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Seit Ellas kleine Schwester Marie im Koma liegt, hat die 17jährige schwer mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Um zu verhindern, dass ihre Tochter die ganzen Sommerferien zurückgezogen, allein zu Hause verbringt, schickt Ellas Mutter sie nach Irland in das Ferienhaus ihrer Freundin Molly. Ella ist wenig begeistert. Doch Mollys Sohn Liam teilt mit ihr einen ähnlichen Schmerz und sie findet in ihm bald einen Verbündeten. Als ihr im Hotel ein kleines Mädchen begegnet, das sie stark an Marie erinnert, beginnt sie Briefe an ihre Schwester zu schreiben, in der Hoffnung, dass Marie ins Leben zurück finden wird.
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Seitenzahl: 478
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Erstes Kapitel - Eine andere Welt
Zweites Kapitel - Das Leben nach dem Augenblick
Drittes Kapitel - Ein neuer Weg
Kapitel Vier - Alte Freunde
Kapitel Fünf - Neue Freunde
Kapitel Sechs - Wahre Gesichter
Kapitel Sieben - Der Brief
Kapitel Acht - Gute Aussichten
Kapitel Neun - Wenn alte Frauen recht behalten
Kapitel Zehn - Der Sturm
Kapitel Elf - Der Entschluss
Kapitel Zwölf - Ein magischer Ort
Kapitel Dreizehn - Wofür es sich zu leben lohnt
Kapitel Vierzehn - Ein Dorn im Herzen
Kapitel Fünfzehn - Das Geständnis
Kapitel Sechzehn - Der Schaukelstuhl
Kapitel siebzehn - Erinnerungen
Kapitel Achtzehn - Wunder dieser Erde
Kapitel Neunzehn - Neue Möglichkeiten
Kapitel Zwanzig - Verschlossenes Herz
Kapitel Einundzwanzig - Zufallsbegegnungen
Kapitel Zweiundzwanzig - Seelenschmerz
Kapitel Dreiundzwanzig - Familienglück
Kapitel Vierundzwanzig - Immer bei dir
Kapitel Fünfundzwanzig - Ein kurioses Angebot
Kapitel sechsundzwanzig -Innerer Aufruhr
Kapitel Siebenundzwanzig - Der Abschied
Kapitel Achtundzwanzig - Erkenntnisse
Kapitel Neunundzwanzig - Mutterliebe
Kapitel Dreißig - Wehmut
Kapitel Einunddreißig - Die Offenbarung
Kapitel Zweiunddreißig - Die Gabe
Zweites Buch - Schattenhimmel
Danksagung
Manchmal genügt ein kurzer Augenblick, der unser ganzes Leben verändert. Ein winziger Moment, der alles, was dir vertraut war, über den Haufen wirft. Er reißt das Gefüge auseinander, setzt es neu zusammen und was du dann erkennst, wirft dich mit schwindelerregender Geschwindigkeit aus der Umlaufbahn.
So ein klitzekleiner Moment der Unachtsamkeit war es, der das Leben einer ganzen Familie auf den Kopf stellte. Meiner Familie!
Von da an war nichts mehr wie zuvor und es war bald klar, dass es das auch nie wieder sein würde.
Seit dem Tag, den ich im Stillen den ´Tag des kleinen Augenblicks´ nenne, legte sich ein Schatten über mein bisher recht unspektakuläres Leben. Nach diesem sonnigen, eiskalten Wintermorgen vor anderthalb Jahren begriff ich, wie gut es uns allen immer gegangen war. Wie unbeschwert und sorgenfrei die Tage vorbeigezogen waren. Zumindest empfand ich es so. Denn ich hatte es überhaupt nicht bemerkt. Erst jetzt, seit ich wusste, dass diese Tage zu meiner Vergangenheit gehörten und ich ihnen wehmütig nachschaute, verstand ich plötzlich.
Marie, meine kleine geliebte Marie, sie war so leicht wie eine Feder und ohne mein Gewicht wäre sie niemals im Eis eingebrochen.
Ihre Arme und Beine bewegten sich schwer gegen den nassen Widerstand. Sie schnappte nach Luft, aber ihre Lungen füllten sich immerzu mit kaltem Wasser. Panisch zappelnd glitt sie weiter hinab auf den sandigen Grund. Ein eiserner Ring legte sich um ihren Hals und ihre Kräfte schwanden dahin. Schließlich gab sie es auf zurück an die Wasseroberfläche gelangen zu wollen. Vor ihren Augen wurde langsam alles schwarz und schwärzer. Blind fühlte sie in die Dunkelheit hinein. Mit einem Mal griff eine starke Hand nach ihrer. Doch sie sah niemanden und hörte nichts. Aber als sie ihre Angst endlich loslassen konnte, fand sie ihr Vertrauen in das Leben wieder. Alles was geschah war gut. Mit jeder Faser ihres Körpers fühlte sie plötzlich, wonach sie sich schon immer gesehnt hatte - sie wurde bedingungslos geliebt, so wie sie war. Sie war nicht allein. Und das zu keiner Zeit. Ihr Herz füllte sich randvoll mit Liebe. Nackt, blind und hilflos wie ein Neugeborenes ließ sie sich in die unendliche Geborgenheit und Wärme fallen, die alles umgab.
Das laute Dröhnen bohrte sich in meinen Kopf und holte mich unsanft in die Realität zurück. Meine Finger suchten verstört nach der erlösenden Schlummertaste. Schnell zog ich meinen Arm unter die warme Bettdecke zurück. Ich musste diesen Traum festhalten, jedes Detail in meiner Erinnerung verankern. Eigentlich hätte ich noch weiter schlafen können. Ich hatte gestern Abend vergessen meinen Wecker auszuschalten. Es lagen sechs Wochen Sommerferien vor mir und das letzte Jahr vor meinem Abitur. Wenn alles gut lief. Selig über diese Erkenntnis schloss ich meine Augen wieder und ging zurück in dieses unbeschreibliche Gefühl. Würde es sich so anfühlen, wenn man diese Welt verlässt? Ich war gerade im Traum ertrunken und es war nach der anfänglichen Qual unbeschreiblich schön zu sterben. Dies klang an sich schon grotesk, aber auf Grund meiner Geschichte war es noch viel verrückter. Doch vielleicht war ich das ja auch ein wenig. Wenn ich an das vergangene Jahr dachte, war nicht von der Hand zu weisen, dass ich scheinbar nirgendwo hineinpasste. Meine Mitschülerinnen führten mir unablässig vor Augen, dass die Welt, in der sie lebten, mit meiner nicht übereinkam. Eins wusste ich zumindest sicher, so wie sie war ich nicht. Nicht, dass ich mich für etwas Besseres hielt. Aber die Sorgen und Nöte der Mädchen in meinem Alter erschienen mir schlichtweg belanglos. Ich konnte mich nicht in jeder Pause über atemberaubende Küsse unterhalten oder über angeblich süße Typen, deren jedes zweite Wort „Ey, Alter!“ war, und die ihre Hosen beim Laufen beinahe verloren, während sie lässig über den Schulhof schlenderten. Die aber trotzdem, oder gerade deswegen, als die heißesten Jungen der Schule gehandelt wurden. Dieses Phänomen blieb mir ein Rätsel. Die meisten Jungen hielten sich entweder für unwiderstehlich oder sie waren so schüchtern, dass sie die Zähne nicht auseinander bekamen, wenn sie vor einem Mädchen standen. Darum war es aus meiner Sicht absolut unnötig mir einen Kuss auf den Mund pressen zu lassen, um mich dann gegebenenfalls noch an einer fremden Zunge zu verschlucken. Und da ich bei dem Thema „Jungs“ nicht mitreden konnte oder wollte, sank ich auf dem Beliebtheitsbarometer dem Nullpunkt entgegen. Oft fühlte ich mich einsam und was mich wirklich bewegte, konnte ich mit niemanden teilen. Aber verbiegen ließ ich mich trotzdem nicht. Doch je älter ich wurde, desto sicherer war ich mir, dass mein Leben erbarmungslos an mir vorbei zog ohne mich mitzunehmen.
Auch meine frühere Freundin Viktoria, von allen Vicky genannt, hatte mir nichts mehr zu sagen. Sie schien mich für genauso langweilig zu halten wie der Rest unseres Jahrgangs. Seit über einem Jahr zog sie es vor sich den angesagten Mädchen der Stufe anzuschließen. Ihre Clique tuschelte, wenn ich in den Pausen an ihr vorüber lief, während Vicky beschämt die Linoleumfliesen auf dem Flurboden zu zählen schien. Ich fragte mich, was ihr so unangenehm war? War es die Tatsache, dass wir seit dem Kindergarten befreundet gewesen waren und wir uns einst geschworen hatten für einander da zu sein, was auch kommen möge? Oder war es ihr schlichtweg peinlich überhaupt jemals mit mir befreundet gewesen zu sein?
