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Stefsechef reist noch immer um die Welt, wenn auch die Geschicke gegen ihn sind. In Spanien brennt sein Motorrad, in Marokko wird es ihm von niederträchtigen Polizisten gestohlen. Verlorengegangenes Gepäck, einen Bombenanschlag und ranzigen Buttertee nimmt er hin in Indien, abartig juckende Ausschläge in Thailand und Seenot im Solor Alor-Archipel Indonesiens können ihn nicht stoppen. Ein inkontinenter Zwerg, glücklose Walfänger und die göttliche Naga-Schlange kreuzen seinen Weg, während er gemeinsam mit seiner bezaubernden Gefährtin, seinem Reisekollegen Travelex und dem Papst himself der Welt unbeirrt die Kunde von Anstand und Stil bringt. Nach dem Ladenhüter "Der Reis ist heiß" jetzt also die Fortsetzung zweifelhafter Reisegeschichten. Was verspricht sich der Autor davon? STEFSECHEF Ohne Knoblauch und Zwiebel bitte! Tolong jangan bawang putih dan bawang merah! Sin ajo y cebolla por favor! DIE GEFÄHRTIN Auch in diesem Machwerk werde ich grundlos als Depp hingestellt. Die Klage ist in Vorbereitung. TRAVELEX... Vorbild und Inspiration ... VASCO DA GAMA
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die erste Mission Indien. Thailand.
London
Delhi
Varanasi
Kalkutta
Thailand. Bangkok, Ranong, Ko Phayam
Ko Chang
Ko Phayam
Die zweite Mission Marokko.
Nach Klagenfurt
Nach Padua
Nach Alessandria
Nach Nizza
Nach Antibes
Nach Avignon
Nach Girona
Nach El Masnou
Nach Valencia
Nach Ubeda
Nach Granada
Nach Tangier
Nach Chefchaouen
Nach Azilane
Nach Akchour
Nach Chefchaouen
Nach Fes
Nach Casablanca
Nach Oualidia
Nach Essaouira
Nach Agadir
Nach Mirleft
Nach Sidi Ifni
Nach Tafraoute
Nach Taroudannt
Nach Marrakesch
Nach Casablanca
Nach Moulay Busslham
Nach Tangier
Nach Livorno
Nach Wien
Die dritte Mission Kuba.
Nach Varadero
Nach Caleton
Nach Varadero
Nach Playa Giron
Nach Cienfuegos
Nach Trinidad
Nach Sancti Spiritus und Ciego de Avila
Nach Camagüey
Nach Santa Lucia
Nach Nuevitas und Havanna
Nach Vinales
Zur Cayo Jutias
Pinar del Rio
Nach Rancho Luna
Nach Trinidad
Nach Bayamo
Nach Marea del Portillo
Zum Campismo La Mula
Nach Santiago de Cuba
Nach Baracoa
Nach Guardalavaca
Nach Varadero
Die vierte Mission Indien. Indonesien. Australien.
Nach Leh
Nach Likir
Nach Uley
Zum Kloster Rizong
Nach Hemis Shukpachan
Nach Tingmosgang
Nach Tar
Nach Hipti
Nach Likir
Nach Leh
Nach Bangkok
Nach Ranong
Nach Koh Phayam
Nach Ranong
Nach Koh Phayam
Nach Bulon Leh
Nach Langkawi
Nach Lombok
Nach Sumbawa Besar
Nach Pulau Moyo
Nach Bima
Nach Labuan Bajo
Nach Bajawa
Nach Moni
Nach Maumere
Nach Waiwerang
Nach Lamalera
Nach Wairiang
Nach Lebolewa
Nach Kupang
Nach Kalabahi
Nach Hirang
Nach Kalabahi
Nach Kupang
Nach Nemberala
Nach Kupang
Nach Nimbin
Nach Walla
Nach Dorrigo
Nach Tamworth
Nach Katoomba
Nach Sydney
Nach Kioloa
Nach Mallacoota
Nach Kangaroo Valley
Nach Sydney
Die fünfte Mission Panama. Costa Rica. Kolumbien.
Nach Panama City
Nach San Blas
Nach Panama City
Nach Santa Fe
Nach Boquete
Zu den Bocas del Toro
Nach Costa Rica, Puerto Viejo
Nach Monte Verde
Nach La Fortuna
Nach Samara
Nach Santa Teresa
Nach Playa Naranjo
Nach Samara
Nach Quepos
Nach Palmar
Nach Panama City
Nach Kolumbien, Medellin
Nach Salento
In die Wüste Tatacoa
Nach Cartagena
Auf die Isla Grande
Nach Cartagena
Nach Minca
Nach Palomino
Nach Santa Marta
Nach San Andres
Nach Providencia
Nach San Andres
Nach Bogota
Glossar (Österreichisch-Deutsch)
1 Delhi
2 Varanasi
3 Kalkutta
4 Bangkok
5 Ranong
6 Ko Phayam
Travelex und Stefsechef unterwegs zu neuen Abenteuern. Es gilt, Varanasi, die heilige Stadt am Ganges, die sie das letzte Mal so gnadenlos abgeworfen hat, noch einmal heimzusuchen und endgültig zu bändigen, letztendlich eine Frage der Ehre für die furchtlosen Reisehelden. Auf der Suche nach dem Unerforschten, dem Geheimnisvollen, ja dem schier Unglaublichen und nach westlichen Toiletten streunen sie durch die verwinkelten Gassen, nachdem sie das Martyrium der Anreise und den Moloch Delhi hinter sich gelassen haben. Eine Bombe explodiert und natürlich erkranken sie erneut, so ist das in Indien. In Thailand, auf der Stamminsel Ko Phayam, übt sich Stefsechef im asiatischen Nahkampfsingen und der Medizinmann greift tief in die Trickkiste.
Der Hammer Travelex hat die Unannehmlichkeiten vom letzten Mal wie erwartet verdrängt oder gar vergessen, er freut sich schon sehr auf das indische Essen. Die Taschen sind gepackt, die Zurückgebliebenen wurden noch mit billigsten Adventkalendern bedacht und verabschiedet, einzig das Flugzeug startet nicht. Starker Schneefall verzögert die Abreise von Schwechat um mehrere Stunden. In London irren wir dann im Dauerlauf auf der Suche nach Anschluss am Flughafen herum, nur um später erleichtert feststellen zu dürfen, dass unser Vogel ohnehin noch wegen eines nicht näher bekannten Defekts am Parkplatz steht.
Und dann warten wir. Und wir warten. Nach laaaaaanger Zeit dürfen wir sogar ins Flugzeug rein, dann warten wir mal. Laaaaaaaange warten wir. Das Gerät muss noch enteist werden, bevor wir starten können. Ein futuristisch anmutender, ferngesteuerter Greifer besprüht die Tragflächen mit blauem Frostschutz, dann gehen die Lichter aus. Der Kapitän sagt durch, die Hauptsicherung wäre gefallen, weil die Auftau-Suppe unerlaubterweise in den Schaltkasten gesickert sei. Der Stromausfall sei freilich eine reine Sicherheitsmaßnahme.
Viel später steigt er endlich aufs Gas und gibt Gummi, nur um nach wenigen Sekunden wieder auf den Fußanker zu treten und die Mühle von wahnsinniger Geschwindigkeit auf Schritttempo abzubremsen. Eine Turbine hätte sich in die falsche Richtung gedreht, der Startabbruch sei daher unumgänglich, aber trotzdem eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen. In die falsche Richtung gedreht? Vielleicht irre ich mich ja, aber so hab ich´s verstanden. Diese Aktion trägt jedenfalls nicht dazu bei, die beachtlich ausgeprägte Flugangst meines Begleiters zu lindern. Ängstlich glotzt er aus seinen vorsorglich sedierten Augen und geifert mir die Schulter voll.
Die Kiste hat also nur mehr Schrottwert und überhaupt habe die Crew bereits die gesetzlich erlaubte Maximalarbeitszeit überschritten, lässt uns der Pilot noch wissen, dann werden wir delogiert. Gemeinsam mit ein paar hundert anderen Gestrandeten fährt man uns mit Bussen zum Crown Plaza nahe dem Airport, nach dem Einchecken ist es Mitternacht. Essen dürfen wir auch etwas, nämlich geschmacksneutrale Mozzarellabällchen ohne Gebäck und Dosenthunfisch ohne nix, dazu ein erfrischendes Glas Leitungswasser. Danke, British Airways. Ein amerikanischer Mönch oder Sektierer im bunten Leintuch und mit Badeschlapfen betet das Mahl trotzdem so leidenschaftlich an, als würde es sich um geweihtes Elfenbrot handeln.
Eine illegale Entnahme aus der Minibar am Zimmer steht sich auch, die Alk-Flascherl sind sensorgestützt gesichert. Sensorgestützt, geht´s noch? Eine Entleerung hat die sofortige Abbuchung von der Kreditkarte zur Folge. Ich komme mir vor wie Tom Cruise in der Betty Ford-Klinik, Mission impossible. Wo sind die goldenen Zeiten hin, als man den Wodka noch mit Wasser und den Whiskey mit Apfelsaft oder Morgenurin ersetzen konnte? Sinnentleert entschlafen wir im Luxusdomizil.
Der Zimmerservice weckt uns zu unchristlicher Zeit und die Lady im Fernseher ist sehr aufgeregt. Mit beinahe sich überschlagender Stimme berichtet sie von gesperrten Flughäfen und Autobahnen, die meisten Züge fahren auch nicht mehr. Die Headline auf ihren Möpsen lautet: Frozen Britain! Okay, es hat minus ein Grad und bis zu fünfzehn Zentimeter Neuschnee in England, aber die Nachrichtentante tut gerade so, als ob die Eisbären schon an ihrer Studiotür kratzen würden.
Ein Blick aus dem Fenster. Die Straßen sind angezuckert, vielleicht zwei Zentimeter Schnee. Deshalb ist Heathrow als einziger Flughafen Englands voraussichtlich auch nur bis Mittag gesperrt, alle anderen Airports sind mal bis morgen dicht gemacht. Eine kürzlich entwickelte Hightechneuheit, die sogenannte Schneeschaufel, dürfte ihren Weg noch nicht auf die Insel gefunden haben.
