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Hans Gerhard schreibt über Situationen: Menschen stecken bei Windstille auf einem Binnensee fest. Sie fahren Kometen hinterher oder suchen Gemälde in Archiven. Der Neue hilft dem Ex beim Abbau des Aquariums, ein Vater stellt historische Schlachten mit Figuren nach. Die Geschichten dieses Bandes gehen den Situationen auf den Grund: Gerhard erzählt von der Natur der Menschen, ihrer Unruhe und ihren kleinen Fluchten. Es sind dem Alltag entnommene Szenen, Momente zwischen Freunden, Paaren, Entscheidern, die er mit feinem Pinsel malt und deren Geheimnisse er ihnen zu entlocken weiß. Am Ende zeigen sich seine Stillleben immer in ganz neuem Licht.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Sehnsucht schildert mir dein Bildnis an die Wände / dem zu der Ähnlichkeit nichts als das Leben fehlt.
Johann Christian Günther
Weißt du, wie viel?
Neulich war ihr Ex-Freund bei ihr, um sein Aquarium abzuholen. Ich sage immer noch bei ihr, aber eigentlich wohnen wir zusammen. Eigentlich war er bei uns.
Das Aquarium steht auf einer alten, dunkelbraunen Kommode in dem Zimmer, das früher sein Arbeitszimmer war. Jetzt stellen wir da alles Mögliche rein – Bücher in ein Regal, das er nicht mehr braucht, zwei hüfthohe Topfpflanzen, um die Sela sich kümmert, eine Kiste Lego, für die ihr Patenkind schon zu alt ist, Kabel in einem Schuhkarton, der überläuft, ein winziges Trampolin, Schuhe. So Sachen. Und eben das Aquarium. Ohne Fische, die hatte er bei seinem Auszug mitgenommen. In einer speziellen Fischtransport-Plastiktüte. Sela hatte mir das erzählt. Das Aquarium sei sowieso schon zu klein geworden. Er habe sich immer schon ein neues kaufen wollen. Es seien sicher zwei Dutzend Fische gewesen, so genau könne sie das gar nicht sagen. Es seien auch welche verstorben, immer mal wieder, und manche hätten sich vermehrt. Ich hatte genickt. Ich hatte sie gestreichelt. Ich hatte sie angeguckt und an die Fische gedacht. Ich hatte sie geküsst. Das Aquarium war mir egal gewesen. Es stand eben da rum. Immer noch unter einer Lampe. Immer noch mit einem kleinen Kästchen außen am Rand, verbunden mit dünnen Schläuchen. Vielleicht so groß wie eine Espressomaschine. Ich hatte nie darauf geachtet.
Jetzt klingelte er, Sela drückte auf den Summer. Vorher war sie im Flur hin und hergegangen. Ich saß allein auf einem hohen Hocker in der Küche. Sie hatte schon drei Tassen rausgestellt, bemerkte ich.
Wir tranken Kaffee, den Sela aus einer großen Kanne einschenkte. Sie schob die Würfelzuckerpackung vor ihn hin. Er nickte. Ich hatte etwas Kaffee verschüttet; ein Blatt Küchenpapier steckte unter meiner Tasse. Er hatte einen flachen Koffer dabei. Er trug eine Brille und kurze, dennoch gewellte Haare. Unsere Küche ist eigentlich ganz schön groß, dachte ich. Wir könnten hier auch zu viert sitzen. Zu fünft. Und Kaffee trinken.
»Und wie geht’s dir so?«, fragte er und schien keine Antwort zu erwarten. Ihre Hand lag auf dem Küchentisch, sie tastete nach meiner und drückte sie halbherzig. »Wir werden nicht wild rumknutschen, wenn er da ist«, hatte sie gesagt. Ich solle mir keine Sorgen machen. Sorgen worüber, hatte ich gedacht. »Okay«, sagte er nach einer Weile, »das ist jetzt hier für mich genauso blöd.« Ich grinste. Ich bremste mich. Ich versuchte, keine Emotionen zu zeigen und fragte mich gleichzeitig, welche eigentlich.