Jetzt, da sie aufgestiegen war und die Jungen unserer Schule ihr endlich Beachtung schenkten, waren wir uns fremd geworden. In ihren tief ausgeschnittenen Oberteilen, den blondierten langen Haaren, die sie gekonnt über die Schulter warf, wenn sie lachte, und den schwarz geschminkten Augen, erkannte ich sie manchmal kaum wieder. Es war beinahe so, als hätte jemand meine süße unschuldige Vicky mit den babyblauen Augen, den vielen Sommersprossen im Gesicht und den langen Schlabberpullis entführt und gegen dieses weniger süße Vickyexemplar ausgetauscht.
Um in den Pausen auf dem Schulhof nicht völlig allein zu sein, schloss ich mich den Zwillingen Maike und Daniel an. Sie wurden von allen nur die Streberzwillinge genannt, da die schlechteste Note, die sie jemals geschrieben hatten, eine 1- gewesen war. Die beiden liebten es über die Fragen des Hochbegabtentests, an dem sie natürlich beide teilgenommen hatten und die in ihren Augen einige Schwächen aufwiesen, zu debattieren. Ich konnte zwar nicht mitreden, musste aber auch nicht als entlarvte Einzelgängerin über den Schulhof schlendern. Also hörte ich mir ihre Philosophien über die Förderung von Hochbegabung an und nickte immer schön fleißig.
Erst vor einem Monat hatten die beiden mich zu ihrem
Geburtstag eingeladen. Eigentlich verabredete ich mich nachmittags nicht mit ihnen, aber meine Eltern meinten, eine Geburtstagseinladung dürfe man nicht ausschlagen. Also ging ich hin. Die Mutter von Daniel und Maike veranstaltete mit uns Negerkusswettessen, Sackhüpfen, Stopptanz und wir tranken Kinderpunsch aus Donald Duck Bechern, was in mir nostalgische Gefühle weckte. Nur war ich leider der einzige Gast auf dieser Party. Ben Schulte aus der 11b, Daniels bester und einziger Freund, hatte kurzfristig abgesagt, nachdem sein Hamster ihn in den Finger gebissen und seine Mutter befürchtet hatte, dass sich das Tier mit Tollwut infiziert haben könnte.
Lustlos schlug ich die Decke weg und schwang mich aus dem Bett. Der Blick aus dem Fenster machte mir nicht viel Hoffnung auf einen schönen Sommertag. Es schien mir, als wollte es heute überhaupt nicht hell werden. Dicke, graue Wolken schoben voreinander her, es regnete in Strömen und der Julihimmel an meinem ersten Ferientag ließ nicht ein blaues Fleckchen erkennen.
Im Bademantel schlurfte ich die schwarzen, breiten Steinstufen herunter. Die hässlichen Fratzen der Kunstgemälde, die meine Mutter so sehr liebte, grinsten mich von strahlend weißen Wänden hämisch an. Jedes von ihnen wurde von den schmalen, schießschartenähnlichen Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite perfekt ausgeleuchtet.
Es war mal wieder niemand zu Hause. Mein Vater arbeitete meistens von früh bis spät. Meine Mutter hatte heute ebenfalls im Krankenhaus Dienst und nach ihrer Frühschicht würde sie erst nachmittags nach Hause kommen. Bis dahin blieben mir noch ein paar Stunden. Auf nackten Füßen betrat ich die kühlen Granitfliesen unserer Küche und entdeckte die Überreste einer Schlacht vom Vorabend. Das Chaos das ich vorfand, entsprach nicht dem eigentlichen Ordnungssinn meiner Mutter. Auf dem Esstisch standen eine leere und eine halbvolle Flasche Rotwein, daneben ein Glas und ein übervoller Aschenbecher. Der Telefonhörer lag in einem Haufen benutzter Taschentücher auf der ledernen Eckbank. Als erstes riss ich die Terassentür auf, ging hinaus und entleerte den Inhalt des Aschenbechers hinter dem Haus in die Mülltonne. Das Glas und die Flaschen räumte ich vom Tisch und wischte mit einem feuchten Lappen die angetrockneten Asche- und Rotweinreste von der edlen Kristallplatte. Das Telefon landete wieder nebenan im Wohnzimmer in der Station und die Taschentücher im Hausmüll. Ich nahm noch einen Zug frischer Luft und schloss die große Flügeltür wieder. Aus dem Schrank neben dem Herd kramte ich meinen Harry Potter Lieblingsteller hervor und stellte ihn mit der passenden Tasse dazu auf den Tisch. Ein Geschenk meines Vaters, nachdem er mal wieder an einem Wochenende von einer Geschäftsreise nicht nach Hause kommen konnte. Obwohl er es mir fest versprochen hatte.
Ich holte Marmelade, Käse und Kakao aus dem Kühlschrank und platzierte die Sachen vor meinem Teller. Den Toast schob ich in den Toaster und wartete, bis mir die Scheiben gut gebräunt entgegen sprangen. Dann setzte ich mich im Pyjama auf die Eckbank, schmierte mir zwei Marmeladenkäsebrote, aß, ohne wirklich etwas zu schmecken, trank einen kalten Kakao und starrte dabei gedankenverloren hinaus in unseren Garten. Die Sommerblumen, die wild in unseren Beeten wuchsen, ließen bei dem Regen traurig ihre Blütenblätter hängen.
Unser Norwegerkater Tigger strich mir maunzend um die Beine, als ich mich auf den Weg ins Badezimmer machte. Meine Mutter mochte Tigger nicht besonders. Was einzig und allein daran lag, dass er so viele Haare verlor, die dann wenig ästhetisch auf ihren glänzenden Steinböden lagen. Ganz besonders viele Haare schien er zu verlieren, wenn er auf meine Mutter traf. Er spürte ihre Ablehnung und vor lauter Stress gingen ihm dann noch mehr Haare als sonst. Er blühte regelrecht auf, wenn sie nicht zu Hause war. Dann konnte er mal richtig Kater sein, sich auf dem teuren Ledersofa fläzen, ohne ständig auf der Hut vor ihr sein zu müssen.
Tigger setzte sich auf den Wannenrand und nachdem er seine glänzendbraunen Pfötchen geputzt hatte, beobachtete er den Kampf mit meinen Haaren genau.
Täglich verzweifelte ich an meinen roten, störrischen Locken. Sie führten ein Eigenleben und wollten immer das, was ich gerade nicht wollte. Mit einer Spange drapierte ich sie kunstvoll auf dem Kopf.
„Da staunst du, was!?“
„Maunz“ antwortete er mit seinem hohen Stimmchen, das so gar nicht zu seiner opulenten Erscheinung passte.
Diese unzähmbaren Haare waren ein Erbe meiner Mutter. Überhaupt sahen wir uns erschreckend ähnlich. Nur dass sie natürlich etwas älter war. Grüne Augen, kastanienrote widerspenstige Locken, volle Wangen und ein rundlicher Po, die schmale Taille und die Alabasterhaut. Aber im Inneren konnten wir verschiedener nicht sein.
Meine Mutter kam aus Irland und ihre Haare spiegelten ihre Persönlichkeit auf wunderbare Weise wieder. Eigenwillig, impulsiv, spontan und äußerst temperamentvoll. Zumindest war sie früher so gewesen, als mein Vater sich unsterblich in sie verliebt hatte. Zu meinem Naturell passte diese Umschreibung eher nicht. Kopflastig, schüchtern und Einzelgänger waren die Begriffe, die ich eher meiner Person zuordnen konnte.
Der Name meines Vaters war Maximilian Schlüter und als Vertreter für Gewürze hatte er beruflich in Irland zu tun gehabt. Als er meiner Mutter in einem Pub in Wexford damals zum ersten Mal begegnet war, hatte ihre Erscheinung ihn verzaubert. Er behauptete immer, dass ihn nichts um alles in der Welt dazu gebracht hätte die grüne Insel wieder zu verlassen, ohne ihr Herz für sich gewonnen zu haben. Er verlängerte seinen Aufenthalt um zwei Wochen und es gelang ihm tatsächlich sie davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie war. Nachdem meine Mutter ihre Ausbildung beendet hatte, folgte sie ihm als Dorothea Schlüter nach Deutschland und nur wenige Monate später erblickte ich das Licht der Welt.
Unzählige Male hatte mein Vater uns die Geschichte mit leuchtenden Augen erzählt. Er liebte meine Mutter und er liebte es Geschichten zu erzählen. Bis sie eines Tages alle verstummten.
