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Ein Fantasyroman mit Bezügen zu buddhistischer Philosophie, fernöstlicher Kampfkunst, sowie schamanischem Weltverständnis.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2016
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ICH BIN! DU WARST! Du hast fünf Minuten Zeit Dich vorzubereiten. Dreihundert Sekunden bis zur Ewigkeit. Zeit, um mit Deinem Leben abzuschließen. Zeit, Deinen Geist zu befreien.
Arcen glitt in einem Gefühl absoluter Freiheit zu Boden, um dort reglos auf den Knien sitzen zu bleiben. Er hatte gelebt, erlebt wie es ist wirklich zu leben. Zeit brauchte Arcen nicht.
In stiller Sehnsucht wartete er schon lange auf das Ende seines Leidens. Endlich, nach den vielen Jahren seiner Trauer und der endlosen Kämpfe, sollen sich die Schmerzen, die sein Herz bedrücken, auflösen?
Das Meer der Tränen wird austrocknen, nachdem es die Flamme meines Lebens gelöscht hat. Ich werde nicht mehr an das Gestern denken und es gibt keinen Morgen mehr. Keinen Haß, keine Liebe und vor allem keine Sehnsucht.
Seine Gedanken verschwammen und bildeten bald nur noch eine Wolke aus Trauer und Schmerz. Sein Pulsschlag wurde immer langsamer und die Atemfrequenz verringerte sich. Es gab weder Zukunft noch Vergangenheit. Die Zeit existierte nicht mehr für Arcen.
Um ihn herum standen noch immer die Sieben. Einst waren sie zehnmal so viel, aber das liegt schon Jahre zurück. Sie begingen damals einen Fehler, doch heute wird dieser korrigiert werden. Während sechs Männer des Clans mit ihren Bögen auf Arcen zielten, schritt der Siebte hinter ihn. Das mächtige Kriegsschwert in beiden Händen haltend, murmelte er pausenlos: „Lass mich einen guten Schnitt machen.“ Früher, als ihm noch ganze Armeen gehorchten, hätte er so etwas nicht nötig gehabt. Doch heute sind seine Haare weiß und seine Bewegungen langsam und zittrig. Heute ist er nicht mehr der Krieger von einst.
KRIEG
DAS LAND DER TRÄUME
TRENNUNG
EINE ANDERE WELT
TOD UND STEINE
VERINGOTS ERSTE UND LETZTE SCHLACHT
GUNDWEN
SUELIA
GUNDWENS SCHATTEN
DER WEG DES LEIDENS
XANTUS
MECHLORON
AUFGEBEN
DER LAUTLOSE TOD
DAS WIEDERSEHEN
FRÜHLING
DIE JAGD
DIE NAMENLOSE STADT
VERLORENE TRÄUME
FURAJA
DAS ZIEL
NACHWORT
MÖGLICHES ENDE 1 – DER EWIGE KREISLAUF
MÖGLICHES ENDE 2 – EIN SCHLECHTES SPIEL
MÖGLICHES ENDE 3 – DER TOD EINES KRIEGERS
„Du hast fünf Minuten.“
„Ja Vater, ich bin gleich fertig. Ich muß mich nur noch ankleiden“. Arcen beeilte sich, doch reichte die vorgegebene Zeit nicht aus.
„Es zeugt von Mangel an Respekt, seinen Lehrer warten zu lassen. Du wirst jetzt ohne eine Mahlzeit zum Unterricht gehen“, sagte Heeden.
„Aber Vater, ich habe doch noch Zeit“, erwiderte Arcen.
„Widersprich nicht, Sohn, die Zeit wirst Du brauchen, wenn Du jetzt auf Händen gehend zur Schule läufst.“
„Ja Vater!“
Arcen verließ sein Elternhaus, gab seiner Mutter Elmira noch einen Kuß auf die Wange und lief im Handstand zum Ortsausgang, wo sich die Schule befand.
„Morgen, Arcen“, sagte Veringot. „Es ist bestimmt praktisch bei diesem Regen den Kopf nach unten zu halten, damit er nicht naß wird, aber nicht besonders schlau. Das Wasser läuft Dir nämlich in die Kleidung.“
„Ach, Veringot, Du kennst doch meinen Vater.“
Missmutig stampfte Veringot, Arcens bester Freund, durch die Pfützen. „Heißt das, dass Du nicht zum Wettkampf mitkommen kannst? fragte Veringot.
„Ich weiß noch nicht, aber tu mir einen Gefallen und gehe vorsichtiger durch die Pfützen, sonst wird mein Gesicht doch noch nass.“
Die jungen Männer lachten. Noch zwei Jahre würden sie gemeinsam zur Schule gehen. Zwei Jahre, bis Ihnen endlich die Welt offen steht.
„Interessant, es ist für mich schwer nach zu vollziehen, wieso der junge Arcen von Heron saubere Schuhe, aber dreckige Hände hat“, sagte Serenson.
