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Rebecca Spilker

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Beschreibung

Egal ob es um Rammstein oder Stockmar-Wachsmalstifte geht, um die AfD, HP Baxxter, die »deutsche Schüssel«, Heinz Rühmann, Winnetou oder BDS-Party-People: Rebecca Spilker hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Mal wütend, mal sarkastisch, immer jedoch mit einer großen Portion (Selbst-)Ironie nimmt sie sich »Globuli-Wegknusperer«, das »stärkere Geschlecht«, Wutbürger und Waldorf-Pädagog:innen vor. Spilker seziert präzise die Gegenwart, deutet auf Widersprüche, Schieflagen und Abgründe. Die Veränderungen in ihrer Stadt Hamburg sind ein roter Faden ihrer Texte, die immer kleiner werdenden kulturellen Freiräume, die Gentrifizierung und das Wegbrechen einer politisierten Popkultur. Immer wieder nimmt Spilker die Vergangenheit in den Blick, nicht jedoch um sie zu verklären, sondern vielmehr um zu zeigen, wie wenig sich geändert hat – etwa am Alltagssexismus in der Popkultur: Nach wie vor dominiert der männliche Blick, nach wie vor ist das Älterwerden von Frauen im Pop ein blinder Fleck. »Niemand hierzulande schreibt gleichzeitig so schonungslos, anrührend, böse und komisch über die Verwuselungen von Pop, Kunst, Gesellschaft und Alltag wie Rebecca Spilker. Eben ist man noch angefasst von ihrer Offenheit, beeindruckt von ihrer Präzision, da haut es einen schon wieder vor Lachen aus dem Mobiliar. Ich bin glühender Fan.« – Eric Pfeil »Klug, respektlos, hinreißend komisch … Bei wie vielen Buchkäufen habe ich mich schon von dieser Floskel-Reihung leiten lassen? Meistens in die Irre. Bei Rebecca Spilkers Texten kann man das aber echt mal so stehenlassen. Den Mix aus Glamour, Spott, psychedelischem Ulk und echter Verzweiflung gibt es sonst nirgends. Kaufen!« – Anne Otto

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EPUB
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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2025

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REBECCA SPILKER

MEGA!

TEXTE

ISBN print: 978-3-95575-244-6

ISBN epub: 978-3-95575-642-0

© 2025 Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Boppstr. 25, D-55118 Mainz, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag behält sich die Nutzung des Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor.

In Kooperation mit Tapete Records

Lektorat: Jonas Engelmann

Covergestaltung: Oliver Schmitt

www.ventil-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Die Causa Birkenstock

Hey und wow

Untenrum ungepflegt

Brüste

Eine Kette aus Scheiße namens Spilker

Bulgarischer Schichtsalat

Streitthema Wandtattoo

J wie Jeans

Im Würgegriff des Molkereiprodukts

Wünsche an mein inneres Kind

Eventvorschläge für St. Pauli

Gibt es eigentlich Fachbegriffe für Folgendes?

Beige

Salzteig

Netz

Gewichtsdecke

Volle Elle Machtgefälle

Wo die Sonne nicht schien

Schmollen und jammern

Besser als in echt

Böllern und Grabschen gegen die Langeweile und geistige Ödnis

»Das Heideröslein«

Der Erfolgsautor Benjamin von Stuckrad-Barre hat mit »Noch wach?« einen Anmaßungsroman geschrieben

Winnetou

Kotzen auf den Künstlerstammtisch. Ein Rant.

Verachtenswert wie Heinz Rühmann

Nastassja Kinski hat ja Recht

Ungehörig, fleißig, anständig

Flake

Was Sven an Moni schrieb

Fick dich selbst, Lude!

Gründe für die heutige AfD-Fraktionssitzung in Hamburg/wichtige Themen

Führerschein: Isch möschte das nischt

Was ich mir wünsche

Mike Oldfield hat Geburtstag

Bunkeraufbau St. Pauli

Beten um Wunder. Ein Irrweg.