Trübselig ging ich mit Tigger zurück in mein Zimmer. Ich hockte mich in das große Fenster, dessen Fensterbank ich mit einem Kissen ausgepolstert hatte. Der Kater legte sich mit seinem flauschigen Bauch auf meine kalten Füße. Von hier aus starrte ich weiter in den Regen. Bei gutem Wetter konnte man von meinem Fenster aus weit schauen. Die Sicht reichte weit über das Moor und die Wälder, die an unseren Garten grenzten. Wäre nicht ein Zaun dazwischen gewesen, hätte man meinen können, dass sie fließend ineinander übergingen. Das Gebiet hieß das Dosenmoor und lag in Neumünster an dem kleinen Stadtteil Großharrie, in dem wir lebten. Ich liebte die grüne, einsame Stille der Moorlandschaft. Ein nasser Schleier erstreckte sich heute über dem Sumpf und die Konturen der Bäume verschwammen hinter der dichten Schauerwand. Irgendwann richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den See, der nicht weit vom Haus entfernt lag. Ein hübscher kleiner See in unserem Garten, auf dem zu dieser Jahreszeit weiße Seerosen blühten. Wenn mein Blick an dem Wasser hängenblieb, konnte ich ihn meist nicht mehr abwenden. Automatisch erschienen die Bilder der Erinnerungen in meinem Kopf. Es gab kein Entkommen. Ich war mit diesem See verbunden, ob ich es wollte oder nicht. Ich sah Marie vor meinen Augen und streckte meine Hand nach ihr aus, um sie zu berühren. Aber alles was ich fühlte, war die kalte Scheibe, auf der die Regentropfen nieder perlten und in der ich mein trauriges Gesicht plötzlich erkannte.
Meine kleine Schwester Marie war fünf Jahre jünger als ich. Sie war ein Temperamentsbündel, so wie meine Mutter. Während ich nur selten aus mir herauskam und über jeden Schritt dreimal nachdachte bevor ich ihn unternahm, sprudelte sie vor Lebensfreude und Tatendrang. Sie hatte ständig tausend Ideen, die sofort umgesetzt werden mussten, da sie sonst keine Ruhe gegeben hätte.
So wie an dem `Tag des kleinen Augenblicks`.
Es war der Silvestermorgen vor anderthalb Jahren. Sie bekniete mich mit ihr auf den See zu gehen. Seit Tagen hatte es Frost und Schnee gegeben und er war fest zugefroren. Meine Mutter war damit beschäftigt alles für die große Silvesterparty vorzubereiten, die bei uns stattfinden sollte. Die halbe Stadt wurde zu solchen Events eingeladen und alle wichtigen Persönlichkeiten der Umgebung. Meiner Mutter war die Rolle der perfekten Gastgeberin auf den Leib geschneidert. Außerdem waren diese festlichen Anlässe für sie eine Gelegenheit die großzügigen Räumlichkeiten unseres Hauses zu präsentieren. Mein Vater konnte auch an solchen Tagen die Arbeit nicht ruhen lassen und zog es meist vor mit geladenen Geschäftspartnern oben in seinem Büro abzutauchen. Ihm war es, genau wie mir, einfach zu viel Trubel im Haus. Unzählige Gesichter, die mich neugierig betrachteten und gutgelaunte Gäste, die von Stunde zu Stunde lauter wurden. Möglichst unauffällig schlich ich irgendwann hinauf in mein Zimmer, um hinter verschlossener Türe abzuwarten. Meistens schlief ich dann in meinem extra für diesen Abend angefertigten Ballkleid aus feinster Seide auf meinem Bett ein.
An diesem besagten Morgen saß mein Vater oben in seinem Büro, um die letzten Arbeiten für das vergangene Jahr abzuschließen. Da ich Marie fast nie einen Wunsch abschlagen konnte, ließ ich mich auf ihr Flehen ein. In unseren dicken, roten Schneeanzügen stapften wir schließlich hinunter zum See.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß auf das Eis und drückte ihn fest auf, um zu prüfen, ob es uns wirklich tragen würde. Ich befand es für sicher und wir schlidderten über die in der Morgensonne glitzernde Fläche. Marie gluckste vor Freude und versuchte sich kunstvoll auf einem Bein zu drehen. Sie tanzte so wild wie eine Schneeflocke im Wintersturm. Mit ihrer roten Stupsnase und den vor Freude und Kälte glühenden Wangen rief sie: „Lass es uns zusammen probieren! Ich will mich noch schneller drehen! Komm Ella!“
Unsicher bewegte ich mich auf sie zu. Marie war beinahe in der Mitte des Sees angelangt, als ich sie erreichte und wir uns bei den Händen nahmen. Wir drehten uns vor Glück quietschend im Kreis. Sie war immer die einzige, die es schaffte mich aus meiner Befangenheit zu befreien. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Schneller und schneller drehten wir uns. Die Welt um mich herum zog in langen Streifen an meinen Augen vorüber. Meine Pudelmütze flog mir bei der Geschwindigkeit vom Kopf und landete im Schnee. Langsam begann ich in dem Thermoanzug mächtig zu schwitzen. Gerade als ich zum Stehen kommen wollte, um meinen Reißverschluss zu öffnen, knackte die Eisschicht unter unseren Füßen bedrohlich. Und dann ging alles furchtbar schnell. Bevor ich reagieren konnte schrie Marie laut auf, glitt mir aus den Händen und versank blitzartig in dem klirrendkalten Seewasser. Ich verlor ebenfalls den Halt unter meinen Füßen und rutschte zwischen die Brocken aus Eis. Mein nasser Schneeanzug zog mich zunehmend nach unten. Aber während ich mich mit einer Hand im Eis festgekrallte, versuchte ich mit der anderen in der Dunkelheit unter mir nach meiner Schwester zu greifen. Doch ich konnte sie nicht finden.
Es war reiner Zufall, dass mein Vater gerade oben am Fenster gestanden und uns beobachtet hatte. Er rannte hinunter zum Wasser und zog mich aus dem Loch, in dem ich wild strampelte. Meine Mutter hatte bereits den Krankenwagen gerufen und rannte mit den Decken aus dem Wohnzimmer zum Seeufer. Behutsam kam sie mir auf dem Eis entgegen und hüllte meine steif gefroren Glieder in die Decken. Mein Vater tauchte unterdessen immer wieder in das eisige Wasser ab um Marie zu suchen. Und dann war alles wie ausgelöscht. Denn ab dem Moment hatte ich keine Erinnerung mehr an diesen Tag. Die darauffolgenden Stunden lagen in tiefer Dunkelheit begraben.
Das erste, an das ich mich wieder erinnerte, war das verzweifelte Gesicht meiner Mutter neben mir, als ich im Krankenhaus erwachte. Sie sah mich aus leeren Augen an und sagte nichts. Ich wollte von ihr wissen, was passiert war. Aber sie schwieg. Ihre sonst weichen Lippen presste sie zu einem harten Strich aufeinander, ihre Haut war noch blasser als sonst und unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Ich hatte das Gefühl, dass sie böse auf mich war, weil ich mit Marie auf das Eis gegangen war. Immer wieder flehte ich sie an mir zu erzählen, was mit Marie geschehen war. Es machte mich wahnsinnig, dass sie einfach schwieg. Als mein Vater das Krankenzimmer betrat und ich in seine verquollenen Augen sah, wusste ich sicher, dass etwas Fürchterliches geschehen sein musste. Auch ihn flehte ich an mir die Wahrheit zu sagen. Doch sah er nur verzweifelt zu meiner Mutter, während seine Stimme jedes Mal versagte, bevor er einen Ton hervorbringen konnte. Und endlich ergriff meine Mutter das Wort. Sie erklärte mir mit zittrigen Händen, dass Marie im Koma liege und sehr lange ohne Sauerstoff gewesen ist. Die Ärzte könnten nicht sagen, ob sie jemals wieder aufwachen würde und wenn, ob sie dann wieder die Marie wäre, so wie wir sie kannten. Die Hand meines Vaters verkrallte sich in der Hand meiner Mutter und er weinte bitterlich. Es war unendlich schmerzhaft für mich ihn so zu sehen, ihn dermaßen enttäuscht zu haben und meinen Eltern ein solches Leid beschert zu haben. In diesem Moment umhüllte mich ein eiserner Umhang aus Schuldgefühlen und dieser lastete mit kaum zu ertragenem Druck auf meinen Schultern, bis heute.
Ich hatte genau gewusst, dass wir die Eisfläche nicht betreten durften und ich hatte es trotzdem getan. Und nun hatte ich das Glück unserer Familie auf dem Gewissen.
Meine Eltern waren sich einig, dass es für mich das Beste wäre, wenn ich Marie nicht besuchen würde. Sie wurde künstlich am Leben gehalten und meine Mutter behauptete, dass ich meine Schwester kaum wiedererkennen würde. Zunächst widersprach ich ihr nicht und war beinahe froh dieses Bild nicht ertragen zu müssen. Aber die Sehnsucht nach Marie wurde immer größer und auch die Frage, wie schlecht es ihr wirklich ging, brannte mir auf der Seele. Irgendwann war klar, dass ich sie sehen musste!
