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Auch mit dem 3. Band der Bernsteinsaga ist Rose Marie Gasser Rist ein Wurf gelungen. Ihr neuer Roman ist wort- und bildgewaltig, dabei gänzlich ohne Pathos und Kitsch. Die Autorin erzählt die Lebensgeschichte einer besonderen Frau der Boomer-Generation. Meilin ist ein eigenwilliger Charakter und bleibt dabei sympathisch – egal, welche Fehlentscheidungen sie auch trifft. Meilins unschuldiger Forschergeist führt sie rund um den Globus, zu den Tiefen ihrer Sexualität und in mystische Parallelwelten. Zum Inhalt: Meilin kommt 1961 in Brisbane zur Welt und entflieht im Alter von 19 Jahren dem engen Elternhaus. Sie reist mit dem französischen Backpacker Gérard nach Europa. Ihre Odyssee führt nach Marokko über Ägypten zurück nach Frankreich, wo sie in einer Kommune für kurze Zeit Heimat findet und ungewollt schwanger wird. Der Tochter Amber zuliebe folgt sie dem Kindsvater Walter nach Zürich und merkt, dass das "Mutterding" so gar nicht ihres ist. Zerrissen zwischen dem Bedürfnis nach Freiheit und der Liebe zur Tochter, zwischen Kontinenten, zwischen Diesseits und Jenseits mäandert sie viele Jahre durch ihr Leben. Der Wendepunkt ist eine Reise ins australische Outback, wo sie dem fremdesten Menschen ihres Lebens begegnet: sich selbst. Ein Roman für Erwachsene. "Meilin führt uns einfühlsam und ungeschminkt in die gehüteten Bereiche des weiblichen Werdens. Brillant erzählt beleuchtet dieser Band der Bernstein Saga jenseits von Konventionen Frauen und Männern den Weg in ein neues Miteinander." (Annette Blandinières, Künstlerin und Verlegerin Annem éditions) Band I der Bernsteinsaga: TRUDE Band II der Bernsteinsaga: AMBER Band III der Bernsteinsaga: MEILIN 3 Frauen – 3 Generationen – und ein Stein, der alle verbindet!
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Seitenzahl: 772
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
1. Auflage 2022
Originalausgabe
Copyright © 2022 Sheema Medien Verlag,
Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D – 83093 Antwort
Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, E-Mail: [email protected]
https://www.sheema-verlag.de
Copyright © 2022 Rose Marie Gasser Rist
Hardcover: ISBN 978-3-948177-19-5
E-Book: ISBN 978-3-948177-92-8
Coverabbildung: © 2022 Lilia Christina Martiny
Buchrückseite: © JulietPhotography – Fotolia.com
Foto der Autorin: © 2020 Constanze Wild
Lektorat: Sabine E. Rasch | Korrektorat: Alexandra von Mentorium
Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital,
Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder
Alle Rechte vorbehalten. Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechts geschützt. Jegliche von Autorin und Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische und digitalisierte Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien, Internet, sowie auszugsweisen Nachdruck und Übersetzungen. Anfragen für Genehmigungen im obigen Sinn sind zu richten an den Sheema Verlag unter Angabe des gewünschten Materials, des vorgeschlagenen Mediums, gegebenenfalls der Anzahl der Kopien und des Zweckes, für den das Material gewünscht wird.
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Ich liebe dich gesund.
FLANELLPYJAMA 1969 – 1980
1969 Sei still, dein Bruder denkt
1974 Sturm zieht auf
1976 Black Palm
1976 Surfers Paradies
1977 Anzac Cookies
1979 – 1980 Rasberry Lassie
SLIP UND TRÄGERHEMD 1980 – 1984
1980 Faites l’amour
1980 Die goldene Madonna
1981 Cap Hadid
1981 Reiner Schoß
1981 Pharaonen
1981 – 1984 Vom Regen in die Traufe
WOLLSOCKEN 1985 – 1987
1985 Stoffwechsel
1985 Der Schweizer
1986 Bernstein
1987 Hin und zurück
BARFUß 1998 – 2002
1998 Der Fluch in der Frauenlinie
1998 Ab in die Wüste
1998 Zeitreisen I – Meriannes Flüge
1998 – 2002 Transit
SEIDENHEMD 2002 – 2019
2002 Flugstunden
2003 Versöhnung
2011 Jetstream
2011 Zeitreisen II – Die Festung
2011 Zeitreisen III – Der Schneider
2015 Mutterweise
2017 Siebengestirn
2017 Stoffbündel
2018 Magic Manifestation
2019 Familienschätze
2019 Auf der Reeperbahn
NACKT 2020 – 2023
2020 Das Jahr der Krönung
2023 Das rote Seidenkleid
Dank
Vita
Es musste an einem Sonntag gewesen sein, weil sie am Morgen in der Kirche waren. Meilin balancierte barfuß auf einer Ritze zwischen zwei Parkettplanken und spreizte die Arme wie eine Hochseilakrobatin. Regen klatschte an die Fensterscheiben. Den dunklen Faltenrock hatte sie vor dem Mittagessen gegen ihr orangefarbenes Plüschkleid ausgetauscht, das nirgends zwickte und sie nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einengte. Meilin summte vor sich hin.
„Sei still, dein Bruder denkt!“
Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen und wäre beinahe umgefallen, als Vaters scharfe Stimme den Satz wiederholte. Meilin hielt inne und drehte den Kopf zum Bruder. Peter trug noch die feinen Kleider. Manierlich saß er in seinen dunkelblauen Shorts, die von Hosenträgern, die sich über das gebügelte weiße Hemd spannten, gehalten wurden, auf dem Sofa. Er stützte ein Kinderbuch aus festem Karton auf seinen Oberschenkeln ab, die Unterschenkel baumelten in marineblauen Kniestrümpfen über die Sofakante. Peters Augen blickten ins Leere.
„Geh auf dein Zimmer, dein Hampeln nervt!“ Vater hatte nicht einmal von der Zeitung aufgesehen. Meilin suchte den Blick ihrer Mutter, die am Esstisch in einer Illustrierten Kreuzworträtsel löste. Ein Zwinkern, sie zum Bleiben zu bewegen oder ein einlenkendes Wort folgten nicht. Mutter Annie stierte unverwandt auf ihr Heft. Geknickt schlich sich Meilin aus dem Wohnzimmer, tappte langsam die Treppe hinauf in ihr Zimmer und setzte sich auf die Bettkante.
Sie seufzte und ließ ihren Blick über die blassgelbe Tapete, über das Regal mit den Büchern und den Puppen und über den Schrank, in dem ihre Flanellpyjamas nach Farben sortiert lagen, schweifen. Sie konnte sich gut alleine beschäftigen. Mit Peter war nie etwas anzufangen, und mit anderen Kindern durfte sie selten spielen. Es wurde ihr nicht langweilig, ihre Puppe umzubetten, sie zu wiegen, zu liebkosen und mit Kleidchen oder bunten Stoffresten, die sie hortete, einzukleiden. Spannende Muster fanden sich überall. Wenn sie die Augen zusammenkniff, sah Meilin Gesichter auf Tapeten und Fliesen. Von Farben konnte sie nie satt werden.
Meilin wünschte sich nichts mehr als einen Wasserfarbkasten, wie sie ihn in der Schule benutzten. Wasserfarben flossen weich über das Papier und vermischten sich zu überraschenden Figuren. Ihre Eltern erfüllten ihr den Wunsch nicht. Wasser und Farben könnten auf Teppich und Möbeln Spuren hinterlassen. So begnügte sich Meilin mit ihren Stiften. Es kam fast an die Schulfarbe heran, wenn sie das Blatt mit Spucke benetzte und mit den bunten Minen über die feuchte Spur fuhr. Die Farben verflossen nicht so sehr wie mit Wasser, aber sie glänzten schön, bis das Blatt getrocknet war.
Heute lockten Meilin die Farbstifte nicht. Sie fühlte sich nicht bunt und auch nicht heiter. Schwarz war es in ihr. Ein finsteres Etwas, das ihr Angst einflößte. Kurz überlegte sie sich, es zu malen, aber sie wollte um keinen Preis einen Schritt darauf zu machen, um nicht verschluckt zu werden. So beobachtete Meilin das Loch in ihrem Bauch wie einen Fremdkörper. Sie fragte sich, wie es wäre, wenn das Loch von innen ihre bunten Farben, ihre Worte, die Freude am Malen und die Lieder einfach verschlucken würde. Wo sie dann wäre. Von ihr bliebe nur noch eine Hülle zurück, die ihre Eltern vom Bett klauben, in einen Sarg stecken und zum Friedhof tragen würden, weil es ihre Pflicht als Eltern war. Meilin war überzeugt, dass weder Mama oder Papa noch Peter eine Träne vergießen würden. Peter würde sich freuen, das größere Zimmer zu bekommen. Nur ihre Großmutter, Granny Trudy, würde traurig sein und vielleicht eine Blume zu der Holzkiste in der Grube werfen. Niemand sonst würde kommen. Diese Vorstellung war trostloser als das Schwarz selbst. Deshalb vermied sie es um jeden Preis, dem Loch weiter Aufmerksamkeit zu schenken.
Meilin zwang sich, an etwas anderes zu denken. Sie reckte sich nach rechts zum Nachttisch und bekam den Rahmen mit dem Foto zu fassen. Meilin betrachtete das Bild, lächelte zögerlich und drückte Trudy an die Brust.
Dann horchte sie auf. Sie hörte Mutters Absätze auf den Flurfliesen, nach einer Weile die Toilettenspülung und kurz darauf wieder das bekannte Trippeln. Das Mädchen hielt den Atem an, hoffte, die dritte Treppenstufe knarzen zu hören und sank in sich zusammen, als die Wohnzimmertür ins Schloss fiel und danach wieder dieselbe gespenstische Ruhe einkehrte.
