Mehr als du siehst - Kerstin Duken - E-Book

Mehr als du siehst E-Book

Kerstin Duken

4,6
13,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In jedem Leben gibt es etwas, das einen für immer verfolgt

Großartige literarische Erzählungen über Menschen, deren Leben plötzlich aus den Fugen gerät - Seelenlandschaften, die unter die Haut gehen.

Sie stromern durch die nachtleeren Straßen, sie bauen sich in ihren Altbauwohnungen eine eigene Welt, sie reizen die Kreditkarte ihres Lebens bis ans Limit aus, sie spielen ihr Spiel. Sie? Es sind die Anführer, die Angepassten und die Ausgestoßenen. All die Menschen eben, denen man täglich begegnet. Denn der Abgrund wohnt überall. Hinter Designerbrillen genauso wie unter geblümten Kleidern. Er sitzt in der U-Bahn, steht hinter dem Bankschalter oder surft im Internet. Der Abgrund hat viele Gesichter. Denen man nichts ansieht. Denn darum geht es: den Schein zu wahren und nicht in der eigenen Hölle zu verbrennen. Und wenn doch, dann so, dass es möglichst niemand bemerkt. Möglichst.

„Mehr als du siehst“ ist eine beeindruckende Sammlung literarischer Kurzgeschichten, in denen Kerstin Duken einmal mehr ihre große erzählerische Kraft unter Beweis stellt. Und wie in ihrem Roman „Jahrhundertsommer“ geht es um die Fragilität des Seins. Mit großer Sensibilität erzählt Kerstin Duken von Menschen auf Messers Schneide; und sie zeichnet dabei Seelenlandschaften, die unter die Haut gehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2009

Bewertungen
4,6 (18 Bewertungen)
14
1
3
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis
 
Fünf Stiche
 
Copyright
Fünf Stiche
Ich weiß nicht, was das soll. Ist doch wieder alles in Ordnung, die können mich doch jetzt gehen lassen. Sowieso eine völlig überflüssige Aktion, überreagiert, klassisch überreagiert. Warum lassen die mich nicht nach Hause? Meinetwegen kann ich ja noch einen oder zwei Tage im Bett, zumindest zu Hause verbringen, aber dann reicht es doch, bitteschön. Ist doch kein Beinbruch, wenn man das so sagen darf. Und es war nicht so gemeint, so war das überhaupt nicht gemeint. Warum hört mir denn keiner zu? Niemand scheint für mich zuständig zu sein, gleichzeitig wissen alle, was Sache ist, mit mir, der Akte 005000, was für ein Scheißladen. Und diese Spinner hier, ich halte diese Spinner nicht aus, ich will nach Hause und Musik hören und etwas Eiskaltes trinken und nicht diesen widerlichen Tee, und ich will verdammt noch einmal einfach meine Ruhe haben, kapiert das denn hier keiner?
Nebenan schreit ein Mann, alles ist hier nebenan, sie haben mir ein Bett auf den Gang gestellt, man kann den Schuppen anscheinend nicht wegen Überfüllung schließen, und ich bin als Letzter hier gelandet, also haben sie mich auf dem Gang abgestellt. Wird bald was frei, hat eine Schwester gesagt. Ist mir aber völlig egal, denn ich gehe hier heute raus, interessiert mich nicht, wer da heute Nacht auf dem Gang oder in einem Zimmer schläft, ich werde es jedenfalls nicht sein. Letzte Nacht habe ich auch nicht geschlafen, da lag ich in diesem nach Desinfektionsmittel riechenden Bett und habe mir das Gewimmer aus allen Ecken angehört. Der Mann, der da jetzt schreit, der hat in der Nacht eine halbe Stunde lang laut französisch geredet, mehr so ein Singsang, danach das Ganze noch einmal in einer slawischen Version und irgendwann auch noch chinesisch oder vietnamesisch, was weiß denn ich. Heute Morgen dann eine halbe Stunde deutsch. Da zumindest das Französisch irgendwie stimmig klang und das andere sich immerhin authentisch anhörte, gehe ich mal davon aus, dass er so ein nerviges deutsches Sprachgenie ist. Oder einfach verrückt. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem, das eine schließt das andere ja nicht aus. Als ich zum Frühstück ging, habe ich kurz in sein Zimmer gesehen, stand offen, weil sich gerade zwei Schwestern um ihn kümmerten. Der Sprachbegabte war an seinem Bett fixiert, so wie man das aus Filmen kennt, unheimlichen Filmen. Ganz klassische Lederschlaufen, wenn ich das auf die Schnelle so richtig erkannt habe. Auf dem Weg zum Frühstücksraum habe ich gesehen, wie ein Jüngelchen auf einer Waage stand, ein Pfleger hatte ein Klemmbrett in der Hand und offensichtlich sein Gewicht notiert. Dem Anblick nach war die Kiloangabe nur knapp zweistellig. Am Tisch saß ich einem älteren Mann mit Ferrari-Kappe gegenüber, der »Wir lagen vor Madagaskar« sang und mir dann das halbe Marmeladenbrötchen vom Teller genommen hat. Ich habe ihn kurz angeschaut, schien mir aber nicht ratsam, da einen Streit vom Zaun zu brechen. Prinzipiell schon, aber nicht heute, bin doch noch ein wenig wacklig auf den Beinen. Ist der Entlassungschance vielleicht auch nicht gerade zuträglich, wenn man vorher einen alten Mann zu Brei geschlagen hat.
Ich habe nichts dabei, gar nichts. Kein Buch, kein Handy, keinen MP3-Player, keinen Computer, nicht einmal neue Klamotten. Für die Nacht haben sie mir so ein klassisches Krankenhaushemd gegeben. Meine Sachen lagen gefaltet auf einem Stuhl neben dem Bett. Und trotz des Desinfektionsmittels, das sie hier anscheinend sehr gern einsetzen, stinken sie immer noch nach Nacht und Wein und Blut und Missverständnis sen.Was man so alles riechen kann, wenn man mal eine Nacht auf dem Gang verbracht hat, statt in seinem Zweizwanzigbett. Aber das kümmert hier ohnehin keinen, stinkende Klamotten sind hier wahrscheinlich das kleinste Problem. Gleich nach dem Frühstück hat ein Typ auf den Gang gekotzt. Ich bin dann in den Fernsehraum gegangen. Aber der alte Zausel, der da die Hoheit hatte, bestand darauf, dass die Dauerwerbesendung laufen müsste. Als ob hier jemand Gurkenschäler, Ohrhänger mit Rubinen oder selbst ein Nackenkissen ordern würde. Als der TV-König mich nach fünf Minuten bemerkte, den Neuen, kam er auf mich zu, flüsterte mir ins Ohr, dass er seinen Sohn umgebracht habe, und ging dann wieder zurück auf seinen Platz. Okay, Botschaft verstanden.
 