Eines Vormittags, bereits ein halbes Jahr nach dem Unfall, stand mein Entschluss fest. Die letzten beiden Schulstunden waren ausgefallen, da sich unser Sportlehrer den Arm gebrochen hatte, als er versuchte seinen Schülern eine Übung am Reck zu demonstrieren. Ohne länger darüber nachzudenken nahm ich nicht den nächsten Bus nach Hause wie gewöhnlich, sondern stieg in Linie 323, die mich ins Zentrum zu der städtischen Klinik brachte. Hier lag Marie. Und meine Mutter arbeitete ebenfalls an vier Tagen in der Woche in diesem Krankenhaus. So weit ich wusste, besuchte sie sie immer nach der Arbeit.
Auf leisen Sohlen trat ich aus dem Fahrstuhl, der mich in die fünfte Etage gebracht hatte. Auf der Glastür vor mir stand in weißen Buchstaben `Intensivstation`. Ich drückte den Schalter an der Wand und die Türflügel schwangen beinahe lautlos auf. Auf dieser Station herrschte wie immer eine beängstigende Stille. Nur das leise Piepen, Pumpen und Surren der Geräte und gelegentlich das Laufen von Gummisohlen auf blitzblankpolierten Kunststoffböden war zu hören. Da ich nicht wusste, in welchem Zimmer Marie untergebracht war, blieb mir nichts anderes übrig, als hoffentlich unbemerkt jede Tür zu öffnen. Ich hatte bereits vier Zimmer hinter mir gelassen, ohne Erfolg. Behutsam öffnete ich die Tür mit der Zimmernummer 525, als mir für einen Moment die Luft wegblieb. Unter der weißen Decke, die den kleinen Körper bedeckt hielt, hob und senkte sich im gleichmäßigen Rhythmus der zierliche Brustkorb eines Kindes. Eine blasse Hand lag leblos auf dem Laken daneben. Schläuche in verschiedenen Größen führten von dem Kind weg, hin zu den Apparaturen, die neben seinem Bett aufgebaut waren. Der in sich zusammengesunkene Körper einer Frau im grünen Kittel und einer grünen Haube auf dem Kopf versperrte mir die Sicht auf das Gesicht des kleinen Patienten. Sie lehnte mit ihrem Kopf an seine Schulter. Für einen Moment überlegte ich, was ich tun sollte. Schnellstmöglich diesen Raum verlassen oder einen Schritt weiter gehen, um der Wahrheit ins Auge zu sehen. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Im selben Augenblick bemerkte mich die Frau und drehte sich zu mir herum. Starr vor Schreck blickte ich in das ebenfalls schockierte Gesicht meiner Mutter. Ich bekam panische Angst, die ich mir nicht recht erklären konnte. Hatte ich mir doch vorgenommen Marie zu besuchen, vielleicht sogar ihre Hand zu streicheln und ihr etwas vorzusingen. Doch stattdessen rannte ich, als sei der Teufel persönlich hinter mir her. Kurz bevor ich die Glastür erreichte, hörte ich meine Mutter hinter mir meinen Namen rufen. Aber ich wollte nur weg.
Als meine Mum an diesem Nachmittag Heim kam, sagte sie nichts. Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf und ließ sich den Rest des Tages nicht mehr blicken. Am nächsten Morgen war alles wie immer, als hätte es diese merkwürdige Begegnung im Krankenhaus nie gegeben.
Wie oft habe ich seit damals an den Augenblick gedacht, bevor das Eis unter uns nachgab? Immerzu fragte ich mich, ob es das letzte Mal gewesen sein sollte, dass ich Marie, so wie ich sie kannte, gesehen habe. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich oft von ihren Spontanaktionen genervt gewesen war. Hätte ich gewusst, dass ich sie vielleicht nie wieder so unbeschwert lachen hören würde, dann hätte ich mir gewünscht, dass die Zeit auf dem Eis stehen geblieben wäre. Ich erkannte traurig, dass man den vollen Wert eines Moments manchmal erst zu schätzen lernte, wenn er unwiderbringlich vorbei war.
Seit dem Unfall waren meine Eltern nicht mehr dieselben. Mein Vater stürzte sich unerbittlich in seine Arbeit, noch mehr als zuvor schon und versuchte auf diese Weise dem Schmerz zu entkommen. Meine Mutter hingegen wirkte oft, als sei sie nur körperlich anwesend. In der ersten Zeit lag sie stundenlang im Bett, wenn sie nicht im Krankenhaus war und sagte kein Wort. Über Marie und den Unfall sprach sie grundsätzlich nicht gerne. Manchmal, wenn sie mich ansah, glaubte ich, ihr Blick ginge einfach durch mich hindurch. Ich fragte mich, ob meine Mutter es überhaupt merken würde, wenn ich von der Schule nicht nach Hause käme. Es machte mich traurig, dass sie nicht mit mir redete. Sie sagte mit keinem Wort, dass es meine Schuld war, aber sie sprach mich auch nicht davon frei. Aber was hätte das auch genützt. Ich wusste ja selbst ganz genau, dass ich das alles zu verantworten hatte. Seither konnte ich es nicht ertragen von meinen Eltern umarmt oder berührt zu werden. Wenn mein Vater tröstend nach meiner Hand griff, zog ich sie weg. Ich hatte seine Zärtlichkeit schlichtweg nicht mehr verdient, und auch von niemand anderem.
Ich vermisste meine Schwester so sehr, dass es mich körperlich schmerzte, wenn ich an sie dachte, und es fiel mir schwer überhaupt an etwas anderes zu denken. Meine lebensfrohe, quirlige Marie. Sie war so, wie ich immer hatte sein wollen, und die Umstände ihrer Abwesenheit verboten es mir glücklich zu sein.
Als meine Mutter mich damals vor 17 Jahren auf die Welt gebracht hatte, hat sie zuvor viele Stunden in den Wehen gelegen. Und als meine Herztöne auf dem CTG plötzlich schwächer wurden, wurde ich per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt. Meine Schwester hingegen war innerhalb von drei Stunden auf natürlichem Weg geboren worden. Sie war vom ersten Moment an ihr Glückskind. Wenn meine Mutter Marie die Geschichte von ihrer Geburt erzählte, sagte sie: „Wir waren ein verdammt gutes Team, kleiner Sonnenschein!“ Das sagte sie zu mir nie. Ich war nicht ihr Sonnenkind. Ich war Ella. Die, bei der alles immer kompliziert war, weil sie einfach zu viel nachdachte.
Trotzdem war ich selten eifersüchtig auf Marie. Dafür liebte ich sie zu sehr. Sie war mein Gegenstück. Ohne Marie fühlte ich mich nicht komplett.
In meiner Kindheit, als wir noch eine glückliche Familie waren, hatte Mum oft Sehnsucht nach Irland. Weshalb wir früher jedes Jahr dort hinflogen. Wir verbrachten die Ferien an der südöstlichen Küste des Landes, in der Nähe ihrer Heimatstadt. Wir besuchten immer das Strandhotel ihrer Schulfreundin Molly. Es war ein altes Cottage, in dem sie und ihr Mann Thomas die Gäste mit Liebe und Hingabe bewirteten. Bis Thomas vor einem Jahr an einem Herzinfarkt verstarb. Er war mit seinem Boot zum Angeln raus gefahren und allein auf dem Meer, als es geschah. Seit seinem Tod betrieb Molly das Familienhotel mit ihren beiden Kindern Liam und Kate allein. Damals spielten Marie und ich mit ihnen. Kate war zu der Zeit meine beste Freundin, zumindest für vier Wochen im Jahr und Liam bewunderte ich. Er war drei Jahre älter als ich und ziemlich schlau. Denn es gab selten eine Frage die er nicht beantworten konnte. Gelegentlich passte er auf Marie, Kate und mich auf, wenn wir unten am Strand spielten. Dann beschützte er uns heldenhaft vor der grausamen Meerhexe, die an der Küste von Wexford ihr Unwesen trieb. Besonders mochte ich an ihm, dass er fast noch schüchterner war als ich. Doch als Liam älter wurde, zog er sich zurück. Er hatte plötzlich keine Lust mehr mit uns jungen Hühnern zusammen zu sein und gegen angebliche Fabelwesen zu kämpfen. Er las nun lieber stundenlang in Büchern und Zeitschriften über Wale und andere Meeresbewohner. Er redete kaum noch ein Wort mit mir und ging mir zielstrebig aus dem Weg. Als ich ihn das letzte Mal sah, sprossen Pickel in seinem Gesicht, auf seiner Nase saß eine riesige Brille, sein Mund war verdrahtet und er brachte, wenn wir uns über den Weg liefen, nur schwer ein „Hallo“ zustande. Damals konnte ich nicht begreifen, was mit ihm geschehen war. Ich fand es einfach doof, wie er sich verändert hatte. Auch wenn er früher schon schüchtern gewesen war, so hatte man doch zumindest mit ihm Spaß haben können. Aber nach dem letzten Stand der Dinge hätte ich ihn eher als unlustig und steif beschrieben. Kate und ich hatten Liam hin und wieder aus Langeweile nasse Papierkügelchen an den Kopf geschossen, wenn er mal wieder in irgendeiner Ecke hockte um in seinen Zeitschriften zu blättern. Woraufhin er kurz aber heftig mit Kate schimpfte, um sich anschließend brummelnd auf sein Zimmer zurück zu ziehen. Mit mir sprach er erst gar nicht. Bestimmt mochte er mich seither überhaupt nicht mehr leiden. Was ich ihm allerdings auch nicht verübeln konnte. Jetzt war es schon eine Ewigkeit her, dass ich die beiden gesehen hatte. Kate und ich hatten früher eine rege Brieffreundschaft gepflegt. In den letzten zwei Jahren war das allerdings weniger geworden und wir schrieben uns meist nur noch an Weihnachten und Geburtstagen.
