Mehr Welten - Britta Kretschmer - E-Book

Mehr Welten E-Book

Britta Kretschmer

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Beschreibung

Der 12-jährige Victor macht eine erstaunliche Entdeckung: Es gibt mehr Welten als die eine, die er kennt. Und er kann Schleusen in diese anderen Welten öffnen. Zu verdanken hat er diese Erkenntnis seiner neuen Freundin Charlie. Die taucht plötzlich in seinem Leben auf und sorgt für reichlich Abwechslung. Aber sie bringt auch eine schreckliche Sorge mit. Denn in ihrer Parallelwelt herrschen noch immer die Nationalsozialisten von damals. Und die bedrohen nun auch Victors Welt. Maßgeblich beteiligt an dieser Bedrohung ist sein Adoptivvater. Denn der hat eine Technologie entwickelt, die einen unschlagbaren Vorteil bietet. Vor allem in den Händen der Nazis wird das katastrophale Folgen haben. In den richtigen Händen jedoch kann diese Entwicklung gleich alle Welten schützen. Victor schließt sich zusammen mit Charlie und ihrer Familie dem Widerstand an, um die braune Gefahr mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Dabei wird Victor ein Köln besuchen, wie es einst war und niemals wieder sein darf. Und er wird Kölner Orte kennenlernen, die nur wenige Kölner je besucht haben. Mehr Welten ist ein Jugendbuch Science-Fiction (Parallelwelten) zum Thema Nationalsozialismus für alle ab 12.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Britta Kretschmer

Mehr Welten

Britta Kretschmer

Mehr Welten

Jugendbuch

Impressum

Copyright: Britta Kretschmer

Erstauflage November 2023

ISBN: 9789403718354

Korrektorat: A.H., Köln

Covergestaltung und Illustrationen: Britta Kretschmer

Foto BK: Ali Mokhtari, Köln

Selbstverlag: Britta Kretschmer, Gottesweg 147, 50939 Köln

https://mehr-welten.de

Veröffentlicht und gedruckt über Bookmundo, ein Service von Mijnbestseller Nederland B.V., Delftestraat 33, 3013AE Rotterdam

Gedruckt in Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig

Vorbemerkung

Irisblende bezeichnet in der Fotografie eine variable Öffnung, die den Lichteinfall bei einer Kamera regelt.

Lamellen, die sich zu einem feststehenden Mittelpunkt kreisförmig öffnen und schließen, sorgen dafür, dass nur eine bestimmte Menge Licht auf den Film oder den Sensor trifft.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Lamellen im Einsatz sind, desto besser nähert sich die Öffnung an einen Kreis an. Dies ist von Bedeutung für die Qualität von unscharfen Bildbereichen.

Die Funktion einer Irisblende entspricht der der Iris des menschlichen Auges. Daher auch ihr Name: Irisblende.

Prolog

Ralph stand vor der Haustür der Familie Schindler und schaute zweifelnd an sich herunter. Er hatte seinen besten Anzug für den Abend angezogen, doch es galt zu befürchten, dass der mit dem Chic der anderen Gäste nicht würde mithalten können. Als könnte er damit irgendetwas maßgeblich verbessern, klopfte er sich ein paar Haare und einige Staubkörnchen von den Schultern und Ärmeln.

Veranstaltungen dieser Art waren einfach nicht seine große Stärke, nicht nur sein Kleiderschrank war darauf nicht wirklich vorbereitet. Bei Stehpartys wird viel geredet und doch nur wenig gesagt. Aber er hatte sich der Gastgeberin, einer Galeristin namens Barbara Schindler, als Kunsthändler vorgestellt und als solcher konnte er es sich nicht leisten, ihre Einladung auszuschlagen. Er atmete noch einmal tief durch.

Er befand sich hier in Köln Lindenthal, dem südwestlichen Stadtteil der Domstadt am Rhein, in dem die Universität beheimatet ist. Dies und die Tatsache, dass ein angenehmes Naherholungsgebiet geschaffen worden war, hatten dafür gesorgt, dass hier die Besserverdienenden wohnen. Entsprechend finden sich hier neben beeindruckenden Altbauten auch villenartige freistehende Einfamilienhäuser. Und vor der Tür eines eben solchen stand Ralph nun.

Kurz nachdem er geklingelt hatte, öffnete ihm eine kräftig gebaute ältere Frau, offensichtlich die Haushälterin der Familie Schindler.

»Guten Abend«, sagte er höflich, »Gilbert mein Name. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät.«

»Guten Abend, Herr Gilbert. Sie werden bereits ...« Weiter kam sie nicht, da fiel ihr die Hausherrin, die das Foyer schnellen Schrittes und mit ausgestreckten Armen durchquerte, ins Wort. »Ralph, mein Lieber!« rief sie und klang dabei doch arg aufgesetzt. »Wie schön, dass Sie es doch noch einrichten konnten!«

Er schenkte der Haushälterin ein entschuldigendes Lächeln und schon bekam er von Barbara Schindler vier Küsschen auf die Wangen gesetzt, zwei rechts und zwei links.

»Kommen Sie, ich möchte Sie jemandem vorstellen!« Sie griff seine Hand und zog ihn durch das Foyer in einen riesigen Wohnraum, in dem sich die schönsten und bekanntesten Vertreter der Kölner Kunstszene tummelten und bei Sekt und Canapés Geschäfte abschlossen.

»Hans!« rief Barbara, woraufhin sich ein Mann, der sich gerade mit einer jüngeren Frau unterhielt, umdrehte. »Darf ich dir Ralph Gilbert vorstellen? Ich hab dir von ihm erzählt. Und Ralph, dies ist ein guter Freund mir, Hans Rosenthal.« Damit überließ sie die beiden Männer sich selbst und war schon wieder eiligen Schrittes unterwegs.

Aus dem Augenwinkel nahm Ralph wahr, dass sie sich einem Jungen näherte, dem einzigen Kind im Raum, das sich hier offensichtlich sehr unwohl fühlte. Der Sohn des Hauses, nahm Ralph an. Er konnte ihm sein Unwohlsein sehr gut nachempfinden, musste sich nun aber auf sein Anliegen konzentrieren.

»Rosenthal?« fragte er.

»Ja, wie der ›Das war spitze!‹-Rosenthal«, sagte sein Gegenüber. Und da er sah, dass Ralph diese Anspielung nicht zu verstehen schien, erläuterte er: »Sie wissen schon, der Moderator dieses Fernsehquiz aus den Siebzigerjahren.«

Ralph lächelte verlegen. »Ach so. Ich dachte nur gerade, dass das ein jüdischer Name ist.«

»Stimmt.« Der Mann runzelte die Stirn. »Sagen Sie nicht, Sie haben ein Problem damit.«

Entschuldigend hob Ralph die Hände. »Oh nein, bitte! Ganz und gar nicht! Da, wo ich herkomme, trifft man heutzutage nur leider keine Juden mehr.« Sein Lächeln wurde sehr herzlich. »Deshalb freue ich mich umso mehr, Ihnen mein Angebot unterbreiten zu können. Frau Schindler sagte, Sie sammeln Stummfilme?«

Das Stirnrunzeln war verschwunden, die Neugier geweckt.

»Ja, sie erwähnte bereits, dass Sie Zugang zu einigen sehr interessanten, als verschollen geltenden Werken haben.«

»Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich über einen kompletten Satz der originalen Metropolis-Filmrollen verfüge?« Ralph kam gerne schnell auf den Punkt.

Dem Filmfan verschlug es den Atem. »Metropolis? Sie meinen Fritz Langs Meisterwerk aus den Zwanzigerjahren? In Originallänge?«

»Ebendieses.«

»Sie meinen, Sie haben eine Kopie von der 16-mm-Variante, die sie in Argentinien gefunden haben?« Hans Rosenthal wurde wieder nüchterner.

»Nein«, sagte Ralph. »Was ich Ihnen anbieten kann, ist eine Positivkopie des Originals, wie es 1927 uraufgeführt wurde. Acht Filmrollen, über viertausend Meter Material. Laufzeit rund zweieinhalb Stunden.« Und dann fügte er nach einer kleinen Kunstpause noch hinzu: »Keine spanischen Untertitel.«

»Und die Qualität? Wie stark beeinträchtigt sind sie?« Jetzt fing der Enthusiast vor Aufregung fast an zu stottern.