Kleine Hände, dicke Klötze

Juli Zeh beendet einen Krieg

Juli Zeh sucht Fliesen aus und kauft Gemüse ein

Coaching

Vivienne Westwood

Was die Krise uns lehrte

Weil sie es besser wissen

Zeter und Mordio

Gipfelsturm- Rebecca und Frank suchen ihre versprochene Parzelle auf dem Grünen Bunker St. Pauli

Blutige Flanken

Hamburg, 12.12.2024

Nach Angaben der von mir hochverehrten Autorin und Regisseurin Nora Ephron (1941–2012) hat deren Mutter, eine Drehbuchautorin, ihr nach Missgeschicken und Enttäuschungen immer tröstend gesagt, alles, was so passiert, sei eine potentielle Vorlage fürs Schreiben.

Dass das stimmt, ist mir erst sehr spät im Leben klar geworden. Also jetzt.

Während der Kindheit und Jugend ist man ja noch ein verletzliches, zerbrechliches Wesen, wenn auch meistens mit großer Klappe ausgestattet, so doch ständig im Zweifel über die eigenen Fähigkeiten und den eigenen Grad an Beliebtheit und Akzeptanz in der Peer Group. So war das jedenfalls bei mir.

In diesem Stadium zu verlangen, man solle das Grauenhafte, Peinliche, das einem nahezu täglich widerfährt, einfach mit Humor nehmen, es gar wegstecken und für was auch immer BENUTZEN, ist zu viel verlangt.

Ich erinnere mich an Nächte in den achtziger Jahren, in denen ich lange wach lag und mir ausmalte, was ich Helmut Kohl, Carolin Reiber, meiner müffelnden Mathelehrerin, Adolf Hitler, Leni Riefenstahl, Nena, dem übergriffigen Pastor, der Weltlage und Band Aid gerne mal entgegenpfeffern würde, und wusste doch, dass es dazu nie kommen würde, mangels Traute und Möglichkeiten (schon tot, andere Stadt, zu furchteinflößend).

Und auch die helle Seite der Medaille konnte ich lange nicht verbalisieren.

Menschen, Freund:innen, der Theaterclique mal sagen, was sie mir bedeuten? Keine Chance!

Zu waschpappig. Zu stolz. Zu viel Angst vor Gesichtsverlust.

Pickel ausgedrückt und Entzündung hervorgerufen? Lieber klebte ich ein Pflaster drauf und behauptete irgendeinen Quatsch, als mich als Unhygienikerin zu outen.

Aus Versehen mit dem falschen Typen geschlafen, weil man ihn in der Dunkelheit verwechselt hat? Lieber am nächsten Morgen so tun, als wäre das eine bewusste Entscheidung gewesen.

Vor den Augen der halben Uni die Treppe zur StaBi runtergepurzelt? Kapuze auf und ab in die S-Bahn nach Hause.

Erst spät erkannte ich, dass man sich von allem, was einem das Leben zwischen die Knöchel ballert, am besten erholt, wenn man auf unterschiedliche Weise davon berichtet, ohne sich selbst zu schonen.

Und wenn man das erst mal kann, ist es auch viel leichter, mit Gegenwind klarzukommen, weil man sich ja selbst schon ein paar Mal dem Eiswind der Ablehnung und des Unverständnisses ausgesetzt hat. Man ist dann gewissermaßen im Training. Komm, komm, komm! Sag’s mir, gib’s mir! Ich kann das ab.

Naja und die Hormone. Erst fluten sie rein, dann wieder raus. Wenn sie einschießen, fängt man heimlich mit Bier und Penissen an und will mit spätestens 15 nicht mehr in den Bibelkreis (ich); wenn sie wieder abhauen, hat man das starke Bedürfnis, den vermeintlichen Arschlöchern und Dooftussis da draußen gehörig die Meinung zu geigen (auch ich).

Ich habe mich deshalb vor einigen Jahren dazu entschlossen, die Dinge, die mich »bewegen«, aufzuschreiben, anstatt Fressen zu polieren oder ungefragt Zungenküsse zu verteilen, weil man ihn, sie, es zum Anbeißen toll findet.