Immer wenn Papa und Mama Grannys sechzigsten Geburtstag im Oktober verhandelten, hatte Papa diesen Ton in der Stimme, als würde er einem Hund einen Befehl erteilen. Mama antwortete verzögert, mit einer Stimme, die so schlaff in der Luft hing wie das ausgeleierte Gummiband an Meilins Kniestrümpfen, die ständig zu den Knöcheln zurückrutschten. Die Stimmen ihrer Eltern strengten Meilin an. Das Mädchen mochte nicht, wenn die beiden über ihre Großmutter redeten. Es passte nicht zu Trudy, dass Vater mit der Stimme Zaunpflöcke einschlug und Mutter lauwarme Luft hauchte. Bei Trudy müssten die Erwachsenen sprudeln wie ein kleiner Bach.
Wenn Trudy zu Besuch war, beharrte Meilin darauf, dass Granny sich zu ihr ins Bett legte und beim Gutenachtgeschichte erzählen den Kopf dicht an ihren legte. Dass diese Glückseligkeit, sobald Trudy zu Besuch kam, erneuerbar war, hielt Meilin am Leben. Ihre Granny war gleichzeitig das Versprechen und das gehaltene Wort. Das Mädchen hatte keine exakte Vorstellung von der Distanz zwischen Brisbane und Darwin. Trudy sagte immer, dass sie wiederkommen würde, und sie kam jedes Mal wieder. Wie Weihnachten und der Geburtstag. Nicht häufig. Aber sie kam. Manchmal waren die Zeiträume zwischen ihren Besuchen unerträglich lang, und es gelang Meilin nicht immer, sich von diesem Druck in der Brust abzulenken.
Einmal hatten Mama, Peter und sie mehrere Wochen bei Trudy in Darwin gewohnt. In dem alten Haus hatte Mutter Annie mit ihren Brüdern Serge und Philippe als Kind gelebt. Großvater Valentin und Onkel Juri waren von japanischen Bomben getötet worden. Trudy hatte ihre Kinder alleine großgezogen und im Familienhaus gewohnt, bis der Halunke gekommen war und ihr wehgetan hatte. Der böse Mann wurde zum Glück von der Polizei geschnappt, doch Granny mochte danach nicht mehr alleine sein. Bis das Haus verkauft worden war und Trudy in die hübsche Stadtwohnung übersiedeln konnte, durfte Meilin jede Nacht bei Granny im Bett schlafen. Und immer, wenn Trudy aufschreckte, weil sie von diesem Mann geträumt hatte, streckte Meilin ihre kleine Hand zu Trudys aus, und sie antwortete stets auf das sanfte Stupsen. Ihre Finger waren knochig und schon etwas steif, müde vom Leben, pflegte Trudy zu sagen, doch von einer erstaunlich warmen und zarten Haut umschlossen. Das war für Meilin der Inbegriff von Glück: mit Grannys Hand auf ihrer wieder einzuschlafen und zu wissen, dass sie, einzig durch ihr Dasein, Trudys böse Träume verscheuchen konnte.
Mit Trudy war es ihr wohlig. Ein warmes Mango-Orange mit Sonne, das war Trudy.
Dann hatte ein überraschendes, flammendes Rot Meilin für kurze Zeit begleitet. Es war in einem Traum gekommen, der sie so beglückt hatte wie Trudys Mango-Orange. Sie hatte eine Frau und einen Mann, die auf einer Klippe saßen und eigenartig leuchteten, gesehen. An die Gesichter der Menschen vermochte sich das Mädchen beim Aufwachen nicht mehr zu erinnern. Aber an die Schönheit des Kleides und an das Rot, das so mächtig war, dass das gefürchtete Schwarz darin verglühte. Es drängte sie, das saftige leuchtende Rot, das saftige Türkis, die grauen Klippen und die grüne satte Wiese, dieses „Mächtiger-als-Schwarz“, festzuhalten. Doch mit ihren kindlichen Kritzeleien und der kargen Farbauswahl wollte es nicht gelingen, den Traum wiederzugeben, obwohl sie unzählige Versuche unternahm. Es enttäuschte sie, sie wurde gar wütend über sich selbst, weil die Zeichnungen nicht im Ansatz an die Schönheit und Strahlkraft des Kleides herankamen und nicht das einzigartige Wohlgefühl wiedergaben, das sie im Traum beim Betrachten des Kleides verspürt hatte. Eines Abends zerfetzte sie alle Entwürfe, warf sie in den Papierkorb, und schließlich verblasste die Erinnerung von Monat zu Monat und war irgendwann vergessen.
Sie wandte sich dann wieder den Farben zu, die sie kannte und die sich ihr täglich zeigten. Vater Malcolm und die Kirche hatten ein und dieselbe kalte und beunruhigende Farbe. Aber es war kein Schwarz. Für Meilin war Schwarz klar. Schwarz war radikal. Schwarz war geduldig. Schwarz wartete auf Meilin, bis sie bereit dafür war. Es war eine Entscheidung, sich darauf einzulassen oder nicht. Meilin hatte sich noch nie ganz ins Schwarz hineingetraut. Denn sie ahnte, nein, sie wusste, sie würde verändert herauskommen, wenn überhaupt. In Schwarz würde Meilin die Kontrolle verlieren.
Papa war ein fieses Dunkel. Ein Nichtschwarz. Manchmal blinzelte bei Papa ein kleines Wohlwollen durch. So selten und überraschend, dass Meilin aufschrak und sich kurz zu hoffen erlaubte, dass sie Vater etwas bedeutete. Doch seine Freundlichkeit verglühte immer wieder so schnell wie ein Funke, sodass Meilin sich wohl hatte irren müssen.
Sie schickte sich drein, dass ihr Leben in einem dunklen, feuchten, kalten Wald stattfand. Dem Finsterwaldgrün ihres Vaters. Malcolm eilte in dem düsteren Forst voraus, gefolgt von seinem Thronfolger Peter. Sie gaben Weg und Tempo vor. Annie war bemüht, selber Schritt halten zu können, und vergaß derweilen, dass Meilin als Nachhut hinterherhechelte. Malcolm wähnte sich in der Sicherheit, dass seine Frauen im Wald nicht allein zurechtkommen würden. Das verlieh ihm Macht und Größenwahn. Finsterwaldgrün war auch das riesige Kirchengebäude. Klamm in den hölzernen Bankreihen verharrend und angestrengt den Worten des Priesters folgend, richteten sich an Meilins Unterarmen und Unterschenkeln die blonden Härchen auf. Wie sie auch gekleidet war, in der Kirche fror sie immer.
Mutters Ausstrahlung war nicht finstergrün wie Malcolms, aber auch nicht so einladend wie Trudys. Annie schmückte sich zwar mit schönen Kleidern und schminkte sich, doch vermochte dies ihre Farblosigkeit, die der puderfarbenen Unterwäsche in der Kommode glich, nicht zu überspielen. Meilin hätte zu gerne Annies richtige Farbe herausgekitzelt. Doch traute sie sich nicht, weil sie Mama nicht lästig sein mochte. So fügte sie sich der Tatsache, dass Malcolm und Peter so viel Raum einnahmen, dass in Mutters Universum wenig Platz war.
Es gab seltene, kostbare Augenblicke, in denen Meilin ungeteilte Zeit mit Mutter verbrachte. In einem dieser Momente sie waren im Begriff, das Haus für den Einkauf zu verlassen schickte sie der vorausgehenden Annie auf der Türschwelle die eine Frage nach, die Meilin seit Wochen mit sich herumschleppte, seit sie auf dem Schulhof wegen ihres Namens aufgezogen wurde.
„Mum, warum heiße ich eigentlich Meilin?“
Annie drehte sich um und ging vor ihrer Tochter in die Hocke, was einen Ausschnitt des Kleides unter dem sandfarbenen Trenchcoat entblößte. Im ersten Augenblick wich Meilin, von dem freigelegten Signalrot des Rockes überrascht, zurück. Doch auch aus beschämter Angst, etwas Falsches gesagt zu haben. Als sie jedoch das Strahlen im Gesicht der Mutter, dicht vor ihr, im Kranz der üppigen Wimperntusche, sah, entspannte sie sich. „Wie schön Mama ist, wenn sie lächelt“, dachte Meilin, als Annie die leere Einkaufstasche auf den Dielen der Veranda abstellte, Meilin an die Hand nahm, mit ihr ins Haus zurückkehrte und die Stufen in den oberen Stock hinaufeilte. „Komm, ich zeige dir etwas. Aber es muss unter uns bleiben“, brachte Annie außer Atem hervor.
Annie zauberte aus einer Schublade einen Bilderrahmen hervor und hielt ihn Meilin hin. Zögernd griff das Mädchen danach und betrachtete das Bild. Ihr fiel als Erstes ein schwarzes Gekritzel auf, das sich über das Dekolleté der Frau spannte und Meilin dort fehl am Platz dünkte. Dann sah sie die blonden Locken, ein apartes Gesicht mit geschwungenen Lippen, markanten Augenbrauen und einem schwarzen Mal auf der linken Wange.