Ich gehe zurück zu meinem Bett auf dem Gang.Aber ich werde mich jetzt bestimmt nicht hinlegen und wie ein Sterbender an die Decke gucken. Oder mich von Patienten mit Pillen bewerfen lassen. Ich nehme die Sachen vom Stuhl, lege sie auf das Bett und setze mich auf den Stuhl. Da ich aber so gegen das Bett und die Gangwand schaue, sieht es aus, als würde ich an einem leeren Bett wachen. Also drehe ich den Stuhl so, dass ich gegen den Glaskasten gucke, in dem zwei Schwestern und ein Pfleger sitzen. Ab und zu fragen da Patienten etwas. Es ist noch langweiliger als die Dauerwerbesendung. Mir ist langweilig. Mir ist eigentlich schon seit Wochen, seit Jahren langweilig. Aber jetzt fällt es mir besonders auf. Ich lasse meine Hände mit gespreizten Fingern in Wellenbewegungen durch die Luft segeln. So werde ich meine Hände nie wieder sehen. Die Atmosphäre hier scheint ansteckend zu sein. Na ja, bemerkt ja keiner. Kein Wunder, dass alle ihre Entziehungskuren abbrechen, wenn das das nüchterne Leben ist, so will es ja nun wirklich kein Schwein haben, da kann man den Kopf gleich in den Blumenkasten stecken. Eine junge Schwester kommt und sagt, wir haben da jetzt ein Zimmer für Sie. Ich antworte, brauche ich gar nicht. Sie sagt, mal sehen, ist doch besser, als auf dem Gang zu sitzen wie bestellt und nicht abgeholt. Ich sage, interessante Formulierung. Sie guckt mich an und grinst dann ein wenig. Kann mir vorstellen, dass sie es hier mitunter mit seltsamen Spielarten von Humor zu tun hat.
Es ist ein Zweibettzimmer. Aber das andere Bett scheint nicht belegt zu sein. Warum haben sie mich nicht gleich da rein verfrachtet? Die blonde Schwester mit dem dicken Hintern ist aber schon wieder weg, als mir diese Frage einfällt. Ich fühle mich ein wenig wie in einer Quizshow. Jetzt kommt die 16 000-Euro-Frage: Wie geht es weiter? Das Publikum hier könnte ich befragen, aber ich fürchte mich vor den Antworten, egal ob von Pflegern oder Patienten. Jemanden anrufen. Das wäre eine gute Idee. Aber ich weiß nicht, wen. Außerdem würden die dreißig Sekunden nicht ausreichen, um die Situation zu schildern. Eine halbe Stunde würde reichen, vielleicht. Aber so lange kann ich nicht sprechen. So lange kann ich noch nicht einmal den Hörer mit rechts halten, glaube ich, habe es noch nie ausprobiert. Inzwischen weiß ich, dass ich ein Linkstelefonierer bin. Bleibt der Fifty-Fifty-Joker. Also, wie geht es weiter mit dem mitgenommenen Mann? A) Gar nicht, B) Ist gleich vorbei, C) Das werden wir besprechen, D) Wünsch dir was. B) und D) fallen weg. A) soll es nicht sein. Die richtige Antwort ist C). Bleibt die Frage, wer »wir« ist und wann das besprochen wird. Bis dahin sollte ich mich auf jeden Fall vorbereiten. Coache dich selbst. Du bist nicht doof, du wirst es mit einem Akademiker zu tun haben, der ist im Zweifelsfall auch nicht doof. Geschichte ausdenken? Wahrheit sagen? Die Wahrheit sagen, aber alles Zweideutige dabei weglassen? Oder ein Mantra intonieren: Mir geht es gut, es war ein Ausrutscher, mir geht es gut, es war ein Ausrutscher, mir geht es gut, es war ein Ausrutscher. Spätestens bei dem Wort Ausrutscher müsste ich hysterisch lachen. Und hysterisches Lachen ist ein Zeichen für Verwirrung oder Lüge. Warum willst du hier eigentlich raus, lasse ich mich von meinem imaginären Coach fragen. Weil die Leute hier komplett durch sind, weil es hier stinklangweilig ist, weil ich wirklich wichtigere Dinge zu tun habe, weil diese ganze Aktion völlig überzogen war - weil ich hier nicht hergehöre! Aha, und wohin gehörst du dann deiner Meinung nach, nach dem, was du da letzte Nacht angestellt hast? Erst nach Hause, schön duschen - habe ich hier und heute nämlich auch noch nicht gemacht, und seid mal sicher, das mache ich auch nicht, zusammen mit diesen Durchgeknallten womöglich - und danach, was soll sein, eine Nacht schlafen, und dann geht es weiter im Job. Bis zum nächsten Mal?, fragt der Coach. Gibt kein nächstes Mal, antworte ich. Weil sich jetzt alles, was zum gestrigen Abend geführt hat, in Luft aufgelöst hat, stellt der Coach lakonisch fest. Nein, natürlich nicht, aber die Antwort liegt sicher nicht hier, wenn jemand meint, mich hierbehalten zu müssen, dann macht euch mal darauf gefasst, dass demnächst ein Arzt von mir als Geisel genommen wird. Keine besonders clevere Antwort, um jemanden davon zu überzeugen, keine Gefahr für sich selbst oder andere zu sein. Der Coach nervt. Also, setze ich wieder an, das war wirklich ausgemachter Scheiß da gestern Abend, einfach zu viel von allem, privat, Job, kam alles zusammen, dann der Wein und der Stoff, der Stoff, unterbricht mich der Coach, reden wir doch mal über den Stoff. Nein, über