Erst schrieb ich ins Netz (Facebook und so), dann für Zeitungen.

Immer raus damit, lautete die Devise. Es ist auch so: Wenn man erst mal dabei ist, fallen einem zusätzlich Dinge von früher ein. Oder man denkt sich was aus. Oder es passieren gerade Sachen, DIE MAN NICHT UNKOMMENTIERT LASSEN KANN, hechel und japs.

Mein Freund Markus schenkte mir vor zwei Jahren ein Plastiktier, weil er fand, das sei wie ich.

Es handelte sich um einen Nasenbären. Erst war ich geschockt, wäre ich doch viel lieber eine geschmeidige Pantherin oder eine schlaue Dohle gewesen, aber er erklärte mir, dass er mich als Person sähe, die kleine Dinge (Ameisen) einsauge, und ausschweifendes Material wieder ausscheide. Dem konnte ich folgen und seitdem steht das Tier auf meinem Schreibtisch.

Dieses Buch kann man kreuz und quer lesen. Manches darin ist schon älter, vieles brandneu.

Zerblättert es, zerfleddert es, am besten dann, wenn euch die beschissene DB hängen lässt und ihr in Osnabrück auf Anschluss warten müsst. Oder wenn ihr beim Augenarzt sitzt, weil ihr eine Gleitsichtbrille braucht. Viel Spaß!

Die Causa Birkenstock

Kaput Mag, 7/2022

Es ist mir ein Rätsel, warum mir im Netz immer und immer wieder ungefragt Schlappen der Firma Birkenstock angeboten werden. Offensichtlich will man mich fertigmachen.

Wirklich, es muss hier ausgesprochen werden – auch durch das immer wieder neu überdachte, »freshe« Design der Ur-Sandale wird es nicht besser. Anstrengungen der Hausdesigner in Richtung Witz und Eleganz greifen nicht, denn das Fußbett, und um das geht es ja hier in erster Linie, blieb und bleibt immer gleich. Die Idee hinter der Sohle muss wohl ursprünglich mal die gewesen sein, den Abdruck eines recht fleischigen Fußes im Sand eins zu eins nachzubauen und zwei Lederstreifen darüber zu spannen.

Dagegen ist erst mal nichts zu sagen. Für Menschen, die einfach nur Sohle und Hineinschlüpfbarkeit von ihrem Schuhwerk erwarten, mag die Sache gut funktionieren. Aber was ist mit uns anderen? Was ist mit denjenigen, die statt »Schlappschlapp« lieber »Klickklack« auf der Straße hören wollen? Wir sind ja mittlerweile in der Minderzahl.

Gewiss, ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr täglich und zu jeder Tageszeit auf meterhohen Absätzen umherklötern möchte und kann. Turnschuhe sind für mich seit zwei Jahren ein Thema, außerdem kann ich manchmal das Gleichgewicht auch nicht mehr so gut halten, besonders nach dem dritten Sundowner.

Aber, habt ihr, meine Altersgenoss:innen, denn schon vergessen, wie das war: Anfang der Achtziger, als die ersten Wollbesockten in Schnallenpuschen durch die Kirchenkeller schlurften und, die Gitarre auf den Rücken geschnürt und die »Mundorgel« in der Hemdtasche verstaut, soft in den Schülerbibelkreis hineinbeteten? Habt ihr vergessen, wie man sich wand, beim Anblick des speckigen Abdrucks des Gemeindehelfer:innenfußes in der ursprünglich rauledernen Sohle der Ökoschlappe? Das war doch schlimm. Dahin will man doch auch optisch nie wieder zurück.

Den Jungen sei verziehen – sie tragen die Last dieser tonnenschweren Vergangenheit nicht mit sich herum. Für sie ist es nur die coole Marke, nicht der klebrige Klops aus Teestunde, Strickzeug und »Herr, deine Liebe …«.

Aber ich prangere an, dass mir, die ich wirklich unter Birkenstöckler:innen gelitten habe, immer wieder Werbevorschläge gemacht werden, um die ich nicht gebeten habe. Sie belasten mich.