»Ich schätze, ich packe dann mal das Aquarium zusammen.« Er griff nach seinem Koffer. »Ist der für das Aquarium?«, murmelte ich. Er nickte. Er erhob sich langsam. Sela schien aufstehen zu wollen, blieb aber sitzen. Er ging allein. Nach einer Minute kam er zurück. »Das ist ja noch voller Wasser«, sagte er. Ich sah zu meiner Freundin hinüber. »Meinst du, ich packe dein Aquarium zusammen?«, fragte sie. Er seufzte. Ich sah auf das Küchenpapier unter meiner Tasse – der Kaffeefleck wird sich immer weiter ausbreiten, bis man ihn irgendwann gar nicht mehr erkennt. Das Blatt muss nur groß genug sein oder genug Saugkraft besitzen.
»Also: Wo ist der Schlauch?«, fragte er. Sie zuckte die Achseln. »Der wird da auch irgendwo sein«, sagte sie. Er drehte sich um und ging. Ich folgte ihm, ohne zu wissen, wieso. Wir sahen uns nicht an.
Tatsächlich war das Aquarium zu etwa fünf Sechsteln gefüllt. Und die Lampe brannte und das kleine Kästchen am oberen Rand summte leise. Das war mir nie aufgefallen. Außerdem standen Päckchen auf der Kommode, die wie Salzpäckchen aussahen, aber auch Tüten. Er seufzte wieder. »Ich dachte, da wären irgendwann Algen und so was drin«, sagte ich schließlich. Wie viele Algen eigentlich, fragte ich mich. Und wie viele Fische passen in so ein Ding rein? Kommt auf die Größe an, klar. Wie man die wohl zählt, dachte ich, wenn es ganz viele sind, aber sehr klein. Die bewegen sich ja ständig. Algen gehen sicher nach Gramm oder Milligramm oder was.
Sie stand plötzlich hinter uns. Sie war wütend. »Hast du aufgefrischt?«, fragte er. »Gefiltert? Die ganze Zeit? Und gereinigt? Die Wände?« Jetzt bemerkte ich einen Schwamm an der linken Seite des Aquariums. Mir fiel auf, dass ich sofort begriff, wie das funktioniert: ein Magnet hält durch die Scheibe hindurch die beiden Hälften zusammen. Wenn man außen schiebt, zieht sich der Innenteil mit. Sela fuhr sich durch die Haare. Nur das kleine Kästchen summte, ansonsten herrschte Stille.
»Aber es sind doch gar keine Fische drin«, sagte ich schließlich. »Das weiß ich«, sagte sie. »Haltet ihr mich für blöde? Aber … ich hab’ keine Lust, dass es hinterher heißt, ich hätte was kaputtgemacht.«
»Aber kann man das Wasser nicht einfach …« –ich verstummte. Er öffnete die obere Schublade der Kommode. Ich widerstand dem Impuls, ihn zurückzuhalten. Ich erkannte einen dunkelgrünen Plastikschlauch, wie ein Waschmaschinenschlauch, aber dünner. Es ist ja wohl eine Wissenschaft, dachte ich. Das ganze Zubehör. Die ganzen Rituale. Es ist winzig, aber trotzdem im Grunde ein Ozean. Noch viel zu entdecken.
Er sah sich im Zimmer um. Er schien etwas zu suchen. Schließlich sah er Sela an. Beide rührten sich nicht. Ich räusperte mich. »Ist der Eimer noch in der Küche?«, fragte er. »Unter der Spüle?« »Wo soll er denn sonst sein?« gab sie zurück. Er seufzte und drückte sich an uns vorbei. Was seufzt er eigentlich immer, dachte ich. Mein Blick fiel auf seinen Koffer, flach, groß, schwarzes Kunstleder. Er lehnte am Heizkörper. Man baut es auseinander, dachte ich. Man macht es leer. Dann baut man es auseinander. Man setzt die Scheiben und den Boden und die Verbundteile in extra geformte Aussparungen im Schaumstoff, der mit dünnem Stoff überzogen ist. Irgendeine Dichtung. Und der Kies oder was das ist? Silikat? Was macht man dann mit dem Silikat? Kommt das einfach weg?