Irgendwann werden wir zurück zum Flughafen gekarrt, wir trinken Stella (Bähh!) und – richtig – warten. Travelex wird beim Einchecken als subversives Element enttarnt und muss sich einem Nackt-Scan unterziehen, die zwei zuständigen Sicherheits-Sheilas kichern und gackern wenig professionell.
Am Nachmittag heben wir ab. Natürlich sei das nicht der gleiche Flieger wie gestern, versichert ein weiblicher Luftkellner dem misstrauischen Travelex, haha, wo denke er hin. Seltsam nur, dass sich der gestern von uns zurückgelassene Müll in der Lehnentasche wiederfindet. Ein Bier wäre jetzt schön, aber in dieser Kiste werden Getränke nur in homöopathischen Dosen verabreicht. Wahrscheinlich muss man erst mit violett angelaufenen Gliedmaßen winken, bevor die noch irgendwas zum Saufen rausrücken.
Zwölf Stunden, ist mir fad! Ich schließe mich in Ermangelung anderer Zerstreuung Travelex´ Bemühungen um Entangstung an. Das Präparat der Wahl heißt Xanor und verwandelt mich in den Zeitlupenmann. Bei schnelleren Kopfbewegungen kommt meine Optik nicht mehr richtig mit und muss erst mühsam hinterher zittern. Irgendeine an mich gerichtete Wortmeldung der Stewardess kann ich trotz größter Anstrengung intellektuell nicht mehr verinnerlichen und während ich noch überlege, was sie mir wohl sagen möchte, ist sie längst schon wieder fort. Vielleicht wollte sie mir ein Bier bringen oder knutschen, wer weiß. Die zwei Kleinkinder auf den Plätzen vor mir erscheinen plötzlich in milderem Licht, wie von weit her dringt ihr jetzt fast schon melodiöses Geplärre an mein Ohr und lullt mich endlich in bleiernen Drogenschlaf.
Schau, schau, ein neuer Flughafen. Statt windschiefen Bretterverschlägen und Betonböden erblicke ich Marmor und Messing, der Indira Gandhi Airport erstrahlt in neuem Glanz. Ich bewundere gleich mehrere Stunden lang die neue Gepäckausgabehalle, nur um mir schließlich doch eingestehen zu müssen, dass mein Rucksack heute nicht mehr aus der Schleuse purzeln wird.
Ich bin verloren.
Irgendwo anstellen, Formular ausfüllen, woanders anstellen, Formular abstempeln lassen, beschwichtigende Worte. Viel später nehmen wir ein Taxi in die Stadt und suchen uns ein Zimmer beim großen Bazar. Hier wurde die Straße unlängst auf behördliche Anordnung hin verbreitert, zu beiden Seiten sind die Häuser jetzt entsprechend „eingekürzt“, sprich teilweise abgerissen. Das sieht aberwitzig aus, die Frontfassaden fehlen zur Gänze. Gänge enden im Nichts, Zimmer ohne Wände klaffen zur Straße. Da leidet die Privatsphäre.
Die verbliebenen Unterkünfte sind teilweise schimmelig, Fenster sind in Indien noch immer Luxus. Wir steigen im Hotel Shelton ab, nehmen am Flachdach unter den wachsamen Augen der herumkreisenden Adler (oder Falken, Bussarde oder sonstigem Geflügel) einen Willkommenstrunk ein und unternehmen einen Spaziergang durch das Viertel.
Es hat sich nichts geändert. Ein Zuhälter watscht seine Nutte ab, Krüppel und Frauen mit dreckigen Babys an der Titte betteln forsch, zupfend, gestikulierend. Schmierige Figuren möchten ihre Waren anbringen, reden uns das Ohr heiß. „Hello friend! Which country? Wanna do some business? Wanna smoke? Wanna hash? Wanna girls?“ Dreck, Lärm, Gestank. Delhi ist keine meiner Lieblingsstädte.
Im Internet-Café müssen wir staunend zur Kenntnis nehmen, dass unsere bereits vor langer Zeit bezahlten und bestätigten Rückflüge kommentarlos storniert wurden, unpackbar.
Noch immer keine Spur von meinem Gepäck, Travelex tröstet mich mit von zu Hause mitgebrachter Dauerwurst. Der Schmuggel war fürwahr eine Heldentat, hätte eine Entdeckung des tierischen Mitbringsels doch zu Bestrafungen ungeahnten Ausmaßes geführt. Heilige Kuhwurst, der Mutter allen Lebens, faschiert und in Rohrform.
Eine Wegwerfkinderzahnbürste aus dem Flieger muss mir für heute reichen, Travelex hilft noch mit einer langen Unterhose aus, mit der ich mich notdürftig vor der nächtlichen Kälte und Tierchen aller Art schütze. Unter einer brüchigen Tagesdecke aus den Anfängen der Menschheit verbringe ich die Nacht, während mein Rucksack wahrscheinlich irgendwo auf diesem Planeten einsam seine Runden auf einem verlassenen Förderband dreht. Wann wird uns die Fügung wieder zusammenführen? Mit drängenden Fragen falle ich in unruhigen Schlaf. Im Schutz der Nacht schleicht sich ein Angestellter ins Zimmer und entwendet unseren Kühlschrank, soll sein.
Travelex beschwert sich bitterlich über angeblich ohrenbetäubendes Schnarchen meinerseits. Lächerlich! Geradezu unmöglich, wo ich vor Sorge um meine Habseligkeiten kaum ein Auge zugebracht habe. Ich schlüpfe in hautfarbene, sockenähnliche Schläuche, die ich ebenfalls vorsorglich aus dem Flugzeug gestohlen habe, die Wegwerfzahnbürste löst sich schon auf. Geplante Obsoleszenz auf höchstem Niveau.
Wir nehmen ein Tuk Tuk zum Red Fort. In dieser riesigen Festungsanlage aus rotem Sandstein, umgeben von kolossalen Mauern, bewehrt mit Zinnen und Türmen, richtete im siebzehnten Jahrhundert der örtliche Oberindianer Millivanillitiptrilli seine Homebase ein, hörte sich auf einem marmornen Sesselchen die Klagen seiner Untertanen an und ließ zur königlichen Belustigung Tiger und Elefanten gegeneinander kämpfen.
Soldaten mit automatischen Waffen dösen hinter schattenspendender Deckung. Als Westler zahlen wir den fünfundzwanzigfachen Eintrittspreis, das ist gelebtes Brauchtum und auch okay. Nicht okay ist es aber, dass auch hier alles gründlich abgefuckt ist.
Auf den bräunlichen „Grün“-flächen machen es sich Pärchen und Familien gemütlich, rundherum türmt sich der Dreck. Picknickabfälle, Schutthaufen, verbogene Zaunelemente. Kein Wasser in den einst prächtigen Brunnen, ungesicherte Gräben und Löcher überall. Ich würde hier nicht einmal meinen Hund seinen Haufen machen lassen, hätte ich einen. Ich spreche nicht von aufwendigen Sanierungsmaßnahmen, für die es wahrscheinlich gar keine Kohle gibt, aber es würde schon einen entscheidenden Unterschied machen, das Wahrzeichen Delhis vom gröbsten Unrat zu befreien.
Und weil ich gerade dabei bin, werde ich mich gleich noch etwas gehen lassen. Es gibt auch sonst kein Stückchen saubere Wiese in diesem urbanen Drecksloch. In den Parks kampieren Obdachlose und Leprakranke. Auf den erhöhten Inseln zwischen den Richtungsfahrbahnen stehen ungeordnet quadratische, zerschlagene Blumentöpfe im Dreck, aus denen staubige und verkümmerte Äste ragen, die es nie schaffen werden, zu Büschen heranzuwachsen. Heute hatten wir Sand im Essen, viel davon. Die Armut, die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit ist deprimierend. Es ist alles so grauslich. Kinder suchen im versifften Schlamm der Kanäle wonach auch immer. Fast alle Ecken sind vollgeschifft oder vollgeschissen, in den offenen Schächten türmt sich der Müll. Der Gestank ist atemberaubend. Die schmutzige Luft frisst die Sonne, die wie eine Zehnwattbirne am Horizont flimmert. Meine Augen sind entzündet.
Diese Stadt ist grotesk und traurig, beschämend für die menschliche Zivilisation. Wenige haben alles, alle anderen haben nichts. Die Wohlhabenden stellen ihren Reichtum auf impertinente Art und Weise zur Schau, behandeln die anderen herablassend und präpotent. Unzählige Menschen liegen als staubige Bündel auf den Straßen, einer wahrscheinlich tot, egal. Hunde werden angefahren, ausgemergelte Gestalten hocken auf der Gehsteigkante und erhitzen Drogen in Alufolie, Menschen ernähren sich von Abfällen. Ein Krüppel, der seine Beine nicht bewegen kann, zieht sich mit den Händen durch den Staub und hinterlässt eine Kriechspur wie eine überdimensionale Schlange.
Das hartnäckige Gerücht, Delhi wäre mitten im unaufhaltbaren Aufschwung und schon bald eine entwickelte, Wohlstand verheißende Wirtschaftsmetropole, ist eine krasse Fehleinschätzung der Lage oder bewusst lancierte Lüge der Schreibtischtäter. Das Botschaftsviertel mit seinen modernen Hotels ist einigermaßen herausgeputzt und vorsorglich für den gemeinen Bürger gesperrt. Die Abgesandten der restlichen Welt gehen vor dem Abendessen wahrscheinlich noch einmal um den Block und denken sich wohl: Na bitte, halb so wild. Das wird schon werden.
Das und noch viel mehr muss sich Travelex von mir anhören, während er mit mir in Delhi ausharrt, bis ich mein Zeug wieder habe.