„Wer ist das?“, fragte Meilin und flog mit ihren Augen blitzschnell zwischen ihrer Mutter und dem Foto hin und her. Meilin begriff den Zusammenhang zwischen dem Leuchten auf Mutters Gesicht und dem Bild von der ihr unbekannten Frau nicht. „Marilyn Monroe. Eine berühmte Schauspielerin. Für mich ist sie die schönste Frau der Welt. Ihre Ausstrahlung ist überirdisch. Als du mit deinem blonden Flaum gesund in meinen Armen lagst, war ich trunken vor Glück. Du kamst mir vor wie nicht von dieser Welt. So besonders. Ein Wunder, eine kleine Schönheit. Der Arzt hatte uns vorausgesagt, dass du schwer krank zur Welt kommen würdest. Aber du warst vollkommen. Gesund. Und bildhübsch. Ich hätte dich zu gerne Marilyn getauft.“
Ohne zu überlegen, ob Marilyn überhaupt die bessere Alternative gewesen wäre, schoss es aus Meilin heraus: „Ja, und warum heiße ich nicht Marilyn?“
„Papa verachtet Schauspieler und Stars. Sie hätten einen schlechten Einfluss auf uns Menschen, meint er. Ich habe nicht gewagt, den Vorschlag zu machen, und deswegen verstecke ich die Autogrammkarten von Marilyn und Elvis Presley und hüte sie wie Schätze. Vor deiner Geburt hatte ich den Artikel einer niederländischen Ärztin gelesen. Sie heißt Meilin Mulder. Meilin hat Papa abgesegnet.“
Während Meilin über die überraschende Enthüllung nachdachte und das Bild der Ikone gebannt betrachtete, sah sie nicht, wie sich Annies Gesicht verfinsterte. Annie erinnerte sich an die Schatten, die Meilins Ankunft begleitet hatten. Ihre Tochter brauchte nicht zu wissen, dass Malcolm nichts mit dem Kind zu tun haben wollte, es nach der Geburt nicht einmal auf den Arm genommen hatte. Ihm war der Name schlicht egal gewesen. Doch mit Marilyn hatte Annie ihren Mann nicht reizen wollen. Annie hatte während der Schwangerschaft das vom Arzt verordnete Contergan gegen Schlaflosigkeit eingenommen. Wochen später flog in einem weltweiten Skandal auf, dass das Medikament schwere Schäden beim Säugling verursachen konnte. Malcolm hatte Annie noch in der 31. Woche zwingen wollen, das Baby abtreiben zu lassen oder das behinderte Kind nach der Geburt in ein Heim zu bringen. Er war so angewidert von der Vorstellung gewesen, dass eine Missgeburt sein beschauliches Leben durcheinander und sein Ansehen schwächen könnte, dass er sich von seinem ungeborenen Kind abgewandt hatte. Obwohl Meilin kerngesund zur Welt gekommen war, war Malcolm nicht von seiner Verbohrtheit abgekommen.
„Mama, Marilyn wäre schön gewesen. Doch Meilin ist auch in Ordnung“, sagte das Mädchen in einem unbekümmerten Tonfall und holte ihre Mutter aus ihren Gedanken. Meilin schob nach: „Sei unbesorgt, ich verrate Papa und Peter nichts!“
Zu kostbar war es, ein Geheimnis mit ihr zu teilen, dachte sie und strahlte Annie an, die jetzt wieder ein Lächeln zustande brachte. Annie nahm Meilin das Bild ab, legte es zurück und strich mit der rechten Hand über Meilins blonden Scheitel.
Die geheimnisvolle Schublade hatte Meilin nicht mehr losgelassen. Selten kam es vor, dass Mutter außer Haus zu tun hatte, Vater bei der Arbeit war und sie nicht auf den lästigen Bruder aufpassen musste. Als es nach Wochen endlich soweit war und sie ihrer Mutter versichert hatte, dass sie allein zurechtkäme, verriegelte sie die Haustür von innen und stolperte schnell die Treppen hinauf ins Obergeschoss. In der besagten Schublade bahnte sie sich einen Weg durch Mutters Unterwäsche bis zum babyblauen Wachspapier, fand aber die Bilderrahmen nicht auf Anhieb. Dann entdeckte sie, dass sich in einer Ecke ein Zipfel des Schutzpapieres in der Schublade von der Reißzwecke befreit hatte und abstand. Mit ihren kleinen Fingern suchte sie vorsichtig unter den ordentlichen Wäschestapeln nach der abtrünnigen Reißzwecke. Sie wollte das Papier an den Platz zurückheften. Doch statt der Reißzwecke ertasteten ihre Fingerkuppen Unebenheiten. Sie hob mit aller Achtsamkeit das lose Papier in der Ecke an und erspähte darunter das Titelbild einer Illustrierten. Als sie Schritte und Schlüsselklimpern an der Eingangstür hörte, strich sie das Papier schnell glatt, schob einen Stapel Schlüpfer zurück, stieß die breite Schublade unter Einsatz ihres ganzen Körpers wieder zu und hastete schnell in ihr Zimmer.
Bis zur nächsten Gelegenheit verstrichen Wochen. Als sie Mutter für ein paar Stunden außer Haus wusste, begab sie sich erneut auf Schatzsuche und fand unter dem Papier tatsächlich Unerwartetes neben den Unterschriften von Mutters Idolen. Etwa zwanzig Illustrierte lagen flach ausgestrichen unter dem Papier verborgen, unzählige Zeitungsschnipsel von Prominenten. Das Seltsamste war jedoch ein elfenbeinfarbener Stab aus Kunststoff, dessen Zweck und vor allem Geheimnis – weswegen sonst sollte er verborgen sein? – ihr Rätsel aufgaben. Sie drehte und wendete ihn in der Hand und erschrak, als er plötzlich zu vibrieren begann. Meilin kam zum Schluss, dass es sich um einen Cocktailmixer oder einen Lockenstab handeln musste. Aber warum versteckte ihre Mutter das Gerät?
Von unten durchbrach erwachendes Leben die Stille und Meilins Gedankenreise. Das Mädchen hörte Geschirr klappern und Besteck gegen die widerspenstige Schublade krachen. Mutters durch die Decke gedämpfte Stimme hieß Peter, die Schwester zum Abendessen zu holen. Meilin strich vor dem Spiegel ihren Rock und die Kummerfalte glatt. Sie studierte ein aufgeräumtes Gesicht ein, sprang zur Tür und schlüpfte an ihrem Bruder vorbei, als dieser ohne anzuklopfen hereinpolterte.
Annies Auftritt wurde Meilin peinlich. Die Mutter verbrachte Stunden vor dem Spiegel. Schönheit brauche halt seine Zeit, und wer Wert auf sein Äußeres lege, müsse etwas dafür tun, pflegte Annie zu sagen, wenn Malcolm unter dem Türrahmen stand, seine Pilotenbrille zurechtrückte und demonstrativ mit den kurzgeschnittenen Fingernägeln auf das Zifferblatt seiner Rolex klopfte. Das Teenagermädchen konnte es nicht fassen, wie falsch ihre Mutter war. Sie malte sich die entsetzten Gesichter von Annies Charity-Freundinnen aus, wenn die erführen, dass sich unter den makellosen Make-up-Schichten blaue Flecken verbargen und dass die propere Annie zwischen den Parfumflakons Alkohol versteckte. Das hatte Meilin herausgefunden, als sie sich durch Mutters Düfte schnuppern wollte und bei einem Flakon stutzig wurde, weil er nicht wie die schweren Parfums, sondern scharf und süß in die Nase stach. Sie war erst im Laufe der Zeit darauf gekommen, dass in dem kleinen Fläschchen Southern Comfort aus der Hausbar abgefüllt war. Sie fragte sich, ob Dad etwas davon ahnte. Es reizte sie, Mutter auffliegen zu lassen, doch der ungewisse Ausgang hielt sie ab.
Die Geräusche, die aus dem Schlafzimmer von Annie und Malcolm drangen, tönten nicht nach Spaß. Es nutzte nichts, sich die Ohren zuzuhalten, Vaters Stimme schlug selbst gedämpft immer noch Pflöcke ein. Sie kroch durch die dünne Holzwand zu Meilins Schlafzimmer, unter ihre Haut bis tief in ihre Knochen. Mutter war nie zu hören. Aber dass ihr das nächtliche Erwachsenenspiel wenig Freude bereiten konnte, davon zeugten geschwollene Augen und blaue Flecken an den Armen und am Hals, den einzigen Körperstellen, die Meilin zu Gesicht bekam.
Meilin machte sich, als sich ihr Körper veränderte, viele Gedanken. Es gab diesen oder jenen Jungen, der ihr Herzklopfen bereitete, aber nie so sehr, dass sie sich einem nähern wollte. Sie verbrachte lieber Zeit mit ihren Freundinnen und beobachtete, was mit ihrem Körper passierte. Mit zwölf fragte sie sich, warum Mann und Frau überhaupt heirateten, wenn das Zusammenleben nur ein Kampf war. Und sie schwor sich zwei Dinge: Sie würde sich nie im Leben auf so ein Arschloch wie ihren Vater einlassen, und sie wollte um keinen Preis so scheinheilig wie ihre Mutter werden.
Die High School war vom ersten Schultag an Kriegsgebiet. Meilin war unbewaffnet, ohne Strategie und Schützenhilfe einer Front von Mädchen ausgeliefert, die ihr zeigten, dass sie nicht auf sie gewartet hatten. Als normal begabte Schülerin an der Primary war sie unbeschwert durch Klausuren gekommen. Auswendiglernen, was Voraussetzung für die höhere Stufe war, war jedoch nicht ihre Königsdisziplin. Mit dem Schul- und Stufenwechsel fielen ihre Leistungen in den Keller, mehr noch, Meilin schaffte es nicht, sich einen soliden Notenboden zu erarbeiten. Und so hechelte sie dem im Eiltempo voranrasenden Klassenzug nach. Kaum zu Hause, graste sie den Kühlschrank leer.