Er kam mit dem Eimer zurück. Er setzte den dünnen Schlauch in eine Pumpe, die er ebenfalls aus der Schublade nahm. Er betätigte einen kleinen Hebel, die Vorrichtung schnarrte und das Wasser rann in den Eimer. Er blickte weiter auf das Aquarium und den allmählich sinkenden Wasserspiegel. Zu langsam sinkend, als dass man es hätte verfolgen können, aber wenn man weiß, dass eine Bewegung abläuft, dann bildet man sich irgendwann ein, man könnte sie sehen, das passiert im Gehirn, automatisch, aber wenn man das wiederum weiß, dass es nur eine Illusion ist, dann hört es sofort auf, weil man dann nämlich nicht mehr daran glaubt, es wirklich sehen zu können.
»Ich dachte eigentlich, du hättest das alles schon mal gemacht«, sagte er. »Das alles hier.« »Du kannst dein Scheißaquarium selber leer machen«, zischte sie. Sie blies sich ein paar dunkelblonde Haare aus dem Gesicht. »Okay, okay«, sagte er. Das Wasser rann weiter, die Pumpe ratterte ganz leise. Wenn man das alles erfassen könnte, dachte ich. Die Liter kann man ausrechnen, das ist Breite mal Höhe mal Länge. Das kann man zumindest alles mal schätzen. Eine Wissenschaft für sich, dachte ich.
»Ich meine, wenn du schon auffrischst die ganze Zeit und reinigst …« – Sie presst gerade die Lippen aufeinander, dachte ich und beobachtete weiter das Wasser, das in den schwarzen Eimer lief. »Spült man die Fische, wenn sie tot sind, eigentlich im Klo runter, geht das eigentlich?«, fragte ich.
Er drehte sich nach mir um. »Sollte man nicht«, antwortete er. »Kleine kann man vorher in Klopapier wickeln.« Sie lachte auf: »Na klar, dafür bist du ja Experte.« Er seufzte wieder. »Wieso?«, fragte ich. »Er promoviert gerade über Klopapier«, sagte sie. »Aha«, sagte ich. »Ich promoviere nicht über Klopapier«, erklärte er. Er sah wieder zu mir. »Aha.« Jetzt sah er von oben herab auf den Eimer, der auf dem Boden stand.
Statistik, dachte ich, genau. Logisch, kein Mensch promoviert über Klopapier. Höchstens, wieviel davon verbraucht wird. Das ist ja messbar. Wenn man erfassen kann, wie viel Toilettenpapier durchschnittlich pro Kopf verbraucht wird und man dann berechnet, wie viel Toilettenpapier in den Handel gelangt, dann kann man eine zuverlässige Bevölkerungsmengenanalyse durchführen. Das ist doch Quatsch, dachte ich. Aber andererseits …
»Wieso, es ging doch dauernd um Klopapier«, rief Sela. »So hast du mir das doch dauernd erklärt.« Was ist denn mit dem Klopapier, das gar nicht verkauft wird, dachte ich. Aber Moment. Das kann man sicher kontrollieren. Erstens wird es irgendwann verwertet. Toilettenpapier wird nicht schlecht. Und wenn es wirklich mal vernichtet wird, dann kann man es abziehen. Wenn man weiß, wie viel tausend Personen verbrauchen, dann weiß man auch, wie viel ein Einzelner verbraucht. Und das kann man schließlich ermitteln.
»Oder ist das nur deine Erklärung für Doofe«, fragte Sela und lachte bitter auf. »Für Leute wie mich? Du erzählst denen, es geht um Klopapier, weil du weißt, dass sie damit was anfangen können? Worum geht es denn sonst?«
Stimmt schon, dachte ich, man weiß nicht, wie viele Menschen überhaupt leben. Nicht mal hier in Deutschland. Und in der dritten Welt erst recht nicht. Ich dachte an Müllberge, irgendwo in Afrika oder in Asien. Rauchschwaden. Schwarz und giftig. Die verbrennen da alte Computer, um an das Kupfer zu kommen und was weiß ich. Und wer ahnt auch nur, wie viele Menschen das sind. Die wimmeln da wie Ameisen durcheinander. Oder wie unzählige kleine Fische. Hunderttausende. Millionen. Abermillionen. Die kann man nicht zählen, dachte ich. Alles Menschen, die es gibt oder auch nicht.
