6,99 €
Mein deutscher Geliebter »Im Zentrum des chinesischen Schriftzeichens für Liebe ist ein Herz.« Demnach ist die Liebe eine Herzensangelegenheit. Doch nicht für Vivian. Die junge Chinesin, die seit einiger Zeit in Deutschland lebt, kommt gut zurecht mit der Überzeugung: »Die Liebe ist eine Illusion, nur Sex ist echt.« Bis zu dem Tag, an dem sie Max trifft ... Mein deutscher Geliebter von Lin Jun: Schicksale im eBook!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2009
Lin Jun
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Kapitel 1
Kapitel –17
Kapitel 2
Kapitel –16
Kapitel 3
Kapitel –15
Kapitel 4
Kapitel –14
Kapitel 5
Kapitel –13
Kapitel 6
Kapitel –12
Kapitel 7
Kapitel –11
Kapitel 8
Kapitel –10
Kapitel 9
Kapitel –9
Kapitel 10
Kapitel –8
Kapitel 11
Kapitel –7
Kapitel 12
Kapitel –6
Kapitel 13
Kapitel –5
Kapitel 14
Kapitel –4
Kapitel 15
Kapitel –3
Kapitel 16
Kapitel –2
Kapitel 17
Kapitel –1
Kapitel 0
Epilog
Danksagung
Im Alter von zweiunddreißig Jahren fing ich an, über die Liebe nachzudenken.
Mein Name ist Vivian. Ich wurde in China geboren. Die letzten zehn Jahre habe ich in Deutschland verbracht. Der Grund, warum ich kein Geheimnis aus meinem Alter mache, ist einfach. Ich bin eine eitle Frau und genieße die bewundernden Blicke meines Gegenübers – egal ob Mann oder Frau – und diese Ausrufe: »Aber das kann doch nicht sein, du siehst noch so jung aus!« Ich erinnere mich an einen jungen Mann, mit dem ich mich eine halbe Stunde meines Lebens im Bett gewälzt habe. Er dachte, ich sei erst zweiundzwanzig Jahre alt.
Das war für mich dann auch der schönste Moment dieser halben Stunde. Was kann man von einem jungen, unerfahrenen Mann sonst erwarten?
Im Zentrum des chinesischen Schriftzeichens für Liebe ist ein Herz, was bedeuten würde, die Liebe sei eine »Herzensangelegenheit«. Doch wie sollte es so etwas auf der Welt geben? Wie sollte ein fremder Mann, den ich zweiunddreißig Jahre lang nicht kannte, zu einer Herzensangelegenheit von mir werden können? Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, um so jemanden im Herzen einzuschließen?
Ich dachte, die Liebe ist eine Illusion, nur Sex ist echt.
Ich mag Deutschland, und das nicht nur, weil ich mich hier immer viel jünger geben kann. Es ist ein sauberes, zivilisiertes Land mit einem leicht verwöhnten, rührenden Volk, das sich stark mit sich selbst beschäftigt und dennoch bemüht, die Probleme in dem Rest der Welt zu lösen. Die Armut wird durch die Presse auf Abstand gehalten, sorgt für reichlich Gesprächsstoff und ein schlechtes Gewissen. Ich zähle die Arbeitslosigkeit und die Schönheitsreparaturen beim Auszug aus einer Mietwohnung zu den größten Volkssorgen. Selbst siebzehnjährige Schüler interessieren sich bereits ernsthaft für die Rentenfrage.
In der Freizeit treiben die Deutschen im Fitnesscenter Sport, treten pflichtbewusst auf derselben Stelle der Laufmaschine, trinken dabei gefiltertes Mineralwasser, während die Sonne auf der Glaswand glitzert. Auf eine Reise nehmen sie Medikamente gegen Kopfschmerzen oder Jetlag-Beschwerden mit.
Was für ein Mensch wäre ich geworden, hätte ich in diesem Land den ersten Sonnenstrahl meines Lebens erblickt?
