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Neufundland: Das Forscherteam einer nahe gelegenen Universität hat in einem kleinen Hafen eine Forschungsstation eingerichtet, um das geheimnisvolle Phänomen des zuletzt häufig auftretenden Meeresleuchtens zu untersuchen. Der jungen Meeresbiologin Vivienne geht durch Zufall ein der Wissenschaft unbekanntes Wesen ins Netz: eine Art Fisch, doch Vivienne fühlt sich sofort emotional mit dem Wesen verbunden, das weibliche Merkmale trägt und offensichtlich zu starken Empfindungen fähig ist. Als Viviennes Vorgesetzte versuchen, die unglaubliche Entdeckung für ihre Zwecke auszunutzen, droht die Kreatur zu sterben, und Vivienne muss eine Entscheidung treffen.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2023
Zum Buch
Neufundland: Das Forscherteam einer nahe gelegenen Universität hat in einem kleinen Hafen eine Forschungsstation eingerichtet, um das geheimnisvolle Phänomen des zuletzt häufig auftretenden Meeresleuchtens zu untersuchen. Der jungen Meeresbiologin Vivienne geht durch Zufall ein der Wissenschaft unbekanntes Wesen ins Netz: eine Art Fisch, doch Vivienne fühlt sich sofort emotional mit dem Wesen verbunden, das weibliche Merkmale trägt und offensichtlich zu menschlichen Empfindungen fähig ist. Als Viviennes Vorgesetzte versuchen, die unglaubliche Entdeckung für ihre Zwecke auszunutzen, droht die Kreatur zu sterben, und Vivienne muss eine Entscheidung treffen.
Zur Autorin
MELISSA BARBEAU ist Gründungsmitglied des Port-Authority-Schreibzirkels. Ihre Geschichten wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. »Meeresleuchten« ist ihr erster Roman, der in Kanada begeistert aufgenommen wurde und auch international Beachtung fand. Melissa Barbeau lebt in Torbay, Neufundland.
MELISSA BARBEAU
Roman
Aus dem kanadischen Englisch von Ute Brammertz
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Luminous Sea« bei Breakwater Books Ltd., St. John’s, Kanada.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Deutsche Erstveröffentlichung April 2023,
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Melissa Barbeau
Covergestaltung: Semper Smile nach einem Entwurf von Rhonda Molloy unter Verwendung eines Fotos von © Ernst Haeckel’s »Actiniae,« plate 49, from his book Art Forms in Nature (1904)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
SL · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-28547-0V001
www.btb-verlag.de
www.facebook.com/btbverlag
Für Freshwater und alle meine Lieben, die es dorthin verschlägt
Die Nachtluft ist warm über dem leuchtenden Meer. Wellen schlagen gegen den Schiffsrumpf. Mit einem Platschen durchbricht etwas die Oberfläche der Bucht, und Vivienne wirft einen Blick über Bord. Die Luft riecht nach Salzwasser und brackiger Bilge. Die Brise weht auch Landgerüche herbei – Rauch von ersterbenden Feuern, die an den fernen Stränden wie entfachte Streichhölzer brennen, Heuwiesen, das Aroma der Wälder. Eine Welt der Düfte, bestehend aus Basis- und Kopfnoten, Gerüche, die vordergründig sind, und solche, die später kommen, die länger nachwirken. Wie Parfüm. Landgeräusche gibt es ebenfalls, aber sie sind weit weg und winzig. Splitter von Gelächter, das herzschlagartige Bassbrummen eines Radios, wie durch eine dicke Glasscheibe, immer leiser werdend, während die Nacht auf die Morgendämmerung zuschlurft.
Langsam schneidet das Boot eine Schneise durch eine phosphoreszierende Wolke. Vivienne hält es lange genug an, um etwas in eine Tabelle einzutragen – Dinoflagellaten –, und lässt den Motor leerlaufen. Der Mond hoch oben ist blau. Als sie zu ihm aufblickt, erstrahlt ihr Gesicht in seinem Schein. Once in a blue moon. Den Ausdruck hat sie natürlich schon einmal gehört. Once in a blue moon bedeutet: fast nie. Ungefähr dasselbe gilt für den alten Evinrude-Außenbordmotor. Fast nie startet er beim ersten Ziehen – Vivienne renkt sich, wenn sie ihn anwerfen will, oft beinahe die Schulter aus. Fast nie hört sie von Eliza. Und fast nie wird in dieser Bucht noch ein Wal gesichtet.
Aber heute ist es buchstäblich so. Der Mond ist blau, zumindest aus der Perspektive des Boots, das auf dem ruhigen Meer schaukelt. Vivienne versucht, ihn zu kategorisieren, sich vorzustellen, wo er im Farbspektrum einzuordnen ist. Näher an Grün als an Violett. Türkis mit einer Art Schimmern. Eine Täuschung durch atmosphärischen Druck oder Sternenstaub oder Smog oder irgendwelche Emissionen in der oberen Stratosphäre. Eine Fischschuppe am Himmel.
Was auch immer das Blau verursacht hat, dort hängt er, angeschwollen, schwanger, und das reflektierte Licht färbt die Luft und das Wasser und das kleine Boot. Sättigt alles in der Bucht, sogar Vivienne selbst, als wäre der Mond mit einem blauen Farbfilter versehen und als befände sie sich in einem Film.