Meilin konnte der Versuchung von Milchshakes in allen Geschmackssorten nicht widerstehen. Ein Liter Milch mit Vanillegeschmack war zügig hinuntergestürzt, bescherte ein Lustgefühl und füllte die Leere in Bauch und Seele. Die Dumpfheit, die blieb, wenn sie sich mit Zuckerzeug zudröhnte, war besser als die diffuse Angst, die ihr jetzt ständig im Nacken hockte. Es kam vor, dass sie ein halbes Glas Schokoladencreme verputzte – mit zwei Fingern ins Glas und direkt in den Mund. Heimlich, wenn die Eltern schon im Bett waren und keine blöden Fragen stellten. Als sie den Reißverschluss bei den Jeans nicht mehr hochkriegte und sich die Frage nach einem Büstenhalter stellte, verzichtete Meilin auf eine peinliche Aktion mit ihrer Mutter. Stattdessen besorgte sie sich von ihrem Taschengeld Shirts in Übergrößen, Männerhemden und Freizeithosen mit Gummizug aus einem Second-Hand-Laden. Zu Beginn protestierte Annie. Es gehöre sich für ein Mädchen nicht, sich so schlampig zu kleiden, es beleidige jeden guten Geschmack. Je mehr ihre Mutter insistierte, dass Meilin sich weiblichere Klamotten zulegen sollte und sie auf Diät setzen wollte, desto trotziger reagierte Meilin darauf.
Und desto fülliger wurde sie. Meilins Haut reagierte ebenfalls auf die ungesunden Ess-Exzesse. Erst waren es nur ein paar Pusteln. Meilin bekämpfte das Ausbreiten der Pickelinvasion auf Stirn, Schläfen und Kinn mit Abdeckstift, doch bald gab sie resigniert auf. Auch noch an dieser Front zu kämpfen, wurde ihr zu viel.
Eines Morgens betrachtete sie ihr Spiegelbild, kniff die Augen zusammen und beschloss, einfach nicht mehr zur Schule zu gehen. Sie hatte keinen Plan und keine Perspektive, was aus ihr werden sollte. Aus ihr würde nie ein Goldnugget werden. Darin musste sie ihrem Vater zustimmen. Sie war nur ein Stück Scheiße, das zufällig vor Malcolms und Annies Füße geklatscht war. Sie war eine einzige unglückliche Laune des Lebens. Unnütz, ohne Sinn und Zweck. Warum sollte sie sich weiter anstrengen, wenn ihre Endbestimmung sowieso im Zerfall lag?
Meilin gab sich mit Konsequenz und Hingabe dem Verrottungsprozess hin. Sie schwänzte die Schule, gab vor, hinzugehen, kehrte zurück und fläzte sich in ihrem Zimmer oder auf dem Sofa, wenn sie die anderen außer Haus wähnte. Sie wurde abgemahnt, ihre Eltern zu Gesprächen eingeladen, aber sie passte die Briefe ab und log ihren Eltern dreist ins Gesicht. Schließlich wurde sie von der Schule verwiesen. Zu Hause fraß sie sich durch die Vorräte, was ihre Sinne benebelte und ihr einen apathischen, grauen Dauerzustand beschied. In hellen Momenten plante Meilin, Geld aus der Haushaltskasse zu stehlen, ihr Sparschwein zu plündern und im richtigen Moment abzuhauen.
Und dann kreuzte im Oktober 1974 Trudy mit Gips und blauen Flecken auf. Großmutter war vom Fahrrad gestürzt, und im Spital war bei der 66-Jährigen neben diversen Brüchen Altersarthrose diagnostiziert worden. Trudy war mit der leisen Hoffnung nach Brisbane gekommen, Annie würde sie einladen, bei der Familie zu wohnen. So könnte sie mehr Zeit mit ihrer Lieblingsenkelin verbringen. Doch diese Erwartung zerschlug sich schon am Flughafen. Annie steckte bereits bei der Begrüßung eine Linie ab, indem sie fragte, wie lange die Mutter gedenke, zu Besuch zu bleiben.
Malcolm und Annie erfuhren erst durch die Großmutter von Meilins Schulverweis und tobten. Es folgte ein heftiger Wortwechsel zwischen den Erwachsenen. Schließlich kam man zur Übereinkunft, dass Meilin die Granny nach Darwin begleitete, um sie bei der Genesung zu unterstützen und zu entlasten. Meilin und Trudy waren gleichermaßen selig und konnten Trudys zertrümmertem Arm etwas Gutes abgewinnen. Es waren für die beiden, die sich im Wesen so ähnlich waren, außergewöhnlich innige Wochen, die ihre jahrelange Sehnsucht nacheinander stillten. Das Zusammensein versöhnte sie für viele Entbehrungen, die sie, so unterschiedlich ihre Leben auch waren, erfahren hatten. Aus dieser Seligkeit heraus reifte der Entschluss, dass sie zusammenbleiben wollten und in Brisbane eine Wohnung für das neue Jahr suchten.
Den ganzen Dezember über entrümpelte Trudy, soweit sie es mit ihren lädierten Knochen vermochte, mit Meilins Hilfe die Wohnung. Annies Bruder Serge, der etwas außerhalb von Darwin mit seiner Familie eine Pferderanch betrieb, fuhr dann und wann mit dem Pick-up vor und entsorgte für seine Mutter Möbel, Bücher und Altkram, die sie nicht nach Brisbane mitnehmen konnte. Meilin nannte diesen Dezember „The time of my life“ und pflegte es bei jeder Gelegenheit fröhlich auszurufen. In der Tat blühte Meilin in der Gegenwart ihrer Granny auf. Fern vom verschlingenden Finsterwald und dem alles übertünchenden Puder bekam Meilin endlich Raum zum Atmen und zum Erforschen, wer sie selbst war. Trudy war es eine Freude, Zeugin davon zu sein, wie aus dem grauen, erschlafften Teenager in wenigen Wochen eine lebenshungrige, junge Frau erwachte.
Eine letzte Nacht wollten sie noch in der Wohnung zu zweit verbringen, bevor die ganze Sippe zu Weihnachten anreiste. Serge mit seiner Frau Lucy und den vier Kindern wollten kommen und Onkel Philipp und sein Lebenspartner Angelo aus New York einfliegen. Sogar Meilins Eltern willigten ein, Trudys Wunsch zu folgen, die letzten Weihnachten und den bedeutungsvollen Abschied von Darwin nach fünfunddreißig Jahren mit der ganzen Familie zu begehen.
Schon ein paar Tage lang peitschten heftige Winde das Meer auf. Darwins Menschen lebten mit den Stürmen in der Regenzeit. Trudy maß dem aufziehenden Zyklon erst nicht viel Aufmerksamkeit bei, als Meilin sie danach fragte. Doch die Intensität des Sturms nahm von Stunde zu Stunde zu. Als der Wagen auf dem Rückweg von ihren Einkäufen an der Klippe entlang von wilden Böen erfasst wurde, die sie beinahe vom Weg abbrachten, war Trudy herausgefordert, den Wagen auf der Fahrbahn zu halten. Meilins Magen zog sich zusammen, und sie krallte ihre Finger am Polster fest. Trudy atmete tief ein, richtete den Blick auf die Straße, umklammerte das Lenkrad und ermahnte sich selbst. Sie wusste jetzt, dass Tracy, wie der Moderator aus dem Autoradio den heranrollenden Zyklon bezeichnete, Darwin nicht nur kitzeln würde. Die Großmutter durfte sich ihre eigene Angst nicht anmerken lassen und war entschlossen, ihre Enkelin durch diese Nacht zu lotsen.
Trudy trieb das Mädchen zur Eile an, während sie selbst die Einkäufe zusammenraffte und den geparkten Wagen verriegelte. Die Glasfensterfront sicherte Trudy behelfsmäßig mit den Jalousien und hieß Meilin, eine Matratze, Lebensmittel und eine Lampe in den sichersten Raum, das fensterlose Badezimmer, zu bringen. Erst als das Wasser als Notvorrat, falls die Zufuhr abbrechen sollte, in die Badewanne eingelassen war und sich beide auf der Matratze eingerichtet hatten, ging Trudy auf Meilins bange Fragen ein. Trudys bedrückte Stimme wirkte wenig zuversichtlich auf das Mädchen, weshalb es sich noch näher an ihre Granny presste.
Irgendwann ging der Strom aus, es wurde stockdunkel und der Nachrichtenmoderator, die Verbindung nach außen, verstummte. Die Fensterscheiben im Wohnzimmer zerbarsten und Regen drang unter dem Türschlitz zu den Frauen. Trudy ließ das Wasser aus der Wanne, legte sie mit Tüchern aus und bettete ihre Enkelin und sich darin. Es gab nichts anderes, als sich dem Ungewissen hinzugeben.
Im tosenden, wütenden, alles überdröhnenden Lärm von Tracy war das Reden anstrengend. Die beiden waren zu einem Bündel in die Wanne gepfercht, und zum Glück lullte die Nähe sie zuweilen ein. Doch meist lagen sie wach und dachten nach. Sie regten sich nur, wenn die eingeschlafenen Glieder kribbelten. Meilin nahm Tracy persönlich. Der Zyklon stellte sich ihr von Angesicht zu Angesicht entgegen und wollte jetzt von ihr wissen, wie ernst es ihr mit dem Leben war.