»Unwesentlich. Ich habe sie prüfen lassen – nichts, was sich nicht restaurieren ließe. Natürlich wurden die acht Rollen längst auf weniger brandgefährdetes Material umkopiert. Aber Sie können sich gerne selbst ein Bild davon machen. Ich gehe davon aus, Sie haben einen privaten Vorführraum?«

»Natürlich. Aber wie zum Teufel ...«

»... ich an diese Filmrollen rangekommen bin?« fiel Ralph ihm ins Wort. »Nun, darüber möchte ich mich eigentlich nicht vertiefen. Sagen wir so: Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, und dieser Jemand kann mit den Filmrollen nicht viel anfangen, wüsste ihren Gegenwert aber sehr wohl zu schätzen.«

»Und wieso ausgerechnet gerade ich? Ich meine, es gibt mit Sicherheit unzählige Cineasten, die würden ihre rechte Hand dafür geben!«

»Ich dachte, Sie geben Ihre linke gleich mit dazu.« Ralph wartete die verdutzte Reaktion seines Gegenübers ab, um dann mit ihm gemeinsam in ein schallendes Gelächter zu fallen.

Kurze Zeit später waren die beiden Geschäftsmänner handelseinig geworden. Mit einem Glas Sekt, serviert von einer der netten jungen Damen von der Cateringfirma, die Barbara Schindler für ihr heutiges Fest engagiert hatte, hatten sie darauf angestoßen. Nun stand Hans Rosenthal im Kreise seiner Freunde und feierte mit ihnen seine neuste Errungenschaft. Und auch Ralph war ein wenig in Feierstimmung. Die Summe, die Hans Rosenthal zu zahlen bereit war, konnte wahrlich als stolz bezeichnet werden, sodass Ralph allen Grund hatte, mit diesem Abschluss zufrieden zu sein.

Einem anderen, der über mehr Kunstverstand verfügte als er, hätte vielleicht das Herz geblutet, die wahrscheinlich einzigen vollständigen und gut erhaltenden Filmrollen des ersten deutschen Science-Fiction-Films, mit dem der österreichische Regisseur in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts für alle Zeiten Maßstäbe gesetzt hatte, gerade mal eben so verkauft zu haben. Ralph aber bedeutete Filmkunst ungefähr genauso viel wie jedes andere Bild oder jede andere Skulptur, die er in den letzten Jahren verkauft hatte: Es ging ihm nur um den Geldwert, der dahinterstand.

Machte ihn das zu einem schlechteren Menschen? Ralph fand: nein. Wenngleich er selbst den Besitz von Geld sehr wohl zu schätzen wusste, hatte er dieses Geschäft, wie die meisten anderen zuvor, nicht zu seiner persönlichen Bereicherung abgeschlossen. Vielmehr ging es ihm um Wiedergutmachung.

Während er darüber nachdachte, was er diesmal mit dem Geld wiedergutmachend anstellen würde, fiel sein Blick auf Barbara Schindler, die mit ihrem Mann im Foyer stand. Die beiden hatten offensichtlich eine Meinungsverschiedenheit, die damit zu tun hatte, dass er ihr Fest verlassen wollte.

Eigentlich wollte Ralph seinen Blick gerade abwenden, da er nicht indiskret erscheinen mochte, doch da sah er im Hintergrund die Silhouette eines Mannes, den er hier niemals erwartet hätte. Schnell tauchte Ralph im Wohnraum hinter eine Gruppe von Künstlern ab. Auf gar keinen Fall wollte er von diesem Mann hier entdeckt werden. Fieberhaft dachte er darüber nach, was diese Begegnung zu bedeuten haben könnte. Konnte dies Zufall sein? Sie hatten einander schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen und Ralph hatte bis heute Morgen selbst nicht gewusst, dass er am Abend zu dieser Feier kommen würde, hatte niemandem von seinen Plänen erzählt.

Und wenn er gar nicht seinetwegen hier war? Vorsichtig schaute Ralph an den Künstlern, hinter denen er sich versteckt hatte, vorbei und sah gerade noch, wie Herr Schindler mit seinem Gast in einen anderen Trakt des großen Hauses verschwand.

Kurz darauf kam Barbara Schindler zu ihren Gästen zurück. Als gute Gastgeberin ließ sie sich ihre Verärgerung nicht anmerken.

Nur wenig später verließ Ralph hochbesorgt das Fest.

Schleusen öffnen

1

Wie war’s heute in der Schule?« fragte Frau Dr. Theisson und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

»Okay«, antwortete Victor und klang dabei, als wollte er sagen: Eigentlich nicht so toll, aber ich möchte nicht darüber reden.

Er saß ihr gegenüber in einem ebenso bequemen Sessel, doch nun, da sie das Wort Schule ausgesprochen hatte, versank der ohnehin schmächtige und etwas blasse Junge so tief in die Polster, als wolle er sich in ihnen verkriechen.

»Was war los?«

Frau Theisson ließ nicht locker, aber das gehörte zu ihrem Job. Sie war Victors Ärztin und Psychotherapeutin, die er jeden Dienstag nach der Schule aufsuchte, und das schon seit über einem halben Jahr.

»Die anderen haben gelacht«, brachte Victor schließlich einsilbig hervor und rutschte noch tiefer in seinen Sessel.

»Worüber haben sie gelacht?«

»Wir hatten heute Schwimmen.« Victor versuchte ein gequältes Lächeln.

Er besuchte die sechste Klasse eines Kölner Gymnasiums, das unter anderem deshalb von seinen Eltern ausgesucht worden war, weil es eine sportbetonte Schule war.

Sein Vater hatte das für eine gute Idee gehalten. Victor allerdings sah es anders. Für sportliche Aktivitäten war er einfach nicht geschaffen.

Immerhin aber lieferte dies immer wieder Themenstoff für seine Therapiestunde.

»Der Sportunterricht.«

Frau Theisson konnte sich vorstellen, was passiert war, und schenkte ihrem jungen Patienten ein aufmunterndes Lächeln.

»Wir sollten vom Einmeterbrett springen.«

»Und?«

»Die anderen sind gesprungen.«

Dr. Theissen machte ein mitfühlendes Gesicht. Erzählungen dieser Art hörte sie nun wirklich nicht zum ersten Mal.

»Du weißt, dass es viele Leute gibt, die nicht richtig schwimmen können?«

»Ja, aber das hindert sie nicht daran, vom Einmeterbrett zu springen.«

Dr. Theisson holte tief Luft. »Was hat dein Lehrer gesagt?«

Nun wurde Victor richtig betrübt. »Der hat gesagt, sie sollen mehr Rücksicht nehmen.« Erbost setzte er hinzu: »Ich hasse es, wenn sie das sagen.«

»Das stört dich«, sagte sie und dann äußerte sie noch nachdenklich: »Hm.«

Deprimiert schaute Victor aus dem Fenster. Natürlich wünschte er sich nettere, rücksichtsvollere Mitschüler, die nicht über ihn lachten, wenn er mal wieder nicht mit ihnen im Sportunterricht mithalten konnte oder wollte. Aber dass es immer erst die Erwachsenen sein mussten, die seine Mitschüler daran erinnerten, dass er einer besonderen Rücksicht bedurfte, das war so schrecklich für ihn.

Konnten sie nicht verstehen, dass er sich nichts mehr wünschte, als normal behandelt zu werden? Die Rücksicht, die die Erwachsenen ihm zuteilwerden ließen, war nun mal die Rücksicht auf einen, der nicht normal war.

Er mochte Dr. Theisson wirklich gerne, sie war sehr nett zu ihm, vor allem roch sie immer sehr gut. Und obwohl sie nicht nur seine Ärztin, sondern auch seine Seelenklempnerin war, gaben die Besuche bei ihr ihm nicht das Gefühl, verrückt zu sein. Bevor er das erste Mal zu ihr gekommen war, hatte er wirklich geglaubt, verrückt zu sein, aber dann hatte sie ihm erklärt, dass das nicht sein Problem sei.

Was sein Problem war, fiel ihm schwer zu erklären. Frau Theisson hatte einmal versucht, es so in Worte zu fassen: ob er sich manchmal so fühle, ein Kopf ohne Körper zu sein. Im Prinzip hatten sie sich darauf einigen können, auch wenn es das noch nicht ganz traf. Tatsächlich fühlte er sich so, als sei er ein Verstand, ein Geist ohne Körper. Es war ihm, als gehöre sein Körper ihm nicht. Als wäre er ein seltsames Gerät, mit dem er nicht viel anzufangen wusste. Diese seine Hand oder dieses sein Bein, was sollten die für eine Funktion haben? Was sollte er mit dieser Hand oder diesem Bein überhaupt zu tun haben?