Wir saufen Rum, um unsere Eingeweide aus präventivmedizinischen Gründen von Zeit zu Zeit ordentlich auszubrennen. Gestern und heute haben wir uns hauptsächlich von Linsen und anderen Hülsenfrüchten ernährt, in unseren Körpern tobt die Verdauung. Mein Wanst ist so aufgebläht, dass sich der Nabel schon bald nach außen stülpen wird. Unsere Zimmerfenster sind beschlagen wie die einer finnischen Sauna. Wir frönen dem Meteorismus und sprechen uns gegenseitig mit „Eure Flatulenz“ an. Was es heute zu essen gab? The answer, my friend, is blowing in the wind.
Nach zahlreichen Versuchen erreiche ich telefonisch einen indischen Mitarbeiter von British Airways, der gerne ein Engländer wäre. Mein Rucksack sei mittlerweile aufgetaucht, er verweile noch in London. Was macht er dort? Wofür sind die Barcodes und die Scanner und der restliche Technik-Scheiß da? „Indeed, Sir, my goodness, haven´t they? Isn´t it? Have a nice day!“ Vollpfosten!
Schon vor Sonnenaufgang eile ich erwartungsschwanger zur Rezeption. Kein Rucksack, keine Nachricht. Also begebe ich mich wieder in die Welt der automatischen Stimmen, Warteschleifen und Vertröstungen, um schließlich die nächste verfügbare Mitarbeiterin in meiner Not von einer ernsthaften Erkrankung anzufaseln. Es sei lebensnotwendig für mich, meine Tasche und die darin enthaltenen Medikamente ehest möglich zu erhalten, weitere Verzögerungen könnten meinen vorzeitigen Tod oder Schlimmeres zur Folge haben. Die gänzlich ungerührte Telefondame wünscht mir noch einen Great day, die sind sicher schon einiges gewohnt.
Entdecken wir halt weiter unser Grätzel. Vor einem Wirten mit guter Küche sitzen wir und schauen auf die Straße. Es ist immer, wirklich immer etwas los. Überladene Ochsenkarren, Umzüge, kleinere Unfälle, Ausländer mit geduldigen Bettlern im Schlepptau, Hunde, schnaufende Rikschafahrer, dreckstarrende Kinder, überschminkte Transsexuelle, Müllsammler. Mein Aktionsradius beschränkt sich auf das Notwendigste, mein Rucksack könnte minütlich angeliefert werden.
Am Vormittag chartern wir ein Taxi zum Flughafen, für den öffentlichen Bus fehlen uns heute die Nerven. Inoffiziellen Informationen zufolge ist mein Gepäck hier gelandet.
Und dann passiert es – der perfekte Lauf. Der Fahrer findet das mittlerweile stillgelegte und sagenumwobene Terminal Zwei, inmitten des Irrsinns rundum fast schon eine Oase der Ruhe. Das erwähnte Büro Nummer Fünfundzwanzig – es existiert und wir entdecken es am Ende eines verlassenen Ganges irgendwo im düsteren Gebäude. Mein Rucksack – er steht davor. Schmutzig, getreten, misshandelt – aber nicht geplündert. Vielleicht hat ihn ja der Nikolo gebracht, der Nachtarbeiter mit dem großen Sack.
Und endlich wird er mir nicht ohne Stolz von einer charmanten Lady überreicht. Wir können bei dieser Gelegenheit sogar die irrtümliche Streichung unserer Rückflüge rückgängig machen, ich bin sehr glücklich. Travelex möchte den baldigen Aufbruch von Delhi gebührend feiern, nämlich beim McDonald´s. Die Auswahl hält sich in überschaubaren Grenzen. Es gibt Hühnerpressfleisch in allen Variationen und sonst nicht mehr viel. Hühner haben in Indien das Pech, bis dato noch von niemandem religiös vereinnahmt worden zu sein, jeder darf sie ungestraft essen. An jeder Ecke werden sie angeboten. Hühner in offenen, flachen Bastkörben, lebend, aber aus unerfindlichen Gründen nicht herumflatternd, sondern ganz ruhig am Boden kauernd. Hühner am Fahrrad hängend, zusammengebunden und mit den Köpfen nach unten, wie Fledermäuse. Hühner in aufeinander getürmten Käfigen, Hühner in ihren Einzelteilen.
Am Weg heim zum Quartier liegt wieder ein Regloser in der Wiese, bedeckt von unzähligen Fliegen. Zwei vollkommen zugedröhnte Giftler stehen sichtlich ratlos eine Weile über ihn gebeugt und stupsen ihn mit den Füßen an, dann torkeln sie weiter.
Eine Herausforderung bleibt noch, nämlich eine Fahrkarte für den nächsten Zug nach Varanasi zu ergattern. Dazu benötigen wir knappe vierzig Minuten, eine Spitzenzeit im Vergleich zum letzten Jahr. Die Beamten zieren sich freilich wie kleine Mädchen, lassen sich huldigen wie Halbgötter und rücken erst nach langem und gutem Zureden zwei Karten für den Schlafwagen zweiter Klasse mit Klima raus. Die Fahrkarte kostet rund zwanzig Juros, dafür werden wir mit einem Hauch von Eleganz reisen. Es wird Bettwäsche geben, ein Handtuch wofür auch immer und nur zwei statt der sonst üblichen drei Pritschen übereinander. Der Zug hält nicht direkt in Varanasi, sondern in einer benachbarten Siedlung.
Im Hotel gebe ich mich noch einer heißen Dusche hin, wie in der Werbung lächle ich in stiller Dankbarkeit für die Wiederinbesitznahme meiner Habseligkeiten mit geschlossenen Augen vor mich hin. Dann hülle ich mich in frisches Textil, da kommt Freude auf. Wenige Stunden später lassen wir sie alle hinter uns und besteigen die Eisenbahn.
Die Reisenden der unteren Klassen warten bis zum Eintreffen des Zuges noch brav in Einserreihe. Der Hintermann hält den Vorderen dabei an den Oberarmen, damit sich niemand dazwischen schummeln kann. Sobald das prähistorische Ungetüm dann einfährt, bricht Chaos aus, kämpfen die Fahrgäste erbittert um die wenigen Sitzplätze. Die Verlierer müssen die Nacht über stehen oder sich notdürftig am Boden einrichten. Sheriffs mit Bambusstecken sorgen, so gut es geht, für Recht und Ordnung.
Sicherheitshalber nehmen wir unser Gepäck mit ins Bett. Auf dieser Strecke wird viel gestohlen, obwohl die Waggons zwischen den Stationen versperrt werden. Deswegen gibt es bei Unfällen oder Anschlägen immer so viele Tote. Die Fenster sind massiv vergittert, man kommt im Notfall nirgendwo raus. Während der Nacht findet der Schaffner einen blinden Passagier und sackelt ihn auf Diebesware aus, sonst geht‘s gemächlich und ohne Zwischenfälle dahin.
Under the influence
Etwas zu gemächlich, wir haben vier Stunden Verspätung. Mit uns im Abteil reist eine Engländerin, die vom Bahnhof abgeholt wird, da hängen wir uns gleich an und fahren mit ihr am „Highway“ die rund fünfzehn Kilometer nach Varanasi. Der Fahrer beklagt sich über die vielen Ahnungslosen, die hier unterwegs sind, hauptsächlich Bauern ohne Führerschein, die ihre Waren in die Stadt bringen. Ich kann beim besten Willen keinen Unterschied zum Fahrstil unseres Taxlers erkennen.
Wir queren den Ganges, die steilen Stufen der Ghats und die Tempel zeichnen sich schon schemenhaft im Dunst des neuen Tages ab. Das gegenüberliegende Ufer ist wegen der hohen Wasserstandsunterschiede während der Regenzeit überhaupt nicht besiedelt, hier wird nur Gemüse angebaut und die Städter nutzen das sandige Ufer als Freizeitareal. Im Zentrum wollen wir raus, aber die ganze Stadt ist verstopft. Auch die Fußgänger stehen im Stau, sogar Prozessionen mit ihren in Stoffbahnen eingeschlagenen Verstorbenen stecken fest. Nichts geht mehr. Scheinbar steht heute ein wichtiges Fest an.
Unser Mann fährt einmal um die Stadt, um am anderen Ende erst recht wieder im Stau zu stehen. Er ist ein rücksichtsloser Trottel, der anderen absichtlich reinfährt, aus Prinzip niemanden über die Straße lässt und reinschneidet, was geht. Ein von ihm permanent bugsierter Lenker vor uns haut letztendlich den Rückwärtsgang rein und schiebt mit Karacho zurück, das bringt den Rowdy etwas zur Räson.
Wir bleiben gleich im südlichsten Teil der Stadt, beim Asi-Ghat. Hier ist es im Vergleich zum Dashashwamedh, dem Hauptghat, viel ruhiger und nicht weit steht auch das beim letzten Mal entdeckte, von einer englischen Oma mit Turban geführte Aum Café. Da lassen wir uns noch kurz nieder, ehe wir uns eine Bleibe suchen. Lauter gesunde vegetarische Sachen auf der Karte, Eier gibt‘s keine. Die Milch ist nicht verwässert, berichtet die Chefin stolz, der Honig nicht mit Zuckerwasser gestreckt, das Obst und Gemüse wird vor der Zubereitung mit Jodwasser gewaschen. Die Küche wirkt sauber, die Angestellten auch, es gibt köstliche Lassis und es ist leise. Rund um die Terrasse zwitschern die Vögel.
Direkt am Fluss finden wir ein kleines Hotel, wo Travelex ein Zimmer hoch oben am Flachdach mit herrlichem Ausblick bezieht. Der Ganges breitet sich unbewegt unter uns aus, hier fahren fast keine Boote mehr. Ich komme einen Stock tiefer unter und habe zumindest einen kleinen Balkon.
Reisen macht müde. Wir genehmigen uns gerade ein Schläfchen, als eine gewaltige Detonation das gesamte Gebäude erzittern lässt. Alle laufen rauf aufs Flachdach, um nachzusehen, was passiert ist. Später erfahren wir, es gab einen Anschlag bei der Puja, einer religiösen Feier am Hauptghat, ungefähr zwei Kilometer entfernt. Der Sprengsatz war in einer Milchkanne versteckt, ein italienischer Tourist und ein indisches Kind waren sofort tot.