Ich sah auf Sela. Du hast die ganze Zeit das leere Wasser gefiltert, dachte ich. Und du hast nie begriffen, über was dein Freund promoviert. Das Wasser lief weiter in den Eimer, er war schon drei viertel voll. »Das wird zu schwer«, sagte ich. Er stellte die Pumpe ab und hängte das freie Schlauchende in eine violette Klemme, die an dem schwarzen Metallgriff meines alten Laufbandes befestigt war, das vor dem grauen Regal stand. Er bückte sich nach dem Eimer. Ich stellte mir vor, wie ich nach diesem Kerzenständer greifen, ihn erheben und danach unschlüssig herumstehen könnte. Er drückte sich wieder an uns vorbei. Wir hörten, wie er das Wasser im Badezimmer in die Dusche goss. Er kehrte zurück und richtete den Schlauch, dann stellte er die Pumpe wieder an.
»Ich hab jedenfalls oft genug versucht, es dir zu erklären«, sagte er. »Und ja, der Stoff ist auch in Klopapier drin. Aber eben auch in vielen anderen Gegenständen. Keine Ahnung, warum ich Klopapier gesagt habe. Aber sagen darf man bei dir ja anscheinend überhaupt nichts.« Jetzt sah er mich an, gespielt erschöpft. Oder wirklich erschöpft? Ich sah an ihm vorbei auf meine Freundin. Sie holte tief Luft.
»Es ist mir scheißegal, worüber du promovierst«, rief sie. »War es immer schon. Und jetzt bau dein Scheißaquarium ab und verpiss dich.« Ich dachte an die Menschen, die man zählen kann, wenn man die Substanz misst, die überall drin ist. All die Menschen, die es vielleicht gibt oder auch nicht. »Ist in Ordnung«, sagte er.
Ich überlegte, ob er für die toten Fische eine Klopapierrolle neben dem Aquarium hatte, früher, oder ob er jedes Mal erst ins Bad rennen musste, wie für den Eimer in die Küche. Oder ob er es ganz anders gemacht hatte.
Der Wasserspiegel im Aquarium war auf weniger als die Hälfte gesunken. Das ist doch Quatsch, dachte ich. Wie kann man diesen Stoff denn messen? Wer schreibt denn abends genau auf, wie viel Klopapier er heute verbraucht hat? Oder gekauft? Und die Kinder, was ist mit den Kindern? Die spielen doch damit. Oder wie viele Fische er heute im Klo runtergespült hat, weil sie gestorben sind, und was ist mit denen, die von den anderen gefressen werden? Und die Zahlenmengen, dachte ich, die Zahlenmengen sind doch einfach zu groß, so unfassbar groß, das kriegen wir nicht hin. Das kriegen wir nicht hin. Wir werden niemals wissen, wer gerade am Leben ist und wer nicht.
»Und wenn es leer ist, nimmst du es auseinander und dann kommt es da rein? In den Koffer?«, fragte ich. Er seufzte wieder. »Ja genau. Dann kommt es da rein. Habt ihr eine Mülltüte für den Nährboden und die Pflanzen und das ganze Zeug?« Sela drehte sich wortlos um und stapfte in die Küche. Da stehen noch unsere Tassen, dachte ich, halbvoll. Das Wasser hatte aufgehört zu laufen, das Aquarium war endlich leer.
Nachts lagen Sela und ich nebeneinander. Wir berührten uns nicht. Irgendwo im Haus rannte jemand herum. Eine Straßenbahn fuhr vorbei. Und wenn da niemand drin sitzt, dachte ich. Und wenn in dem Aquarium niemals Fische waren, dachte ich. Ich war müde. Das ist überhaupt nicht mein Bett, dachte ich.