Sicherlich fühlte er sich nicht immer so. Die meiste Zeit blieb er von diesen Eindrücken verschont. Aber wenn er einmal anfing, darüber nachzudenken, dann konnte er kaum mehr damit aufhören. Wenn das eintrat, was bevorzugt abends im Bett passierte und ihn lange vom Einschlafen abhielt, manchmal aber auch entsetzlicherweise tagsüber in der Schule, dann überkam ihn fürchterliche Angst. Ein Teil dieser Angst hatte damit zu tun, gaga zu sein, plemplem, völlig verrückt und reif für die Klapsmühle. Erklärt zu bekommen, dass dieser unsagbare Zustand einen Namen hat, der nicht gleichbedeutend mit einer Krankheit ist, war für Victor eine Riesenerleichterung. Dissoziation, hatte Dr. Theisson ihm und seinen Eltern damals erklärt, sei etwas völlig Normales, eine durchaus gute menschliche Fähigkeit, die eine wichtige Funktion im Alltagsleben habe.

Sich beispielsweise so sehr auf eine Arbeit konzentrieren zu können, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Oder überhaupt zu automatisch ablaufenden Handlungen fähig zu sein – es gäbe überhaupt keine guten Autofahrer auf der Welt, wenn man über jeden einzelnen Handgriff wie das gleichzeitige Gangeinlegen, Blinker setzen, auf den Gegenverkehr achten, Lenkrad drehen und so weiter erst einmal nachdenken müsste. Aber auch wenn sein Vater mal wieder die ganze Familie aufscheuchte, den Haustürschlüssel zu suchen, den er doch gerade in der Hand gehabt und gedankenlos irgendwo abgelegt hatte, auch das wäre über Dissoziation zu erklären. Und Kinder, so hatte Frau Theisson weiterhin erläutert, würden in der Regel über besonders gute dissoziative Fähigkeiten verfügen, die sie als Verarbeitungsmöglichkeiten von Erlebnissen in Spiel und Phantasie nutzen.

Mit anderen Worten: Dissoziation sei eigentlich eine dieser vielen wunderbaren Funktionen der menschlichen Psyche – nicht immer leicht zu verstehen, manchmal wie im Fall des Haustürschlüsselsuchens ein wenig lästig, aber für das Überleben wichtig wie ein guter Blutdruck. Wie aber auch der Blutdruck zu hoch sein kann, könne es bei psychischen Funktionen zu Störungen kommen.

Als dissoziative Störung würde man das Ganze erst dann bezeichnen, wenn es wie bei Victor zum Beispiel zu Gefühlen der Entfremdung von sich selbst kommt und dies in einer Intensität auftritt, die das Leben maßgeblich beeinträchtigt. Aber auch das hätte nichts mit Verrücktsein zu tun.

»Was wäre denn Verrücktsein?« hatte Victor sie damals schüchtern gefragt.

Freundlich hatte Dr. Theisson ihn angelächelt und, statt ihm eine Antwort zu geben, eine Gegenfrage gestellt: »Träumst du manchmal davon, wie es wäre, Supermann zu sein?«

»Ich wäre lieber ein Jedi-Ritter«, hatte Victor grinsend geantwortet, was seine Mutter dazu veranlasst hatte, schnell zu erklären: »Er liebt diesen ganzen Star Wars Kram.«

»Aber du weißt, dass du weder Supermann noch ein Jedi bist, oder?«

»Klar, das sind doch nur Geschichten.«

»Ja, das sind nur Geschichten. Und das ist der Unter-schied. Wenn du wirklich überzeugt wärst, ein Jedi zu sein, und hier mit etwas, das dein Laserschwert sein soll, herumfuchteln würdest, das wäre verrückt.«

Darüber hatte Victor lachen müssen. Deshalb – und weil die Frau Doktor schon damals so gut roch – hatte er sich bereiterklärt, von nun an regelmäßig zu ihr zu kommen, um mit ihr zusammen herauszufinden, was der Grund für seine Entfremdungsgefühle war. So bekam er von ihr auch keine Tabletten. Ihre Medizin war es, mit ihm zu reden.

»Einen Grund gibt es immer«, hatte sie ihm erklärt. »Ich denke, dir ist irgendwann mal etwas passiert, das so schlimm für dich war, dass du es nicht verstehen und für dich bearbeiten konntest. Wir nennen so was ein traumatisches Erlebnis. Hast du eine Idee, was das bei dir sein könnte?«

Victor hatte keine, aber seine Eltern konnten da einen wesentlichen Ansatz liefern. Barbara und Hannes Schindler waren nämlich nicht Victors leibliche Eltern. Sie hatten ihn adoptiert, als er noch ganz klein war. Kurz nach seiner Geburt vor über zwölf Jahren war seine Mutter plötzlich gestorben und da sie den Namen von Victors Vater den Behörden nicht preisgegeben und selbst keinerlei Verwandtschaft mehr hatte, war Victor so von einem Tag auf den nächsten zu einer Vollwaise geworden.

Was für den noch sehr kleinen Jungen eine schlimme Tragödie war, wurde zum Glücksfall für Barbara und Hannes, die selbst keine Kinder haben konnten und dankbar waren, über die Adoption doch noch ein Kind bekommen zu haben. Und das hatten sie Victor Zeit seines Lebens auch immer so erzählt: dass er ihr Wunschkind sei.

Frau Dr. Theisson hatte ihnen daraufhin erklärt, dass dies nun der erste Ansatzpunkt in ihrer gemeinsamen Arbeit werden würde. Da spiele es keine Rolle, dass Victor es als Baby erlebt und deshalb keine eigene Erinnerung daran hatte. Dieser Einschnitt in sein junges Leben konnte durchaus Einfluss auf sein heutiges Erleben haben. Schließlich hatte er dann noch einige Tests über sich ergehen lassen müssen, die sicherstellten, dass er mit seinen zwölf Jahren reif genug für diese Form der Therapie war.

Das war vor über einem halben Jahr gewesen und die vielen intensiven Gespräche über sein Dasein als Adoptivkind oder über den verhassten Sportunterricht oder über andere ihn belastende Geschichten aus seinem Leben hatten zu vielen Erkenntnissen geführt.

Aber all diese Erkenntnisse konnten über eines doch nicht hinweghelfen: Sein Geist verließ nach wie vor immer wieder seinen Körper. Allerdings empfand er dabei jetzt weniger Angst als früher und wusste sich auch besser selbst zu helfen, wenn es mal wieder so weit war.

2

Wie so häufig führte der Weg von der Therapiestunde Victor an der Buchhandlung Stefan König vorbei, obwohl diese Buchhandlung überhaupt nicht auf dem Weg von der Praxis nach Hause lag. Lesen war neben dem Spielen mit seiner Nintendo Switch und der Playstation Victors liebste Freizeitbeschäftigung, besonders wenn es sich um Werke der Fantasy-Literatur handelte. Und auf eben die war die Buchhandlung spezialisiert.

Als Victor den kleinen Laden betrat, sah er ein Mädchen am Verkaufstresen stehen. Sie hielt den ersten Band von Harry Potter in der Hand und fragte den Ladenbesitzer, ob dies ein gutes Buch sei. Stefan König schaute sie ungläubig an und fing dann an zu lachen: »Wo bist du denn in den letzten fünfundzwanzig … äh, zehn Jahren gewesen? Natürlich ist das ein gutes Buch!«

Noch immer lachend wandte er sich kopfschüttelnd an Victor: »Ah, Victor, kannst du dieser jungen Dame bitte erklären, wer Harry Potter ist?« Dann wurde er aber wieder ganz Geschäftsmann: »Dein Buch ist übrigens heute Morgen gekommen – warte, ich hol es dir von hinten.«

Damit war er im Hinterzimmer verschwunden und überließ Victor den fragenden Blicken des Mädchens. Sie hatte lange dunkelblonde Haare, sah eigentlich ganz nett aus, war aber einen halben Kopf größer und mindestens ein Jahr älter als er.

»Und, wer ist nun dieser Harry Potter?« fragte sie.