„Die Erklärung ist ganz einfach, ehrwürdiger Lehrer“. Arcen wollte weiter sprechen, doch erwiderte Serenson bereits. „Die Dinge sind immer einfach, erst wir Menschen machen sie unnötig kompliziert.“ Damit war für ihn das Thema erledigt.
Wie alt er wohl ist, überlegte Arcen. Mit seinem weißen langen Bart, den ebenso weißen wie langen Haaren, die nur im Ansatz etwas lichter standen, sieht er aus wie einhundert. Vermutlich ist er auch so alt.
Der Tag zog sich so zäh hin wie der Honig aus dem Zauberbaum, welcher außerhalb von Heron auf einem kleinen Hügel stand. Dort trafen sich immer nach der Schule die Mädchen und Jungen zum Spielen, Raufen oder auch nur, um sich Neuigkeiten zu erzählen. Warum dieser Baum ein Zauberbaum sein sollte, wurde nie geklärt. Aber vielleicht lag es daran, dass oben in seiner Krone ein Bienenschwarm lebte, der den besten Honig weit und breit produzierte und dieser schmeckte wirklich zauberhaft. Doch der Honig interessierte jetzt niemanden. Die Schule war aus, und eine Gruppe junger Menschen stand am Fuß des Baumes wild diskutierend.
„Was ist los Veringot, hast Du Angst, dass Arcen Dein schönes neues Übungsschwert mit seinem Holzstock zerstört? Oder wieso kämpfst Du nicht gegen ihn?“
„Seid doch leise“, erwiderte Suelia die Freundin von Veringot. „Ihr wisst doch selbst, dass sie sich geschworen haben, nie gegeneinander zu fechten und dass Veringots Vater der reichste Kaufmann im Ort ist, dafür kann er nichts. Ihr seid doch nur voller Neid, weil Veringot ständig neue Sachen von seinem Vater...“
„Bleib ruhig“, unterbrach der junge Kaufmannssohn Suelia. „Veringot von Heron kann für sich selbst sprechen. Arcen ist der Sohn unseres Schwertmeisters, des ehrenhaften Heeden von Heron. Wie sollte ich ihn je besiegen können?“
„Warum sollten wir auch gegeneinander kämpfen?“ fuhr Arcen Veringot ins Wort. „Wir sind beste Freunde, und nie wird es dazu kommen, dass wir gegeneinander kämpfen müssen. Oh Mist, die Sonne geht unter, und ich sollte schon längst zum Schwertkampf-Unterricht zu Hause sein. Das gibt Ärger!“ Arcen rannte nach Hause, ohne eine Chance zu haben, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Er benötigte fünf Minuten bis zum Haus seiner Eltern. Was für eine Strafe es wohl heute geben wird, dachte Arcen, als er das Hoftor öffnete. Doch er war nicht allein. Auf dem Hof standen neun Pferde sowie acht Soldaten. Als Arcen leise durch die Haustür schlich, hörte er den fehlenden neunten Reiter im Gespräch mit seinem Vater.
„Wir haben Krieg! Die Mechloron haben Gundwen überfallen und plündern unsere Erzbergwerke. Wir sind verpflichtet, die Bewohner zu schützen. Außerdem benötigen wir auch weiterhin unsere Eisenerz-Lieferungen. Deswegen...“
„Bitte, ehrenwerter Herr“, rief schon fast beschwörend der Hausherr dazwischen, nehmt mich mit und lasst meinen Jungen hier.“
„Heeden von Heron, wir haben nicht die Absicht irgendjemanden mitzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall“, sagte mit ruhiger Stimme der elegant gekleidete Mann, der Arcens Vater gegenüber saß. „Wir wollen junge Offiziere zu Dir bringen, damit Du als der beste Schwertmeister des Landes ihnen noch die letzten Feinheiten im Umgang mit dem Schwert, dem edelsten aller Waffen, zeigst.“ Arcen wollte nicht beim Lauschen erwischt werden. Außerdem war er froh, seinem Vater nicht gegenübertreten zu müssen, der ihm sicher nur eine Strafe für seine Unpünktlichkeit auferlegen würde. Leise schlich er zu Bett, doch lag er noch lange wach und dachte an den eleganten Krieger, in seiner schillernden Rüstung und dem funkelnden Schwert, das die ganze Zeit über im Kerzenlicht so herrlich geleuchtet hatte.
„Arcen stehe auf und mache Dich fertig für Deine Übungen.“
Arcen erwachte, es war noch dunkel draußen und sein Vater stand ihm gegenüber. Korrekt gekleidet und irgendwie freundlich lächelnd.
Das ist nicht das Gesicht, welches er macht, wenn ich eine Strafe auferlegt bekomme, dachte der noch schlaftrunkene Arcen von Heron.