Sie ist den ganzen Sommer über in Damson Bay gewesen und hat Proben gesammelt und Messungen durchgeführt. Die meiste Zeit hat sie mit Warten verbracht. Warten auf Genehmigungen und Warten darauf, dass das Wetter mitspielt. Warten auf Anrufe, die nie kommen. Warten am Ufer, während der Wind weht und die Brandung gegen die Flutgrenze schlägt, ganze Wochen hat sie wegen einiger Sommerstürme vergeudet. Warten auf ruhige Nächte und Tage. Warten auf Seegang ohne tückische Wellen.
Diese frühmorgendliche Exkursion hat sie damit begonnen, in Ufernähe herumzutuckern, hat sich in und um die Helling und das Pfahlwerk des Kais geschoben, ist entlang der rutschigen Felsen am Ende des Strands gefahren. Sie hat sich mit einem Thermometer über Bord gebeugt, um die Wassertemperatur zu messen, und Proben von den Quallenschwaden entnommen, die den Hafen verstopfen. Jetzt hat sie die schützende Ufernähe hinter sich gelassen und ist um die Ecke in die weite Bucht gebogen. Sie fährt dicht an die Granitfelswand heran und schaltet den Motor aus. Das Boot driftet in der Strömung in einem lethargischen Kollisionskurs zum Steilhang. Die Ozeanwelt unter dem Kiel zu ihren Füßen ist eigenartig und fantastisch. Vivienne leuchtet mit einer Taschenlampe ins Wasser. Der Lichtstrahl fängt Krebse ein, die zwischen winkenden Seetangwedeln herumhuschen. Plattfische schwimmen auf das Licht zu.
Vivienne holt Quallen hoch, wiegt sie und hält ihre Größe und die Anzahl und die Art mit einem wasserfesten Stift in einer laminierten Tabelle fest, bevor sie die meisten zurückwirft. Manche lässt sie in Plastikbehälter voller Meerwasser fallen, den Fundort auf den Deckeln vermerkt, bevor sie zum nächsten Standort fährt, wo sie wieder von vorn beginnt. Ihre Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, noch während der erste Hauch des Sonnenaufgangs den Horizont erwärmt. Quallen mit gewölbten Oberseiten und herunterhängenden Tentakeln und Seestachelbeeren mit fluoreszierenden Bändern gleich Landebahnen, die sich über ihre ganze Länge hin erstrecken und bei der Nahrungsaufnahme leuchten, pulsieren durchs Wasser. Vivienne holt eine Handangel vom Boden des Boots und wirft den Pilker über Bord aus, beobachtet, wie sich die flaschengrüne Schnur abspult. Am Haken haben sich zwei schillernde Körper verfangen, die er nun auf dem Weg zum Meeresboden mit sich in die Tiefe reißt.
Die Fischer in der Bucht hatten sie damals im Juni, nachdem sie den bleiernen, blind vom Bootsboden hochstarrenden Köder erspäht hatten, ermahnt, die Saison beginne erst in ein paar Wochen. Man hatte sie vor der Beamtin des DFO, des Department of Fisheries and Oceans, gewarnt und ihr diese Frau bis hin zu den raupenartigen Augenbrauen beschrieben. Sie hatten ihr Geschichten von beschlagnahmten Booten, von Anhängern und Lastwagen erzählt, die direkt am Strand konfisziert wurden, doch ihre Mienen hatten sich verändert, als sie ihnen die Genehmigung zur Probenentnahme zeigte, die Erlaubnis, außerhalb der Saison zu fischen, und zwar so viel sie wolle. Die Genehmigung hatte sie zur Beschwichtigung gezückt und mit dem Plastik-Ziplocbeutel, der sie vor der Feuchtigkeit schützen sollte, herumgewedelt und davon gefaselt, sie sammle Quallen fressende Raubfische, falls sie denn welche finden könne. Sie hatte angefangen, sich nach den größten Jägern hier in der Gegend zu erkundigen – Meeresschildkröten und Thunfische –, bis sie merkte, dass um sie herum vollkommenes Schweigen herrschte. Ihre Stimme verlor sich, als sie fragte, ob man hier je Haie sehe, und jemand antwortete, ja, sicher. Das Schweigen war tief wie ein Brunnen, und sie war hineingestürzt, oder vielleicht hatte man sie auch gestoßen.
Dennoch gab es Warnungen und Ratschläge, als sie von ihren Plänen sprach, allein hinauszufahren. Allgemeines Kopfschütteln angesichts der Vorstellung von ihr des Nachts allein auf dem Wasser.
Vivienne dreht die hölzerne Angelspule in trägen Kreisen. Der Meeresboden scheint weit unten zu sein, das Boot ist abgedriftet, während sie töricht zum Mond hochschaute. Sie bewegt die Angelschnur, ein gemächliches, stetes Auf und Ab. Langeweile und Meditation. Das viele Pilken mit der Handleine den Sommer über hat die Farbe vom Rand des wellentraktierten Dollbords abgerieben. Vivienne spürt, dass etwas an der Schnur zerrt, und beginnt zu ziehen, eine Hand nach der anderen, bis die Schnur schlaff wird. Sie zieht weiter, denn manche Fische schwimmen mit der Schnur nach oben. Noch zweimal, linke Hand über der rechten, und die Schnur spannt sich wieder. Das Gewicht! Ein großer Kabeljau oder vielleicht sogar der Heringshai, von dem man ihr erzählt hatte, es gebe ihn in der Bucht. Kühn genug, um emporzuschnellen und einen Fisch direkt von einer Angelleine zu holen, Fischer ziehen einen Kabeljau hoch, und sein Hinterteil ist glatt abgebissen. Ihre Hände tun allmählich weh, und der Schmerz, der seit zwei Wochen in ihrem Rücken schlummert, flammt zwischen den Schulterblättern heftig auf. Eine Gestalt wird auf dem Weg zur Wasseroberfläche deutlicher erkennbar, bei ihrem Anblick verfängt sich Viviennes Atem in ihrer Kehle wie an einem Angelhaken, und es folgt ein Moment, als die Schnur an der Rudergabel hängen bleibt und sie befürchtet, sie werde ihr aus den Händen gleiten, aber dann zieht sie ein letztes Mal und zerrt ihren Fang über die Seite und direkt in die Plastikfischkiste am Boden des Boots.