Der Himmel hier ist fast immer hellblau, überzogen mit sehr fein geformten, weißen Wolken – wie oft habe ich versucht, diese faszinierenden Bilder mit meiner kleinen Minolta festzuhalten. Das klare, unschuldige Sonnenlicht überstrahlt allen Kummer und alle Sorgen, sticht in meine Augen, in das Herz, wie ein zärtlicher Dolch. Sehr bald kommen mir die Tränen, ich sehe alles nur noch verschwommen, mir wird schwindlig. Die Sonne ist ein Tyrann, der keine zu lange, direkte Betrachtung erlaubt, ich füge mich und schließe die Augen. Wärme steigt in mir hoch, die bunten Flecken tanzen wie frisch geschlüpfte Schmetterlinge in der stillen Dunkelheit unter den Augenlidern. Blind sehe ich ihnen zu, sie tun weh. Schöne Dinge können oft verletzen.
Die Spuren der Sonne auf meiner Netzhaut; die Spuren der erfüllten, leeren Momente.
Mir kommt es manchmal vor, als würde das Licht, als würde die Luft duften. Sie sind eins. Ich kann sie nicht auseinanderhalten. Rein, durchsichtig und gewichtslos, umhüllt, trägt sie, lässt einen frei atmen.
Ich bewege mich hindurch mit leichten Schritten. Als wäre es das Selbstverständlichste, sie jederzeit wie einen schmiegsamen, weißen Schleier von mir abzuschütteln.
Ich sage mir sehr oft, so müsste sich die Freiheit anfühlen. Die Freiheit, für die immer noch unzählige Menschen ihr einmaliges Leben hingeben, in vielen Teilen der Erde, mein Heimatland zählt dazu.
In meiner Heimat Shanghai, der chinesischen Metropole an der pazifischen Küste, ist die Luft dagegen klebrig, sie hat ein Gewicht, sie macht sich bemerkbar. Im Sommer fühle ich, wie sie an meiner Haut hängt, weil ich aus allen Poren schwitze; im Winter dagegen dringt die beißende Nässe und Kälte tief unter die Haut.
Ich schleppe die Luft wie ein lästiges Gepäckstück, es gibt keinen Abstellplatz dafür.
Dazu ist sie grau, weil der Himmel immer grau ist, die Wolken formlos, farblos. Ich könnte meinen, sie hängen schwerer, tiefer als in Deutschland.
Der Himmel bei uns ist auch nicht ganz, er wird von Wolkenkratzern in Stücke geteilt, quer und durch, in alle Formen und Größen.
Um ihn genau zu beobachten, muss ich weit von der Stadt wegfahren, in einen der Vororte, wo es große Reisfelder gibt.
Er wirkt auf mich wie ein trauriges, entstelltes Gesicht. Er schweigt, denn auf ihn wird sowieso nicht gehört.
Wir haben sehr viele Industrien, wir produzieren für die ganze Welt; wir sind stolz auf die erzielten Fortschritte und die hohen Wachstumsraten, wir möchten von den anderen Ländern ernst genommen, respektiert werden. So haben wir auch unseren blauen Himmel verloren – hoffentlich nicht für immer.
Also fällt es mir nicht schwer, in Deutschland zu bleiben, das Land liebzuhaben.
Natürlich auch wegen der Männer hier.
Die meisten – wenn nicht alle – Asiatinnen stehen auf die großen, blonden oder braunhaarigen Männer. Gegensätze ziehen sich an. Ich bin keine Ausnahme. Ich hatte genug von den kleinen, braunäugigen Männern in meiner Heimat. Es wurde auch geflüstert oder indirekt darauf hingewiesen, dass ein bestimmter Körperteil der westlichen Männer länger und dicker sei, auch dass die westlichen Männer erfahrener in der Liebeskunst seien.