Trudys Stimme kam kaum gegen das Wüten des Sturms an, als sie von früher zu erzählen begann. Meilin rückte noch näher, erfuhr von Trudys Kindheit in Estland, von der Migration nach Australien und von ihrem Großvater Valentin. Meilin fragte sich, ob es ihr je vergönnt war, selbst so eine große Liebe zu erfahren. Großmutter und Enkelin sinnierten über Gott und die Schöpfung. Und sie beteten. Sie erzählten sich Märchen und erfreuten sich an den wärmenden Geschichten. Sie sangen, bis es sie erschöpfte. Meilin hörte von einem Bernstein, einem Ahnenstein in ihrer Frauenlinie. Ihre Urgroßmutter Marthe, die mit ihrer Familie um die Jahrhundertwende auf einem Pferdewagen von der Schweiz nach Estland ausgewandert war, hatte bei einer Rast an der Ostsee einen Bernstein gefunden. Die Ahnin hatte sich nach sechs Söhnen so sehr ein Mädchen gewünscht, dass sie den Stein ihrer ersten Tochter schenken wollte. Trudy war diese erste Tochter gewesen, doch die Mutter starb kurz nach der Geburt. Der Bernstein geriet in Vergessenheit und gelangte erst viele Jahre später auf dem Postweg zu Trudy nach Australien. Seit Meilins Geburt war der Bernstein in Brisbane bei Annie unter Verschluss.
Meilin streckte sich, sie musste diese Nacht überleben, sie musste den Stein sehen. In ihr erwachte eine Lust, nach Europa und in die Welt zu reisen. Trudys Erzählungen weckten ihre Lebensgeister. Wie entsetzlich traurig es wäre, wenn diese wütende Macht da draußen ihr Ende sein sollte.
In dieser Nacht vom Heiligen Abend 1974 fegte der Superzyklon Tracy mit bis zu 300 km/h über Darwin hinweg. Er zerstörte drei Viertel der Stadtbauten, machte 20.000 Bewohner obdachlos und riss siebzig Menschenleben in den Tod. Meilin und Trudy gehörten zu denen, die Glück hatten. Annie und Malcolm warteten am Gate, als die beiden Gezeichneten nach der Evakuierung in Brisbane ankamen. Annie stolperte Meilin auf hohen Plateau-Schuhen entgegen und drückte sie an ihren grünen Manchester-Overall. Malcolm trat hinzu, strich mit zittrigen Fingern über Meilins Kopf und murmelte: „Was hätten wir nur ohne dich gemacht?“ Meilin hatte es gehört, hob den Kopf jedoch nicht, sondern drückte ihn noch fester an Annies Brust. Mutter und Tochter schluchzten hemmungslos. Trudy stand daneben und beobachtete die beiden. „Wenn es einen Todes-Sturm braucht, um Menschen zu berühren, dann bitteschön“, dachte sie und schaute sich nach einem Sitzplatz um.
An Silvester kam die Familie in Brisbane zusammen. Malcolm lud zur Überraschung aller zu einem Barbecue. Es war das allererste Mal überhaupt, dass er für die Sippe das Haus öffnete. Für ihn als Einzelkind war dies eine exorbitante Herausforderung. Ihm fehlte schlicht der Sinn für Geselligkeit, umso mehr, seit seine Eltern verstorben waren. Peter war ihm in dieser Hinsicht ähnlich. Die beiden konnten stundenlang im selben Raum verbringen, ohne ein Wort zu verlieren. Fischen und Schweigen mit Sohn gehörte zu den Glücksmomenten in Malcoms Leben. Er hoffte, dass sein Sohn eines Tages in seine Fußstapfen treten und seine Werkstatt übernehmen würde. Zum Glück war Annie keine Schwätzerin. Sie hatte sich ihm und seinen Bedürfnissen schön angeschmiegt. Doch an Meilin biss er sich die Zähne aus. Es war ja nicht so, dass er sie nicht leiden mochte. Doch seit sie – dem Herrgott sei Dank – gesund auf die Welt gekommen war, waren die Wohnräume mit Lärm durchdrungen. Sie war für ihn wie ein überdrehter Köter, der wie ein Irrer durch den Garten jagte, Pantoffeln anknabberte und zum Spielen aufforderte. Meilin war wie Trudy schlicht eine Zumutung für sein beschauliches Leben.
Dass Meilin und Trudy bei der Jahrhundertkatastrophe beinahe ums Leben gekommen wären, hatte ihn erschüttert. Nicht im Sinne von „Ach, ich armer Vater, ich trauere um Kind und Schwiegermutter“, sondern die Erkenntnis, dass er nicht imstande war, etwas zu empfinden, bestürzte ihn. Jemanden so zu lieben, dass der Verlust einem ein Loch ins Herz reißen könnte, ging ihm ab. Annie war, als sie von Tracy hörte und sie ohne Nachricht von Tochter und Mutter waren, völlig ausgeflippt. Sie weinte ohne Unterlass, hatte nicht mehr gekocht, sich im Schlafzimmer verschanzt und in einem Anfall ihre Zigaretten in den Abfall geschmissen. Malcolm hatte es nicht verhindern können, dass sie den Gin, Southern Comfort und den teuren Whisky in den Ausguss schüttete. Sie hatte ihm ins Gesicht gebrüllt, dass sie einen weiteren Verlust in der Familie nicht verkraften würde. Die Ereignisse mussten eine Lawine der Erinnerung losgetreten haben, denn sie redete nur noch von den Jahren nach dem Krieg, in dem ihr Vater Valentin und ihr Bruder Juri im japanischen Bombenhagel umgekommen waren. Und dass sie ohne Meilin nicht weiterleben wollte.
Malcolm hatte keine Angst um Meilin. Und kein Mitgefühl für seine Frau. Auch Gott vermochte aus ihm keine emotionale Regung herauszulocken. Ihm taugte die Bibel als Orientierung. Es war alles geregelt und geklärt, wenn er sein Leben nach Gottes Plan gestaltete. Das hatten seine Eltern schon so gehandhabt. Warum sollte er es anders machen? Annies emotionaler Vulkanausbruch irritierte ihn. Es brachte ihn dazu, sich mit siebenundvierzig zu hinterfragen, ob bei ihm alles in Ordnung wäre. Und so kam es, dass er die Sippe willkommen hieß. Das Erstaunen allerseits war groß, doch alle freuten sich, die wegen Tracy ins Wasser gefallene Weihnachtsfeier nachzuholen und die Unversehrtheit von Enkelin und Großmutter zu feiern. Es brauchte niemand zu wissen, dass Malcolm die Silvesterparty als Sozialstudie betrachtete.
Es wurde eine ausgelassene Feier. Tracy war natürlich der zentrale Gesprächsstoff. Alle waren erleichtert, dass – und neugierig, wie – die beiden Frauen die Katastrophe überlebt hatten. Doch irgendwann waren alle Geschichten über den Zyklon erzählt und die Spareribs gegessen. Um Mitternacht stieß die Familie mit Champagner auf das neue Jahr und Trudys neuen Lebensabschnitt in Brisbane an. Die fröhliche Runde verstummte, als über der Stadt die Neujahrsraketen gezündet wurden, und starrte andächtig in den Himmel. Trudy nahm ihre Enkelin schweigend in den Arm und ließ sie an ihrem Glas nippen. Eine Weile standen sie ein paar Schritte abseits von den anderen. Meilins Hand ruhte in der ihrer Granny und erwiderte deren gelegentlichen Druck. Mit diesem Zeichen war alles gesagt. Als Annie hinzutrat, machten Trudy und Meilin Platz in ihrer Mitte. Am schwarzen Himmel öffnete sich gerade eine Feuerwerksblume aus roten, lila und gelben Lichtern, als Annie sich in ihrer Hosentasche zu schaffen machte. Sie nestelte mit den langen Fingernägeln, bis sie das Gesuchte zu greifen bekam. Annie nahm Meilins Hand, drehte sie nach oben und legte ihr etwas in die offene Fläche. Behutsam führte die Mutter die warmen Finger ihrer Tochter um den Gegenstand und schloss sie wie eine Muschel.
„Du hast ihn also behalten!“, entfuhr es Meilin, die blitzschnell begriff, dass es der Bernstein war.
„Selbstverständlich habe ich ihn behalten. Wie könnte ich den Schatz unserer Frauenlinie weggeben? Trudy hat ihn mir geschenkt, als du zur Welt gekommen bist. Nie vergesse ich diesen Moment, als ich dich nach deiner Geburt so vollkommen und hübsch, wie du warst, in meinen Armen hielt. Und jetzt bist du mir ein zweites Mal geschenkt worden. Ich hätte nicht ohne dich weiterleben mögen, Meilin!“
Die Beine der Dreizehnjährigen zitterten. Sie hoffte inständig, dass ihre Mutter bald aufhören möge. Sie hatte nach dem Sturm noch immer keinen Boden in sich gefunden. Zum Glück schlief Trudy in ihrem Bett. Die Gefahr war vorüber, doch die Todesangst, dass sie plötzlich vom Sturm aus der Wanne gerissen und auseinandergezerrt werden könnten, nicht. Auch die Sorge, dass das solide Betondach einbrechen und ihren Kopf zertrümmern könnte, ließ sich nicht auf die Schnelle wegwischen. Die Bilder der Zerstörung danach waren nicht einfach aus dem Kopf zu bekommen. Zerfetzte Bauten, Skeletten gleich, entblößten geflieste Badezimmerwände, halbe Wohnzimmer und Küchenzeilen. Auf den Straßen lagen mit Dellen übersäte Wagen auf dem Dach oder in Masten verkeilt. Tierkadaver und menschliche Überreste verwesten in der Hitze, bevor Hilfskonvois durchkamen und die Verletzten und Toten bergen konnten.
Dass ihre Mutter sie jetzt mit ungewohnter Liebe und Zuwendung zuschüttete wie ein warmer Sommerregen ein entwurzeltes Gänseblümchen, war ihr schlicht zu viel. Zum Glück blieb Trudy. Die neue Perspektive verschaffte Meilin Mut, denn ab Januar würde sie zu ihr ziehen und eine andere Schule besuchen. Das Mädchen zwängte sich zwischen Großmutter und Mutter, legte ihre Arme um die Taillen der beiden Frauen, in der einen Faust den Bernstein fest umklammert. So blieben sie stehen und sahen zu, wie über ihren Köpfen das Feuerwerk zu einem fulminanten Schlussbouquet ansetzte und sich in losen Funken auflöste.