Ich schlich mich ins Badezimmer. Ich trug meine Unterhose und ein T-Shirt. Ich schaltete das Licht ein. Ich ging die paar Schritte zur Toilette. Die Klopapierrolle hing neben dem Spülkasten, ein paar Zentimeter entfernt. Ich schloss die Augen ganz fest und wartete auf die Farben vor meinen Lidern. Ich stöhnte ein wenig. Ich hockte mich vor unser Klo, ganz nah an die kalte Keramik. Ich tastete rechts nach dem Klopapier. Ich spürte die Wand, die Fliesen, eine unendliche Fläche. Ich spürte den Deckel über dem Halter, eine Schraube, winzige scharfe Kanten, gekreuzt. Ich spürte Metall. Wenn ich mich nicht sehe, spiegele ich mich dann trotzdem? Ich spürte das Papier, mehrlagig. Zart. Weich.
Ich erfasste den Zellstoff zwischen Daumen und Zeigefinger und Mittelfinger, ich übte immer mehr Druck aus. Dann begann ich zu ziehen und zog. Und zog. Immer weiter zog ich.
Windstille
Wir sind nicht allein auf einer riesigen, spiegelglatten Wasserfläche, um uns herum erstmal nichts als Horizont. Wir sind umgeben von zahlreichen anderen kleinen Boten mit nummerierten Segeln, die an den schlanken Masten kaum merklich zucken und sanft gegen unsichtbare Takelage schlagen. Langsam bemerken wir das Ufer oder glauben es, vieles, was wir sehen, entspricht nicht unserer Wahrnehmung, sondern einer Ergänzung der Optik nach Erinnerung. Wir können aber nur Dinge sehen, die wir schon einmal gesehen oder von denen wir schon einmal gehört haben. Keiner von uns beiden hat ein Fernglas dabei, keiner von uns beiden wäre auf die Idee gekommen, eines zu benötigen.
Wenn alle Stricke reißen, können wir immer noch schieben. Das Boot. Ich habe das schon gemacht, es geht sogar alleine, zumindest ein bisschen. Kraulschlag mit den Beinen für den Vortrieb, und dann die nassen Handflächen an das dunkelbraune Heck gedrückt, und dann tanzt eine Platte, die aussehen soll wie echtes Holz, aber Kunststoff ist, vor deinen Augen, eine halbe Stunde, eine Stunde, während sich das Boot ganz allmählich voranschiebt durch das dunkelgrüne Wasser. Man kommt auch immer wieder an Bord zurück. Es gibt diese zwei kleinen hölzernen Tritte an der Seite mit einer Art Geländer, gebogenes Rohr, und es gibt eine Sicherheitsleine, mit der man sich fesseln kann, falls man zu schwach ist zum Klettern, dann ertrinkt man nicht, sondern erfriert, außer in der Karibik, da verdurstet man. Aber hier waren wir ja nicht alleine. Frauen erfrieren langsamer als Männer, verdursten aber schneller. Unser Boot führt eine kleine Flagge am Heck, aber sie hängt herunter und zeigt keine Farben.
Das Ufer hat sich natürlich verändert. Es sind viel mehr Anlegestellen hinzugekommen, viel mehr quaderförmige Ferienhäuser mit riesigen Fenstern, die von der Decke bis knapp über die Heizung reichen und sich sanft verdunkeln, wenn die Sonne steigt. Sie umstehen das Gewässer in geschwungenen Linien. Im Augustmorgenlicht glänzen die kleinen Siedlungen wie Spülmaschinen, wie viele kleine Einbauküchen auf einer welligen Wiese. Neben den Quadern stehen kleine weiße Würfel für die ganze Technik. Die Gärten fließen japanisch ineinander, kein grauer Findling ist zufällig, er wurde hunderte von Kilometern transportiert. Aus kleinen weißen Schuppen mit gerippten Blechwänden zwischen Rhododendren gleiten weiße Servicefahrzeuge über die Rasenflächen, mit Greifarmen und Behältern für den Grünschnitt an den Seiten. Der Wind geht schüchtern durch das Panorama, das Wolkenbild verändert sich mit der Geschwindigkeit eines Kontinents. Man könnte es anpassen, mit der Hilfe von Silbernitrat aus Segelflugzeugen, doch sie sind heute früh in ihren Hangars verblieben. Von hier ist nichts zu hören, man müsste viel näher ran, aber auch dann verschwömme jedwedes Geräusch in sakraler Stille.