Zu Hause konnte ich diese Männer nur auf der Leinwand oder im Fernsehen bewundern, wie sie die Welt retten und Frauen erobern, entweder in adretten Anzügen oder in sportlichen Kampfausstattungen, das Kinn ist stets glatt rasiert, die durchtrainierten Körper strahlen Männlichkeit aus; sie erledigen alle Aufgaben wie geborene Multi-Tasker. Die blauen Augen sprechen von überwältigender Leidenschaft, wenn es darum geht, die verehrten schönen Frauen ins Bett zu schleusen. Obwohl ich dabei immer lachen muss, finde ich es sehr erotisch und möchte gern eine dieser Frauen sein, die ihnen in die starken Arme fallen.
Diese Männer brauchen nur an sich selbst zu denken. Ihre Frauen haben bestimmt keinen Ärger mit der Schwiegermutter, der Schwägerin etc. Ihre Schultern tragen keine Last. Sie lernen sich kennen, verlieben sich, schlafen miteinander, wenn es ihnen nicht mehr gefällt, trennen sie sich ohne schlechtes Gewissen. Egoismus ist legitim, wir leben alle nur einmal.
Ich glaube, James Bond hat den ästhetischen Geschmack asiatischer Frauen in Bezug auf Männer zutiefst geprägt. Die Regisseure hätten vorher nie im Traum daran gedacht. Jetzt vielleicht. Ihr Protagonist hat eine nachhaltige Wirkung auf die zukünftige Entwicklung der gesamten Weltbevölkerung. Männer und Frauen verschiedener Hautfarben nähern sich einander an, mischen sich und zeugen neue Gesichter, neue Farben, neue Rassen. So ist die Welt schließlich vorangebracht worden.
In Deutschland wimmelt es auf den Straßen, in den Kneipen, in den Straßenbahnen überall von Männern, die ich mir nach Belieben ins Bett holen kann. Eine Sexangelegenheit, die ich mir in China nie zugestehen würde.
Wie ein tropischer, freier Fisch schwimme ich im Meer der wunderbaren, gebräunten Männerkörper.
Ich bin ein Sommermensch, der Winter ist für mich keine geeignete Jahreszeit für den Männerfang.
Ein stinknormaler Januartag begann. Der Januar ist der wohl deprimierendste Monat in Mitteleuropa. Manchmal hoffte ich, dass der Wecker kaputt ginge und ich mit ruhigem Gewissen einen Tag verschlafen könnte. Aber der schrille Ton riss mich – wie immer pünktlich – aus dem Schlaf. Ohne zu zögern sprang ich aus dem Bett und fing mit den »Jeden-Morgen-Toilettenhandlungen« an. Der Prozess wird in der kalten Jahreszeit zu einem besonders straffen Ritual, das jegliche Dynamik und Freude ausschließt.
Frühstück gab es nicht, die Zeit war mir zu schade, ich schlief lieber zwanzig Minuten länger. Ich spähte aus dem Fenster, mein Herz sank, es schneite immer noch.
Winter bedeutet Farblosigkeit, ich kann keine schönen Klamotten anziehen, die sexy Frauen und Mädchen verschwinden von den Straßen, überall haben sie sich in bewegende geschlechtslose Beine mit grauen oder schwarzen Mänteln oben drüber verwandelt. Alle Leute sehen gleich aus, es ist unerträglich.
Obwohl viele meiner deutschen Bekannten behaupten, sie mögen den Winter, der Schnee sei doch wunderbar, hindert es sie nicht daran, mit der Familie oder allein nach Teneriffa zu fliehen.
Ich hatte seit einem Monat keinen Freund, seit zwei Monaten keinen Sex, deshalb hatte ich einen großen Pickel auf dem Kinn, ich konnte ihn nicht ausdrücken, weil er noch nicht reif war. Ich hatte sicher keinen Liebeskummer, aber starkes Selbstmitleid.
Ich hängte mir einen dicken Schal um den Hals – der Abschluss der Vorbereitung auf den Arbeitstag – und ging raus zur Haltestelle. Extra zwei Minuten früher als sonst, denn ich konnte schlecht durch den Schnee gehen – aber die Straßenbahn wartete nicht.
