Meeresstille - Nicol Ljubic - E-Book

Meeresstille E-Book

Nicol Ljubic

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Beschreibung

Morgens, wenn er aufwachte, lag er jedes Mal mit dem Kopf auf ihrem Kissen. Kann die Liebe zweier junger Menschen eine Brücke bauen über Schuld und Trauma nach dem Balkankrieg? Robert liebt Ana, und Ana liebt Robert. Doch etwas gerät zwischen sie, worüber Ana nicht sprechen kann. Etwas ist vorgefallen, damals, im Jugoslawien-Krieg, als sie noch ein Mädchen war. Eine ungeklärte Schuld ihres Vaters, die sie, weit weg von ihrer Heimat, bis nach Berlin verfolgt. Der serbische Kriegsverbrecher Zlatko imiæ steht in Den Haag vor Gericht. Im Zuschauerraum sitzt Robert und versucht, sich ein Bild von dem Mann zu machen, über den Ana so liebevoll erzählt hat. Wie konnte dieser Mann schuldig werden an einem teuflischen Verbrechen, bei dem 42 Menschen qualvoll verbrannten, ausgerechnet er, der Professor für Anglistik war und ein hochgebildeter und angesehener Shakespeare-Liebhaber? In Deutschland geboren, hat sich Robert für seine kroatische Abstammung nie interessiert, bis er eines Tages Ana begegnet, einer serbischen Studentin. Die Liebe zu ihr führt ihn in die Vergangenheit seiner Familie und die eines ganzen Volkes.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Aus folgenden Ausgaben wurden Passagen zitiert: William Shakespeare, König Lear, übersetzt von Raimund Borgmeier, Barbara Puschmann-Nalenz, Bernd Santesson und Dieter Wessels, Stuttgart: Reclam, 1973; Macbeth, übersetzt von Frank Günther, München: dtv, 1995; Titus Andronicus, übersetzt von Dieter Wessels, Stuttgart: Reclam, 1988; Ivo Andric, Die Brücke über die Drina, übersetzt von Ernst E. Jonas, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. 1. Auflage 2010 Copyright © 2010 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburgwww.hoca.de Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-455-40256-8

Der Autor dankt der Robert Bosch Stiftung für die Förderung der Arbeit an diesem Roman durch ein »Grenzgänger«-Stipendium.

Meeresstille

Prolog

Den Haag, im Dezember

»Euer Ehren, bevor ich auf das Verbrechen selbst zu sprechen komme, möchte ich kurz den historischen Hintergrund erläutern, vor dem der Angeklagte sein Verbrechen begangen hat. Bis 1991 war das ehemalige Jugoslawien eine föderative Republik, die aus sechs Teilrepubliken bestand. Nach dem Tod General Titos drohte das Land auseinanderzubrechen. Die Jugoslawische Volksarmee intervenierte zunächst in Slowenien, dann in Kroatien und schließlich in Bosnien, mit dem Ziel, inmitten der auseinanderstrebenden Republiken einen neuen Staat zu errichten: das neue Jugoslawien, das als Ergebnis blutiger Auseinandersetzungen aus dem Gebiet zweier Republiken geschaffen und von den Serben und ihren engen Verbündeten, den Montenegrinern, bewohnt wurde. Dieser Plan, den die politischen Führer in Serbien und Bosnien geschmiedet hatten, wurde von der Jugoslawischen Volksarmee zusammen mit Spezialeinheiten des serbischen Innenministeriums und paramilitärischen Gruppierungen, die von den nationalistischen Parteien finanziert wurden, skrupellos umgesetzt; dabei bestanden enge Kontakte zu Lokalpolitikern und örtlichen Polizeikräften. Die Militäroperationen der serbischen Einheiten erfolgten auf koordinierte und systematische Weise, und bis Ende 1992 führte die Kampagne zu der Ermordung oder Zwangsumsiedlung von etwa zwei Millionen Nichtserben.

Ein Ort, der dabei traurige Berühmtheit erlangte, war Višegrad.

Vor dem Bosnienkrieg war Višegrad eine Kleinstadt im Osten von Bosnien und Herzegowina. Sie ist eine von mehreren Städten am Ufer der Drina und gehört heute zur Republika Srpska.

Der Stadt fiel während des Krieges aus zahlreichen Gründen strategische Bedeutung zu. Zum einen verfügt die Gemeinde über ein großes Wasserkraftwerk an einem Staudamm. Der Staudamm diente nicht nur der Energieerzeugung, sondern trug auch zur Kontrolle des Flusspegels und zur Vermeidung von Überschwemmungen bei. Zum anderen ist die Stadt ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Sie liegt an der Hauptverbindungsstraße zwischen Belgrad und Sarajevo.