Trudy hatte im Stadtteil West End ein putziges Häuschen mit drei Zimmern erstanden. Mit dem Unterhaltsbeitrag der Eltern für Meilin brauchte Trudy sich vorerst keine finanziellen Sorgen zu machen. Annie fühlte sich indessen wie amputiert ohne Meilin. Als ihre Tochter ihr beim Auszug auf der Türschwelle den Bernstein wieder in die Hand drückte, kam sie sich vor, als hätte sie einen Trostpreis gewonnen. Um ein Haar hätte sie das Familienstück aus Wut und Eifersucht in den Müll geworfen, sperrte ihn dann aber in die Schublade zu ihren Promis, die an Glanz verloren hatten. Es war gar ruhig geworden mit den beiden Männern. Doch Malcolms Grundstimmung, die sich in gelegentlichem Lächeln äußerte, hatte sich so sehr verändert, dass Annie sich einsichtig zeigte. Es war eine vernünftige Entscheidung für alle gewesen, die Entspannung an allen Fronten brachte. Und Annie brauchte sich nicht um ihre Mutter zu kümmern, die mit ihrem Scharfblick verdammt nahe an ihr Leben gerückt war.
Meilin blühte auf. Das Haus und Trudys Lässigkeit waren das perfekte Milieu für Meilins Teenager-Bedürfnisse. So nisteten sich die beiden beieinander ein. Großmutter und Enkelin hatten es gern gemütlich, störten sich aber nicht daran, wenn ein Topf auch einmal zwei Tage ungespült im Waschbecken stand. Er war flott gereinigt, wenn man Wasser für Spaghetti aufsetzen wollte. Meilin war gewillt, die Chance an der neuen Schule zu nutzen und einen guten High-School-Abschluss hinzulegen. Ihre neuen Freundinnen brachten Mädchenkram und fröhlichen Lärm ins Haus und in Trudys Leben. Die Großmutter liebte den Frischekick der Jugend, denn er ließ sie ihre kranken Knochen, Tracy und die gelegentlichen Anflüge von Heimweh nach Darwin schnell vergessen.
Trudy und Meilin geizten nicht damit, sich zu zeigen, wie wohl sie miteinander waren. Oft überfiel Meilin ihre Granny, wenn diese unvorbereitet am Küchentresen über einer Schnippelei versunken war, indem sie Trudy mit beiden Armen von hinten umschlang und ihren Kopf auf deren Nacken legte. Diese pflegte dann das Küchenmesser auf die Unterlage zu legen und mit einem Lächeln den Moment auszukosten. Meilin ließ sich von Trudy die Haare kämmen. Nur kämmen. Keine Frisur. Auf dem Sofa unter der Patchworkdecke eng aneinander gekuschelt, einen Arm frei, um sich das Popcorn von der Schüssel zum Mund zu schaufeln, und einen Krimi anzuschauen, gehörte zu den Höhepunkten der Woche. Sie waren sich sehr nahe. Einzig die Toilettentür und die Schlafzimmertüren blieben geschlossen. Da hatte jede Königin in ihrem Reich die Hoheit und gewährte Zutritt nur nach Anklopfen. Darauf hatte Trudy beim Einzug nachdrücklich bestanden.
„Ist es dir peinlich, wenn ich dein Wasser in die Schüssel plätschern höre?“, hatte Meilin gefragt. Sie war sich sicher, dass mit der Grenzerfahrung Tracy zwischen ihr und der Granny sämtliche Schamgrenzen gefallen waren. Sie war nach Trudys Statement kurz enttäuscht gewesen, weil derart rigide Regeln zu Hause gegolten hatten, dass keiner den andern entblößt zu Gesicht bekommen hatte und sie sich doch so sehr darauf gefreut hatte, sich endlich frei bewegen zu können.
„Nein!“, sagte Trudy und lachte. „Was sollte daran peinlich sein? Ich finde einfach, dass du als junge Frau und ich als alte Frau unsere eigenen ‚heiligen‘ Räume brauchen. Räume der Einkehr und Selbstbetrachtung. Ich möchte dein Zimmer erst nach deiner Erlaubnis betreten. Und ich möchte nicht, dass du unbedarft einfach in meines stolperst.“
Natürlich akzeptierte Meilin Trudys Wunsch. Und nach nicht allzu langer Zeit konnte sie der Regel etwas Gutes abgewinnen. Sie begann sich nämlich zu erforschen. Der Auslöser war nur eine kleine Bemerkung in der Dusche nach dem Sport gewesen. Meilin hatte mit vierzehn immer noch etwas mehr Speck auf den Hüften als ihre Klassenkameradinnen. Zur Verblüffung des Mädchens schien sich in der neuen Schule niemand daran zu stören, und so gelang es ihr mehr und mehr, Frieden mit ihrem Körper zu schließen. Nichtsdestotrotz beobachtete sie ihre Mitschülerinnen. Die meisten waren athletisch, hatten feste Brüste und gebräunte Haut. Außer Emely, dem Rotschopf mit den smarten Sommersprossen, die die Sonne mied wie der Teufel das Weihwasser. Wenn sich die Mädchen der Klasse in der Dusche der Sportkabine jeweils zu zweit gegenüberstanden, sich einseiften und sich unter der Brause das Wasser und das nasse Haar aus dem Gesicht strichen, linste Meilin heimlich um sich. Das warme Wasser und die Nähe mit den Mädchen verursachten ihr ein Kribbeln im Unterleib, und ihre Brustknospen reckten sich. Es war nicht unangenehm, doch Meilin konnte es nicht richtig einordnen. Sie glaubte, es hätte etwas mit den Entwicklungsschüben zu tun, die seit der ersten Regelblutung über ihren Körper herfielen.
Camilla reichte einmal ihrer Nachbarin das Duschgel – Green Apple war gerade angesagt – und warf wie beiläufig eine Frage in die Runde: „Hat sich eine von euch schon einmal unten berührt und den Finger hineingesteckt?“ Dabei hatte sie gekichert. Die Mädchen gafften Camilla an oder grinsten verstohlen. Estelle meinte kokett, dass sie es getan hätte. Und dass es schön wäre, sich zu berühren. Danach drehte sich jede unter ihrer Brause wie auf Kommando gegen die geflieste Wand. Das, was Estelle schon getan hatte und worüber Camilla laut nachdachte und vielleicht noch vorhatte, zu tun, elektrisierte Meilin. Die Höhle da unten war ein unerforschtes Territorium. Sie war von sich aus nie auf den Gedanken gekommen, mal auf Expedition zu gehen.
Am selben Abend hatte Meilin Trudy eine gute Nacht gewünscht, sich den Handspiegel aus dem Bad in den Bund der karierten Pyjamahose gesteckt und ins Zimmer geschmuggelt. Sie lauschte, ob Trudy sich im Flur befand und drehte sachte, obwohl sie sich hundertprozentig auf Trudy verlassen konnte, den Schlüssel um. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Obwohl sie Jungs bisher überhaupt nicht interessierten, ahnte sie, dass sie sogleich einen Raum betreten würde, der sowohl etwas mit Jungs oder Mädchen, auf jeden Fall mit Frausein und Erwachsenspielen zu tun haben musste. Wenn sie jetzt gleich die Flanellhose abstreifen, sich auf dem Boden an die Wand lehnen, die aufgestellten Schenkel spreizen und sich da unten anschauen würde, würde sie definitiv eine Schwelle überschreiten.
Erst betrachtete sie fasziniert die zarten Lippen, die schüchtern unter dem bereits beachtlichen dunklen Busch hervorlugten. Dass sie mit ihrem Blondschopf schwarze Schamhaare besaß, hatte sie schon beim ersten Sprießen überrascht. Aber wie nun Haar an Haar zu einem Dickicht herangewuchert war, entlockte ihr ein baffes Schmunzeln. Die Haut in der Bikini-Zone war von einem unglaublich hellen Rosa, im Gegensatz zu dem bronzenen Teint, der sich sonst am Körper zeigte. Wie war es möglich, dass diese Farben zu ihr gehörten? Kurz überlegte sie, ihren Wasserfarbkasten zu holen und die Farbtöne zu mischen. Doch sie war viel zu neugierig. Sie überließ den Fingern die Führung, die jetzt im Dickicht einen Pfad freilegten, zu den Lippen spazierten, diese sanft berührten und mit größter Behutsamkeit spreizten. Darunter kam ein dunkler, fleischfarbener Gang zutage, der mit feinsten, rötlich schimmernden Hautfältchen ausgekleidet war. Meilins Puls beschleunigte sich, als sie mit der Fingerkuppe langsam den Eingang abtastete. Wie weit würde sie vorankommen? Was würde geschehen? Ihr Kopf moderierte ihre Forschungsreise und bombardierte sie unablässig mit Fragen. „Ist es schmutzig, was ich hier mache?“ Meilin wusste es nicht. Sie war auf sich alleine gestellt. Für sie war nicht ganz ausgelotet, wie vertrauenswürdig der Rahmen der Klassenclique war, um sich dort in den kommenden Tagen Rat und Zeugenschaft zu holen.