Die Kreatur ist länger als die Kiste und dünn, ihre Schwanzflossen hängen über den Rand, Seetang tropft von ihren Schultern. Sie könnte sich über die Seite des Boots stemmen und zurück ins Wasser springen, aber der Haken steckt in ihrer Wange, und während sie zappelt, verheddert sich die Schnur um ihren seetangübersäten Rumpf, und es vergehen nur Momente, so scheint es, bis sie keuchend und reglos am Bootsboden liegt.
Vivienne greift sofort nach dem Eiscreme-Eimer, den sie sonst zum Schöpfen von Wasser aus dem Boot benutzt, und beugt sich über Bord, zu einem umgekehrten Schöpfen, um die Fischkiste fünf Zentimeter hoch mit Meerwasser zu füllen. Die Kreatur schiebt, nach Sauerstoff schnappend, eine Seite ihres mit Kiemen bewehrten Gesichts in die Lache. Sie liegt auf dem Haken, der sich in ihr Gesicht gegraben hat, und während sie mühsam nach Atem ringt, drückt er sich tiefer in ihr Fleisch. Rote Blütenblätter blühen unter ihrer Wange auf und durchziehen das Wasser. Es erinnert Vivienne an einen Teebeutel, der das Wasser in einer Tasse Tee verfärbt, wenn man ihn mit einem Löffel ausdrückt, und sie fragt sich, was passieren würde, wenn sie mit dem Fuß auf das Gesicht der Kreatur treten würde.
Die Luft ist warm. Das Meer leuchtet. Ein Beben durchläuft den Körper der Kreatur, und dann liegt sie still da. Vivienne glaubt, dass sie das Bewusstsein verloren hat. Sie fragt sich, ob sie atmen kann. Einen Augenblick, einen einzelnen Atemzug lang, während das Boot auf dem strahlenden Meer kaum schaukelt, stellt Vivienne sich vor, wie sie den Haken des Pilkers vom Gesicht der Kreatur löst. Sie stellt sich vor, wie sie den Fisch aus der Plastikkiste ins Meer kippt, in einem roten Wasserfall, und wie das Rot in den endlos schlagenden Wellen zu Pink verblasst und dann zu nichts. Vivienne stellt sich vor, wie die Kreatur davonschwimmt, mit dem Schwanz aufs Wasser schlägt, doch bevor der Fisch unter den Wellen abtauchen kann, verschwindet die Fantasievorstellung.
Stattdessen springen Viviennes Gedanken zu dem Moment, wenn sie das Boot an den Kai bringen wird, und sie schaltet auf Notfallmodus um, als wäre sie an einem Unfallort oder bei einem Helikopterabsturz. Ihre vom Körper losgelösten Hände pulsieren gespannt, während sie auf Anweisungen ihres Gehirns warten. Sie ist bereit, Schaden einzuschätzen, eine Triage vorzunehmen, Lebenszeichen zu überprüfen, eine Herzdruckmassage durchzuführen. Sie überlegt, wer vielleicht am Anlegeplatz wartet, und sucht den Bootsboden nach etwas ab, womit sich die Kreatur verbergen ließe. Wirft ein Netz über sie, schüttelt es auf, als wäre es eine Daunendecke. Breitet ihre Regenjacke über der Kreatur aus, kein ganz perfekt gemachtes Bett, aber fast, und legt dann den Kopf auf das Bündel und lauscht. Nichts. Sie stupst den Haufen mit dem Finger an und springt zurück, weil die Kreatur zuckt. Das Boot schaukelt unter ihren Füßen. Sie zieht ihren Kapuzenpullover aus und schichtet ihn über die Regenjacke. Wie zwei Kleidungsstücke, die willkürlich, beiläufig auf eine Tagesdecke geworfen wurden.
Erst beim dritten Versuch springt der Außenbordmotor an. Bis Vivienne den Anlegeplatz erreicht, wird das Wasser in der Fischkiste trüb sein, und niemand kann dann bis zum Boden schauen.
Es ist eine dieser klaren Nächte, wenn Geräusche meilenweit über die Meeresoberfläche getragen werden; die Luft ein kristallenes Weinglas, das auf die leichteste Berührung einer Fingerspitze reagiert. Eine dieser Nächte, wenn in der Brise das Seufzen Liebender oder das Geräusch eines letzten Atemzugs zu hören sein könnte.
Vom Boot aus ist ein Mensch, der auf die Bucht hinausblickt – jemand auf einer baufälligen Felsmauer, die oben auf dem Hügel die Grenzen eines ehemaligen Gartens markiert –, unmöglich zu erkennen. Ein schwarzer Punkt in einem Feld aus Dunkelheit. Vor aller Augen und dennoch verborgen.