Es war fast noch so dunkel wie in der Mitte der Nacht, der Boden komplett mit Schnee bedeckt. Ich zog den Kopf ein und passte bei jedem Schritt auf, dass die Schuhe nicht nass wurden. Die Körperhaltung veränderte sich, ähnelte einem Tanz auf dem Eis. Jeder Schritt hinterließ einen tiefen Fußabdruck, der bald wieder vom Schnee verwischt werden würde, als wäre ich nie hindurchgeschritten.
So stand ich nach fünf Minuten an der Haltestelle, ein dunkler Mantel unter vielen. Ich wechselte von einem Fuß auf den anderen, um sie durch die Bewegung warm zu halten. Jeder Atem wurde ein leichter Dampf. Alle warteten, schwiegen, bildeten solch ein typisches winterliches Bild.
Jemand klopfte auf meine Schulter.
Ich drehte mich um, blickte in ein breites, schiefes Lächeln.
Ein großer, blonder Mann mit einem markanten Gesicht, für das ich nicht gleich die passende Beschreibung fand. Es reichte nicht für »schön« aus, doch der Abstand zu »hässlich« war wesentlich größer. Ich stufte es am Ende als »gut aussehend« ein. Er trug eine Brille, die Augen blickten außergewöhnlich scharf, fast aggressiv. Die dicken Lippen, die das selbstironische Lächeln formten, verrieten seine Ehrlichkeit – so erklärt es die chinesische Gesichtsdeutung. Sein ganzes Erscheinungsbild ähnelte der Kreuzung eines wilden, hoch fliegenden Adlers mit einem kleinen Eichhörnchen, das ich mal im St. James Park in London beobachtet hatte.
Er sagte: »Hi, ich heiße Max.« Er gab mir seine rechte Hand.
Max. M – A – X.
Ich öffnete den Mund, wiederholte seinen Namen. M-A-X blieb fast tonlos im Hals stecken, es fühlte sich wie ein Geheimnis an. Meine Lippen glänzten wie knallrote Blüten.
Drei einfache Buchstaben bildeten den Namen.
»Und ich bin Vivian.«
Hinter ihm näherte sich die Straßenbahn wie eine schwangere Schlange. Die Türen öffneten sich, lockten mit der Wärme der fremden Körper.
Bei jeder neuen Begegnung mit einem Mann konnte ich schnell spüren, ob wir etwas miteinander haben würden – oder nicht. Wenige Minuten genügten mir, um meine Schlüsse zu ziehen. Dazu brauchte es weder besondere Fähigkeiten noch Intelligenz, denn fast alle Frauen – ich glaube auch Männer – können das, man nennt das den sexuellen Instinkt.
Vor fünfzehn Jahren landete der Film »Basic Instinct« mit Sharon Stone und Michael Douglas einen Hit in den Kinos der ganzen Welt. In einem gut versteckten, schmutzigen, schwülen Kino kam ich in den Genuss einer Raubkopie, denn er war in China offiziell nicht zugelassen. Das besagte Kino zeigte auch zahlreiche andere verbotene Filme für einen Spottpreis, den ich mir als arme Studentin leisten konnte. Der kleine Saal war überfüllt mit den Kommilitonen. Es war aufregend, etwas Illegales zu tun.
Lang lebe die Raubkopienindustrie!!
Alle chinesischen Augen verfolgten jede Sekunde die Geschehnisse auf der Leinwand, als würden wir damit unseren Hunger stillen. Es ging um nichts anders als diesen sexuellen Instinkt, dargestellt in seiner denkbar extremsten Form. Sie spielten das »Katz-und-Maus-Spielchen«, trieben die Spannung über die äußerste Grenze hinaus, Ab- und Zuneigung wechselten sich ab, die Gefühle waren furios, schleierhaft, jedoch greifbar wie die schönen Brüste von Sharon Stone. Obwohl sie beide eigentlich nur die erste Minute gebraucht hätten, um die Affäre im Voraus mit der bloßen Nase zu riechen. Die Augen sprachen stets eine andere Sprache als die Zungen.
In der deutschen Sprache gibt es eine sehr zutreffende, surreale Beschreibung: »Die Luft knistert.«
Genau das!!