Die nächsten Stunden rasen Rettungsautos im Höllentempo durch die Stadt, um die vielen Verletzten in die umliegenden Spitäler zu bringen. Ein Mädchen erzählt uns, Gesteinsbrocken wären bis zu dem Boot, von dem aus sie am Ganges die Feier betrachtete, geschleudert worden. Nach der Explosion sei alles nur mehr grau und Staub und Stille gewesen, der zuvor überfüllte Platz schien komplett menschenleer. Keine Tänzer, keine Priester, keine Zuschauer mehr.
Während auf den Straßen die Sirenen heulen, gehen wir essen, was Besseres fällt uns nicht ein. Im Family Restaurant, wo Mäuse die Wände entlang huschen, bestelle ich mir ein Thali Deluxe. Beim Thali Executive wären neben den üblichen Currys, Brotfladen und Reis auch noch ein Löffel, ein Zahnstocher und ein mouthfreshener dabei gewesen, aber man kann‘s auch übertreiben. Irgendwann kommt die Stadt zur Ruhe und wir mit ihr.
Wir sind die einzigen im Aum. Von gestern auf heute sind dreihundert Ausländer abgereist, nur zehn neue sind angekommen. Viele haben sich noch in der Nacht zum Flughafen bringen lassen und warten dort auf Flüge. Eine indische Splittergruppe mit mir unbekannten Zielen hat sich mittlerweile zum Anschlag bekannt. Die Regierung spricht abschwächend von einer low impact bomb und von Drahtziehern aus Pakistan. Zwei Bomben mit um dreißig Minuten zeitversetzten Zündern konnten von der Polizei noch rechtzeitig entschärft werden, das hätte ich denen gar nicht zugetraut. Die Bullen hasst hier jeder. Scheinbar ein korrupter, willkürlicher Haufen, deren Kinder in der Schule deswegen auch ordentlich verdroschen werden.
Zwei Frauen kommen herein. Die eine erzählt stockend, die andere weint nur. Sie hätten das tote Kind gesehen. In der anschließenden Panik hätten die Menschen auf ihrer Flucht alles niedergetrampelt. Das Ziel des Attentats waren scheinbar Ausländer, um eine breitere Berichterstattung zu gewährleisten. Die hält sich aber in bescheidenen Grenzen. Ich muss schon sehr genau suchen, um einen internationalen Bericht darüber zu finden.
Die Straßen sind voll mit Militär. Der Bereich des Anschlages ist hermetisch abgeriegelt, Boote am Ganges dürfen auch nicht passieren. Einige hochrangige Politiker sind während der Nacht eingetroffen. Sie erklären, dass auch heute die traditionelle Feier im engsten Rahmen stattfinden wird, um gegenüber den Terroristen keine Schwäche zu zeigen.
Die Café-Oma hat unterdessen einen Stadtführer für uns gefunden, Rajesh. Dem Vernehmen nach ein junger, motivierter Bursche, der uns hoffentlich die nächsten Tage ein paar interessante Ecken Varanasis zeigen wird. Eigentlich arbeitet er beim Friseur, der hat seinen Verschlag nur drei Gehminuten von hier. Hinter dem Geschäftslokal türmt sich ein gewaltiger Müllberg mit davon naschenden Kühen, daneben steht ein Chai-Shop und eine stark frequentierte Brunzwand. Der Gestank ist entsprechend, das Geschäft brummt trotzdem. Der Haarschneider rasiert Gesichter und Schädel im Akkord, massiert, stutzt und versprüht diverse Wässerchen, während wir unauffällig seinen sympathischen Gehilfen abziehen. Rajesh führt uns gleich einmal zum Manikarnika Ghat, wo die Toten eingeäschert werden. Ein Clan von Unberührbaren ist hier für diese letzte Dienstleistung zuständig und die rund zweihundert Familienmitglieder sind laut Rajesh steinreich.
Während die Feuer brennen, trinken wir Tee und unterhalten uns mit einem der Arbeiter, der den Mund voll mit rotem Betelsaft hat und entsprechend nuschelt. Mit ihm einigen wir uns auf einen für indische Verhältnisse nicht zu verachtenden Geldbetrag, um die inoffizielle Genehmigung der Feuerhüter für ein paar Schnappschüsse zu erkaufen. Travelex macht sich daran, auf einem Vorsprung über den Trauernden und Zusehern die Scheiterhaufen zu fotografieren, als uns plötzlich der unabsichtlich benutzte Blitz dieses Amateurs aus dem Schutz der Dunkelheit reißt. Hunderte Köpfe drehen sich hoch zu uns, unsere indischen Begleiter absentieren sich umgehend. Ein paar ebenfalls auf uns aufmerksam gewordene Polizisten sind glücklicherweise zu faul, um weitere Schritte gegen uns einzuleiten. Peinlich, peinlich. Wir suchen rasch das Weite, während das Fett der verbrennenden Leichen im Feuer zischt.
Ich fühle mich krank, das ging schnell. Ein junger, gut gelaunter Salzburger erzählt beim Frühstück, er trinke regelmäßig Gangeswasser zur inneren Reinigung, ich bin etwas neidisch.
Allerdings wirkt auch er ziemlich ramponiert. Zweimal schon musste er ins Spital wegen eines ekelhaften Geschwüres am Zeigefinger und seine Brille sieht aus, als wäre der Bus drübergefahren. Die hat ihm nämlich ein Affe geraubt und dann verbogen, später deren Gläser genüsslich auf einem Felsen zerkratzt und nach kurzer, nicht zufriedenstellender Anprobe auf einem Hausdach endgelagert. Vielleicht haben die Dioptrien nicht gepasst. Der Salzburger musste sich eine Bambusleiter organisieren und mühsam die Reste der Brille bergen, während ihn der Affe auslachte.
Heute besuchen wir einen Verwandten von Rajesh, einen Bauern. Mit einer Autorikscha verlassen wir die Stadt über den stark befahrenen, gesetzlosen Delhi-Kalkutta-Highway. Von dem biegen wir ab, holpern noch über Brücken und über Kopfsteinpflaster, tuckern zu guter Letzt einen Feldweg entlang bis zu einem kleinen Weiler. Als wir den von einer hohen Ziegelmauer umgebenen Hof des Hauses betreten, ziehen die drei anwesenden Frauen rasch ihre Schleier übers Gesicht und eines der vielen Kinder beginnt vor lauter Angst zu weinen. Eine Alte hockt am Boden und liest Reiskörner aus, im schattigen Unterstand im Eck steht ein Kalb. Hinter ihm kleben getrocknete Kuhfladen an der Ziegelmauer.
Die Familie empfängt uns königlich. Plastiksessel werden hervor geräumt und abgestaubt, eine Frau bringt süße Reisbällchen und Wasser. Das Familienoberhaupt Murali im Sonntagszwirn schwingt sich aufs Waffenrad und holt noch mehr Fressalien zur Aufwartung, scharfe Kichererbsen mit Rettich und verschiedene Süßigkeiten. Mehr Männer kommen, die sind neugierig auf uns und wir auf sie, Rajesh übersetzt, so gut er kann.
Später sitzen wir gemütlich im abgeernteten Reisfeld und trinken Tadi, einen alkoholhaltigen, milchigen Saft, gewonnen aus den Blättern der umstehenden Palmen. Dazu knabbern wir hausgemachten Puffreis mit Öl, Salz und Chili.
Murali beim Einploppen von Puffreis
Travelex schießt noch ein paar Familienportraits, für die sich die Frauen aufwendig geschminkt haben, sie tragen Goldschmuck und die farbenprächtigsten Saris.
Aufgebrezelt
Als wir nach mehreren Stunden endlich fahren dürfen (der Gast bestimmt, wann er kommt und der Besuchte, wann er geht), drückt Murali sogar ein Tränchen ab. Nur gut, dass diese Leute niemals erfahren werden, wie man sie in Europa empfangen würde.
Zurück in der Stadt, lösen sich Travelex´ Treter auf. Rajesh führt uns zu einem Schuster, der seit dreißig Jahren am gestampften Boden einer hektischen Straßenkreuzung sitzt und in Windeseile Schuhe repariert. Während die Autos und Busse vorbeirauschen, ziehen sich Kunden die Latschen direkt vor ihm aus und warten gleich auf deren Reparatur, nachdem sie in bereit gestellte, abgewetzte Ersatzsandalen geschlüpft sind. Manche strecken die Schuhe gleich direkt aus dem Auto heraus. Hier gibt‘s keinen Smalltalk, es wird nur gebohrt, geklebt und genagelt. Ein paar Münzen wechseln den Besitzer, schon ist der Nächste an der Reihe.
Oh Sohle mio
Abends gleiten wir entspannt den Ganges runter, während uns die Möwen belagern und der Ruderer Geschichten erzählt. Vorbei an Tempeln, Moscheen und dem Dashashwamedh Ghat, noch verwüstet von der Explosion. Mutig wie wir sind, testen wir später noch eine neue Ausspeisung an, geführt von einer Italienerin und einem Nepali. Die Momos schmecken gut, trotzdem desinfizieren wir uns am Dach sicherheitshalber mit einem Schlückchen achtzigprozentigem Inländerrum.
Ich verschlafe unseren geplanten Besuch der Puja zum Sonnenaufgang, mein Wecker läutet scheinbar nur mehr bei Vollmond. Macht eh nix, Travelex liegt schon wieder darnieder. Die Flitze und andere Unpässlichkeiten haben ihm die ganze Nacht zu schaffen gemacht, obwohl er gestern trotz inbrünstigen Insistierens des Farmers alle ihm gereichten Gaben verweigert hat. Ein paar Stunden später hat‘s mich auch erwischt, aber voll. Fieber, Schüttelfrost, der Kopf schmerzt, die Verdauung ist woanders auf Urlaub. Ein kosmischer Nierenschlag, nichts geht mehr. Während ich im Bett dahinsieche, dringt von der Straße Stunde um Stunde der gleiche Lärm an meine Ohren. Einer, der sich an einer Flöte versucht. Tonleiter rauf, Tonleiter runter, immer und immer wieder. Bellende Hunde, Trommeln, Tröten, Hupen, Generatoren.
