Meer ohne Mo - Miri Watson - E-Book

Meer ohne Mo E-Book

Miri Watson

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Beschreibung

Ein Sozialhochhaus an der Küste. Eine Stelle in einem Obdachlosenasyl. Ein Neuanfang, der keiner werden soll, denn auch das Meer spült die Trauer nicht weg … Mo ist tot, das bleibt ein Fakt. Nie wieder wird Svenja mit ihrem besten Freund auf der Brücke in ihrer Heimatstadt sitzen und Rauch in den weißen Himmel blasen können. Ein Trauerfall kennt keine Gesetze, keinen geordneten Ablauf, keine unabhängigen Richter, kein abschließendes Urteil. Trotzdem muss die Trauernde weiterleben, und an der Grenze zwischen Wasser und Land, in einem Wohnheim für Menschen ohne Raum, verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Immanenz und Transzendenz. Svenja wird mit ihrer eigenen Leere konfrontiert – und verhandelt endlich ihren Fall.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2020

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verlag duotincta

Miri WatsonMeer ohne MoRoman

Miri Watson kam 1992 auf die Welt und hat seitdem viel gelesen. Sie studiert Internationale Literaturen, außerdem Sprachen, Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens in Tübingen. Sie schreibt für die Lokalzeitung und für diverse Magazine und moderiert eine Radiosendung beim Freien Radio Wüste Welle, in der es um Musik, Kultur und Politik geht. Auch wenn viele das denken: Mit Sherlock Holmes hat sie nie zusammengearbeitet.www.miri-watson.de

Hey Mr. WilmingtonYeah, I heard about your sonIt's hard enough to hide your scarsIn smalltown USALucky Boys Confusion – Mr. WilmingtonVivre sous ce ciel étouffant commande qu'on en sorte ouqu'on y reste.Il s'agit de savoir comment on en sort dans le premiercas et pourquoi on y reste dans le second.Albert Camus – Le mythe de Sisypheo

Prolog

Da ist das Meer, groß und grau, und kleine weiße Schaumkronen kräuseln sich auf den Wellen. Windstärke 3. Dort sind die Hochhäuser, groß und grau und hoch genug, um Platz für 36 Mietparteien zu bieten. Drei baugleiche Ungetüme ohne Schmuck und ohne Schnörkel, die sinnlos in den Himmel ragen; sie reihen sich in die Front aus Villen und Ferienwohnungen und Hotelburgen. Es ist nicht klar, warum sie hier stehen: Wer baut schon Sozialwohnungen mit Meerblick?

Zwei der monströsen Gebäude stehen schräg nebeneinander, direkt am Wasser, und nur ein breiter Weg aus Beton trennt sie von der See, kein Wall und keine Dämme, nichts, das die Mittellosen vor der Überschwemmung oder vor dem Ertrinken in den Fluten bewahren könnte. Das dritte Hochhaus steht etwas versetzt dahinter, geschützt vor der rauen Witterung an der Küste, geschützt vor dem verhängnisvollen Blick aufs Meer, dessen Wasser nur grau erscheint, wenn es nah ist. Aus der Ferne wirkt es blauer. Das dritte Hochhaus ist das, in dem ich wohne; kein Meerblick für mich. Ich rieche das Meer, wenn ich mich darauf konzentriere (schon nach ein paar Stunden am Meer habe ich vergessen, den Salzgeruch bewusst wahrzunehmen) und ich höre das Meer, wenn ich mein Fenster öffne in der Nacht. Die Schlösser von den Türen werde ich wohl häufig wechseln müssen, da sie durch das Salz und durch den Wind viel zu schnell oxidieren. Die Schlüssel lassen sich dann nicht mehr im Schloss drehen.

Das Meer ist der Grund, warum ich hierhergezogen bin. Sonst kannte ich hier nichts, und in Wahrheit ist das Meer auch nicht viel mehr als ein Ort, nach dem wir Menschen immer wieder Sehnsucht haben. Am Meer zu leben, ist in Wahrheit unspektakulär, aber ich habe auch keinen Grund, wieder wegzuziehen, also bleibe ich hier.

Meine freien Nachmittage verbringe ich mit Strandspaziergängen. Ich laufe auf dem nassen Sand, bis meine Füße schmerzen, und ich atme die Salzluft und das Nikotin, das sich in allen meinen Poren verfangen hat.

In der Freizeit gibt es nicht viel zu tun für mich. Ich bin an das Meer gezogen, um wieder zu fühlen, aber alles, was ich fühle, wenn ich auf die grauen Betonklötze starre, die mir den Blick auf das Wasser versperren, ist: Nichts. Wie ist es möglich, golden zu bleiben, wenn die Welt heute so schlecht ist, wie sie immer war?

Mit Mo habe ich keine Erinnerungen an das Meer. Ich glaube nicht, dass Mo das Meer jemals gesehen hat. Da ist nur die Brücke, auf der wir immer saßen, Kaugummi kauend, rauchend. Da sind nur die weißen Rauchkringel, die Mo in den noch weißeren Himmel blies.

1

»Das ist die goldene Arschkarte, die du da gezogen hast.«

So hat Marc auch vor mir schon alle Neuen begrüßt, es kommt ihm tiefsinnig vor, aber an meinem ersten Tag wusste ich das noch nicht.