»Ein Junge, der keine Eltern mehr hat und deshalb bei seinen schrecklichen Verwandten leben muss. Dann wird er Schüler in einer Zauberschule und da stellt er fest, dass er was Besonderes ist, die Leute sind nett zu ihm und er erlebt ganz viele Abenteuer«, gab Victor gelangweilt eine doch recht knappe Zusammenfassung dieser weltberühmten Geschichte wieder.

»Hmhm«, machte sie und deutete auf die verschiedenen Bände der Reihe. »Und die hast du alle gelesen?«

»Klar.«

»Scheinst ja viel zu lesen. Kommst du oft hier her?« fragte sie weiter und stellte das Buch zurück an seinen Platz.

»Kann sein.«

In dem Moment kam der Ladenbesitzer mit dem bestellten Buch zurück. »Und, ist cool, oder?« fragte er.

»Kuhl?« Das Mädchen schien nicht zu verstehen, was das bedeuten sollte, und zog ein sehr verdutztes Gesicht.

»Gefällt dir die Geschichte? Möchtest du das Buch?« konkretisierte er seine Frage in gewähltem Deutsch, während er Victors Buch einpackte.

»Ach so, nein«, sagte sie und setzte dann, als sie die Verwunderung im Gesicht des Buchhändlers sah, entschuldigend hinzu, »das heißt, doch ja, aber ich habe nicht so viel Geld.«

»Hm, das kann nicht sein!« rief nun Stefan König entsetzt aus. »Warte!« Er griff unter seinen Tresen und holte ein halb zerfleddertes Exemplar des ersten Harry Potter Bandes hervor. »Hier, nimm das. Ist ein Mängelexemplar, aber auch wenn ich schon oft drin geblättert habe, sind noch alle Wörter drin.«

Auch das schien das Mädchen nicht so ganz zu verstehen: »Ich hab doch gesagt, ich hab nicht so viel Geld.«

»Kein Geld, Schätzchen, das ist ein Geschenk. Ich kann doch nicht zulassen, dass du weiterhin unwissend durch dein junges Leben läufst. Nimm!« sagte er und reichte ihr das Buch über den Tresen. »Und von dir bekomme ich vierzehn Euro fünfzig«, sagte er zu Victor. »Tut mir leid, mein Freund, aber von irgendwas muss ich ja die Ladenmiete bezahlen.«

Reichlich perplex starrte das Mädchen abwechselnd auf das Buch in ihrer Hand und den Mann, der es ihr geschenkt hatte, während dieser sein Geschäft mit Victor abschloss.

»Viel Spaß damit!« sagte Stefan König schließlich zu den beiden.

»Danke!« sagte Victor und »Danke!« sagte auch das Mädchen. »Vielen Dank!«

»Dafür bin ich da. Für Band zwei kannst du dann ja dein Taschengeld sparen.«

»Ja, mach ich«, sagte das Mädchen, aber Victor wurde das Gefühl nicht los, dass sie nicht so recht wusste, was Taschengeld ist.

Nacheinander verließen sie die Buchhandlung und gingen nacheinander bis zur nächsten Straßenkreuzung, um nacheinander in dieselbe Seitenstraße abzubiegen. An der nächsten Ampel blieb Victor stehen und drehte sich um: »Kann es sein, dass du mich absichtlich verfolgst?«

»Kann es sein, dass du absichtlich vor mir herläufst?« gab das Mädchen keck zurück.

Verächtlich schnaubend ging Victor weiter, weiterhin von dem seltsamen Mädchen verfolgt. Als er in seiner Straße angekommen war, drehte er sich wieder um. »Was soll das? Warum läufst du hinter mir her?«

»Ich laufe nicht hinter dir her. Ich wohne hier!« sagte sie und zeigte auf ein heruntergekommenes Haus am anderen Ende der Straße.

»Erzähl keinen Blödsinn, da wohnt keiner«, sagte Victor ärgerlich.

Tatsächlich war bekannt, dass das ungepflegteste Haus in der Straße schon seit langer Zeit leer stand. Seine Eltern hatten ihm einmal erzählt, dass der Grund hierfür wohl im Streit einer Erbengemeinschaft zu finden war. Man konnte sich nicht darauf einigen, ob es nun verkauft oder gar abgerissen werden sollte.

»Seit letzter Woche schon«, gab sie lachend zurück und trabte auf das Haus zu. Victor schaute ihr noch einen Moment hinterher und sah, wie sie zu der Garage des Hauses lief, neben der ein Mann stand, der bereits auf sie wartete.

Schließlich drehte er sich ab und ging zu seinem eigenen Haus, ein Stück die Straße hinauf. Er bewohnte mit seinen Eltern ein sehr schickes Einfamilienhaus, das mehr Zimmer hatte, als sie tatsächlich brauchten. Einen Garten gab es auch. Einzig fehlte der Platz für eine zweite Garage, die seine Mutter gerne gehabt hätte.

Maria, die Haushälterin seiner Eltern, wartete schon auf ihn. »Da bist du ja endlich! Du weißt doch, dass wir heute Abend wieder Gäste haben!« Herzhaft wuschelte sie ihm einmal durch die blonden Haare und seufzte dabei. »Eigentlich hätten wir dich heute noch zum Frisör schicken sollen.«

»Nicht!« Victor entzog sich der Haushälterin und ließ seine Schultasche auf den Boden fallen. »Schon wieder Gäste?« maulte er. »Wer kommt denn?«

»Diesmal sind es Geschäftspartner von deinem Vater, mehr weiß ich nicht. Aber deine Mutter hat gesagt, heute käme es drauf an, da könnte eine Stange Geld drinstecken.« Und dann setzte sie mit einem eindeutigen Blick auf die mitten im Weg liegende Schultasche hinzu: »Die hat hier nichts verloren. Bring sie in dein Zimmer und sieh zu, dass du deine Hausaufgaben machst.«

Genervt, aber doch artig tat Victor, wie ihm geheißen. Manchmal verhielt sich Maria mütterlicher als seine Mutter. Und wenn das so war, dann war es eine kluge Entscheidung, ihren Anordnungen nicht zu widersprechen. Victor nannte sie seine Nanny, das Kindermädchen, auch wenn ihre offizielle Bezeichnung Haushälterin war, was Maria bevorzugte. Denn erstens war das der Beruf, den sie vor über vierzig Jahren gelernt hatte, und zweitens fand sie, dass die Bezeichnung Kindermädchen nicht so ganz zu einer fast sechzigjährigen Frau passte.

Lustlos warf er seine Schulsachen in seinem Zimmer auf den Tisch und legte das frisch erstandene Buch neben sein Kopfkissen auf sein Bett. Am liebsten hätte er sofort einen Blick hineingeworfen, aber Mathe, Bio, Englisch und Deutsch – auch wenn Victor ein wirklich guter Schüler war, würde er bis zum Abend brauchen, bis er mit den Hausaufgaben durch war.

Eine Stunde später schaute seine Mutter bei ihm herein. »Hallo mein Großer«, sagte sie, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und stellte einen Teller mit Broten und ein Glas Saft auf den Schreibtisch.

»Wie war dein Tag?«

»Okay«, sagte er und wischte sich über die durch den Kuss leicht angefeuchtete Stirn.

»Okay«, äffte sie ihn nach. »Geht’s etwas genauer?«

Sie war bereits in Abendgarderobe und ging zu seinem Schrank, um die Sachen für ihn herauszulegen, die er heute Abend anziehen sollte.

»Herr Krassnitz hat gesagt, ihr sollt mal wieder einen Termin machen.«

»Ach ja, das wollen sie alle. Wenn es danach ginge, könnte der Tag achtundvierzig Stunden haben«, sagte sie leichthin und korrigierte sich dann selbst, als sie Victors vorwurfsvollen Blick sah. »Ja, du hast recht. Ich werde mit deinem Vater sprechen und dann gehen wir zusammen zu deinem Klassenlehrer. Hat er gesagt, worum es geht?«

»Weiß nicht«, sagte Victor und zog den Kopf ein.

»Also dasselbe wie immer.« Barbara seufzte einmal und zog sich einen der beiden Hocker heran, die in der Ecke standen. »Er wird uns wieder einmal erzählen, was für ein guter Schüler du doch bist, dass du dich nur leider nicht in das Klassengefüge integrieren kannst, hab ich recht?«

Victor starrte vor sich hin.

»Ist denn nicht ein einziger Junge dabei, mit dem du dich anfreunden könntest?« fügte sie versöhnlicher hinzu.

Wieder blieb Victor stumm.