Wir pfeifen beide unseren letzten Trumpf, superstarke Antibiotika, ein, ich noch Schlaftabletten dazu, damit die lähmende Zeit der Genesung irgendwie vergeht. An Essen ist nicht zu denken. Auch die Nacht steckt voller Geräusche. Irgendetwas klagt und jault ununterbrochen, im Morgengrauen jodelt schon der nervige Muezzin. Später setzt monotones Getrommel und Gebimmel ein. BimBimBimBimBimBimBim BimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBim-BimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBimBim...
Zu Mittag schleppen wir uns ins Café des Vertrauens. Travelex würgt sich ein Stück Brot rein, ich wage mich an Idli, das sind Griesbällchen, die hier herrlich nach Wasser, Luft und ungesalzenem Salz schmecken. Wie Untote schlurfen wir durch die Gassen. Travelex stehen die Haare zu Berge, mein Gesicht ist total verschwollen. Nicht einmal angeschnorrt werden wir. Nach einer halben Stunde treibt es uns schon wieder heim, es brodelt in uns.
Herumliegen, warten, lauschen, dösen. Aspro, Mogadon, Ciprofloxacin, Carbo Medicinalis, Tannalbin. Das macht auch satt und schmeckt sogar besser als die Griesbällchen. Travelex hat ein paar Filme auf seinem Laptop, hauptsächlich Trash aus Hollywood für schlichte Gemüter. Der Plot: Amerika ist super, alle anderen sind böse und müssen sterben. Im Dschungel, in der Wüste, in asiatischen Straßenschluchten, wurst wo. Irgendeine Tussi wackelt mit ihren Plastiktitten und muss gerettet werden, einer hält zu Orchestermusik die Fahne hoch und macht sich ein Cola auf. Dazwischen kann man ohne Stress aufs Klo robben und kennt sich nachher noch immer aus.
Es wird langsam besser, wenigstens bei mir. Der Kollege allerdings ist noch immer malad, den schüttelt‘s durch wie einen Bahnhofjunkie auf Entzug. In seinem Zimmer oben am Dach zieht‘s noch dazu. Statt anständigen Fenstern offene Luken mit Gitterstäben, da pfeift der Wind das Lied vom Frost. Genau wie beim letzten Mal, wir stecken in der Matrix.
Ich habe mir heute immerhin schon Palatschinken mit Honig genehmigt, bis mich die ungehorsame Peristaltik wieder ins Zimmerchen zurückbeorderte. Das ist so gemütlich warm, dass ich ab und zu die Balkontür zur Lüftung öffnen muss, berichte ich Travelex beiläufig. Und weil ich nicht so bin, gebe diesmal ich dem Kumpan meine lange Untergatte und zwei Pullis ab, ich kann eh nichts damit anfangen.
Wir starten wieder durch und unternehmen einen kleinen Ausflug in die Peripherie. An einem riesigen, ebenen Platz direkt am Ganges formen hauptsächlich Frauen von riesigen Kuhkackehaufen herunter Fladen und legen sie zu Tausenden zum Trocknen aus. Jede Frau verwendet dabei ihre eigene Fladenform, um etwaige „Verwechslungen“ zu vermeiden. Viele Familien leben von dem Geschäft mit dem heiligen Stuhl. Vier Fladen sind um eine Rupie, das sind eineinhalb Cent, erhältlich, damit kann man sich bereits ein schönes Feuerchen machen.
Im Angebot: Formschöne Kackfladen
Anschließend lassen wir uns von einer Fahrrad-Rikscha zum Einkaufszentrum chauffieren. Die Wahl des Transporteurs fällt nicht immer leicht. Steigt man bei einem Alten auf? Die sind oft schon so fußlahm, dass man immer wieder einmal absteigen und mitschieben muss, wenn das schlechte Gewissen überhandnimmt. Andererseits brauchen die die Kohle am dringendsten, weil die Inder ihre Dienste gar nicht mehr in Anspruch nehmen. Also im Zweifelsfall ja. Im Shopping-Tempel findet sich wie erhofft ein „Delikatessen-Laden“. Diese Bezeichnung ist vielleicht oder sogar ganz sicher übertrieben, aber es stehen Konserven mit Sardinen oder Thunfisch, Baked Beans, Cheddar und andere sterile Kostbarkeiten zum Verkauf. Die meisten Dosen sind schon ein Weilchen abgelaufen und stammen aus Dubai, die Preise sind wahnwitzig. Egal. Wir fallen uns beinahe weinend in die Arme, kaufen ein wie Frauen beim Schlussverkauf und verdrücken am Dach Dosenfisch mit Salzcrackern, dazu Perlzwiebel. Mmhh!
Rajesh möchten wir vom Schlachter ein Hendl spendieren, das schlägt sich etwas auf den neu gewonnenen Appetit. Im ersten Geschäft verschlägt es uns buchstäblich den Atem. Die Wände sind bis zur Decke hoch mit vollen Eierkartons zugeschlichtet, in der Mitte sitzt der Fleischhacker und macht die Hühner meier. Der Gestank ist so bestialisch, dass es keinen Unterschied machen würde, gleich in die Bude reinzukotzen, nur meine gute Erziehung hindert mich daran. Wir sind vielleicht zehn Sekunden da drinnen, und wollen nur raus, raus, raus, verabschieden uns eiligst und finden einen anderen Killer unter einem Verschlag direkt an der Straße, wo es ganz erträglich ist, weil der Wind den üblen Geruch nach Blut, Innereien und Scheiße etwas verweht. Ich habe noch nie so viele Fliegen gesehen wie hier. Der Fleischhauer, sein Arbeitsplatz, das blutige Messer, die Hacke, einfach alles ist mit einem schwarzen Fliegenteppich überzogen. Hinter ihm sind mit großen Augen die Delinquenten in dreckverkrusteten Batterien eingepfercht. In einer Plastikwanne zappeln Fische in einer braunen Brühe.
Das Töten, Häuten und Zerlegen eines Huhnes dauert keine zwei Minuten. Die zwei Hühnerhälften zucken noch, als sie schon kochfertig im Plastiksackerl liegen. Viel bleibt nicht über, das Fleisch erinnert eigentlich mehr an das einer Wachtel. Als wir am Gehen sind, ist schon das nächste Opfer von seiner Haut befreit. Der Schlächter arbeitet im Akkord, er hat laut eigener Schätzung schon ein paar Milliönchen Tiere auf dem Gewissen. Was haben wir heute gelernt? Zumindest auf Reisen macht es durchaus Sinn, sich eine Zeit lang mit vegetarischer Kost zu begnügen.
Der Herr der Fliegen.
Wir begleiten Rajesh´ Bruder Nilay bei seiner Arbeit. Der hat einen der begehrtesten Jobs ergattert, er ist bei der Gemeinde angestellt. Die Stadtverwaltung hat kürzlich eine Task Force gegründet, das a2z-Garbage-Management. Also eine etwas besser organisierte Müllabfuhr als bisher mit einem neuen Fuhrpark, darunter zwei kleinen Kippern, und Mitarbeitern in minzgrünen Gewändern. Es ist nur eine Uniform pro Mitarbeiter vorgesehen, der Bruder hat seine jetzt schon seit einem Monat an und steht täglich bis zu den Knien im Müll damit. Staatlich organisiertes Recycling gibt‘s noch nicht, aber fast alles von Wert wird ohnehin von diversen Miststierdlern aussortiert, bevor der Müll im Kipper landet. Metall, Papier, Holz, Hartplastik und Glas fallen somit weg, Batterien, medizinischer Abfall, Lacke, Öl und dergleichen nicht. Alles kommt auf die einzige Deponie außerhalb der Stadt, die wollen wir sehen. Mit einem Tuk Tuk verfolgen wir das voll beladene Mistauto in einer mörderischen Verfolgungsjagd mit Tempo Zwanzig über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Straßen. Oft droht uns die Mistbande zu entwischen, wenn Kühe den Nachrang missachten oder suizidale Fahrradfahrer unseren Weg kreuzen, aber schließlich sind wir da. Ich habe so etwas schon im Fernsehen gesehen, aber in echt sind wir doch schockiert. Inmitten einer gigantischen Müllkippe betrachten wir eine apokalyptische Szenerie. Vögel kreischen, Rauch von kleineren Schwelbränden steigt auf. Müllkinder entern im Laufschritt die ankommenden Mistautos, hechten die Böschung hinunter, dem Abfall hinterher. Eine Schlucht, ausgekleidet mit Müll. Unten steht das ölige Wasser.
Wieder zurück in der Stadt. Am Wegesrand sitzt ein Straßenzahnarzt auf einem Hocker und strahlt mich an, schön. Schön auch, dass ich mich von ihm nicht behandeln lassen muss. Mit einfachsten Mitteln plombiert der Freiluftdentist der Laufkundschaft gleich neben der Fahrbahn ihre Löcher, zieht Zähne oder fertigt komplette falsche Gebisse an, ab umgerechnet fünfzig Euronen ist man dabei.
Unseren Stammtaxler laden wir bei der Gelegenheit gleich auf ein großes Service ein, das ist nichts für schwache Nerven. Zunächst fördert der „Arzt“ irgendwelche Fundstücke oder Zahnfragmente ans Tageslicht, dann betoniert er die verbleibenden Ruinen in einer Art künstlichem Zahnfleisch ein. Der Patient krallt derweilen vor lauter Schmerzen seine Fingernägel in die Unterseite seiner Sitzgelegenheit. Die Behandlung kostet knappe zwei Euro. Also – dreimal täglich die Beißer putzen, sonst kommt der Mann mit dem Schnurrbart und dem pedalbetriebenen Bohrer.
Indische Zahnfee
Unser Taxler bei der Zahnhygiene
Der bestellte Bootsmann kommt um eine halbe Stunde zu spät, wir versäumen schon wieder die Puja. Wir rudern trotzdem der aufgehenden Sonne entgegen, die von den Indern mit einer kleinen, unauffälligen Geste begrüßt wird. An die siebzig Boote kommen uns von Norden her entgegen, das Transportieren der Teilnehmer und des Publikums zur morgendlichen Zeremonie am Ganges beschert den Bootsführern Varanasis einen Großteil ihres Einkommens.