In einer Kleinstadt gibt es keine Geheimnisse. Nichts bleibt unbemerkt. Wirf den Salzstreuer auf dem Küchentisch um, und am nächsten Morgen fragt dich jemand in der Schlange auf dem Postamt, ob du auch daran gedacht hast, eine Prise über die linke Schulter zu werfen, um den Teufel zu vertreiben.
Die Bewegung des Messers ist rasch und resolut, die Hand der Frau sicher. Tama nimmt eine fleischige Kuppel aus einer Schüssel, schneidet sie in Streifen und wirft die Streifen in eine Plastikwanne, die neben ihrem Ellbogen auf der Edelstahlarbeitsfläche steht; die Wanne füllt sich mit jeder hinzugefügten Handvoll, Zellophanbänder gleiten wie Würmer übereinander. Das Messer verursacht dumpfe Geräusche, der kleine Hügel aus nassem Fleisch wächst, tropfend und glitschig. Der Haufen aus ganzen Quallen schrumpft, bis am Boden der Schüssel nur noch milchiger Matsch übrig bleibt.
Das Messer ist rasierklingenscharf und ein Luxus. Ein echtes Profimesser, nichts, wofür man im Lebensmittelladen Treuepunkte sammeln kann. Bradley hatte es im Internet für Tama bestellt. Es sollte nicht nur praktisch, sondern symbolhaft sein: um zu zeigen, wie ernst es ihnen mit diesem neuen Unterfangen, diesem Umzug nach Damson Bay ist. Um zu zeigen, dass sie das kleine Bistro, das sie eröffnet haben, als Qualitätsprojekt angehen wollen, dass sie eine Ahnung davon haben, was sie da tun, dass sie entschlossen sind. Tama soll wohl auch begreifen, dass sie alte Bande durchtrennen und schlechte Angewohnheiten wegschnippeln, dass sie einen Neuanfang wagen.
Das Neonlicht wird grell von der Fensterscheibe vor ihr zurückgeworfen und macht die Außenwelt unkenntlich. Aus dem Radio dröhnt der Sound von E-Gitarren. Der Countrysender ist der einzige, der sich hier draußen störungsfrei empfangen lässt, und vor der Dämmerung, bevor der Morgenmoderator wieder auf Sendung geht, gibt es nur alte Songs über Liebeskummer und Verlust. Der Empfang ist glockenklar. Auf der anderen Seite des Küchenfensters, durch das sie nicht hinaussehen kann, muss der Himmel wolkenlos sein.
Ein Suppentopf mit Salzlake und noch einer voller Einmachgläser köcheln auf dem Herd. Eine Handvoll Deckel tanzen daneben in einer Kasserolle mit kochendem Wasser. Tama klickt den Deckel von einem Tupperbehälter voller Eichenblätter auf. Chlorophyllgeruch weht heraus.
Trotz des neuen Messers kommt das Restaurant noch nicht einmal ansatzweise aus den roten Zahlen. Tama hat ein Regal neben der Kasse angebracht, in das sie Einmachgläser aller Art gestellt hat – Konfitüren und Zitrusmarmeladen und Muscheln in Salzlake –, sie erhofft sich ein paar Zusatzeinnahmen. Mit den Quallen ist sie ein Risiko eingegangen.
Die Fischer, die auf eine Tasse Kaffee vorbeischauen, nachdem sie auf dem Wasser waren, überbieten sich mit ihren apokalyptischen Meinungen zu der Quallenblüte, unter der die Küstenlinie erstickt: Die werden so dicht, Mädchen, dass sie das Boot ausbremsen; die Bucht wird zu einer Schüssel Gelatine, misch noch ein bisschen Vanillesoße hinein, und du hast eine Nachspeise; ich glaube, die müssen bis ganz nach unten gehen – es wird nicht mehr lange dauern, dann kann man von der Klippe am Leuchtturm springen und den ganzen Weg bis zum anderen Ende der Bucht hüpfen.
Doch die Gespräche hatten Tama an die Quallensalate erinnert, die sie zum ersten Mal in einem japanischen Restaurant in Paris gegessen hatte. In dem Sommer, als Bradley es nicht zu einem Besuch hinüberschaffte, weil er in der St. John’s Regatta mitrudern wollte. Quallenstreifen mit Ingwer und Chiliflocken. Dazu ein Glas gekühlter Sake. Das Gericht war unerwartet perfekt für einen schwülen Augustabend auf der Rive Gauche gewesen. Sie hatte »Quallen einmachen« gegoogelt und ein Rezept gefunden, das Eichenblätter statt irgendeines unaussprechlichen chemischen Konservierungsmittels benutzte, damit sie nicht an Biss verloren, also hatte sie 100 % natürlich auf die Etiketten geschrieben, und sie hatten sich überraschenderweise als Verkaufsschlager herausgestellt. Allerdings vielleicht doch nicht so überraschend in einer Stadt, in der immer noch ein alljährliches Seehundflossen-Dinner stattfindet oder wo an jedem Freitagabend auf dem Herd ein Fischkopfeintopf köchelt.