„Zieh Dich an, wasche Dich kurz und komme in den Übungsraum. Wir müssen von nun an früh trainieren, da ich tagsüber anderweitig unterrichte.“
„Vater, warum trainieren wir nicht draußen? Es ist doch schon warm, und der enge Übungsraum ist immer so stickig.“
„Niemand, mein Sohn“, sagte Heeden, „niemand darf sehen, wie gut Du schon bist. Und jetzt beeile Dich!“
Drei Wochen waren seitdem vergangen, und in Heron wimmelte es von unzähligen Menschen. Noch nie war der Ort so farbenfroh und zugleich fremd. Unbekannte Gerüche zogen durch die Straßen, und überall erklangen Lieder, gesungen in den merkwürdigsten Dialekten. Es war bereits Schulschluss und Veringot sowie Arcen gingen durch die Straßen, auf der Suche nach neuen Eindrücken. Sie waren fasziniert vom Händler, der gleich hinter dem Stadttor seinen Stand besaß. Er verkaufte selbst gemalte Bilder und diese übten eine solch riesige Anziehungskraft auf die jungen Schwertschüler aus, dass sie immer wieder dort hingingen, um sie sich anzusehen. Hauptsächlich zeigten die Zeichnungen fiktive Schlachten von Menschen, die Dämonen bezwangen, Kämpfe, in denen Krieger riesige Drachen besiegten. Doch diese Dinge beeindruckten vielmehr Veringot, der sich gar nicht satt sehen konnte an den goldenen Rüstungen, den scharfen todbringenden Schwertern und den baumlangen Lanzen.
Auf Arcen übte nur die schlichte Zeichnung einer einzelnen Blume eine solche magische Anziehungskraft aus, wie er sie sich selbst nicht erklären konnte. Es mußte an den Gedanken und den Gefühlen liegen, an den Geschichten und Bildern, die er spürte, wenn er die kleine Rose betrachtete.
Sie war mit wenigen Pinselstrichen in scheinbar großer Eile und doch so gewissenhaft gemalt, dass Arcen sie seit endlosen fünf Minuten betrachtete. Fünf Minuten, in denen sich ganze Schicksale abspielten. Fünf Minuten, in denen er Schlachtfelder sah, wo Helden mit ihrem Blut die Rose malten, nur um etwas Farbe in das Dunkel ihres Leidens zu bringen.
„Gefällt sie Dir?“ Arcen wurde aus dem Land der Träume gerissen. „Gefällt Sie Dir?“ fragte der Händler wieder. „Du kannst die Zeichnung haben, wenn Du versprichst, sie mit Respekt zu behandeln. Sie sollte eigentlich mein Meisterstück sein, aber außer Dir hat keiner auch nur das geringste Interesse an diesem Bild.“ Arcen verneigte sich tief und steckte das Bild ein. Er wollte sich schnell umdrehen, um Veringot zu folgen, der schon vorausgegangen war. Dabei stieß er fast mit einer jungen Frau zusammen, die in sehr enge schwarze Kleider gehüllt, nun vor ihm stand. Wieder vergingen die für Arcens ganzes Leben prägnanten fünf Minuten. Fünf Minuten, die ihm solange vorkamen wie sein ganzes bisheriges Leben. Für Arcen blieb die Zeit stehen. Minute um Minute verging, in denen sich Arcen und die junge Frau in die Augen sahen. Es schien ihm, als könnte er direkt in ihre Seele schauen. Er bekam kaum noch Luft und sein Herz pochte so stark, dass er glaubte, jeder im Ort müsse es hören. Ein tiefes Gefühl der Vertrautheit überkam ihn. In diesem Moment nahmen seine Augen einen Schatten wahr, welcher über die Dächer huschte. Für einen Augenblick sah Arcen auf. Als er sich wieder den schönsten Augen, die er je in seinem Leben gesehen hatte, widmen wollte, waren sie mitsamt ihrer Trägerin verschwunden. Arcen spürte, wie ihn Hilflosigkeit übermannte. Wild schaute er sich um, ohne die schwarz gekleidete schöne Frau erblicken zu können.
Wo ist sie hin? Bitte laßt mich nur noch einmal ihre Augen sehen! Und der Wunsch wurde erhört. Denn von nun an sah Arcen jede Nacht die wunderschönen Augen in seinen Träumen. Und jeden Morgen erwachte er mit dem grenzenlosen Verlangen, seine Augen wieder schließen zu müssen, um zurück in das Land der Träume tauchen zu können.
„Endlich eine Lichtung!“
Auf einer Fläche von vielleicht zweitausend Quadratmetern teilte sich der undurchdringliche Wald von Gundwen. Nach endlosem Fußmarsch im grünlichen Halbdunkel des Urwaldes, konnte Arcen nun wieder Sonnenstrahlen in seinem Gesicht spüren.
„Endlich eine Lichtung“, wiederholte Veringot. „Nicht groß die Lichtung, aber wenigstens können wir hier unsere Feinde erkennen.“
„Das bezweifele ich“, antwortete Serenson. „Sie ist nicht groß genug, und die Bäume stehen zu dicht“. Die Bäume standen sehr nah, und der Rest der Armee von Heron versuchte nicht in ihre Schatten zu gelangen.
„Wie lange werden wir uns hier halten können?“ fragte Arcen.
„Mit sechzig Mann gegen einen Gegner, den man weder sieht, hört noch kennt“, erwiderte Serenson.