den reden wir nicht. Da sie mich bisher noch nicht untersucht haben, steht auf der Karteikarte wahrscheinlich was von Alkohol, sicher aber nicht von Stoff, ich zumindest habe das bisher mit keiner Silbe erwähnt. Und das solltest du vielleicht auch nicht, wenn es dir wirklich so ernst damit ist, hier alsbald wieder von dannen zu ziehen. Von dannen zu ziehen, mein Coach ist einer der alten Schule, na ja, nicht so ganz, ein Coach sollte ja nur Fragen stellen, damit man selbst auf die Antwort kommt und sie unter eigene Erkenntnisse verbuchen kann, Ratschläge sollten die ganz große Ausnahme bleiben. Mein Coach benutzt altmodische Redewendungen, aber er hält sich nicht immer an die klassische Coachetikette. Also, es war gestern eine besondere Stress-Situation, ja? Genau, das war es. Und ich habe überreagiert. Natürlich ist mir klar, dass ich trotzdem Hilfe suchen sollte, aber das lässt sich doch genauso, nein, besser ambulant machen, dann würde ich auch nicht aus meinem Alltag herausgerissen, ein Ausfall jetzt, das hätte schlimme Folgen. War das ein gutes Statement, Coach? Und was meinst du mit Hilfe, fragt der Coach. Therapie vielleicht, deute ich an. Wofür, wogegen, entgegnet der Coach. Nun, vielleicht stelle ich zu hohe Erwartungen an mich, vielleicht die Kindheit, vielleicht - was sagen die denn sonst noch so in den Talk-Shows? Klingt nicht so entschieden, geht es auch konkreter? Der Coach will jetzt bohren. Gibt es da vielleicht ein Suchtproblem?, fragt er nach. Ein Suchtproblem ist doch wohl eher Ausdruck eines tiefer liegenden Problems, sage ich und finde das nun doch klug, wenn auch auf diese halbseidene Art. Quatsch, sagt der Coach, du hast ein Problem, dann kommt eine Sucht, dann kommt ein noch größeres Problem, fang mal erst an, die dicksten Klötze abzutragen. Scheiße, weiß auch nicht. Ach, sagt der Coach, fällt mir so zwischendurch ein, wie willst du eigentlich deinen Arm erklären, wenn du geschwind wieder in deinen Job eintauchst? Hallo, sage ich, das ist ja nun wirklich eine Lappalie, Sportverletzung. Sportverletzung! Der Coach und ich lachen. Na ja, der Coach denkt nach, wenn du heute wieder rauskämst und morgen wieder anfangen würdest, dann bräuchtest du zumindest kein Attest, ein Attest mit diesem Absender, das wäre schon ein wenig peinlich. Genau, antworte ich, das muss ja nun wirklich nicht sein, denn dann hätte ich einen noch viel fetteren Klotz am Bein. Hast du dich eigentlich schon beim Job abgemeldet, fragt der Coach. Nein, antworte ich entsetzt, und es ist schon fast zehn. Muss ich sofort machen! Okay, dann unterbrechen wir hier kurz, aber gleich geht es weiter, denn das ist wichtig, ob Interview oder Akademikerbeschwörung, man muss vorbereitet sein.
Ich gehe zum Glaskasten, in dem im Augenblick nur ein Pfleger sitzt. Frage ihn, ob ich telefonieren kann, mich krankmelden, gäbe sonst echte Schwierigkeiten. Er ist einer dieser dicklichen Typen mit kurzem Haar und Ohrring, der so tut, als könnte ihn nichts mehr erschüttern, zu Hause aber wahrscheinlich chattet und verzweifelt eine Freundin sucht. Sein Problem: Nicht verraten, dass er noch bei Mama wohnt. Er sieht mich an, und ich spüre, er mag mich nicht. Ich bin für ihn jemand, der ihm Arbeit macht, obwohl das nicht nötig wäre, ein privilegiertes Arschloch. Der Typ weiß ohne Ansehen der Karteikarte, dass da gestern kein billiger Fusel geflossen ist, und das ärgert ihn. Trotzdem sagt er ja, machen Sie es kurz, und geht raus. Ich rufe an, sage, es ist eine Magenverstimmung, bin hoffentlich morgen wieder auf dem Posten. Als ich meine Stimme höre, finde ich es glaubhaft, ich klinge wirklich wie ausgekotzt.
Auf dem Rückweg vom Glaskasten zu meinem Zimmer, zu dem Zimmer, in dem ich noch einige wenige Stunden verbringen werde, begleitet mich ungefragt ein Mann in einem altrosa Bademantel. Sein Haar ist halblang, wirr, grau und fettig. Er grinst mich an und nimmt meine Hand. Neu hier?, fragt er. Ich nicke. Was soll ich tun, ihm mein Leben erklären? Wo wohnst du denn?, fragt er. Ich sage den Gang runter links. Ich komme mit, sagt er. Ich nicke und lächle ihn an. Vor der Tür lasse ich seine Hand los, wünsche ihm einen schönen Tag, was für ein Hohn, und ziehe die Tür vor seiner ungefähr drei Zentimeter entfernten Nase zu. Er schlappt nicht weg. Okay, ich habe einen Bodyguard in altrosa Bademantel. Der Mann scheint hier zum Inventar zu gehören. Mir wird das ganz sicher nicht passieren. Ich hätte im Glaskasten fragen sollen, wann endlich mal ein Arzt kommt, um sich mit mir zu unterhalten beziehungsweise um mir das Ticket nach draußen zu geben.