»Das ist die goldene Arschkarte, Svenja, willkommen an Bord.«

Goldene Arschkarte. Wie passend, dachte ich, als Marc mir energisch die Hand schüttelte, nachdem er mich so willkommen geheißen hatte. Das Drecksloch hier und die Scheißarbeit, die mich erwarteten, und gleichzeitig die Ahnung: Hier, am Meer, da ist das alles irgendwie nur halb so schlimm.

Ich hatte Marc vorher nicht kennengelernt; meine schriftliche Bewerbung, ein aufgehübschter Lebenslauf und ein kurzes Telefongespräch mit seiner Freundin Jenny hatten gereicht, um ihn davon zu überzeugen, bei ihm arbeiten zu dürfen. Wahrscheinlich war es auch schon völlig ausreichend, dass ich mich nicht über den angebotenen Lohn und die angedrohten Arbeitszeiten beschwerte. Wahrscheinlich nimmt Marc sowieso jeden, weil es hier kaum jemand länger aushält.

Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass ich es mal besser haben würde. Ich dachte, wenn ich nur genug lerne und meinen Arsch hochkriege, dass ich dann irgendwann keine Scheiße mehr fressen muss. Ist ja auch das, was alle zu dir sagen: Du kannst alles schaffen, du musst es nur wollen und/oder an dich glauben, dann wird schon alles paletti.

Deswegen habe ich mich jeden Tag aufgerafft, egal wie verkatert oder traurig ich war, hab mich auf die Klassenarbeiten und Abiprüfungen vorbereitet und so getan, als würde es mich nicht jucken, dass außer mir nur Rich Kids in meiner Klasse waren, die sich nicht mit Korn, sondern mit Gin Tonic abschossen und die in ihrer Freizeit Tennis spielten. Ich meine, Tennis, echt jetzt.

Aber außer mir; das stimmt so natürlich nicht. Mo war auch in meiner Klasse und Mo war der ganze Zirkus von wegen Markenklamotten und Shoppingtrips nach Mailand wirklich scheißegal. Er fühlte sich wohl in seiner Rolle als Outlaw, ließ manchmal sogar ganz gern den Assi raushängen.

»Du kannst nicht ändern, wo du herkommst«, sagte er hin und wieder, so als ob er sogar ein bisschen stolz darauf wäre.

Irgendwie haben die anderen ihn trotzdem in Ruhe gelassen. Ich glaube, dass Mo während seiner ganzen Schulzeit nie gemobbt worden ist, obwohl er immer die gleichen schmutzigen Sportschuhe trug, deren Sohlen sich lösten, und obwohl er so anders war, als alles, was sich die Schnösel aus unserer Schule überhaupt vorstellen konnten.

Ich denke nicht, dass die anderen Angst vor ihm hatten; vermutlich war es eher eine Ahnung, die selbst die Dümmsten unter ihnen irgendwie hatten, dass Mo in Wirklichkeit besser war, als sie alle zusammen, und deswegen ließen sie ihn in Ruhe. Vielleicht war er ihnen auch einfach scheißegal, so wie sie ihm scheißegal waren.

Für mich war das schwerer. Ich wollte schon irgendwie dazugehören und ich konnte nicht verstehen, wie Mo es einfach so schulterzuckend hinnehmen konnte, dass wir als diese verkackt-unterprivilegierten Leute aufgewachsen sind, die wir waren, und dass wir in engen Wohnungen groß geworden sind, anstatt in großen Häusern voller Pfannkuchenduft, und dass wir deswegen diese ganzen Chancen nicht hatten, die für unsere Mitschüler so selbstverständlich waren. Ich wollte schon irgendwie dazugehören, deswegen versuchte ich, nicht aufzufallen, versuchte mich bedeckt zu halten; deswegen lachte ich über die gleichen Witze wie alle, auch wenn sie mich absolut anödeten, immer fest davon überzeugt, dass ich eines Tages auch Gläser voller Gin Tonic in mich hineinschütten würde, reich und erfolgreich, solange ich nur laut genug lachte.

»Im Prinzip kannst du dich normalerweise an den Arbeitsplan halten«, erklärte mir Marc den Ablauf, an jenem ersten Tag, als ich noch die Neue war.

Seine grauen, strähnigen Haare waren wohl eines Tages mal eine Frisur gewesen, oder vielmehr: etwas, das Marc wohl für eine Frisur gehalten hatte. Jetzt waren sie unregelmäßig nachgewachsen; stellenweise war er schon kahl, und während seine Haut sonst überall weiß war und fleckig, war seine Kopfhaut rot und geschuppt. Ich schätzte ihn auf Anfang sechzig, aber vielleicht war er auch jünger und hatte nur zu viele Tage mit Trinken verbracht. Sein Gesicht war zerfurcht, seine Augenbrauen buschig. Er trug einen Blaumann voller Fettflecken, und ich ahnte schon damals, dass er den wahrscheinlich nur dann auszog, wenn er sich schwer atmend abmühte, Jenny zu rammeln. Er verkörperte mit seiner massigen Figur alles, was ich mir unter typisch deutsch vorstellte: Ein armer alter Trinker, zu dessen größten Freuden die selbst gegrillte Bratwurst gehörte. Trotzdem mochte ich ihn. Er gab sich immer auf eine verzweifelte Art Mühe, lustig zu sein, und für diese tollpatschigen Versuche schloss ich ihn in mein Herz.

Das enge Hausmeisterkabuff, in dem wir an einem mit Papieren vollgemüllten Tisch saßen, nannte Marc die Leitzentrale. »Hier schalte und walte ich«, sagte er und verschluckte sich, als er lachen wollte. Ich gab mir ebenfalls Mühe, ein wenig zu grinsen. »Beziehungsweise schaltest und waltest du dann jetzt auch hier«, ergänzte er.