In meinen schlimmsten Albträumen sehe ich bis heute jenen irren Pastor vor mir, in dessen Fänge ich einst geriet. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber seine im Takt zu »Wir sind die Moorsoldaten« wippenden Zehen gehen mir seit vierzig Jahren nicht aus dem Kopf.

Im Winter wurden dann Wollsocken (selbstgestrickt!) übergestreift, als ob nichts wäre. Noch nicht mal Eiseskälte verhinderte tägliches Reinschlüpfen. Die vom medizinischen Fußbett aufgespreizten Zehen blieben zumindest ahnbar, mein Blick klebte an ihnen und ich schwor – nach der Konfirmation muss es sehr bald losgehen, mit Pumps, Mascara und Sex. Vor der Ehe.

SEX VOR DER EHE!!!

Okay, jetzt habe ich kurz durchgeatmet. Meinen geliebten Freundinnen, die im Sommer die hier beschriebene Sandale schätzen, möchte ich zurufen – behaltet sie an. Ihr habt hübsche Füße. Ich möchte, dass ihr euch wohlfühlt. Aber ich kann nicht. ICH KANN NICHT. Ob »Einriemer« oder »Zweiriemer« – bindet sie mir vor den Bauch, da tut sich gar nichts.

Hey und wow

Weil ich ja »Die Kardashians« gucke, bin ich darüber im Bilde, was modisch so geht. Und hey, bei den Kardashians geht alles. Besonders gut gefallen mir die Leggings, die Khloé und Kim immer so tragen. Denn, wow, sie sind wie eine zweite Haut und lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass Kardashian-Körper etwas anzubieten haben. Und hey, ich dachte mir gestern: Leggings, die hast du doch auch noch rumliegen. Erst neulich sagte jemand aus meinem engsten Kreis zu mir: »Wow, dein Hintern ist genauso angewachsen wie deine Altersweisheit, aber hey, no offense!«.

Size matters offensichtlich aktuell, schloss ich messerscharf, darum, hey, warum nicht auch mal wieder in die fußlosen Dinger reinschlüpfen und unverkrampft Popo-Präsentation on the street durchziehen.

Hey, Altersscham – nicht meine Sache. Body Positivity 50+, wow, toll, ich bin dabei.

Kim trägt die Hautengen in beige, wow, in der Farbe hatte ich gerade keine da. Aber hey, dann eben schwarz. Denn hey, das passt zu allen anderen Sachen, die ich besitze. Die sind ja auch alle schwarz. Wow, bei Khloé, die theoretisch meine Tochter sein könnte – THEORETISCH –, rutscht der halbe Stoff in die Po-Ritze und, hey, es sieht hot aus. Ich also rein in die stretchigen Beinschläuche und, wow, gemütlich UND chic, dachte ich zuerst. Hey, kleiner kurzer Pulli dazu, cute Jeansjacke und wow, das ist dann einfach ein Look. Beim Blick in den bodentiefen Spiegel dann: Wow, das Ensemble funktioniert irgendwie nicht bei mir. Weder vorne noch hinten. Hey, man hat schon manchmal seinen Körper ganz anders in Erinnerung. Und wow, sein Gesicht auch. Aber hey, keine Zeit mehr, darum, langer Mantel drüber und ab zu Edeka. Hey, egal! Denn, hey – sieht dann ja keiner mein krumpeliges Arsch-Milchbrötchen, dachte ich.

Vorm Gemüseregal merkte ich, wow, ich muss »was rauspulen«. Ging natürlich nicht, aber hey, einfach durchhalten.

An der Kasse traf ich Christian.

»Wow, voll lange nicht gesehen! Hey, wollen wir noch spontan einen Latte bei Mario’s?«

»Wow, tolle Idee«.

Wir also hin. Stehtisch.

»Hey, willst du nicht den dicken Mantel …?«

»Nee, wow, etwas frisch hier. Hey, ich lass den mal an«.