Sie zeigte ihr geheimnisvolles Lächeln, wohl wissend, dass es nur ein Vorspiel war, dass ihr dieser Mann nicht entwischen konnte. Ihr Lächeln entfaltete sich wie in Zeitlupe, je langsamer das Tempo, umso schöner wirkten ihre Augen. Sie machte es mit voller Absicht. Der Mann durchschaute sie, verfiel ihr.
Von Liebe war nicht die Rede. Sex ist eine einfache Angelegenheit, die nichts mit Liebe zu tun haben muss, aber oft mit Liebe verwechselt wird. Ich vertrete die Meinung, man müsste in der Lage sein, diese Trennlinie zu ziehen.
Auch in diesem Haltestellen-Moment rechnete ich nicht mit der Liebe. Der Instinkt schaltete plötzlich von »Stand-by« auf »Start«, funktionierte trotz der Kälte einwandfrei, ich zauberte ein möglichst schönes Lächeln hervor. Wir redeten vom Wetter, der Straßenbahn, wir dachten an Sex. Sein Blick haftete an der Stelle, wo er meine Brüste vermutete. Ich ärgerte mich innerlich über den Pickel und versuchte, ihn mit dem Schal zu verdecken.
Erwachsene kennen die Spielregeln. Wir beide witterten etwas Erregendes. Er war ein angenehmer Typ, stellte ich fest. Er konnte gut lachen und Witze erzählen.
Er verheimlichte nichts von sich: frisch geschieden, hatte zwei Kinder, die viel Zeit von ihm beanspruchten; vierzehn Jahre älter als ich, in vier Jahren wurde er fünfzig. Fast eine Generation lag zwischen uns.
Er wollte mir keine falschen Hoffnungen machen, dachte ich erleichtert. Ich suchte keinen Ehemann. Später musste ich mir eingestehen, dass Wunsch und Realität wirklich weit auseinanderklaffen können.
In der wackeligen Straßenbahn standen wir dicht nebeneinander – im Winter braucht man einfach mehr Platz für sich. Mit der rechten Hand griff ich fest in den Ring, um nicht hinzufallen. Er spreizte leicht die langen Beine. Während des Gesprächs schaute ich hoch zu ihm, mein Pickel leuchtete wie eine hässliche Fliege.
Sein Sternzeichen: Wassermann.
Sein Beruf: irgendetwas mit Computern, IT-Branche.
Seine Hobbys: Comic-Figuren und DVDs sammeln, laute Musik, nicht sportlich (Gott sei Dank).
Sein Merkmal 1: Er sieht zehn bis fünfzehn Jahre jünger aus, als er ist, das heißt, wenn wir zusammen weggehen, gibt es keine Verwunderung aufgrund des großen Altersunterschieds.
Sein Merkmal 2: Er hat einen sehr breiten Mund (dicke Lippen), beim herzlichen Auflachen – das macht er sehr oft, ja öfter als die meisten Männer, die ich bis dahin kannte – strahlt sofort das ganze Gesicht.
Die persönlichen Daten komplettierten sich beim ersten Date, das am Abend zwei Tage danach stattfand. Wir wählten eine normale Bar aus, wo wir uns fast vier Stunden lang unterhielten. Unvermeidlich entdeckten wir ein paar gemeinsame Interessen, Musik, Filme, Kunst, Bücher … Der Anfang glich zu neunzig Prozent anderen sogenannten »Beziehungen«.
Ich hatte mich sorgfältig geschminkt, die knallroten Lippen passten perfekt zum Martini rosso, wenn ich gelegentlich daran nippte, war es ein tolles Bild. Mein schwarzes Neck-Holder-Top betonte meine zierliche Figur, hinter dem Bartisch hob ich bewusst die Brüste. Ich habe schöne Brüste, ich wusste es.
Habe ich noch irgendwelche Frauentricks vergessen?
Um seine Augen bildeten sich feine Falten. Ich habe immer Männer mit Augenfalten gemocht. Er schien ein enthusiastischer Mann zu sein, der sich sehr schnell für etwas begeistern kann; dabei leuchteten seine Augen voller Energie. Dann wirkte er wie ein fünfundzwanzigjähriger Junge.
