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Lebendig und kraftvoll – über die wohl umstrittenste Figur der Griechischen Mythologie
Gemieden. Verfolgt. Gequält.
Medea sehnt sich nach einem anderen Leben. Seit ihrer Kindheit ist sie von ihrer Schwester getrennt, von ihrer Mutter gemieden und von ihrem Bruder und Vater verfolgt und gequält worden. Und das alles wegen eines einzigartigen und gefährlichen Talents: der Hexerei.
Unerbittlich. Mächtig. Magisch.
Doch als ein tollkühner junger Held, Jason, auftaucht, um das berühmte Goldene Vlies einzufordern, das ihr Vater so vehement beschützt, sieht Medea ihre Chance zur Flucht. Ihr Angebot, Jason bei der Überwindung der von ihrem Vater auferlegten Prüfungen zu helfen, setzt eine Reise in Gang, die jedes Quäntchen ihrer Stärke, Magie und Loyalität auf die Probe stellen wird; eine Reise, auf der sie gegen Monster kämpfen, Könige entthronen und sich verlieben wird.
Aber als sie mit dem ultimativen Verrat konfrontiert wird, wird Medea zu einer Verzweiflungstat getrieben, die so brutal ist, dass sie das Leben aller Beteiligten zerreißt...
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch
Gemieden. Verfolgt. Gequält.
Medea sehnt sich nach einem anderen Leben. Seit ihrer Kindheit ist sie von ihrer Schwester getrennt, von ihrer Mutter gemieden und von ihrem Bruder und Vater verfolgt und gequält worden. Und das alles wegen eines einzigartigen und gefährlichen Talents: der Hexerei.
Unerbittlich. Mächtig. Magisch.
Doch als ein tollkühner junger Held, Jason, auftaucht, um das berühmte Goldene Vlies einzufordern, das ihr Vater so vehement beschützt, sieht Medea ihre Chance zur Flucht. Ihr Angebot, Jason bei der Überwindung der von ihrem Vater auferlegten Prüfungen zu helfen, setzt eine Reise in Gang, die jedes Quäntchen ihrer Stärke, Magie und Loyalität auf die Probe stellen wird; eine Reise, auf der sie gegen Monster kämpfen, Könige entthronen und sich verlieben wird.
Aber als sie mit dem ultimativen Verrat konfrontiert wird, wird Medea zu einer Verzweiflungstat getrieben, die so brutal ist, dass sie das Leben aller Beteiligten zerreißt...
Zur Autorin
Rosie Hewlett, die an der Universität Birmingham einen First-Class Honours-Abschluss in klassischer Literatur und Zivilisation erworben hat, hat sich eingehend mit der griechischen Mythologie befasst und setzt sich leidenschaftlich für die Entdeckung starker weiblicher Stimmen in der klassischen Welt ein. Ihr im Selbstverlag veröffentlichter Debütroman Medusa wurde 2021 mit dem Rubery Book of the Year Award ausgezeichnet.
Rosie Hewlett
Medea
Roman
Aus dem Englischen von Simone Jakob
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Medea bei Bantam Books, New York.
© 2024 by Rosie Hewlett
Deutsche Erstausgabe
© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe
by HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von Ariane Busch nach einem Design von Irene Martinez Costa / TW
Coverabbildung © Shutterstock
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749909230
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für all die Frauen, denen man je vorgeworfen hat, »zu viel« oder »nicht genug« zu sein.
Als ich noch klein war, verwandelte ich meinen Bruder in ein Schwein.
Damals fand ich das Knacken seiner berstenden Knochen und das fleischige Geräusch seiner sich verformenden Muskeln und Sehnen amüsant. Ich kicherte, als er schrie, während sich seine Nase zu einem Rüssel wandelte und ihm ein kleiner Ringelschwanz aus dem dicken, rosigen Hinterteil spross.
Außer mir lachte niemand.
Als die Sklaven sahen, was ich getan hatte, brachen sie in lautes Wehklagen aus. Einige flohen sogar aus dem Palast und kehrten nie wieder zurück. Andere fielen auf die Knie und murmelten mit bebenden Lippen verzweifelte Gebete.
Als meine Eltern davon erfuhren, brach meine Mutter in Tränen aus, und mein Vater schlug mir ins Gesicht. Beides vorhersehbare Reaktionen.
»Wieso hast du das getan?«, fragte er.
»Weil ich es kann«, erwiderte ich.
Das war offenbar die falsche Antwort.
Es stimmte zwar, war aber nicht der einzige Grund für mein Handeln. Apsyrtos war grausam. Er quälte meine kleine Schwester und mich, und obwohl ich seine Gemeinheiten ertragen kann, ist Chalkiope aus weicherem Holz geschnitzt. Schon ein scharfes Wort durchbohrt ihre dünne Haut wie ein Messer. Sie ist nicht dafür gemacht, Grausamkeiten zu ertragen. Wie reiner, unberührter Schnee lässt sie sich schon vom kleinsten Schlammspritzer beschmutzen. Ich hingegen bin wie der gefrorene Boden darunter, hart und unnachgiebig.
Und so verwandelte ich Apsyrtos in ein Schwein, weil er sich wie eines benommen hatte. Ich hielt das für eine gerechte Strafe, und ich habe schon immer an Bestrafungen geglaubt – dafür hatte mein Vater gesorgt. Und diese war einfach zu vollstrecken, ein schlichter Trank, den ich auf Apsyrtos’ Morgenbrei träufelte. Man muss ihm zugutehalten, dass er meine Täuschung schon beim zweiten Löffel durchschaute und versuchte, das »Gift« auszuspucken. Dazu war es natürlich zu spät. Meine Magie zeigte schon beim ersten Bissen Wirkung.
Niemand sonst erkannte, wie gerecht ich handelte, denn für alle anderen hatte Apsyrtos’ Verhalten nichts Tadelnswertes. Er benahm sich nur »wie ein Junge«, was wohl bedeutete, dass Grausamkeit in seiner Natur lag. Aber diese Rechtfertigung ergab für mich keinen Sinn.
Nach dem Vorfall schloss mein Vater mich in meinem Gemach ein und postierte zwei Wachen vor der Tür. Anfangs fand ich es noch belustigend, dass mein Vater Aietes, der Furcht einflößende König von Kolchis, Angst vor seiner kleinen, stillen Medea hatte. Es dauerte einige Zeit, bis ich merkte, dass meine beschnittene Freiheit alles andere als unterhaltsam war.
Gegen Abend kam mein Vater in mein Gemach und befahl mir, den Zauber rückgängig zu machen.
»Ich weiß nicht, wie.«
Es war die Wahrheit, doch er schlug mich wie eine Lügnerin, als würde ich ein Geheimnis bewahren, das er mir aus dem Leib prügeln musste. Ich kann mich immer noch an seinen unregelmäßigen, abgehackt klingenden Atem erinnern, als er den Arm hochriss, um zu einem weiteren Schlag auszuholen. Dasselbe Geräusch hörte ich durch die Wände, wenn er mit meiner Mutter allein war.
Anders als meine Mutter weinte ich nie, wenn mein Vater mich schlug. Ich glaube, das ärgerte ihn, wahrscheinlich wiederholte er es deshalb so oft. Ich empfand Tränen immer schon als nutzlos. Das sagte ich Chalkiope einmal, als sie um einen toten Vogel weinte, den wir im Hof gefunden hatten. Sie starrte mich nur mit glänzenden, feuchten Augen an.
»Manchmal sagst du Dinge, die mir Angst machen, Medea«, erwiderte sie.
»Du hast doch vor allem Angst«, sagte ich und stocherte mit einem Stock im leblosen Körper des Vogels herum, um seine Wunde noch weiter aufzureißen. Chalkiope schrie mich an, ich solle aufhören, doch ich ignorierte sie und bohrte den Stock noch tiefer hinein. Ich wollte sehen, was sich darin befand.
Als mein Vater schließlich einsah, dass ich wirklich nicht wusste, wie man meinem Bruder helfen konnte, griff er in einem Akt der Verzweiflung zu anderen Mitteln.
Er ließ nach meiner Tante schicken.
Eine eigentümliche Wendung, wie ich fand, denn ich hatte meine Tante noch nie getroffen.
In Kolchis war sie mehr Mythos als Wirklichkeit, und um ihren Namen rankten sich zahlreiche Legenden: Circe.
Ich hatte gehört, dass mein Vater sie vor Jahren verbannt hatte; warum, schien niemand zu wissen. Das hielt Fama, die Göttin der Gerüchte, nicht davon ab, ihr aufrührerisches Werk zu tun und im ganzen Land Geschichten über meine Tante zu verbreiten.
Man gab ihr auch noch einen Beinamen, den die Sklaven hinter vorgehaltener Hand in ihrer kolchischen Muttersprache flüsterten. Hexe. Als Kind wusste ich nicht, was das bedeutet, aber es lag so viel Abscheu in ihren Stimmen, wenn sie es aussprachen, dass ich nur davon ausgehen konnte, es müsse sich um etwas beeindruckend Schreckliches handeln.
In meiner Fantasie wurde Circe zu einer Art bösem Ungeheuer. Wie eine geflügelte Furie, abscheulich und gnadenlos. Ich stellte mir vor, wie sie über das Land flog und eiskalt ihre Urteile über arglose Sterbliche fällte. Ich war zutiefst fasziniert von ihr, oder besser gesagt, vom Potenzial dessen, was sie zu sein vermochte. Man könnte sagen, dass sie so etwas wie eine Obsession von mir wurde. Meine Mutter behauptete immer, ich sei von manchen Dingen wie besessen.