Serenson, wieso ist der alte Mann überhaupt hier, überlegte Arcen. Doch bevor er den Gedanken zu Ende führen konnte, griffen die Schatten an.
Fünf Minuten dauerte der Angriff. Dreihundert Sekunden lang surrten ununterbrochen Pfeile durch die Luft. Es war so laut, dass Arcen glaubte, taub zu werden. Dann wurde es still. Das Röcheln der Verwundeten verstummte, und selbst die Tiere des Waldes machten kein Geräusch. Arcen hörte seinen Pulsschlag, als er mit seinen Augen den Rand des Waldes absuchte. Da huschte ein Schatten hinter den Bäumen entlang.
Noch bevor Arcen überlegen konnte, arbeitete sein Körper instinktiv. Seine Arme spannten die Sehne des Bogens, und während er ausatmete, schickte er seinen Pfeil auf die todbringende Reise. Mit einem lauten Knall durchschlug das Geschoß sein Opfer, welches darauf reglos liegen blieb. Arcen rannte los.
„Sei kein Narr“, rief Serenson, der neben Arcen und Veringot als einziger den Angriff der Schatten überlebt hatte, Arcen hinterher.
„Verlass nicht die Deckung“, schrie jetzt auch sein bester Freund.
Doch es war zu spät. Arcen hatte sein Opfer erreicht und jetzt mußte er wissen, wer dieser Schatten war.
Für einen so großen Krieger, bist Du ganz schön klein, dachte Arcen, als er den leblosen Körper in die Rückenlage brachte. Die Gestalt war bis auf die Augen in schwarze enge Sachen gehüllt. Doch die Augen waren es, die Arcen schwach werden ließen. Er sank zu Boden, und im Hintergrund hörte er wieder das Geräusch, welches entsteht, wenn der Tod durch die Luft fliegt. Sein Blick verschwamm. Er hörte noch, wie Veringot sowie Serenson getroffen von den Pfeilen aufschrieen, und dann war alles schwarz.
„Arcen von Heron!“
„Das ist Serenson“, jubelte Arcen und sprang auf.
„Wer sollte ich sonst sein?“, antwortete Serenson.
„Hat Arcen von Heron kein Bett, oder warum schläft er im Unterricht?“ fragte der Lehrer weiter. „Unterricht?“ Arcen fand sich, Serensons Hand halten, mitten in der Klasse wieder. Was für ein Glück, ein Traum. Arcen war erleichtert, nur geträumt zu haben. Andererseits konnte er heute dem Spott der ganzen Klasse nicht entfliehen. Doch das störte ihn nicht wirklich. Denn in Arcen keimte eine nie gekannte Sehnsucht. Sein Kopf arbeitete ohne Pause, und wirre Gedanken entsprangen seinem Hirn.
Meine Träume werden immer realistischer. Wenn das so weitergeht, sollte ich die Frau meiner Träume ansprechen und fragen, wie sie heißt und wo sie wohnt. Ist bestimmt besser, als sie jede Nacht zu erschießen. Dieser Gedanke faszinierte und erregte Arcen so sehr, dass er sich von nun an vornahm, beim Einschlafen nur noch an seine unbekannte Schönheit zu denken, um diesen Gedanken mit in seine Träume zu nehmen.
Die Sonne stand hoch am Himmel und Suelia, Veringot sowie Arcen schlenderten durch Heron. Die Luft war angefüllt von süßlichen Gerüchen, trauriger Gesang durchzog die Straßen, und am Eingang zu einem heruntergekommenen Lokal saß ein scheinbar betrunkener Soldat. Er lehnte an der schmutzigen grauen Hauswand und war bemüht, nicht von der Kiste zu fallen, welche ihm als Hocker diente.
„Wie kann man bei dieser Hitze nur soviel Alkohol trinken“, sagte verächtlich Veringot. In diesem Moment schnellte die Hand des Soldaten nach vorn, ergriff das Schwert von Veringot. und zog es aus dessen Gürtel. Das alles vollzog sich so schnell, dass Veringot nicht fähig war, ihn davon abzuhalten. Es war nicht die Geschwindigkeit und Präzision allein, die eine Verteidigung unmöglich machte. Der ganze fließende Bewegungsablauf, welcher Arcen an eine Raubkatze erinnerte, wurde von einer so großen Bestimmtheit gesteuert, der Veringot nichts entgegensetzen konnte.
„Traue nicht dem, was Du siehst“, sagte der Fremde mit ruhiger klarer Stimme.
„Entschuldigt, dass ich Euch fälschlich für einen Trinker gehalten habe. Es tut mir aufrichtig leid“, erwiderte Veringot, der sich langsam Sorgen um sein mit Diamanten besetztes Schwert machte.
„Oh, es gibt bessere Wege als Alkohol, um sein Weltbild zum Wanken und die Sicht der Dinge zur Änderung zu bewegen. Aber ich muß mich entschuldigen, denn ich meinte mit meiner Äußerung nicht mein Aussehen und Auftreten, sondern Euer Schwert“.