Meine Schwester und ich hatten uns früher immer das Zimmer mit dem riesigen Balkon geteilt, von dem aus wir eine fantastische Aussicht genießen und nachts die Wellen rauschen hören konnten. Das letzte Mal, dass wir in Irland gewesen waren, war mittlerweile über fünf Jahre her. Damals war ich gerade zwölf Jahre alt geworden und Marie sieben.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so versunken dagesessen hatte, als mir in den Sinn kam etwas zu kochen. Meine Mutter würde sich vielleicht freuen, wenn ich sie nach der Arbeit mit einem Mittagessen überraschte. Ich entschied mich für das Gericht, das ich am besten konnte: Bratkartoffeln mit Rührei und Salat. Das Wichtigste daran war jedoch, dass es fleischlos war. Denn seit meinem dreizehnten Lebensjahr aß ich kein Fleisch mehr. Die Wende kam, als wir vor viereinhalb Jahren das Osterfest bei meinen Großeltern in Neumünster Bullenbek verbracht hatten, nicht weit vom Stadtteil Großharrie entfernt. Meine Oma hatte viele Stunden in der Küche gestanden und uns schließlich stolz ihr Meisterstück präsentiert. Es war Lotta, mein zahmer und sogar dressierter Hase, mit dem ich zwei Wochen zuvor ´Männchen machen´ geübt hatte und dem ich unzählige Male liebevoll auf meinem Schoß die langen schwarzen Ohren gekrault hatte. Ich bin damals schreiend vom Tisch aufgesprungen. Für eine Stunde hatte ich mich im Badezimmer meiner Großeltern eingesperrt und bitterlich geweint. Später überließ ich Marie aus Protest das Ostereiersuchen. Es war mir unbegreiflich, wie mein Großvater Lotta hatte töten können. Und wie sich alle, so ganz selbstverständlich, an den Tisch setzten konnten, um sie aufzuessen. Was würde danach kommen? Würde zum nächsten Anlass Kater Tigger in der Röhre landen?
An diesem Tag wurde mir bewusst, dass jedes Tier, auch die, die wir einfach so aufaßen, eine Persönlichkeit besaßen. Für mich war seither klar, dass ich nie wieder Fleisch essen würde.
Während ich die Kartoffeln schälte dachte ich darüber nach, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte, die ich jetzt zur Verfügung hatte, da der Zeugnisstress erstmal vorbei war.
Ich hatte nicht besonders viele Freunde, oder besser gesagt, hatte ich niemanden mehr in meinem Alter, den ich wirklich zu meinen Freunden zählen würde. Es gab nur eine alte Dame, die ich gelegentlich besuchte, um ihren Hund auszuführen. Ihr Name war Lucy und bei ihr fühlte ich mich wohl. Sie mochte mich und hielt mich nicht für sonderbar, wie die meisten Mädchen aus meiner Klasse. Sie hatte mir bereits ihr ganzes Leben erzählt und ich hörte ihr gerne zu. Anfang der 60er Jahre war sie mit einer Freundin nach Amerika ausgewandert. Als bildschöne, begnadete Tänzerin schaffte sie es bis zum Broadway. In ihrem Flur hing noch ein Bild, auf dem sie zusammen mit ein paar anderen Tänzerinnen neben Frank Sinatra abgelichtet worden war. Der Traum von einer kleinen Familie schien für sie zum Greifen nah zu sein, als sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihre große Liebe George kennenlernte. Er war ein erfolgreicher Bühnenbildner und verliebte sich während eines Auftritts in Lucy. Bald waren sie ein Paar und es dauerte nicht lang, da schenkte er ihr einen Ring. Für sie wären damit all ihre Wünsche in Erfüllung gegangen. Doch Lucys Glück endete damals schlagartig. Sie wurde bei einem Autounfall schwer verletzt, während George kurz danach im Krankenhaus an den Folgen des Unfalls verstarb. Seither konnte sie nicht mehr tanzen und ihr Herz war gebrochen. Ihre Träume zersprangen wie eine Seifenblase und sie kam mit Nichts, außer einer kaputten Hüfte, nach Deutschland zurück.
Ich verbrachte meine Zeit gern mit Lucy. Ihr fielen immer noch neue Geschichten aus Amerika ein, wir lachten zusammen und hörten gemeinsam die alten Schallplatten. Aber wenn ich die ganzen Ferien mit ihr verbringen würde, würde das meinen Eltern gewiss nicht gefallen. Das wusste ich schon, ohne dass ich danach fragen musste. Sie waren der Überzeugung, dass ich unbedingt auch Freunde in meinem Alter brauchte.
Während ich die Kartoffeln in der Pfanne wendete, hörte ich, wie meine Mutter zur Tür herein kam. Sie sah unendlich müde aus, als sie die Küche betrat. Ihre roten Locken, die sie sonst hochgesteckt hatte, lagen schlapp über ihren Schultern. Dunkle Ränder zeichneten sich unter ihren Augen ab. Kritisch beäugte sie das Chaos, das ich in der Küche veranstaltet hatte.
„Wie sieht es denn hier aus? Hat eine Bombe eingeschlagen? Das räumst du aber bitte gleich wieder auf!“
„Ich habe gekocht!“, verteidigte ich mein Tun.
„Das sehe ich und es ist ja auch lieb von dir. Nur leider lässt du dann hinterher immer alles für mich liegen.“
Sie schimpfte bereits, obwohl sie überhaupt nicht wissen konnte, ob ich nicht von allein wieder sauber gemacht hätte.
„Ich dachte, du hättest vielleicht Hunger und ich mache dir eine Freude damit.“, erwiderte ich eingeschnappt.
„Entschuldige bitte! Lieb von dir, dass du kochst.“, sagte sie mit erschöpfter Stimme. „Aber ich bin einfach nur müde und leg mich sofort hin. Ich esse später. Es ist gestern zu spät geworden.“, antwortete sie und vermied es mir dabei in die Augen zu sehen.
Ich versuchte mir meine Enttäuschung nicht weiter anmerken zu lassen und rührte wieder in der Pfanne herum. Bestimmt war sie gerade noch nach der Arbeit bei Marie im Zimmer gewesen. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie das völlig mitnahm. Doch sie redete nicht darüber.
Als sie im Begriff war zu gehen, drehte sie sich wieder zu mir herum.
„Ach, aber eine Sache wollte ich noch mit dir besprechen! Komm, wir setzen uns eben an den Tisch!“
Ich drehte den Herd ab und setzte mich zu ihr.
„Hast du dir schon Gedanken über deine Ferien gemacht?“
„Noch nicht so richtig. Warum?“, fragte ich skeptisch.
Was würde jetzt kommen, sollte ich an einer Ferienfreizeit teilnehmen, um Freunde zu finden oder würde sie mich in einen Feriennachhilfekurs stecken, damit sich meine Note in Mathe nicht weiter verschlechterte? Auf beide Möglichkeiten hatte ich keine Lust.
„Papa und ich müssen arbeiten. Und ich denke, du solltest auf keinen Fall sechs Wochen lang alleine zu Hause herum sitzen!“
Mir schwante, dass jetzt nichts Gutes kommen konnte.
„Gestern Abend habe ich lange mit Molly gesprochen. Du weißt doch noch, wer Molly ist?“
„Natürlich weiß ich, wer Molly ist.“, antwortete ich genervt. Was war das für eine dumme Frage. Ich war ja schließlich nicht an Alzheimer erkrankt!