Die Kardashians sind viel weniger toll, als ich dachte. Kim ist bestimmt auch gar keine richtige Anwältin. Hey, wenn ich nachts besser schlafen könnte, müsste ich mir nicht dauernd ihre Body- und Styling-Lügen bei fucking Disney+ reinziehen.

Wow, das wäre besser für ALLE.

Und hey, besonders für mich.

Untenrum ungepflegt

Facebook, 8/2024

Seit vielen Jahren creme ich mich selbständig ein. Mussten sich in den ersten Jahren meine Eltern noch um wunde Windelpopos und drohende Sonnenbrände kümmern, übernahm ich irgendwann Verantwortung für mich selbst und schmierte drauf, was Tube und Tiegel hergaben.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich hier und da Falschinformationen aufsaß. Zum Beispiel behauptete meine Mutter noch in den Achtzigern steif und fest, dass das beste Mittel gegen Pickel Penatencreme sei, die man vor dem Schlafengehen großzügig aufs Gesicht aufbringen müsse. Das Erwachen am nächsten Morgen war meistens ein böses – es schien, als hätten sich die eitrigen Beulen von Fett und luftdichter Abdichtung geradezu ernährt, um auf doppelte Größe anzuschwellen und vor der Schule und auch während des Unterrichts im schimmernden Glanz des Cremerückstands zu erstrahlen. Ich redete mir allen Ernstes lange ein, dass meine Hautsituation ohne »Penaten« noch viel schlimmer aussehen würde und vertraute lange, zu lange, auf ihre heilende Wirkung.

Schließlich stellte ich fest, dass man das eigene Leder auch mal in Ruhe lassen muss und schluderte 10 Jahre cremelos vor mich hin. Einzig Körperlotion nach dem Baden musste sein. Auch wegen des Dufts. Ein Liebhaber gestand mir einst, er würde mich eigentlich zu zotig finden, zu widerborstig, aber mein Körpergeruch zöge ihn magisch an. Nivea Milk. Eine Alleskönnerin.

Dann sollte man sich den schwangeren Bauch einölen (Quelle: »Eltern«), und den »Damm«, um Geburtsverletzungen zu vermeiden (hat nix genützt). Und kaum, dass die Bude wegen Nestflucht der Blagen wieder leer war, kamen auch schon Hyaluron und Q12 ins Spiel, weil Knittern in unserer unbarmherzigen Welt verboten ist. Besonders für Frauen.

Handcreme, seit der Konfirmation angeblich ein Muss, behaupteten meine Eltern (»Greift ruhig zwischendurch mal in den Atrix-Eimer, Kinder!«), kommt weiterhin täglich zum Einsatz, denn es ist bekannt, dass die Hände das wahre Alter einer Dame verraten, weshalb Madonna ja auch Handschuhe trägt.

Ich habe mich eingeölt, mich gefettet, Öl durch Zähne gezogen, es in die Haare geschmiert, zwecks Lockendefinition, und Nagelhäute damit betupft. Ich besitze Wadenöl, Fußbutter, Wimpernseren und Fette gegen Augenringe. Kurz: Ich dachte, ich hätte bisher keinen Bereich meines Bodys unterpflegt. Schuppige Hautstellen: ohne mich! Schrundige Ellenbogen: No way! Wie falsch ich mit dieser Annahme lag, wurde mir spätestens gestern bewusst, als mir (Jahrgang 1968) »Das Netz« ungefragt Kaufvorschläge für straffende, entknitternde Intim-Salben machte, die mir zu denken gaben …

Offensichtlich hatte ich meine Scheide vernachlässigt. »Das Geheimnis der Mitte« war zwar aus Gründen (Sex, Pinkeln) schon auch eines der Dauerthemen meines Lebens gewesen, aber dass auch die »Lippen d’Amour« geschmeidig und prall gehalten werden müssen, allein schon wegen der Optik, hatte ich offensichtlich erfolgreich verdrängt. Panisch fragte ich mich, ob jetzt noch was zu machen sei. Hatte man mir aus purer Höflichkeit verschwiegen, wie unansehnlich das schlabbernde Schamgewebe bereits zwischen den Oberschenkeln herumflappte? Wollte man mich nicht verletzen? Und erst der beißende Geruch … daran hatte ich einfach noch nie gedacht. Wer beschnuppert auch schon den eigenen Grand Canyon?