„Was soll mit meinem Schwert sein?“ rief aufgebracht der junge Kaufmannssohn. „Es ist das teuerste und schönste der ganzen Stadt“.
„Das glaube ich wohl, und es nützt sicher auch als Grabbeigabe. Nur zum Kämpfen taugt es nicht. Es besitzt keinerlei Ausgewogenheit, denn der ganze kunstvolle Kram macht es unmöglich, eine Balance zu finden. Aber Deine Feinde werden den Wert des Schwertes sicher erkennen und versuchen, es Dir abzunehmen. Leider hättest Du es dann nicht einmal mehr als Grabbeigabe“. Mit diesen Worten überreichte der unbekannte Soldat Veringot das Schwert. Dabei sah Arcen für einen Moment die Augen des Mannes, der die ganze Zeit über den Boden angesehen hatte. Sie leuchteten so klar wie der Himmel über Heron und strahlten eine innere Ruhe und Zufriedenheit aus, welche Arcen gern selbst gehabt hätte.
„Der Händler ist weg“, rief Suelia, die in der Zwischenzeit schon zur Straßenecke vorgelaufen war. Die beiden Freunde folgten ihr und sahen, dass sie Recht hatte. Der Platz, an dem der Maler bis gestern noch seinen Stand hatte, war leer. Arcen sah zum Lokal zurück und bemerkte, dass auch der unbekannte Soldat verschwunden war. Als er seine Beobachtung Suelia und Veringot kundtun wollte und seinen Blick wieder nach vorn richtete, blieb nicht nur sein Herz fast stehen. Auch die Zeit hielt inne, denn Arcen stand vor dem Inhalt all seiner Träume und dem Ziel seiner Sehnsucht.
„Du hast noch fünf Minuten“, sagte die unbekannte Schönheit, mit ihrer ebenso schönen Stimme zu Arcen, nachdem sie sich eine endlose Zeit lang in die Augen gesehen hatten. Der Klang ihrer Stimme war geheimnisvoll und unwirklich, rauchig und gleichzeitig warm.
„Fünf Minuten“, murmelte Arcen, der noch immer wie in Trance zu schweben schien.
„Du wolltest mich doch etwas fragen“, sprach noch einmal die geheimnisvolle Fremde und sah dem jungen Schwertschüler dabei tief in dessen Augen. Dieser schien gar nicht zu bemerken, dass sich ihre Lippen beim Sprechen kaum bewegten.
Was wollte ich fragen, überlegte Arcen und konnte sich doch nicht auf irgendeine Frage konzentrieren. Dann platzte es aus ihm heraus. „Was ist in fünf Minuten?“
„Nun“, antwortete die junge Frau ihm gegenüber, „in fünf Minuten wachst Du auf!“
Mit einem Schrei öffnete Arcen die Augen und saß schweißgebadet in seinem Bett. Er zitterte am ganzen Körper und mußte sich übergeben. Es war schon heller Tag, und draußen stand die Sonne hoch am Himmel. Nachdem Arcen sich und sein Bett gereinigt hatte, rannte er zum Hoftor hinaus auf die Straße. Es war Sonntag, keine Schule, und der Tag machte seinem Namen alle Ehre. Keine Wolke war am Himmel zu sehen, und es war sehr warm. Die Luft roch süßlich, und aus der Ferne erklang ein trauriges Lied.
„Hallo Arcen, kommst Du mit zum Bilderhändler?“ fragte Suelia, die mit Veringot Hände haltend die Straße entlang spazierte.
Arcens Herz schlug mit einem mal bis zu seinem Hals. Das Blut pochte in seinen Schläfen, und seine Hände begannen zu zittern.
„Der Stand ist schon weg, genau wie ich“, rief Arcen und rannte los. Er hörte, wie Suelia lachend zu ihrem Freund Veringot sagte, dass er doch merkwürdige Freunde hätte, und dann vernahm er nichts mehr. Er sah einzig die Umrisse der verschwommenen Straße vor sich. Außer seinem keuchenden Atem und dem starken Klopfen seines Herzens registrierte er nur noch ganz weit entfernt und leise dumpf rauschend die Geräusche der Stadt. In dieser Kulisse aus verzerrten, undefinierbaren Tönen sprach mit einem mal eine Stimme zu ihm.
„Wohin so eilig junger Krieger?“ Arcen wendete seinen Kopf zur Seite und sah im Vorbeilaufen den heruntergekommenen Soldaten aus seinem Traum, der auf einer Kiste mit dem Rücken an einer Hauswand lehnend saß. Das Gesicht, welches Arcen dabei machte, konnte nicht allzu schön aussehen, genauso wenig wie der Speichel, der aus seinem Mundwinkel tropfte. Doch das war ihm jetzt egal. Er rannte bis zu dem Platz, an dem der Bilderhändler seit Wochen seinen Stand hatte. Der kleine Flecken Land am Rande der Stadtmauer war leer.