Hier zurück auf dem Wasser ist der Wind viel zu schwach, um die Boote zu bewegen, wir liegen fest. Keine totale Flaute, die Rauchsäulen, die von unseren Zigaretten aufsteigen, neigen sich eine Winzigkeit nach was, Nordosten? Es ist doch immer Nordosten. Aber an unserer Bordwand, an unserem Segel, prallt dieser Hauch einfach ab, als existierte er gar nicht. Die schmalen, hellgrauen Linien, wirbellos, entspannt. Zur Not können wir schieben, aber wir sind unschlüssig. Ich trage ein weißes T-Shirt und eine dunkelgrüne Badehose, die bis zu den Knien reicht. Ich kauere im Heck auf dem weißen Sitzrand mit den hauchfeinen Schmutzlinien, über die niedrige Reling fokussiere ich ein Boot in einiger Entfernung, das von hier betrachtet so wirkt wie unseres, wie unser Schwesterschiff. »Ich muss noch ganz viele Sachen erledigen«, sagt jemand, vielleicht bin ich es, aber niemand antwortet. Nein, er ist es. »Ich muss noch unheimlich viel erledigen, jetzt«, hat er gesagt.
Er leidet unter dem Tourette-Syndrom. Nicht oft, aber manchmal in Stresssituationen bricht es aus. Und dann muss er schreien. Gar nicht mal so laut. Seine Gesichtsmuskeln zucken, er kneift die Augen zusammen und ballt die Fäuste, lässt aber die Arme lang und an den Seiten, er reißt den Kopf weit in den Nacken und schreit. Vielleicht ein paar Sekunden, vielleicht zehn, als litte er starke Schmerzen, hoch und gepresst. Wenn Sie es zum ersten Mal hören, denken Sie, etwas unsäglich Schlimmes wäre geschehen, aber wenn man sich, wie wir, daran gewöhnt hat, dann ist es natürlich überhaupt nichts Weltbewegendes. Wenn der Schrei dann leiser wird und in schweres Ächzen übergeht und leiser wird, dann blinzelt er, schüttelt sich einmal kurz durch und es geht ganz normal weiter. Er kann sich auch nicht daran erinnern, dass er gerade einen Anfall hatte und geschrien hat, er sagt, er hört sich selber erst wieder, wenn er ächzt, dann schämt er sich. Er weiß natürlich, was gerade geschehen ist, und auch, dass es nicht seine Schuld ist, aber unter Fremden muss er sich erklären: »Entschuldigen Sie, aber ich leide am Tourette-Syndrom und es kann passieren – wenn mal alles zusammenkommt – dass ich anfange zu schreien wie am Spieß, aber das ist selten und hat auch nichts zu bedeuten. Sie hatten gehofft, dass es sich auswachsen würde, aber was will man machen. Ich nehme Medikamente, und es ist unter Kontrolle, Sie werden es wahrscheinlich auch gar nicht erleben, das letzte Mal war vor ein paar Monaten, aber sagen muss ich es Ihnen natürlich trotzdem.« Einen Job hat er trotzdem gekriegt, er ist Jurist bei der Kirche.
Von den weißen Booten blicken die Menschen herüber, ich kann erkennen, dass sie die Hände um ihre Münder legen, jetzt rufen sie, sie erkundigen sich, ob wohl auch alles in Ordnung sei, immerhin hat gerade jemand geschrien wie am Spieß oder in Todesangst oder in tiefster Verzweiflung. Wir winken. Wir entgegnen, dass wir keinerlei Probleme hätten. Haben wir ja auch nicht. Dass bei meinem Begleiter im Boot etwas vorgefallen ist, tut hier auf dem spiegelglatten, grünblauen Wasser nichts zur Sache, unter diesen winzigen leuchtenden Wolken. Wir bemerken, dass sie uns nicht glauben. Dass sie erwägen, sich uns zu nähern. Dass sie in den Himmel blicken, als ließe sich abschätzen, wann der Wind aufkommen und Fahrt auf dem flachen See ermöglichen wird. Derzeit, wenn sie zu uns herüber wollten, müssten sie schwimmen oder ihr Boot zu uns herüberschieben. Gut, das würde funktionieren. Wir können nicht entkommen, es herrscht Windstille. Aber vielleicht ist ja auch wirklich nichts Besonderes auf unserem Boot. »Alles klar!«, brülle ich.