„Und du weißt ja auch, dass Thomas letztes Jahr gestorben ist.“, sagte sie gedehnt. „Sie braucht dringend noch eine helfende Hand, sonst wird sie die Arbeit im Sommer mit ihren Kindern allein nicht schaffen.“, meine Mutter seufzte tief. „Da kam mir eine gute Idee.
Du könntest Molly aushelfen! Dann besserst du dir dein Taschengeld auf und machst auch noch ein bisschen Urlaub!“
Verstört blickte ich in ihre aufblitzenden Augen, die mir verrieten, für wie genial sie ihren Einfall hielt.
„Ich will nicht weg!“, war meine klare Antwort, ohne dass ich weiter darüber nachdenken musste.
„Es wird dir gut tun!“, gab meine Mutter bestimmend zurück. „Ich werde nicht zusehen, wie du die nächsten sechs Wochen an deinem Fenster sitzt und auf den See hinunter starrst. Oder dir stundenlang Märchengeschichten einer alten, verwirrten Dame anhörst. Du fährst! Das ist mein letztes Wort!“
Diesen Ton kannte ich genau und ich wusste, dass es wenig Sinn machte zu widersprechen. Das war typisch! Sie fragte mich erst gar nicht, was ich von dieser Idee hielt, sie entschied einfach über meinen Kopf hinweg. Meine Mutter bildete sich ein zu wissen, was für alle am Besten war. Aber was sollte ich in Irland? Ich war zwar als Kind immer gerne dort gewesen und Kate war früher meine Freundin gewesen, aber das war früher und ich hatte sie ewig nicht gesehen. Ich wusste kaum noch, wie sie aussah. Was sollte ich nach der langen Zeit mit ihr und Liam anfangen? Wir würden uns sicher gänzlich fremd geworden sein. Außerdem war ich nicht gern so weit von zu Hause weg. Es kam mir dann so vor, als ob ich Marie noch mehr vermisste.
Ich überlegte fieberhaft, wie ich mich vor ihrer Anordnung drücken konnte. Vielleicht tauchte ich einfach für ein paar Tage unter, bis der Flieger sich ohne mich auf den Weg nach Irland gemacht hatte. Aber wenn ich das tat, wäre sicherlich doch der Intensivnachhilfekurs fällig.
„Morgen früh bringe ich dich zum Flughafen. Du kannst gleich beginnen deine Koffer zu packen! Und räume vorher noch dein Zimmer auf! Ich will nicht vier Wochen lang an dieser Rumpelkammer vorbeilaufen müssen. Bei Molly wirst du dich zusammenreißen müssen. So einen Saustall kannst du bei ihr nicht hinterlassen.“, fügte sie streng hinzu und ließ ihren Blick über die Anrichte schweifen.
Über meinen in ihren Augen mangelnden Ordnungssinn konnte sie sich stundenlang ereifern. Ich hingegen fühlte mich wohl in meinem angeblichen Chaos. Den übertriebenen Sauberkeits- und Ordnungstick meiner Mutter empfand ich als schrecklich ungemütlich. Immer musste alles an seinem Platz liegen, nie durfte etwas herumliegen, das darauf hinwies, dass in diesem Haus Menschen lebten und wir uns nicht in einem Ausstellungsraum für Einbauküchen befanden. Dabei erinnerte ich mich, dass ich gerade eben noch ihren Aschenbecher hatte wegräumen müssen. Was allerdings auf einen absoluten Ausnahmezustand schließen ließ.
Verärgert und auch etwas hilflos starrte ich mit verschränkten Armen auf den Küchenboden und begann die Granitfliesen zu zählen, um nicht vor Wut zu platzen.
„Es sind nur vier Wochen, dann bist du wieder hier und kannst die restlichen Ferien verbringen, wie du möchtest.“, sagte sie etwas sanfter.
Widerwillig ergab ich mich ihrem Urteil, ließ bewusst das Chaos in der Küche zurück und schlurfte die Stufen ins obere Stockwerk hinauf.
Neben meinem Zimmer lag direkt Maries. Wie so oft ging ich hinein und schloss die Tür hinter mir. Seit wir darauf warteten, dass Marie die Augen wieder aufschlug, hatten wir in diesem Raum nichts verändert. Marie liebte alles, was rosa war. An den Fenstern hingen rosa Vorhänge mit weißen Kringeln darauf. Ihr Bett war mit einem Barbiebettbezug bezogen und auf dem Kissen saßen zwei ihrer Lieblingskuscheltiere: Hase Mümmel mit langen Schlappohren und Maus Pauline mit einem rosa Ballettkleid. Vor ihrem Puppenhaus kniete ich mich auf den Boden. Gedankenverloren kämmte ich einer Barbie nach der anderen die langen, blonden Haare, setzte sie anschließend behutsam wieder an ihren Platz zurück und nahm die nächste. Dabei summte ich leise das Lied vor mich hin, das Marie immer von mir hatte hören wollen.
„Kommt ein Vöglein geflogen,
setzt sich nieder auf mein´ Fuß,
hat ein´ Zettel im Schnabel,
von Ella einen Gruß.…..“
Plötzlich hörte ich Maries kindliche Stimme in meinem Ohr. Ich drehte mich um und sah sie auf ihrem Hochbett sitzend mit den Beinen schaukeln.
„Du warst immer sehr gerne in Irland bei Tante Molly!“
„Ich weiß!“, seufzte ich und kämmte weiter die Haare der Barbie in meiner Hand.
Und als ich mich nochmals zu ihr umdrehte, war sie wieder verschwunden.
Meine Erinnerungen an meine Schwester waren manchmal so lebendig, dass ich dachte, ich könnte sie berühren. Es verging meist kein Tag, an dem ich sie nicht irgendwo sitzen sah.
In dieser Nacht kuschelte ich mich wehmütig in mein Bett. Der Himmel hatte sich aufgeklart und der zunehmende Mond erhellte den Raum.
Wie so oft fühlte ich in meinem Herzen eine Leere. Heute war es noch schlimmer als sonst. Morgen Abend würde ich weit, weit weg sein. Von Menschen umgeben, die ich kaum noch kannte. Aber der Mond wäre dann trotzdem da und ich hoffte inständig, dass ich ihn von meinem Bett aus würde sehen können. Ich stand auf und setzte mich ans Fenster. Über dem See lag ein feiner Dunst, der langsam höher stieg und sich in der Dunkelheit verflüchtigte.
Ihr helles Kinderlachen hallte plötzlich in meinen Ohren wider. Ich schüttelte den Kopf, stieg zurück in mein Bett und schlief endlich ein.
Mein Vater saß wie üblich in Anzug und Krawatte am Frühstückstisch, trank seinen Kaffee und las die Morgenzeitung, bis er mich bemerkte und mir ein zärtliches Lächeln schenkte. Er war in den letzten zwei Jahren um mindestens zehn Jahre gealtert. Unzählige Silberfäden zogen sich durch sein dichtes, schwarzes Haar und auf seiner Stirn zeichnete sich eine tiefe Sorgenfalte ab. Auch die Falten um seine Augen herum waren mehr geworden.
Früher dachte ich oft, dass mein Vater meine Mutter viel mehr liebte als sie ihn. Aber vielleicht täuschte das auch. Sie konnte ihre Liebe nur nicht so zeigen. Als unsere Familie vor zwei Jahren noch komplett beisammen war, hatte er gerne für uns gekocht. Das konnte er gut. Am liebsten spielten Marie und ich anschließend gegen ihn Mühle, oder er zeigte uns seine Briefmarkensammlung, die er so liebte. Eigentlich waren uns die Briefmarken egal, aber es war einfach schön Zeit mit ihm zu verbringen, da er häufig auf Geschäftsreise musste.
Mein Vater war sieben Jahre älter als meine Mutter und zum ersten Mal sah man das auch. Er beobachtete mich hinter der Zeitung hinweg genau und sein Blick verriet mir, dass mein Zwangsurlaub nicht auf seinem Mist gewachsen war.
„Guten Morgen Ella, freust du dich schon?“, fragte er vorsichtig und wartete abschätzend auf meine Reaktion.
„Sehr witzig!“, blaffte ich, setzte mich schlecht gelaunt zu ihm an den Tisch und goss mir Kakao ein. Er hätte mich sicherlich, wenn er nur gewollt hätte, vor Schlimmeren bewahren können und es nicht getan. Also war ich auch wütend auf ihn.
„Du siehst hübsch aus.“
Sein Versuch mich aufzuheitern kam mir albern vor. Auch die heute ausnahmsweise mal gelungene Hochsteckfrisur, meine ultimative Lieblingsjeans und das dazu passende weiß-blaue Streifenshirt, worin ich mich eigentlich immer wohlfühlte, konnten unmöglich über die heruntergezogenen Mundwinkel und den grimmigen Blick hinweg täuschen.