Circe kam zwei Tage nach Apsyrtos’ Verwandlung, mitten in der Nacht. Ich kann mich noch gut an die Angst erinnern, die mir wie ein Schauer über den Rücken lief, als ich erwachte und eine dunkle, in Schatten gehüllte Gestalt vor meinem Bett sah, die sich vom silbrigen Mondlicht abhob.
Circe musste meine Angst gespürt haben, denn sie streifte sofort ihren Kapuzenmantel ab: Ihre Augen waren ebenso strahlend golden wie die meines Vaters, und ein sanftes Lächeln spielte um ihre Lippen. Doch das Erste, was mir an ihr auffiel, war ihr Haar, das ihr in glänzenden Strähnen bis auf die Schultern fiel. Ich hatte noch nie so hell leuchtendes Haar gesehen; es glich funkelndem Sonnenlicht auf kristallklarem Wasser.
Ich nahm mir einen Moment Zeit, um ihre Erscheinung in mich aufzunehmen, und kam zu dem Schluss, dass sie ohne jeden Zweifel das Schönste war, was ich je gesehen hatte.
Im Gegensatz dazu wirkte mein Vater, der hinter Circe stand, wie ein hässlicher Fleck an der Wand meines Gemachs. Ich erinnere mich, dass er in dieser Nacht eine Maske kalter Gelassenheit zur Schau trug, um seine Furcht zu verbergen, die er mir nur wenige Tage zuvor enthüllt hatte.
»Guten Abend, Medea.« Ihre Stimme war klangvoll und gebieterisch, aber auch so warmherzig, dass ich mich sogleich davon angezogen fühlte. »Weißt du, wer ich bin?«
»Eine Hexe.«
Bei diesem Wort erstarrte mein Vater, der die stillen Flure im Auge behielt. Aber zu meiner Erleichterung lachte Circe nur. Ein Geräusch, süß und rauchig wie gerösteter Honig.
»Ich bevorzuge ›Zauberin‹.« Circes Augen funkelten verschmitzt.
»Zauberin.« Ich zog das Wort in die Länge, kostete jeden Laut genüsslich aus.
»Du kannst uns nun allein lassen, Aietes«, wies Circe meinen Vater an, ohne sich umzudrehen.
Ein Anflug von Entrüstung huschte über seine versteinerte Miene. »Du kannst doch nicht …«
»Ich übernehme ab hier.« Ihr Ton war sanft, doch ihre Worte waren unbestreitbar scharf, wie ein in Seide gehülltes Schwert. »Bis später, Bruder.«
Mein Vater starrte uns an, sein Gesicht zuckte, während er um Fassung rang. Der König von Kolchis war nicht daran gewöhnt, Befehle entgegenzunehmen.
Ich war mir sicher, in der Stille Apsyrtos’ entferntes Quieken zu hören, der in einem behelfsmäßigen Pferch in den Tiefen des Palastes versteckt worden war.
»Nun … ich warte draußen, für den Fall … dass ich gebraucht werde.« Trotzig hob mein Vater das Kinn; sein Stolz schien noch beschädigter zu sein als mein Körper.
»Das wirst du nicht tun.« Circe zwinkerte mir zu.
Mit offenem Mund sah ich meinem Vater nach, als er mein Gemach verließ. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie erlebt, dass er Anweisungen anderer befolgte, schon gar nicht die einer Frau.
Als wir allein waren, fragte mich Circe: »Nun, Medea, wie lange widmest du dich schon der Magie?« Sie setzte sich auf mein Bett und legte die langen, schlanken Hände fein säuberlich gefaltet in den Schoß.
»Magie?«
»Aber ja, Medea. Wie sonst hättest du deinen Bruder in ein Schwein verwandeln können?«
Ich hielt inne. Über das »Wie« hatte ich nie nachgedacht; ich wusste nur, dass ich es konnte, also tat ich es.
»Ich … ich habe nur ein paar Dinge zusammengemischt … Pflanzen und Wurzeln. Das war alles.«
Circe beugte sich vor, ihr warmer Duft stieg mir in die Nase. »Das war Magie, Medea. Sag mir, wie alt bist du?«
»Der nächste Winter wird mein achter sein.«
»Das ist ein sehr anspruchsvoller Zauber für dein Alter.« Mit funkelnden Augen fügte sie hinzu: »Wusstest du, dass es auch einer meiner Lieblingszauber ist?«
Ihre Worte drangen tief in mich hinein. »Aber was genau ist … ›Magie‹?«
Ein träges Lächeln kräuselte ihre Lippen. »Es ist eine Gabe der Göttin Hekate. Sie ist diejenige, die dich mit diesem Talent gesegnet hat.«
»Wirklich?«
»Wirklich. Sie hat dich auserwählt, Medea, und das macht dich zu etwas ganz Besonderem. Ist dir das eigentlich klar?«
Nervös rang ich die Hände. »Alle sagen immer, dass mit mir etwas nicht stimmt …«
»Die Menschen lehnen oft ab, was sie nicht verstehen«, unterbrach mich Circe sanft. »Aber es sind deine Fähigkeiten. Ich finde, du solltest dich von der Unwissenheit anderer Menschen nicht aufhalten lassen … was meinst du?«
Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Ich schüttelte den Kopf.
Ihr Blick fiel auf die Prellung an meinem Kiefer. Sonst achtete mein Vater penibel darauf, mich nur an Stellen zu verletzen, die meine Kleidung verbarg, aber diesmal war der Zorn mit ihm durchgegangen. Ich erinnere mich noch an Circes stumme Wut in ihren Augen, gefolgt von einer unheimlichen Stille, die jeden Teil ihres Körpers zu erfüllen schien.
Als sie nach einer halben Ewigkeit endlich etwas sagte, klang ihre Stimme warm und eindringlich. »Jetzt bin ich ja da, Medea. Du bist nicht mehr allein.«
Von dem Moment an war ich vollkommen von ihr besessen.
Ich hatte die Behauptung meines Vaters, er sei göttlicher Abstammung und der Sohn des Sonnengottes Helios, oft angezweifelt. Doch als ich Circe das erste Mal zu Gesicht bekam, war ich mir sicher, sie müsse göttlicher Herkunft sein, denn kein Sterblicher hätte es vermocht, eine solche Vollkommenheit hervorzubringen.
Einer Frau wie ihr war ich noch nie begegnet. Circe war nicht schwach wie meine Mutter, nicht empfindsam wie Chalkiope und auch nicht zynisch wie die Sklavinnen. Sie strahlte ein mühe- und kompromissloses Selbstvertrauen aus, von dem ich geglaubt hatte, nur Männer könnten es besitzen. Im Gegensatz zu meinem Vater ging von ihr eine stille Autorität aus. Sie war ganz und gar unwiderstehlich.
Circe verkörperte alles, was ich sein wollte, auch wenn es mir bis zu diesem Moment nicht bewusst war. Ich wünschte mir, in ihre Haut schlüpfen, ihr Lächeln wie mein eigenes tragen zu können, ihre Kraft in mir zu spüren, ihr Selbstvertrauen, ihre Gelassenheit. Es war, als wäre ich mein ganzes Leben lang in Dunkelheit herumgestolpert, bis plötzlich Helios’ Licht auf meinen Weg fiel, sodass ich endlich erkannte, wohin ich wollte, wer ich sein sollte …
Das muss es so schmerzhaft gemacht haben, als sie mich später im Stich ließ.
»Kannst du denn gar nichts richtig machen, Medea?« Die verächtliche Stimme meines Bruders reißt mich aus meinen Gedanken und Erinnerungen. Ich ertappe mich neuerdings dabei, dass ich die meiste Zeit in der Vergangenheit verweile und an Circe denke.
Ihre Abwesenheit hat eine spürbare Lücke in meinem Leben hinterlassen.
Ich wende mich wieder dem Webstuhl zu, und mein Blick fällt auf das heillose Fadengewirr. Es birgt so viel Potenzial in sich, und doch entsteht unter meinen Händen nur ein Chaos aus Knoten, das meine Mutter entwirren muss, indem sie meine Fehler beseitigt.
»Das ist doch peinlich«, fährt Apsyrtos fort und zupft an einem der Fäden.
Oft wünsche ich mir, Circe hätte meinen Zauber nicht rückgängig gemacht. Als Schwein war er viel umgänglicher.
Hinter Apsyrtos lungert meine Schwester wie ein verhuschter Schatten an der Türschwelle herum. Als sich unsere Blicke treffen, spielt ein nervöses Lächeln um ihre Lippen.
»Vater will dich sprechen.« Mein Bruder bleibt dicht bei mir stehen. Es ist unangenehm. Ein moschusartiger Geruch nach Pferden und getrocknetem Schweiß geht von ihm aus.
»Ich musste nur gerade daran denken, wie ich dich in ein Schwein verwandelt habe, Bruder«, sage ich und lasse seinen vernichtenden Blick über mich ergehen, ohne etwas dabei zu fühlen. »Das war … wie lange ist das nun her? Neun Winter, glaube ich. Weißt du noch?«
In seinen Augen blitzt eine dunkle Scham auf, die sich schnell zu Wut aufbäumt. Wenn ihn der Zorn übermannt, erinnert er mich mit seinen verzerrten Zügen und den tiefen Falten, die sich in seine Stirn graben, unglaublich an meinen Vater. Ich glaube, Wut lässt Menschen vorzeitig altern. Deshalb sieht Apsyrtos auch so verlebt aus, obwohl er nur zwei Winter älter ist als ich.