Und, alles klar?, fragt der Coach. Sicher, kein Problem, Magenverstimmung, kann jeder mal haben. Ist ja auch nicht so, als würde bei uns nicht mal jemand ausfallen, weil er über die Stränge geschlagen hat. Über die Stränge geschlagen, aha, so siehst du das also. Na ja, war vielleicht ein bisschen extrem, ist ein wenig aus dem Ruder gelaufen. War ja wohl kein Ruder, das da deinen Arm getroffen hat, oder? Nein, war es nicht, antworte ich mürrisch. Du hast es echt nicht kapiert, oder? Doch, habe ich, aber ich kriege das in den Griff, ich lass das jetzt einfach mal sein, dieses Arbeiten bis zum Anschlag, die Sauferei, den Stoff, ich lass es jetzt ruhiger angehen, disziplinierter, das ist doch der Schlüssel, ist ja nichts Besonderes, was ich da so mache, mit ein bisschen Disziplin hält sich das alles im Rahmen, und gut. Mit ein bisschen Disziplin, wie soll denn das so aussehen? Kann ich jetzt auch nicht so genau sagen, also mit Uhrzeiten und Maßeinheiten, mein Gott, ich bin jetzt gerade einmal zehn Stunden hier, oder erst acht, was weiß ich, ich habe fünf Stiche im Arm und musste auf dem Gang schlafen und dann diese ganzen Bekloppten hier, jetzt will ich hier erst einmal raus, in meine Wohnung, dann erhole ich mich, und dann ist die Zeit, um vernünftige Entschlüsse zu fassen. Ich dachte, du willst morgen wieder arbeiten? Und ist es nicht so, dass das ziemlich nervig werden wird, so mit einem Arm in diesem, hm, Etui, und dann musst du die Sachen von heute noch nacharbeiten, ach ja, dann kommst du nach Hause in diese Wohnung, wo die Hälfte der Sachen fehlt, und dann hast du da ja noch diese tollen Freunde, die nicht nur wissen wollen, wie es dir geht und was mit deinem Arm ist und wie sich das alles so anfühlt, und die dich aufmuntern wollen, sondern die dazu auch noch den richtigen, wie sagst du, Stoff haben? Ich kriege das hin - ich werde störrisch, unangenehme Eigenschaft, Einzelkindeigenschaft sagt man, nicht dialogorientiert. Außerdem, füge ich hinzu, irgendwann muss ich ja wohl mal wieder in die Wohnung, weißt schon, gleich wieder aufsteigen, wenn man vom Pferd gefallen ist. Und (ich bin wieder in Fahrt) was ich hier, in dieser Desasterbude, entscheide, das hält in der normalen Welt ungefähr fünf Minuten. Und was meine Freunde angeht, die habe ich schon im Griff. Und das andere, mein Gott, ich bin doch kein Junkie oder Loser, Scheiße, ich gehöre hier einfach nicht hin. Soso, sagt der Coach, wer gehört denn deiner Meinung nach hier hin? Durchgedrehte eben, nein, wie man das sagt: Menschen, die für sich oder andere eine Gefahr sind, hast du doch selbst gesagt. Weil sie Sachen sehen oder Stimmen hören oder sich zu Tode hungern oder denken, der KGB ist hinter ihnen her, was weiß ich, Männer, die nachts französisches Zeug schreien oder Typen, die einen für ein halbes Marmeladenbrötchen abstechen würden. Der Coach guckt auf meinen linken Arm. Auf das Jod, das auf dem Stück Verband zu sehen ist, das aus der Manschette ragt. Ich stopfe den Stoff unter die Manschette. Inzwischen tut es ein bisschen weh. Beim Nähen habe ich gar nichts gespürt. Na, ich merke schon, sagt der Coach, du bist bestens auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereitet, dann kann ich mich ja verabschieden. Ja, verschwinde du mal, antworte ich.
Wie langsam die Zeit vergeht. Ich schaue auf die Jaeger Le-Coultre-Uhr, die ich jetzt rechts trage. Sie hat keinen Sekundenzeiger. Ich muss schon so lange wie möglich aus dem Fenster starren, um eine Bewegung festzustellen.Was für ein Dreck, was für eine unfassbar blöde Aktion. Aus dem Ruder gelaufen ist wirklich noch die harmlose Formulierung. Ich dachte wirklich, es wäre alles in Ordnung, schlimm, traurig, ja, aber - machbar. Dann war ich jetzt eben wieder allein. Hatte doch auch seine Vorteile. Nach diesen Wochen der Trennung war es jetzt endlich vorbei. Am Samstag war sie ausgezogen, ich hatte den Tag bei meinem Freund Robert verbracht. Wir hatten eine Runde Playstation gespielt, waren mit seinem neuen Mercedes durch die Stadt gefahren, mit Freunden essen gegangen, hatten bei Robert zum 500. Mal Fight-Club angeguckt, waren in einer Bar bei ihm um die Ecke gewesen, hatten getrunken, was da war, dann bin ich bei ihm auf dem Sofa sofort umgekippt. Um neun Uhr aufgewacht und, das war wahrscheinlich der Fehler, sofort nach Hause gefahren. Und da war die Wohnung eben objektiv um circa 40% leerer, gefühlt aber völlig ausgeräumt. Doch es ging, irgendwie ging es. Umgeräumt, Zeitungen aussortiert, Sachen in den Keller getragen, die da sowieso schon längst hingehörten. Was mich wahrscheinlich so aus der Bahn geworfen hatte, war der Zettel gewesen. Ein blödes, weißes DIN A4-Blatt, 80 Gramm höchstens. Mit Filzstift stand darauf »Pass auf dich auf« und ihr