Im Prinzip, erklärte mir Marc, müsste ich nichts weiter tun, als die Nächte über hier zu sein, ansprechbar, falls irgendwas sein sollte. »Was kann denn sein, zum Beispiel?«, fragte ich ihn.

Marc zuckte mit den Schultern: »Keine Ahnung, das ist ganz unterschiedlich, kommt aber auch auf die Klienten an.«

Er sagte »Klienten« und nicht »Penner«, was auch dazu bei-trug, dass er mir sympathisch wurde.

»Manchmal will einer nur reden, sich ausheulen, was weiß ich. Als ich noch selber die Nächte gemacht hab, da war mir das am liebsten, einfach quatschen oder zuhören, und wenn du willst, kannst du in der Leitzentrale auch rauchen. Manchmal ist auch irgendwas kaputt und du musst es reparieren, das Klo oder … keine Ahnung … der Wasserhahn. Wenn du nicht weißt, wieʼs geht, dann hängʼ halt ein Schild dran, ›Außer Betrieb‹ oder so. Dann sagst duʼs mir am nächsten Tag, dann kann ich das reparieren. Und manchmal gibt’s Randale, wenn der Schnaps nicht reicht oder wenn es zu viel Schnaps gegeben hat, solche Sachen halt. Du weißt schon. Dann musst du einfach dazwischengehen oder die Bullerei rufen, damit die hier nichts kaputt machen. Im schlimmsten Fall schlagen die Klienten sich gegenseitig die Fressen ein, aber das passiert eigentlich nicht so oft. Die meisten von denen sind ganz anständige, friedfertige Leute, aber es ist eben auch anstrengend für die, immer um das Recht zu kämpfen, weiter existieren zu dürfen. Das kann dann an manchen Tagen einfach zu viel für die sein, wenn du weißt, was ich meine.«

Marc hustete und ich fragte mich, warum einer wie er so liebevoll von den Obdachlosen sprach, die hierher kamen; die »Klienten«, wie sie bei Marc hießen. Er sah eigentlich nicht aus wie ein guter Mensch, wie einer, der sich um andere sorgt oder kümmert. Vielleicht war da mehr, als man sehen konnte, oder vielleicht brachte das auch nur der Job mit sich, wer weiß.

Die kühle Herbstsonne brach sich in den fleckigen Fensterscheiben des Hausmeisterkabuffs. Draußen würde der Tag bald enden, die meisten Strandcafés machten zu dieser Jahreszeit schon früh zu, weil sowieso keine Touristen da waren, die sich mit Kaffee und Kuchen hätten vollstopfen können. Ich wollte vor Beginn meiner Schicht noch einmal zum Strand laufen, einmal tief die Seeluft einatmen, die für mich noch so neu und ungeheuerlich war, und mir dann in meiner dunklen Wohnung einen dunklen Kaffee bereiten, um mich auf meine neue Aufgabe einzustimmen.

»Naja, ansonsten kannst du hier auf der Pritsche pennen oder die Glotze anmachen, wie du willst. Oder du nimmst dir ein Buch mit, das ist deine Sache. Jedenfalls kannst du dich im Prinzip an den Arbeitsplan halten, die Nächte machst du und morgens um halb acht kommt Jenny dich ablösen. Sie mag es, am Anfang noch einen Kaffee zu trinken und zu plaudern, aber da musst du dich nicht verpflichtet fühlen, ich sag's nur, falls du dir Freunde machen willst. Jenny ist gar nicht so übel, sag ich dir. Sie kann 'ne Menge Geschichten erzählen zu den Leuten, die hier so ein- und ausgehen. Ist schon lange dabei, länger als ich, und sie kennt hier jeden. Also falls du Fragen hast, dann wende dich an Jenny. Und wenn nachts irgendwas ist und du weißt nicht weiter, dann vertröste die Klienten auf den nächsten Tag, wenn das geht, und zur Not rufst du halt die Bullen. Damit wirst du dich nicht unbedingt beliebt machen, aber was soll's, das sind die gewohnt und du bist ja nicht hier, um jemanden zum Heiraten zu finden.«

Wieder lachte Marc und hustete dann. Wieder versuchte auch ich, mir ein Lächeln abzuringen. Warum ich mich nur im Prinzip an den Arbeitsplan halten konnte, wurde mir auch nach diesen Ausführungen nicht klar, aber ich fragte nicht weiter und Marc hatte offenbar kein Interesse daran, noch mehr zu sagen.

Ich war froh, dass Marc zu keinem Zeitpunkt etwas darüber gesagt hatte, dass das kein Job für Frauen wäre. Ich war mir zwar nicht sicher, ob es nicht eine Dienstvorschrift gab, dass hier nur Männer als Nachtwächter arbeiten durften, immerhin hatte ich vorher nie von Nachtwächterinnen in Notunterkünften gehört, aber ich war mir außerdem auch gar nicht sicher, ob ich offiziell eingestellt worden war. Einen Arbeitsvertrag hatte ich nicht gesehen und von Kranken- oder Rentenversicherung hatten weder Jenny noch Marc etwas gesagt. Ich wusste nicht, ob es den Job offiziell gab oder nicht und nicht einmal, ob es einen Träger für diese Unterkunft gab und wer das war, aber eigentlich war mir das auch alles scheißegal. Hauptsache, dass ich hier in Ruhe gelassen wurde. Niemand würde mir dumme Fragen stellen und ich bekäme ein bisschen Geld, was immerhin ein bisschen mehr wäre, als gar nichts.