»Was ist denn mit dem Sohn der Kochs? Mit dem hattest du doch mal gespielt, oder?«

»Der quält seinen Hund«, brach es aus Victor plötzlich hervor.

Barbara musste fast lachen. »Der quält seinen Hund?« wiederholte sie ungläubig. Victor hatte schon einige Vorbehalte gegen andere Kinder hervorgebracht, manche davon waren schon recht eigentümlich gewesen, aber einen derartigen Vorwurf hatte er noch nie geäußert.

»Ist wahr! Wenn der nicht sofort Platz macht, dann wirft er mit Sachen nach ihm.«

»Naja, da sollte wohl mal einer mit seinen Eltern reden.«

Barbara schüttelte den Kopf. Der Junge hatte eigentlich einen ausnehmend guten Eindruck auf sie gemacht. »Mit so einem würde ich auch nichts zu tun haben wollen.«

Victor nahm sich eines der Brote und biss hinein.

»Was war denn das für ein Mädchen, mit dem Maria dich vorhin gesehen hat?«

»Ein Mädchen halt.« Mädchen klang bei ihm so, als ginge es um eine ansteckende Krankheit.

»Maria hat gesagt, ihr hättet euch unterhalten.«

Victor quittierte das mit einem Schulterzucken.

»Vielleicht wäre sie ja jemand, mit dem du dich anfreunden könntest?«

Wieder sagte Victor nichts, kaute lustlos auf seinem Brot herum.

»Gut. Ich werde dich dann mal weiter deine Hausaufgaben machen lassen. Und vergiss nicht, um acht kommen die Gäste.«

Nun schaute Victor wieder auf. »Muss ich wirklich?«

Barbara sah ihren Sohn streng an. »Ja, Schatz, du musst. Es geht hier um das Familienunternehmen, da kann es nicht zu viel verlangt sein, wenn du dich für eine Stunde mit uns an den gedeckten Tisch setzt. Und bitte zieh nachher die Sachen an, die ich dir aufs Bett gelegt habe.«

Stöhnend wandte Victor sich seinen Hausaufgaben zu.

3

Das zweite Mal, da Victor seine neue Nachbarin traf, fand bereits am nächsten Tag nach der Schule statt. Das Mädchen, das noch nie etwas von Harry Potter gehört hatte, spielte alleine und mitten auf der Straße Hüpfekästchen.

Offiziell würdigte er sie keines Blickes und grunzte auch nur ein »Mädchenkram«, als sie ihm fröhlich zurief, ob er nicht mitspielen wolle. Insgeheim aber saß er kurz darauf an seinem Fenster und schaute ihr dabei zu, wie sie einen kleinen Stein in eines von mehreren auf die Straße gezeichneten Zahlenfeldern warf und dann recht gekonnt mal auf einem, mal mit beiden Beinen die durchnummerierten Felder hüpfte, ohne einmal dabei eine Linie zu berühren.

Wäre er ein wenig älter gewesen, hätte er benennen können, was ihm an diesem Anblick so gefiel. Er hätte gesagt, dass es ihre spielerische, natürliche Leichtigkeit war, die ihn faszinierte und die so ganz anders war als das, was er von den Mädchen in seiner Klasse kannte. Die waren entweder genauso unsportlich wie er oder setzten alles daran, besonders elegant oder graziös daherzukommen, was auf ihn dann meistens nur affig wirkte.

Aber da war noch etwas, das Victor auffiel, und dies konnte er benennen. Das Mädchen, das mitten auf der Straße mehrfach Autos ausweichen und deshalb ihr Spiel unterbrechen, ja sich sogar mehrfach einen neuen Stein besorgen musste, weil die Autos ihn überrollt hatten, dieses Mädchen sah genauso einsam aus wie er selbst.

Das war wohl der ausschlaggebende Grund, weshalb er am folgenden Tag nicht wieder naserümpfend an ihr vorbeiging, als er sie wieder nach der Schule alleine auf der Straße spielend antraf. Dieses Mal hatte sie einen Ball dabei und übte Dribbeln. Tatsächlich war sie nicht sehr gut im Dribbeln.

»Hallo«, sagte Victor schüchtern und schaute ihr einen Moment dabei zu.

»Hallo«, erwiderte sie und verlor prompt den Ball, der daraufhin auf Victor zurollte. Er nahm ihn auf, behielt ihn aber in der Hand, statt ihn ihr zurückzugeben.

»Warum spielst du alleine?« fragte er.

Das Mädchen dachte kurz über ihre Antwort nach. »Hier scheinen keine anderen Kinder zu wohnen und du willst ja nicht mit mir spielen, oder?«

Darüber dachte Victor kurz nach. »Stimmt nicht. Die Familie dahinten hat Zwillinge, aber die sind noch Babys. Und ich würde vielleicht schon mit dir spielen, aber nicht so was.«

Das Mädchen strahlte. »Was spielst du denn so?«

Victor zuckte mit den Schultern. »Kommt darauf an.«

»Okay«, sagte sie, nahm ihre auf dem Boden liegende Jacke auf und kam auf ihn zu, »wenn es Spaß macht, dann spiel ich das mit dir.«

Maria, die einmal mehr am Küchenfenster spioniert hatte, stand schon an der Tür, als Victor sie aufschloss.

»Hallo ihr zwei, kommt herein!« Sie ließ sich von den Kindern ihre Jacken und den Ball geben. Und diesmal sorgte sie selbst dafür, dass Victors Schultasche nicht mitten im Weg lag.

»Hallo«, antwortete das Mädchen und reichte Maria höflich die Hand zur Begrüßung. Ja, sie machte sogar einen kleinen Knicks dabei. »Ich heiße Charlotte, aber meine Freunde nennen mich Charlie.«

»Hallo Charlie!« Maria war ganz begeistert von der Höflichkeit dieses Mädchens. Als sie selbst noch ein Kind war, hatte sie auch gelernt, sich Erwachsenen mit einem Knicks vorzustellen, fand es damals aber albern. »Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.« Dann lächelte sie Victor an. »Möchtet ihr beiden vielleicht eine Limo?«

»Gerne!« strahlte Charlie.

»Klar«, sagte Victor knapp und dann zu Charlie: »Komm, wir gehen auf mein Zimmer.«

Dort schaute sich Charlie staunend um. Der Raum war für ein Kinderzimmer wirklich groß und üppig ausgestattet. Neben dem üblichen Bett und einem Schrank gab es einen großen Schreibtisch, auf dem ein großer Monitor für den unter dem Tisch stehenden Computer stand.

Aber nicht genug, Victor hatte auch einen stattlichen Flachbildfernseher mit einem angeschlossenen DVD- und einem Blu-ray-Player sowie einer Spielkonsole. Und von der ganzen Technik abgesehen, platzte der Raum fast vor lauter Spielzeug jeglicher Art und einer Menge Bücher. Und trotzdem gab es noch genügend Freifläche, sodass sie hier fast hätten Fußball spielen können.

»Du hast aber ein großes Zimmer!« platzte es entsprechend aus Charlie heraus. »Und so viele Spielsachen!«

Begeistert lief sie auf das Regal mit den Stofftieren zu und entschied sich bald für einen kleinen Löwen, den sie in den Arm nahm. »Deine Eltern müssen ganz schön reich sein, wenn sie dir so viele Sachen kaufen können.«

»Ach ja«, sagte Victor ein wenig desinteressiert. »Sind halt nur Spielsachen von früher, als ich noch klein war.«

In dem Moment ging die Tür auf und Maria erschien mit einem Tablett.

»Ich dachte, ihr mögt doch bestimmt ein Eis, oder?«

Wieder strahlte Charlie, während Victor etwas zurückhaltender blieb.

»Lasst es euch schmecken«, sagte Maria und ging auch gleich wieder.

»Deine Mutter ist wirklich nett.« Charlie nahm sich einen der beiden Eisbecher und setzte sich auf den Fußboden.

»Sie ist nicht meine Mutter. Meine Mutter arbeitet.«

»Oh. Was arbeitet deine Mutter denn?«

»Sie hat eine Galerie.«

»Das heißt, sie stellt Bilder von irgendwelchen Künstlern aus und verkauft die für sie, oder?«

»Hm. Glaub schon.«

»Malt sie auch selbst?«

»Manchmal.«

»Und verkauft sie ihre Bilder dann auch?«

»Weiß nicht.«

»Hm. Und dein Vater, was arbeitet der?«

»Der hat ne Technikfirma.« Die Fragerei fing an, Victor zu langweilen. »Wollen wir ne DVD gucken?«

»Was machen die denn so in der Technikfirma?«

»Tauchanzüge. Wir können auch Playstation spielen. Ich hab ein ziemlich cooles neues Spiel.« Victor sprang auf und schaltete den Fernseher ein.