Genau wie der Platz auf der Kiste, auf der zuvor der Soldat gesessen hatte. Nur leider war nirgendwo der Grund für Arcens Eile zu entdecken. In dem Moment als der junge Schwertschüler enttäuscht zu Boden sinken wollte, registrierten seine Augen einen Schatten, der hinter den Dächern der angrenzenden Häuser verschwand. Lange noch sah der junge Arcen von Heron in die Richtung, in welcher der Schatten mit all seiner Sehnsucht verschwunden war. Dann stand er auf, in stiller Freude auf die bevorstehende Nacht. Dieses Mal würde er bereit sein. Bereit, zur Reise in das Land der Träume.
Es vergingen endlose Wochen, und der Herbst hielt Einzug in Heron. Die Blätter am Zauberbaum vor den Toren des einst so ruhigen Ortes färbten sich gelb, und immer mehr Soldaten kamen in die Stadt, welche stetig wuchs. Noch war es angenehm warm und vom nahenden Winter nichts zu spüren. Genauso wenig hatten sich Arcens Schlafgewohnheiten verändert. Immer noch träumte er von seiner unbekannten Schönen, ohne sein Vorhaben, ihren Namen zu erfahren, verwirklicht zu haben. Aber Änderungen gingen vor sich, und diese entgingen weder Arcen noch Veringot. Seit Tagen erschienen in der Schule Werber, die den Schülern ihre ehrenvollen Anliegen offerierten.
„Kommt zur Armee von Heron! Schließt Euch dem Bund an, und verteidigt die Freiheit von Gundwen! Werdet die Helden der bevorstehenden Schlacht, und überlasst den Ruhm nicht den Soldaten der anderen Städte. Die Armeen von Hunteron und Herakes sind schon viel stattlicher als die unserige.“
Sie hatten Erfolg. Die Klasse, welche Suelia, Veringot und Arcen besuchten, schrumpfte zusehends.
„Wieso wollen wir jetzt im Herbst, so kurz vor dem Winter, angreifen?“ fragte Arcen einen der Werber.
„Du denkst mit, Junge. Aber wir greifen nicht an, sondern verteidigen die Freiheit von Gundwen“, antwortete dieser. „Bald werden die Blätter von den Bäumen fallen, und das macht es uns leichter, die wenigen Straßen, die durch die undurchdringlichen Wälder von Gundwen führen, zu passieren. Keiner unserer hinterhältigen Feinde kann uns dann überraschen. Denn wir müssen bis zum Einbruch des Winters unsere Eisenerz-Minen erreicht haben, um die weiteren Lieferungen zu gewährleisten. Vergeßt nicht, meine jungen Freunde, unser aller Wohlstand hängt davon ab.“
Diese Ansprache machte einen riesigen Eindruck auf Veringot. Doch Arcen wollte aus einem anderen Grund nach Gundwen. In all seinen Träumen, in denen er die schwarz gekleidete Schönheit sah, welche seine Sehnsucht beherrschte, war er in Gundwen. Und das mußte die Chance sein, sie endlich wieder zu sehen. Er muß nach Gundwen!
Doch sein Vater machte seine Hoffnungen zunichte.
„Nein, mein Sohn, Du wirst erst deine Schule beenden, um dann meine Schwertschule zu übernehmen. Ich bin alt und brauche einen Nachfolger. Die Führung unserer Armee ist einverstanden, dass Du dann ihre Offiziere anstatt meiner unterrichtest. Eines Tages wirst Du mir dafür danken.“
„Aber Vater“, versuchte Arcen einzuwenden und wurde sofort unterbrochen.
„Ich bin Heeden von Heron und kein Händler, mit dem Du feilschen kannst. Niemand wird Dich in unserer Armee aufnehmen. Ich habe das Wort unseres Stadthalters.“
Das Gespräch war beendet, und Arcen ging in der stillen Hoffnung zu Bett, wenigstens im Traum der unbekannten Trägerin seines Herzens zu begegnen.
„Was machst Du denn hier? fragte Arcen am nächsten Morgen Veringot, der vor seiner Haustür wartete. Sein Freund, der in einer schillernden goldfarbenen Rüstung gekleidet vor ihm stand, antwortete voller stolz. „Nun vor Dir steht einer der zukünftigen Offiziere unserer glorreichen Armee von Heron. Ich werde ab heute drei Monate Unterricht bei Deinem Vater bekommen, um dann im Frühjahr nach Gundwen zu ziehen.“
„Ich denke, es geht im Herbst los“, sagte darauf Arcen.
„Nicht für mich“, erwiderte Veringot. „Mein Vater, der ja unsere Armee ausrüstet, schickt mich erst nach der Schlacht nach Gundwen, um zu sehen, was an Nachschub benötigt wird. Ihm verdanke ich es auch, dass ich gleich als Offizier in die Armee von Heron eintreten kann. Und wer weiß, wenn der Krieg noch andauert, werde ich vielleicht noch General.“ Veringot lächelte selbstzufrieden, und Arcen ging zur Schule.