Die Adleraugen vollendeten den Scan-Prozess, dem alle Mädchen und Frauen in der Bar unbewusst unterzogen wurden und richteten sich auf mich: »Ich liebe das Prinzip Frauen.«
Ich musste plötzlich an einen Verflossenen denken, der mir vor fast einer Ewigkeit zuschrie: »Wegen dir habe ich aufgehört, mit anderen Frauen zu schlafen, was willst du noch mehr?« Worauf ich mich ihm gerührt an den Hals warf. Klar klang es machohaft, sollte einer selbstbewussten, modernen Frau wie mir nicht gefallen. Trotzdem empfand ich dafür ein tiefes, schamloses Verständnis, da es einer wahren Liebeserklärung am nächsten kam. Denn die männlichen Zeitgenossen sind im Grunde auf Polygamie kodiert.
Das Zugeständnis von Max hörte sich an wie von dem ehemaligen Geliebten inspiriert, ich schätzte seinen Mut zur Offenheit. Zumindest hatte er keine Absicht, sich bei mir einzuschmeicheln.
Etwas Verführerisches hing in der Luft, roch ich rund um uns außer Alkohol, außer Tabak, außer Parfüm, außer irgendwelchen Dressings noch etwas anderes? Mir wurde bewusst, dass ich mich in einem ziemlich zufriedengestellten, ja fast betäubten Zustand befand. Vielleicht lag es nur am Martini. Ich mag Martini.
Heute kann ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, worüber wir an dem Abend sprachen. Das heißt, ich langweilte mich keine Sekunde. Normalerweise fing ich nach der ersten halben Stunde an, nach dem nächsten, tauglichen Gesprächsstoff zu suchen; dabei schauten mich die Männer gewöhnlich mit hilflosen Augen an.
Vielleicht gab er sich beim ersten Date besonders viel Mühe?
»Sicher sehen wir uns bald«, rief er mir beim Abschied zu. Ich lächelte zurück, ohne zu antworten.
Max erzählte mir später, dass er in dieser Nacht aufgewacht sei; er konnte nicht mehr einschlafen und musste etwas essen. Er saß in der Küche, kaute an einem Stück Brot und dachte an mich, den gemeinsamen Abend. Seine bislang einzige schlafgestörte Nacht – soweit er sich erinnern konnte. Es wurde ihm langsam klar, es lag an dem langen Gespräch, an der asiatischen Frau mit den schönen Mandelaugen.
Ich hatte ihn berührt, etwas in ihm erweckt.
Nach dem anständigen Abstand von weiteren zwei Tagen folgte das Wiedersehen, wir besuchten eine Kunstausstellung. Sie gefiel uns beiden, wie konnte es anders sein? Wir beide sind schnell von moderner Kunst begeistert, von der Kreativität, den jugendlichen Phantasien und Sehnsüchten.
In getrennten Räumen wurden Kopien bekannter Bilder (wie von Monet, Picasso, van Gogh etc.) an drei Wänden aufgehängt, angestrahlt von Lichtquellen, deren Farben sich ununterbrochen änderten. Wir saßen glücklich auf einer Bank wie zwei Kinder, bestaunten die außergewöhnliche Idee des jungen Künstlers, ließen das Licht auf uns wirken. In dem bunten Lichtbad konnte man sich den Träumen hingeben. Blau, rot, grün, gelb, lila …
Die Sitznachbarn sahen betäubt aus. Es war sehr still, als ob die Luft sich entschieden hätte, nicht zu fließen.
Sein kleiner Finger berührte (bewusst?) meine Hand. Ich tat so, als ob ich nichts merkte. Spielten wir in einem Stummfilm? Ich hatte nichts dagegen, die mir zugeteilte Rolle weiter nach dem Drehbuch zu spielen.
Als er mich nach Hause fuhr, gab es den vorhersehbaren Kuss im Auto.