»Tauchanzüge? Hm.« Charlie schaute Victor nachdenklich an. Dann lächelte sie wieder. »Was ist denn das für ein Spiel?«

Nach einigem Hin und Her entschieden sie sich für ein Autorennen. Tatsächlich war es für Charlie das erste Mal, dass sie mit einer Playstation spielte, weshalb Victor ihr den Gebrauch erst einmal erklären musste und dann ein leichtes Spiel gegen sie hatte. Wirkte Charlie anfangs noch nicht so ganz begeistert, so entwickelte sie im Laufe der Zeit einigen Ehrgeiz, sodass es schließlich doch noch zu einer spannenden Auseinandersetzung wurde. Allerdings hatte das auch was damit zu tun, dass Charlie sich im wahrsten Sinne des Wortes ins Zeug legte. Wenn ihr Rennauto sich in die Kurve legte, tat sie es ihm gleich und lehnte sich zur Seite. Und wenn sie abbremsen musste, wich auch sie selbst zurück. Bei einer Überholaktion drehte sie sich sogar einmal zu Victor um! Und bei allem verzog sie immer wieder ihr Gesicht, als fürchte sie, ihr könnte mit ihrem Rennauto tatsächlich etwas passieren. Victor fand das alles so komisch, dass er sich immer wieder kaputtlachen musste und dabei ein wenig seine eigene Spielstrategie vernachlässigte.

Zwischendurch steckte Maria noch einmal ihre Nase herein und fragte, ob sie den beiden noch etwas Gutes tun könne, bekam aber kaum eine Antwort, so sehr waren sie vertieft in ihr Spiel. Das wiederum begeisterte die Haushälterin, die diesen Anblick bislang leider viel zu selten zu Gesicht bekommen hatte. So ermahnte sie Victor auch nicht, doch bitte an die Hausaufgaben zu denken, auch wenn die Zeit immer weiter voranschritt und es in ihrem Haushalt üblich war, dass erst die Arbeit erledigt wurde, bevor man sich dem Vergnügen hingeben durfte.

Schließlich war es Charlie, die sich wegen der Hausaufgaben verabschiedete. Nicht aber, ohne sich für den nächsten Tag mit Victor zu einer Revanche zu verabreden.

4

Von nun an trafen Charlie und Victor sich fast täglich. Wann immer er aus der Schule nach Hause kam, wartete sie bereits auf der Straße vor seiner Haustür auf ihn. Sie gingen dann immer zu ihm, bekamen von Maria einen Snack und verschwanden schnurstracks in Victors Zimmer, um dort die Playstation zu malträtieren.

Charlies Ehrgeiz und Begeisterung hatten sie mittlerweile richtig gut werden lassen, sodass die Matches immer heißer umkämpft waren. Trotzdem gab es nie Streit zwischen den beiden. Vielleicht lag es daran, dass im Endeffekt beide gleich oft gewannen. Vielleicht hatte es aber auch einfach etwas damit zu tun, dass Victor in Charlie endlich eine Freundin gefunden hatte, die rücksichtsvoll war, ohne dies von einem Erwachsenen vorher gesagt bekommen zu haben. Überhaupt war Charlie so ganz anders als alle anderen Kinder, die er bislang kennengelernt hatte.

Das fing schon damit an, dass die meisten Kinder in seiner Klasse aus wohlsituierten Verhältnissen kamen. Und selbst wenn ihre Eltern nicht so reich waren wie die von Victor, sah man ihnen den Unterschied kaum an. Die Jungs hatten alle Sneakers oder Rucksäcke namhafter Hersteller und die Mädchen konkurrierten sowieso untereinander mit den schicksten Klamotten und hübschesten Frisuren. Auf dem Schulhof war von Ballett- oder Reitstunden die Rede und die Jungs erzählten sich von dem letzten Besuch im Fußballstadion oder dem neusten Videospiel. Geld jedenfalls schien bei keinem eine große Rolle zu spielen, noch nicht einmal bei denen, die sich von Haus aus eben nicht wirklich alles leisten konnten.

Auch für Charlie spielte Geld keine Rolle, nur dass sie offensichtlich keins besaß. Nicht nur, dass sie sich das Buch bei ihrem ersten Treffen nicht leisten konnte, sie lief auch ständig in denselben Sachen herum. Victor war wahrlich nicht der Typ Junge, der auf so etwas achtete – umso bedeutsamer erschien es ihm selbst, weil es ihm aufgefallen war. Es war, als besäße Charlie genau ein Paar Schuhe, zwei Hosen und zwei T-Shirts, die sie im Wechsel anhatte und die allesamt billig aussahen. Auch ihre Bewunderung für seine vielen Spielsachen, die sie zum Teil noch nicht einmal kannte. Eine andere hätte vielleicht neidisch reagiert, wäre missgünstig gewesen.

Nicht so Charlie. Sie hatte offensichtlich nicht nur noch niemals an einer Playstation gesessen, sie hatte auch noch nie einen DVD- oder Blu-ray-Player bedient und schien beeindruckt von seinem Flachbildfernseher mit den vielen Programmen. Als er sie vorsichtig darauf ansprach, antwortete sie nur leichthin, dass sie zu Hause immer froh wären, wenn sie überhaupt ein Bild zu sehen bekämen. Allzu betrübt war sie deswegen jedenfalls nicht.

Das war auch schon viel von dem, was Charlie über sich erzählte. Fragen zu stellen machte ihr eindeutig mehr Spaß, als Antworten zu geben, und Zuhören konnte sie gleich noch besser. Inzwischen war sie, was den Schindlerschen Haushalt betraf, voll im Bilde. So wusste sie, dass Barbara und Hannes Victors Adoptiveltern waren, sie wusste, wie sehr er seine Teilnahme an den abendlichen Gesellschaften im Haus hasste, und sie hatte mittlerweile auch herausgefunden, warum eine Technikfirma Tauchanzüge herstellte.

Das wären nämlich keine handelsüblichen Tauchanzüge aus Neopren, hatte Victor ihr ein wenig stolz erklärt, sondern ganz spezielle aus einem sehr dünnen Material, das dafür sorgt, dass ihr Träger immer auf Körpertemperatur bliebe, egal wie kalt das Wasser wäre. Wie genau das sein könnte, konnte Victor ihr hingegen nicht erklären. Und wer sich solche Tauchanzüge denn kaufen würde, wusste er auch nicht. Wahrscheinlich irgendwelche Meeresbiologen, die in der Tiefsee forschten.

Das Einzige, worüber sich Victor ausschwieg, war der Grund seiner wöchentlichen Therapiestunde. Zum ersten Mal behandelte eine Gleichaltrige ihn, als sei er völlig normal, und das wollte er sich nicht kaputtmachen, indem er ihr von seinem Anderssein erzählte.

Maria war Charlie ja nun schon vom ersten Moment an sympathisch gewesen. Natürlich war auch ihr aufgefallen, dass dieses Mädchen irgendwie anders war, im gewissen Sinne eigentümlich und fast auch ein wenig seltsam. Aber was hatte das schon zu bedeuten im Vergleich dazu, dass sie in dieses Haus Freude, Spaß und viel Lachen gebracht hatte. Trotzdem wollte Maria mehr über sie erfahren.

Aus Victor hatte sie nicht viel herausbekommen. Entweder weil er nicht mehr wusste oder – und das hielt sie bald für wahrscheinlicher – weil er nicht mehr erzählen wollte. Also hatte Maria heute einen Schokoladenkuchen gebacken und die Kinder aufgefordert, ihn mit ihr zusammen in der Küche zu verputzen. Victor hatte wie üblich nicht sehr begeistert reagiert, Charlie aber zeigte sich höflich und dankbar wie immer.