Mit der flachen Hand schlägt er mir mitten ins Gesicht. Ich höre Chalkiopes leisen Aufschrei, als mich der Schmerz durchzuckt und mir Tränen in die Augen schießen. Ich verharre kurz, um ihn abklingen zu lassen, während sich ein vertrautes Gefühl in mir regt. Deine Magie – vertrau ihr, Medea, höre ich Circes Stimme sagen.
Lächelnd sehe ich zu Boden.
»Es ist dir verboten, deinen Fluch zu erwähnen.« Apsyrtos spuckt das Wort voller Häme aus.
»Ich weiß. Das hat Vater mehr als deutlich gemacht.« Ich schaue ihm direkt in die Augen. »Aber ich muss immerzu an dein entzückendes kleines Ringelschwänzchen denken.«
»Medea.« Chalkiope schnappt nach Luft.
Sie hat immer noch Angst vor Apsyrtos’ Macht, denn sie hat noch nicht erkannt, wie hohl sie ist. Aber ich bin weniger naiv. Ich durchschaue das Schauspiel meines Bruders, spüre die Schwäche hinter der Autorität, an die er sich so verzweifelt klammert. Ich habe sie schon einmal bloßgestellt und könnte es wieder tun.
»Sei vorsichtig, Schwester. Unser Miststück von einer Tante ist nicht mehr da, um dich zu beschützen.« Seine Worte treffen mich härter als die Ohrfeige. Er lächelt, als er den Schmerz in meinem Gesicht sieht, und beugt sich vor. »Sobald ich König bin, werde ich dich für immer von hier verbannen und alle Hexen wie dich jagen und töten lassen. Ich werde den Makel der Hexerei aus Kolchis tilgen.«
Törichter Bruder; er begreift nicht, dass Verbannung ein Geschenk wäre, keine Strafe. Ich habe mich mein ganzes Leben lang danach gesehnt, diesem Gefängnis zu entkommen. Was die Jagd auf andere Hexen angeht, so weiß ich nur von Circe und mir selbst, dass wir diese Gabe besitzen. Allerdings würde ich liebend gerne sehen, wie mein Bruder den Zorn der Hekate auf sich zieht. Sie ist eine geheimnisvolle, gefürchtete Göttin, vielleicht wegen der düsteren Gefilde, über die sie herrscht – Zauberei, Dunkelheit und Geister.
Die grausame Strafe würde sicher auf dem Fuße folgen.
»Weißt du, was du bist, Schwester?«, fährt Apsyrtos fort und streichelt mir mit höhnischer Zärtlichkeit über das Haar. »Du bist eine Seuche. Du besudelst alles, was du berührst, sodass es von innen heraus verrottet. Aber weißt du, was wir mit Seuchen machen? Wir beseitigen sie.« Mit diesen Worten reißt er mir eine Haarsträhne aus, und als ich zusammenzucke, lächelt er noch zufriedener. Es ist ihm eine Genugtuung.
»Apsyrtos«, wimmert Chalkiope.
»Chalkiope«, äfft er ihren Tonfall nach. Dann richtet er sich auf und lässt die Haare fallen. »Geh zu Vater.«
»Wie du wünschst, Bruder.« Ich erhebe mich langsam und verlasse den Raum, wobei ich Chalkiopes Blick suche. Ihre Augen weiten sich, als ich mich ihr nähere.
Wenn jemand uns zusammen sähe, würde er uns nicht für Schwestern halten. Chalkiope ist klein und zierlich, ihr Haar ist wie gesponnenes Gold, und ihre zarten Gesichtszüge sehen aus, als könnten sie bei der kleinsten Berührung zerspringen. Ich hingegen habe mich immer für herber und hässlicher gehalten. Wären wir Blumen, wäre ich eine mit Stacheln und Dornen, die schützen und abwehren sollen, während Chalkiope eine von anziehender Zartheit wäre, wie dafür gemacht, bewundert zu werden.
»Bleib du besser hier, Schwester«, zischt Apsyrtos ihr zu. »Du ahnst nicht, zu welchen Bosheiten die Hexe fähig ist.«
Manchmal frage ich mich, ob mein Bruder auch dann ein so grausamer Mann geworden wäre, wenn ich ihn damals nicht verwandelt hätte. Natürlich war er immer ein Tyrann, aber vielleicht wäre er dem irgendwann entwachsen. Er hätte mit dem Alter langsam reifen können wie eine Frucht in der Sonne. Mein Zauber hat Narben bei ihm hinterlassen, zwar keine äußerlichen, aber innere. Noch immer ist er erfüllt von Misstrauen, und die Demütigung haftet wie ein Makel an ihm. Eine gefährliche Mischung bei einem jungen Mann. Er hatte immer schon zu viel von meinem Vater, glaube ich. Mein Zauber hat das Unvermeidliche nur beschleunigt.
Denn Gewalt bringt Gewalt hervor. Das hat mir Circe beigebracht. Sie hat mich alles gelehrt, was ich weiß.
Als wir noch jünger waren, zwang uns mein Vater, dabei zuzusehen, wie er die Sklaven züchtigte.
Er rief uns in seinen Thronsaal und schwang Reden über »die Konsequenzen unseres Handelns«, und seine Worte erfüllten den Raum mit leeren Idealen von Pflichterfüllung und Ehre. Apsyrtos lauschte mit glänzenden Augen, während Chalkiope nervös schniefte und es kaum wagte, die zitternd am Boden liegenden Sklaven anzusehen. Ich stand nur reglos da und wartete auf das Unausweichliche.
Er prügelte mit Fäusten, manchmal auch mit der Peitsche auf die Sklaven ein, wenn er seine Fingerknöchel schonen wollte. Die Peitsche war immer am schlimmsten.
Selbst jetzt kann ich noch ihre Schreie hören, denn jeder einzelne Schmerzenslaut hat sich bis in alle Ewigkeit in mein Gedächtnis eingebrannt.
Chalkiope schloss oft die Augen und griff leise weinend nach meiner Hand, als würde es die Dinge irgendwie besser machen, wenn sie sie drückte. Selbst der »furchtlose« Apsyrtos musste irgendwann den Blick abwenden. Ich tat es nie. Ich zwang mich, ihre Qualen bis zum Ende mit anzusehen, mich davon durchdringen, aushöhlen zu lassen, bis ich den säuerlichen Geschmack ihres Leids in meinem Mund schmecken konnte.
Wegzuschauen, hätte sich angefühlt, als würde ich ihren Schmerz verleugnen, und ich wollte meinem Vater nicht die Genugtuung geben, wie die anderen den Blick zu senken und bei jedem Schlag zusammenzuzucken. Er weidete sich an der Schwäche anderer.
Circe erzählte mir einmal, die Grausamkeit meines Vaters entspringe einer tiefen Unsicherheit. Ein faszinierender Gedanke. Mein Vater regiert eines der einflussreichsten, wohlhabendsten Königreiche der Welt und ist ein direkter Nachfahre der Götter. Was könnte ihn verunsichern? Circe lächelte über meine Gutgläubigkeit.
»Er ist zwar das Kind eines mächtigen Gottes, wurde aber als gewöhnlicher Sterblicher geboren. Kannst du dir vorstellen, was für eine Demütigung das für ihn sein muss? Es wird für Aietes immer die größte Schande sein.«
In dem Moment ergab alles für mich einen Sinn – seine Grausamkeit, sein Zorn. Doch trotz der Verfehlungen meines Vaters war ich diejenige, die als das Ungeheuer betrachtet wurde, die von allen auf Abstand gehalten und von der Welt ausgeschlossen wurde.
Selbst Circe hat sich am Ende von mir abgewandt.
Ich habe mich oft gefragt, ob nicht vielleicht wirklich ein Ungeheuer, das sich die Haut eines stillen jungen Mädchens übergestreift hat, in mir steckt. Vielleicht können alle sehen, wie es unter der Oberfläche lauert, und halten sich deshalb von mir fern.
Vielleicht habe ich nur deshalb nie weggeschaut, wenn mein Vater die Sklaven schlug, weil das Ungeheuer in mir zusehen, es genießen wollte.
Mit klappernden Sandalen gehe ich über den hell gemusterten Boden zum Thronsaal meines Vaters.
Ein lang gezogener Raum, der sich bis zum Eingang des Palastes erstreckt und mit pompösen Ornamenten verziert ist, die nach Verzweiflung riechen. Ein Schmuck, wie er einem König gebührt.
Zu meiner Rechten, in der Mitte des Raumes, glimmt eine große, runde, von vier Säulen umgebene Feuerstelle träge vor sich hin. Die Sklaven, die dort stehen, weichen erschrocken zurück, wie es oft geschieht, wenn ich einen Raum betrete.
Hinter der Feuerstelle sitzt mein Vater auf einem Podest. Sein vergoldeter Thron wird von karmesinroten Vorhängen eingerahmt, die von den Säulen daneben herabhängen wie Ströme von Blut.
Mein Vater ist ein hässlicher Mann. Sein Gesicht ist scharf und kantig, die Nase krumm. Er hat goldenes Haar und goldene Augen wie alle Kinder des Sonnengottes. Ich habe diese göttliche Färbung nicht geerbt, aber das ist mir gleichgültig. Meine dunklen Gesichtszüge bedeuten mir wenig. Schon immer sehe ich anders aus als meine Familie. Und so anders, wie ich mich fühle, scheint das nur zu passen. Zugegeben, als ich Circe zum ersten Mal begegnete, sehnte ich mich danach, die gleiche goldene Schönheit zu besitzen; ich wollte genau so sein wie sie, jedes Stück von ihr in mich aufnehmen. Jeden Atemzug, jeden Herzschlag von ihr spiegeln.
»Vater«, sage ich zur Begrüßung. Das Wort klingt hohl aus meinem Mund.
»Medea.« Mein Vater nickt erhaben. Er spricht mich selten direkt an. »Phrixos, dies ist meine älteste Tochter.«
Neben dem Thron meines Vaters steht ein Mann, den ich noch nie gesehen habe. Er ist groß, schlank und wirkt mit seinen schlaksigen Gliedmaßen leicht unbeholfen. Sein schmales, verzogenes Gesicht erzählt von ständiger Besorgnis. Seine tiefbraunen Augen richten sich auf mich, und ich entdecke eine Traurigkeit darin, die mir fast den Atem raubt.
Ich erwidere den Blick des Fremden länger, als ich es sollte, gebannt von dem Kummer, der sein Gesicht so offensichtlich zeichnet.
Dunkelheit zieht Dunkelheit an – eine weitere Weisheit von Circe.
»Glaubt Ihr, sie ist dazu … imstande?«, fragt er meinen Vater.
Die griechische Sprache klingt anders, weich und melodisch aus seinem Mund. Auf einmal verstehe ich, warum mein Vater mich so oft dafür gescholten hat, seine Muttersprache zu »verunstalten«. Mein Griechisch war immer von den rauen, vertrauten Ecken und Kanten des kolchischen Dialekts belastet, mit dem ich aufgewachsen bin. Seit meiner Kindheit versucht mein Vater, mir diesen Akzent auszutreiben.
Als ich den König ansehe, bemerke ich den inneren Aufruhr, der seinen Blick verfinstert. Will er mich mit diesem Mann verheiraten? Er hat immer behauptet, ich wäre »ungeeignet« für die Ehe, hat er seine Meinung womöglich geändert? Mit siebzehn Wintern halte ich mich für zu alt, um noch begehrenswert zu sein.
Unruhig flattert es in meinem Bauch. Dieser melancholische Fremde könnte mein Ausweg aus Kolchis sein.
»Das ist sie. Sie wurde von der Hexe Circe persönlich unterwiesen«, sagt mein Vater, und seine Worte triefen vor Abscheu.
Circe. Es ist lange her, dass es jemand gewagt hat, ihren Namen innerhalb dieser Mauern auszusprechen.
»Eure Schwester?«
Eine kleine Pause entsteht, dann sagt Aietes: »In der Tat.«
»Dann stimmt es also, was man über die Zauberei in Kolchis sagt … Vielleicht kann Circe selbst uns helfen?«
»Meine Schwester weilt nicht hier.« Die Stimme meines Vaters ist streng. »Und sie wird auch nie zurückkehren.«
Ich sehe das träge Pulsieren der Ader an seinem Hals. Dann wandert mein Blick weiter nach unten, wo seine Hände die Armlehnen seines Throns so fest umklammern, dass die Sehnen unter der fleckigen Haut hervortreten.
»Prinzessin!« Phrixos schnappt nach Luft. Unsere Blicke begegnen sich, und ich lächle, aber dann schmecke ich Blut und bedecke schnell mein Gesicht. »Eure Nase … Ist alles in Ordnung?«
»Um Zeus’ willen, bring dein Gesicht in Ordnung, Mädchen.« Ich wische mir die blutige Nase mit dem Handballen ab und spüre den brennenden Blick meines Vaters.
»Es ist nichts«, murmle ich und schaue zwischen ihnen hin und her. »Weshalb hast du mich rufen lassen?«
Eine angespannte Stille legt sich über den Saal. Ich höre den morgendlichen Gesang der Vögel draußen, während eine laue Brise die Glut in der Feuerstelle auflodern lässt. Ich lasse die Zunge über die Rückseite meiner Zähne gleiten und habe den metallischen Geschmack von Blut im Mund. Anscheinend hat Apsyrtos fester zugeschlagen, als ich dachte.
Phrixos, der neben meinem Vater steht, sieht sich nervös im Raum um. Der Feuerschein hebt die Kuhlen seiner Wangen und Augenhöhlen hervor, was ihn eher wie einen Totenschädel als wie einen lebendigen Menschen erscheinen lässt. Was haben diese Augen nur gesehen, dass so viel Kummer darin liegt?
»Phrixos hat mir ein Geschenk gemacht.« Als mein Vater endlich das Schweigen bricht, durchschneidet seine Stimme die Anspannung wie ein Messer. »Es ist ein Geschenk der Götter, das um jeden Preis geschützt werden muss.«
»Das wird kein Problem sein. Kolchis verfügt über das beste Heer der Welt, es übertrifft alle in Griechenland«, ruft Apsyrtos, der gerade in den Saal stolziert kommt, mit dröhnender Stimme. Mein Inneres zieht sich zusammen, als er grinsend meine blutige Nase beäugt. »Reinige dein Gesicht, Schwester.«
Unser Vater sieht zwiegespalten aus. »Wir brauchen mehr als sterbliche Krieger, um diese Gabe zu beschützen. Wir brauchen Medeas … Fähigkeiten.«
Ich blinzle, während ich seine Worte zu begreifen versuche.
»Vater, das kann doch nicht wahr sein! Du hast selbst gesagt, dass ihre Magie ein Fluch ist. Wir sollten sie für ihr Übel bestrafen, statt es noch zu fördern!«
»Manchmal müssen wir uns der Dunkelheit bedienen, um das Licht zu schützen«, sagt Phrixos leise zu unser aller Überraschung. Unsere Blicke treffen sich kurz, und etwas in mir löst sich. Hitze strömt in meine Wangen.
»Was in Hades’ Namen soll das bedeuten?«
»Es bedeutet, dass Eure Schwester vielleicht unsere einzige Option ist, Prinz Apsyrtos.«
»Ich werde es tun«, sage ich. »Was immer von mir verlangt wird, ich werde es tun … Aber –«
»Aber?«, stößt mein Vater mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Zuvor will ich das Geschenk sehen, das ich beschützen soll.«
Das Gesicht meines Vaters verfinstert sich. Er schaut zu Phrixos hinüber, und sie scheinen sich wortlos zu unterhalten.
»Nun gut.«
Circe hat den Zauber, mit dem ich Apsyrtos belegt habe, nicht ohne Gegenleistung aufgehoben.
Sie nahm meinem Vater das Versprechen ab, dass sie bleiben und mich in der Zauberkunst unterweisen durfte. Mein Vater erklärte sich einverstanden, denn ihm blieb keine andere Wahl, wenn er kein Schwein als Thronfolger haben wollte. Natürlich war ihm die Entscheidung zuwider, die zu treffen er gezwungen worden war. Aber für mich war es das größte Geschenk, das ich je bekommen hatte.
In der Zeit, in der Circe mich unterrichtete, lebte sie nur vorübergehend in Kolchis. Normalerweise blieb sie, bis Selenes Zyklus vollendet war, dann verschwand sie für eine quälend lange Zeit. Die Tage zwischen ihren Besuchen waren öde und leer, wie die Winter, die Demeter der Welt auferlegte, seit sie von ihrer geliebten Persephone getrennt worden war. Der Winter breitete sich in mir aus, eine Kälte erfasste meinen ganzen Körper und ließ mein Inneres gefrieren. Wenn Circe zurückkehrte, war es, als würde sich Helios endlich am Himmel zeigen und das Eis, das mir bis ins Mark gedrungen war, zum Schmelzen bringen.
Der Unterricht bestand nur aus Theorie und keinerlei Übungen, denn so ließ es sich am ehesten vermeiden, den Zorn meines Vaters zu erregen. Er duldete es gerade noch, dass ich die Zauberkunst studierte, weigerte sich jedoch, uns zu gestatten, sie in seinem Herrschaftsgebiet auszuüben.
Also begnügte sich Circe damit, mir die Eigentümlichkeiten jedes Zaubers zu beschreiben und zu erklären, welche Pflanzen und Beschwörungsformeln welche Wirkung hervorriefen. Wir streiften endlose Stunden durch die trägen Schatten des Waldes, während Circe mir von jeder Blume, jeder Pflanze und jedem Strauch erzählte, an denen wir vorbeikamen. Sie kannte sie alle, musste nicht ein einziges Mal überlegen.
Gewöhnlich zog ich meine Sandalen aus, um die Zehen in der Erde zu vergraben und ihre Kraft zu spüren.
»Natur ist Magie, Medea, und Magie ist Natur. Sie ist die Essenz unserer Welt, sie besitzt eine Macht, die ihr bei ihrer Erschaffung von den Göttern verliehen wurde. Sie fließt flüsternd durch Gaias Adern, aber es ist nur den von Hekate Auserkorenen vergönnt, sie zu hören. Lausche ihr.« Ich schloss die Augen, während Circe weitersprach, und konzentrierte mich auf den Sog der Magie, der mich anzog.
Nach einiger Zeit hörte Circe damit auf, mir Dinge zu erklären, und begann stattdessen, Fragen zu stellen. Es gefiel mir, wenn sie mich auf diese Weise prüfte, und noch mehr, wenn es mir gelang, sie mit der richtigen Antwort zu beeindrucken.
»Und das ist …?« Sie deutete mit herausfordernd hochgezogener Augenbraue auf eine beliebige Pflanze.