Verrückt – der zarteste, weiblichste Bereich des Rebeccabodys hatte sein bisheriges Dasein in einer dunklen Höhle aus Bakterien, Sekreten und totaler Trockenheit fristen müssen, müffelte und runzelte beharrlich vor sich hin und war nur ab und zu gelüftet, ausgewickelt, betastet und aufgefüllt worden. Und das alles nur aufgrund von Faulheit.

Sicher – es gab Zeiten, in denen, ähäm, man ab und zu ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste, wegen eines lästigen Juckreizes down under und, ja, da bekam man dann eine Creme verschrieben, die man sich draufklatschte und gut war, nach zwei bis drei Tagen. Den Partner konnte man gegebenenfalls auch wechseln. Aber, und jetzt komme ich endlich zum Punkt, das war dann ja ein Notfall und keine liebevolle, nährende Selbstfürsorge.

Und außerdem: Gibt es Produkte ähnlicher Art eigentlich auch für Männer? Bekommen die auch, wenn sie gerade entspannt das Neueste von El Hotzo weginstagramen, so etwas eingespielt, wie Gliedpflegeprodukte? Bin ich da einer wichtigen Sache auf der Spur, auch in Hinsicht auf Gründung eines jungen, frischen Unternehmens (»Start Up«)? Ich könnte mir zum Beispiel ein straffendes Penis-Gel für den Herren ab 40 vorstellen. Auch mal an den welkenden Nacktmull in den Boxershorts denken. Hodenserum. Gibt es das schon? Namensvorschlag: »Samtbällchen«. Adstringierende Lotionen für die ausgelullerte Vorhaut? Könnte das ein Future-Beauty-Thema sein? Statt sich morgenroutiniert gegenseitig beim Zähneputzen zuzugucken, könnte schon bald ganz selbstverständlich täglich, auf dem Badewannenrand traulich nebeneinandersitzend, der Schwengel geölt, die Liebesgrotte gegelt werden, bevor man in die Schlüpper schlüpft und, wie in meinem Fall, den lieben Gott einen guten Mann sein lässt.

Straffe Vulva, geschmeidige Familienjuwelen. Schon zuckt der Zeigefinger über dem Bestellbutton.

Folgt mir für Erfahrungsberichte. Und lasst eure Fantasie spielen …

Brüste

Facebook, 8/2024

Aus Gründen, die euch nichts angehen, habe ich mir in den letzten Tagen viele Gedanken zum Thema Busen gemacht. Was soll das, was ist das und so. Als Kind war ich noch neugierig darauf, wie es sich wohl anfühlen würde, endlich einen zu haben. Ich wusste: Irgendwann kriege ich sie, es ist unausweichlich. Wenn ich mit meiner Mutter zusammen in der Badewanne saß, dienten mir ihre Brüste als Inseln, die aus dem Wasser hervortraten, wie bei Jim Knopf, und auf denen ich meine Aufziehboote stranden ließ. Danach interessierten mich die Dinger lange gar nicht mehr. Allerdings fragte ich mich ab der 3. Klasse, wie sie wohl entstehen mögen, denn mir war schon klar, dass es vermutlich nicht über Nacht flupp machen würde und dann, hoppla: Busen.

Die Gebilde aus Drüsengewebe und Fett hängen vorne dran. Das macht was mit einem. Hingen sie am Rücken, wie ein Rucksack, hätte man vorne mehr Bewegungsfreiheit, könnten Babys sich selbst bedienen lassen, während man sie in der Trage trüge, und könnte endlich denjenigen in die Augen schauen, beim Grüßen und Klönen, die sonst ihre Blicke eher in Richtung Körpermitte wandern und sich ablenken lassen. Das BH-Verschließen (Häkchen) bekäme man auch besser in den Griff (lediglich Rückenschläfer:innen bekämen Probleme. Obwohl – Bauchschläfer:innen haben die ja auch …). Aber nein – vorne spielt sich alles ab.