Am 6. April 1992 begann der Granatenbeschuss der Stadt und der umgebenden Dörfer durch lokale serbische Einheiten, der sich vor allem auf muslimische Wohngebiete und Dörfer richtete. Aus Rache besetzte eine kleine Gruppe von Muslimen den Staudamm und drohte damit, ihn zu sprengen. Einem der Männer gelang es, einen Teil des Staudamms zu öffnen und einige Häuser und Straßen zu überschwemmen, was zur Folge hatte, dass zahlreiche serbische wie muslimische Bewohner aus der Stadt flohen. Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee gewannen die Kontrolle über den Staudamm und bald auch über die Stadt.

Nachdem sich Vertreter der Muslime von der Armee hatten zusichern lassen, dass die Muslime in der Stadt keiner Gefährdung ausgesetzt seien, riefen sie die muslimischen Bewohner auf, aus ihren Verstecken zu kommen und in ihre Häuser zurückzukehren. Viele kehrten zurück, weil sie den Zusicherungen glaubten. Für sie begann ein Albtraum. Sie wurden von Polizisten und Paramilitärs ausgeraubt und mit dem Tod bedroht. Muslime, die leitende Positionen in der Stadt innehatten, wurden entlassen; einige von ihnen verschwanden. Paramilitärs fuhren durch die Stadt, sie hatten Lautsprecher auf ihren Autos und spielten Aufnahmen von Folterungen ab.

Die Situation verschlimmerte sich, als die Jugoslawische Volksarmee die Stadt verließ. Nach ihrem Abzug gründeten die Serbenführer die Serbenstadt Višegrad und übernahmen die Stadtverwaltung. Serbische Bewohner wurden in Ausbildungscamps für den Umgang mit Schusswaffen geschult. Kurze Zeit später leiteten serbische Einwohner, die Polizei und paramilitärische Einheiten eine der brutalsten ethnischen Säuberungen des Bosnienkriegs ein. Die Stadt sollte für immer von ihren muslimischen Bewohnern befreit werden.

Hunderte unbewaffneter muslimischer Zivilisten wurden in Višegrad getötet. Die Leichen der Männer, Frauen und Kinder wurden, nachdem sie am Ufer der Drina oder auf der historischen türkischen Brücke – seit Jahrhunderten Symbol der schwelenden Feindseligkeiten zwischen Muslimen und Serben – ermordet worden waren, in den Fluss geworfen. Die grausam zugerichteten Leichen wurden vom Strom flussabwärts und nahe dem Dorf Slap, wo die Drina einen großen Bogen macht, ans Ufer getrieben. Muslime, die nicht einem Mord zum Opfer fielen, wurden inhaftiert. Sie wurden geschlagen, gefoltert und sexuell misshandelt. Viele kamen dabei ums Leben. Die beiden Moscheen der Stadt wurden völlig zerstört.

Višegrad ist eines der erfolgreichsten Beispiele für ethnische Säuberungen während des Balkankriegs. Mehr als 61 Prozent der 21000 Bewohner waren Muslime. Aufzeichnungen des Roten Kreuzes zufolge wurden 12000 Menschen zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen oder ermordet. Višegrad ist zu traurigem Ruhm gelangt, weil in keinem anderen Ort – außer Srebrenica – so viele Menschen verschwunden sind, vor allem Männer und männliche Jugendliche. Das sollten Sie im Kopf behalten während der nächsten Tage, Wochen und Monate, die bis zum Urteil in diesem Prozess vergehen werden.

Ich denke, diese kurze Einführung war notwendig, um Ihnen ein Verständnis für die Zeit und die Hintergründe zu liefern, während deren dieses teuflische Verbrechen verübt wurde, für das der Mann, der hier vor Ihrer aller Augen sitzt, mitverantwortlich ist.«

SchwacherWindkamvomMeer, er trieb kleine Wellen vor sich her, die verendeten, bevor sie das Ufer erreichten. Die Luft zog landeinwärts, über den breiten Ostseestrand, über sie hinweg, durch das Gras der Dünen.

Sie lagen da und hielten die Augen geschlossen. »Wie heißt das, wenn das Meer ruhig ist?«, fragte sie. Er verstand nicht, was sie meinte. Wenn das Meer ruhig ist, ist es ruhig. Oder still. »Habt ihr kein Wort dafür?«, fragte sie. »In meiner Sprache gibt es dafür ein Wort.«

Er hört ihre Stimme. So klar und etwas zu tief. Er stellt sich das Gesicht zu dieser Tonlage vor. Ernste Augen, Wangenknochen, eine schmale Nase, ein paar Falten auf der Stirn, blasse Haut, fast schon anämisch, dazu ihr dunkles Haar. Von weit oben sieht er den Abdruck seines Körpers im Sand, ihrer aber fehlt neben seinem. Er kann sich das nicht erklären. Vielleicht war der Sand zu fest und sie zu leicht. Wäre das möglich? Wäre es möglich, dass es Menschen gibt, die keinen Abdruck im Sand hinterlassen? Nicht mal in Gedanken? Sie lag neben ihm, das weiß er. Nur wie lange, das weiß er nicht. Er spürte Haarspitzen im Gesicht, lange dunkle Haare, die ihn kitzelten.

Er öffnete seine Augen. Sie hatte sich über ihn gebeugt. Von oben muss es ausgesehen haben, als küsste sie ihn. Sie legte ihm die Hände aufs Gesicht, ihre immer kalten Hände.

»Bonaca.« Das Wort hatte sich ihm eingeprägt. Meeresstille.

Er ist einer der Letzten, die den Zuschauerraum betreten. Der Wachmann gibt ihm einen Kopfhörer und weist ihm einen der wenigen freien Plätze zu. Er setzt sich in die dritte Reihe neben eine Gruppe von jungen Leuten, von denen er annimmt, sie seien Studenten, weil jeder von ihnen einen Notizblock vor sich liegen hat.

Er hört ein leises Stimmenwirrwarr, das aus den vielen Kopfhörern dringt. Durch die gepanzerte Scheibe sieht er den Gerichtssaal. Drei Richter in schwarzen Roben, vor ihnen eine Reihe von Protokollanten, zur Rechten der Ankläger, zur Linken mehrere Verteidiger, die wie ein Schutzwall vor dem Angeklagten sitzen. Der Angeklagte trägt ein weißes Hemd, einen dunklen Anzug, Krawatte. Er hat dichtes, schwarzes Haar, was ungewöhnlich ist für einen Mann seines Alters; er ist sechzig Jahre alt, er hat eine hohe Stirn und eine feine, schmale Nase, die seinem Gesicht fast etwas Zartes verleiht. Neben ihm stehen zwei Männer in blauer Uniform, die ihn bewachen und in regelmäßigen Abständen abgelöst werden.

Der Vorsitzende Richter, ein ältlicher, schmaler Mann mit weißem Haar, übergibt an Mr Bloom, den Ankläger, dem drei Stunden Zeit bis zur Mittagspause bleiben, die Anklage zu erheben. Der stattliche Mann, dessen breite Schultern sich unter der schwarzen Robe abzeichnen, steht auf, wirft dem Angeklagten einen Blick zu und fängt an. Zu Beginn wird er einige Male von den Übersetzern unterbrochen, die ihn bitten, näher ans Mikrophon zu treten.

Von seinem Platz im Zuschauerraum aus sieht er Mr Bloom die meiste Zeit von hinten.

»Sie werden den Schmerz erkennen, wenn Sie in ihre Augen sehen, und in ihrem Gesicht die Narben, die das Feuer jener Nacht hinterlassen hat. Sie werden ihre Stimme kaum hören und nicht alles verstehen, Sie werden sich fragen, ob diese Frau die Wahrheit sagt, weil diese Wahrheit Sie an Ihrer Vorstellung vom Menschsein zweifeln lässt. Sie wird versuchen, von jener Nacht zu berichten, von dem unsäglichen Verbrechen, das sie als Einzige überlebt hat. Ich denke, jedem von Ihnen ist klar, welchen Mut diese Frau aufbringt, welche Qual sie durchzustehen hat, hier zu sprechen, vor Ihrer aller Augen und in Gegenwart des Mannes, dem sie zuvor ein einziges Mal begegnet ist: in jener Nacht, in der ihre Familie, die Hasanovićs, verbrannte.«

Der Angeklagte hat nach wenigen Minuten seinen Kopfhörer abgenommen und begutachtet seine Fingernägel, der Reihe nach, mit dem kleinen Finger der linken Hand beginnend. Dann reibt er sich die Hände und hält plötzlich inne, als sei er sich von einem auf den nächsten Moment bewusst geworden, wie zynisch diese Geste, hier an diesem Ort, wirken muss.

Er sieht ihn hinter der Scheibe auf seinem Stuhl sitzen, er kann seinen Blick nicht von ihm lassen und wünscht sich gleichzeitig, er könnte ihn hassen, wie jeder andere es könnte, dem der Name des Angeklagten nicht so vertraut wäre. Er spürt den Hauch zwischen seinen Lippen und seiner Zungenspitze, die tonlos die Buchstaben zu seinem Namen formt: Zlatko Šimić. Erschrocken sieht er sich um, aber die junge Frau neben ihm hat ihren Kopfhörer auf und beachtet ihn nicht.

»Dieser Mann hat sich als Mitarbeiter des Roten Kreuzes ausgegeben, er hat der Familie ein Dokument gezeigt und sie in das Haus geführt, in dem sie später angezündet wurde. Zweiundvierzig Verwandte der Frau, die hier vor Ihnen steht, kamen im Feuer um, ihre Eltern, ihre Großeltern, ihre Tanten und Onkel, ihre Cousinen und Cousins, ihre drei Schwestern und ihr zwei Tage alter Bruder. Der Mann hatte ihnen gesagt, sie seien sicher in dem Haus und dass am Morgen die Busse kämen, die sie aus der Stadt brächten. Das war alles, was die Hasanovićs wollten, weg aus der Stadt, in der sie ein Leben lang gelebt hatten und aus der die eigenen Nachbarn sie letztlich vertrieben. Sie waren die letzten Muslime im Dorf, als sie sich entschlossen, ihre Häuser aufzugeben. Am 14. Juni 1992 überquerten sie die alte Brücke von Višegrad auf der Suche nach dem Roten Kreuz. Die große Tragödie um diese Familie begann, als sie auf ihrer Suche dem Mann begegnete, der sich uns allen als Zlatko Šimić vorgestellt hat und sich im Sinne der Anklage für unschuldig hält. Er wird behaupten, zur Tatzeit im Krankenhaus von Višegrad behandelt worden zu sein, seine Verteidiger werden eine Kopie des Aufnahmeprotokolls als Beweisstück vorlegen, was zwangsläufig nur einen Schluss zulässt: Er oder sie sagt nicht die Wahrheit, er oder sie belügt das Gericht, und es liegt an Ihnen, ihm oder ihr zu glauben. Machen Sie sich bewusst, was es für diese Frau bedeutet, hier und heute auszusagen, jene Nacht, in der sie zusehen musste, wie ihre Verwandten im Feuer umkamen, ein weiteres Mal zu durchleben, machen Sie sich bewusst, was sie mit der Reise hierher zum Tribunal riskiert, schauen Sie ihr in die Augen, und Sie werden verstehen, dass diese Frau nicht lügen könnte.«

Es heißt, die Augen seien der Spiegel der Seele. Er fragt sich, ob er sie jemals richtig betrachtet hat. Ob er in den Augen, die er so liebte, etwas anderes hätte sehen können, eine Lüge vielleicht oder den Schatten eines Lebens, das sie im Alltag vor ihm verbarg. Šimić war zu weit weg, um ihm in die Augen zu sehen. Er fragt sich, ob er sich, wenn er vor ihm stünde, überhaupt traute, ihm in die Augen zu sehen.

»Dieser Mann ist gewiss nicht der niederträchtigste unter all den Angeklagten dieses Tribunals, er ist keiner, der mit eigenen Händen gemordet hat, er ist auch nicht derjenige, der das Streichholz fallen ließ. Sein Verbrechen begann, als er diesen verzweifelten Menschen seine Hilfe anbot, sie zu dem Haus führte, das bereits mit Brandbeschleuniger präpariert war, und ihnen sagte, dass am nächsten Morgen die Busse auf sie warten würden. Dieser Mann hat sie im Haus eingeschlossen, und er blieb, als zwei Männer dazukamen, zwei Männer, die er gut kannte. Sie raubten den Hasanovićs ihr Geld, ihre Uhren, ihren Schmuck, sie zwangen jeden Einzelnen, sich auszuziehen, und dann ließ einer der beiden Männer das Streichholz fallen. Das Haus stand sofort in Flammen. Sie verschlossen die Tür und warteten vor dem Gebäude, bis nach zwei Stunden die letzten Schreie verstummten. Schauen Sie sich ihn an, diesen Mann, der zweiundvierzig Menschen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, mit Vorsatz in den Tod geführt hat und dem das offenbar nicht genug war. Am nächsten Morgen hat er Schweine kommen lassen und aus dem Haus einen Stall gemacht. Ausgerechnet Schweine!«

Die meiste Zeit steht er fast bewegungslos da, den Blick auf seine Zettel gesenkt. Er trägt die Anklage in einem überraschend ruhigen Tonfall vor, ohne Eifer, selbst die Stellen, die dazu verleiten könnten.

»Sie können sich vielleicht vorstellen, wie schwierig es für diese junge Frau sein wird, hier als Zeugin auszusagen. Die Erinnerungen an jene Nacht werden sie für immer quälen, aber es ist etwas anderes, die Bilder im Kopf zu haben, als Worte für diese Bilder finden zu müssen. Denken Sie daran, wenn sie als Zeugin aufgerufen und hier in diesem Raum vor Ihnen allen Platz nehmen wird. Und denken Sie daran: Sie war vierzehn, als jene Nacht ihr all die Menschen nahm, die sie liebte.«

Zeitweise sitzt Zlatko Šimić auf gekipptem Stuhl, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Einmal holt er einen Kamm aus der Innentasche seines Jacketts und zieht sich den Scheitel zurecht, gelegentlich spielt er mit dem Ende seiner Krawatte, wickelt sie um einen seiner Finger und glättet den Stoff wieder. Wenn er seinen Blick durch den Raum schweifen lässt, sieht er niemanden an, als weigere er sich, wahrzunehmen, dass hier Menschen sind, die über ihn richten, und andere, durch eine Scheibe getrennt, die ihnen dabei zusehen.

Seine Anwälte machen sich Notizen, sie schieben sich gegenseitig Zettel zu. Die Richter sitzen in ihren Stühlen, einer hat den Ellenbogen auf der Armlehne, den Kopf auf die Hand gestützt.

Er nimmt den Kopfhörer ab und hört das gedämpfte Wirrwarr aus den vielen anderen. Er sieht sich um. Fast alle Zuschauer folgen dem Prozess, aufmerksam, gebannt. Eine ältere Frau fängt zu weinen an. Sie wischt sich mit einem Taschentuch die Augen. Er denkt daran, wie viel leichter es für ihn gewesen wäre, hätte sie jemals geweint und ihm die Möglichkeit gegeben, ihre Tränen zu trocknen. Er hätte sie an sich gedrückt oder mit dem Zeigefinger ihre Tränen aufgehalten und weggewischt. Wie sehr er sich das wünscht in diesem Moment! Warum nur ist sie nicht hier neben ihm? Warum nur konnten sie nicht zusammen hier sein?

Die junge Frau neben ihm hat schon mehrere Seiten ihres Notizheftes vollgeschrieben. Er beobachtet ihr schmales Handgelenk, das auf der kleinen Schreibfläche liegt, das Spiel der feinen Knochen, die sich durch ihren blassen Handrücken abzeichnen.

Durch die Scheibe sieht er, wie Mr Bloom eine Handbewegung in Richtung des Angeklagten macht, eine Bewegung, die stumm wie eine einladende Geste aussieht.

Wie kann Šimić nur so regungslos dasitzen?

Eine Frau, die ihm bislang nicht aufgefallen ist, fängt an zu fluchen. Der Aufpasser, der die ganze Zeit hinter den Reihen von Sitzenden gestanden hat, kommt auf sie zu und bedeutet ihr, still zu sein. Die Frau nimmt ihren Kopfhörer ab. »Er ist ein Schwein«, sagt sie auf Englisch, »verstehen Sie?« – »Bitte«, sagt der Aufpasser. »Sie müssen sonst den Raum verlassen.« Er zeigt mit einer Hand zur Tür. Einige drehen sich zu ihr um und sehen sie teils abschätzig, teils mitleidig an. Die Frau atmet tief ein und setzt den Kopfhörer wieder auf.

Er blickt wieder auf die Hand der Frau neben sich, auf das mechanische Spiel der Knochen. Dieser Anblick beruhigt ihn. Er hat das Bild von den Hämmerchen eines Klaviers vor Augen, die tonlos auf die Saiten schlagen. Dann setzt auch er sich den Kopfhörer wieder auf.

Die Richter bitten den Ankläger um einen Namen für das Haus, in dem das Verbrechen stattfand, weil sie durcheinandergekommen sind. Es gab ein zweites Haus, in dem andere Menschen verbrannten, auch in der Pionirska-Straße. Sie fragen nach der Hausnummer. Das Haus, um das es geht, hat keine Hausnummer, so ist das leider in diesem Teil der Welt. Mr Bloom schlägt vor, es als das Memić-Haus zu bezeichnen, weil es den Memićs gehörte, aber das gefällt den Richtern nicht; sich Namen zu merken sei zu schwierig. Sie einigen sich darauf, es das Haus am Bach zu nennen. Dann verkündet der Vorsitzende Richter die Mittagspause.

Sie müssen den Zuschauerraum verlassen und hinuntergehen ins Foyer. Beim Verlassen des Raums spricht ihn der Aufpasser an. Er müsse aufstehen, sagt er, wenn die Richter sich erheben. Das gelte für alle, auch für die Zuschauer. Er sagt: »Es ist eine Sache des Respekts.« Er weiß nicht, was er sagen soll. Er nickt und verlässt, ohne sich noch mal umzudrehen, den Raum.

Zwei Stockwerke tiefer, im Foyer, sind die wenigen Sessel bereits belegt. Er geht zum Wasserspender, füllt sich einen Becher und tritt ins Freie. Es hat angefangen zu schneien, über den Häusern liegt ein winterliches Grau. Er ist der Einzige, der draußen steht.

Šimić haben sie aus dem Gerichtssaal gebracht, er hat es gesehen, weil er der Letzte war, der den Besucherraum verließ. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen und sah zu, wie sich die Verteidiger ihre schwarzen Roben auszogen, wie sich einer von ihnen mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn tupfte, ein anderer ein belegtes Brötchen aus seinem Koffer holte. Hinter ihren Rücken wurde Šimić von den beiden Wachmännern hinausgeleitet. Als es für einen kurzen Moment den Anschein hatte, dass Šimić auf ihn zukam, weil ihn der Weg in Richtung des Besucherraums führte, wollte er sich ducken und hinter der Lehne des vorderen Stuhls verstecken.

Gestern Abend ist er in Den Haag angekommen, nach einer fast achtstündigen Zugfahrt. Er hatte am Fenster gesessen, das Buch und die Zeitschriften, die er für die Fahrt gekauft hatte, kurz nach Hannover wie abwesend durchgeblättert und sie dann auf den Sitz neben sich gelegt. Den Rest der Zeit hatte er hinausgeschaut, flaches Land, ein paar kahle Bäume, braune Äcker, zwischen den Furchen hatte sich Schnee gesammelt, der wie verkrustet schien. Weit und breit kein Haus, nicht mal ein Gehöft. Eine Straße, ein paar Feldwege und über alldem ein Dickicht aus grauen, schweren Wolken. Während der Fahrt hatte es zeitweise geregnet.

Er hatte sich nach einem Hotel am Meer erkundigt. Er wollte ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Als die Frau fragte, wie lange er bleiben wolle, wusste er nicht, was er antworten sollte. »Ich weiß nicht«, sagte er, »vier Nächte, fünf Nächte, vielleicht länger.«

Irgendwann war der Zug zum Stehen gekommen. Grund war ein Personenschaden im Gleisverkehr, wie es in der Durchsage hieß. Hinter ihm hatte sich ein Mann empört. Es gebe genug Möglichkeiten, sich zu Hause umzubringen. Niemand hatte ihm widersprochen.

Eine Stunde lang waren sie aufgehalten worden, in dieser leeren Landschaft festgesetzt. Als sich der Zug schließlich wieder in Bewegung gesetzt hatte, war auch der Selbstmörder aus seinem Gedächtnis verschwunden. Sie hatten den Toten einfach hinter sich gelassen. Ana konnte das nicht. Das war ihm auf einmal klargeworden. Zweiundvierzig Tote, zweiundvierzig qualvolle Tode. Und ein Mann, der seine Krawatte glättet. Er hatte einen anderen Mann erwartet, einen gebrochenen Mann mit traurigen Augen, blasser Haut und eingefallenen Wangen.

Er hätte gern gewusst, ob es auch das Bild war, das sich Ana von diesem Mann wünschte. Aber sie hatten nicht mehr miteinander gesprochen, sie hatten sich nicht mehr gesehen. Er wusste nicht, ob es das Ende war oder nicht. Er wusste nicht, was es war, warum sie es ihm nicht früher erzählt hatte. Warum hatte sie ihm nicht vertraut? Manchmal wusste er nicht, warum sie es ihm überhaupt erzählt hatte.

In den drei Wochen, die seitdem vergangen sind, hatte er versucht, sich von ihr zu entfernen. Er hatte versucht, sich von ihrer Geschichte zu entfernen, aber gemerkt, dass beides nicht ging.

Sie weiß nicht, dass er nach Den Haag gereist ist. Er hat lange darüber nachgedacht, ob er es tun sollte, und am Ende geglaubt, dass es ihm, vielleicht auch ihnen beiden, helfen könnte. Zumindest könnte es ihm helfen, einiges zu verstehen. Aber schon nach den ersten Stunden im Gericht sind ihm Zweifel gekommen. Stattdessen erfüllt ihn die Angst, Ana könnte ihm fremd werden und mit ihr seine Liebe. Zum ersten Mal verspürt er auch die Angst, er könnte in dem Mann, den all das offenbar so unberührt lässt, etwas Liebenswertes entdecken. Auch wenn es nur etwas Kleines wäre, ein Altersfleck auf der Stirn, eine zaghafte Geste, ein kurzer Anfall von Schwäche oder einfach nur die Art, wie er nach dem Naseputzen sein Taschentuch zusammenlegt.

Die junge Zeugin sitzt im Gerichtssaal, mit dem Rücken zum Zuschauerraum, sie trägt eine mintgrüne Strickjacke. Ihre schwarzen Haare reichen ihr bis zur Schulter. Auf dem Bildschirm, der über der Scheibe hängt, kann er ihr Gesicht sehen, er sieht die Narben auf der rechten Gesichtshälfte. Sie sitzt da, ruhig, gefasst, zumindest wirkt sie nach außen so, er fragt sich, wie das geht, wie sie das schafft. Sie sieht Šimić nicht an, schon beim Hereinkommen hatte sie den Blick nur auf den Stuhl gerichtet, auf dem sie sitzen sollte.

Der Vorsitzende Richter bittet sie, sich zu erheben, um den Eid abzulegen. Im Namen Gottes erklärt sie, dass sie die Wahrheit sagen wird und nichts als die Wahrheit. Der Richter bittet sie, sich wieder zu setzen, und übergibt an Mr Bloom, der aufsteht und sich der Zeugin zuwendet.

»Ich würde gern zu Beginn von Ihnen wissen, in welchem Ort Sie gelebt haben.«

»In Koritnik, sechs Kilometer von Višegrad entfernt.«

Er ist vom Klang ihrer Stimme überrascht, sie spricht fest und sicher.

»Welchen Beruf üben Sie aus?«

»Ich bin Krankenschwester.«

»Welcher ethnischen Zugehörigkeit sind Sie?«

»Muslimin.«

»Was geschah am Morgen des 14. Juli 1992?«

»Einer unserer serbischen Nachbarn hat uns gedroht, wir alle würden getötet. Daraufhin haben meine Eltern beschlossen, Koritnik zu verlassen.«

»Wie viele waren Sie?«

»Alle zusammen etwa fünfzig Leute. Die genaue Zahl weiß ich nicht.«

»Waren alle in der Gruppe Zivilisten?«

»Ja, alle.«

Die Verteidiger schieben sich wieder Zettel zu, die Richter haben sich weit in ihre Stühle zurückgelehnt, und Šimić starrt auf den Tisch vor sich. Mr Bloom sieht auf die Papiere, die vor ihm liegen.

»War da ein kleines Baby in Ihrer Gruppe?«

»Ja, es war achtundvierzig Stunden alt. Mein kleiner Bruder.«

»Als Sie in Višegrad ankamen, wohin sind Sie zuerst gegangen?«

»Wir sind zur Polizei gegangen. Einer meiner Onkel hat einem der Polizisten gesagt, wir suchten das Rote Kreuz, und der Polizist sagte, das Rote Kreuz sei am Hotel an der Drina, wir sollten die Hauptstraße meiden und wir sollten hintereinandergehen, immer zu zweit nebeneinander.«

»Was geschah dann?«

»Als wir zur Brücke kamen, trafen wir auf einen Mann, der uns sagte, dass die Busse schon losgefahren seien. Er sei vom Roten Kreuz, sagte er, und kümmere sich um die Flüchtlinge. Er sagte, er bringe uns zu einer Unterkunft, in der wir übernachten könnten. Am nächsten Tag kämen dann Busse.«

Mr Bloom sieht sie an, macht eine Pause.

»Glauben Sie, Sie erkennen den Mann, wenn Sie ihn noch mal sehen?«

»Ja, ich erkenne ihn. Nur wenn ich tot wäre, würde ich ihn nicht mehr erkennen. Er ist da drüben, das ist er.«

Sie macht eine Handbewegung in Šimićs Richtung.

»Können Sie uns sagen, wen in diesem Raum Sie meinen?«

»Ja, das kann ich. Er sitzt links von mir. Ich habe ihn noch nicht richtig angesehen, ich weiß nicht genau, was er anhat. Ich möchte ihn auch gar nicht ansehen.«

»Ich bitte Sie, ihn jetzt anzusehen und uns zu versichern, dass die Person, die Sie meinen, auch diejenige ist, die Sie am 14. Juni 1992 gesehen haben.«

»Er sitzt hinter dem Mann da.«

»Können Sie uns sagen, was er anhat?«

»Etwas Braunes, glaube ich. Ich kann auf die Entfernung nicht so gut sehen. Es ist braun, ja. Er ist mittlerweile sechzehn Jahre älter. Er sah damals besser aus.«

Sie hat Šimić nur kurz angesehen, ihren Kopf kaum bewegt, sie ist seinem Blick ausgewichen.

Was nur mag sich in ihr abgespielt haben in jenem Moment? Er hätte sie so gern gefragt, er hätte gern gewusst, was sie fühlt in der Gegenwart dieses Mannes?

Hasst du ihn?

So einfach ist das nicht, Hass ist ein Wort, ein kraftloses Wort, weil es verwendet wird von Menschen, die noch nie erfahren haben, wie sich Hass anfühlt. Hass ist anders als Liebe. Jeder hat schon mal geliebt, und wer will sich das Recht herausnehmen, über die Intensität einer Liebe zu urteilen? Ich hasse ihn, weil er mir die Frau ausgespannt hat, ja, vielleicht ist das eine Form von Hass, aber was soll ich sagen? Ich habe mit angesehen, wie meine ganze Familie verbrannte. Ich habe ihr Schreien gehört. Ich höre es bis heute.

Also, was fühlst du?

Alle, die mich fragen, wollen wissen, was ich fühle, ob ich etwas anderes fühle als Hass.

Und?

Weißt du, er hat sein Wort nicht gehalten. Das kann man vielleicht nicht verstehen, aber das ist es, woran ich immer denken muss, wenn ich an ihn denke.

Mr Bloom: »Euer Ehren, nehmen Sie bitte auf, dass die Zeugin den Angeklagten identifiziert hat.«

Er hat die ganze Zeit der englischen Übersetzung zugehört, der Stimme einer Frau, deren Alter er nicht schätzen kann. Er stellt sich die Übersetzerin vor, wie sie in ihrem abgedämmten Raum sitzt und den Prozess verfolgt. Er versucht, in der Stimme eine Regung zu erkennen, Wut oder Trauer, er fragt sich, wie sie das alles so teilnahmslos übersetzen kann. Er wechselt den Kanal und hört die Zeugin. Er versteht nicht, was sie sagt, und doch kommt es ihm so vertraut vor, er glaubt, sich an einzelne Wörter erinnern zu können, aber so schnell, wie sie spricht, kann er den Wörtern keinen Sinn geben. Er wechselt zum vorherigen Kanal zurück. Er braucht die Übersetzung, um zu verstehen, was sie sagt.