Das Spiel mit den Fingern bescherte Meilin Schauer, die aus dem Becken den Rücken hinauf und bis in die Oberschenkel rieselten. Es fühlte sich so wohlig an, daran konnte doch nichts Schmutziges sein! Je forscher sie sich mit dem Zeigefinger in den schmalen dunklen Gang vorantastete, desto glitschiger wurden dessen Wände. Plötzlich schoss ihr das Bild aus der Biologie durch den Kopf, dass sich ein männliches Glied zur Fortpflanzung einen Weg durch diesen engen Gang bahnen musste. Bisher hatte sie sich das nicht ausmalen können. Doch als sich die Scheide immer weicher und hingebungsvoller ihren nun zwei Fingern entgegenstreckte, ergab es für Meilin plötzlich Sinn. Die Vorstellung, einen Penis in ihrem Innern zu spüren, brachte Meilin zum Erröten. Gleichzeitig pulsierte das warme Fleisch, das ihre Finger umschlossen, und sonderte mehr schmierige Flüssigkeit ab. Neugierig schnupperte Meilin an ihren Fingern und war erleichtert, dass es nicht stank. Sie betrachtete ihre erhitzten Wangen im Spiegel und staunte, wie weich ihre Gesichtszüge waren. Ihre Augen schienen zu leuchten. Meilin lächelte sich an.
Ihre Gedanken waren bei Estelle und Camilla. Sollte sie sich ihnen anvertrauen? Waren die anderen Klassenkameradinnen ebenso von der koketten Idee angesteckt worden? Was, wenn sich jetzt alle zeitgleich untenrum erforschten? Diese Vorstellung brachte Meilin zum Lachen. Dann dachte sie plötzlich an Annie und Trudy. Berührten sich ihre Mutter und Großmutter auch? Es wäre ja seltsam, wenn nicht. Doch der Gedanke an die beiden bremste Meilin in ihrer Forscherlust aus und sie beschloss, an diesem Punkt aufzuhören. Für heute war es genug. Lange lag sie danach wach. Ihr Kopf ruhte auf dem linken Unterarm, während die rechte Hand auf der Schamgegend verharrte und dem Pulsieren in ihren Unterleib nachspürte, bis es langsam verebbte.
Meilin erforschte sich nach diesem Initiationsabend oft. Es behagte ihr, sie fühlte keine Scham. In ihrer kleinen Welt des Mädchenzimmers war alles erlaubt, hier war sie in ihrem heiligen Raum. Jetzt begriff Meilin, was Trudy damit gemeint hatte. Bestimmt hätte sie mit ihr über ihre Entdeckungsreisen sprechen können. Aber sie tat es nicht. Und da keine der Freundinnen das Thema je wieder zur Sprache brachte, preschte auch Meilin nicht vor. Sie hatte noch nie zu denen gehört, die etwas Neues anzettelten. Warum hätte sie es ausgerechnet jetzt bei ihrer Feldforschung sein sollen? So trug sie ihr intimes Geheimnis allein mit sich durch die Tage.
Etwas anderes weitete Meilins Horizont: Sie bekam zu ihrem fünfzehnten Geburtstag einen Radiorekorder von Trudy geschenkt. Sie hatte sich ein eigenes Radio für ihr Zimmer gewünscht, um sich die Wochencharts anzuhören. Bee Gees, ABBA und die Bay City Rollers waren in der Schule schwer angesagt. Trudy sah ihrer Enkelin am Frühstückstisch zu, wie sie mit den Fingern ungeduldig das Geschenkpapier aufschlitzte und den Karton zutage förderte. „Das Radio hat eine Aufnahmefunktion. Ich dachte, vielleicht bekommst du ja Lust, dich selbst aufzunehmen und mit deiner tollen Stimme zu experimentieren“, kommentierte die Großmutter.
Meilin setzte den verschlossenen Karton auf ihre Knie und drehte sich verdutzt um. Ja, sie wurde immer von einer Melodie im Kopf begleitet. Doch sie meinte, sie hätte es sich abgewöhnt, laut zu singen. „Hast du mich denn je singen hören?“ Trudy lachte auf: „Natürlich. Du summst ständig irgendetwas. Und unter der Dusche singst du die Songs auswendig, die sie im Radio spielen.“ Meilin lenkte schnell die Aufmerksamkeit auf das Paket, schlitzte mit dem Frühstücksmesser das Klebeband auf und griff hinein. Es kam ein schwarzes Gerät mit einem silbernen Kassettenfach und einem Tragegriff zum Vorschein. Der Aufnahmeknopf leuchtete ihr rot entgegen. Meilin strahlte über das ganze Gesicht. Sie stellte ihre neue Errungenschaft ab und drückte ihrer Granny einen Kuss auf die Stirn. Schnell war das Gerät verkabelt und an den Strom angeschlossen. Es funktionierte nach dem Ausfahren der Antenne tadellos. Die gelben Anzeigeziffern leuchteten auf dem schwarzen Display. Auf dem ersten Kanal berichtete ein Reporter, dass in Nordirland zehntausend protestantische und katholische Frauen für Friedensverhandlungen vereint auf die Straße gegangen waren. Meilin drehte am Reglerknopf, bis Musik ertönte. Das Gitarrensoli ließ Trudy zusammenzucken, doch beim Beat und Refrain des Songs wippten sie und Meilin mit und grinsten sich an.
„Hey! Kenne ich! Das ist ‚Howzat‘ von Sherbet! Wenn wir nach der Schule noch etwas abhängen, hat immer jemand ein Transistorradio dabei. Der Song wird auf und ab gespielt!“
Und dann gab es diese Jungs-Band Black Palm, um die vor ihrem ersten Auftritt bereits Mythen kreisten. Ebenso rankten sich Erzählungen um ihren heiligen Bandraum, den nur die geweihten Bandmitglieder betreten durften. Jason, Bailey und Pete gingen in Meilins Parallelklasse. Sie waren Kumpels seit dem Kindergarten und verbrachten jede freie Minute miteinander. Petes Vater trat den Jungs den hinteren Teil der Garage ab und half den Teenagern, eine Trennwand aus Pressspan aufzuziehen. Für die Einrichtung durchsuchten die drei die Dachböden der Großeltern und Verwandten und fanden ein graues, abgescheuertes Kunstledersofa am Straßenrand, auf dem genau drei Teenager-Hintern Platz hatten. Baileys Mutter schwatzten sie einen Flickenteppich ab. Die Jungs klaubten ihre Ersparnisse zusammen und erstanden damit einen kleinen Kühlschrank im Baumarkt. Auf die weiße Oberfläche stellten sie Jasons Nachttischlampe aus Kindertagen, nachdem sie den Stoff mit dem Tick-Trick-und-Track-Motiv weggerissen hatten. Es störte sie nicht, dass die nackte Birne durch das weiße Metallskelett leuchtete. Zufrieden knallten sie sich mit einer Coke in der Hand auf das Sofa, rülpsten synchron und lachten. Sie schwiegen und ließen ihre Augen durch den schummrigen Raum schweifen. Da es keine Fenster gab, war die schwache Birne die einzige Lichtquelle.
„Hammer Höhle, aber mir fehlen Bilder!“, unterbrach Jason, der keine fünf Minuten ruhig sitzen konnte, die Stille. Wenn er den Mund aufmachte, tanzten seine krausen Locken in der Stirn. Er fuchtelte mit seinen unendlich langen Händen in der Luft herum oder seine Füße zuckten, als würden Stromschläge durch seinen Körper zucken. Bailey spreizte lässig die Beine, zog die Augenbrauen hoch und blickte sich im Raum um. Pete, einen Kopf kleiner als die beiden, aber der Hellste, studierte den faden Raumtrenner. Nach kurzem Austausch waren sich die drei schnell einig: eine Fototapete musste her. Sie gingen die Motive aus dem Baumarkt durch. Bailey hätte am liebsten eine Harley-Davidson auf der Trennwand gehabt, Pete eher die drei Pin-up-Girls auf den Fahrrädern. Doch Jasons Einwand, dass sie damit Mädchen vergraulen könnten, bestach. Es war unausgesprochen, doch man wollte es ja nicht ausschließen, und insgeheim malte sich jeder aus, dass er früher oder später ein Mädchen hierher abschleppen würde für ein erstes Date. So einigten sie sich darauf, dass sich die gebeugte Palme vor dem Sonnenuntergang über dem Meer gut machen würde.
Eine Woche später war die Fototapete aufgezogen. Die Bahnen zu kleistern und passgenau aneinanderzukleben, hatte sich als große Herausforderung herausgestellt. Doch die jungen Kerle gaben sich zufrieden. Wenn man die Augen zusammenkniff, konnte man die Falze in der Tapete großzügig übersehen. Beim Anblick der Palme, die sich als schwarzer Scherenschnitt vor einer Sonne neigte, die in einem orangefarbenen Meer versank, wähnte man sich in der Bucht von Surfers Paradise. Die Jungs stießen mit Coke an und gelobten sich, niemanden ohne Einverständnis der anderen in ihren holy space zu lassen. Sie verbrachten fortan jede Minute in ihrer Höhle, hörten Musik, erzählten sich schmutzige Witze und bestaunten die Palme. Pete war es irgendwann zu blöd, den Prahlereien seiner Kumpels über die ersten Erfolge mit Girls zu lauschen und brachte die kühne Idee vor, die ihm schon seit einer Weile im Kopf kreiste:
„Warum gründen wir nicht eine Band? Wir haben zu Hause ein Keyboard rumstehen, das niemand bespielt. So schwer kann es ja nicht sein, ein Instrument und ein paar Songs zu erlernen. Bai, du würdest einen guten Sänger abgeben. Du hast eine leidliche Stimme und die Mädchen fliegen auf dich. Und du, Jay, Bass oder Schlagzeug?“
Jason und Bailey fanden die Idee genial. Also fackelten sie nicht lange. Sie bestachen alle Familienmitglieder, mit dem Versprechen, als VIP immer einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen, für ein Sponsoring der Instrumente. Sechs Großmütter und fünf Großväter – Jasons Granddad war leider schon unter der Erde – ließen sich von Enkeln um den Finger wickeln. Paten waren dazu da, die Träume der Patenkinder zu erfüllen, und die Eltern hatten am Ende auch nichts dagegen. Die einzige Bedingung, die Petes Mutter hatte, war, dass die Lautstärke den Nachbarn angepasst sein müsste. Wenn es Ärger gäbe, würde sie den Stecker ziehen.