Name. Sonst nichts. Nach vier Jahren war das also die Bilanz. Und dann lagen da die Schlüssel für die Wohnungs- und die Haustür. Und ich dachte noch, aha, warum behältst du denn den für den Briefkasten? Diese beiden Schlüssel, die waren noch schlimmer als die Worte oder die fehlenden Worte. Das war ja nun nicht meine erste Trennung, aber es war die erste, wo einer auszog. Es war das erste Mal gewesen, dass ich mit jemandem zusammenzog, immer hatte ich meine Wohnung behalten, mir immer noch ein Hintertürchen offen gelassen, auch wenn man schon quasi zusammengezogen war. Gut, jetzt hatte ich auch noch die Wohnung, sie war diejenige, die bei einer Freundin unterkroch. Aber jetzt war ich definitiv der Verlassene. Der, dem zwei Schlüssel, ein Zettel und eine amputierte Wohnung blieben. Bis vier Uhr ging es gut. Und dann kam Robert vorbei. Und dann lief es gar nicht mehr gut.
Robert ist ein echter Freund. Aber leider auch einer, der denkt, Härte kann man nur mit Härte bekämpfen. Das funktioniert vielleicht im Job, ja, da funktioniert es, zumindest bei ihm, sogar sehr gut. Aber in meiner Lage war es völlig falsch. Die Härte war: Ich war allein in der immer noch ziemlich zertrümmerten Wohnung. Noch härter würde es sein, allein unter Leuten zu sein, in einer heilen Umgebung. Hier sah ich die ganze Zeit nur vor mir, was alles jetzt fehlte. Ich roch die Dinge, die ich bald nicht mehr riechen würde. Ich hätte am liebsten geheult, aber ich wollte nicht heulen. Und dann sagte Robert: Du brauchst die Spezial-Kur. Und dann fuhren wir wieder mit seinem Mercedes los. Ich saß nur im Auto und hörte den Liedern zu, die aus den Boxen blubberten. Robert stieg zwischendurch aus. Verschwand kurz in Häusern. Kam mit einem Grinsen wieder heraus. Ich hörte Musik. So Soul-Songs, die überhaupt nicht zur Stimmung passten, nicht zu meiner, nicht zu der auf den Straßen, nicht zu den Häusern, nicht zum Wetter, nicht einmal zum Auto. Barry White, so Zeug. Aber wenn sowieso nichts passte, warum sollte dann die richtige Musik laufen? Ich dachte, wir würden in ein Restaurant, in eine Bar, zu einer Party fahren. Taten wir aber nicht. Wir fuhren an einen See. Zu so einer Art Ferienhaus. Darin saßen oder lagen ungefähr zwanzig Leute. Rauchten, tranken, schauten japanische Filme im Original an. Ich kannte keinen der Männer und keine der Frauen, setzte mich auf einen Stuhl und schaute zu. Es war Nachmittag, aber die Leute verhielten sich, als sei es drei Uhr früh, die Party gerade gelaufen und man gönnte sich noch einen Absacker, den, der einem den Rest gab. Und dann dachte ich mir, okay, ich sitze hier fest, da mache ich doch mit, was Besseres habe ich ohnehin nicht vor. Irgendwann unterhielt ich mich mit einem Typen, der mir von seiner Kleptomanie erzählte. Irgendwie hatte ich gedacht, Kleptomanie wäre nur was für Frauen. Aber ihm glaubte ich das, er schilderte, wie er in idiotische Läden ging und hässliche Portemonnaies, ausgerechnet Portemonnaies, klaute, wie er bei Woolworth Poesiealben klauen musste, ja musste, gerade bei Woolworth, wo ja nun wirklich alles mit Kameras zugehängt war, er klaute, was das Zeug hielt, er hatte sogar schon seinen Bruder beklaut. Ich schaute ihn an, und er sah völlig normal aus, nein, er sah sogar gut aus, er sah aus wie ein Typ, der für einen Hedge-Fonds arbeitete oder es zumindest in die zweite Reihe eines fast großen Unternehmens geschafft hatte, er trug hier als Einziger eine Krawatte, wenn auch sehr locker, jedenfalls konnte er sich definitiv ein Poesiealbum leisten. Ich fragte ihn, ob er eine Ahnung hätte, warum er das täte. Und er sagte, ich habe das Gefühl, es steht mir zu, außerdem langweile ich mich. Aha, sagte ich, was soll man dazu schon sagen. Na ja, bevor ich die Flasche klaue, trinken wir sie mal lieber, was, meinte er. So gesehen eine ganz gute Idee, ist dann wenigstens nicht strafbar. Haben sie dich eigentlich schon mal erwischt? Vier Mal, aber ich konnte mich immer rausreden, das ist der Vorteil, wenn man so aussieht wie ich, antwortete er. Von da an mochte ich ihn nicht mehr. Die Flasche haben wir dann doch leer getrunken. Robert hatte inzwischen die CD aus seinem Auto geholt, und parallel zu dem japanischen Film dröhnte jetzt Barry White, Robert sang mit. Als ich über dem Klo hing und kotzte, sah ich auf der Uhr an meiner linken Hand, die den Klogriff festhielt, dass es halb sieben war. Das hier konnte noch Stunden so gehen. Ich musste wieder fit werden und nach Hause fahren. Was sich da in meinem Laden derzeit abspielte, war nicht lustig, einen kleinen Durchhänger konnte ich mir leisten, wie ihn sich fast jeder mal am Montag leistete, aber keinen Totalausfall. Ich musste hier weg. Ich ging zu Robert und fragte ihn, ob wir nicht fahren wollten. Da zeigte er mir, was er in den Häusern abgeholt hatte. Und ich dachte, kann nur besser werden. Wurde es aber nicht. Und dann nahm ich noch etwas. Und dann zeigte mir der Kleptomane eine weitere Flasche, die er nicht klauen wollte.