Die Blätter hat sie von den Bäumen gepflückt, die einst den überwucherten Garten der Jahrhundertwendevilla auf dem Hügel am Rand der Damson Bay säumten. Das Haus war von einem örtlichen Schiffsbauer errichtet worden. In Tamas Kindheit hatte es über dem Hafen aufgeragt – ein graues und gebieterisches Anwesen –, doch irgendwann in den Jahren ihrer Abwesenheit war das Haus niedergebrannt. Die Bäume standen noch, knorrig und übellaunig. Der Garten war ein guter Ort zum Verweilen, wenn man sich selbst ein wenig gebückt und krumm und übellaunig fühlte.
Früher am Tag war sie auf die unteren Äste einer der uralten Eichen geklettert und hatte mit baumelnden Füßen ein Mittagessen aus Crackern und Käse und einer Thermosflasche Tee genossen. Ihre Augen waren dem Pfad den Hügel hinunter und den Strand entlang gefolgt, bis er außer Sicht verschwand, wobei sie wusste, dass er weiter aufs Land führte, wo ihr Vater einst seine Kaninchenfallen aufgestellt hatte. Dann folgte sie dem Pfad zurück zu dem verfallenen Leuchtturm auf der Spitze und von dort in die Bucht. Die Ebbe hatte eingesetzt. Die Schornsteine eines versunkenen Schiffs waren zu sehen, die Decks wurden langsam entblößt, sodass ein Garten aus Seetang freigelegt wurde. Von ihrem Sitzplatz auf dem Ast bemerkte Tama einen grünen Pick-up, der von dem Gebäude losfuhr, das die Universitätsleute für den Sommer angemietet hatten. Er ruckelte über die Schotterstraße in den Stadtkern, wo er auf dem Parkplatz des Cafés hielt. Eine Gestalt stieg aus dem Fahrerhaus. Dann hatte sich Tama wie ein Affe die Äste hinuntergeschwungen und auf den Rückweg den Hügel hinunter gemacht.
Mit einer langen Zange birgt sie die Gläser auf dem Herd und gibt in jedes eine Schicht Blätter. Sie füllt sie jeweils mit einer Schöpfkelle voller fleischiger Bänder und gießt kochende Salzlake darüber. Schraubt die Deckel fest zu. Als eine Reihe Weckgläser mit Quallen die hintere Ladentheke säumt, genehmigt sie sich ein Glas Gin. Öffnet die Fliegengittertür und tritt ins Freie, um darauf zu warten, dass die Morgendämmerung in die Bucht lugt.
Die Welt strahlt – der Mond, die Sterne. Das Meer. Licht strömt aus den Fenstern des behelfsmäßigen Labors auf der anderen Seite der Bucht. Auf der Veranda sammelt sich Tau. Tama hält nach dem grünen Pick-up Ausschau, und als hätte sie ihn aus seinem Versteck hervorgewünscht, rumpelt der Wagen in Sicht und hält auf den Anlegeplatz zu. Ins Fahrerhaus kann sie nicht sehen. Der Wagen bleibt stehen, und eine einzelne Person steigt aus und lehnt sich an die Motorhaube, den Blick hinaus aufs Wasser gerichtet. Niemand sonst steigt aus dem Wagen. Niemand wartet im Fahrerhaus, entscheidet Tama. Sie friert an den Armen, sie hat keinen Pullover mitgebracht. Ihr Glas ist leer. Sie hört einen Außenbordmotor. Ein Boot, das in die Bucht fährt. Sie bleibt nicht lang genug, um zu beobachten, wie es andockt, oder um den Sonnenaufgang mitanzusehen.
Das Boot wird, wie Vivienne weiß, zu hören sein, bevor es zu sehen ist, da das Motorengeräusch durch die frühmorgendliche Stille noch verstärkt wird.
Sie muss in die Bucht fahren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Der Trick wird darin bestehen, es geruhsam anzugehen. Vivienne lässt den Außenbordmotor vor sich hin tuckern – das Kielwasser schäumt wie Sahne beim Schlagen oder wie Eier, wenn sie Baiser macht. Nicht wild, sich nur übereinanderfaltend. Sie trödelt in Richtung Strand, als sei sie überhaupt nicht in Eile. Als habe sie alle Zeit der Welt. Sie hofft, dass Thomas nicht am Anlegeplatz herumlungert. Oder Bradley. Oder sonst jemand, der die Ellbogen auf die Mole stützt oder in einem Truck sitzt und raucht, bis die Luft im Fahrerhaus so blau ist, dass sie sich fragt, wie er noch durch die Windschutzscheibe sehen kann.
Doch als sie in Sichtweite des Kais fährt, steht dort nur der grüne Truck, und nur Colleen drückt sich mit einem Fuß von der Stoßstange weg. Keine glühwürmchenartigen Lichtpunkte, die glimmende Zigaretten erkennen lassen. Keine Ellbogen, die Köpfe auf der Mole aufrecht halten, keine raucherfüllten Fahrerhäuser. Kein Bradley als Beifahrer. Vivienne blickt rasch zum Laternenpfahl. Kein Quad, das dort parkt. Kein Thomas.
Der Kai ist jetzt so nah, dass Vivienne die abblätternde gelbe Farbe sieht, die schleimige Helling aus Beton, die rostigen Anlegeklampen. Sie geht vom Gas und stellt den Motor ab. Das Boot treibt die letzten Meter und stößt an das mit Teeröl behandelte Holz. Colleen wartet darauf, dass Vivienne nahe genug herankommt und ihr die Festmacherleine zuwerfen kann. Vivienne wirft sie, aber sie wirft nicht weit genug, und die Leine prallt an einem seitlich am Kai befestigten Autoreifen ab und fällt ins Wasser. Die Hände nass und wund, holt sie sie wieder ein, während Colleen ungeduldig die Stirn runzelt. Verärgert darüber, durch Viviennes Tollpatschigkeit Zeit zu vergeuden. Vivienne versucht es nochmals, und diesmal fängt Colleen die Leine mit ihren großen Händen, schlingt sie um die Eisenklampe und sichert sie mit einem erdrosselnden Palstek. Viviennes Herz hämmert, ihre Finger sind Klauen, gefroren zur Form des Außenbordmotorgriffs.