»Asphodill.«
»Und welchen Zauber kannst du damit bewirken?«
»Wenn man ihn bei Vollmond auf die richtige Art verbrennt, kann man mit den Toten reden.«
»Sehr gut, Medea.« Ein Lächeln huschte über ihr schönes Antlitz und erfüllte mich mit Stolz.
Als ich etwas älter wurde, fand Circe neue Wege, um mich auf die Probe zu stellen.
Es begann in meinem zehnten Sommer, als wir im Wald waren, um Hekate wie üblich bei zunehmendem Mond ein Opfer darzubringen. Die Göttin bevorzugte die Nacht, wie Circe mich wissen ließ.
Ich hatte dem Schaf die Kehle durchgeschnitten, und ich erinnere mich noch, wie sein Blut, das im Mondlicht unheimlich silbern glänzte, meine Hände und Handgelenke benetzte.
»Ich möchte jetzt ein Spiel mit dir spielen.« Circe kniete mir gegenüber, und zwischen uns brannte ein kleines knisterndes Feuer. Die Flammen spiegelten sich in ihren Augen wider, verwandelten ihren goldenen Glanz in einen warmen Ockerton. »Ich habe dir eine Auswahl an Blumen zurechtgelegt, von denen eine in den Bergen wächst und dem Blut des Prometheus entsprungen ist.«
Prometheus. Sein Name schien die Geräusche des Waldes um uns herum zum Verstummen zu bringen; selbst der unaufhörliche Chor der Zikaden verklang. Prometheus war der berüchtigte Titan, der von Zeus dafür bestraft worden war, dass er den Menschen das Feuer gebracht hatte. Auf dem zerklüfteten Gebirgszug von Kolchis soll Prometheus bis in alle Ewigkeit angekettet bleiben. Jeden Tag hacken blutdurstige Vögel ihm die Eingeweide heraus, die jedoch über Nacht nachwachsen, sodass seine Qualen jeden Tag aufs Neue beginnen. Es heißt, man höre das Echo seiner Schreie noch heute zwischen den Wipfeln.
Ich blickte auf die vor mir ausgebreiteten Blumen hinunter und fragte mich, welche von ihnen dem Blut eines göttlichen Unsterblichen, eines Titanen, entsprungen sein könnte.
Circe fuhr fort: »Aus dieser Blume kannst du, wenn du sie richtig verarbeitest, eine Salbe herstellen, die dich vor Feuer schützt. Und ich möchte, dass du mir zeigst, wie das geht.«
Erstaunt sah ich meine Tante an. »Aber … den Zauber kenne ich doch noch gar nicht. Du hast ihn mir noch nicht beigebracht.«
»Und wer hat dir gezeigt, wie der Verwandlungszauber funktioniert, den du bei Apsyrtos angewandt hast?«
Sie hatte wie immer recht.
»Ich …«
»Du hast deinem Instinkt, deiner Gabe vertraut. Du bist Hekates Ruf gefolgt. So meistert eine wahre Zauberin ihr Handwerk.« Ich weiß nicht genau, ob mich meine Erinnerung trügt, aber ich könnte schwören, dass das Feuer heller brannte, als hätten ihre Worte es angefacht. »Mach es dieses Mal genauso, Medea. Vertrau auf deinen Instinkt. Glaub an dich, so wie ich es tue.«
Ihre Ermutigung wärmte mich mehr als die Flammen und bestärkte mich in meiner Entschlossenheit. Und so machte ich mich an die Arbeit. Ich griff nach den Blumen, die vor mir lagen, nahm jede einzelne in die Hand, drehte sie vorsichtig in den Händen. Dabei hielt ich die Augen geschlossen, denn es war nicht wichtig, wie die Blumen aussahen, sondern nur, wie sie sich anfühlten, die Art, wie sie auf meiner Haut flüsterten, wie sie die Zauberkraft anzogen, die unaufhörlich durch meine Adern pulsierte. Ich stellte mir vor, wie sie mir mit hoher, leiser Stimme zuriefen: Nimm mich! Nimm mich! Jede von ihnen besaß magische Eigenschaften, ich spürte es ganz deutlich. Aber nur eine vermochte es, den Zauber zu bewirken, den Circe verlangte.
Eine Blume aber weckte mein Interesse mehr als die anderen. Sie hatte samtig-weiche Blütenblätter, und ihre Magie regte sich leicht wie ein Seufzer unter meiner Berührung. Doch das war es nicht, was meine Aufmerksamkeit fesselte, sondern ihre Kraft, die ich wie eine tiefe Strömung wahrnahm. Ich konzentrierte meinen Geist auf diese und öffnete meine Magie für den pulsierenden Strom. Plötzlich tauchte eine brutale Vision vor meinen Augen auf – ich sah einen gewaltigen Vogel mit bluttriefendem, messerscharfem Schnabel im Sturzflug angreifen, hörte seinen markerschütternden Schrei.
Erschrocken ließ ich die Blume fallen.
Ich riss die Augen auf. »Diese ist es«, sagte ich zu Circe. Die Blume hatte lange, gebogene Blütenblätter wie ein Krokus und einen Stiel, der in dicken, fleischigen Wurzeln endete. »Das ist die richtige.«
»Diese?« Circe beobachtete mich über die Flammen hinweg mit ausdrucksloser Miene. »Bist du dir sicher?«
Die Magie in meinem Körper loderte heiß und dringlich auf. »Es ist nicht die Blume, sondern die Wurzel. Darin liegt ihre Macht.«
»Wenn du deine Wahl getroffen hast, dann bereite den Zauber vor.« Sie deutete auf das Schaf, das kalt und still dalag. »Alles, was du brauchst, ist das Blut des Opfertiers und die Erde des Waldes. Dann ist der Zauber vollendet … falls du die richtige Wahl getroffen hast.«
Circe reichte mir eine flache Bronzeschale, in die ich die Wurzel der Blume legte, die ich mit meinen Fingernägeln aufriss. Sie sonderte einen dicken schwarzen Saft ab, der sich mit dem Blut aus meinen Händen mischte. Das Rauschen in meinen Adern verstärkte sich, als ich Erde in die Schale gab und begann, die Zutaten zu vermengen.
»Ich bin so weit«, verkündete ich stolz, als ich fertig war. »Und? Hatte ich recht?«
»Das musst du selbst herausfinden.« Circe deutete mit dem Kopf auf die Flammen, und ein Schauder der Angst ergriff mich.
»Wie bitte?«
»Leg die Hand ins Feuer.« Sie sagte es so ruhig, als würde sie mich lediglich auffordern, einen Spaziergang mit ihr zu machen.
Ich hielt die Schale umklammert, und meine Gewissheit schwand mit jedem unheimlichen Knacken des Feuers. »Aber was, wenn ich mich getäuscht habe?«
»Das nennt man Versuch und Irrtum, Medea. Was glaubst du, wie ich mir die Zauberei beigebracht habe?«
Ich erinnere mich noch an den scharfen Stich der Angst, der mich durchfuhr. Doch die Aussicht, Circe zu enttäuschen, war noch Furcht einflößender als das Feuer.
Lieber hätte ich mir das Fleisch bis auf die Knochen verbrannt, als die Erwartungen meiner Tante nicht zu erfüllen.
Also bestrich ich meine Hand mit der Salbe, die ich hergestellt hatte, und sprach ein Gebet zu Hekate. Das körnige Gemisch zog sofort in die Haut ein und hinterließ ein kühles, prickelndes Gefühl.
Die Flammen loderten mir zischend entgegen, wie ein zähnefletschender Hund, der mich angreifen wollte. Durch den sich kräuselnden Rauch hindurch beobachtete mich Circe ruhig und abwägend mit ihren goldenen Augen.
Ein Moment verging, dann noch einer. Schließlich wurde ihr Gesicht weicher, und sie flüsterte: »Du brauchst das nicht –«
Unvermittelt hielt ich die Hand ins Feuer.
Die Flammen zogen sich augenblicklich zurück, wichen gehorsam vor meiner Hand zurück. Ich wackelte mit den Fingern und beobachtete fasziniert, wie Funken, die leicht auf meiner Haut kitzelten, zwischen den Fingern hindurchstoben.
»Du hast auf deinen Instinkt vertraut, Medea. Gut gemacht.« Circe lächelte mich an, und noch heute sehe ich den Stolz, der ihre wunderschönen Augen aufleuchten ließ.
Ich hatte richtiggelegen, und Circe hatte es gewusst.
Von diesem Tag an lernte ich, meinem Instinkt und meiner Magie zu vertrauen und mich an größere Herausforderungen heranzuwagen. Mit Circe an meiner Seite fühlte ich mich unbesiegbar. Sie war eine ausgezeichnete Lehrerin, stets gewissenhaft und geduldig. Und sie gab sich jede erdenkliche Mühe, mir alles beizubringen, was sie über Zauberei wusste. Nun ja, fast alles …
»Dunkle Magie ist zu gefährlich, Medea.« Sie tat es ab, wie immer, wenn ich sie auf das Thema ansprach und darum bat, mehr darüber zu erfahren. »Außerdem könntest du diese Art von Macht gar nicht anzapfen, selbst wenn du es wolltest. Hast du noch nicht erkannt, dass sie dich nicht ruft wie die Erdmagie? Erdmagie ist die Gabe, zu der uns Hekate Zugang gewährt. Aber um dunkle Magie zu nutzen, müssen wir etwas zurückgeben.«
»Was zurückgeben?«
»Etwas, das wir nie wiedererlangen können.« Das war alles, was sie darauf erwiderte, bis ich von meiner Frage abließ und sie wie ein verbotenes Kleinod im hintersten Winkel meiner Erinnerungen verstaute.