Um halb neun stieg ich einfach in Roberts Wagen und fuhr zurück. Ich weiß, dass es halb neun war, weil ich die ganze Zeit wie bescheuert auf die Uhr starrte. Nicht auf die Straße. Es war so klassisch, dass ich erst beim Einparken vor meinem Haus gegen einen Poller rammte.Vorher hätte es mich zweitausend Mal erwischen können, aber nichts. Erst vor dem Haus. Und dann löste sich alles irgendwie auf. Musik und Zeug und ich halbnackt im Bad, und dann floss ein bisschen Blut, aber nicht viel, und dann war ich am Telefon. Und dann klingelte es. Ich dachte, sie wäre es oder Robert oder ein Nachbar, dem die Musik zu laut war. Für alle war ich nicht passend angezogen. Für die Frau und die beiden Männer, die vor der Tür standen, aber erst recht nicht. Für die war ich nicht nur nicht richtig angezogen, für die hatte ich auch zu viel Blut am Körper. Auf die machte vielleicht auch die Wohnung einen merkwürdigen Eindruck. Die Frau hatte kurze, dunkle Haare, so eine enge, mittelbraune Lederjacke, eine Metallbrille. Sie sah schlecht aus. Vor allem aber genervt. Ich versuchte ihr zu erklären, was so passiert war, sie saß auf dem Sofa, das ich immerhin noch hatte, ich erzählte ihr kurz was von Trennung und Ausnahmezustand, jetzt aber okay, ich würde die Musik ausmachen, mich duschen, dann ins Bett gehen und morgen alles in Ordnung bringen. Und sie sagte: nein. Eine Stunde später lag ich auf einem Behandlungsbett, und eine wirklich attraktive Frau fragte mich, ob ich eine Betäubung bräuchte, sie würde mal eher schätzen: nicht. Ich lächelte. Meinetwegen hätte ich hier gern die Nacht verbracht. Aber noch eine Stunde später lag ich auf dem Bett im Gang. Mit einer Manschette am Arm. So ungefähr war das gewesen.
Mir fällt ein, dass ich Roberts Barry-White-CD mitgenommen habe, als ich gegangen bin. Keine Ahnung, warum.
Dafür geht es mir eigentlich ziemlich gut. Ich habe noch nicht einmal Kopfschmerzen. Also auch nicht mehr als sonst. Und ich zittere auch nicht besonders. Ich will hier nur raus. Ich will nach Hause, ich will das mit Robert klären, ich will meinen Job machen, ich will in mein Leben zurück. Ist ja nicht so schwer zu verstehen. Wenn mir denn mal endlich jemand zuhört. Liebeskummer, es handelt sich um einen klassischen Ausrutscher aus Liebeskummer, weiß ja wohl jeder Mann, wie sich das anfühlt und was man da mitunter für einen Mist anstellt. Wenn der Kerl nur endlich käme. Tut er aber nicht. Ich sitze hier herum, und die Zeit flutscht mir weg. Gut, was ich da allein heute schon so gesehen habe, da gibt es wirklich Menschen mit heftigeren Problemen. Natürlich müssen sie sich da Zeit nehmen, die Ärzte, die Leute, die hier zu bestimmen haben, ob man nun ein schwerer oder gar kein Fall ist.
Kurzes Anklopfen, kein Abwarten, die Tür geht auf. Eine kleine, dicke Frau im weißen Kittel. Sie sieht aus wie meine Tante Silvia. Tante Silvia hat ihr Leben lang allein gelebt und ist jedes Jahr ein bisschen dicker geworden. Inzwischen passt sie wahrscheinlich nicht mehr durch die deutsche Norm-Tür. Allerdings habe ich sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Tante Silvia hat mir zum Geburtstag und zu Weihnachten immer Bücher russischer Schriftsteller geschenkt. Weil das die besten sind. Ich bin sicher, sie hat all diese Bücher gelesen. Was soll man auch sonst machen, wenn man dick und allein ist? Und diese Zwillingsschwester von Tante Silvia soll mir jetzt den Fahrschein ins Penthouse ausstellen. Na wunderbar. Sie guckt in ihre Karten, darin steht schon die Hälfte meiner Zukunft. Für die andere Hälfte muss ich jetzt selbst sorgen. Ich sitze an dem kleinen weißen Tisch, auf einem der beiden schwarz gepolsterten Stühle. Als sie hereinkommt, stehe ich natürlich auf. Ich bin zwei Köpfe größer als sie, ich bin jünger, ich verdiene mehr, aber ich bin ungeduscht und habe eine Manschette am Arm. Tante Silvia heißt Dr. Dreier und setzt sich mir gegenüber. Sie fragt mich, wie es mir geht, und ich denke: beschissen, aber vielleicht sollte ich spitze sagen. Ich sage, es geht so, bisschen mitgenommen, aber geht schon. Sie schaut mich an. Genau so, wie Tante Silvia mich angeschaut hat, wenn sie zwei Monate nach dem jeweiligen Fest wissen wollte, wie ich das Buch fand. Was ist passiert?, fragt Frau Dr. Dreier. Das mit dem Lügen kann ich gleich lassen. Die Wahrheit in Hellblau, das ist der Weg. Ich sage Liebeskummer, zu viel Wein, Kurzschluss. Sie fragt natürlich pawlowartig nach, wie denn das so wäre mit dem Wein. Vergiss es, kein Suchtproblem, meine Liebe, denke ich und sage es in Hellblau. Schon mal so etwas vorgekommen? Nein, natürlich nicht, dummes Zeug nach Liebeskummer angestellt, klar, aber nicht so etwas, kann ich mir auch nicht erklären. Und sonst, wie ist es so, das Leben, Beruf, Familie, soziales Umfeld? Meine Trümpfe. Das Gespräch dauert keine zehn Minuten. Wie geht es dem Arm, fragt sie nicht gerade sonderlich besorgt. Tut ein bisschen weh, aber nicht so, dass ich Schmerztabletten brauche. Denn ich bin kein Suchttyp, denke ich, hast du das verstanden? Na gut, ich nehme an, Sie wollen hier schnell wieder raus, oder? Ja, ehrlich gesagt möchte ich nach Hause, mich ein bisschen ausruhen und dann zurück ins gewohnte Leben. Jetzt schaut sie mich wieder an wie Tante Silvia. Hm, sagt sie, vielleicht besser nicht so ganz. Ich nicke, ich grinse ein wenig, ich habe verstanden. Ein Pfleger kommt rein. Notfall, Doktor Dreier, sagt er, schnell, es gibt Ärger. Ganz was Neues, antwortet die Ärztin, bin sofort da. Gut, meint sie jetzt wieder zu mir, dann sage ich Bescheid, dass die mal Ihre Papiere fertig machen sollen, der Laden hier platzt aus allen Nähten, ist wohl wirklich nicht das Richtige für Sie. Danke, sage ich, tut mir leid für die Umstände. Gibt Schlimmeres, antwortet sie und steht auf. Soll ich ihr jetzt die Hand geben? Ich lächle lieber, scheint mir angemessener. Sie schaut mir noch einmal direkt in die Augen, sie trägt eine dieser Brillen, die ein witziges Detail haben, bei ihr ist es ein Zickzack in den Bügeln, ohne das wäre es fast eine schöne Brille. Suchen Sie sich Hilfe da draußen, sonst war das hier womöglich nur der Anfang. Ich nicke, es ist wieder ein Nicken, das heißt, ich habe verstanden.Allerdings nicht eins, das ausdrücken soll: Ich werde es tun. Sie nickt auch und geht. Das war es, das war meine Begutachtung. Ich sage leise »Yes« und mache mit dem rechten Arm unwillkürlich diese Bewegung, als hätte sich der Wert meines Depots gerade verdoppelt. Ziehe meine Jacke an, umständlich wegen der Manschette, und gehe zum Glaskasten. Da sind meine Papiere noch nicht so weit. Kurz überlege ich, noch einmal ins Zimmer zu gehen und das Bett ordentlich zu machen. Wird aber doch ohnehin abgezogen, kann ich mir auch sparen. Schaue ich mir lieber die armen Schweine an, die hierbleiben müssen. Sie sehen alle vollkommen irre aus. Man sieht es ihnen an. Sie würden draußen keine drei Tage überleben, ohne ihre Wohnung in die Luft zu sprengen, Passanten anzuspringen oder auf Brücken zu stehen. Als mir endlich der Pfleger, es ist nicht mehr das Muttersöhnchen, sondern so ein hagerer, der ohne den Kittel aussehen würde wie ein Insasse, einen Umschlag in die Hand drückt und mich zur Tür bringt, um aufzuschließen, kommt der alte Mann vom Frühstück den Gang entlanggetorkelt. Ich entschuldige mich kurz und gehe zu dem Mann. Er guckt mich an, als hätte er mich noch nie gesehen, aber als könnte ich ihm einen Bonbon schenken. Ich flüstere in sein linkes, von der Ferrari-Kappe etwas gequetschtes und von schütteren grauen Haaren umrahmtes Ohr »Verreck doch, du Versagerarsch«, dann gehe ich zum Pfleger zurück. Der alte Mann lacht sich fast tot. Besser wäre es für ihn.
Schöne Anlage eigentlich. Vor allem, wenn man hier nicht übernachten muss. Ich gehe die Straße runter, keine Ahnung, wo hier ein U-Bahnhof oder eine Bushaltestelle ist. Nicht die Gegend, in der ich mich öfter aufhalte. Ja, ich bin ein wenig geizig, ich will kein Taxi nehmen. Bleibt mir aber wohl nichts anderes übrig, wenn ich nicht weiter durch den Regen gehen oder jemanden fragen will. Und ich will niemanden fragen.
Es ist gerade mal ein Uhr, als ich zu Hause ankomme, und ich könnte jetzt doch noch ins Büro gehen. Aber wenn ich schon einmal abgemeldet bin, würde das einen seltsamen Eindruck machen. Gut, mache ich mir den erholsamen Tag zu Hause, den ich mir vorgestellt habe. Hilfe, was meint die Frau mit Hilfe? Einen Psychologen natürlich, aber was soll der behandeln? Ganz schnell vergessen diese Episode. Paar uninteressante Mails, niemand auf dem Anrufbeantworter, nicht einmal Robert, der sich nach seinem Auto erkundigt. Gut, vielleicht kann ich die Karre kurzfristig reparieren lassen. Oder heute noch ein bisschen fahren. Natürlich auch nichts von ihr, war ja klar. Ich sitze an einem Montagmittag in meiner Wohnung und wundere mich, wie still es ist. Da ist nichts, ich höre nicht einmal die Nachbarn, keinen Straßenlärm, es ist hier so ruhig wie in einem Sarg.War mir nicht klar, dass unsere, meine Wohnung während der Woche so ist, so