»Wie ist es gelaufen?«
Vivienne sagt nichts. Schüttelt den Kopf.
»Alle fünf Eimer vollgekriegt? Du warst furchtbar schnell.«
Nichts.
»Du weißt ja, dass alles vorschriftsmäßig gemacht werden muss. Wir können uns keine verzerrten Ergebnisse wegen nachlässiger Datensammlung erlauben.«
Vivienne packt einen der gefüllten Probeneimer, um den Weg freizuräumen, doch er entgleitet ihrem Griff. Ihre Nervosität ist spürbar. Sie verliert das Gleichgewicht und fällt nach vorn, wobei sie seitlich mit dem Gesicht gegen das Dollbord knallt. Den Eimer lässt sie fallen, und Wasser schwappt heraus. Sie spürt, dass sich an ihrem Wangenknochen eine Schwellung bildet.
»Herrgott, Viv, pass doch auf!«
»Wir haben heute Abend wenig Zeit, Colleen. Ich glaube, wir müssen uns beeilen.«
»Was redest du da? Wer wartet denn auf dich? Dieser Tom? Stehst du so unter Druck, weil du dich mit diesem Tom triffst? Ich hätte nicht gedacht, dass er dein Typ ist.«
»Die Fischkiste, Colleen. Hilf mir mit der Fischkiste.«
Vivienne bewegt sich schnell, unbesonnen. Das Boot schaukelt gefährlich.
»Die Eimer zuerst, Mädchen, oder wir werden nie an die Fischkiste kommen.«
Vivienne sieht es ein und beginnt, die Plastikeimer hochzureichen. Colleen streckt die Hände nach ihnen aus, nimmt einen nach dem anderen, schlendert damit zum Truck. Setzt sie hinten auf der Ladefläche ab. Schlendert wieder zurück. Sie macht ganz langsam. Auf dem Rückweg schiebt sie die Hände in die Taschen.
»Bitte, Colleen. Bitte. Nimm das Ende der Kiste. Wir müssen sie in den Truck schaffen.« Viviennes Stimmlage hebt sich wie die Aufwärm-Arpeggios einer Opernsängerin, gleitet die Tonleiter hoch wie etwas, das nachmittags im öffentlichen Rundfunk zu hören ist. Allmählich fühlt Vivienne sich körperlos. Sie fragt sich, ob sie sich vielleicht aus dieser Situation teleportieren kann, wenn sie es sich nur fest genug vorstellt. Sich fortteleportieren von Colleen und der Notwendigkeit, die Plastikkiste und ihre fischige Fracht aus dem Boot und auf die Ladefläche des Trucks zu bekommen, bevor jemand auf das Vorfeld des Anlegeplatzes fährt.
Sie kann das Heulen eines Quads hören.
»Colleen, du musst das Ende nehmen. Es ist zu schwer für mich.« Vivienne rempelt jetzt unten im Boot herum wie ein Elefant im Porzellanladen oder ein Bär in einem Boot. Ein tollpatschiger, daumenloser Bär, der nichts fest im Griff hat: die Fischkiste, die Wirklichkeit. Sie tritt gegen die Angelspule, verheddert sich in der Schnur, fällt über den Sitz.
»Ich hab was. Ich hab was da drin. Wir müssen sie hier wegbringen. Sie muss in den Truck.«
»Was? Was hast du da drin?« Endlich ist Colleens Interesse geweckt. »Was ist da drin?«
Colleen springt ins Boot und wirft den Kapuzenpullover beiseite, den Vivienne über dem fast perfekt gemachten Bett ausgebreitet hatte. Der Umriss des Schwanzes der Kreatur ist deutlich unter der zerknautschten gelben Regenjacke erkennbar. Das Quad kommt näher. Es fährt den Weg den Hügel herunter, und die unebene Straße lässt die Scheinwerferlichter hüpfen. Unter dem Netz bewegt sich etwas kaum merklich. In dem Bett liegt ein Ungeheuer. Colleen reißt die Hand zurück.
»Es lebt.« Eine Feststellung, keine Frage.
Es lebt. Vivienne spürt ein Rauschen von Blut hin zu ihrem Herz.
»Bitte.« Vivienne fleht. Sie versucht, inmitten der Angst, die durch ihren Kreislauf peitscht, ein Quäntchen freudige Erregung herauszuspüren, aber da ist nichts. Stattdessen würgt sie ein wenig.
Endlich begreift Colleen den Ernst der Lage.
»Reiß dich zusammen«, zischt sie.
Die Last der Entdeckung wiegt schwer auf Viviennes Schultern, die Last der Entdeckung und die Angst, dass sie dieses Ding ermordet, dass die Kreatur am blutigen Boden der Kiste ertrinkt. Sie stellt sich abermals den Haken durch die Wange vor, den bleiernen Pilker, der aus der Wunde baumelt.