Zwei Wochen später standen eine schwarze Basstrommel, ein Snare und ein Hi-Hat der Marke Pearl – ein Schnäppchen von einer Musikerbörse – eine japanische No-Name-Gitarre, ein Ständer mit Mikrofon – eine Leihgabe von Bailey’s Onkel, der in einer Country-Band sang – und das Yahama-Keyboard von Pete auf dem Flickenteppich. Bailey stöpselte die Gitarre ein und sagte in die Runde: „Wir brauchen einen Bandnamen!“ Wie auf Kommando drehten alle drei ihre Köpfe zur Fototapete und grinsten.
Wer die Schnapsidee hatte, die junge Band für den Schülerball an Halloween anzumelden, darüber stritten sie sich noch jahrelang. Plötzlich und ohne Hörprobe waren sie von der Schule dazu aufgefordert worden, für die Mitschüler zu spielen. Von dem Moment an war klar: Niemand durfte die Jungs vor dem großen Schulauftritt zu hören bekommen, und keiner durfte die legendäre Höhle betreten. Auch kein Mädchen. Jason, Bailey und Pete hatten sich bei Ehre und Blut geschworen, dass bis zum Gig keine Braut, kein Kumpel und kein Alien die heiligen Hallen betreten dürfe. Sie hatten sich mit einem Jagdmesser die linken Daumenkuppen aufgeschlitzt und die Blutstropfen miteinander vermengt, was Bailey zwei Wochen lang bereute, weil der Schnitt ihn besonders beim Barrégriff schmerzte. Wer die Regel breche, müsse wegen Hochverrats nackt auf die Bühne. Eine bessere Alternative war ihnen nicht eingefallen, denn zu diesem Zeitpunkt war ein Ausschluss eines verräterischen Members aus der Gang gar nicht möglich. Dies hätte zu einer Absage des Konzertes geführt, und das wäre mit dem Druck von zweihundert erwartungsvollen Schülern ein sozialer Tod gewesen. So oder so – aus einer Laune war eine Riesensache geworden, und dies bereitete dem einen oder anderen Darmgeräusche und manch schlaflose Nacht. Doch es war Ehrensache, dass sie das zu dritt durchziehen würden.
Die Garage lag nur einen Steinwurf von Trudys Haus entfernt und Meilin kam täglich daran vorbei, wenn sie zur Schule musste. Meilin und Pete kannten sich vom Schulbus und aus der High-School, aber es hatte sich nie ein Gespräch ergeben. Meilin wusste natürlich um den Mythos der Band und der Höhle. Gleichaltrige Mädchen, die vorwiegend in Bailey verknallt waren, beneideten sie heimlich um ihre Pole-Position. Meilin war sich dessen nicht bewusst und hätte sich auch nie getraut, Pete, Bailey oder Jason anzusprechen, obwohl sie selbst ein Auge auf den witzigen Jason geworfen und ihn heimlich beobachtet hatte. Er kam mit seinen rehbraunen Augen und seiner Heiterkeit verdammt nahe an Trudys Mango-Orange heran. Immer, wenn sie Jason porträtierte und seine Farben im Farbkasten mischte, war es ihr wohl. Einmal hielt sie in ihrem Malen inne und betrachtete eingehend ihre Hände, die wie immer von einem strahlenden Türkis umspielt wurden. Wie ein Blitz durchfuhr es sie, dass sie wie bei Trudy, Annie, Malcolm und sich selbst einen farbigen Schein um seinen Körper sah. Bei ihren Mitschülerinnen oder beliebigen Menschen auf der Straße jedoch nicht. Sie fragte sich kurz, warum bei ihrem Bruder nicht, zückte dann schnell ihr Tagebuch aus der Schublade, überflog kurz den letzten Eintrag, wie süß es wäre, von Jason geküsst zu werden, und schrieb darunter: „Ich sehe Jasons Farben. Das ist ein Zeichen. Jason muss meine große Liebe sein.“
Meilin war vollauf zufrieden mit ihrem beschaulichen Teenagerleben. Malcolm und Annie hatten keine Macht mehr über sie, Trudy ließ ihr Freiraum, die Schulnoten hatten sich auf ein stressfreies Level eingependelt und ab und zu klapperte sie mit einer Klassenkameradin in der Innenstadt Kleiderläden ab. Sie mochte ihre Forscherreisen an ihrem Körper und die Spielereien mit den Wasserfarben. Dann und wann trällerte sie im Zimmer vor sich hin, nahm Mix-Tapes von den Charts oder von sich selbst beim Singen auf. Sie freute sich unbekümmert auf den Schülerball, zu dem sie allesamt als Vampire gehen wollten. Meilin hatte sich bereit erklärt, mit Francis die schwarzen Capes zu nähen, und Camilla wollte die Zähne über einen Versandkatalog besorgen.
Alles wäre im Lot gewesen, wenn sich die Erwachsenen nicht eingemischt hätten. Wenn alles seinen gewohnten Gang genommen hätte, hätte Petes Mutter an diesem Morgen wie immer mit ihrem eigenen Wagen die Besorgungen gemacht. Doch an diesem für Meilin schicksalhaften Tag war der Ford in der Werkstatt. Petes Mutter wartete demzufolge an der Bushaltestelle, als Trudy hinzutrat und mit der Nachbarin ein lockeres Gespräch begann.
Die beiden Frauen freuten sich über das milde Wetter, bedauerten, dass der ältere Herr in der Straße ins Altersheim übersiedeln musste und fragten gegenseitig nach dem Wohlergehen der beiden Teenager. Beim Einsteigen gab Petes Mutter ihrem Erstaunen Ausdruck, wie schnell sich ihr Sohn veränderte, wie kantig sein Gesicht geworden sei, dass er von Akne geplagt werde, neuerdings wie ein Scheunendrescher futtere und leider doch kaum in die Höhe wachse. Na ja, wahrscheinlich würde er nach ihr kommen. Sie kicherte. Ihren fröhlichen Lagebericht unterbrach sie nur kurz, um beim Fahrer das Ticket für vier Zonen zu lösen.
Trudy hatte inzwischen in der zweiten Bank Platz genommen, rückte ans Fenster, um für Petes Mutter mit einem Tätscheln ein Plätzchen frei zu halten. Kaum hatte sie sich gesetzt, platzte die stolze Mutter heraus:
„Und Pete spielt jetzt Keyboard in einer Band. Black Palm heißt sie. Die drei Jungs haben sogar schon einen Auftritt! Ich bin so aufgeregt! Und ich bin froh, dass er gute Kumpels hat, mit denen er was unternimmt. Mein Junge würde ja sonst nur über seinen Büchern hängen. Dank der Band kommt Pete endlich einmal aus sich heraus. Ich höre sie in der Garage üben. Es tönt schon ganz ordentlich.“
Trudy hob die Augenbrauen. In ihrem Kopf ratterte es für ein paar Sekunden und sie unterbrach den Redeschwall von Petes Mutter, als diese Luft holte.
„Oh, eine Jugendkapelle! Hier in der Straße? Wie fein ist das denn? Meilin singt. Ziemlich schön sogar. Aber sie verschanzt sich auch viel zu oft in ihrem Zimmer, statt rauszugehen und das Leben zu feiern. Könnten die Jungs nicht noch eine Sängerin gebrauchen?“
Trudy schilderte, dass sie ihre Jugendliebe und späteren Ehemann Valentin einst über die Musik kennengelernt hatte. Die beiden Frauen ruckelten im Stadtbus durchs Brisbanes Straßen und reisten im Kopf nach Estland in die frühen Zwanzigerjahre zurück. Trudy berichtete, dass Valentin in einer volkstümlichen Kapelle Geige gespielt und sie mit ihrer Trachtengruppe dazu getanzt hatte. Petes Mutter war verzückt über die romantische Geschichte, und als Trudy damit schloss, wie glücklich sie damals gewesen war, war die Mutter entschlossen, ihrem Pete auf die Sprünge zu helfen. Als der Bus bei der City Mall anhielt und Trudy ausstieg, war es beschlossene Sache, dass Meilin zum nächsten Probetermin aufkreuzen würde und sich die Jungs nicht anstellen sollten. Manchmal müsste man halt dem Glück der Kinder auf die Sprünge helfen.
Jason und Bailey waren not amused und Pete stocksauer auf seine Mutter. Was hatte sie nur geritten? Die war doch sonst eigentlich cool drauf. Wie konnte sie nur plötzlich so peinlich sein? Petes Mutter hatte sich breitbeinig und mit verschränkten Armen vor dem Sofa positioniert und die Teenager vor die Wahl gestellt: „Entweder lasst ihr das Mädchen mitsingen, oder die Garage bleibt geschlossen.“ Triumphierend hatte sie den einzigen Schlüssel in die Hosentasche ihrer Jeans gleiten lassen. Wenig später klopfte es zaghaft an die Tür. Es war Meilin.
Trudys Absichten waren redlich, sie wollte Meilin aus der Reserve locken, ihr die greifbare Chance nahelegen. Sie sah in Meilin einen schlafenden Drachen, ein Kraftpaket mit unzähligen Talenten, die nur das richtige Umfeld brauchte, um zu zeigen, was in ihr steckte. Rockmusik und Gleichaltrige, was könnte Meilin Besseres passieren? Als Meilin sich sträubte, hatte Trudy zur Notlüge gegriffen und gesagt, dass die Band eine zweite Stimme suchte. Meilin hatte schließlich nach langem Ringen mit sich selbst zugestanden, es zumindest einmal zu versuchen. Und Jason …