Angst hatte ich nicht bei der Aussicht, dass zu meinen Aufgabenfeldern offenbar auch das Schlichten von Streit zwischen Besoffenen gehören würde. In meiner Nachbarschaft hatte es oft Prügeleien wegen Nichtigkeiten gegeben. Meistens betrunkene oder zugedröhnte Männer, die das Gefühl hatten, falsch angesehen worden zu sein. Sie hatten kein Gefühl mehr dafür, wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte, und warfen sich gegenseitig die Treppen hinab, die zum Edeka führten. Die anderen kreischten, feuerten an oder wollten das Schlimmste verhindern. Wer Teil einer Prügelei war, ignorierte die Umstehenden. Blaue Augen, blutige Lippen, ausgeschlagene Zähne. Das war normal, und wenn einer am Boden lag und wimmerte, dann spuckte der andere auf ihn – glorreich und glänzend im Moment seines Sieges.

Für gewöhnlich versöhnten sich die Streitenden dann kurz darauf wieder, spuckten auf zerfledderte Papiertaschentücher, um sich das Blut aus dem Gesicht zu reiben, und gurgelten mit Hochprozentigem, um die Wunden zu desinfizieren. Dann grinsten die Münder. Zahnlücken klafften. Mit einem Handschlag war alles wieder gut.

Wir anderen wussten, dass die Streitereien nie lange dauerten. Wir hielten uns zurück, gingen, nur heimlich nach den Prügelnden schielend, vorbei oder machten uns lustig, sagten: »Die alten besoffenen Säcke!«, und verhöhnten sie.

Mo war da anders. Er lachte nie jemanden aus und nie ging er an einer Prügelei vorbei, ohne dazwischenzugehen. Mo kackte auf die Gelegenheit, sich mit Hohn und Spott bei den Gleichaltrigen beliebt zu machen. Für ihn waren auch die alten besoffenen Säcke Menschen mit Geschichten und Gesichtern, für ihn war jeder eskalierende Streit eine menschliche Tragödie.

Ich habe nie jemanden gekannt, der so mutig und so selbstlos war wie Mo. Nie kannte ich jemanden, der so wenige Vorurteile hatte. Natürlich wussten die Leute in der Nachbarschaft, dass einige der Säufer und Junkies HIV-positiv waren. Für die Erwachsenen reichte das allein als Grund, um sich bei Streitigkeiten nicht einzumischen. Mo war das scheißegal, er ging trotzdem dazwischen, auch wenn die Kämpfe blutig wurden.

Er vermied dann hektische Bewegungen, ging ganz langsam auf die Betrunkenen zu und sprach mit dieser besonderen, leisen Stimme zu ihnen. Meist fand er zu Beginn wenig Beachtung; wer sich schlagen wollte, schlug sich, auch wenn ein Halbstarker sich einmischte. Aber Mo hatte diese Art, höflich, ruhig und bestimmt zu sprechen und er hörte nicht auf damit, auch wenn die Fäuste weiter flogen. Und etwas an dieser Art zu sprechen oder an seinem Auftreten war es, das die Leute immer in den Bann zog. Alle Leute. Das behaupte ich jetzt nicht nur, weil Mo mein bester Freund gewesen ist, das weiß ich, weil ich es hunderte Male beobachtet habe.

Wie Mo sich beschwichtigend zwischen die Streitenden drängte, mit ihnen sprach und ihnen, sobald er ihre Aufmerksamkeit erlangt hatte, ruhige Fragen stellte. Wie die eben noch Fäuste schwingenden und Blut spuckenden Säufer sich beruhigten, ihn ansahen und ihm zusahen. Wie Mo sie langsam voneinander löste, ihnen Wasser anbot oder ein Taschentuch, um die Wunden zu versorgen.

Ich habe das gesehen, deswegen glaube ich es. Ein bisschen hat Mo mir damals auch Mut gemacht und mir das Gefühl gegeben, dass es sich lohne, sich für andere einzusetzen. Ich hatte, wenn ich Mo beobachtete, wie er bei den Auseinandersetzungen dazwischenging, irgendwie das Gefühl, dass es richtig war, was er tat.

Ich selbst habe mich nie getraut, etwas zu tun, wenn ich die Streitenden gesehen habe. Nicht alleine, nicht ohne Mo. Aber ich habe ihn unterstützt, immer, wenn er es gemacht hat. Dann war ich mutig und bin mit ihm dazwischengegangen, eine Hand auf seiner Schulter, so, dass ich sein verwaschenes T-Shirt, seine Wärme und seine Knochen spüren konnte. Dann fühlte ich mich stark, und wenn der Streit vorbei war, hatte ich das Gefühl, dass Mo und ich gemeinsam etwas Großartiges getan hatten.

An meinem ersten Tag dachte ich, dass ich heute keine Angst mehr hätte, alleine bei einer Prügelei einzuschreiten. Warum sollte ich auch, was könnte schon passieren?

Ich bin nicht so mutig oder selbstlos wie Mo, noch immer nicht, aber ich habe auch nichts, um das ich mich fürchten müsste. Es ist scheißegal, ob ich angespuckt werde oder eins auf die Fresse kriege, wer bin ich schon, dass ich mich um mich sorgen müsste?