Doch da geht es schnell. Colleen springt aus dem Boot und blafft Anweisungen. Sie hieven die Fischkiste hoch, Vivienne im Boot und Colleen auf dem Kai, und gemeinsam schaffen sie sie an Land. Vivienne springt auf den Anlegeplatz. Noch ein Hieven, und die Fischkiste liegt auf der Ladefläche des Trucks. Colleen wuchtet die Klappe zu, als Thomas dröhnend neben ihnen hält.
»Hallo, Skipper!«, ruft er Vivienne zu.
Colleen geht rasch an ihm vorbei und spricht über die Schulter.
»Vivienne fühlt sich nicht gut. Eine unruhige Fahrt im Boot. Wir fahren zurück zum Labor.«
»Seekrank? Du armes kleines Stadtkind. Du siehst definitiv ein bisschen grünlich aus.«
Colleen steht in der offenen Tür des Trucks, ein Fuß auf der Stufe.
»Vivienne, wir müssen los. Ich möchte diese Proben gleich bearbeiten.«
Tom kehrt Colleen den Rücken zu und verdreht vor Vivienne die Augen, in der Hoffnung auf ein Lachen. Vivienne schüttelt den Kopf über ihn.
»Du armes Ding, du siehst gar nicht gut aus. Ich schau vielleicht später mal vorbei und fahr dich nach Hause. Wenn du mit dem Schnippeln und Würfeln fertig bist.« Er lässt den Motor aufheulen. »Bis später.« Und schon ist er auf dem Weg den Hügel hinauf. Die Sonne späht über den Horizont.
Die Kreatur in der Fischkiste liegt sicher auf der Ladefläche hinter ihnen, und sie sitzen eine Minute lang in dem dunklen Fahrerhaus. Keine ganze Minute, aber die Zeitspanne, in der man einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig sagen kann. Zum ersten Mal ist Vivienne froh über Colleens Schweigsamkeit.
Anfang Juni waren sie gemeinsam aus St. John’s hergefahren, und als sie die Foxtrap Access Road hinter sich gelassen hatten, bestand der Soundtrack der Fahrt hauptsächlich aus Schweigen. Vivienne hatte beim Verlassen der Stadt geplappert und den kleinen Raum mit Wörtern gefüllt, doch Colleen hatte gesagt: Dürfte sie bitten? Sie müsse sich aufs Fahren konzentrieren. Und: Sie könne bei offenen Fenstern nicht hören, was Vivienne sage. Und: Vielleicht könnte Vivienne nach Elchen Ausschau halten? Doch es war sonnig und hell und mitten am Vormittag, weitab der dämmrigen Ränder des Tages, wenn Elche dazu neigten, auf den Highway zu trotten. Gelangweilt und wortlos spähte Vivienne durch das Fenster auf die elchlose Mondlandschaft des Butterpot Parks. Ihre Ohren füllten sich mit dem Geräusch von vorüberwehendem Wind.
Das einzige Geräusch ist jetzt das von Meerwasser am Anlegeplatz. Die Fenster sind einen Spalt geöffnet, und eine Zunge aus Luft leckt herein. Colleen starrt in den Rückspiegel, die Hände am Lenkrad. Sie klappt den Spiegel nach oben, sodass sich ein früher Sonnenstrahl an der Decke des Fahrerhauses bricht. Vivienne sitzt auf ihren Fingern auf dem Beifahrersitz, vibrierend. Die wilde Panik, die gedroht hatte von ihr Besitz zu ergreifen, flaut zu summender Besorgnis ab. Colleen dreht den Zündschlüssel. Sie legt den Gang ein, tritt aber zu fest aufs Gaspedal, sodass der Kies spritzt, bevor sie die Fassung wiedererlangt und ein vernünftigeres Tempo wählt. Dennoch ist es eine unerträgliche, torkelnde Fahrt mit dem Pick-up, und Colleen nimmt jedes Schlagloch auf dem halben Kilometer vom Anlegeplatz zu dem Store mit, den sie als behelfsmäßiges Labor benutzen.
Anfangs hatte das Wort Vivienne in die Irre geführt: Store. Sie war aus dem Truck gestiegen und hatte nach einem umgebauten Gemischtwarenladen Ausschau gehalten – Susie’s Groceteria oder Glenda’s Superette. Mit einem Lachen hatte Thomas gesagt: »Daran erkennt man den Stadtmenschen.« Und ihnen erklärt, dass man Eier und Bier im Laden kaufe und dass man den Rasenmäher und die Angelausrüstung in einem Store aufbewahre, einem Lager.
Der Store steht direkt am felsigen Strand, hinter einem verwitterten Saltbox-Haus in einer ganzen Reihe anderer verwitterter Saltbox-Häuser mit ihren asymmetrischen, nach hinten langgezogenen Satteldächern. Im Gegensatz zu den gepflegten, zuckergussfarbenen Reihenhäusern von St. John’s aus den Tourismus-Werbespots sind sie trist, und die Farbe blättert ab. Salz und Schimmel haben an den Schindeln gekaut. Fischnetze und Krebsfallen und die Holzpfähle von längst zusammengebrochenen Gestellen zum Lufttrocknen der Fische verrotten in den unkrautüberwucherten Gärten. Im langen Gras verstecken sich räudige orangefarbene Katzen.
