Medicus Brunatti - Rainer F. Brunath - E-Book

Medicus Brunatti E-Book

Rainer F. Brunath

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Beschreibung

Ein Roman mit historischem Hintergrund. Dieser wird geprägt von den kulturellen Besonderheiten des 18. Jahrhundert. Hier spielen Bürgertum, Handwerk und Handel eine Rolle zur einer Zeit, in der die Bedeutung der Hanse langsam dem Ende zu geht. Politische Konflikte zwischen Russland, Polen, Preußen, der freien Stadt Danzig, Frankreich, England, Habsburg sorgten damals für zunehmende Unruhe und enorme gesellschaftliche Umbrüche. Der Autor zeichnet gekonnt, fast malerisch, die Kindheit und den Werdegang des späteren Arztes Brunatti nach. Der Leser fühlt sich in die damalige Zeit versetzt, erlebt die Schulzeit, das Erwachsenwerden, Studentenzeit, die Höhe und Tiefen seiner Liebe und parallel dazu seine Tätigkeit als Frauenarzt. Liebevoll schildert der Autor Szenen aus dem Studentenleben, die Stationen in Jena, Würzburg, Berlin und gewährt dem Leser nebenbei interessante Einblicke in den damaligen Stand der Wissenschaften. An Dramatik gewinnt die Handlung, als in Frankreich die Republik ausgerufen wird und in Europa eine Epoche von Kriegen beginnt. In derem Verlauf zeichnete sich Napoleon durch neue Kriegstechnik aus. Aber schließlich wendete sich das Blatt, die Seeblockade gegen England misslang und die Selbstüberschätzung, einen Krieg gegen Russland zu starten, entwickelte sich zum Desaster. Zurück blieben geplünderte Städte wie Danzig, Dörfer und Häuser, geraubte Kassen und vernichtete Existenzen. In dieser Zeit also spielt die Handlung. Was den Helden der Geschichte antreibt, ist seine Tätigkeit als Frauenarzt und der Wunsch, eine bessere Geburtshilfe zu gewährleisten. Aus einer tiefgehenden Aktenrecherche hat der Autor einen wunderbaren Roman geschaffen, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

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Seitenzahl: 658

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Table of Contents

Brunatti LF2_eBook-Vers

 

 

Region-Verlag

region-verlag.com

biografie-text.eu

 

Medicus Brunatti

Epoche: 18 - 19. Jahrhundert.

Die Erzählung beruht auf wahren Begebenheiten.

(Alle Rechte vorbehalten)

 

Autor: Rainer F. Brunath

 

eBook-Version

ISBN-Nr. 9-783981-874938

 

 

 

Prolog

Fabrikant und Kaufmann Giovanni Francesco di Brunatti stand entsetzt und mit Tränen in den Augen vor den verbrannten Resten seiner Manufaktur. Mühsam und viel Erfindungsgeist hatte er, dem zu Spanien gehörenden Mailänder Patriziat angehörig, im Norden der Stadt bei Albesio die dort vorhandene natürliche Wasserkraft gebändigt, hatte sie nutzen können für den Antrieb neuartiger Mechanik für die Spinnerei und Weberei. Von einer Einkaufsreise, die ihn Monate von zu Hause fortgeführt hatte, war er zurückgekehrt. Er hatte u.a. Seidenkokons geordert. Nun stand er schockiert vor den Resten seines Schaffens, eines Beginns, der ihm weiteren gesellschaftlichen Aufstieg hatte bescheren sollen.

Er sah förmlich vor seinen Augen, wie sich sein Traum in Luft auflöste und niemand da war, der ihn ermutigen konnte. Seine Familie lebte in Mailand, die Arbeiter waren verstreut.

Es war das Jahr 1706. Schon lange tobte der Erbfolgekrieg zwischen dem Habsburger Reich, das Spanien mit Karl II. aus eigenem Hause beherrscht hatte und der kinderlos verstorben war. Er hatte verfügt, ein Bourbone aus Paris, Philipp V., sollte sein Nachfolger werden. Das war ein Kriegsgrund gewesen, das wusste auch Giovanni Francesco. Aber er hatte gehofft, dass Norditalien nicht zum Schlachtfeld werden würde. Und jetzt sah er, dass seine Hoffnung vergeblich gewesen war. Zurückgekehrt nach Mailand, hörte er schlechte Nachrichten:

In gewaltigen Wellen waren tausende und abertausende von französischen und Habsburger Soldaten zwischen Brescia und dem Gardasee übereinander hergefallen, hatten gemetzelt, gemordet und gebrandschatzt. Mit einer zweiten Welle marschierte Prinz Eugen im Herbst, von Venedig kommend, alles niederbrennend, was den Franzosen nützlich war, durch bis Turin und besiegte dort das französische Heer. Norditalien war danach verwüstet.

Giovanni Francesco di Brunatti entschloss sich, sein Geschäft neu aufzubauen, aber in einer Region Europas, die nicht von Krieg und Verwüstung heimgesucht war. Die Europakarte vor sich, landete sein Zeigefinger auf der Hansestadt Danzig, weit genug entfernt vom Kriegsgeschehen. Und seine Wahl hatte noch einen Vorteil: mit Danzig hatte er schon geschäftliche Verbindung gehabt. Er entschloss sich, vor einer endgültigen Emigration nach Danzig zu reisen, um zu prüfen, ob seine Einschätzung zutraf. Hoffnungsvoll gestimmt kam er 1714 zurück und begann seine Emigration zu planen und vorzubereiten. Aber es dauerte noch einige Jahre ehe er reisen konnte, denn der inzwischen in Europa geschlossene Frieden musste sich erst festigen. Endlich, Giovanni Francesco hatte inzwischen geheiratet, in 1720 konnte er ein Schiff chartern und seine Sachen verladen lassen. Es waren Tuchballen, die ihm in Danzig einen Neustart ermöglichen sollten. In Danzig angekommen, erwarb er 1723 das Bürgerrecht der Stadt, gründete eine Familie. Er bekam mehrere Söhne und Töchter und danach Enkel und Enkelinnen.

Ein Enkel war Franz Christian, der sich wissenschaftlichen, medizinischen Neigungen verschrieb. Er kam 1768 auf die Welt und er sollte mehr für Danzig werden als nur ein Mitglied des Danziger Patriziertums.

 

 

 

Im April 1819

Mit etwas Wehmut stellte ich das abgeschlossene, nun nicht mehr benötigte, Arbeits- und Planungsjournal der klinischen Anstalt im Zweiten Neugarten in den Schrank. Da stand es nun, das dünne Heft zwischen Folianten und Enzyklopädien über Medizin und wirkte dort etwas verloren. War das alles, was mir geblieben war von meinem Verlangen, das mich jahrelang begleitet hatte? Ein dünnes Heft? Gewünscht hätte ich mir schon, dass es zu einem wahren Schatz an Erfahrung über Schwangerschaft und Geburten angewachsen wäre. Das Spital im Zweiten Neugraten war mein Werk gewesen und es solle meine Schatzgrube werden, aus der ich unendlich viel Aufschluss über die Anatomie der Frau und dem Wunder der Geburt gewinnen wollte. Wieder mal stieg Zorn und Enttäuschung über Verlust und Niederlage in mir hoch. Aber auch Trotz.

Mein Blick richtete sich aus dem Fenster meiner Wohnung am Zweiten Damm. Die feuchten, frischen Triebe der Kastanienbäume, die gerade anfingen aufzuplatzen, leuchteten im Mondlicht. Der Frühling war angekommen. Ein unbestimmtes Gefühl bewegte mich plötzlich, erfüllte mich mit keimender Zuversicht, als ich in der Allee ein Käuzchen schreien hörte. Die Spiegelung meines Zimmers im Fenster verwandelte sich vor meinem geistigen Auge in den Kreißsaal im Zweiten Neugarten im Frühjahr 1804, wo mich in jenem Jahr und danach nie wieder eine Eule im Frühjahr mit ihrem Ruf begleitet hatte. Damals, vor fünfzehn Jahren, waren in den Frühjahrstagen die Würfel gefallen und es gab kein Zurück mehr. Und meine liebe Frau Caroline war es gewesen, die ihren Anteil dazu beigetragen hatte. Sie war es gewesen, die mit ihrem unerschütterlichen Glauben an mich mir stets Mut gemacht, mich aus mancher Hoffnungslosigkeit herausgeführt hatte. Ihre Zuversicht begleitete mich stets, auch im Krieg und in den Jahren ohne sie. War doch nicht alles umsonst gewesen? War die Eule jetzt wieder ein Zeichen für einen Neuanfang?

 

Dankbarkeit erfüllte mich jetzt für Caroline, deren Schicksal ich nicht hatte abwenden können. In meiner Erinnerung tauchte der Moment auf, als wir uns zum ersten Mal sahen. Wie sie mich mit freundlich blitzenden Blick aus ihren grünblauen Augen ansah, aus einem energisch schmalen Gesicht mit leicht vorstehenden Wangenknochen und vielleicht etwas zu schmalen Lippen. Sie wirkte auf mich so zart und doch so echt, blond und nordisch, genau das Gegenteil von mir, der ich der dunkelhaarige Südländer bin.

Als meine Arbeit endlich im Dezember 1804 beginnen konnte, war mein Einsatz nur von kurzer Dauer gewesen. Meine Wirkungsstätte, vor den Bollwerken Danzigs gelegen, wurde 1806 Opfer der Feuersbrunst, aus kriegstaktischem Grund befohlen und gelegt von den Verteidigern Danzigs gegen die heranrückende Kriegsmaschine Napoléons. Man brauchte ein Schlachtfeld. Meine jahrelange Arbeit, die Utopie meiner Jugend und meiner Studienzeit war vernichtet, verbrannt und in Rauch aufgelöst.

 

Als ich ein Geräusch in meiner Schreibstube hörte, blickte ich mit Tränen in den Augen auf, und erschrak, denn Caroline stand wahrhaftig vor mir und lächelte mich an. »Dorofee«, flüsterte ich, streckte die Arme aus - und berührte Constanze.

»Liebster Franz, leg mal eine Pause ein. Komm jetzt zur Nachtruh. Ich bin müde und du brauchst auch Erholung.«

»Ich habe von Caroline geträumt«, entschuldigte ich mich.

»Weiß ich, habe ich gehört. Bin auch nicht eifersüchtig. Aber jetzt halte inne damit, an die Vergangenheit zu denken.«

»Jetzt bist du meine Dorofee«, befand ich spontan, als ich die Lampe herunter drehte. Constanze lächelte nur, ging ohne Antwort hinaus, stieg die Treppe wieder hinauf. Ich saß noch eine Weile im dunklen Zimmer, denn die Erinnerungen an meine Vergangenheit, an mein bisheriges Leben hielten mich fest.

 

 

 

Geburt

Vater erzählte mir vom Tag meiner Geburt, als ich achteinhalb war, kurz nach der tragischen Niederkunft Mutters mit meinem Bruder Johann Baptista. Ich höre seine Worte heute noch, denn sie hallten in meinem Gedächtnis nach, waren eingebrannt wie das Bild eines brennenden Hauses. Und nach und nach verspürte ich den Wunsch, zu verstehen, was mit mir und Johann Baptista geschehen war, wieso das Schicksal so unterschiedliche Wege für uns bestimmt hatte. Die Erzählung von Vater Jacob gab mir aber noch mehr: dass es nämlich ein großes Glück sein müsste, wenn man in einer zahlreichen Familie leben durfte.

 

Meine Neugier trieb mich zu drängenden Fragen an Vater, bis er sich endlich Zeit nahm. Und dann erfuhr ich, was geschah, wie es war, am Tag meiner Geburt.

Am Morgen des Tages war die Luft mild und weich wie Seide. Der Frühling hatte sich in diesem Jahr früh angekündigt und der Turm der Marienkirche ragte in einen blauen Himmel, wie er blauer nicht sein konnte. Auf dem Platz vor dem Kirchentor und in den Straßen quirlte das Leben, Marktstände wurden aufgebaut. Bauern aus der Umgebung kamen mit ihren Karren heran, beladen mit ihren Produkten. Sie bezogen ihre Stammplätze und boten an, was sie hatten: Feldfrüchte, Dörrobst, Schinken, Würste, Käserollen und in Fässern sauer konservierte Gurken. Gaukler schoben sich dazwischen, schnappten hier und da einen zugeworfenen Groschen auf. Es war Frühjahrsmarkttag, Mittwoch der 30. März 1768.

 

In der Wohnung meiner Eltern am Ersten Damm, nicht weit vom Getriebe des Marktes, war Vater früh aufgestanden. Es gab einen Grund dafür. Abends vorher war ein neues Schiff im Hafen angekommen, dessen Warenliste er sich von seinem Bruder, dem Schreiber an der großen Eisenwaage im Grünen Tor am Hafen hatte geben lassen. Vater musste als Kaufmann wissen, welche Waren im Hafen angekommen waren. Das war sein Geschäftsprinzip. Sie lag nun in seinem Kontor auf dem Schreibpult. Unruhig warf er nur einen kurzen Blick darauf, legte sie aber bald bei Seite, denn es zog ihn in das Schlafgemach meiner Mutter Anna Dorothea. Sie war hochschwanger. Gerade wach geworden, rieb sie sich noch den Schlaf aus den Augen.

 

Als sie Vater erblickte, lächelte sie, streckte ihm die Hände entgegen: ›Heute ist der Tag meiner Niederkunft. Ich fühle schon ein Ziehen, ungewöhnlicher und intensiver als bei der Geburt unserer Tochter Anna Elisabeth vor vier Jahren. Aber es kommt eine Woche zu früh. Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen. Und dabei hatte ich mich schon so auf den Markttag gefreut. Maria, meine Zofe, sollte mit mir kommen.‹

Vater wurde es heiß vor Freude. Einen Sohn hatte er sich sehnlich gewünscht und er hoffte, dass ihm diese Hoffnung erfüllt würde. Mutter machte Anstalten aufzustehen: ›Bitte, lieber Gatte, hilf mir hoch. Ich muss etwas trinken.‹

Vater schob sie wieder in die Kissen: ›Nein, bleib liegen, meine liebe Dorofee. Die Einkäufe kann Maria auch allein bewältigen! Ein Tee wird dir jetzt gut tun, und dann schicke ich nach der Hebamme.‹

Es wunderte es mich, dass Mutter nicht wie an jedem anderen Tag mit Vater aufstehen sollte. Und ich verstand auch nicht, weshalb er Mutter Dorofee nannte. Vater wirkte im ersten Moment sprachlos, als mir meine neugierige Frage danach herausrutschte. Er blickte mich sogar etwas erschreckt an. Dann aber fand er seine Worte wieder: ›Ich nenne deine liebe Mutter nur zu besonderen Gelegenheiten Dorofee, wenn ich sie besonders liebe. Aber dieses Mal war es meine Sorge um ihr Wohlergehen.‹

Mutter, gerührt und dankbar über seine Fürsorge, hatte gesagt: ›Hoffentlich wird es ein Knabe … ein Erbe für dein Geschäft.‹

In dem Moment erfüllte es mich mit besonderem Stolz, das ich dieser Knabe war.

 

Die Hebamme, die Vater gerufen hatte, war bald gekommen, um in Ruhe ihre Vorbereitungen durchführen zu können. Gleich nach ihrer Ankunft stellte sie Tonschüsselchen mit glimmenden Pulvern auf, die sie in den Ecken des Geburtszimmers anordnete. Ein Faden Rauch, der aus ihnen emporstieg, verbreitete einen würzigen Geruch der sich in der ganzen Wohnung ausbreitete. Das sei nützlich, betonte sie mehrfach. Und die Dämpfe sollten die werdende Mutter entspannen, was sich wiederum positiv auf den Verlauf der Geburt auswirke. Jedoch, leider erfüllte sich diese Vorhersage der Hebamme nicht. Mutters Wehen ließen nach und die Geburt verzögerte sich - die Hebamme wurde nervös. Mutter soll danach die Hebamme aufgefordert haben, Wehenpulver anzuwenden.

Dieser Begriff machte mich neugierig und ich unterbrach Vater, fragte danach.

›Es heißt Mutterkornpulver. Das stand auf dem Etikett der Flasche ‹, erklärte er.

Vater hatte der Hebamme abgekochtes Wasser bringen müssen, in welchem die Hebamme etwas von dem Pulver auflöste. Die Mischung musste Mutter langsam trinken.

Danach hatte die Hebamme Vater Jacob sanft, aber bestimmt hinausgeschoben. Er ließ es zu, war er in diesem Moment doch ratlos, aber auch voll banger Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden. Und endlich, endlich tönte ein lautes, schmerzerfülltes Stöhnen durch das Haus und danach … mein empörter Schrei.

Ich stellte mir das damals als Kind so vor, als habe ich rufen wollen: ›Ich bin da!‹Vater stürzte sofort in das Geburtszimmer, um mich zu sehen.

›Das war der Tag, an dem du geboren wurdest, mein Sohn Franz Christian. Du hattest schon schwarze Haare auf dem Kopf und deine blauen Augen leuchteten wie Sterne.‹

 

 

 

I. 1776 – 1789 Jugend

Mein achter Geburtstag

Auf meinen achten Geburtstag hatte ich mich schon lange gefreut. Vater und Mutter waren morgens an mein Bett gekommen und hatten ein kleines, noch von Großmutter Euphrosine komponiertes, Liedchen angestimmt. Hurra, heut ist ein schöner Tag …

Mir war das peinlich. Ich war doch kein Kleinkind mehr und protestierte. Vater aber zeigte ein strenges Gesicht und forderte mich auf, aufmerksam zu sein. Mutter stand daneben mit einem Teller knuspriger Piroggen aus Blätterteig, gefüllt mit Apfel und Rosinen, bestreut mit Puderzucker und Zimt – so wie ich es am liebsten mochte. Ich jubelte als Mutter mir den Teller übergab und drückte ihn fest an meine Brust. Und Vater sagte: „Dein Leben, mein Sohn, wird sich ändern, wird abwechslungsreicher werden. Du wirst nach Ostern Schulunterricht erhalten. Und mit diesem Geschenk versprichst du uns, fleißig zu sein und zu lernen.“

 

»Muss ich zur Schule?«, wollte ich wissen. »Dann will ich … will ich … ein berühmter Forscher werden!«

Vater war in gehobener Stimmung. »Natürlich, sicherlich mein wissenshungriger Franz Christian. Aber bedenke, auch der Stand des Kaufmanns ist interessant und erfordert eine hohe Bildung. Bestimmt wirst du noch manches Mal in den nächsten Jahren über deine Zukunft nachdenken und dann kann sich noch manches ändern.«

Meine Gedanken schweiften ab. Vater fehlte mir oft. Ich fand, er war zu lange fern und zu wenig zu Hause.

»Einen Lehrer haben wir engagiert, der dich vier Jahre unterrichten wird. Danach kommst du in die Lateinische Oberpfarrschule zu St. Marien, gleich neben der Kirche. Du wirst keinen langen Schulweg haben.«

»Ich wünsche mir aber noch etwas«, platzte ich heraus. »Ich möchte endlich ein Brüderchen bekommen, damit ich nicht alleine in die Schule muss.«

In den letzten Jahren war das mein sehnlichster Wunsch gewesen, war aber immer vertröstet worden. Und auch dieses Mal war es so.

»Das ist nicht so einfach, lieber Franz«, ergriff Mutter das Wort. »Da hat unser Herrgott auch ein Wörtchen mitzureden. Schließe dein Anliegen in dein Nachtgebet mit ein.«

Der Trotz und die Tränen kamen mir. So oft hatte Mutter diese Worte gesagt, und ich glaubte nicht mehr daran. »Und warum hat Cousin Johann Theodor so viele Geschwister und ich nicht?«

Mutter streichelte mir über die Haare, wischte mir die Tränen ab, nahm mein Gesicht zwischen ihre Hände und sah mich an. Ihre Augen hatten einen tiefen Glanz, ihr Blick war konzentriert und ernst.

»Höre jetzt genau zu, mein lieber Franz. Schon zwei Mal in den vergangenen vier Jahren hatte sich ein Geschwisterchen für dich angekündigt. Leider wurde daraus nichts, der Herrgott hatte anders entschieden. Aber ich verspreche dir, wir tragen deinen Wunsch in unserem Herzen.«

 

Das löste in dem Moment meinen Trotz und ich vergaß ihn endgültig, als Mutter mich mit der Kutsche nach Hochstrieß, außerhalb Danzigs gelegen, mitnahm, um Tante Anna Maria zu besuchen. Die wohnte wie jedes Jahr im Frühling und in der heißen Jahreszeit auf ihrem Sommersitz am Rande des bewaldeten und kühlen Baltischen Rückens. Sie hatte einen großen Garten, der von viel frischem Wasser durchflossen wurde und das sogar einen Springbrunnen betrieb.

Dort war mein Abenteuerparadies in den Jahren meiner Schulzeit. In den Sommerwochen jeden Jahres vergaß ich hier Schule und strenge Erziehung. Wohnen tat ich bei Onkel Joseph, der ebenfalls in Hochstrieß sein Sommerdomizil hatte. Er war neben meinem Vater der zweite Bruder von Tante Anna Maria. Bett und Kost hatte er mir, nachdem er erkannt hatte, wie wohl ich mich in Hochstrieß fühlte, für die Sommerzeit angeboten. Mutter und Vater gaben mir die Erlaubnis und danach fieberte ich jedes Jahr dem Tag entgegen, an dem ich endlich hinaus durfte.

Onkel Josephs Garten lag in der Ebene bei Neu Schottland, war klein. Aber der Strießbach floss daran vorbei, wo ich meine Wasserbaukünste übte. Interessanter aber war der Garten von Tante Anna Maria, in dem es einen Springbrunnen gab, Terrassen am Hang und viele Obstbäume, die man erklettern konnte So verlegte ich oft meine Abenteuer in die Nachbarschaft zu Tante Anna Maria. Onkel Joseph war das eine wie das andere recht.

Er fand: »Dort weiß ich dich in guter Obhut, denn ich kann mich nicht oft von meinen Verpflichtungen entfernen, um nach dir zu sehen.«

 

 

 

Abenteuer in Hochstrieß

In den Sommerwochen war ich oft zusammen mit meinem Cousin Johann Theodor aus Tante Anna Marias Familie, den ich nur Theo nannte. Er war nur ein Jahr jünger als ich. Dabei war gelegentlich auch mein drei Jahre älterer Cousin Ludwig, dessen Mutter meine zweite Tante Adelgunde war, eine zehn Jahre ältere Schwester von Tante Anna Maria. Er hatte eine reiche Fantasie und war technisch begabt. Wenn wir von Anna Marias Hof losmarschierten, um zusammen Streifzüge durch die Wälder zu machen, hatte er stets einen langen, fingerdicken Strick dabei, was ich albern fand. Er war uns aber auch nützlich, denn er wusste im Dickicht des Waldes immer die Himmelsrichtung auszumachen. So fanden wir stets den richtigen Rückweg, denn manchmal hatten wir die Orientierung verloren.

Großcousin Adalbert und Freund Benjamin Feyerabendkomplettierten die Runde. Dann streiften wir zu fünft durch die Wälder, um Entdeckungen zu machen. Benjamin hatte die Eigenart, sich viel aufzuschreiben, schon während wir unterwegs waren. Nicht, um sich naturkundliche Beobachtungen zu notieren, so wie ich es machte, sondern um schöngeistige Texte festzuhalten. Benjamin hatte mir einen Gruß auf ein Lesezeichen geschrieben und zum Geburtstag geschenkt: Wir erreichten den Rand des Waldes. Vor uns lag die Heide, über uns wölbte sich blaugrau ein unendlicher Himmel, der sich zum Horizont hin violett verfärbte. Die glutrote Sonne stand inmitten aus glühender Lava gegossener Wolkenstreifen, bereit in die Ostsee einzutauchen.

 

Am liebsten kletterten wir auf einen Baum, um von seinem Gipfel aus die in der Ferne silbrig glitzernde Ostsee zu sehen. Dann zählten wir die Handelsschiffe, die auf Reede lagen, fantasierten über deren Ladung und woher sie kamen. Einmal dachten wir uns die Geschichte aus, dass es Kriegsschiffe seien, die am Horizont auftauchten, mit gefangenen schwedischen Prinzessinnen an Bord, die unbedingt befreit werden mussten.

Ich versuchte immer so hoch zu klettern wie es ging, was manchmal in gefährliche Schaukeleien ausartete. Meistens hatte ich Glück, aber einmal geschah es doch, dass unter mir der Ast brach. Meine Aufmerksamkeit war auf ein großes Vogelnest im benachbarten Baum gerichtet. Ich schlitterte wie auf einer Rutschbahn ab. Im letzten Moment konnte ich noch nach Zweigen greifen, hing aber nun im Baum und konnte nicht vor und nicht zurück. Ludwig kam sofort, als er meine Hilferufe hörte, kletterte schnell hoch, legte sein Seil, das er an der Hüfte trug, über den zu mir nächst höheren Ast, wickelte es dort zwei Mal herum und hielt das andere Ende so hin, dass es neben meinem Kopf baumelte. Das war höchste Zeit, denn mein Ast knackte bedenklich. Panisch ergriff ich das Seilende und ließ den Ast los. Nun hing ich am Seil, was aus meiner Sicht auch nicht viel attraktiver war. Aber Ludwig hatte einen Plan. Er begann jetzt, sich festhaltend, am anderen Ende nachzugeben. Das Seil rutschte wie auf einer Rolle um das runde Holz und ich glitt langsam abwärts, bis ich den nächsten Ast fassen konnte.

Klettern hatte ich gelernt und um von hier aus herabzukommen, war mir ein Leichtes. Erst unten angekommen wurde mir bewusst, welch ein Schreck mir und meinen Freunden in die Glieder gefahren war und wir fanden gemeinsam, dass es für dieses Mal genug sein sollte und kehrten um. Unterwegs schworen wir uns, über diese Begebenheit zu schweigen. Mit weichen Knien kam ich auf dem Hof an und hatte dabei das bange Gefühl, dass Ludwig mir das Leben gerettet hatte. Meine Gefühle für ihn, die bisher oberflächlich gewesen waren, bekamen durch dieses Erlebnis einen Stoß. Er wurde für mich ein wirklicher Freund, den ich niemals vergessen würde.

 

 

Eine Schwester?

Wie zu meinem Geburtstag von Vater Jacob versprochen, kam noch im Frühjahr ein Lehrer zu uns ins Haus. Er gab mir Unterricht im Schreiben, Lesen, Rechnen und Religion. Das waren meine Stunden, morgens von acht Uhr bis mittags um eins. Nachmittags sollte ich Hausaufgaben machen. Mutter half mir regelmäßig dabei. Ihre Aufmerksamkeit galt aber nicht immer nur mir, denn sie erledigte auch Schreibarbeiten für Vaters Geschäft. Dann malte ich lieber in meinem Zeichenbuch Objekte, die gerade meine Aufmerksamkeit gefunden hatten. Das waren meist Insekten.

 

Manchmal war ich mit Mutter alleine und das waren für mich Gelegenheiten, ihre volle Aufmerksamkeit zu gewinnen. Anna Elisabeth, meine Schwester, hatte sich mit Freundinnen im Theater verabredet, Vater war auf Handelsreise und unsere Küchenmagd Maria hatte frei. Bei diesen seltenen Gelegenheiten konnte ich Mutter von meinen Entdeckungen und Abenteuern in Hochstrieß erzählen, konnte berichten, dass es dort grüne Frösche gab, die auf Bäume kletterten und fürchterlichen Lärm machten oder dass man, auf einem Bündel Stroh sitzend, wie auf Schnee die Abhänge im Baltischen Höhenrücken herabrutschen konnte. Das verband ich natürlich immer mit den passenden Lauten oder der entsprechenden Mimik.

 

Einmal jedoch kam es anders. Wir saßen abends zusammen bei Tisch. Mutter hatte das Essen bereitet. Das konnte sie. Vater hatte Maria nur angestellt, weil er meinte, dass in einem richtigen Kaufmannshaushalt auch eine Küchenmagd sein muss. Mutter hatte aber Kochen gelernt und manchmal sagte ich ihr, dass mir ihr Essen am besten schmecke.

»Ach Franz«, sagte sie, »komm, erzähle mir wieder was Schönes. Getratsche höre ich genug. Vater ist nicht da und du bist doch schon so vernünftig.«

»Ich will aber noch nicht vernünftig sein«, regte sich bei mir der Eigensinn. »Mach lieber, dass ich noch einen Bruder bekomme. Alle meine Kameraden haben Geschwister, warum ich nicht?«

»Ach, alle?«

»Jaaa, Mutter! Tante Anna Maria hat …«

»Du hast recht«, unterbrach sie mich. »Es kann aber auch ein zweites Schwesterlein sein.« Sie schaute mich dabei geheimnisvoll lächelnd an, was ich aber nicht bemerkte, denn schon regte sich bei mir der nächste Widerspruch.

»Eine Schwester habe ich schon. Anna Elisabeth.« Ich stampfte dabei mit dem Fuß auf.

»Mein Sohn, du bist frech“, ermahnte mich Mutter.

„Anna Elisabeth ist vier Jahre älter als ich“, quengelte ich weiter. „Sie ist ganz anders als ich.“

„Das stimmt auch. Sie will bald ein Haushaltsjahr bei einer befreundeten Familie machen«, eröffnete sie mir. »Und das passt mir gut, denn mir bleibt nur wenig Zeit, um ihr das Notwendige beizubringen. Vaters Geschäft nimmt mich zu sehr in Anspruch. Sie wird dort auch wohnen.«

»Mit Mädchen kann ich nicht durch den Wald streifen. Sie will immer nur ins Theater. Das ist doch langweilig.«

»Magst du sie nicht?«, fragte Mutter.

»Na klar doch. Alleine deshalb, weil ich gut mit ihr streiten kann. Immer dann, wenn sie mich erziehen will, ha, das macht Spaß.«

»Sei nicht so eklig zu deiner Schwester.«

»Bin ich nicht. Ich will nur nicht alleine zu Hause bleiben. Ich will endlich noch einen Bruder bekommen.«

»Mein Sohn Franz Christian, ich sagte es dir schon einmal: Schließe deinen Wunsch in dein Nachtgebet ein«, schloss Mutter, dieses Mal energisch, unseren Disput.

 

 

Die Familie, mein Vater, meine Mutter

Mutter erzählte mir manchmal von der Familie. Als ich erfuhr, dass Schwesterherz Anna Elisabeth bald unseren Haushalt verlassen sollte, erfüllte mich dieser Gedanke mit einem Anflug an Einsamkeit, obwohl ich nicht viel mit ihr gemein hatte. Wir hatten entgegengesetzte Interessen, sie war in vielem fleißiger und vielleicht auch strebsamer. Und obwohl sie schon gebildeter war als ich, war sie nie überheblich zu mir, eher schulmeisterlich.

»Dann bin ich ganz alleine und kann nicht einmal mehr mit ihr streiten«, klagte ich etwas kleinlaut.

»Du hast doch deine Freunde«, wendete Mutter ein. Und um mich abzulenken, brachte sie das Gespräch auf Großvater Franziskus, dem Papa von Vater.

»Kennst du Großvaters Geschichte?«, fragte Mutter.

Ich schwieg eine Weile, denn der Themenwechsel überraschte mich. Dann aber überwältigte mich meine Neugier.

»Nein! Ich weiß nur, dass er aus Italien kam, reich gewesen sein soll und schon gestorben ist.«

»Dann höre, es ist spannend!«

So erfuhr ich, dass Großvater aus der Gegend Alvesio bei Mailand gekommen war und mit einer Seidenspinnerei und einer Weberei dort ein Vermögen gemacht hatte. Seine Betriebe wurden mit Wasserkraft betrieben.

Ich war beeindruckt.

 

Großvater war also wohlhabend gewesen. Ich fragte neugierig, warum er dann ausgewandert war.

Mutter zögerte einen Moment: »Er hat wenig darüber gesprochen. Seine Antwort auf meine Fragen war immer die Gleiche: ›Wir Kaufleute sind in der Welt zuhause.‹ Ich bin mir aber nicht sicher, ob das die Wahrheit ist. Vater sagte mir einmal, dass er fliehen musste und dass er seine Familie und seinen Bruder Anton dabei hatte.«

»Warum das?«, wollte ich erschrocken wissen. »Warum fliehen?«

»Es war Krieg in seiner Heimat. Der Handel, von dem Großvater und sein Bruder Anton lebten, war unterbrochen und sie hungerten, weil sie nichts mehr zu Essen hatten.«

Unter Krieg stellte ich mir in meiner kindlichen Fantasie vor, dass Söldner plündernd und raubend durch das Land zogen.

»Und Großvaters Haus wurde in Brand gesteckt?«, fragte ich verschreckt.

»Ja«, bestätigte Mutter kurz.

»Hat er alles verloren?«

»Nein, mein lieber Franz. Großvater war ein kluger Mann. Er hatte das vorausgesehen und sein Vermögen und die Tuchballen vorher versteckt.«

»Und dann ist er nach Danzig ausgewandert und hat alles mitgebracht«, stellte ich entschieden fest.

»Hm, so ganz so schnell ging das nicht. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis er und sein Bruder Anton reisen und ihre Waren heimlich so nach und nach holen konnten. Es war nämlich verboten, Waren über die neuen Grenzen, die im Krieg entstanden waren, zu transportieren. Sie mussten bei Nacht und Nebel über Schleichwege das Land verlassen. Großvater kam dann endgültig nach Danzig, sein Bruder Anton nicht. Der kaufte sich eine Pacht für eine Papiermühle bei Marienwerder und blieb dort.«

 

Meine Fantasie zog Kreise. Kaufleute waren Reisende, die unbekannte Länder besuchten und ich bekam Angst um Vater.

»Kann Vater das auch passieren, dass er verfolgt wird, weil er Grenzen überschreitet?«

»Nein, mein lieber Franz. Vater betreibt Seehandel. Da gibt es nicht Grenzen wie auf dem Lande. Schiffsreisen sind zwar auch gefährlich, und sie bleiben es, aber die Piraten sind seine große Sorge.«

Das entzündete noch mehr meine Fantasie und jetzt sah ich Vater schon gegen Piraten kämpfen.

Mutter musste über meine Vermutungen lächeln. »Nein Franz, Piraten töten nicht. Die wollen Lösegeld und deshalb gibt es in Danzig eine spezielle Kasse, die Geiseln der Piraten freikauft.«

Das beruhigte mich etwas, aber nicht sehr. Plötzlich ging mir auf, dass ich von Anton, Großvaters Bruder, noch nie etwas gehört hatte und war einen Moment sprachlos.

»Nun, keine Fragen mehr?«, lächelte Mutter mich an.

»Doch«, protestierte ich.

»Ich höre.« Mutter neigte ein Ohr zu mir herab.

»Anton, Großvaters Bruder, lebt der noch?«

»Nein, er ist zwei Jahre nach Großvater gestorben. Er wohnte auf seiner Papiermühle an der Weichsel. Früher kam er manchmal mit dem Schiff herab nach Danzig um Geschäfte zu machen und uns zu besuchen. Zwei seiner Söhne sind nach Danzig gekommen. Wo sie aber wohnen, weiß ich nicht.«

Nachdenklich bemerkte ich: »Schade, sie würde ich gerne kennen lernen.«

Dann besserte sich meine Stimmung, als mir Onkel Joseph einfiel.

»Und Onkel Joseph? Der ist nicht Kaufmann geworden, wie Vater und Großvater.«

»Ja, er dient dem polnischen König als Hauptmann und dem französischen König als Konsul. Für ihn verfasst er Berichte über die Menschen und das Leben in Polen. Sie helfen dem Hof in Paris, höchste Entscheidungen zu treffen.«

»Wenn ich da bin, sitzt Onkel Joseph immer in seiner Schreibstube«, platzte ich heraus. »Und wenn nicht, dann ist er auf Reisen durch Polen. Tante Concordia sagte mir einmal, er sammelt Informationen, um diese mit einem Kurier nach Frankreich zu schicken.«

»Na, du kennst das also schon.«, sekundierte Mutter mit einem hintergründigen Lächeln und fügte hinzu: »Joseph legt halt Wert auf ein standesgemäßes Leben.«

 

Mir gingen vor Staunen die Fragen aus und das stand mir anscheinend im Gesicht geschrieben. Mutter schaute mich fragend an.

»Willst du noch mehr wissen? Ach, sicher willst du! Also, Vater wollte im Gegensatz zu Joseph von Anfang an Kaufmann werden und Großvater hat ihn dazu angehalten, Fremdsprachen zu lernen; neben Französisch war Latein wichtig, weil er das als Handelsmann brauchen würde. Seinen Beruf hat er dann mit fünfzehn Jahren bei Großvater begonnen, ging dort fünf Jahre in die Lehre und dann arbeitete er noch sieben Jahre als Geselle im Kontor von Großvater.«

 

Das fand ich spannend. Vater als Geselle, der gehorsam sein musste. Ich stellte ihn mir vor, am Stehpult, eifrig schreibend. Und wie er devot mit Kaufleuten sprach, die in Großvaters Kontor kamen. Sicher war Großvater streng mit Vater gewesen, hatte ihn behandelt wie einen Lehrling aus fremdem Haus, hatte ihn nicht mit Jacob angeredet, sondern Brunatti zu ihm gesagt, wenn Großvater Verhandlungen führte und Vater schreiben musste. Meine Vorstellungen amüsierten mich selbst. Und heute war Vater an Großvaters Stelle: bestimmend und überlegen.

Mutter lachte ebenfalls darüber: »Ja, so war es, Franz. Und heute bin ich es, die dienen und schreiben muss. Aber ich tue es gerne. Vater und ich, wir wollen ja, dass auch du eines Tages … ach, egal.«

»Was?«, wollte ich wissen.

Sie wich mit der Fortsetzung ihrer Erzählung aus.

»Großvater begann 1758, zehn Jahre vor deiner Geburt, sein Geschäft zu verkleinern und verteilte 1759 einen Teil seines Vermögens als Erbschaft an seine Kinder. Vater machte sich daraufhin als kleiner Kaufmann selbstständig, noch vor unserer Hochzeit.«

»Ihr habt 1760 geheiratet. Das weiß ich schon«, entschlüpfte es mir.

»Ja, es war im Jahr 1760. Wir haben uns durch Zufall kennengelernt.«

»Oh, erzähle! Wie war das?«

»Du fragst mir noch ein Loch in den Bauch.« Mutter lächelte. Sie wischte, sich in Erinnerung verweilend, eine Träne der Belustigung von der Wange.

»Bitte«, bettelte ich.

 

Mutter zögerte, blinzelte mich verschmitzt an, bevor sie weitersprach. Und ich erfuhr dann, wie sie Vater im Herbst 1758 begegnet war: Sie war damals eine erst siebzehn Jahre junge Demoiselle (Anm.: Junges unverheirates Mädchen / Fräulein), die begonnen hatte, sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Es war Festtagsstimmung in der Stadt und vor der Sankt Marienkirche gab es viel zu sehen: Feuerschlucker boten ihre Künste dar, Schausteller sangen Lieder und spielten Stücke über die Folgen von Liebe, Rachsucht und Geiz. Ein Bierfass war angeschlagen worden, aus dem das Bier gratis für das Volk ausgeschenkt wurde. Sie entschloss sich aber, mit ihren zwei Freundinnen lieber den Gottesdienst zu besuchen, der in Sankt Marien im Anschluss an den Bürgereid, dem Anlass der Festlichkeiten, stattfand. Sie setzte sich ziemlich weit vorne in eine Reihe, um von dort die jungen, stolz und aufrecht sitzenden Neubürger zu sehen, die natürlich in der ersten Reihe Platz genommen hatten. Sie waren festlich gekleidet, hatten Hüte mit Federschmuck auf, die sie aber während der Liturgie abnahmen. Sie gefielen ihr alle, bis auf einen. Der gefiel ihr besonders.

Nach dem Gottesdienst verließ sie schnell die Kirche, um die Neubürger zu beobachten, wie sie ihre Pferde bestiegen und davon ritten. Nur der eine, der ihr so gut gefallen hatte, tat das nicht. Er nahm sein Pferd am Zügel und ging zu Fuß fort.

 

Mutter erzählte weiter, dass sie und ihre Freundinnen scherzten, lachten und ihn neckten, denn sie verstanden nicht, warum ein stattlicher Mann zu Fuß sein Pferd führte. Und plötzlich blieb der stehen, drehte sich um und sprach Mutter an, die daraufhin einen ziemlichen Schreck bekam. Er sagte: ›Sehr verehrte, mir unbekannte Demoiselle, verzeihen Sie. Ich muss Ihnen sagen, dass ich Ihr Verhalten hochnäsig finde.‹

Mutter überhörte meinen Widerspruch, als ich protestierte und erzählte weiter, dass er zu ihrem wiederholten Schreck stehen blieb und sie lange anschaute, sodass ihr ganz komisch und schwindelig wurde. Und dann tat er etwas, was Mutter niemals erwartet hatte, er erklärte sich: Während der Zeremonie des Bürgereides musste er ziemlich lange im Sattel sitzen und warten, denn viele Kandidaten waren dabei. Das Pferd war leider die ganze Zeit unruhig, was ihn ziemlich mitnahm. Er kannte seine Schwäche, was das Reiten betraf, ihm wurde dabei regelmäßig übel, ja, er bekam Magenkrämpfe. Aber zum Bürgereid musste der Kandidat mit dem Pferd erscheinen. Das war Standespflicht.

»Und was war dann?« Ich zappelte vor Neugierde.

Mutter lächelte. »Ich war sprachlos, sah wahrscheinlich etwas dümmlich aus und brachte kein Wort über die Lippen, weil mir der Mann so gut gefiel. Jetzt wurde der junge Neubürger doch zornig: ›Ich höre kein Wort der Entschuldigung von Ihnen. Haben Sie keine Erziehung bekommen? Hier, nehmen Sie das Pferd, mir ist es nicht nützlich, bringen Sie es zu sich nach Hause, damit es Sie, wenn Sie es striegeln, immer an ihre Unschicklichkeit erinnert.‹«

 

Wieder hielt Mutter inne und schaute mich an. Mir war vor Aufregung das Fragen vergangen.

»Danach endlich stotterte ich eine Entschuldigung, sagte ihm, es täte mir sehr leid, dass er das Reiten nicht vertrage.«

»Erzähle weiter – ich will alles wissen«, bettelte ich und schaute Mutter sehr erwartungsvoll an.

»Vater, ja, der Neubürger war dein späterer Vater, wie du dir sicher schon gedacht hast, stellte sich daraufhin vor und fragte, wie ich hieße und na ja, meine Freundinnen nannten mich niemals mit meinem Vornamen Anna Dorothea, sondern schlicht Fee.«

»Wie?«

»Du hast richtig gehört. Das kam von meiner Mama, die mich als Kind so nannte. Ich war einziges Mädchen unter vier Brüdern und meine Freundinnen haben das übernommen. Ja, und so stellte ich mich ihm vor – als Fee. Er lachte und sagte, das sei doch kein Name, das sei eine irische Sagengestalt. Ich korrigierte das natürlich sofort und sagte ihm meinen vollen Namen, Anna Dorothea.«

»Das ist aufregend.«

»Es wurde noch interessanter. Vater konnte noch etwas griechisch. Er hatte nicht alles in der Schule Gelernte vergessen Und er sagte: ›Das ist ein wundervoller Name: Dorofee, das Geschenk einer Fee.‹ In dem Moment, als er das sagte, habe ich mich in ihn verliebt – ich muss puterrot geworden sein. Jedenfalls waren meine Ohren ganz heiß. Und als er dann fragte, ob er die Ehre haben dürfe, mich wiederzusehen, wäre ich am liebsten in den Boden versunken vor Freude.«

»Er musste dich auch wiedersehen wollen, denn er sollte doch mein Vater werden«, erklärte ich mit voller Überzeugung.

 

 

 

Schulbeginn und Ferienspaß, April 1780

Vater schickte mich mit zwölf auf die Lateinische Oberpfarrschule zu St. Marien im Zentrum der Stadt. Dort bekam ich neue Fächer - auch Latein, das mir mehr eine Pflicht war. Besondere Vorliebe hatte ich für Naturkunde – Tiere, Pflanzen, das Meer und Nautik oder Erdkunde, denn ich hatte begonnen, Reiseberichte von Vasco da Gama zu lesen.

Die Ferien jedoch liebte ich besonders, und es freute mich immer, wenn Mutter mit mir einen Ausflug nach Hochstrieß machte, wo mich die Gesellschaft mit Johann Theodor und Abenteuer in freier Natur lockten.

 

»Hast du keine Scheu, wenn du allein mit mir und deinen Tanten am Tisch sitzt?«, fragte Mutter einmal.

»Nein, nein, ich höre euch gerne zu«, verkündete ich nachdrücklich. Aber diese Antwort entsprang meiner blanken Selbstsucht, denn ich fürchtete, etwas anderes könnte Mutter Anlass sein, mir zu gebieten, zu Hause zu bleiben.

Tante Anna Maria sprach nur Französisch. Deutsch oder Polnisch, wie es bei mir zu Hause gesprochen wurde, konnte sie nicht. Bei ihr hatte ich schon als Kind die französische Sprache gelernt, die ich sehr melodisch fand. Ich bemühte mich eifrig, sie durch Gespräche mit Tante Anna Maria zu vervollständigen. Sie war eine schlanke und schöne Frau mit feingliedrigen Händen und einem, wie mir mit meinen frühjugendlichen Augen erschien, riesigen Busen. Ihr Profil war klassisch mit hohem Nasenansatz. An ihren Ohrläppchen baumelten immer zwei tropfenförmige Perlen, die bei jeder Kopfbewegung Salto zu schlagen schienen.

Sie sagte mir einmal, als ich sie fragte, warum sie nicht deutsch spreche: »Ach Franz, warum soll ich das? Ich bin in einem Haushalt groß geworden, in dem man sich nur in Französisch unterhielt. Du weißt bestimmt schon, dass mein Vater, der dein Großvater ist, aus Norditalien hergekommen war, wo nur Französisch gesprochen wurde. Es fällt mir außerdem schwer Deutsch zu reden, das ich aber gut verstehen kann. Und hier komme ich nur zusammen mit Kaufmannsfrauen, die ebenfalls wie ich, ausschließlich Französisch sprechen.«

 

Meist aber war mir das ewige Gerede über Zofen und Dienstboten einfach zu langweilig. Dann bekam ich doch Lust, selbst etwas zu erleben und entfernte sich von der Gesellschaft.

»Ich muss jetzt forschen gehen«, verkündete ich einmal. Theo war nicht dabei. Mein Tagebuch und ein Stift steckten in meiner Tasche. Mutter erklärte den Damen am Kaffeetisch, dass sie mir das nicht verbieten wollte, denn meine Noten in der Schule wären gut genug und leichtsinnig wäre ich nicht. Ich dachte heimlich: ›Wenn Mutter wüsste, dass ich schon mal fast vom Baum gefallen bin‹, hielt den Mund und stand auf.

»Es gibt sooo viel zu entdecken«, war meine Antwort, als ich zurückkam und Mutter mich über meine Forschungen ausfragte. Dann zeigte ich ihr sogar mein Tagebuch, das voll war mit Aufzeichnungen von Objekten meines Interesses.

»Schau, das sind Spinnen«, erklärte ich und wies auf einige Zeichnungen.

»Igitt!«, entfuhr es Mutter.

»Es sind faszinierende Tiere«, belehrte ich sie. »Es ist spannend zu sehen, wie sie ihre Netze bauen oder gefangene Insekten einwickeln. Auch habe ich schon mehrmals beobachtet, dass die kleineren Männchen nach dem Besuch im Netz des Weibchens fluchtartig das Weite suchen. Ha, die weiblichen Spinnen sind gefräßig. Manchmal gelingt dem Männchen die Flucht nicht und es wird doch erwischt und vom Weibchen gefressen.«

»Erzähle das deinen Cousinen nicht«, mahnte Mutter mit erschreckter Blässe um die Nase. Ihre Ermahnung brachte mich erst auf diese absurde Idee und bei nächster Gelegenheit probierte ich das bei Schwesterherz Anna Elisabeth aus. Ich hatte eine dicke Netzspinne in ein leeres Wasserglas eingesperrt und tat so, als wenn ich ihr meinen Fund zeigen wollte.

Vater stürzte empört aus seinem Kontor, als er das lang gezogene Iiiiiigitt hörte,das durch das ganze Haus schallte,und ihre laut gebrüllte Aufforderung an mich, ich sollte mich gefälligst entfernen.

 

 

 

Ereignisreiche Sommerferien, 1783

Ich fieberte schon lange vor den Ferien dem Tag entgegen, dass ich von Onkel Josephs Hof meine Ausflüge machen konnte. Mein Ziel war immer der Hof Nr. 29, wo Tante Anna Maria mit ihrer Familie residierte.

Manchmal lud sie mich auch ein, die Nacht zu bleiben. Sie hatte dann Kartoffelpuffer backen lassen, die zu meinen bevorzugten Speisen gehörten. Ich saß bei diesen Gelegenheiten mit der Großfamilie am Tisch und mich überkamen manchmal Sehnsüchte und die Frage, warum es in meiner Familie nicht so war. Und dann war es schnell so weit, dass mir meine Sorgen und mein Zorn vom Herzen sprudelten und erwartete Antworten. Ich redete mir sogar ein, dass dieser Zustand meine Schuld war, weil ich Mutter so oft mit meiner Frage geqält hatte, wann ich endlich ein Geschwisterchen bekommen würde.

Tante Anna Maria hörte mir aufmerksam zu, widersprach nicht, gab mir sogar den Rat weiter nach Antworten auf meine Fragen zu suchen, vor allem aber, mit Mutter und Vater selbst darüber zu sprechen. Mir schürte es dann die Kehle zu und ich verstummte. Meine Fragen blieben unbeantwortet.

 

Nach einer Übernachtung in den Herbstferien bei Tante Anna Maria geschah etwas Besonderes … etwas, das ich mein Leben lang nicht vergessen sollte. Es war eine Begegnung.

Nach dem Frühstück - es gab immer heiße Milch, in die wir getrocknetes Brot stippten - forderte ich Theo auf, mit mir auf Streife zu gehen. Er lehnte aber ab mit der Begründung, er habe keine Lust. Also ging ich alleine los, mit meinem Tagebuch in der Tasche, um meine Erkundungen im lichten Buchenwald hinter den Pelonker Höfen zu machen. Dort gab es niedriges Buschwerk und das hatte meine Aufmerksamkeit geweckt. Es beherbergte viele Arten von Spinnen.

Als ich mich diesem Ort vorsichtig näherte, ertönte plötzlich ein schauriges Gebrüll durch das niedrige, dichte Astgewirr. Mein Atem stockte, ich stand wie angenagelt.

›Ich muss weg hier‹, war mein erster Gedanke, aber meine Neugierde war stärker und schnell stieg ich auf eine krumme Buche. Das schien mir sicherer als die pure Flucht.

Kaum oben, konnte ich es zwischen den Bäumen schon sehen: Zwei Hirsche mit riesigen Geweihen standen sich gegenüber, brüllten sich an, stellten sich auf die Hinterbeine, um sich dann mit Wucht mit ihren Geweihen zu rammen, wieder und wieder. Dieses Schauspiel fesselte mich so sehr, dass mir weder Gefahr noch die Zeit bewusst wurde. Wie lange das gedauert haben mochte, wusste ich hinterher nicht mehr. Irgendwann zog sich einer der beiden Kampfböcke zurück und der Sieger brüllte seinen Triumph in den Wald hinein. Jetzt saß ich auf dem Baum und traute mich nicht runter, und unten lag mein Tagebuch. Meine Beobachtung konnte ich nicht eintragen.

Es war aber noch jemand auf das Gebrüll der Hirsche aufmerksam geworden. Ein Mann tauchte auf, der mich auch gleich auf meinem Hochsitz entdeckte. Er hatte ein rundes freundliches Gesicht, in dem unter grauen kurzen Haaren zwei heitere blaue Augen blitzten. Das konnte ich erkennen, denn er war ohne Kopfbedeckung. Und er trug einen langen Mantel.

 

»Was machst du da oben?«, war seine naheliegende Frage. Er kam zu meinem Baum und forderte mich auf, wieder herabzusteigen. Dann fand er mein Tagebuch, klappte es auf und blätterte darin.

Das war mir gar nicht recht. Nicht einmal Mutter gab ich mein Tagebuch in die Hand. Bestenfalls zeigte ich ihr eine Seite, das Heft in der Hand haltend. Ich wollte protestieren, traute mich aber nicht.

Der Mann stellte sich vor: »Sendel ist mein Name und du bist Franz Christian Brunatti, wie ich hier lese.«

Sendel lächelte und erklärte mir, dass ich beruhigt herabsteigen könnte. Die Gefahr sei vorüber. Er habe als Naturwissenschaftler, Professor - ja, philosophischer Freigeist das Schauspiel ebenfalls sehen wollen, sei aber leider zu spät gekommen. Und dann sagte er noch, mit meinem Tagebuch in der Hand: »Beobachten können ist eine Gabe, die man lernen kann, und es ist auch ein Talent, ohne viele Worte eine Menge zu schreiben. Ich glaube, du kannst beides und ich bin überzeugt, du taugst zu mehr, als nur Frösche in Hosentaschen herumzutragen.«

Ich verstand ihn nicht und schaute ihn fragend an, als er mir mein Tagebuch zurückgab.

Der Mann lächelte: »Ich sehe, dich interessiert die Natur. Hast du nicht Lust, die Naturforschende Gesellschaft in Danzig kennenzulernen? Ich würde dich auch mit Ephraim Philipp Blech bekannt machen. Er ist mein Neffe, besonders begabt und schon lange mein Schüler. Naturkunde ist auch seine Vorliebe und er studiert sie mit außergewöhnlichem Fleiß. Er wird dir gefallen.«

 

Jetzt war mein Protest verflogen und ich war erleichtert, dass mein Tagebuch auf diesen gelehrten Mann so einen Eindruck machte. Und er hatte gesagt: Naturforschende Gesellschaft. In meinen Ohren klang das nach Forschen und ich fragte: »Was … was ist das für eine Gesellschaft?«

»Du hast noch nicht von ihr gehört?«

»Nein.«

»Hm, sie ist eine Vereinigung freisinniger Männer der Forschung und sie entstand, als die Aufklärung vor etwa vierzig Jahren nach Danzig …«

»Die was?«

Sendel musste lachen. »Ja, die Gelehrten der vergangenen Jahrhunderte haben damals noch versucht, ihre Erkenntnisse mit religiöser Philosophie zu vereinen. Das ist jedoch lange her. Jetzt geht die Lehrmeinung weiter und sucht für die Wunder der Natur eigenständige Erklärungen – ohne die Gebote der Kirche einzubeziehen.«

Immer noch konnte ich mir keinen Reim auf seine Worte machen. Aber es hörte sich interessant an.

»Ja, du bist verwundert, sehe ich«, fuhr Sendel fort. »Es wird noch spannender. Neue Gewissheiten aus der Physik und der Astronomie bleiben auch heute nicht ohne Widerspruch und es entstehen noch immer Fehden über aktuelle Erkenntnisse in der Naturkunde. Die Anhänger der neuen Richtung brauchen Stärke, die nur in der Gemeinschaft erwächst und die immer größer werden muss. Überall, und auch wir in der Naturforschenden Gesellschaft suchen engagierte Mitglieder, so viele wie möglich.«

Immer noch sah ich Sendel wortlos an. Er schmunzelte, und um die Situation zu überbrücken, fuhr er fort: »Ich bin Mediziner, und neben meinen Bemühungen für die Naturforschende Gesellschaft habe ich noch eine Lieblingsbeschäftigung, die Astronomie. Besonders die Keplerschen Theorien über die Planeten und deren Bewegungen interessieren mich.«

 

Bis jetzt hatte ich mehr oder weniger atemlos zugehört und nur wenig von dem, was er sagte, verstanden. Aber das Wort Astronomie funkte mir durch den Kopf und weckte meine Neugierde. Schon oft hatte ich mich abends bei sternenklarer Nacht hingestellt und hinauf geschaut. Sterne, was waren sie?

»Haben Sie schon neue Sterne entdeckt?«, fragte ich mit Feuereifer.

Dieses Mal lachte er laut. »Nein, ich habe keine Entdeckerambitionen auf diesem Gebiet, die Medizin ist mir genug. Die Astronomie aber ist für mich die Königin der Naturwissenschaften, denn Mathematik und Physik sind in ihr vereint und sie vermittelt uns ein wahres Verständnis unserer Welt, das nichts mit dem zu tun hat, was alte religiöse Philosophien darstellen. Sie wird uns einstmals zu Erkenntnissen führen, die heute noch undenkbar scheinen, und der Mensch wird dann unsere Erde erkennen als ein winziges Sandkorn auf dem unendlichen Himmelsstrand, als ein einsames Gestirn in der Weite der Sternenwelt, die wir über uns sehen.«

Sendel unterbrach sich: »Ach, heute ist meine Fantasie wieder grenzenlos. Aber ohne sie erfahren wir nie, wie es wirklich ist!« Er blicke mich bei diesen Worten lächelnd mit seinen lustig funkelnden Augen an.

 

Es dämmerte mittlerweile und die Sterne kamen hervor. Mein Zeigefinger schoss wie von selbst nach oben: »Einige Sternbilder kenne ich schon, und auch die griechischen Sagen dazu.«

»Vor Jahrhunderten hatten die Menschen verschiedener Länder unterschiedliche Vorstellungen über die Welt und die Sterne«, ergänzte Sendel.

»Es sind nicht nur griechische?« Das kam mir wunderlich vor, aber nur für einen kurzen Moment. Meine Scheu vergessend, fiel mir noch mehr ein: »Einmal habe ich eine merkwürdige Erscheinung am Himmel beobachtet. Grünliche Lichtstreifen, die ständig ihre Form veränderten. Was war das nur?«

Sendel lächelte: »Das war Nordlicht, eine seltene Erscheinung über Danzig. Da hast du wirklich Glück gehabt, es zu sehen.« Dann zeigte er in den Zenit und erklärte: »Schau dort, die Milchstraße, auch sie ist ein Licht, doch in Wirklichkeit sind es Milliarden Sterne, unsichtbar für das Auge, aber durch ein Fernrohr werden sie deutlich, jeder einzelne.«

 

Ich war noch in Betrachtung vertieft, als Sendel schon weitersprach: »Schau nur dort, da gibt es auch die Sternbilder, die unser Danziger Astronom Hevelius vor einhundert Jahren festgelegt hat.«

Dann endlich, als der fast volle Mond aufging, meinte Sendel: »Jetzt ist es genug. Franz Christian, du musst sicher nach Hause.«

Mir war bei diesem Gespräch das Gefühl für Zeit verloren gegangen und ich erschrak, dass es schon so spät war. Ich hoffte inniglich, dass sich Tante Concordia und Onkel Joseph, wo ich meine Ferien verbrachte, keine Sorgen um mich machten. Jetzt standen wir vor dem dritten Pelonker Hof. »Hier wohne ich«, endete Sendel.

»Das ist ja eine Prachtvilla!«, entfuhr es mir. »Können sich Mediziner so etwas kaufen?« Mir kam der Gedanke, dass es vielleicht vorteilhaft sein könnte, Medizin zu studieren. Sendel lächelte und antwortete: »Geerbt, mein Vater war Kaufmann«, und während er das sagte, begann er die Pferdekutsche anzuspannen. »Der Stallmeister hat heute Ausgang«, kommentierte er.

 

Mir fehlten die Worte, ich hatte einen Kloß im Hals. Sendel setzte sich auf den Bock, forderte mich auf, die Kutsche zu besteigen und mit einem »Hüh« trabte das Pferd an. Sendel lenkte die Kutsche zu Onkel Josephs Hof. In meinem Kopf wirbelten jetzt die Gedanken durcheinander. Daher fiel es mir erst auf, dass ich zu Hause war, als wir plötzlich vor der Einfahrt in Hochstrieß standen, dem Hof Nummer 8 von Onkel Joseph. Der Einspänner war schneller dort angekommen als mir recht war. Um den Abschied noch etwas hinauszuzögern, fragte ich vor dem Auf Wiedersehen und meinem Dank für die vielen interessanten Neuigkeiten: »Darf ich noch einmal kommen? Ich möchte noch viel mehr erfahren.«

»Sicher«, meinte Sendel. »Wir werden uns bestimmt noch sehr oft sehen. Ich vermute, du wirst von deinem Vater auf das Academische Gymnasium geschickt. Dort trete ich in Kürze mein Lehramt für Naturwissenschaften an. Ich kenne auch deinen Vater. Er ist wie ich Mitglied der Freimaurerloge Eugenia zum gekrönten Löwen. Von ihm hörte ich auch schon viel über deinen Großvater. Der muss ein furchtloser und tüchtiger Mensch gewesen sein. In der Loge haben wir darüber gesprochen.«

Und endlich lud Sendel mich ein, ihn zu besuchen: »Es dauert ja noch eine Weile, bis du auf das Academische Gymnasium kommst. Seit kurzem besitze ich ein neues Keplersches Fernrohr, das ich bald ausprobieren will. Aus der Naturforschenden Gesellschaft kommen einige Anhänger der Astronomie hinzu. Zu dieser Gruppe gehört auch mein Neffe Ephraim Philipp Blech, von dem ich dir schon kurz berichtete. So sind wir nicht alleine und in Gesellschaft macht es immer mehr Freude.«

 

Ich hätte Vater so gern von meiner Begegnung berichtet, da der Professor ihn und sogar Großvater kannte. Doch Vater war wieder auf Fernhandelsreise und es würde noch Wochen dauern, ehe er wieder da war. Stattdessen erzählte ich Mutter die ganze Geschichte und sie gab mir die Erlaubnis, den astronomischen und naturkundlichen Zirkel bei Professor Sendel zu besuchen.

 

 

 

Naturkundlicher Zirkel, im Herbst und Winter 1783

Zu den Zusammenkünften des Zirkels ging ich mittlerweile regelmäßig. Sie wurden von Professor Sendel geleitet und fanden in der Bibliothek der Naturforschenden Gesellschaft statt. In den Sommerferien allerdings, so erfuhr ich, komme man draußen im Garten des dritten Pelonker Hofes von Professor Sendel zusammen, nicht weit von Hochstrieß, wo auch Onkel Joseph und Tante Anna Maria wohnten. Die Naturforschende Gesellschaft hatte ihren Sitz im Grünen Tor, am Ende vom Langen Markt, direkt am Hafen. Und das war ein Glück für mich, denn es war nicht weit von uns zu Hause am Ersten Damm bis zum Grünen Tor. Mutter, die immer in Sorge um mich war, ermahnte mich im Winter wiederholt, nur auf den beleuchteten Straßen zu gehen. Im Zirkel saßen wir im Kreis um den kleinen Kanonenofen, in dem ein angenehm wärmendes Feuer bullerte, und sprachen über Astronomie und Philosophie, aber auch gelegentlich über medizinische Themen. Philipp Blech, der Neffe von Professor Sendel, studierte mittlerweile in Göttingen Medizin. Er war etwas rundlich und robust, hatte ein kreisrundes Gesicht mit einer etwas zu kleinen Nase darin. Er trug immer ein Barett auf seinem Kopf, nie einen Dreispitz, wie es die etwas vornehmeren Männer in meiner Umgebung taten. Zu ihm fühlte ich mich besonders hingezogen, denn er war ein junger Mann der Tat, der nicht viel redete. Als er in den Weihnachtsferien in Danzig war, gab es im Zirkel nur ein Thema: Medizin. Und das brachte mich eines Abends auf den Gedanken, über den Verlust meines Brüderchens durch Mutters Fehlgeburt zu erzählen.

 

»Schon fast sieben Jahre ist es her, ohne dass ich mit jemandem darüber reden konnte. Vater Jacob ist meistens nicht da, und wenn, dann hat er keine Zeit. Und Mutter will ich keinen neuen Kummer bereiten. Ihre Hoffnung auf einen neuen Versuch, schwanger zu werden, ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber vielleicht bekomme ich hier eine Erklärung auf meine Frage, warum es nicht hat sein sollen.«

»Ob ich dir eine Antwort geben kann, bezweifele ich«, dämpfte Professor Sendel meine Hoffnung. »Niederkunft und Geburt sind komplex und alle Zusammenhänge sind noch nicht erforscht. Nicht umsonst habe ich in der Naturforschenden Gesellschaft angeregt, dass ein Plan für ein Gebärhaus und eine Hebammenschule in Danzig ausgearbeitet werden sollte und den Dr. Kleefeld, ein gewissenhafter Mediziner und Wissenschaftler, bald danach vorlegte. Aber erzähle!«

 

»Meine Erinnerung an jenen angstvollen Tag ist noch ungetrübt. Ich kann ihn nicht vergessen. Acht Jahre war ich alt. Über meine eigene Geburt hatte mir Vater erst später berichtet, nachdem ich diesen furchtbaren Tag durchlitten hatte.«

Ich verstummte, musste schlucken. „Mutter hatte mir bereits Wochen vorher eröffnet, dass ich ein Geschwisterchen bekommen sollte. Neugierig, wie ich bin, hatte ich gefragt, wo es denn jetzt sei.»

»Und, was hat sie gesagt?«, fragte freundlich lächelnd Philipp Blech.

»Mutter nahm meine Hand und legte sie auf ihren runden Bauch: ›Hier drin ist es, lieber Franz!‹ »

»Oh!«, wunderte sich Philipp.

»Ja, ich bekam runde Augen, denn ich wusste damals noch nicht, wo die Kinder herkommen, habe aber gleich gefragt, wie es herauskommt.

Mutter sagte mir bedächtig und wahrheitsgemäß: ›Wenn es so weit ist, führt der Herrgott es durch meinen Schoß auf die Welt.‹ Sie mochte die Märchen nicht, die Kindern über die Geburt erzählt werden.«

»Deine Mutter ist eine besondere Frau«, sekundierte Sendel und Philipp kommentierte etwas spöttisch: »Hast du dir jemals vorher Gedanken darüber gemacht, wo die Kinder herkommen?«

»Vermutungen hatten wir Kinder schon, vor allem, wie sie entstehen. Schwesterherz Anna Elisabeth hat mir einmal erklärt, ich solle mir vorstellen, dass es so sei wie die Bestäubung bei der Blüte durch die Biene. Das fand ich absurd.«

Philipp lachte lauthals und ich saß da, als ob mir jemand einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hätte. Professor Sende griff ein und ermunterte mich: »Erzähle weiter.«

»Ja, das wollte ich natürlich sehen«, berichtete ich weiter. »Mutter lachte aber: ›Nein, Franz, das ist nur Hebammen vorbehalten. Aber du kannst im Nebenzimmer darauf warten. Und wenn du einen empörten Schrei hörst, dann weißt du, es ist da.‹ »

»Richtig, plärren müssen die Neugeborenen, damit sie das Atmen lernen«, unterbrach Sendel.

»Das hat mir Mutter auch gesagt. Ich hatte mich so gefreut. Endlich, endlich sollte ein Geschwisterchen ankommen.«

Sendel forderte mich auf: »Erzähle uns, was passiert ist. Es wird dich erleichtern.«

 

 

 

Rückblick

Es war Hochsommer. Ich war erst acht. Aber doch sah ich, wie meine hochschwangere Mutter unter der Hitze litt. Sie dürstete nach Linderung. Und lange drei Wochen musste sie noch durchhalten. Schwägerin Elisabeth, die Frau von Mutters jüngerem Bruder, war an diesem heißen Samstag im August zu Besuch bei uns am Ersten Damm.

Sie war der Meinung, ein Spaziergang hinunter zum Garten am Fluss, der Mottlau, würde ihr gut tun. Die Blumen, das frische Grün der Buche, die am Eingang der kleinen Kolonie stand, lenkten sie sicher ab und spendeten Erfrischung. »Ich bin ja bei dir und gebe dir Halt«, ergänzte sie, als Mutter zögerte.

Was später geschah, erfuhr ich von Vater, der von Elisabeth gerufen worden war. Jedes seiner Worte hat sich bei mir unauslöschlich eingeprägt: Ob es die wenigen Schritte von der Wohnung bis zum Garten waren oder ob sie unter der Hitze litt, Mutter wusste es hinterher nicht mehr. Noch bevor sie sich auf die Bank mit Blick zum Fluss, auf der sie immer entspannte, setzen konnte, wurde ihr schwindelig. Sie taumelte und im letzten Moment hielt Elisabeth sie am Arm und verhinderte so, dass sie stürzte. Mutter blieb stehen, um sich zu sammeln. Elisabeth mahnte, kaum ihre Panik verbergend, dass Mutter sich auf die Bank setzen sollte.

»Mein Kind strampelt, es bewegt sich heftig«, flüsterte Mutter. Und dann spürte sie, was geschah: »Das Fruchtwasser kommt schon!«

Elisabeth blieb vor Entsetzen stehen, unfähig, etwas zu tun.

»Betta, hilf mir, wir müssen schnell zurück.«

Die jedoch wehrte ab: »Ich werde eine Hebamme rufen.«

Die Wehen waren schon so schmerzhaft geworden, dass Mutter nur nickte: »Beeile dich«, flehte sie. Elisabeth hastete zurück zur Wohnung am Ersten Damm und schrie Alarm.

Ich höre ihre schrille Stimme noch heute.

Vater und ich waren die Ersten, die im Garten ankamen. Ich hatte frei, weil mein Hauslehrer entschieden hatte, dass Schulferienzeit war.

»Die Hebamme ist benachrichtigt«, sagte Vater, als wir ankamen, atemlos und mit belegter Stimme. Sorgenfalten standen auf seiner Stirn.

»Hoffentlich kommt sie noch rechtzeitig«, stöhnte Mutter.

Dann bemerkte sie mich: »So hatte ich dir das nicht versprochen, liebster Franz. Du musst jetzt tapfer sein.« Sie lächelte mich dabei verzweifelt an.

Ich blieb stumm und nickte nur. Die blanke Furcht hatte mich ergriffen. Und als dann sogar ein Priester erschien, liefen mir die Tränen herunter und ich fragte Vater ängstlich, weshalb der Mann gekommen wäre. Der hörte aber nicht recht hin, da er mit Mutter beschäftigt war. Er hatte Kissen und eine Decke mitgebracht und bettete sie jetzt, so gut es ging, auf die Bank.

 

Endlich traf die Hebamme ein.

Sie trug ein weißes Kopftuch und ein dunkelgraues, weites und langes Kleid. Vater nahm mich beiseite und flüsterte: »Sie ist die Hebamme, die dich damals zur Welt brachte, Franz. Es wird schon alles gut werden.«

Trotz ihrer Beleibtheit war die Hebamme eine resolute Person, die sofort das Regiment übernahm: »Ich bitte alle, sich aus der näheren Umgebung des Geschehens zu entfernen.« Sie setzte ihren Koffer ab und begann, eine Art spanische Wand um Mutter aufzubauen, indem sie Stöcke in die Erde steckte und daran ein Tuch befestigte. »Ich will hier niemanden innerhalb dieses Kreises sehen«, forderte sie uns nochmals auf und schob alle resolut nach draußen.

Der Priester erhob Protest: »Das Kind muss noch vor der Geburt getauft werden.«

»Geduld, Hochwürden, noch ist es nicht so weit«, widersprach sie dem Kirchenmann und schob auch ihn energisch und konsequent aus dem Kreis.

Mich nahm sie nicht wahr und so blieb ich einfach bei Mutter stehen. Als niemand mehr innerhalb des mit Tüchern abgegrenzten Raums war und als ich hörte, dass nebenan noch gestritten wurde, überwältigte mich die Neugier und ich schlich mich zum Koffer und öffnete ihn. Mutter bemerkte das nicht. Sie war zu erschöpft.

Zu gerne wollte ich wissen, was darin verborgen war. Zuerst bemerkte ich ein langes, gebogenes Rohr, das wie eine Spritze aussah. Ein komisches Werkzeug, dachte ich. Und dann waren da noch Stäbe mit Schlingen an einem Ende sowie viele Flaschen und Töpfchen mit eigenartigen Bezeichnungen darauf, die ich nicht verstand. Nur eine Flasche hatte ein Etikett, das ich kannte – Weihwasser. Plötzlich begriff ich auch die Bemerkung des Priesters.

Nein, das fand ich nicht in Ordnung. Mein Brüderchen sollte in einer Kirche vor Gott getauft werden, war meine Meinung. Kurz entschlossen öffnete ich die Flasche mit dem Weihwasser und goss den Inhalt einfach auf die Erde. Dabei musste ich die Nase rümpfen: Igitt, das Wasser war trübe.

Dann kam mir doch die Angst vor den Folgen meiner Tat. Ich schlich mich schnell vor den Vorhang und sah Vaters sorgenvolles Gesicht.

›Was hat das zu bedeuten?‹, ging es mir durch den Sinn. Aber ich fragte nicht, aus Angst vor der Antwort. Sie schnürte mir die Kehle zu. Verzweifelt und voll banger Ahnung, dass etwas nicht stimmte, setzte ich mich auf eine Bank, steckte den Kopf zwischen meine Knie und hielt mir die Ohren zu, wenn Mutter schrie und stöhnte. Dann, in Momenten der Stille, spähte ich durch den Schlitz zwischen zwei Tüchern und sah, dass die Hebamme Rauchgefäße aufgestellt hatte. Das wunderte mich: Warum verbrennt sie darin allerlei Pulver?‹

›Hecheln, hecheln und dann pressen‹, hörte ich die Hebamme, während sie Mutters Bauch massierte. Und dann sah ich, wie sie Mutter zwischen die Beine griff. ›Was macht sie mit den Stäben und mit den Schlingen unter Mutters Rock?‹, empörte ich mich im Stillen.

 

Schließlich, es schien mir nach unendlicher Zeit, hob die Hebamme das Kind empor. Mir kam das Entsetzen: ›Wie sieht es denn aus? Es ist blau. Das ist nicht richtig, und es plärrt nicht.‹

»Es erstickt«, schrie ich und zwängte mich durch die Absperrung. »Es erstickt.« Die Hebamme war beschäftigt, sie schob mich sogar grob beiseite. Sie befreite das Kind von der Nabelschnur, die um dessen Hals gewickelt war, und umschlang es mit dem bereitliegenden Tuch. Dann nahm sie das Kind hoch, griff die Weihwasserflasche und eilte zum Priester hinaus, um es taufen zu lassen.

Voller Schmerz lief ich zu Vater, der mich an die Hand nahm. »Was ist, was ist?«

»Dein Brüderlein ist schwach. Du musst jetzt stark sein, denn es wird, es wird nicht leben«, hörte ich Vaters Worte wie aus weiter Ferne. Tränen schossen mir in die Augen und ließen alles verschwimmen, denn ich begriff nicht, warum es nicht leben sollte.

»Aber es lebt doch«, schluchzte ich.

Der Pfarrer war erbost, weil die Weihwasserflasche leer war, und beschuldigte die Hebamme der Nachlässigkeit gegenüber Gott und der Kirche. Er ließ sich frisches Wasser in einer Schüssel bringen, segnete es und taufte das Kind auf den Namen Johannes Baptista. ›Der Herr lasse Gnade walten. Es ist ungetauft von uns gegangen, es hat als lebendiges Geschöpf Gottes nicht die segensreiche Aufnahme ins Christenreich und jetzt keine gnadenvolle Einkehr ins Himmelreich erhalten. Es ist einen Heidentod gestorben!‹

Was Heiden nach ihrem Tod erwartet, wusste ich. Das hatte ich schon im vorbereitenden Unterricht für meine Kommunion gelernt.

»Nein«, schrie ich verzweifelt, und in einem Ausbruch von Wut bestürmte ich die Hebamme, trommelte mit meinen Fäusten auf ihre Hüften. Vater wollte mich zurückziehen und beruhigen, aber ich riss mich los und rannte weg.

Aus dem Gartengelände hinaus, auf die Wallanlage, hinunter zum breiten Gewässer, der die Stadt an der Ostseite umfloss. Dort entlang bis zu einer Stelle, an der eine Brücke über den Graben führte. Unterhalb des Steges gab es am Ufer Buschwerk. Es war ein Ort, wo ich schon oft gewesen war und ich mir im Gesträuch eine kleine Höhle gebaut hatte. Hier war ich sicher, wusste ich doch, dass keiner die Stelle kannte.