»Wenn du noch irgendwelche Fragen hast, Svenja, dann kannst du mich immer fragen. Mich oder Jenny, das ist egal, wir kennen uns hier beide aus«, sagte Marc.

Ich nickte. Fragen hatte ich im Moment keine und mir kam die Tätigkeit auch nicht so anspruchsvoll vor, als dass ich mir vorstellen konnte, dass in Zukunft noch viele Fragen auftauchen würden. Das Licht draußen wurde weniger. Es war diese Jahreszeit, in der es schon früh wieder dunkel wurde und lange dunkel blieb. Die Dinge, die in dem eckigen Kabuff herumstanden, sahen im Dämmerlicht merkwürdig aus, fast lebendig irgendwie. Der Staub, der sich auf den Oberflächen abgesetzt hatte, glitzerte silbern, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, um der Trostlosigkeit einen traurigen Glanz zu geben.

Marc räusperte sich. »Na dann«, sagte er.

»Na dann«, sagte ich.

»Hier sind die Schlüssel«, sagte Marc und reichte mir einen schweren Schlüsselbund mit einem Haufen identischer Schlüssel. Irgendwer, vielleicht Marc selbst, vielleicht auch Jenny, hatte auf jeden der Schlüssel ein andersfarbiges Stück Klebeband geklebt.

»Das wirkt erst einmal kompliziert«, sagte Marc und schien verlegen. »Eigentlich ist es aber ganz einfach, der Gelbe ist für die Eingangstür, der Blaue für alle Klos, der Rote hier für das Hausmeisterzimmer, der Violette … ach, scheiße, ich gebʼ dir eine Liste, das kann sich ja kein Mensch merken. Aber ich denke – also, ich bin sicher – du lernst das schnell.«

Ich nickte noch einmal und Marc begann, in einem Pappkarton zu wühlen, der unter dem Tisch stand, an dem wir saßen. Der Karton war – wie auch der Tisch – vollgestopft mit verschiedenen Papieren, die wild durcheinander flogen. Von meinem Platz aus konnte ich erkennen, dass Schnellhefter darunter waren, Werbeprospekte und Telefonrechnungen. Marc fluchte, als ein Stapel Papier aus der Kiste auf den Boden fiel, während er sie durchsuchte. Schließlich zog er einen zerknitterten Zettel hervor, wendete ihn und betrachtete ihn von beiden Seiten.

»Ich find' die verdammte Liste nicht«, brummelte er und zog einen Kugelschreiber aus der Brusttasche seines Blaumanns. »Schon in Ordnung, ich denke, ich kann das auch ausprobieren«, sagte ich.

Marc schüttelte seinen Kopf. »Nee, nee«, murmelte er, ohne den Blick von dem Papier abzuwenden, »ich schreib dir das schnell auf.«

Er leckte an seinem Finger, bevor er versuchte, den Zettel glatt zu streichen und schrieb dann mit ordentlichen Buchstaben auf, welcher Schlüssel zu welchem Schloss passte. Dabei atmete er schwer und verschluckte sich ein paar Mal. Sein Husten klang dumpf in dem kleinen Raum, wo das Licht mittlerweile nicht mehr ausreichte. Ich hätte ihn gerne gebeten, die Lampen einzuschalten, aber ich wollte ihn nicht ablenken. Meine Augen schmerzten ein bisschen und ich versuchte, einen abstehenden Fetzen eines eingerissenen Nagels ganz abzureißen. Allerdings erwischte ich ihn auch nach mehreren Versuchen nicht, weswegen ich mir den Finger in den Mund steckte, in der Hoffnung, den überflüssigen Nagelfetzen abkauen zu können.

Schließlich überreichte Marc mir die Liste und ich schob meinen Stuhl zurück. »Danke«, sagte ich, »ich gehʼ dann nochmal heim, bevor ich anfange.«

Marc nickte und rührte sich nicht. Ich stand auf, hob die Hand, als wollte ich ihm winken, und nickte ihm zu, bevor ich den Raum verließ.

»Ich geh' dann mal«, sagte ich noch einmal.

Draußen überraschte mich die Kälte. Ich hatte gedacht, dass das Meer die Hitze des Sommers noch eine Weile speichern würde, aber vielleicht irrte ich mich oder das Meer machte hier nicht, was es sollte, keine Ahnung. Auf jeden Fall fröstelte mich, als ich mich mit schnellen Schritten von dem Männerwohnheim entfernte, das nun meine Arbeitsstätte war. Das Meer, stellte ich mir hirnverbrannterweise vor, war mein Verbündeter hier.

2

Ein starker Wind kam vom Meer und es war schon fast nachtdunkel, als ich den Strand erreichte. Die Sonnenschirme und die Toilettenhäuschen waren geschlossen, das würden sie jetzt den ganzen Winter über bleiben. Außer ein paar Möwen und Müll, angeschwemmtem Strandgut, war der Strand leer. Die hartgesottenen Spaziergänger mit den strengen Gesichtern, die unabhängig von der Witterung herkamen, waren jetzt heimgegangen, um zu Abend zu essen.

Zwei Tage zuvor, als ich mit meinen wenigen Dingen hergezogen war, hatte ich nachmittags noch Schwimmer in den Wellen gesehen. Was für komische Käuze, die sich das antaten. Redeten von der belebenden Kraft des Wassers oder so einen Unfug, oder vielleicht dachten sie, dass sie ihre Immunabwehr stärken müssten. Wahrscheinlich tranken sie auch ihren eigenen Urin und sagten Sachen wie: »Mein täglicher Frischkornbrei schmeckt mal wieder hervorragend.« Als ob sie das vor dem Tod retten könnte.