tot. Arme, große Wohnung, niemand zum Spielen da. Ich stelle das Radio an, und dem Geplapper der Moderatoren nach zu urteilen, geht es dem Rest des Landes bestens. Ich überlege, mal die Manschette abzunehmen und zu gucken, wie es so aussieht. Aber die soll ich erst einmal in Ruhe lassen, hat der Pfleger mir mit auf den Weg gegeben. Hatte mir die Ärztin aber auch schon gesagt, und das war eines der wenigen Dinge, die ich mir gemerkt hatte. Andererseits fühlte es sich mit der Manschette noch unwirklicher an. Da konnte ja alles Mögliche darunter sein. Und jetzt? Ausziehen, Plastiktüte über den linken Arm mit Tesa festmachen, duschen. Merkwürdig, so einarmig. Und immer aufpassen, dass nicht doch etwas in die Tüte lief. Jaja, kein leichtes Los, so als Kriegsversehrter. Einarmig abtrocknen, einarmig anziehen, einarmig einen Tee kochen.Wie lange sollte das Ding dran bleiben? Das dann doch vergessen. Drei Wochen? Würde ich selbst entscheiden.
Ich musste das Aquarium abschöpfen. Da lagen schon wieder zwei Guppies bäuchlings treibend. Eigentlich Zeit, das Wasser zu wechseln, aber wie sollte ich das anstellen? Ich fischte die Leichen mit dem kleinen Casher raus, spülte sie das Klo runter. Dann ein bisschen Lebendnahrung für die anderen. Zur Feier des Tages. Und jetzt? Na Coach, was soll ich denn jetzt machen, deiner Meinung nach? Nicht mein Job, sagte er, das musst du schon selber wissen. Vielleicht Zeit, ein paar grundsätzliche Entscheidungen zu treffen?, fragte er in diesem Ton, der die Antwort schon kannte. Jetzt, hier, in dieser halbleeren, kalten Bude? Was sollen das für Entscheidungen sein, das ist doch wie betrunkene Neujahrsvorsätze, entgegnete ich. Dann gucke nicht in die Wohnung, sondern in dein Inneres.Wenn ich einen psychologischen Rat haben wollte, hätte ich auch in dem anderen Schuppen bleiben können.Wolltest du aber nicht, und wenn ich mich erinnere, war der Grund dafür, dass du lieber »in deiner gewohnten Umgebung« entscheiden wolltest, wie es weitergeht. Jaja, sagte ich, komm, geh nach Hause, Coach, ich glaube, das mit uns beiden passt nicht mehr.Wie du denkst, dann gehe ich, du weißt, wo du mich findest. Ja, weiß ich, sagte ich, man sieht sich.
Jetzt hatte ich die Freiheit, auf die ich es die ganze Zeit angelegt hatte. Sie war nicht mehr da, der Coach war nicht mehr da, in der Wohnung standen nur noch Sachen, die mir gefielen, mehr oder weniger ramponiert. Ich konnte tun, was ich wollte.
Die alte Nirvana-CD auf Lautstärke, ein Glas Wodka, eine Line, das Surfer-Sweatshirt. Vier Dinge, die sie gehasst hatte. Ich schiebe wieder ein wenig die Möbel hin und her, einarmig und mit den Knien, habe aber keinen richtigen Plan. Schaue in den Computer, nichts, nur Spam. Vielleicht sollte ich Robert anrufen. Andererseits war es ganz schön, dieses Angeberauto vor der Tür zu haben. Durch die Thermopanefenster sehe ich Mütter mit Kinderwagen und Hundebesitzer und langsame alte Menschen, alle schlagen die Zeit tot. Bis die Kinder groß sind, bis der Hund gemacht hat, bis man endlich tot ist. Ich rufe im Büro an, aber Daniel und Max sind im Meeting. Ich frage mich, in was für einem. Keine Idee. Kurz macht es mich nervös, dann aber nicht mehr. Das sind so Jungsgedanken, dass es ganz wichtig ist, was gerade läuft, ob im Büro oder auf irgendeinem Sportplatz irgendwo in der Welt. Als ein Kollege an Krebs starb, war mein erster Gedanke: Der wird jetzt nicht mehr erfahren, werWimbledon gewinnt. Das machte mich traurig. Wir hatten mal nach einer heftigen Nacht zusammen Tennis bei ihm gesehen, so zum Ausklang, noch was trinken, was nehmen und dabei Sport gucken. Weiß gar nicht mehr, welches Spiel das war, jedenfalls war er so begeistert gewesen. Mir war es relativ egal, ob nun Tennis oder sonst was, ich hätte mir in dem Zustand auch Live-Angeln interessiert angeguckt. Wie lange war das her, drei Jahre? Und was hatte er verpasst, seitdem? Ich kann mich an nichts Besonderes erinnern. Ich habe die ganze Zeit nur gearbeitet, damit ich irgendwann das ganz große Geld mache, und ansonsten Zeug in mich reingekippt, die Wohnung zerlegt oder mich bei meiner Freundin entschuldigt. Viel mehr war da nicht. Ich kann mich an vielleicht zwei Fußballspiele erinnern, einen Boxkampf, Tennis gar nicht. So sehr fehlen einem Sportübertragungen, wenn man tot ist. Ich habe kein Buch gelesen, bei dem ich die Handlung noch zusammenkriegen würde, gute neue Musik gab es meiner Meinung nach auch nicht, jedenfalls keine, die mir länger als drei
Verlagsgruppe Random House
 
 
 
1. Auflage
Copyright © 2009 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN : 978-3-641-02505-2
 
www.goldmann-verlag.de
 
Leseprobe
 

www.randomhouse.de