Der frühe Busen fing noch viele saftige Würmer. Im Zuge der Zeit allerdings gehen Altern und Körperverfall nun mal Hand in Hand. Auch der evolutionäre Zweck der wabbligen Cupcakes, das Stillen nämlich, so man es praktizieren will und wollte, nimmt ihnen Stand- und Spannkraft. Dann muss man sich plötzlich um sie kümmern und sorgen. Trotzdem – Brüste gehen immer, no matter what. Kein Kardashian-Arsch dieser Welt kann sie verdrängen.

Einmal, Ende der Neunziger, war ich mit zwei Freundinnen im Pudel Club. Wir hatten alle gleichzeitig abgestillt und redeten über das, was nach Monaten des Säugens so überraschend anders geworden war, oder auch nicht. Wir teilten uns auf. Ich war Team »Größer geworden«. Mir kam es so vor, als hätten die Babys versteckte Fettreserven aus dem Oberkörper in die Oberweite »hineingesaugt«, wo es nach der anstrengenden Stillphase einfach verblieben war. Eine der Freundinnen gab allerdings zu bedenken, dass ich ja allgemein etwas fettiger geworden sei, weshalb sich das bestimmt auch auf die Titten ausgewirkt habe.

Sie selbst sei Team »Flappflapp«, was sie durch das Geräusch erklärte, das ihr Busen nun beim Joggen mache. Lediglich zwei schlappe Hautlappen seien ihr geblieben. Das sähe man meistens von außen nicht, da sie beide so geschickt in ihre Körbchen-BHs stopfe, dass es nach straffen Halbkugeln aussähe.

Die dritte Freundin zog unseren geballten Hass auf sich, als sie mitteilte, sie sei nun ungewöhnlicherweise auf einmal Team »Plopp«, was ihr viel Freude mache. Auch hätte sie sich endlich BHs zugelegt, die sich vorne öffnen ließen. Das mache einen tollen Effekt, wenn die Boobies beim Aufhaken explosionsartig aus der Halterung schössen. Voller Neugier und Ungläubigkeit verdrückten wir uns auf die Toilette, schlossen uns in eine Kabine ein und »führten vor«. Keine von uns hatte gelogen.

In den letzten Tagen war es sehr heiß in Hamburg. Wer sich mit Brüsten auskennt, weiß um die Problematik, die mit hohen Temperaturen und Möpsen einhergeht. Ich sage nur soviel – ich kenne Frauen, die sich zwischen Drüsengewebe und Rippenbogen pudern, um das Schlimmste zu verhindern. Ok. Das ist ein Punkt, der für »vorne dran« spricht. Handhabungsweise.

Ja, es IST so: Außenstehende machen sich kaum Gedanken über Hege und Pflege der Körperkissen. Irgendwann sind sie anstrengend ohne Grund.

Brüste scheinen in erster Linie als echter Hingucker für diejenigen zu dienen, die sie nicht mit sich herumschleppen müssen. Das vergessen ihre Träger:innen oft, weil sie sich mit anderen, teils wichtigeren Dingen beschäftigen müssen, und sind dann manchmal überrascht, wenn ihre Gesprächspartner seltsam abgelenkt und unkonzentriert wirken. Herzen und auch andere Sachen werden zwar oft von Blut durchstrudelt, beim Anblick der aufgegangenen, appetit(t)lichen Hawaii-Toaste mit Kirsche in der Mitte, und das ist gar nicht schlimm, Zurückhaltung ist dennoch geboten. Nicht jede:r, der:die spontan Kohldampf hat, ist auch zum Essen eingeladen. Nicht jede:r, der:die etwas »im Angebot« hat, will beobachtet und bestürmt werden. Schon gar nicht ab einem gewissen Alter. In Bezug auf Brüste ist es im Verlauf der Geschichte schon zu so vielen Missverständnissen gekommen … Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Till, Monchi und die anderen sollten sich Backstage in eine stille Ecke zurückziehen und gehörig darüber reflektieren …

Zum Schluss: