztin in das Behandlungszimmer, setzte sich am Schreibtisch ihr gegenüber und brach schlagartig in Tränen aus.

»Ohje, Kristin, was ist denn los?« Diana Stein reichte ihr eine Taschentuchbox, aus dem Kristin sich gleich mehrere Tücher herauszog.

Überrascht über den plötzlichen Gefühlsausbruchversuchte sie sich in den Griff zu bekommen. Doch die Tränen wollten nicht versiegen. »Ich habe Robert getroffen«, presste sie zwischen zwei Schluchzer hervor. »Mit Tamara. Und seinem Sohn. Das Zweite ist auch schon unterwegs.«

Doktor Stein rollte mit ihrem Bürostuhl um den Schreibtisch herum und nahm Kristins Hände in die ihren. »Jetzt mal langsam und alles der Reihe nach.«

Kristin räusperte sich. »Ich habe ihnen doch von Robert erzählt, auf welche Art und Weise er mich verlassen hatte. Und dass ich ihm seit diesem Tag nicht mehr begegnet bin.«

Doktor Stein nickte.

»Heute traf ich ihn mit seiner Familie am Marienplatz. Er ist verheiratet und hat mit ihr bald zwei Kinder. Die Kinder, die ich«, sie klopfte sich auf die Brust »immer mit ihm haben wollte.«

»Haben sie ihn angesprochen?«

Kristin wischte sich zum wiederholten Male an diesem Tag die Tränen aus dem Gesicht, wobei das Taschentuch nicht mehr weiß, sondern schwarz von ihrer nicht wasserfesten Wimperntusche war. Vermutlich glich ihr Gesicht einem Pandabär. Sie seufzte tief und fing an zu erzählen. Zuerst stockend, dann immer flüssiger. Doktor Stein unterbrach sie kein einziges Mal, sie blickte sie nur mit einem mitfühlenden Blick an. Als sie zum Ende kam, war ihre Stimme rau, aber die Wut nicht geringer. »Und dann erklärte er mir,dass seine Karriere ihm wichtiger war als ich.« Sie schüttelte sich bei dieser Erinnerung. »Er hat mein Leben zerstört.«

»Warum denken sie, dass er ihr Leben zerstört hat?«, fragte Doktor Stein im ruhigen Ton.

»Als ich Robert kennenlernte, war ich sofort verliebt. Er erfüllte all meine Vorstellungen, die ich mir je erträumt hatte. Er war mein Seelenverwandter, mein bester Freund und Lover.« Sie seufzte. »Ich schaffe es nicht, mich von ihm zu lösen. In den drei Jahren der Trennung gab es keinen anderen Mann, der mein Herz erwärmte. Robert sitzt fest, wie ein Blutegel.«

»Es muss nicht immer die große Liebe auf den ersten Blick sein, Kristin. Im Gegenteil, was sie mit Robert erlebt haben, ist ein Glück, dass nicht jeder bekommt. Versetzen sie sich in die Zeit vor Robert. Wie haben sie sich da verliebt? War es auch so eine intensive Liebe?«

»Vor Robert gab es nur einen Jungen. Sebastian. Ich war gerade fünfzehn geworden, als er mich anbaggerte. Ein halbes Jahr brauchte es, bis wir zusammenkamen, ein weiteres bis ich wusste, dass ich ihn nicht nur mochte, sondern auch liebte. Vier Jahre hielt die Beziehung, dann verließ er mich, weil er in einem anderen Bundesland studierte und frei sein wollte.«

»Wie sind sie damit umgegangen?«

»Mein Lebensplan war zerstört. Nachts heulte ich die Kissen voll und tagsüber lief ich wie ein Zombieumher. Ich hatte mein gesamtes Leben auf ihn ausgerichtet und plötzlich war da nichts mehr. Ich fiel in ein tiefes Loch, aus dem mir meine Mutter schlussendlich heraushalf.«

»Inwiefern?«

»Sie meinte, dass mir ein Umgebungswechsel helfen könnte, um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und damit hatte sie recht. Können sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man als behütetes Dorfkind in die Großstadt zieht?« Sie schmunzelte. »Einen größeren Umgebungswechsel gibt es nicht. In Nullkommanichts hatte ich den Liebeskummer überwunden und als Erfahrung abgehakt.«

»Warum versuchen sie es nun nicht auf die gleiche Weise, Robert aus dem Herzen zu verbannen?«

»Es sitzt zu tief. Ein Umzug würde dieses Mal nicht helfen«, antwortete sie, rieb sich müde das Gesicht und fühlte sich wie ein hilfloses Vogelküken, dass aus dem Nest gefallen war.

»Ein Versuch wäre es wert, Kristin«, begann Doktor Stein mit ernster Miene. »Nachdem sie mir erzählt haben, dass sie noch in der gemeinsamen Wohnung wohnen ... Ein Wohnungswechsel wäre zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.«

Langsam schüttelte Kristin den Kopf und blickte auf ihre Hände. »Ich weiß ihren guten Ratschlag zu schätzen, Doktor Stein, aber es bedarf mehr als einen Wohnungswechsel, um Robert von meinem Herzen zulösen. Und Zeit«, antwortete Kristin leise, ohne den Kopf zu heben. »Viel Zeit«, fügte sie flüsternd hinzu.

»Es kommt darauf an, wie bereit sie dazu sind, ihn auch wirklich loszulassen. Dann verkürzt sich auch die Zeit. Sie brauchen Geduld, aber auch Vertrauen in sich selbst.«

»Es wird trotzdem nicht schnell genug gehen.«

»Schnell genug für was, Kristin?«, fragte Doktor Stein etwas verwirrt. »Vor was haben sie so große Angst?«

Kristin hob den Blick und sah Doktor Stein gequält an. »Dass ich keine Kinder bekomme«, erklärte sie wehmütig und fing mit dem wimperntuschengefärbten Taschentuch eine Träne auf, die aus dem Augenwinkel lief. »Ich bin vierunddreißig Jahre alt und wer weiß wie lange es dauert, bis sich mein Herz für einen neuen Mann öffnet.« Sie schluckte. »Vielleicht geschieht das auch nie«, flüsterte sie und zupfte nervös am Taschentuch. »Wissen sie, eine Beziehung ohne Liebe kommt für mich nicht in Frage. Ohne Liebe keine Beziehung.« Sie schluckte. »Ohne Beziehung keine Kinder«, ergänzte sie und zerriss das Taschentuch in seine Einzelteile.

Doktor Stein sah sie verwundert an. »Das mit der Liebe kann ich nachvollziehen, aber was hat das mit ihrem Kinderwunsch zu tun?«

Kristin hob verwirrt den Kopf. »Wie meinen sie das?«

»Das eine funktioniert auch ohne dem anderen«, antwortete Doktor Stein und zwinkerte Kristin verschwörerisch zu.

»Sie meinen einen ungeschützten One-Night-Stand?« Entsetzt über diese Andeutung stand Kristin auf.

»Nein, das auf keinen Fall.« Doktor Stein fasste nach ihren Unterarm und zog sie sachte auf den Stuhl zurück. »Ich meine damit, wenn sie sich vorstellen können, ein Kind als Single zu bekommen, dann gibt es eine Möglichkeit, bei der ich ihnen ratsam zur Seite stehen kann.«

»Und das wäre?«, erkundigte sie sich vorsichtig.

»Wussten sie, dass in Kinderwunschkliniken auch Singlefrauen behandelt werden?«

Kristin runzelte die Stirn, weil sie nicht ganz wusste, was sie von dieser Frage halten sollte.

»Ja, sie haben richtig gehört«, schwor sie und schmunzelte. »Vor ein paar Jahren musste man die Kinderwunschkliniken direkt anfragen. Heute ist es zum Glück so, dass die Kliniken auf ihren Webseiten explizit darauf hinweisen, dass sie Singlefrauen behandeln. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der jeder das Recht haben sollte, sein Leben so zu leben wie er es für richtig hält. Und wenn eine Frau ein Kind möchte, aber keinen passenden Lebenspartner hat oder andere Gründe schuld sind, dann ...«, redete sie sich in Rage. »Warum dann nicht mit einer Samenspende aus Deutschland, Dänemark oder sogar aus den USA.«

»Hohoho! Moment!« Kristin hob abwehrend die Hände. »Sagten sie gerade Samenspende?«

»Ja, das sagte ich«, meinte Doktor Stein sanft. »Die Samenbanken bieten eine Reihe von Spendern an, die sie nach Aussehen, Größe oder auch Herkunft filtern können. Dann gibt es noch die Möglichkeit eines Co-Parenting. Das bedeutet, sie gründen eine Familie auf Freundschaftsbasis. Es gibt einige Foren, in denen Gleichgesinnte sich kennenlernen, austauschen und zusammenfinden«, erklärte sie behutsam.

»Doktor Stein, sie überfordern mich gerade. Eigentlich bin ich wegen meiner Vorsorgeuntersuchung zu ihnen gekommen, stattdessen heule ich ihnen die Hütte voll und am Ende landen wir beim erfüllten Kinderwunsch mit Samenspende«, entgegnete Kristin und schüttelte ungläubig den Kopf.