Zwei weitere herrliche Sommer lang stattete uns Circe Besuche ab, doch dann hörten sie plötzlich auf.
Aus heiterem Himmel.
»Aber warum sollte sie mich im Stich lassen?«, fragte ich meinen Vater, als dieser mir verkündete, meine Tante werde nicht zurückkehren.
»Warum?«, höhnte er. »Weil Circe selbstsüchtig ist. Wahrscheinlich war sie von dir gelangweilt. Glaubst du nicht, dass sie Besseres zu tun hat, als dir deine albernen Lektionen zu erteilen?«
Seine grausamen, kalten Worte trafen mich mitten ins Herz. Er wusste genau, wie er mich verletzen konnte, auch ohne seine Fäuste einzusetzen. Aber ich wollte ihm nicht glauben, weigerte mich, ihm zu glauben. Ich wusste, dass Circe zurückkehren würde. Sie würde mich nicht einfach verlassen, das konnte sie nicht. Und so wartete ich auf sie.
Und wartete …
Und heute, fünf Sommer später, warte ich immer noch.
Mein Vater geleitet uns aus dem Thronsaal und befiehlt den Wachen, uns nicht zu folgen.
Ich rechne damit, dass er uns in seine Schatzkammer bringt, wo er seine wertvollsten Besitztümer aufbewahrt, Geschenke von weit entfernt lebenden Königen, die seine Gunst erlangen wollten. Aber zu meiner Überraschung führt er uns zu den Ställen hinter dem Palast.
Der übel riechende Gestank von Dung empfängt uns. Das Sonnenlicht, das durch die Ritzen in den Wänden fällt, wirft goldene Streifen auf den von Mist besudelten Boden. In den Pferchen zu beiden Seiten regen sich dunkle, leise schnaubende Schemen.
Helios’ Licht scheint heute heller zu strahlen als sonst und erfüllt das andere Ende des Stalls mit einem seltsamen Leuchten. Doch als wir näher kommen, erkenne ich, dass das Licht aus einer anderen Quelle kommt, die sich im hintersten Pferch verbirgt. Vier Bewaffnete, die die Augen mit den Händen vor dem grellen Licht zu schützen versuchen, sind davor postiert.
Fragend schaue ich meinen Vater an.
»Bleibt ruhig«, weist er uns an, ehe er hineingeht.
Ich folge ihm, ohne zu zögern.
Einen Moment lang blendet mich das gleißende Licht, scheint all meine Sinne auszulöschen. Es ist, als würde ich in eiskaltes Wasser eintauchen, das meinen Körper kurz lähmt.
Ich schirme meine Augen mit den Händen ab, und nach und nach wird meine Umgebung wieder sichtbar. Ich kann die Wände des Pferchs erkennen und das große Wesen, das sich darin befindet. Eine Kreatur, von deren Fell ein so überwältigendes goldenes Strahlen ausgeht, dass es von innen heraus zu leuchten scheint.
Neben mir höre ich Apsyrtos ein Gebet zu den Göttern murmeln, während ich die Augen zusammenkneife, um das prächtige Tier besser sehen zu können. Es ist so groß wie ein Pferd und hat Hörner, Hufe und ein dichtes, krauses Fell. Es könnte ein Widder sein, doch auf seinem Rücken befinden sich zwei glänzende, gefiederte Flügel.
Das Geschöpf neigt langsam den Kopf, um uns zu betrachten, und der bohrende Blick seiner glühenden Augen dringt bis in meine Seele vor. Ich frage mich, ob es Angst vor dem hat, was es dort sieht.
Unwillkürlich strecke ich die Hand aus und spüre das berauschende Flüstern göttlicher Macht, das die Luft um uns herum zum Vibrieren bringt. Ich kann ihren Überfluss fast auf der Zunge schmecken …
»Das genügt.« Mein Vater packt mich am Arm und bugsiert mich aus dem Pferch.
»Was war das?« Ich atme schwer, und vor meinen Augen, die sich erst wieder an die Dunkelheit im übrigen Stall gewöhnen müssen, tanzen dunkle Flecken.
»Ein Geschenk der Götter«, sagt Phrixos. »Sie haben mir befohlen, das Geschöpf hierherzubringen, um es Apollon in seinem heiligen Hain zu opfern.«
»Sein Vlies besitzt große Macht«, raunt mein Vater Apsyrtos zu und legt ihm einen Arm um die Schultern. Ich gebe vor, nicht zu lauschen, als er leise fortfährt: »Die Götter haben Phrixos verkündet, dass derjenige, der es sein Eigen nennt, unermesslichen Ruhm erlangen wird. Weißt du, was das bedeutet, mein Junge? Der Besitzer des Vlieses ist unbesiegbar. Sobald sich das herumspricht, werden viele danach trachten, es zu stehlen. Es ist unsere Pflicht, das Vlies zu beschützen, koste es, was es wolle.«
Auf einmal verstehe ich, was mein Vater im Sinn hat. Er will das Vlies nicht schützen, um die Götter gnädig zu stimmen, sondern um an die versprochene Macht zu gelangen.
Bei dem Gedanken daran, dass er unbesiegbar werden könnte, gefriert mir das Blut in den Adern.
»Ich würde mein Leben für diese Sache opfern!«, verkündet Apsyrtos, das Gesicht vor Entschlossenheit gerötet.
Ob mein Vater erkennt, dass Apsyrtos nur leere Worte spricht und nicht so tapfer ist, wie er sich gibt? Apsyrtos würde sofort das Interesse an dem Wesen verlieren, sobald ihm ein hübsches Mädchen über den Weg läuft oder ihn jemand schief ansieht. Er ist zutiefst selbstsüchtig. Der Widder wird seine Aufmerksamkeit nicht lange fesseln.
»Medea«, sagt mein Vater zu mir. »Du musst einen so mächtigen Zauber wirken, dass kein Mensch ihn überwinden kann. Hast du mich verstanden?«
»Ja, Vater.«
»Seid Ihr sicher, dass sie dazu imstande ist?«, murmelt Phrixos, das Gesicht halb von mir abgewandt.
»Ich bin dazu imstande«, erwidere ich. »Wie viel Zeit bleibt mir?«
»Bis Helios sich erneut am Himmel zeigt.«
»Dann solltet ihr beiseitetreten. Ich habe zu arbeiten.«
»Das verstehe ich nicht.« Chalkiope sieht mich schmollend an, eine kleine Falte legt sich zwischen ihre goldenen Brauen. »Ich dachte, du dürftest nicht zaubern.«
Sie lungert in der Palastküche herum und späht mir gelegentlich über die Schulter, während ich arbeite. Wir wissen beide, dass unsere Eltern ihr verboten haben, mit mir allein zu sein, aber wie sonst auch weicht sie mir nicht von der Seite, und ich verlange es auch nicht von ihr.
»Offenbar gilt diese Regel in bestimmten Situationen nicht«, sage ich.
In einem kleinen Feuer verbrenne ich die Blumen und Kräuter, die ich mir von den Wachen meines Vaters habe besorgen lassen.
Ich hätte sie mir selbst holen können, aber ich darf die Palastmauern nur verlassen, um an öffentlichen Zeremonien teilzunehmen, bei denen meine Anwesenheit unabdingbar ist, damit mein Vater die Illusion einer einigen, gehorsamen Familie aufrechterhalten kann. Aber solche Feierlichkeiten, bei denen mich die Menschen anstarren, abschätzig mustern und verurteilen, sind manchmal noch bedrückender als mein Marmorgefängnis.
Habt ihr schon gehört, was sie ihrem Bruder angetan hat?
»Wegen eines Widders?« Chalkiopes ungläubige Frage reißt mich aus meinen Gedanken.
»Das ist nicht nur irgendein Widder, es ist ein Geschenk der Götter«, erwidere ich, während ich Blumen verbrenne, deren violette Blütenblätter golden und purpurrot aufglühen. Ein dünner Rauchkringel steigt auf, und Chalkiope weicht ein Stück zurück.
Als alles verbrannt ist, gebe ich die Überreste in eine kleine Schale, zusammen mit dem Blut einer Schlange, die ich vor Chalkiopes Ankunft fein säuberlich ausgenommen hatte. Ich zerreibe etwas von dem körnigen Gemisch zwischen den Fingerspitzen und spüre, wie sich die Kraft der Flammen mit der der Blumen vereint. Sie durchströmt meinen Körper und erweckt meine Magie zum Leben, die sich in mir zu regen beginnt und sich prickelnd in mir ausbreitet.
Wie habe ich dieses Gefühl vermisst. Es belebt mich und erdet mich gleichermaßen, als wäre ich eine Reisende, die nach Monaten auf hoher See den ersten Schritt an Land wagt.
»Aber warum hat er den Widder hierhergebracht?«
»Weil die Götter es ihm befohlen haben.«
»Und warum müssen wir ihn verstecken?«
»Weil Vater es befohlen hat.«
»Aber –«
»Chalkiope«, seufze ich frustriert, und sie zuckt zusammen. Manchmal vergesse ich, wie viel Angst sie vor mir hat. Ich schaue in ihre geweiteten Augen, und etwas in mir wird weich. »Ich muss diesen Zaubertrank noch vor Sonnenaufgang fertigstellen, sonst …«
»Was sonst?«, fragt sie nervös.
Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Gibt es eine schwerere Strafe als die Gefangenschaft und die Abscheu, die ich erdulden muss? Mein Vater könnte mich vermutlich hinrichten lassen, aber ich bezweifle, dass eine solche Strafe den göttlichen Zorn wert wäre, den mein Tod heraufbeschwören würde. Die Götter, die über unsere Welt herrschen, mögen ihre Schwächen haben, aber sie sind sehr empfindlich, wenn es um Mord innerhalb der eigenen Blutlinie geht. Sie haben ein seltsames Moralempfinden.
»Ist das sicher?« Chalkiope beugt sich über die Schale und rümpft die Nase.
»Ja, es ist sicher.«
»Woher weißt du, was du tun musst?«
»Ich weiß es einfach … Es ist schwer zu erklären.«
»Kannst du es nicht versuchen?«
Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir miteinander allein sind und frei reden können, ohne die bedrückende Anwesenheit unserer Familie, die jedes unserer Worte überwacht.
Ich war liebend gern Chalkiopes Schwester, bevor meine Eltern mir das Gefühl gaben, dieser Bezeichnung nicht würdig zu sein. Mir gefiel es, wie sie mit ihren riesigen, neugierigen Augen zu mir aufschaute und lispelnd unendlich viele Fragen stellte. Ganz gleich, was ich antwortete, sie glaubte mir. Selbst wenn ich ihr unsinnige Geschichten erzählte, schien sie mich für das Orakel von Delphi zu halten.
Heute sieht sie mich nie mehr mit dieser uneingeschränkten Bewunderung an. Immer liegt ein Hauch von Angst in ihren Augen, eine Angst, die ihr von anderen eingeflößt wurde. Sie haben ihren Geist vergiftet und mir für immer ein Stück von ihr genommen. Und dafür verabscheue ich meine Familie.
Und doch stiehlt sich Chalkiope weiterhin diese Momente mit mir allein, obwohl sie weiß, dass sie den Ärger unseres Vaters riskiert. Auch wenn ich das nie zulassen würde. Lieber würde ich die volle Wucht seines Zorns auf mich nehmen, statt zu tolerieren, dass er ihr auch nur ein Haar krümmt.
»Bitte?«, fleht sie und beugt sich dichter über mich, sodass ihr goldenes Haar mich kitzelt.
»Es ist etwa so, als würde ich dich bitten, mir zu erklären, wie du atmest. Es ist etwas, von dem dein Körper einfach weiß, wie es geht.« Chalkiope knabbert nachdenklich an ihrer Unterlippe. »Den Pflanzen wohnt Magie inne, ich muss sie nur hervorlocken … Das geht am besten mithilfe der Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft.« Ich deute mit dem Kopf auf das Feuer, das knistert, als würde es zustimmen. »Sobald ich die Magie freigesetzt habe, kann ich sie mit meiner eigenen mischen und sie meinem Willen unterwerfen … Es ist eine Wissenschaft. Das sagt zumindest Circe.«
»Pflanzen sind magisch?«
»Die gesamte Natur ist magisch.« Ich deute mit einer vagen Geste auf unsere Umgebung, und Chalkiope sieht sich nervös um, als würden überall im Raum zaubermächtige Dämonen lauern. »Magie ist nichts, wovor man sich fürchten muss.«
»Wieso fürchtet Vater sie dann?«
»Weil es eine Macht ist, die er nicht beherrschen kann.«
»Chalkiope.« Die Stimme unserer Mutter lässt uns zusammenzucken. Sie steht an der Schwelle zur Küche und sieht meine Schwester ausdruckslos an. »Du solltest nicht hier sein.«
»Ich habe doch nur …«
»Hinaus. Sofort.«
Chalkiope senkt unterwürfig den Kopf und huscht still aus dem Raum. Meine Mutter sieht ihr mit leerem Blick nach, als versuche sie, wütend zu werden, könne aber die dafür nötige Energie nicht aufbringen. Dann schickt sie sich an, zu gehen, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen.
»Der Zauber geschieht in Vaters Auftrag«, sage ich, ohne genau zu wissen, warum.
Sie legt den Kopf leicht schräg, sodass ich die zarte Rundung ihrer Nase und Lippen sehen kann. Ich bemerke, dass sie die Falten ihres Kleides umklammert, dessen dünner Stoff sich kräuselt. Die Stille zieht sich hin.
Bitte, fleht eine leise, gequälte Stimme in mir, sag etwas. Irgendetwas.
»Prinzessin?« Phrixos taucht hinter ihr auf und beendet das angespannte Schweigen.
Meine Mutter senkt unwillkürlich den Kopf und zieht sich rasch zurück.
»Ich wollte nicht stören.« Er schaut meiner Mutter nach, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Seine leise, nervöse Stimme hat etwas unglaublich Liebenswertes. »Euer Vater hat mich geschickt, um nachzusehen, ob Ihr bereit seid.«
»Das bin ich«, sage ich und schütte den blubbernden Inhalt des Topfes in eine kleine, an einer Kordel befestigte Phiole. Ein schwacher angebrannter Geruch steigt auf. Phrixos beugt sich neugierig vor.
»Was ist das?«
»Ein alter Lieblingszauber von mir.« Ich lege mir die Kordel um den Hals, sodass der Trank warm auf meiner Brust ruht.
Phrixos ist sichtlich verlegen. Er weiß nicht so recht wohin mit seinen Händen. Dann nimmt er eine der Blumen in die Hand, die noch auf dem Tisch liegen, und dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Eine der Zutaten«, erkläre ich, während er die kleine violette Blume betrachtet. »Für meinen Zauber.«
»Eure Magie – funktioniert sie auch ohne diese Zutaten?«
Seine Neugier überrascht mich. Von Chalkiope abgesehen, hat mich noch nie jemand danach gefragt. »Nein, nicht richtig. Man könnte sagen, es ist wie mit der Kunst. Ohne Werkzeuge kann ein Künstler nichts erschaffen.«
»Und Hekate – seid Ihr auf ihre Mithilfe angewiesen?«
»Ja. Die Göttin stellt die Verbindung zwischen meiner Magie und der Magie der Erde her. Ohne sie wäre all das nicht möglich.«
»Hat die Göttin sich Euch je offenbart?«
»Noch nicht.« Ich schüttele die vertraute Bürde der Enttäuschung ab und richte meine Aufmerksamkeit auf die Blume in Phrixos’ Hand. »Man nennt sie Heliotrop, nach meinem Großvater. Es heißt, es gab einst eine Nymphe, die in Helios verliebt war, doch als er sie für eine andere Geliebte verließ, konnte sie den Kummer nicht verwinden. Sie siechte dahin und verwandelte sich schließlich in diese Blume. Und so richtet sie sich immer nach der Sonne aus, weil der Geist der Nymphe ihrem verlorenen Geliebten nachblickt.«
Phrixos dreht die Blume langsam in den Händen, während er über meine Worte nachdenkt. »Eine traurige Geschichte.«
»Nicht alles daran ist schlecht. Diese Blumen tragen die Kraft der Verwandlung in sich. Man könnte sogar behaupten, dass sie durch ihren Tod noch mächtiger geworden ist.« Als sich unsere Blicke treffen, schaut er schnell beiseite.
»Euer Griechisch ist sehr gut«, bemerkt er, vielleicht, um das Thema zu wechseln.
»Kolchis ist ein Land des Handels; es ist den Menschen hier dienlich, viele Sprachen zu sprechen. Und mein Vater hat dafür gesorgt, dass seine Kinder seine Muttersprache lernen. Er betrachtet sich immer noch als Griechen, obwohl er seit seiner Jugend keinen Fuß mehr in seine Heimat gesetzt hat.«
Phrixos scheint meine Worte abzuwägen, und wieder finden seine Augen die meinen. »Er hat sich hier ein beachtliches Königreich aufgebaut. Ich muss zugeben, es ist anders, als ich erwartet hatte.«
»Was habt Ihr euch denn ausgemalt, was Ihr hier vorfinden würdet – Barbaren?« Bei diesen Worten weiten sich seine Augen, und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Wir haben alle von den Gerüchten gehört, die ihr Griechen über uns verbreitet; die Menschen hier lachen darüber.«
»Ich wollte Euch nicht beleidigen, Prinzessin …«
»Ich bin nicht beleidigt.« Ich zucke mit den Schultern und gehe langsam einen Schritt auf ihn zu. »Darf ich Euch auch etwas fragen?«
Phrixos erstarrt. Er erinnert mich an ein scheues, stets fluchtbereites Tier. »Warum nicht?«
»Ich sehe Traurigkeit in Euch. Woher kommt sie?«
Meine Frage trifft ihn unvorbereitet, und seine Fassade bekommt Risse; ein schmerzerfüllter Ausdruck huscht über sein Gesicht. Er fasst sich wieder und räuspert sich, als wollte er die in ihm aufsteigenden Gefühle herunterschlucken.
»Ich werde es niemandem verraten«, füge ich hinzu. Sein Gesicht wird weicher, und zum ersten Mal sieht er mich richtig an, frei von dem Verlangen, gleich wieder wegschauen zu müssen.
Mit belegter Stimme erhebt er das Wort. »Meine Schwester und ich mussten aus unserer Heimat fliehen. Unsere Stiefmutter wünschte unseren Tod, und sie hätte vor nichts Halt gemacht, bis sie Erfolg gehabt hätte. Durch die Gnade der Götter bekamen wir bei unserer Flucht Hilfe. Sie sandten uns den goldenen Widder und wiesen uns an, hierher nach Kolchis zu kommen. Sie sagten, die Moiren hätten es so bestimmt und … nun, wie Ihr ja wisst, kommt man gegen die Schicksalsgöttinnen nicht an.« Er lächelt düster. »Doch unsere Reise war … voller Gefahren.«
»Was ist mit Eurer Schwester geschehen?«, frage ich. Er wendet den Blick ab, und ich sehe Tränen in seinen Augen schimmern.