»Können Sie sich erinnern, was der Angeklagte damals zu Ihrer Gruppe gesagt hat?«

»Ja. Er sei vom Roten Kreuz und dafür zuständig, die Flüchtlinge unterzubringen, dass wir uns frei und sicher fühlen sollten, dass wir in der Gruppe bleiben sollten, dass keiner uns etwas antun könne und dass das auch keiner tun werde.«

»Haben Sie gesehen, wie er etwas aufgeschrieben hat?«

»Er hat einen Zettel aus einem Notizblock gerissen und etwas geschrieben. Ich wusste nicht, was er geschrieben hat. Er gab diesen Zettel meinem Onkel, der ihn uns gezeigt hat. Darauf stand, dass wir sicher seien und uns niemand etwas tun könne. Falls irgendjemand käme, sollten wir ihm das Papier zeigen.«

»Nachdem Sie im Haus am Bach waren, sind da noch andere Männer gekommen?«

»Ja, ungefähr eine Stunde später. Wir haben zu Gott gebetet, wir haben uns Essen gemacht, es muss ungefähr eine Stunde später gewesen sein, genau kann ich es nicht sagen.«

»Haben Sie die Männer erkannt?«

»Ich habe mich nicht getraut, sie anzuschauen. Ich habe vor dem Haus ihre Stimmen gehört, nur drei von ihnen haben das Haus betreten.«

»Können Sie uns beschreiben, was geschah, nachdem die Männer das Haus betreten haben?«

»Lassen Sie mich eine kurze Pause machen, bitte.«

Mr Bloom sieht die Richter an, diese sprechen kurz miteinander, dann nickt der ältliche mit den weißen Haaren.

Die Zeugin richtet ihren Körper auf, der, wie ihm in diesem Moment erst auffällt, während der Befragung in sich zusammengesunken ist. Ihre Schultern nach vorn gefallen, ihr Kopf leicht eingezogen. Er war von ihrer Stimme abgelenkt, von ihrem Gesicht, das so entschlossen wirkte, dass er nicht bemerkte, wie ihr Körper begann, diesem Ausdruck zu widersprechen. Es scheint, als habe sie deshalb nach einer kurzen Unterbrechung verlangt, um sich wieder aufzurichten.

Sie setzt den Kopfhörer ab und schließt für einen Moment die Augen. Sie drückt die Kuppen ihrer Mittelfinger an die Schläfen. Zweimal heben sich ihre Schultern sichtbar beim Atmen. Dann setzt sie sich den Kopfhörer wieder auf und spricht weiter.

»Sie kamen ins Haus, einer von ihnen sagte, wir sollten alle in das Nebenzimmer gehen. Er wollte Bares, Geld und Gold. Er zog ein Messer aus einem seiner Stiefel und sagte: ›Wenn ich anschließend noch einen einzigen Dinar finden sollte, werde ich es benutzen. Zieht Euch aus.‹«

»Was geschah dann?«

»Wir sind alle in einen anderen Raum, die Erwachsenen haben das Geld und den Schmuck auf einen Tisch gelegt. Einer der Männer saß in einem Sessel, ein Gewehr auf dem Schoß, und rief drei von uns. Er sagte: ›Zieht Euch aus.‹«

»Waren Sie eine der drei?«

»Ja.«

»Wie ging es weiter?«

»Er sagte: ›Zieht Eure Kleider aus.‹ Ich fing an, meine Bluse aufzuknöpfen. Ich sagte: ›Ich werde nicht weitermachen.‹ Er sagte: ›Zieh dich aus. So.‹«

»Sie halten Ihren Zeigefinger in die Luft, ist das die Geste, die der Mann Ihnen gegenüber gemacht hat?«

Sie atmet tief ein. Er sieht es an ihren Schultern.

»Ja, er zeigte mir den Zeigefinger und sagte: ›Du sollst so nackt sein wie dieser Finger.‹«

Mr Bloom: »Fahren Sie bitte fort.«

»Ich fing an, meine Unterwäsche auszuziehen. Ich musste mich vor ihn stellen und mich drehen. Er sah mich eine Weile an und sagte: ›Zieh dich wieder an!‹«

»Wo war der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt?«

»Ich weiß es nicht, vielleicht hat er draußen gewartet.«

»Hat sich eine der Frauen geweigert, ihre Kleider abzulegen?«

»Ja.«

»Wer war das?«

»Meine Mutter.«