Doktor Stein musterte Kristin schweigend, ehe sie vorsichtig das Wort wieder ergriff: »Verzeihen sie mir bitte, dass ich jetzt so deutlich werde Kristin, aber ich glaube, ihr Hauptproblem ist der Kinderwunsch, den sie unbedingt mit Robert verwirklichen wollten. Sie sind gefangen in dieser Vorstellung, dass er und nur er der Vater ihrer Kinder sein sollte. Insgeheim hofften sie sogar, dass er zu ihnen zurückkommen würde. Deshalb wagten sie auch keinen Neuanfang mit einem neuen Mann. Und die Krönung oder der Tropfen, derdas Fass zum Überlaufen brachte, war schließlich, dass Robert ihren Traum mit einer anderen Frau verwirklicht hatte, während ihre Uhr immer lauter tickt. Obwohl vierunddreißig wirklich noch kein Alter zur Panik wäre.«

Jedes Wort traf Kristin wie ein Boxhieb. »Ich glaub es nicht«, flüsterte sie und schlang die Arme um sich.

»Was sagten sie? Ich habe sie nicht verstanden«, hakte Doktor Stein besorgt nach.

»Sie haben in allem recht.« Dann brach sie ein weiteres Mal in Tränen aus und legte schluchzend den Kopf auf den Schreibtisch.

Doktor Stein strich ihr mitfühlend über den Rücken. »Was sie fühlen, ist völlig natürlich. Lassen sie diese Gefühle zu, Kristin.«

»Es tut so verdammt weh.«

»Ja, das tut es, aber je mehr sie sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen, desto entspannter können sie eines Tages damit umgehen. Und letztendlich fällt ihnen dann eine Entscheidung leichter, wie sie ihr Leben weiterführen wollen und damit auch glücklich werden können.«

Endlich gewann Kristin die Fassung zurück. »Es tut mir aufrichtig leid, dass ich ihre Zeit so in Anspruch genommen habe.« Sie räusperte sich und stand hastig auf.

Doktor Stein erhob sich ebenfalls. »Keine Entschuldigungen, bitte. Es ist mir ein Anliegen, dassmeine Patientinnen nicht nur körperlich gesund sind, sondern auch psychisch.« Sie legte sanft eine Hand auf Kristins Schulter. »Ich bin jederzeit für sie da.«

Kristin brachte nur ein Nicken zustande. Sie fühlte sich erschöpft, so als wäre sie einen Marathon gelaufen. »Danke vielmals für alles. Auf Wiedersehen«, flüsterte sie, während sie langsam zur Tür ging. Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie die Krebsvorsorge völlig vergessen hatten. Sie wandte sich zu Doktor Stein um. Sah, dass diese bereits in die nächste Akte vertieft war und ließ es bleiben. Sie konnte ja einen neuen Termin vereinbaren. Für heute reichte es ihr zu Genüge.

Freitag, 8. April

22:30 Uhr

Kristins Wohnung, Schwabing

Kristin streckte sich in der Badewanne aus, sodass ihr gesamter einssiebziggroßer Körper unter Wasser war und sich endlich entspannte. Stundenlang war sie nach dem Termin bei Doktor Stein wie eine Irre durch die Stadt gehetzt. Der innerliche Aufruhr ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sobald sie sich auf einer Parkbank oder in einem Café niederließ, fing ihr Körper an, von innen heraus zu vibrieren, und ihr Kopf drohte bei all den vielen Gedanken und Gefühlen zu platzen.

Weswegen sie das Bewerbungsgespräch völligst vergessen hatte abzusagen. Erst als die nette Personalerin sie anrief und sie höflichst fragte, ob sie heute noch kommen würde, fiel ihr auf, dass es eine Stunde nach der vereinbarten Zeit war.

Das Treffen mit Vio hatte sie dann auch abgesagt. Sie hatte nicht die nötige Kraft aufbringen können, mit ihrer besten Freundin die Geschehnisse des Tages durchzukauen. Nach dem ganzen Drama und der stundenlangen Lauferei wollte sie dann doch irgendwann nach Hause und den Tränen freien Lauf lassen.

Was dann auch geschah.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, überfiel sie ein Gefühlsausbruch, wie sie ihn noch nie in ihrem Leben hatte. Nicht mal an dem Tag, als die Scheidungspapiere eintrafen.

Sie ließ es zu. Gab sich allen Emotionen geschlagen, die aus ihr herauskamen, so wie es Doktor Stein empfohlen hatte.

Es war nur bedauerlich um die schöne Bodenvase, die sie zur Hochzeit von Roberts damaligen Chef, den Krankenhausdirektor bekommen hatten. Oder den Ohrensessel, in dem Robert immer so gern gesessen hatte. Das Leder wies nun auf Spuren eines Scherenunfalls hin.

Mit einem Schluck leerte sie das Weinglas und musste schmunzeln. Ja, das hatte richtig gutgetan.

Aber das schönste Gefühl hatte sie bei jeder einzelnen Seite seiner verstaubten Fachliteratur, das zu Boden fiel. Blatt für Blatt nahm die Wut ab und ihr Herz tat nicht mehr so weh.

Doch es hielt nicht lange an, die Traurigkeit kehrte rasant zurück. Eine gefühlte halbe Ewigkeit saß sie auf den herausgerissenen Buchseiten und kämpfte mit aller Macht gegen diese Empfindung. Sie wollte nicht mehr traurig sein. Sie wollte wieder am Leben richtig teilhaben, einen Neuanfang beginnen und nicht wie ein Trauerklotz herumgeistern, der anderen zusah, wie sie ihr Leben lebten.

Das hatte sie einfach nicht verdient.

Sie musste sich aus dieser selbstmitleidgestörten Lage eigenständig befreien.

Und deshalb ließ sie sich aus einer plötzlichen Eingebung heraus nachts um halb elf eine Badewanne einlaufen.

In der sie nun schon seit einer halben Stunde lag.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass das heiße Wasser nicht nur ihre verspannten Muskeln lockerte, sondern auch ihre eingerosteten Lebensgeister wecken würde und den Nebel zur Zukunft vertrieb. Doch das Gegenteil war eingetreten, sie wurde überfallartig müde. Und fühlte sich zusätzlich auch noch etwas betrunken. Die halbe Flasche Wein zu trinken, war wohl doch zu viel. Kristin musste gähnen.

Sie beschloss, das Baden schleunigst zu beenden. Nicht dass sie noch einschlief und unterging. Am Ende würde sie ertrinken und alles sehe danach aus, als hätte sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Wegen Robert. Nein, nein, so weit würde sie nicht sinken. Das war kein Kerl wert.

Woher kam nur dieser absurde Gedanke? Kopfschüttelnd stellte sie das Weinglas am Badewannenrand ab und befeuchtete ihr Gesicht mit Badewasser.

Ihr fiel die erste Begegnung mit Robert ein und sie bekam wie so oft, wenn sie an diesen Moment dachte, eine Gänsehaut.

Es war ein Tag, der geradezu geschaffen war, für eine hoffnungsvollere Zukunft.

Sie wohnte gerade ein Jahr in München. Den Liebeskummer um ihre erste große Liebe Sebastian hatte sie längst überwunden, sie hatte viele Freundegefunden und doch hatte sie das Gefühl, nicht richtig hierher zu gehören. Irgendetwas fehlte, aber sie konnte es zu dieser Zeit nicht beim Namen nennen.

Das nasskalte untypische Augustwetter, dass seit über einer Woche anhielt, und die missgelaunten Patienten verstärkten an diesem Tag den Wunsch, wieder zurück zu ihrer Familie auf das Land zu ziehen. Als sie auf dem Nachhauseweg dann auch noch einen Schwall Regenwasser aus einer Pfütze abbekam, weil ein Autofahrer es nicht für nötig hielt, auszuweichen, war der Zeitpunkt gekommen, an dem es ihr reichte. Sie nahm sich vor, sobald sie zuhause war, im Internet nach einer Wohnung und einen Job in der Nähe ihrer Familie zu suchen.

Doch soweit kam es nicht.

Denn schon an der nächsten Ecke, an der sie abbog, rammte sie ein Jugendlicher frontal um. Durch die Wucht des Aufpralls geriet sie ins Taumeln und hätte Robert, der einige Schritte hinter ihr lief, sie nicht aufgefangen, dann wäre sie zur Krönung des Tages auch noch in eine knöcheltiefe schlammige Pfütze gefallen.

Während sie im ersten Moment gar nicht wusste, wie ihr geschah, lief der rücksichtslose Halbwüchsige ohne Entschuldigung weiter. Alles ging viel zu schnell. Und in ihrem Kopf drehte es sich, wie ein Kinderkarussell, das auf Turbo lief.

Bis sie zum ersten Mal in Roberts Augen blickte,und sich darin verlor. Es war wie ein Film über ihre Zukunft, den sie schimmern sah. Wie sie im Brautkleid auf ihn zuging. Wie seine Hand überglücklich über ihren gewölbten Bauch strich. Wie sie grauhaarig den Sonnenuntergang bestaunten.