Colleen setzt rückwärts in den Hof und fährt so nah wie möglich an den Store heran. Sie reißt die Wagentür des Trucks auf und springt heraus, die Tür hinter sich zuknallend. Auf dem Weg zur Rückseite des Fahrzeugs fallen ihr die Schlüssel aus der Hand, aber sie lässt sie auf dem Kies liegen. Vivienne bewegt sich langsamer. Sie fühlt sich schwach. Sie fühlt sich flüssig. Sie ergießt sich aus dem Fahrerhaus und sickert nach hinten, wo Colleen die Kiste auf die heruntergelassene Heckklappe schafft. Die Adern in Colleens Armen treten wie Schlangen hervor, als sie ein Ende der Kiste anhebt. Vivienne verfolgt sie mit den Augen, verfolgt, wie sie unter ihrer Haut herumkriechen.
»Steh nicht untätig rum. Schnapp dir das Ende.«
Vivienne schnappt es sich. Sie lässt eine Hand unter den Griff gleiten, und bei drei heben sie die Kiste auf den Boden. Colleen schiebt den Riegel an der Wettertür hoch, und sie heben wieder an, zweihändig, und schleppen sie über die Schwelle. Die Fischkiste ist unhandlich, ihr Gewicht verlagert sich, weil das Wasser im Innern von einer Seite auf die andere schwappt. Vivienne spürt, dass sie ihr aus den Fingern gleitet. Sie packt die Kiste fester, gräbt die Nägel in das nasse graue Plastik, doch sie stolpert beim Überqueren der Schwelle, und ihr Ende der Kiste poltert zu Boden. Ein Spritzer Rot trifft ihre Jeans. Fluchend zerrt Colleen die Kiste in die Zimmermitte. Sie will schon die Tür hinter sich verriegeln, da wird ihr klar, dass es nur ein Schloss gibt: das Vorhängeschloss aus Stahl, das am Außenriegel der Tür hängt. Sie können absperren, wenn sie gehen, aber einsperren können sie sich nicht. Sie stapelt ein Wirrwarr aus Netzen vor der Tür auf, um einen Besucher oder einen Eindringling zum Stolpern zu bringen, zumindest ein wenig zu behindern. Eine Falle wie aus einem Zeichentrickfilm.
»Wir können das nicht mitten auf dem Boden stehen lassen.« Colleen nickt in Richtung Kiste. Verschränkt die Arme vor der Brust. »Hier geht jeder ein und aus.« Vivienne beginnt zu hyperventilieren, ihr Atem kommt in flachen Zügen.
»Dort«, sagt Colleen. Sie deutet auf den rückwärtigen Teil des Stores.
Ein langes, verstaubtes, salzverkrustetes Fenster geht auf den Hafen hinaus und nimmt eine Hälfte der Rückwand ein, die andere Hälfte ist in Boxen eingeteilt. Früher hatte hier jemand Ziegen gehalten oder eine Kuh, und bei Regen steigt immer noch Dunggeruch auf. Das Obergeschoss war ein Heuboden gewesen. Sie ziehen die Kiste in die letzte Box, diejenige, die am weitesten von der Tür entfernt ist. Die Dielen weisen Lücken auf. Durch die Ritzen kann Vivienne den Ozean sehen, der an Felsen saugt. Das Gebäude ist auf Stelzen errichtet worden, und bei Flut steht das Haus in der Bucht.
Endlich sind sie, alle drei, außer Sicht, verborgen durch ein paar Schritte weg von der Tür. Die Kreatur ist an einen Ort gebracht, wo ihnen zumindest ein Warnruf bleibt, bevor sie entdeckt wird. Die Frauen zerren das perfekt gemachte Bett auseinander. Was sie von dem Gesicht der Kreatur sehen können, ist grau und reglos am Boden der Kiste.
»Was zum Teufel tun wir jetzt?« Colleen schiebt die Finger in ihre Haare, und sie stehen wie Stroh ab. Vogelscheuchenhaare.
»Reanimation?«
»Es hat Kiemen, Mädchen. Was willst du machen? Ihm Wasser seitlich an den Kopf spucken?«
Die Kiemen an der entblößten Gesichtshälfte flattern wie Mohnblumen im Wind. Das Wasser in der Kiste ist blutig. Was Vivienne und Colleen von ihrem Körper sehen können: ein Schwanz mit Flossen, ein geschmeidiger Körper, der kaum in die enge Kiste passt. Sie hat den Rumpf wie eine frische Farnspitze eingerollt, den Kopf schief gelegt. Gliedmaßen, die mit muskulösen Schultern beginnen, verjüngen sich zu langen Wedeln, zu Bändern, die wie nasse Blätter auf dem Rand der Kiste liegen. Tief in Ärmeln aus seidigem Seetang vergraben stecken knochige Flossen. Oder Hände.
Das Flattern der Kiemen ist ganz leicht. Handlungsdruck lastet auf den beiden Frauen. Der Tod lauert in diesem Raum. Vivienne stellt sich den riesigen Tintenfisch vor, der bis in alle Ewigkeit in seinem Aquarium voller Formaldehyd im Naturkundemuseum in St. John’s schwebt. Sie wissen nicht, wie sie zu retten ist. Sie wissen nicht, wohin mit ihr.
Vivienne spricht als Erste. »Uns fehlt die nötige Ausrüstung. Wir können sie nicht auf unbestimmte Zeit in dieser Kiste lassen.«
Colleen sagt nichts. Sie steht auf und sieht sich in dem Raum um. Hebt die Hände, um den Kragen ihres Karohemds glatt zu streichen. Die Hände an ihrer Kehle, als würde sie eine Krawatte richten.