„Meinst du nicht, du könntest Mama noch irgendwie umstimmen?“, jammerte ich so verzweifelt wie ich konnte. Denn das Herz meines Vaters wurde bei diesem Ton normalerweise in 0,3 Millisekunden butterweich.
Aber mein Vater sah mich nur ungläubig an.
„Ella Schatz! Der Flug ist gebucht, Molly zählt auf dich und deine Mutter ist der festen Überzeugung, dass es das Beste für dich ist. Daran gibt es nichts zu rütteln! Du kennst sie ja.“ Er lächelte unschuldig mit einer Prise Hilflosigkeit. „Es wird sicher schön, wenn du erst mal dort bist. Und bestimmt willst du nach den vier Wochen gar nicht mehr nach Hause.“
„Wer´s glaubt?!“, brummte ich und schaute missmutig aus dem Fenster in den blauen Himmel, in dem heute nicht ein Wölkchen zu finden war. In Irland würde das Wetter sicherlich schlechter sein.
Als meine Mutter in die Küche kam, klimperte sie ungeduldig mit den Schlüsseln. Obwohl wir wirklich gut in der Zeit lagen, wirkte sie bereits gestresst. Unaufhörlich rückte sie ihre Brille zurecht, die sie immer zum Autofahren trug.
„Hast du alles? Wir müssen los. Ich will nicht zu knapp am Flughafen ankommen.“
„Tschüß, Papa.“
Meine Verabschiedung kam fast einem Jammern gleich.
Er faltete seine Zeitung zusammen, zog mich liebevoll zu sich runter und flüsterte mir ins Ohr: „Pass gut auf dich auf, Liebes.“
Ich wusste genau, wie ernst ihm das war. Dann half er mir meine Sachen von oben zu holen und stellte sie in den Kofferraum des BMW Kombi meiner Mutter. Ich sah ihm an, wie gern er mich zum Abschied in den Arm genommen hätte. Aber er wusste, dass ich es nicht zulassen würde.
Ich beobachtete meinen Vater, der mir nachwinkte, im Rückspiegel bis unser Wagen die Straße verlassen hatte.
Die Stadt Neumünster lag mit knapp 80.000 Einwohnern im schönen Schleswig-Holsteiner Hügelland. Der überschaubare Stadtteil Großharrie war nicht weit vom Einfelder See entfernt. Im Sommer leuchtete bei Tage das satte Grün von den feuchten Wiesen und Feldern. Für Mücken war dieses Gebiet das Paradies auf Erden. Im Herbst stiegen dichte Nebelschwaden über dem Plateauhochmoor auf, was dem angrenzenden Blocksberg mystisch erscheinen ließ. Mein Vater hatte früher in den Ferien Nachtwanderungen mit uns unternommen, die durch das sumpfige Gebiet führten. Er kannte sich aus, weil bereits sein Vater mit ihm das Dosenmoor erkundet hatte. Ich weiß noch genau, dass ich niemals Angst hatte, wenn er bei mir war. Auch wenn mein Vater oft nicht zu Hause war, so war die Zeit, wenn er da war, meist besonders schön.
Zwei Straßen weiter kamen wir am Haus der alten Lucy vorbei. Ihre roten Geranien blühten in voller Pracht in den Kästen auf den Fensterbänken. Obwohl sie nicht mehr gut sah, hatte sie immer noch einen grünen Daumen. Ich bat meine Mutter kurz anzuhalten, denn ich hatte dringend noch etwas zu erledigen.
„Ella, muss das jetzt noch sein? Du weißt doch, dass sie immer so viel erzählt.“, quengelte meine Mutter und verdrehte die Augen, als ich die Autotür öffnete und ins Freie schlüpfte.
„Ich mache es kurz.“
Trotz des frühen Morgen hörte man von drinnen lautstark die Musik ihrer Jugendzeit. Die alte Dame war nicht nur fast blind sondern auch noch schwerhörig. So konnte die ganze Nachbarschaft mithören, wenn Lucy Frank Sinatra spielte.
Sein berühmtes „Strangers in the night“ schallte mir entgegen, als sie mit ihrem kleinen Yorkshire Fips auf dem Arm die Tür öffnete, nachdem ich mehrfach laut geklopft und geschellt hatte. Ihre Augen erhellten sich, als sie mich hinter ihrer dicken Brille erkannte.
„Ella! Das freut mich aber, dass du kommst.“, sagte sie laut, als wenn ich ebenfalls schwerhörig wäre.
„Ich kann aber leider gar nicht lange bleiben. Ich wollte ihnen nur schnell auf Wiedersehen sagen, weil ich nämlich für vier Wochen nach Irland verreise.“, erwiderte ich mindestens genauso laut, damit sie mich verstand.
Sie nickte wissend.
„Ich weiß, ich weiß, mein Kind und ich wünsche dir viel Freude auf deiner Reise. Aber komm doch noch kurz rein und zieh bitte eine Glückskarte aus dem Stapel. Sie wird dich auf den rechten Weg führen.“, prophezeite sie feierlich.
Kurz drehte ich mich um, sah in das genervte Gesicht meiner Mutter hinter der Autoscheibe und trat ein.
In Lucys schummeriger Stube standen und lagen unzählige Bücher herum. Große und Kleine, Dicke und Dünne und alle wirkten sie alt und mystisch. Neben ihrem abgewetzten Sessel lag auf dem nussbaumfarbenen Holztischchen die riesige Lupe, die sie zum Lesen benötigte, und daneben flackerte eine dicke, halb heruntergebrannte Stumpenkerze.
Die Musik dröhnte immer noch aus einem antiken Schallplattenspieler in der Ecke neben dem Fenster. Lucy stellte ihn ab und zog die schweren Vorhänge beiseite. Winzige Staubpartikel glitzerten in den Strahlen des Sonnenlichts, das den Raum mit einem Mal flutete.
Die alte Lucy sprach ständig mit irgendwelchen Engeln, Feen und unzähligen Geisterwesen oder sie befragte ganz einfach ihre Karten, wenn sie etwas wissen wollte. Diese Tatsache war für sie so normal wie Wäsche waschen. Ein ganz gewöhnliches Kartenspiel, das man in jedem Kiosk kaufen konnte, lag schon bereit auf ihrem Tischchen. Sie nahm es und hielt mir den Stapel direkt unter die Nase.
Die meisten Leute hielten Lucy für verrückt, aber ich mochte das. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart gleich ein bisschen normaler. Obwohl ich an all ihre Geistergeschichten nicht glaubte, tat ich ihr den Gefallen und zog eine Karte. Vorsichtig drehte ich sie um. Lucy nahm ihre Lupe zur Hand und versuchte das Motiv darauf zu erkennen, bis ihre Augen plötzlich zu leuchten begannen.
„Oh mein liebes Kind! Eine Herzdame! Ich wusste es! Das ist großartig!“ Sie war völlig aus dem Häuschen. „Du wirst einem Mann begegnen, der es vermag dein Herz zu öffnen.“, mütterlich strich sie mit ihrer schrumpeligen Hand über meine Wange. Ich wich zaghaft vor ihrer Berührung zurück. Sie lächelte sanft. „Aber die Herzdame bedeutet nicht nur die Liebe zu einem Mann! Sie ist viel mehr als das!“, flüsterte sie geheimnisvoll. „Sie steht für den Mut dich für die Weisheit, die in deinem Herzen schlummert, zu öffnen. Der Tag wird kommen, an dem du die Kraft deiner Fähigkeiten erkennen wirst. In dir schlummert wahrlich ein großes Talent.“ Sie kicherte in sich hinein wie eine alte Hexe. „Du bist etwas Besonderes. Du weißt es nur noch nicht.“
Irritiert starrte ich auf ihre runzligen Lippen, die sich immerzu bewegten und von Dingen sprachen, die ich nicht verstand. So etwas Merkwürdiges hatte sie mir noch nie gesagt. Ich wusste, dass sie mich sehr gern hatte, weil ich mich immer so lieb um Fips kümmerte. Aber dass an mir irgendetwas besonders sein sollte, hörte ich zum ersten Mal. Lucy wurde mir beinahe unheimlich. Vor allem, weil ich tief in meinem Innern schon immer geahnt hatte, dass mit mir etwas nicht stimmte. Doch konnte ich den Gedanken in diesem Moment noch nicht zulassen, dass es etwas Gutes war.
Das andauernde Dröhnen einer Autohupe holte mich mit einem Schlag in die Realität zurück.
„Das war meine Mutter! Ich muss jetzt wirklich fahren.“
„Vielleicht schreibst du mir mal?!“, lächelte Lucy, wobei sich ihr
Gebiss ein wenig vom Oberkiefer löste.
„Das mach ich bestimmt!“
Ich streichelte Fips zum Abschied über den Kopf und rannte eilig zurück zum Wagen.
„Viel Glück, mein Kind!“, rief sie mir noch einmal eindringlich hinter her.