Ich ging über den nassen Sand, hörte auf das Knirschen meiner Schritte, auf das Meer und auf die Möwen, deren beständiges Kreischen alle anderen Geräusche dämpfte, so wie ein dicker Teppich, der über eine Tür gehängt wurde, alle Geräusche dämpft. Die Sohle meines rechten Stiefels löste sich; ich hatte schon lange vor, mir Sekundenkleber zu besorgen, um das zu reparieren, aber irgendwie hatte ich es bisher immer versäumt. Deswegen hatte ich jetzt bald den Sand im Schuh, spürte, wie meine Socke sich langsam mit der Feuchtigkeit vollsaugte. Meine Jacke war winddicht, ich zog sie enger um meine Schultern, denn mir war kalt und der Wind setzte mir zu.

Bald würde ich den Weg hier in- und auswendig kennen, dachte ich mir. Am Meer wohnen, wer hätte das gedacht? Am Meer wohnen, das ist schon so ein Traum, dachte ich, und auch wenn ich diesen Traum vorher nie geträumt habe, war das irgendwie, als hätte ich es geschafft. Obwohl es sich überhaupt nicht so anfühlte, als ob ich irgendetwas geschafft hätte. Ich war immer noch ich und die Chancen standen schlecht, dass sich daran noch irgendwann etwas ändern würde.

Noch zwei Stunden, bis meine erste Schicht beginnen würde. Ich zog das zerknitterte Softpack Kippen aus meiner Jackentasche und eine krumme Zigarette daraus hervor. In den vergangenen zwei Tagen hatte ich schon viel über den Wind gelernt, deswegen hatte ich mir am Mittag beim Einkaufen ein großes Stabfeuerzeug gekauft, eines in der Art, wie sie für gewöhnlich zum Anzünden der Flammen auf dem Gasherd verwendet werden. Ich erhoffte mir, dass es dem Wind besser trotzen würde als die gewöhnlichen kleinen Plastikfeuerzeuge, mit denen ich am Strand in den vergangenen Tagen immer mehrere Minuten gebraucht hatte, um meine Zigaretten anzuzünden.

Ich drehte mich mit dem Rücken zum Wasser, mit dem Rücken zum Wind und steckte die Zigarette zwischen meine Lippen, auf denen ich das Salz der See schmeckte. Meine Hände waren kalt und ich rutschte immer wieder mit dem Finger ab, während ich versuchte, das Feuer zu entfachen. Als ich es geschafft hatte, flackerte die Flamme nur kurz auf und erlosch dann gleich wieder, aber es hatte gereicht: Meine Zigarette brannte.

Ich inhalierte tief, spürte, wie der dreckige Rauch sich in meinen Lungen absetzte und hatte das Gefühl, ich müsste weinen. Keine Ahnung, ob es das Meer war, das mich so weich machte. Vielleicht war es auch die plötzlich einsetzende Klarheit darüber, dass ich von nun an wirklich vollkommen allein war. Völlig auf mich gestellt in diesem Scheißkaff, das nicht besser war, als der Ort, aus dem ich hergezogen war. Vollkommen alleine, in diesem beschissenen Land, in dem es für mich keinen Platz gab, der nicht nach Pisse stank.

Obwohl ich außer Schwärze und ein paar blinkenden Lichtern kaum etwas sah, warf ich noch einen letzten Blick in Richtung des Meeres. Im Herbst ist das Meer ehrlicher, rauer. Die Touristenmassen sind fort, für die es im Sommer gezähmt werden muss. Nur die Fischer sind geblieben; die Fischer und die Einheimischen, die Alkoholkranken und die Verzweifelten. Jetzt, am Abend, war kein Schiff mehr auf dem Wasser, zumindest sah ich keines, aber vielleicht konnte ich auch einfach nicht weit genug sehen. Die Flut kam und mit ihr die spritzende Gischt.

Ich wandte mich zum Gehen, suchte den Übergang über den Deich. Eigentlich hätte ich am Strand fast bis zu meiner Wohnung laufen können, direkt bis zu dem breiten Betonweg, der vor den Hochhäusern zum Wasser führt. Aber zwischen mir und meiner Wohnung lag ein abgesperrtes Stück Privatstrand. Ein kleiner Abschnitt, wo der angeschwemmte Müll Tag für Tag vom Hotelpersonal weggekehrt wurde, auch jetzt im Herbst offenbar noch täglich, obwohl im Moment sowieso niemand für den makellosen Blick aufs Wasser zahlte. Am Tag war es kein Problem, an dem Stück einfach am Zaun vorbei durch das Wasser zu waten, aber jetzt war mir zu kalt, meine Füße waren bereits nass und ich musste aufs Klo.

Als ich die Treppen des Deiches nach oben lief, den Wind im Rücken und die hässliche graue Stadt vor mir, warf ich meine halbgerauchte Zigarette weg. Mir war schlecht und ich hatte nicht das Gefühl, dass Rauchen das gerade besser machen würde. In fünf Minuten würde ich zu Hause sein, wenngleich das Wort Zuhause mein Gefühl für die leere Wohnung, in der ich jetzt lebte, nicht gerade treffend beschrieb.