Dicker Schnee lag auf den blattlosen Zweigen des Zauberbaumes. Der Winter war schon weit fortgeschritten, genau wie Veringots Schwertkampf-Unterricht. Die Zeit verging für die beiden Freunde wie im Flug. Veringot wohnte, seit er von Heeden unterrichtet wurde, bei Arcen. Es war Sonntag, und vor den Toren der Stadt tobte eine erbitterte Schlacht.
„Ducke Dich“, schrie Suelia. Doch es war zu spät. Veringot wurde mitten im Gesicht getroffen. Er verlor auf dem glatten Boden das Gleichgewicht und versuchte sich an Arcen festzuhalten, mit dem Ergebnis, dass beide zu Boden stürzten.
„Mist“, rief Veringot, während er die Reste des Schneeballes entfernte. „Das war ein gemeiner Hinterhalt. Ihr kämpft ja wie die Mechloron“, schrie er, der Kaufmannssohn und zukünftige Offizier zu den Kindern, welche auf dem Zauberbaum saßen. Es waren drei Jungen, die vielleicht halb so alt waren, wie ihre Gegner. Suelia mußte aus vollem Hals lachen, und Arcen schoß ein Gedanke durch den Kopf.
„Sie kämpfen mit den Möglichkeiten, die sie haben. Im offenen Kampf würden sie unterliegen. Aber so hatten und nutzten sie ihre Chance.“ Er stand auf und applaudierte den Kindern zu ihrem grandiosen Sieg. Veringot, der sich mit einer Niederlage nicht abfinden konnte, versuchte den Baum zu erklimmen. Das gelang ihm, dank seiner schweren Rüstung und zur grenzenlosen Freude Suelias überhaupt nicht. Immer wieder rutschte er vom Baum ab und war nun schon über und über mit Schnee bedeckt. Die Kinder kletterten heimlich vom Baum und waren schon längst verschwunden, ehe Veringot begriff, dass er am Ausgang der großen Schlacht nichts mehr ändern konnte. Dafür mußte die noch immer lachende Suelia dran glauben, die daraufhin von Veringot mit Schnee eingeseift wurde.
So vergingen die Tage, ohne dass etwas geschah. Die Nachrichten, welche aus Gundwen nach Heron kamen, waren ausnahmslos positiv. Für Arcens Geschmack zu positiv, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass nur die Mechloron Verluste erlitten. Ein Mann, der bestimmt noch nie ein Schlachtfeld gesehen hatte, wußte zu berichten, dass Vandgeren der Anführer von Heron allein über einhundert Gegner erschlagen hatte. Das regte Veringots Träume an. Er sah sich auf einem feurigen Pferd durch seine Feinde reiten, die bei seinem Anblick in wilder Panik davonliefen. Arcen konnte, seit Veringot bei ihm wohnte, nicht mehr von seiner unbekannten Schönen träumen. Das wiederum erfreute Serenson, denn Arcen verfolgte nun den Unterricht mit wachen Augen und schlief nicht mehr bei seinen Vorlesungen ein. Die Klasse schrumpfte weiter und bestand bis auf die Mädchen, nur noch aus sieben Jungen. Dann war es so weit. Der Schnee schmolz, und Knospen sprossen aus den Zweigen des Zauberbaumes.
Vereinzelt erblühten die ersten Blumen, und die Sonne erwärmte langsam die Luft. Scharen von Zugvögeln kehrten nach Heron zurück und dessen zweite Streitmacht begann sich zu sammeln.
„Jetzt trennen sich unsere Wege“, sprach Veringot zu Arcen. Er saß auf einem stolzen Roß, und seine Rüstung funkelte im Licht der Frühlingssonne. Suelia stand am Kopf des Pferdes und erklärte jedem, der vorüber kam, dass der junge Offizier ihr zukünftiger Ehemann sei. „Schicke mir später gute Kämpfer, wenn Du der Schwertmeister von Heron geworden bist.“ sprach Veringot und neigte sich zu Arcen herunter. Die Freunde umarmten sich, und dann ritt Veringot an der Spitze seiner Armee in Richtung Gundwen davon. Arcen sah ihm noch lange nach. Da ritt sein bester Freund in das Land, welches seine Träume beherbergte. Fünf Minuten lang sah Arcen ihm noch hinterher. Dann ging er nach Hause. Seine Hoffnung und sein Verlangen galten der kommenden Nacht und dem, was seine Träume ihm offenbaren würden. Denn jetzt, wo Veringot fort war, mußte es mit dem Träumen wieder klappen, und endlich würde er sie, die Frau seiner Träume, wiedersehen.
Wo bin ich? Wie kam ich hierher?
Arcen überlegte fieberhaft, wie er an diesen unbekannten Ort gekommen sein könnte. Da es ihm nicht einfiel, begnügte er sich vorläufig damit, seine Umgebung zu erkunden.
Wo ist die Sonne?