Am Ufer hat der Tag schon lange begonnen. Frauen schlagen Wäsche gegen flache, glatte Steine, Menschen reinigen sich körperlich und spirituell. Andere halten geduldig Angelschnüre zwischen Daumen und Zeigefinger und warten auf ihr Frühstück. Hier tummeln sich kapitale Fische, zu fressen gibt es reichlich. Nicht alle Toten werden verbrannt. Kinder, schwangere Frauen, Sadhus, durch Kobrabisse Umgekommene und Leprakranke brauchen das reinigende Element des Feuers nicht mehr. Sie werden mit Booten zur Mitte des Ganges gebracht, an einen großen Stein gebunden und versenkt. Ein totes, in ein weißes Tuch eingeschlagenes Baby treibt vorbei, für schönere Motive sind wir zu spät dran.
Travelex verschickt heute Postkarten mit nackten, dicken Yogis im Kopfstand darauf. Briefmarken sind nur am Postamt erhältlich, wo man sich die Briefe und Karten auch gleich abstempeln lassen sollte. Das erhöht die Chance beträchtlich, dass sie nach ein paar Wochen oder Monaten auch wirklich daheim ankommen. Jungfräuliche Marken, die von Optimisten in Postkästen geworfen wurden, freuen den Fladeranten. Der löst das Porto über Wasserdampf wieder ab und verdient sich ein paar schnelle Extrarupies damit.
Vor der Post wird ein kleiner Hund von einem Handkarren überfahren, sonst passiert nicht viel. Rajesh und ich sitzen nachmittags auf den Stufen des Ghats und schauen raus aufs Wasser, während sich Kinder und auch viele Erwachsene Duelle mit ihren filigranen Papierdrachen liefern.
Heute machen wir uns fesch und weil wir Deppen sind, rasieren wir uns selber. Der Friseur würde ja mindestens einen Euro dafür haben wollen. Eine halbe Stunde dauert die schmerzhafte, weil schaumlose Prozedur mit dem Wegwerfrasierer, nur die Rotzbremse lassen wir stehen. Bei einer Straßenoma erstehen wir ein Säckchen Farbe für den Tilaka, das mit einem Punkt auf der Stirn angedeutete dritte Auge, dazu schnallen wir uns einen Lungi und ein Kopftuch um. Die Verwandlung ist abgeschlossen. Travelex sieht aus wie der indische Tom Selleck, ich wie ein verwahrloster Seehund. Als Einheimische getarnt schlendern wir durch die Nachbarschaft und kreieren einen neuen Dialekt des Hindi, nämlich das Behindi.
Mens sana in corpore sano
Assimilierung abgeschlossen
Ein Trafikant verkauft uns aus seiner kleinen Hütte heraus einzelne indische Zigaretten, Bidis. Kautabak und Pan hätte er auch noch im Sortiment. Letzteres ist ein eingerolltes Blatt mit allerlei Sachen darin, darunter Betelnuss, Parfüm, Kalk, Kokosnuss und Tabak. Der Verkäufer sagt, er selbst verbrauche am Tag um die fünfzig Mischungen und so sehen seine Zähne auch aus. Der rote Saft steht bis zum Rand im Mund des kleinen Mannes, er spricht wie ein Ertrinkender nach oben. Regelmäßig spuckt er einen Schwall davon in einen Plastikkübel unter seinem Laden, rundherum schaut´s aus wie im Schlachthof.
Gleich bei unserem Hotel wurde während der letzten Tage ein geräumiges Zelt aufgebaut, heute startet ein mehrtägiges Musik-Festival. Das beschert uns statt dem ewigem Glockengebimmel den Klang von Tablas und Sitas bis in die Zimmer.
Und das war es dann. Rajesh, unser Scout und Übersetzer, wird ehrenhaft entlassen und wir bereiten unseren taktischen Rückzug vor. Travelex hat schon wieder genug von Asien, er hat sich seine jährliche Dosis hiermit verabreicht. Ich hänge ihm noch meine warme Wäsche um, werde ich mich doch über Kalkutta nach Thailand begeben. Nach einer Black eyed pea soup trennen sich unsere Wege und unser Stammfahrer fährt mich zum Bahnhof. Noch nie zuvor sah ich einen Menschen mit längeren Ohrenhaaren. Mein Zug hat sieben Stunden Verspätung und um Mitternacht wird die geplante Ankunft noch einmal um zwei Stunden nach hinten verlegt. Und dann nochmals um eine Stunde. Und dann um noch eine. Was bitte muss passieren, dass ein Zug zehn Stunden Verspätung hat?
Hunderte Menschen liegen in Decken eingewickelt auf den Bahnsteigen herum, zwischen ihnen suchen Affen nach Verwertbarem. Verrückte, Blinde, Krüppel streunen ziellos umher. Es wimmelt vor Ratten, seltsamen Geschöpfen mit viel zu kleinen Köpfen für ihre gedrungenen Körper. Auch zwischen den Leuten trippeln sie herum und eine kassiert von einem Inder einen gelungenen, satten Tritt, als sie ihm zu nahe kommt. Und wo fliegt sie hin? Genau unter meine Bank, wo ich mir gerade einen der selbstgemachten Abschiedskekse unserer Aum-Lady gönne. Dass die Ratte mich nicht beißt, erstaunt mich am meisten.
Mit fünfzehn Stunden Verspätung komme ich in Kalkutta an. Diese Stadt ist so traurig, dass ich mich weigere, von ihr zu berichten. Ich mag Indien sehr, nicht umsonst bereise ich es seit vielen Jahren. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit und über alle Maßen liebenswürdig. Viele von ihnen sind unschuldig wie Kinder und mindestens so neugierig. Die Lebensfreude der Inder ist unvergleichlich. Die Gerüche, all die Götter, die vielen bunten Farben, die Feste. Traumhafte Landschaften, die Musik und nicht zuletzt die Küche. Dieses Land ist ein einziges Abenteuer, es vergeht kein Tag ohne Staunen. Aber die großen Städte sind ein urbaner Alptraum, des Menschen unwürdig. Man kann nicht mehr atmen, im ursprünglichen und im übertragenen Sinn, man erstickt in Müll, Armut und Hoffnungslosigkeit.
Zeitig in der Früh fahre ich zum Flughafen. Die Straßenbahn ist ein gepanzerter, vergitterter und verbeulter Wahnsinnswurm, wie aus einem Mad Max-Film entsprungen. Am Airport wird mein Pass gezählte neunmal kontrolliert und dann noch zweimal im Flugzeug. Warum, verrät mir niemand. Und dann hebt sie ab, die schwer abgewohnte Kiste, und ich trinke glücklich ein Bier. Indien schlaucht ganz schön. Von Bangkok eine Nachtfahrt runter nach Ranong, ich will wieder auf die Insel.
Am Hafen warten an die hundert Urlauber auf die Fähre nach Ko Phayam, die Schönheit des Eilands hat sich wie befürchtet herumgesprochen.
Zur kurzweiligen Unterhaltung aller Anwesenden wird ein Schotte von drei Polizisten durchsucht, weil er vorher schlauerweise öffentlich ein Tütchen geraucht hat. Noch ist die Zeit der thailändischen Cannabisliberalisierung nicht gekommen, noch hilft es durchaus, sich vor einer Reise über die Gepflogenheiten des Gastlandes zu erkundigen.
Hollywood lügt.
Sich dann mit ein paar Baht aus der Bredouille freikaufen zu können, spielt´s auch nicht (mehr). Ein Polizist filmt die ganze Aktion, damit auch alles seine Ordnung hat. Gefunden wird nix, der Depp kommt noch einmal mit dem Schrecken davon. Ein paar Monate im Bangkok Hilton, dem berühmt-berüchtigten Gefängnis in der Hauptstadt, hätten ihm sicher den schönen Urlaub verdorben. Die Bullen nötigen noch alle, Schwimmwesten anzulegen, machen Fotos mit uns und schleichen sich dann wieder.
Ich leiste mir das Schnellboot, um den Rest der Meute für eine mehr Erfolg versprechende Quartiersuche auszubremsen. Das ist ebenfalls überfüllt und gräbt sich nach zwei Minuten im Schlick fest. Die Männer stehen schon in Unterhosen bereit, um in die Drecksbrühe zu hüpfen und den Rumpf freizubekommen, als es dann doch noch irgendwie freikommt. Die Frauen hatten sich mit „Wir müssen eh schon die Babys bekommen“ aus der Affäre gezogen, wobei das wahrscheinlich noch gar nicht wissenschaftlich erwiesen ist.
Am Pier Ko Phayams verteilt der Medizinmann gerade Flyer für die morgendliche Party. Die Krise im Gesundheitswesen dürfte schon bis hierher vorgedrungen sein. In Windeseile miete ich mir einen Roller und rase wie der Affe am Schleifstein auf der Suche nach Obdach über die schmalen Asphaltpisten der Insel. Im Saithong ist zufällig ein Bungalow frei, was für ein Glück.
Durch Disharmonien im Paradies kam dem Resort kurzfristig die Chefin abhanden, wie mir ein Gast berichtet, der Gatte hatte sozusagen den nachbarlichen Acker gepflügt. Die thailändischen Machos halten sich ganz gerne eine Nebenfrau, aber wehe, wenn die Ehefrau fremdgeht. Nach einer mehrwöchigen Auszeit im Kloster ist Aeow jedenfalls pünktlich zu meiner Rückkehr wieder da und serviert frisches, selbst gebackenes Brot und Shakes in Kokosnüssen mit gerösteten Mandeln, während jetzt ihr Mann Cha zur Kontemplation und Läuterung im Kloster verweilt. Seine Augenbrauen werden ihm dort abrasiert, das Laufen ist ihm verboten, leichtfertige Konversation mit „Zivilpersonen“ auch. Essen für den Tag schnorrt er sich frühmorgens gemeinsam mit den anderen Mönchen zusammen. Für die Leute in Thailand ist es selbstverständlich, einen Teil ihres Essens abzugeben, und für die Geistlichen ist es selbstverständlich, danach zu fragen. Schließlich leisten sie ja spirituelle Arbeit zum Wohle der Gemeinde, sagen sie.