Obwohl es nur Sekunden waren und sie kein Wort miteinander gesprochen hatten, wusste sie dennoch, dass sie ihn gefunden hatte. Ihren Mann fürs Leben.

Kristin tauchte noch weiter in das Wasser hinein, um das fröstelnde Gefühl loszuwerden.

Nach ihrem ersten Aufeinandertreffen verging kein Tag mehr, an dem sie sich nicht trafen. So dauerte es auch nicht lange, bis sie zusammenzogen. Nach gut einem Jahr fragte Robert sie eines Abends ganz nebenbei, ob sie seine Frau werden wolle. Es war nicht die Art, wie sie sich einen Heiratsantrag vorgestellt hatte, aber sie bekam die Frage aller Fragen gestellt, und das war das Bedeutendste. Sie heirateten vier Wochen danach, Mitte September, standesamtlich. Zu einer kirchlichen Hochzeit konnte sie ihn nicht überreden, weswegen sie sich für ein schlichtes weißes Kleid entschied und nicht wie in ihren Träumen mit einem Prinzessinnenkleid und Schleier zum Altar schritt.

Es war einer der vielen Abstriche, den sie machte, um eine gutlaufende Ehe zu führen.

Der Duft von Rosen erfüllte das dampfdurchflutete Badezimmer, als sie ihre Haare wusch. Sie liebtediesen Geruch, weil er es jedes Mal schaffte, sie zu beruhigen und beeindruckende Glücksgefühle in ihr auslöste. Nachdem sie sich den Schaum aus den Haaren gespült hatte, stieg sie aus der Wanne und trocknete sich ab. Hüllte sich in ihren flauschigen Lieblingsbademantel von Ralph Laurent, den sie einst im Sale ergattern konnte, und wanderte mit dem leeren Weinglas in die Küche, um das Glas randvoll aufzufüllen.

Anschließend lehnte sie sich an den Küchentresen, nippte am Glas und ließ ihren Blick durch den offenen Wohnraum schweifen. Die mächtigen Bilder an der Wand. Die hässliche braune Ledercouch. Der schwere Eichenholzschrank. All das Zeug stammte noch aus Roberts alter Wohnung, weil er sich davon nicht trennen wollte. Widerspruchslos hatte sie es damals hingenommen, dass er ihre gemeinsame Wohnung damit vollstopfte, anstatt auf neue und helle Möbel zu pochen. Es ärgerte sie heute sehr, dass sie sich da nicht besser durchgesetzt hatte, aber noch mehr ärgerte es sie, dass das Zeug immer noch hier herum stand.

»Bei aller Liebe, Kristin, aber wird es nicht allmählich Zeit, sich von diesem alten Gerümpel zu lösen?«, fragte sie sich selbst und trank einen Schluck vom Wein, um den plötzlich auftretenden schalen Geschmack im Mund loszuwerden. Die Antwort kam prompt aus ihrer Erinnerung. Es wäre ein großerSchritt, hörte sie Doktor Steins Ansage von heute Vormittag.

Erneut nahm sie einen Schluck, stellte das Glas auf dem Tresen ab und ging zur Wand, vor der das Ledersofa stand. Darüber hing ein Gemälde von einem berühmten Maler. Kristin hatte keine Ahnung von Kunst, für sie war es nur Gekritzel und Geschmier, aber man musste kein Experte sein, um zu wissen, dass sie für dieses Bild ein Vermögen bekommen würde. Ebenso für alle anderen. Robert hatte immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass sie Objekte von namhaften Künstlern kauften.

Sie atmete tief ein und zwang sich, das Bild von der Wand zu nehmen. Mit klopfendem Herzen trug sie es in den Flur und stellte es neben dem Garderobenspiegel ab.

Ihre Befürchtung, einen heftigen Weinkrampf zu bekommen, trat nicht ein. So furchtbar wie sie gedacht hatte, fühlte es sich nicht an.

Ermutigt fuhr sie fort.

Zum Schluss war der Flur vollgestopft und die zweite Flasche Wein fast leer.

Kristin war überrascht, wie viel es wirklich war. Unzählige Kunstbilder in groß und klein, einige Anzüge, die noch im Schrank hingen, Bücher, denen sie nicht die Seiten herausgerissen hatte. Und ein kleiner Karton, in dem sie die Hochzeitsfotos und alle anderen Erinnerungen an Robert hineingelegt hatte.Mit Herzklopfen beugte sie sich über die Box, überlegte ob sie diese wieder an ihren Platz zurückstellen sollte, verwarf diesen Gedanken und schlug den Deckel zu.