»Ich konnte sie nicht retten.« Die gehauchten Worte scheinen ihm fast im Hals stecken zu bleiben. Er hält kurz inne, um sich zu sammeln. »Ich habe es versucht, ich wollte sie festhalten, aber ich konnte es nicht … Sie hat mich immer beschützt, war immer für mich da, und als sie mich am dringendsten brauchte, habe ich sie im Stich gelassen. Aber ich habe es versucht. Ihr Götter, ich habe es versucht …« Als ihm Tränen über die Wangen laufen, bricht er ab, schlägt sich die Hände vors Gesicht, und ein Schluchzen entringt sich seiner Brust.
Einen Moment lang beobachte ich ihn, fasziniert von der Heftigkeit seines Gefühlsausbruchs. Bisher habe ich Männer ihre Traurigkeit nur durch Wut und Gewalt ausdrücken sehen. Wie spannend, zu beobachten, dass sie auch eine gemäßigtere, sanftere Form annehmen kann.
Behutsam, wie um ein wildes Tier nicht zu verschrecken, mache ich einen Schritt auf ihn zu und ziehe ihm sanft die Hände vom Gesicht. Seine Handflächen fühlen sich feucht und warm an. Meine Berührung überrascht ihn, aber er weicht nicht zurück, wie ich befürchtet hatte.
»Man darf sich verloren fühlen«, sage ich ihm. »Ich habe mich mein ganzes Leben lang verloren gefühlt.«
Er versucht, etwas zu erwidern, aber schaut mir nur in die Augen. Er wird ruhig, allein sein Schmerz schwebt einen Moment zwischen uns. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt jemand so angesehen hat. Als könnte er mir seine Geschichte, seine Verletzlichkeit anvertrauen. Es erfüllt mich mit einer überströmenden Wärme.
In der Stille muss ich an seine Schwester denken, und Eifersucht versetzt mir einen Stich. Wie wundervoll muss es sein, so geliebt worden zu sein, dass ihr Verlust ihn so sehr schmerzt, dass ihr Tod einen Menschen vor Kummer zu zerreißen vermag.
Würde es irgendjemanden kümmern, wenn ich sterbe?
Chalkiope vielleicht, auch wenn sich Erleichterung in ihre Trauer mischte. Apsyrtos würde vermutlich lachend auf meinem Grab tanzen. Aber was wäre, wenn er stürbe – was würde ich dann empfinden? Nichts in mir regt sich, ich fühle mich leer.
Während ich in Phrixos’ rote, geschwollene Augen blicke, spiele ich mit dem Gedanken, ihm die Tränen abzuwischen. Doch dann entzieht er sich meinen Händen, als hätte er sich an dem, was er in seinen Gedanken gesehen hat, verbrannt. Ich verharre still und sehe auf meine Finger hinunter, die kurz zuvor noch mit seinen verschränkt gewesen waren.
»Verzeiht, Prinzessin«, murmelt er und reibt sich die Augen. »Das war unangemessen. Ich … wir, ähm …« Er räuspert sich nervös. »Wir sollten gehen. Die anderen warten schon.«
»Das sollten wir«, pflichte ich ihm bei, bleibe jedoch stehen.
»Ja, nun … Ich kann Euch begleiten … wenn … wenn Ihr es wünscht …«
»Seid Ihr immer um Worte verlegen?«
»Ja.« Er lacht, und die Sorgenfalten in seinem Gesicht glätten sich. »Aber in Eurer Nähe ist es anscheinend noch schlimmer.«
»Warum?«
»Ich weiß es nicht genau.« Er sieht mir einen Moment lang in die Augen, und ich spüre ein Ziehen in der Magengrube. »Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie jemanden wie Euch getroffen, Prinzessin.«
»Habt Ihr Angst vor mir?«
»Angst?« Die Frage scheint ihn zu überraschen. »Sollte ich das?«
»Nein. Niemals.«
»Nun, dann nehme ich Euch beim Wort.« Er wird ruhiger, sein Blick sanfter.
Bring mich fort von hier. Bitte!, schreit eine Stimme in mir, so laut und eindringlich, dass ich das Gefühl habe, sie könne mich innerlich zerreißen. Bitte! Das verzweifelte Flehen hallt in meinem Inneren wider, und das Echo bringt mich überraschend auf eine Idee.
Ich strahle ihn an.
»Ihr habt recht. Wir sollten gehen.« Ich nicke und atme tief durch, während der Plan in meinem Geist Gestalt annimmt. Zuerst muss ich ein Gespräch mit meinem Vater führen.
Ich finde den König im Thronsaal.
Er steht neben der runden Feuerstelle. Obwohl das Wetter mild ist, brennt darin ständig ein Feuer, zu Ehren der Göttin Hestia und als Zeichen unseres geeinten Haushalts. Ein hohles Symbol.
Es ist ruhig im Palast, obwohl ich weiß, dass die Sklaven in der Nähe sind. Sie sind geschickt darin, sich unsichtbar zu machen, im Schatten zu verharren. Irgendwie schaffen sie es, sich am Rande unseres Lebens aufzuhalten und gleichzeitig im Zentrum davon zu dienen. Sie erleichtern uns das Leben, ohne je selbst ein richtiges Leben zu haben.
Mein Vater nickt mir zu, als ich mich ihm nähere. Der Feuerschein lässt flackernde Schatten über sein Gesicht huschen, die seine Züge auf abstoßende Weise verzerren, als würden sie enthüllen, was sich hinter ihnen verbirgt.
»Bist du bereit?«, fragt er, als ich vor ihm stehen bleibe.
»Ja.«
Die Art, wie das Feuer sich in seinen goldenen Augen spiegelt, erinnert mich an jene Nacht mit Circe, als ich für sie bereitwillig die Hand in die Flammen hielt.
»Ich habe deine Tante nie leiden können, daraus habe ich keinen Hehl gemacht«, sagt mein Vater, als hätte er meine Gedanken gelesen. Anscheinend in Erinnerungen versunken, fährt er fort: »Ich habe sie immer für eine unzuverlässige Frau gehalten. Das erkennt man doch schon an ihrem plötzlichen Verschwinden, nicht? Wie lange ist es her, seit sie dich zuletzt besucht hat?« Ich bin klug genug, nicht zu antworten. »Mit ihr stimmt etwas nicht. Das wusste ich schon, als wir noch Kinder waren. Sie hatte etwas Abscheuliches, Bösartiges an sich.«
»Deine Worte könnten Hekate beleidigen«, ist alles, was ich dazu zu sagen habe.
»Ich zweifle die Macht der Göttin nicht an. Ich respektiere sie, so wie alle Götter. Aber gerade weil ich sie achte, habe ich deine Fähigkeiten zu unterdrücken versucht, Medea. Eine solche Macht sollte nur den Göttern vorbehalten sein, nicht sterblichen Mädchen. Das ist gegen ihre Natur.« Er hält inne, und sein Blick sucht über die Flammen hinweg den meinen. Dann fährt er in milderem Ton fort: »Aber nun frage ich mich … vielleicht hätte ich all die Jahre deine Hand führen sollen, statt sie zu binden.«
Es verschlägt mir die Sprache. So nah war mein Vater noch nie dran, zuzugeben, dass er sich geirrt hat.
Aber ich bin nicht auf eine Versöhnung aus, und dieser schwache Versuch einer Entschuldigung wird mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.
Ich räuspere mich. »Vater, ich habe einen Zauber vorbereitet, der das Goldene Vlies schützen und dafür sorgen kann, dass kein Sterblicher es je in die Hände bekommt … aber es gibt eine Bedingung.«
»Bedingung?«, wiederholt er langsam, als würde er das Wort nur schwer über die Lippen bringen.
»Ich möchte, dass du mich Phrixos zur Frau gibst.«
Ein Hauch von Erstaunen zeichnet sich auf dem Gesicht meines Vaters ab und gerinnt zu kalter Belustigung. Ich weiß, was er denkt. Er hält mich für ein dummes, vernarrtes Mädchen, das von Eros’ Liebespfeil getroffen wurde.
»Er ist ein Prinz und stammt aus einer angesehenen Familie. Er wäre ein geeigneter Partner und Verbündeter für Kolchis«, erkläre ich. »Er will in sein Land zurückkehren und seine verräterische Stiefmutter stürzen. Die Götter haben ihm ihre Hilfe zugesagt, sobald er das Vlies sicher hierhergebracht hat. Er wird König sein.«
Obwohl ich glaube, dass ich Phrixos durchaus eines Tages zu lieben lernen könnte, ist es nicht Zuneigung, die mich zu dieser Entscheidung bewogen hat. Ich bin nicht blind für die Grenzen, die eine Frau beschränken. Der einzige Weg, wie ich dieses Land sicher verlassen kann, ist unter der Vormundschaft eines anderen Mannes und mit der Zustimmung meines Vaters. Der Versuch, auf andere Weise zu fliehen, käme, zumindest für einen von uns, einem Todesurteil gleich.
Eine Heirat ist mein einziger Ausweg aus diesem Gefängnis.
»Nun gut.« Mein Vater nickt bedächtig. »Sobald dein Zauber seine Wirkung entfaltet, werde ich den Bund bekannt geben.«