Der Mann von dem anderen Boot hebt die Arme und schüttelt den Kopf. Er glaubt mir nicht oder hat mich nicht verstanden. Nur den Schrei hat er gehört, der ihm durch Mark und Bein gefahren sein muss, und dass der, der ihn ausgestoßen hat, neben mir steht und winkt und gesund auszusehen versucht, nützt nichts, denn vielleicht ist noch ein dritter Mann im Boot, und den haben wir um die Ecke gebracht und in der winzigen Kajüte verstaut, kann ja alles sein. Der Mann fährt sich durch die Haare. Sicher beobachten uns auch andere Segler und ihre Frauen und ihre Kinder und ihre Freunde und alle sind ganz genauso unschlüssig. Aber die Windstille lässt keine weiteren Ermittlungen zu.
Er brauche Ruhe, er müsse auf den See, auf das Boot. Ich müsse dabei sein, für den Notfall. Er habe nun einmal Anfälle. Ich wisse, was dann zu tun sei. Ich sei in der Lage, beruhigend auf ihn einzuwirken. Ich könne ihm die Hände auf die Schultern legen, ein sanftes Geräusch erzeugen, so etwas sagen wie: »Atmen, atmen, atmen.« Dreimal, wenn man Dinge dreimal sage, dann hätten sie einen entspannenden Effekt. Dein Vater ist gestorben. Dein Vater ist gestorben. Dein Vater ist gestorben, habe ich sofort gedacht. Ich fühlte mich beruhigt, als hätte sich etwas geklärt und als hätte ich es erst jetzt verstanden.
Er habe, nachdem er die Nachricht erhalten habe, das Mobiltelefon vom Ohr genommen, betrachtet und unschlüssig eine Weile in der Hand gehalten, bis der Bildschirm schwarz geworden war, um weniger Energie zu verbrauchen. Hinterher habe er bemerkt, dass er während des Gesprächs einen Hemdknopf geöffnet hatte. Geschrien habe er nicht, den ganzen Tag nicht, aber doch wohl eben gerade? Ich bejahe. Ich starre auf den Boden und weiß, dass wir immer noch von den Booten ringsum gemustert werden. Vielleicht versucht doch irgendjemand irgendetwas zu unternehmen.
Wir könnten hinschwimmen – ich könnte hinschwimmen. T-Shirt aus, damit sie sehen, dass keine Panik herrscht, dass alles in Ordnung ist, und dann kurz rüber, herüberrufen, dass es uns gut geht. Dass sie niemanden alarmieren müssen. »Außer«, sagt er leise und schluckte, »dass überhaupt nichts in Ordnung ist.«
Vom Land ahnen wir das Summen der Gartenroboter. Mit GPS Signal erkennen sie, wann sie Gefahr laufen, das Grundstück zu verlassen. Man kann innehalten und beobachten, wie sie es niemals tun. Wie sie rangieren. Minutenlang, vor und zurück, vor und zurück, scheinbar ohne Richtungsänderung, aber beim zwanzigsten Mal ist zu sehen, dass sie bei jedem Weg zwei, drei Grad abgewichen sind und plötzlich wieder genau in der Flucht sind, genau da, wo sie hingehören. Vor und zurück gleiten ihre weißen, glänzenden Körper über den Rasen, geräuschlos vor und zurück. Sie sind drahtlos mit dem Stromnetz verbunden und ihre Lebenszeit beträgt wahrscheinlich über hundert Jahre, aber auch das ist egal. Wir können sie betrachten, um ihrem ewigen Tanz zuzuschauen und die meditative Kraft, die davon ausgeht, in uns aufzunehmen, bis wir merken, dass es uns überhaupt nicht beruhigt hat.