„Wo bleibst du denn?!?!“
Meine Mutter trommelte nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum.
„Was hat denn jetzt noch so lange gedauert?“
Verärgert startete sie den Motor.
„Wir haben doch immer noch genug Zeit!“, erwiderte ich gespielt gelassen. „Außerdem hätte Lucy sich bestimmt Sorgen gemacht, wenn ich so lange, ohne ein Wort zu sagen, nicht zu ihr gekommen wäre.“
Meine Mutter lächelte knapp.
„Sieht sie nicht in ihren Karten, wo du bist?“, fragte sie spöttisch.
„Du wirst lachen! Sie wusste tatsächlich, dass ich verreise.“
„Tu mir einen Gefallen und verschone mich mit ihren Schauergeschichten. Du wirst dich ja wohl nicht von der Alten an der Nase herumführen lassen.“
Lucy führte mich nicht an der Nase herum, das wusste ich sicher.
Sie vertraute auf ihre Karten und das war für mich okay. Sollte doch jeder glauben, was er wollte.
Verärgert über die abfälligen Bemerkungen meiner Mutter sah ich aus dem Fenster und verschränkte die Arme vor der Brust.
Lucys Worte hallten in meinem Kopf nach. Aber wie ich sie auch drehte und wendete, erkannte ich keinen rechten Sinn darin. Das mit dem Mann war klar, doch der Rest?! Weisheit meines Herzens und die Kraft meiner Fähigkeiten oder so ähnlich!? Ich glaubte eigentlich, genau wie meine Mutter, nicht an die Karten. Auch wenn ich ihr das nicht sagte und schob die Prophezeiung endgültig beiseite.
Vielleicht war Lucy doch langsam ein wenig verwirrt.
Am Flughafen warteten wir scheinbar endlos an dem Schalter, an dem ich mein Ticket abholen konnte.
„Siehst du! Was hab ich dir gesagt! Jetzt wird die Zeit schon wieder knapp!“, bemerkte meine Mutter nervös.
Zu meiner Überraschung war ich die Ruhe selbst. Vielleicht auch deshalb, weil es mir nichts ausmachen würde den Flieger zu verpassen.
Mit meinem Ticket in der Hand hastete meine Mutter mit mir durch die überfüllte Halle auf der Suche nach Schalter 3, um meine Koffer abzugeben. Oder besser gesagt marschierte sie im Stöckelstechschritt und Nase hoch voran, während ich mich bemühte hinter ihr den Anschluss nicht zu verlieren. Jeder ihrer Schritte wirkte selbstbewusst und zielsicher, als wüsste sie genau, wo es lang geht. Aber in Wirklichkeit war das nur ihre Maske, um sich für den Rest der Welt unangreifbar zu machen. Jedes Klackern ihrer Schuhe bedeutete ´Jetzt komme ich! ´ Aber sie übertönte damit nur ihre Angst. Wovor auch immer?
Am Schalter gab ich meinen Koffer auf und wir schafften es natürlich noch pünktlich zur Sicherheitskontrolle, wo sich unsere Wege trennten.
„Pass gut auf dich auf, mein Schatz! Und wenn was ist, ruf mich an!
Mach keine Dummheiten und sei schön fleißig!“
„Ja Mum, mach ich.“, antwortete ich mechanisch.
Sie zog mich kurz aber heftig in ihre Arme und löste ihren Griff wieder, bevor ich die Chance hatte mich daraus zu befreien.
„Komm gesund wieder!!“
„Mach dir keine Sorgen!“
Ich wandte mich ab und legte meine Handtasche und die Jacke, die ich über dem Arm trug, auf das Band des Kontrollgeräts. Bevor ich durch den Metalldetektor ging, drehte ich mich noch mal kurz um und sah, wie meine Mutter sich eine Träne von der Wange wischte.
Mein Platz befand sich ganz am Ende der Maschine. Ein stark übergewichtiger Herr hatte es sich bereits auf dem benachbarten Sitz eingerichtet. Er stand auf, begrüßte mich feundlich und überließ mir netterweise den Fensterplatz, um sich dann wieder laut schnaufend fallen zu lassen. Wenig später brachte er seinen Vorrat an Mettwürsten zum Vorschein, die er sich als Wegzehrung mitgebracht hatte. Dankend lehnte ich ab, als er mir eine Wurst unter die Nase hielt und sich schließlich laut kauend in seinem Sitz zurücklehnte. Ich setzte die bei der Flugbegleiterin erworbenen Kopfhörer auf, konzentrierte mich auf den kitschigen Liebesfilm, der an Bord gezeigt wurde, und hob ab ins Ungewisse.
„Liebe Fluggäste, in wenigen Minuten werden wir in Dublin Airport landen. Bitte bringen Sie ihren Sitz in die aufrechte Position, klappen Sie ihre Tische hoch und schnallen Sie sich an.“, vernahm ich die höchst beschwingte Stimme über das Mikrofon. Der Mettwurstmann neben mir war eingeschlafen und schnarchte seit einer halben Stunde in mein linkes Ohr, das sich bereits etwas feucht anfühlte. Die Zeit in der Luft war rasend schnell vergangen und jetzt war ich doch ein wenig aufgeregt. Wer würde mich eigentlich vom Flughafen abholen? Ich hatte keine Ahnung. Ich hoffte nur, wer es auch war, dass ich ihn nach all den Jahren erkennen würde.
Scheinbar endlos lang wartete ich am Gepäckband, bis ich schließlich meinen roten Hartschalenkoffer auf mich zu kommen sah. Ich nahm ihn vom Band. Nun trennten mich nur noch wenige Schritte von der großen automatischen Schiebetür aus Milchglas, hinter der die Angehörigen oder Freunde auf die Reisenden warteten. Als sich für mich die Tür öffnete, konnte ich leider kein mir bekanntes Gesicht entdecken. Verunsichert stand ich nun mit meinem Koffer in der Hand da und ging jeden Abholer noch mal einzeln durch. Aber auch mich schien niemand zu kennen. Vielleicht hatte Molly noch keinen Parkplatz gefunden? Ich lief einmal bis zum Ausgang und wieder zurück, setzte mich schließlich auf eine Bank, wartete geduldig und beobachtete die eilig vorbeilaufenden Menschen in der pulsierenden Halle.
Noch während mein Blick einem verliebten Pärchen folgte, das eng umschlugen ihr Gepäck hinter sich herzog, fiel mir ein junger Mann auf, der im Gang auf und ab lief und sich, genau wie ich, suchend umschaute. Er sah auffallend gut aus. Die goldbraunen Haare hatte er wild durcheinander gestylt. Unter seiner Lederjacke trug er einen schlabberigen Strickpullover und seine langen Beine steckten in verwaschenen Jeans und Boots. Sein muskulöser Körper zeichnete sich unverkennbar unter der Kleidung ab. Schnell wollte ich wegschauen, als er sich wieder in meine Richtung drehte. Unsere Blicke begegneten sich und blieben aneinander hängen. Sein Gesicht kam mir bekannt vor. Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag! Das war Liam, der da stand! Ich musste mich schnell daran erinnern meinen Mund wieder zu schließen.
Aus dem schmächtigen Teenager, den ich gekannt hatte, war ein Mann geworden. Und was für einer! Meine letzte Erinnerung an ihn stimmte in keiner Weise mit dem Liam überein, den ich auf der anderen Seite des Ganges stehen sah. Ich hatte ihn irgendwann mal sehr gern gemocht. Aber er war nie der Typ gewesen, auf den die Mädchen standen. Schüchtern, mit einer Nerd-Brille auf der Nase, von schmächtiger Statur, mit einer fragwürdigen Prinzeisenherzfrisur und einem silbernen Drahtgestell im Mund, das ihm eine feuchte Aussprache verliehen hatte. Dazu hatten sich die unübersehbaren Zeichen der Pubertät, wie Pickel und ein zarter Flaum auf der Oberlippe in seinem Gesicht breit gemacht. Doch all diese Erkennungsmerkmale waren verschwunden. Nun kam ein hochgewachsener, breitschultriger, äußerst attraktiver junger Mann, der mich ebenfalls erkannt hatte, mit großen Schritten und einem blitzblanken Lächeln auf mich zu. Was die Statik meiner Beine merklich aus dem Gleichgewicht brachte. Seine Brille war verschwunden und die kürzeren Haare ließen ihn bedeutend männlicher wirken, aber wahrscheinlich war es mehr als das. Er sah aus, als wenn er einem Katalog für lässige Männermode entsprungen wäre. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet und vor allem nicht auf das, was es mit mir machte. Nervös zupfte ich mein Ringelshirt in Form. Ich war nicht der Typ, der sich von männlichen Wesen aus der Fassung bringen ließ, zumindest hatte ich das immer geglaubt. Mein Herz legte dennoch den nächsten Gang ein.