Es ist brütend heiß. Die Orchideen im Garten blühen und werden von Schmetterlingen belagert. An der Leine vom Volleyballnetz hängen Fische zum Trocknen. Einen halbtraurigen Todesfall letzte Woche habe ich knapp versäumt. Richard, der englische Pubinhaber am Pier, hatte zum Fest anlässlich seines Fünfzigers geladen und ein paar seiner heimatlichen Freunde hatten sich extra ins Flugzeug gesetzt, um vorbeizuschauen. Ein Pensi entschlummerte dann in trauter Runde friedlich im Sessel und die anderen merkten‘s erst, als sich dessen Hautfarbe schon ungesund veränderte. Klingt nach einer recht ruhigen Feier, wenn ich so darüber nachdenke.
Die Nacht war alles andere als ruhig. Demnächst muss mal wieder jemand die lästigen Ung Ang-Frösche einsammeln und zum Nachbarn rüberschmeißen. Trotz bescheidener Größe röhren diese orangegrünen Kreaturen nervtötend. Extrem laut und irgendwie gelangweilt, nachdem sie sich vorher fast bis zum Zerplatzen aufgeblasen haben. Uuuuuuuung..............................Aaaaaaaaaaaaaaaaang. Uuuuuuuuuuuuung......................Aaaaaaaaaaaaaaaang. Die ganze Nacht lang. Diese Viecher quaken nicht, sie muhen. Ich wähne mich mehr inmitten einer rachitischen Rinderherde, denn in einem tropischen Garten. Auch Grillen, Zikaden und andere Dschungelbewohner haben sich verausgabt. Dazu das Rauschen des Meeres und die Dinge, die im Laufe der Stunden aufs Wellblechdach fallen. Bei Kokosnüssen rutscht einem das Herz in die Hose, Donnerschlag.
Vielleicht ist es, auch was den Verkehr angeht, bald vorbei mit der Idylle. Drei Traktoren und ein Auto sind schon unterwegs auf der Insel. Am Pier haben sich deswegen ein paar Ausländer mit Plakaten zur Demo versammelt. No cars at Ko Phayam! Die Kundgebung verläuft friedlich, genauer gesagt findet sie ohne Kenntnisnahme der Öffentlichkeit statt.
So könnte es sich anfühlen, wenn man sich selbst etwas Wichtiges zu erzählen hat.
Heute kommt das Christkind, behauptet zumindest ein obergescheites Kleinkind im Saithong. Ich wende ein, dass diese These nach neuesten Erkenntnissen nicht mehr haltbar ist, und ziehe mich, als es zu weinen beginnt, zügig in mein Domizil direkt am Strand zurück. Hier unten wagen sich die lässigen Hornbill-Vögel mit ihren überdimensionalen, gelben Schnäbeln nur selten her, dafür ist die Aussicht auf das Meer und dahinter die Schemen Myanmars kolossal.
Am Abend wird groß aufgekocht, die Bewohner des Resorts feiern geschlossen J.C.´s improvisierte Niederkunft in Betlehem. Ein surrealistischer „Weihnachtsbaum“, bestehend aus Palmblättern und anderen Ästen, sorgt für Stimmung und Erheiterung. Am Nachmittag sah ich Aeow schon mit einer Axt durch die Anlage schleichen. Etwas beunruhigte mich ihre Antwort auf meine Frage, was sie denn da mache. „I don´t know, find something...“ Außerdem liegen ein grüner, saftiger Tannenzweig und ein paar Bockerl am Tisch! Wo kommt das her? Ein Pärchen aus Graz hat die Weihnachtsdeko doch tatsächlich von daheim mitgenommen, das nenne ich gut gepackt.
Aeow zaubert eine mysteriöse, süßsaure Schinkenkäsepizza und am Grill brilliert sie mit Folienfisch auf Ingwer-Ananas-Bett. Als Nachspeise wird noch Kaiserschmarrn mit Apfelmus gereicht, wie im Neckermann-Club. Den Vorschlag meiner deutschen Sitznachbarin, uns doch gemeinsam an den Händen zu halten und Weihnachtslieder zu singen, kann ich mit dem im Affekt erfundenen Hinweis, ich sei Satanist, abwenden. Da hätte ich ja gleich daheimbleiben können.
Das Christkind hat mir fünfzehn neue Dippel geschenkt, obwohl ich mir die gar nicht gewünscht habe. Da hat der Papa wohl nicht richtig nachkontrolliert. Dafür ist scheinbar die eigentliche Bestellung verloren gegangen. Schade, ich hätte den Jetski hier echt gut gebrauchen können. Na gut, dann gehe ich halt schwimmen, auch Urlauber brauchen eine Aufgabe. Kaufe ich mir also eine Schwimmbrille um stolze dreihundert Baht, die sich schon beim Auspacken daheim in alle Bestandteile auflöst. Die freundliche Dame im Shop wusste schon, warum sie mir ein „Sorry Sir, no money back“ hinterher hauchte. Mit Leuko-Tape bekomme ich zumindest ein Sichtfenster dicht. Das rechte, geflutete Auge halte ich während des Schwimmens geschlossen, mit dem linken kontrolliere ich gelegentlich, ob ich nicht unabsichtlich die Laichwege eines Wales oder anderer Amphibien kreuze.
Fortan werde ich nur mehr bekleidet, auch mit Socken, ins Wasser gehen, mittlerweile sehe ich nämlich wie jemand aus, dem ich nicht gerne die Hand geben würde. Ich bin übersät mit Wimmerln und Beulen aller Art, ich könnte mich Tag und Nacht kratzen. Was auch immer in diesen Wassern wohnt, Algen, Plankton, Quallen oder Seeläuse, es hasst mich. Meine einzige Tube mit Antijucksalbe habe ich binnen eines Tages verbraucht. Jetzt behelfe ich mich mit dubiosen thailändischen Produkten, auf deren Etiketten alte Männer mit quadratischen Brillen folgendes versprechen: Tak tao bing bing suko kling klong.
Ich freue mich als einziger über den Regen. Der beste Platz während eines Wolkenbruchs ist definitiv die überdachte Hängematte auf meinem Balkon mit einem Schokobrownie zur Hand. Außer es donnert, dann bevorzuge ich das Bett.
Ich bin so entspannt, dass es einer meiner Weisheitszähne für an der Zeit hält, das Licht der Welt zu erblicken. Ich zahne, unglaublich! So ernähre ich mich von butterweichen Shrimps, damit ich nicht so viel kauen muss. Die Antibiotika, mit denen sie wahrscheinlich in der Aquakultur gegen die Unbilden ihres beengten Lebens gefüttert wurden, können im Hinblick auf meinen aufstrebenden Beißer auch nicht schaden. Die Garnelen kredenzt die Köchin roh und mit etwas Zitronensaft beträufelt im Middle Village, ein kulinarisches Ausnahmeereignis. Legendär auch das Karaoke vor dem einzigen Singautomaten der Insel, das hier mit viel Eifer betrieben wird. Zu billig gedrehten Videoclips läuft am Bildschirm der mitzusingende Text ab und eine kleine Auswahl an Musikstücken ist auch mit Schriftzeichen unterlegt, die ich lesen kann. Ohne das Wissen um Melodie, Betonung, Aussprache oder Bedeutung der Wörter driftet meine bemühte Performance aber unweigerlich ins Groteske ab.
Nichtsdestotrotz ist das Publikum meiner Einschätzung nach begeistert, ja schier außer sich. Den Hiesigen werde ich von Aeow und dem mittlerweile heimgekehrten Cha als Meng Mum vorgestellt, der Spinnenmann. Ein intellektuell unbelastetes Thaimädchen denkt allen Ernstes, ich hätte wirklich Superkräfte und möchte meine Drüsen sehen.
Aeow braucht Fisch, am Markt gab es aber keinen mehr. Also schnappt sie sich Maske, Flossen und einen Speer und haut sich ins Meer. Zwanzig Minuten später kommt sie mit drei stattlichen Exemplaren zurück, geht in die Küche und macht sich nonchalant daran, sie zuzubereiten. Amazonenwahnsinn! Da muss man sich ja richtig genieren als City Slicker, den ein Frosch im Bett schon an die Grenzen der Belastbarkeit bringt.
Am Nachmittag setze ich zur Nachbarinsel über. Dort tritt heute Job 2 Do auf, eine von den Thailändern hoch geschätzte Reggae-Combo, die es mit gleichnamigem Titel sogar zu bescheidenem Ruhm außerhalb der Landesgrenzen gebracht hat. Übernachtet wird am Strand. Ko Chang ist eine Stunde von Phayam entfernt und etwas größer, aber im Vergleich noch kaum erschlossen. Nur vereinzelte Pfade führen durch die dichte Botanik, die Strände sind fast menschenleer. Normalerweise, heute haben sich einige hundert Leute eingefunden. Ein paar von ihnen spielen Volleyball und wer ist mittendrin? Tim und Mara, die ich vor sechs Jahren auf den Andamanen kennen gelernt habe. Die Welt ist ein Dorf. Die zwei sind mittlerweile mit ihrem Sohnemann unterwegs, der ist schon vier Jahre alt.
Beide verbrachten damals ihre Zeit auf den indischen Inseln ausschließlich mit dem Stopfen und Rauchen monströser Chillums. Noch nie zuvor und auch nicht danach habe ich Kiffer gesehen, die sich mit mehr Hingabe der Aufnahme bewusstseinserweiternder Substanzen widmeten, Verneigungen, gemurmeltes Kauderwelsch und zeremonielle Applikation des Rauches ins Haupthaar inklusive. Besonders Mara vermittelte durchgehend den Eindruck, als würde sie sich in einem anderen, wesentlich entspannteren Raum-Zeit-Gefüge befinden. Ihr Schauen, Bewegen, Sprechen war das einer sehr alten Schildkröte. Tim blieb mir auch deshalb in Erinnerung, weil er mir die traurige Geschichte seines Freundes erzählte, dessen Freundin im Norden Indiens beim Schwimmen von einer ablandigen Strömung abgetrieben wurde und ertrank. Der Freund verunglückte selbst beinahe, als er vergeblich versuchte, sie zu retten und für ihn blieb nichts anderes mehr zu tun, als sich ein Auto zu mieten und den Leichnam seiner Freundin am Dach nach Delhi zu bringen. Von dort wurde das tote Mädchen per Flugzeug ihren Eltern in der Heimat überstellt.