»Sag mal, Charlie, auf welche Schule gehst du eigentlich?« fragte Maria, als sie gemeinsam den Tisch eindeckten. »Ich sehe dich immer schon auf der Straße, bevor Victor nach Hause kommt.«

»Wir haben nicht so viel Unterricht«, antwortete Charlie und fragte dann: »Wo soll ich die Gabeln hinlegen, rechts oder links vom Teller?«

»Egal«, antwortete Maria. »Victor hat gesagt, dass du bei deinem Vater lebst«, sagte sie dann wie beiläufig, als sie den Kuchen aufschnitt. »Wer passt denn tagsüber auf dich auf, wenn er arbeitet?«

Charlie lächelte charmant: »Das tun Sie doch. Kann ich ein Glas Milch haben, bitte?«

»Natürlich.« Maria war irritiert wegen dieser Antwort. Sie stand auf und holte ein Glas aus dem Schrank. »Ich frage nur, weil es bei euch noch so unbewohnt aussieht. Also, wenn dein Vater Hilfe braucht, dann würde ich jemanden kennen, eine Bekannte von mir, eine sehr nette Frau, die sucht gerade eine neue Anstellung.«

Sie schenkte Charlie die Milch ein. »Ihr Mann ist auch handwerklich sehr begabt, der arbeitet als Zimmermann.«

»Danke, das ist nett, aber wir kommen schon zurecht.«

Maria verteilte den Kuchen. »Was sagt denn deine Mutter dazu? Hätte die es denn nicht gerne ein bisschen gemütlicher?«

Charlie nahm einen Schluck von der Milch und schaute Maria schüchtern an. »Könnten Sie die auch warm machen?«

»Sicher.« Maria nahm das Glas und stellte es in die Mikrowelle. Charlie beobachte das Ganze mit großen Augen.

»Ich meine nur, dass du vielleicht ein bisschen viel Zeit alleine verbringst«, führte Maria ihren Gedankengang fort. »Und dein Vater kennt uns doch gar nicht. Weiß er denn, dass du mit Victor befreundet bist?«

»Ja, natürlich. Ich erzähle ihm jeden Abend, was ich tagsüber gemacht habe.«

Dann zeigte sie auf die Mikrowelle. »Macht das Ding da die Milch wirklich warm?«

»Das ist eine Mikrowelle. Habt ihr so was nicht zu Hause?«

Nun mischte sich auch Victor, der sich bereits seinem Kuchenstück gewidmet hatte, in das Gespräch ein: »Sie haben auch keinen DVD-Player und einen Computer haben sie auch nicht.«

»Victor!« Maria schaute ihn streng an.

»Was? Stimmt doch, oder?«

Die Mikrowelle schaltete sich mit einem Ping aus und heraus nahm Maria die nun angewärmte Milch. Charlie nahm einen Schluck und lächelte. »Ja, stimmt. Wir haben solche Sachen nicht zu Hause. Aber meine Milch macht mir mein Vater trotzdem warm.«

Nun lächelte Maria. Auch sie war aufgewachsen in einem Zuhause, das sich keine technischen Spielereien leisten konnte – mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass zu ihrer Kinderzeit technische Spielereien wie Mikrowellen noch gar nicht erfunden waren – und hatte auch nichts vermisst. Dass es heutzutage aber noch Kinder gab, die inmitten einer technologisierten Welt mit weniger zufrieden waren als dem, was für andere völlig selbstverständlich geworden war, fand sie schon bemerkenswert.

Eine Weile schwelgten sie gemeinsam in einem Traum aus Schokokuchen, als Maria einfiel, dass Charlie ihr noch gar nicht die Frage nach ihrer Mutter beantwortet hatte. »Sind deine Eltern denn geschieden?«

»Nein«, gab Charlie knapp von sich, um dann das Thema gleich wieder zu wechseln.

»Darf ich mal das WC benutzen?«

»Aber sicher doch, Schätzchen. Du weißt ja, wo es ist.«

Kopfschüttelnd schaute sie dem Mädchen hinterher. Dann stand sie auf, um sich ihren Kaffee am Automaten nachzuschenken, während Victor sich bereits sein drittes Stück Kuchen nahm.

»Da ist kein Papier mehr.«

Maria zuckte zusammen. Völlig unbemerkt von ihr war Charlie zurückgekommen und hinter sie getreten. Erschrocken fasste Maria sich ans Herz.

»Mädchen, das darfst du mit einer alten Frau nicht machen! Gott, hast du mich erschreckt! Du bist ja bald wie der Finstere Gast!«

Das fand Victor offensichtlich sehr komisch, jedenfalls fing er an zu lachen, während Charlie diese Anspielung nicht verstehen konnte. »Wer ist der Finstere Gast?«

Victor lachte noch immer. »So nennt sie einen Geschäftspartner von meinem Vater. Manchmal nennt sie ihn auch den Schleicher.«

»Und warum?« fragte Charlie.

»Weil der immer so wie aus dem Nichts auftaucht, um plötzlich wieder zu verschwinden«, erklärte ihr Victor weiter fröhlich und zitierte dabei Maria.

»Hast du ihn schon mal gesehen?«

»Von dem sieht hier keiner viel«, mischte sich nun Maria wieder ein. »Sie verschwinden immer sofort im Arbeitszimmer von Victors Vater und dann dürfen sie nicht gestört werden. Ich muss immer vorher alles bereitstellen. Apropos«, sie fasste sich gedankenverloren an den Kopf, »das darf ich nicht vergessen ...«

»Was?« fragte Charlie neugierig.

»Der Absinth ist fast alle. Ich muss morgen auf jeden Fall eine neue Flasche von diesem fiesen Zeug besorgen.«

»Absinth?«, nun wurde Victor neugierig. »Was ist das?«

»Alkohol, Schätzchen, nichts für deinen zarten Gaumen. Würde dir eh nicht schmecken. Und bekommen schon erst recht nicht.« Und dann verzog sie ihr Gesicht. »War schon gut, dass das Zeug lange Zeit verboten war. Da ist so viel Alkohol drin, das macht die Leute völlig plemplem.« Sie tippte sich an den Kopf.

»Und der Finstere Gast trinkt das?« fragte Charlie.

»Aber Papa doch nicht, oder?« warf Victor besorgt ein.

»Nein, dein Vater nicht. Aber der alte Schleicher schon. Und wenn der morgen kommt, dann muss ne volle Flasche da sein. Das muss ich mir gleich auf die Einkaufsliste setzen ...«

Nachdenklich schaute Charlie ihr dabei zu.

»Was, meinst du, machen der Schleicher und dein Vater in seinem Arbeitszimmer?« Das Thema hatte es Charlie offensichtlich schwer angetan. Seit sie in Victors Zimmer waren, hatte sie nichts davon abhalten können, immer wieder auf den Absinth trinkenden Finsteren Gast zu sprechen zu kommen.

Sie lagen nebeneinander auf Victors Bett, Charlie den Stofftierlöwen umklammernd und noch immer auf ihrer Unterlippe herumkauend, und schauten auf den Fernseher, der Shrek zeigte. Victor hätte lieber etwas anderes gesehen, aber die meisten seiner Filme mochte Charlie nicht. Ihr war sogar Star Wars zu brutal. »Viel zu viele Kriegsszenen!«, hatte sie moniert. Shrek hingegen gefiel ihr, was sie aber nicht davon abhielt, während des Films ständig zu reden.

»Weiß nicht. Wollten wir nicht den Film gucken?«

»Hast du keine Lust, das herauszufinden?«

»Du hast doch gehört, was Maria gesagt hat: Keiner darf sie stören.«

»Aber wir müssen sie doch nicht stören. Wir könnten doch einfach lauschen.«

Nun hatte sie Victors Aufmerksamkeit: »Du willst meinen Vater ausspionieren?«

»Nicht deinen Vater. Den Schleicher.« Ihre Begeisterung für diese finstere Gestalt sprang ihr förmlich aus dem Gesicht.

»Wenn die uns erwischen, das gibt Ärger.«

»Dann dürfen wir uns eben nicht erwischen lassen.« Charlie grinste ihn breit an und zog dabei ihre Augenbrauen hoch. Wenn sie wollte, konnte sie schon wirklich komische Gesichter ziehen.

Victor dachte darüber nach. »Und wie willst du das anstellen? Das Arbeitszimmer hat zwei Türen hintereinander für Schallschutz, da hörst du nichts.«

»Du hast es schon mal probiert?«

»Klar. Ich wollte wissen, ob er drin ist.«

»Hm«, machte Charlie und schaute wieder eine Weile konzentriert auf den Fernseher. »Kann man sich nicht irgendwo im Zimmer verstecken? Da gibt es doch bestimmt einen Schrank, oder?«

Victor schaute sie an, als wäre sie ein bisschen bescheuert, und sprang dann unvermittelt auf.

»Ich glaube, ich hab hier was«, sagte er.