Nirgendwo war sie zu entdecken, dabei mußte sie scheinen. Auf allen Pflanzen und Felsen wurde ihr Licht hundertfach reflektiert. Aber die Sonnenstrahlen schienen wie durch ein Prisma gebrochen. Sie erhellte seine Umgebung nur sehr schwach. Auch sah die Vegetation, welche Arcen zu erkennen glaubte, alles andere als vertraut aus. Einige Pflanzen, die sich an etwa vier Meter hohe Felsen klammerten, erinnerten den jungen Schwertschüler an verkleinerte Weidenbäume. Andere wieder sahen aus wie Trompeten, die auf ihren Mundstücken standen, um ihre Trichter in den Himmel zu strecken.
Was ist das denn für ein Himmel, bemerkte Arcen erstaunt. Es fiel ihm erst gar nicht auf, dass selbst die ihn umgebende Luft das Sonnenlicht widerspiegelte. Mit einemmal war er sich auch gar nicht mehr so sicher, ob ihn überhaupt Luft umgab. Denn sie kam ihm viel dichter vor. Dichter noch als Nebel, obwohl seine Sicht keineswegs eingeschränkter war. Er konnte mühelos bis zu den zweihundert Meter entfernt stehenden Felsen sehen.
Wie sehen denn die überhaupt aus? Arcen glaubte seinen Verstand zu verlieren. Wo immer er auch war, es mußte weit von Heron entfernt sein. Er hatte die Felsen, die aussahen wie riesige versteinerte Pilze, unbemerkt erreicht. Wie wußte er nicht. Jedenfalls konnte Arcen sich nicht erinnern, wie er zu den Gesteinsgebilden gekommen war.
Da hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch. Als er sich umdrehte, schwebte dicht über ihm ein eigenartiges Wesen. Es sah einem Fisch sehr ähnlich, nur das sein Maul mehr an einen Schnabel erinnerte, gleichwohl es kein solcher war. Das Geschöpf war in etwa zwei Meter lang und hatte eine große Schwanzflosse.
Wozu braucht ein fliegendes Tier Flossen, überlegte Arcen, der sich erst einmal auf das Beobachten beschränkte. Dann machte sein Gegenüber den ersten Schritt. Das Wesen sprach zu ihm. Zumindest hatte es den Anschein, denn verstehen konnte Arcen nichts von dem, was es sagte. Es waren eine unendliche Anzahl verschiedener Töne, Laute und Geräusche, die ihm entgegen schwappten. Und doch wußte Arcen, dass es mit ihm sprach. Nach einer Weile in der nichts geschah, drehte das fremde Wesen plötzlich um und flog langsam davon. Arcen folgte ihm. Die Wiese, über welche er glitt, glänzte im satten Grün. Hier muss es wohl oft regnen, dachte Arcen und bemerkte erst jetzt, dass auch er flog.
In diesem Moment wurde er von seinem Vater zu seinen alltäglichen Schwertübungen geweckt. Ein wenig enttäuscht, dass es wieder nicht geklappt hat von seiner unbekannten Schönen zu träumen, war Arcen schon. Doch jeder neue Morgen birgt auch schon wieder eine Garantie auf eine kommende Nacht.
Ich muß mich mehr auf meine Träume konzentrieren, dachte Arcen und ging in den Übungsraum, wo sein Vater schon auf ihn wartete.
„Wie das hier aussieht“, sagte Veringot.
Seit drei Wochen ritt er nun schon an der Spitze der zweiten Armee von Heron. Drei Wochen, in denen er nichts anderes als Bäume, Bäume und noch mehr Bäume sah. Das noch frische Grün stand schon so dicht, dass man keinen Meter weit in den Wald von Gundwen hinein sehen konnte.
„Das Zeug wächst hier so schnell, dass wir uns nicht darauf verlassen können, sicher zu unserem Stützpunkt zu gelangen“, sagte Hersus von Herakes. Er war ein kleiner untersetzter, vielleicht vierzig Jahre alter Mann, und er war der Anführer der Armee von Herakes. Leider, so dachte Veringot, auch mein Anführer. Denn Hunteron, Herakes, Heron und die anderen Städte des Bündnisses hatten sich darauf geeinigt, dass die Stadt Herakes das Oberkommando über sämtliche militärischen Einsätze bekommt. Nach Veringots Ansicht ein Fehler. Er mochte Hersus nicht. Zum einen paßte er mit seiner dicklichen Figur nicht in das Bild, dass Veringot von einem heroischen Krieger hatte und zum anderen mochte er nicht die Ansichten, die der Heraker über ihre Mission hatte. Als Veringot gestern sagte, dass Volk von Gundwen solle dem Städtebund dankbar dafür sein, dass sie ihm die Zivilisation brachten, lachte Hersus nur. „Was für Zivilisation“, sprach er. „Du meinst, die paar Straßen, die wir gebaut haben und die wir für unsere Erztransporte benötigen? Ich, Hersus von Herakes, habe noch keinen Bewohner von Gundwen auf unseren Straßen laufen sehen. Wir wissen doch noch nicht mal, wo sie leben und wie sie aussehen.“
„Wie sie aussehen?“ hatte Veringot da Hersus unterbrochen. „Wir sehen doch öfter Frauen und Männer am Straßenrand stehen.“