Zuhause – das war auch eine Sozialwohnungssiedlung. Eine andere, die aber ähnlich stank und in der die Wände ähnlich hellhörig waren. So konnte man dort an den Mittagen die anderen Kinder schreien hören, konnte hören, wie die Familien sich unterhielten, wie die Mütter kochten, wie die Irren lachten. Laute Musik dröhnte aus den Teenagerzimmern, lautes Gebrüll tönte vom Hof herauf. Wenn man aus den Fenstern schaute, die zur Straßenseite hin lagen, dann sah man von oben den Edeka. Davor die Flaschensammler, die Rentnerinnen, die Haushaltshilfen und die Besoffenen, die sich ab und an prügelten, oft nur pöbelten und meistens einfach rauchend und trinkend auf den Stufen saßen, Alkohol ausdünstend und den Frauen, die einkaufen gingen, auf den Arsch glotzend. Zerbrochene Flaschen, klebrige Bierlachen und schlecht überfärbte weiße Haare.

Es waren fast immer die Frauen, die zum Edeka gingen; für gewöhnlich mittags, kurz bevor die Kinder aus der Schule kamen. Nur für Kleinigkeiten, für Sachen, die beim Großeinkauf am Wochenende vergessen worden waren, oder für Zeug wie Klopapier und Schokolade, Zeug, das früher als geplant zur Neige gegangen war und schnell ersetzt werden musste. Manchmal gingen auch Männer in den Edeka, meist nur, um sich Bier zu kaufen oder Zigaretten, aber bei uns gab es auch ein paar alleinerziehende Väter, die immer komisch angesehen wurden, wenn sie Windeln oder Nudelsauce auf das Kassenband packten. Es war normal für Frauen, alleine für eine Familie verantwortlich zu sein. Nicht normal war es, wenn ein Mann sitzengelassen worden war.

Es ist nicht so, dass ein Großteil der Menschen, die mit mir in den Hochhäusern wohnten, misstrauisch waren oder gar böswillig. Viele waren nur irritiert von dem, was sie nicht kannten, und sie schätzten die Normalität, denn schon die Normalität war scheiße genug. Die Normalität war vorhersehbar, planbar, aber wenn dann auch noch die Scheiße dazu kam, die nicht normal war, dann war das zu viel. Natürlich gab es auch bei uns Arschlöcher, blöde Säcke, die es mit Genugtuung erfüllte, anderen weh zu tun. Aber die gibt es überall, schätze ich. Das war mit Sicherheit kein Problem, das nur bei uns auftrat.

Zuhause, das waren die Graffiti, die sich wie wilde Tiere über die Brückenpfeiler schlängelten, über die Hauswände und über die Müllcontainer. Das waren die schlechten Witze und die mit Edding auf Fensterscheiben gekritzelten Tags. Das waren die großen Wäscheleinen, die quer über den Hof gespannt waren, neben den Mülltonnen, die eingezäunt am Rand standen, das war der Schulweg, der am Laden mit dem Esspapier vorbeiführte, und der Asphalt. Zuhause, das war meine Mutter, die selten zufrieden und nie glücklich wirkte, stets ein bisschen gestresst, und die immer tadellos gekleidet war.

Die Wohnung, in der ich mit ihr lebte, war nicht spektakulär; weder war sie spektakulär groß, noch spektakulär klein. Sie war nicht besonders schön eingerichtet, es stand Zeug darin rum, das wir täglich benutzten, und es war gut, dass dieses Zeug da war, aber ich glaube nicht, dass meine Mutter beim Kauf unserer Möbel jemals vorrangig darauf geachtet hatte, ob sie zu den bereits vorhandenen Möbeln passen würden.

Ich hatte ein eigenes Zimmer mit meinen eigenen Sachen und meine Mutter hatte ein eigenes Zimmer mit ihren Sachen, wir hatten eine Küche und ein Bad und dann hatten wir noch ein Wohnzimmer. Das lag daran, dass ich ein Einzelkind war. Es gab ein paar Einzelkinder bei uns in der Siedlung, aber die große Mehrzahl hatte Geschwister, und weil die Wohnungen größtenteils baugleich waren, gab es in den Wohnungen, in denen mehrere Kinder lebten, häufig keine Wohnzimmer, oder die Kinder teilten sich einen Raum.

Mo lebte lange gemeinsam mit seiner kleinen Schwester in einem Zimmer. Erst als er dreizehn wurde, zog er in das Zimmer, das vorher das Wohnzimmer gewesen war. Seine Eltern stellten ihr Schlafzimmer um, so dass die Couch darin Platz fand, falls Gäste kämen. Gegessen wurde fortan in der Küche oder auf dem eigenen Bett.

Zuhause, das war ein Zuhause, das ich kannte, das ich einschätzen konnte. Es war Zuhause, weil ich immer dort gelebt hatte, aber vor allem war es Zuhause, weil ich dort Mo hatte, anstatt alleine zu sein. Weil es dort immer Mo und ich waren, wir beide gemeinsam, und da war es dann egal, ob es nach Pisse stank oder nach angebrannten Nudeln.

Das Haus am Meer, in dem ich jetzt wohnte, hatte keinen Aufzug. Im Treppenhaus war es dunkel und kalt; ich tastete lange an der rauen Wand entlang, bis ich schließlich den Lichtschalter fand. Neben den Treppen waren braune Striemen an der Wand, wie von den Krallen eines wilden Tieres; etwa auf Hüfthöhe hatte jemand mit einem schwarzen Edding ein Galgenmännchen gemalt. Die Stufen waren aus grauem Stein, sie gaben nicht ein bisschen nach, als ich auf ihnen nach oben ging. Weiße Flecken, wie Vogelscheiße, sammelten sich auf dem ersten Treppenabsatz, und ich fragte mich, was für Leute meine Nachbarn wohl waren.