Die nächsten Stunden wird hausgemachter Birnenschnaps von daheim zu Geschichten, Geschichten, Geschichten gereicht. Immer ist irgendwas mit denen. Mara ist rekonvaleszent. Während einer mehrtägigen Zugfahrt durch Indien lag sie aufgrund unerklärlicher Fieberschübe in Agonie und kein Krankenhaus war weit und breit. Tim musste sich um den Sohn und um medizinische Versorgung für seine Freundin kümmern und war in ernster Sorge. Als sie diese Sache überstanden hatten, flogen sie wieder auf die Andamanen, wo alle paar Meter Soldaten im Wasser standen und Wache schoben, nachdem eine britische Touristin von einem Salzwasserkrokodil gekillt worden war.
Später schauen wir zum Konzert und irgendwann suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und schlafe tief und fest.
Ich wache auf und die Sonne kitzelt mich. Nein, das sind doch die vielen Bisse der Sandflöhe, die meinen wehrlosen Körper während der Nacht heimgesucht haben. Und einen dicken Kopf habe ich, der letzte Schnaps muss schlecht gewesen sein. Meine Sonnenbrille ist auch weg, alles hat seinen Preis.
Also mal rein ins Meer, ist ja nicht weit, und dann einen Kaffee mit den zwei Tirolern trinken. In der Küche der rustikalen Anlage steht ein Schraubgefäß aus Plastik mit in dunkler Flüssigkeit und verschiedenen Kräutern und Blättern eingelegten Tausendfüßern. Absolut ekelhaft. Das ist im Bedarfsfall das Gegengift der Thailänder gegen den Biss noch lebender Exemplare, von dem sich Tim letzte Woche ein Stamperl geben musste, nachdem ihn eines der Viecher in der Hängematte erwischt hatte. „Zuerst in den Oberarm, dann in den Hals. Der Biss selbst war schon so schmerzhaft wie eine glühende Zigarette auf der Haut. Aber dann begannen die Muskelschmerzen, wie wenn dich einer mit dem Hammer bearbeitet. Innerhalb kürzester Zeit hat sich mein Herz verkrampft und ich habe fast keine Luft mehr bekommen. Mara hat nach dem Vermieter geschrien, der ist losgelaufen und hat mir diesen Trunk eingeflößt. Ich habe die Brühe nicht gesehen, aber ich hätte in meinem Zustand sowieso alles gesoffen. Nach einer halben Stunde ging es wieder so einigermaßen.“
Hausgemachter Zaubertrank
Zeit zum Abschied, mein Boot wartet auf mich. Den Rest des Tages gehe ich ruhig an, das ist auch geboten. Als Ausrede dafür dient ein grandioses Gewitter. Der Donner so gewaltig und furchteinflößend, dass ich mich im Bett verschanze und nur mit den geröteten Äuglein unter meiner Decke hervorluge, alles Metallische weit, weit weg von mir geschoben.
Der Jahreswechsel ist beschaulich. Ein Gitarrenabend unter Palmen, ein bisschen Feuerwerk und Lampions am Strand, die durch die Kerzen im Inneren gemächlich hoch in den Sternenhimmel steigen. Diese Kong Ming-Laternen wurden schon vor fast zweitausend Jahren vom chinesischen Militär als Kommunikationsmittel eingesetzt, heute werden sie zu besonderen Anlässen fast überall in Asien von den Einheimischen steigen gelassen. In Europa sind diese sphärischen Lichter schon länger verboten. Die Lampions können mitunter so hoch steigen, dass sie sogar dem Flugverkehr in die Quere kommen, und Menschen mit zu viel Fantasie sehen gleich die UFOs kommen und behelligen die Autoritäten. Während man in Asien noch lockerer ist und auch in Kauf nimmt, dass hin und wieder ein Haus oder ein Wald abbrennt, verbietet zum Beispiel das österreichische Pyrotechnikgesetz gleich generell nicht nur die Laternen, sondern auch die Verwendung ernstzunehmender Feuerwerkskörper im Ortsgebiet auch zum Jahreswechsel. So bleibt dem gesetzestreuen Bürger immer noch die Silvester-Episode der Serie Ein echter Wiener geht nicht unter oder das Dinner for One.
Gerade rechtzeitig zum Piratenfest in der Hippiebar trudeln Mario, der sich heuer für kurze Zeit von Ko Samui losreißen konnte, und Alfons, ebenfalls ein Freund aus Wien, ein. Wir behängen uns mit angespülten Korallen und stecken uns Turmschnecken in die Nase, meinen Safarihut verwandle ich mit Hilfe zweier Wäscheklammern links und rechts flugs in einen Piratendreispitz. Im Rumpf des zur Gänze aus Treibholz nachgebauten Piratenschiffes spielen der Medizinmann der Insel und ein Einarmiger Billard, auf der Tanzfläche tummeln sich verwilderte Seebären und Matrosen mit Augenklappen und Kopftüchern.
Cha weckt mich aufgeregt. Das Gasrad von Alfons ist zwar ordnungsgemäß bei der Einfahrt zur Anlage abgestellt, aber bei den Fußrastern mit Blut verschmiert. Der Sturzpilot liegt noch besinnungslos in seiner Hütte und grinst uns wenig später am Frühstückstisch aus seinem übel verschwollenen Gesicht an, die eingetrockneten Partyecken noch in den Mundwinkeln. Das rechte Auge leuchtet blauviolett, der Kiefer wirkt etwas schief, die Zehen sind teilweise offen.
Gestern dürfte es sich in der Hippiebar noch gehörig abgespielt haben, nachdem ich mich abgesetzt hatte. Grund des Anstoßes war scheinbar eine Störung im Preis-Leistungs-Verhältnis, Alfons fasst die Geschehnisse zusammen. „Denen sind irgendwann die großen Getränkebecher ausgegangen und diese Verbrecher haben sich doch tatsächlich erfrecht, mir für zwei Drittel der zuvor ausgeschenkten Menge den gleichen Preis zu verrechnen!“
Weitere Aussagen des Opfers beschwören eine einseitige Eskalation seitens des Servicepersonals, was angesichts der traditionellen Gutmütigkeit der Thais gegenüber ruppigen Langnasen bezweifelt werden darf. Vielleicht war es ja der mehrfach wiederholte, weil einzige Satz in thailändischer Sprache, dessen Alfons mächtig ist, Top Salop Salai, von Cha frei übersetzt mit Ich schicke dich per Watsche in eine lange Bewusstlosigkeit. Beim ersten Mal für einen Einheimischen wahrscheinlich noch lustig, irgendwann wohl nicht mehr. Mario hielt sich jedenfalls dezent im Hintergrund, während Alfons ordentlich was aufs Maul bekam. Das Blut auf dem Moped stammt übrigens von einem von den vorherigen Geschehnissen unabhängigen Unfall am Weg nach Hause, es könnte Alkohol im Spiel gewesen sein.
Wir füllen kleine getrocknete Shrimps, Nüsse und Kräuter in ein Blatt, das wir anschließend falten und im Ganzen in uns hineinstopfen, thailändisches Fingerfood. Alle sind mit Eifer dabei, nur Alfons nicht. Der schlürft Suppe durch einen Strohhalm, mehr geht nicht. Aeow kann´s nicht mehr mit ansehen und schickt ihn zum Medizinmann, dem sie noch immer mehr vertraut als den Mitarbeitern der kleinen Sanitätsstation beim Pier.
So begeben sich Alfons und Mario als sein seelischer Beistand zur ersten Konsultation Acapans, der am anderen Ende der Bucht wohnt. Als die beiden am Abend wieder erscheinen, sind sie butterweich. Mario faselt von getarnten Polizisten im Unterholz und anderen Visionen, Alfons schaut aus wie ein ausgegrabener Maulwurf. Der Medizinmann ließ dem Vernehmen nach eine Friedenspfeife nach der anderen kreisen, bevor er daran ging, die Diagnose zu erstellen. Der Kiefer sei ausgerenkt und werde von ihm beizeiten repariert werden, im Vorfeld seien aber einige vorbereitende Behandlungen vonnöten. Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkassa hat der Medizinmann keinen, eine freie Spende wird zu entrichten sein.
Der einzige, der einen geregelten Tagesablauf hat, ist Alfons. Schon frühmorgens stapft er zum Heiler, erst bei Sonnenuntergang kommt er heim. Das Opfer musste sich über einem glosenden Feuer in eine Art abgedecktes Bettgestell legen und wurde in dieser provisorischen Schwitzhütte stundenlang ordentlich durchgeräuchert. Das dient nach Ansicht Acapans der spirituellen Reinigung und muss am Anfang jeder erfolgreichen Behandlung stehen. Alfons´ schiefem Lächeln entnehme ich, dass auch seine Lungen wieder ordentlich ausgeräuchert wurden.
Wir Bewohner des Saithong verkaufen uns für ein paar gekühlte Biere, ein guter Deal. Ein thailändisches Kamerateam sucht für einen touristischen Werbefilm Langnasen, auf dass noch mehr Besucher ihren Weg auf die Insel finden. Im Zuge eines Bootsausfluges müssen wir weiter nichts machen, als glücklich auszusehen. Wir fahren grinsend mit dem Kajak, fischen und schnorcheln grinsend, obwohl es hier unter Wasser aufgrund der sich durch die stetige Erwärmung des Meeres ausbreitenden Korallenbleiche fast nichts mehr zu sehen gibt, und schlürfen grinsend beschlagenes Bier aus der Kühlbox. Einzig Alfons mit seinem blauen Auge wirkt etwas unglaubwürdig.