»Was meinst du?« fragte Charlie.

Victor ging zu einem seiner Regale, wühlte ein wenig in den Sachen und kam mit zwei Walkie-Talkies zurück. Triumphierend hielt er sie ihr hin.

»Was ist das?« fragte Charlie.

»Unsere Spionageausrüstung!« Victor reichte ihr eines der beiden kleinen Geräte.

»Voll letztes Jahrhundert, aber ich glaube, das könnte funktionieren.«

Charlie setzte sich auf und betrachtete das Teil, verstand aber immer noch nicht so ganz.

Also erklärte Victor ihr die Funktion: »Du musst es hier anmachen. Und wenn du da drückst, dann kann ich dich hören. Und wenn ich bei mir da drücke, dann kannst du mich hören. Pass auf.«

Er sprach in sein Walkie-Talkie: »Victor an Charlie: Kannst du mich hören?«

Charlie, die ihr Gerät noch gar nicht eingeschaltet hatte, schaute Victor, der vor ihr stand, verständnislos an.

»Klar kann ich dich hören.«

Verächtlich schnaubte Victor einmal und nahm ihr das Gerät aus der Hand, um es ihr eingeschaltet wiederzugeben.

Dann ging er aus dem Zimmer und schloss die Tür. »Victor an Charlie: Kannst du mich jetzt immer noch hören?«

Begeistert starrte Charlie auf das Gerät. »Ja, ich kann dich hören!«

»Victor an Charlie: Du musst auf den Knopf drücken, sonst kann ich dich nicht hören!«

»Oh!« Nun betätigte Charlie den Knopf und die beiden führten eine Weile lang eine sehr sinnreiche Konversation, die zu weiten Teilen aus gegenseitigen Bestätigungen des einander Hörens bestand. Schließlich kam Victor wieder herein.

»Funktioniert doch super!«

»Schon«, sagte Charlie, »aber was ist, wenn dein Vater uns auch hören kann?«

»Kann er nicht. Wir kleben einfach bei einem Gerät den Knopf fest, dann kann es nur senden und nicht empfangen. Und wir drücken niemals auf den Sprechknopf, dann können wir alles hören, was gesagt wird.«

Charlie strahlte ihn an. »Genial!«

Nun strahlte auch Victor. »Nenn mich Null Null Sieben!«

Das allerdings verstand Charlie dann wieder nicht.

5

Der Plan sah wie folgt aus: Am folgenden Nachmittag, einem Freitag, würden sie Maria erzählen, dass Charlies Vater überraschend zu einer Geschäftsreise aufbrechen musste, und sie fragen, ob Charlie deshalb über Nacht bleiben könne. Maria würde ihr das nicht verwehren, ihr im Gegenteil das schönere der beiden Gästezimmer zurechtmachen, da war Victor sicher.

Dann mussten sie es schaffen, irgendwie ungesehen in das Arbeitszimmer von Victors Vater einzudringen und dort das mit einem Klebestreifen manipulierte Walkie-Talkie zu verstecken.

Die Diskussion, wo sie es verstecken sollten, nahm relativ viel Zeit in Anspruch, da ja nur Victor die Örtlichkeiten kannte, sie sich aber vorher entschieden haben sollten, um möglichst schnell aus dem Arbeitszimmer wieder heraus zu sein.

Schließlich einigten sie sich auf den Aktenvernichter, der neben dem Schreibtisch auf dem Boden stand. Der sah aus wie eine kleine Kommode mit einer gefräßigen Öffnung an der Oberseite und einer Tür an der Vorderfront, hinter der man an den Plastiksack herankam, in dem die Papierstreifen aufgefangen wurden. Allzu oft musste dieser Plastiksack nicht ausgewechselt werden und es galt nicht zu befürchten, dass jemand das in den nächsten Tagen tun würde. Abgedeckt durch den Sack mit dem Papiermüll würde das kleine Gerät so auf keinen Fall auffallen und über etwaige Ton- oder Sendeprobleme machten sie sich keine Sorgen. Auch wenn sie das in Anbetracht der Tatsache, dass dieses Möbel aus Metall war, durchaus hätten tun sollen.

Schließlich würden sie sich auf die Lauer legen und warten. Der Finstere Gast kam entsprechend seines Namens immer im Dunklen, also im Laufe des Abends, niemals aber erst in der tiefen Nacht.

Maria hatte tatsächlich nichts dagegen, dass Charlie bei ihnen über Nacht bleiben wollte, und tatsächlich bereitete sie ihr das hübschere der beiden Gästezimmer vor, das direkt gegenüber Victors Zimmer lag.

Auch war es nicht schwierig, in das Arbeitszimmer zu gelangen. Wenngleich der Raum aus Schallschutzgründen gleich zwei Türen besaß, pflegte sein Vater hier nicht abzuschließen. Zwar brachte er manchmal Unterlagen aus seiner Firma mit nach Hause, die einer gewissen Geheimhaltung unterlagen, da sie betriebswirtschaftliche Daten beinhalteten oder sich auf neue Entwicklungsideen bezogen. Er besaß aber einen Safe, in dem sie sicher deponiert werden konnten.

Wenn er also auch sein Büro nicht abschloss, so hatte Hannes Schindler es trotzdem nicht gerne, wenn Victor dieses ungefragt betrat. Und mit absoluter Sicherheit hätte er es überhaupt nicht gutgeheißen, wenn er gewusst hätte, dass sein Sohn hier eine Abhörmöglichkeit installieren wollte.

Vater und Mutter waren noch an ihrer jeweiligen Arbeitsstätte, Maria saugte gerade das große Wohnzimmer, da stahlen sich Charlie und Victor in das Allerheiligste von Hannes Schindler und waren kurz darauf wieder in Victors Zimmer.

Nun hieß es warten. Den Nachmittag verbrachten sie mit einer Runde Schach, einem Spiel, das Charlie beherrschte wie kaum eine andere ihres Alters. Aber auch Victor war ein guter Schachspieler, wenngleich er gewöhnt war, gegen seinen Computer zu spielen, der erheblich schneller zog als Charlie. Die Partie endete Remis, und als sie eine zweite eröffnen wollten, wurden sie bereits zum Abendessen gerufen.

Zuvor war Charlie immer bereits weg gewesen, wenn die Schindlers von der Arbeit nach Hause kamen, sodass dieses Abendessen tatsächlich die erste Gelegenheit für Victors Eltern war, das Mädchen, von dem sie bereits so viel gehört hatten, endlich kennenzulernen.

Victor fand das plötzliche Interesse seiner so geschäftigen Eltern an seiner Freundin reichlich unangenehm. Charlie aber meisterte das Essen auf die für sie so typische Weise: Sie zeigte sich höflich und wich allzu weitgehenden Fragen durch charmante Gegenfragen aus. Wenn diese Strategie Victors Eltern auffiel, dann ließen sie sich das nicht anmerken; vielmehr waren sie beide von der Freundin ihres Sohnes angetan. Hannes zwinkerte Victor sogar einmal über den Tisch zu, als sie gemeinsam über eine Bemerkung von Charlie lachten.

Nachdem sie diesen Teil des Abends also gut hinter sich gebracht hatten, entschieden sie, besser nicht wieder in Victors Zimmer zu gehen. Zu groß war die Gefahr, dort die Ankunft des Schleichers zu verpassen – nicht umsonst war dies der Zweitname des Finsteren Gastes. Also nahmen sie sich einen Ball und gingen damit in den Garten, immer einen Blick auf das Arbeitszimmer des Vaters gerichtet. An der Rückfront der Garage war ein Basketballkorb montiert und auf den warfen sie nun den Ball. Tatsächlich erwiesen sich beide als einigermaßen untalentiert, was Charlie zu der Frage brachte, weshalb Victor überhaupt einen Basketballkorb habe, wenn er doch gar nicht spielen möge.

»Meine Eltern dachten, dass ein Junge einen Korb haben sollte.« Und nach einem weiteren fehlgeschlagenen Wurf fügte er hinzu: »Sie hielten es ja auch für eine tolle Idee, mir Walkie-Talkies zu schenken.«

»Ist es doch auch!« rief Charlie, die sich den Ball holte.

»Ja, das ist nur das erste Mal, dass ich sie mit jemandem benutzen kann.«

Statt den Ball zu werfen, schaute Charlie ihn lächelnd an. »Wenn du magst, können wir noch oft damit spielen.«

Victor lächelte nun auch. »Wirf!«