Ich hatte bisher noch niemanden der anderen Bewohner des Hauses gesehen, aber ich stellte mir vor, dass im zweiten Stock, in der Wohnung gegenüber, ein älteres Straußen-Ehepaar wohnen musste. Zwei große, plumpe, graugefiederte Vögel, die nicht mehr miteinander sprachen und schon längst damit aufgehört hatten, das zerrupfte Gefieder des anderen zu liebkosen. Die sich auf diese Weise heimlich für ihren skurrilen Körperbau schämten, so wie ich mich schämte, wenn ich alleine nackt war. Ich nahm an, dass die Toiletten in dem Mietshaus wohl nicht den Ansprüchen von zwei ältlichen, inkontinenten Laufvögeln gerecht wurden und dass daher hin und wieder auf dem ersten Treppenabsatz ein Malheur passierte. Ich weiß nicht mehr, was mich dazu brachte, das zu denken. Die weißen Flecken jedenfalls waren da und ich hatte nicht vor, sie zu entfernen.

Als ich die Türe zu meiner dunklen Wohnung aufschloss, merkte ich, dass ich Hunger hatte. Den ganzen Tag über hatte ich noch nichts gegessen. Seit ich keinen wirklichen Grund mehr hatte, mich selbst am Leben zu erhalten, vergaß ich das Essen einfach immer wieder. Hauptsächlich ernährte ich mich von süßen Limonadengetränken, von Kaffee und von Zigaretten. Meist reichte mir zusätzlich dazu eine Packung billiger Schokokekse und drei oder vier Remouladen-Käse-Sandwiches, um meinen täglichen Kalorienbedarf zu decken, aber jetzt hatte ich das Gefühl, ich müsste vor Antritt meiner Schicht etwas Warmes zu mir nehmen.

Ich setzte Wasser im Wasserkocher auf und wärmte den Ofen vor. In den Backofen legte ich zwei Toastbrotscheiben, die ich mit Ketchup bestrichen und mit Schmelzkäse belegt hatte. Das Wasser schüttete ich zur Hälfte in eine Tasse, in die ich Instant-Kaffeepulver rührte; die andere Hälfte gab ich in einen Topf und schüttete den Inhalt einer Packung Tütensuppe hinein.

Während ich darauf wartete, dass mein Essen fertig würde, trank ich den heißen Kaffee in kleinen Schlucken und zündete mir noch eine Zigarette an. Mir war immer noch übel. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, mal so richtig zu kotzen, aber ich starrte nur gedankenverloren auf den grauen Zigarettenrauch, der sich in meinen Haaren verfing. Es gab keine Vorhänge in meiner Wohnung – eigentlich gab es noch gar nichts, außer ein paar Tassen, Töpfen und Löffeln und einer Matratze mit einem ordentlich geweißten Spannbettlaken darauf, das ich aus dem Schrank meiner Mutter hatte mitgehen lassen. Die Lichter von draußen, von der Stadt oder von der Straße, keine Ahnung, flackerten bunt an meinen Wänden. Während ich gedankenverloren zusah, kochte die Suppe über und ich nahm sie vom Herd.

Es war eigentümlich leise in dem Hochhaus. Ich glaube, dass ich in der ganzen ersten Zeit kaum Geräusche aus den anderen Wohnungen gehört habe. Kein Kindergeschrei, keine Musik, keine Streitereien wie ich es aus der Miethaussiedlung meiner Jugend kannte. Nur hin und wieder aus der Wohnung über mir ein Geräusch, als ob etwas Spitzes schnell über den Boden schleifen würde.

Vielleicht, dachte ich, ist es ja ein domestizierter, abgebrannter und abgehalfterter Tiger, der über mir wohnt. Einer, den die kleine Wohnung beengt, der sich mit seinen Tatzen Platz schaffen will und der keine richtige Lösung für sich findet, weil er irgendwie eine Ahnung davon hat, wie es sein könnte, in Freiheit zu leben, und sich doch nicht so recht traut auszubrechen, weil die Jahre der Gefangenschaft ihn abgestumpft haben. Nervös scharrt er dann mit seinen Klauen über den Boden, hofft, dass er sich so doch noch befreien kann, aber innerlich hat er längst aufgegeben – hat ob der dünnen, kalten Wände seiner Sozialwohnung, seines Gefängnisses, resigniert. Es wird immer beim Scharren bleiben; nie mehr wird er seinen Rachen in Wut aufreißen, um die in einem Leben in Gefangenschaft angestaute Beklemmung in einem furiosen Fauchen zu entladen. Lebst du noch oder wohnst du schon?, könnte man ihn fragen und er würde betrübt zu Boden blicken und sagen: »Warum auch sollte ich noch versuchen, weiterzuleben? Was hält mich, wenn es nicht der herbe Geschmack frischen Blutes ist, den ich niemals mehr auf meiner Zunge werde kosten können?«

Ich hätte ihn gerne kennengelernt, diesen Tiger; ich hatte das Gefühl, dass er und ich uns gut verstehen würden. Beide grimmig dreinblickend in der Erinnerung an die vorangegangene Kapitulation. Beide apathisch dahinsiechend in der Ahnung an die vor uns liegende Tristesse.