Die Laterne leuchtete diskret, damit meine ich, es war gerade so hell, dass wir uns kurz angucken konnten. Sein Kopf näherte sich, die blonden Haare schimmerten im Schatten. Er hat schöne, dichte Haare. Sein Parfümduft – später erfuhr ich: Shiseido Man – machte etwas in mir weich, ein kleines Tier in mir zuckte zusammen.
Schmerzhaft süß schmeckten seine Lippen.
Mit dem rechten Zeigefinger fuhr ich über seine geschlossenen Augen, über die kleinen Falten. Er schien es zu genießen, lächelte kaum vernehmbar, die Mundwinkel bebten leicht. Er saß ruhig, sagte nichts, ließ sich streicheln. Ich spürte eine Art Melancholie wie einen feinen Nebel, einen langsamen Rauch, als wäre er ein hilfloser Junge, als wäre er mein verlorener Sohn.
Ich küsste seine Augen, drückte die Lippen auf die Falten. Er fühlte sich vertraut an, als ob wir uns schon seit langer Zeit kennen würden.
Aus der Tiefe des Tunnels schallte wieder das vertraute Flip-Flop, ein Paar rosaroter Plastiksandalen samt winzigen Kinderfüßen klatschte über den uralten Steinweg. Ich schaute hoch. Das Mädchen trug zwei kleine hübsche Zöpfchen, das Ergebnis der sorgfältigen Oma-Finger, zwei rote Schleifen huschten am Zopfende hoch und runter wie die schwingenden Hände eines Dirigenten.
Flip-Flop, hoch-runter. Flip-Flop, hoch-runter.
Das Mädchen spielte stets allein, Mama und Papa arbeiteten beide in der fernen Großstadt Shanghai, es war der Obhut von Oma und Opa auf der Insel anvertraut worden. Mama und Papa schickten jeden Monat Geld, manchmal bekam Oma einen weißen viereckigen Umschlag von dem Postboten, der auf seinem Fahrrad vorbeischaukelte.
Oma sagte, Mama und Papa gehe es sehr gut, sei du ein braves Mädchen.
Flip-Flop, hoch-runter. Flip-Flop, hoch-runter.
Das Mädchen hatte noch eine jüngere Schwester. Die andere Oma nahm sie bei sich auf, sie wohnten in einer anderen Kleinstadt. Es hatte die Schwester nur auf einem Foto gesehen, das in ihrer kleinen Schublade ganz oben auf dem Stapel lag.
Flip-Flop, hoch-runter. Flip-Flop, hoch-runter.
Wenn sie sprechen würde, ihre Stimme würde genauso heiter klingen wie ihre Sandalen. Doch es war ein schweigsames Mädchen. Es wurde ihm nachgesagt, es sei so intelligent, ganz wie der Papa, aber etwas schwierig.
Mein Herz tat weh, meine Augen wurden feucht. Ich streckte die Hände nach ihm aus, wollte seine Zöpfchen berühren. Doch ich erreichte das Mädchen nicht, zwischen uns lag eine unsagbare Leere.
Es drehte sich zu mir um. Ein kleines apfelförmiges Gesicht, die dunklen Pupillen versprachen ein Paar schöne Mandelaugen, wenn das Mädchen einmal erwachsen würde.
Es bemerkte mich nicht, sondern hockte sich hin, ich sah die Kreide in seiner Hand, es malte damit auf die große Steinplatte unter den Sandalen.
Die uralten Steinplatten, von denen keiner in der Straße mehr genau sagen konnte, in welchem Zeitalter sie gelegt worden waren. Die ursprüngliche helle Farbe wich den dunkelgrauen Fußabdrücken der vergangenen Zeit; nach jedem Sommerregen bildeten sich an den unebenen Stellen kleine Wasserpfützen, die von der brennenden Sonne bald eingesaugt wurden. Zwischen den Platten wuchs nasses Moos, unbekanntes grünes Gras. Niemand kümmerte sich um das winzige Leben, doch in den kühlen Ecken, wo die Sonne nicht hinschien, klammerte es sich hartnäckig an den Stein.
In der Sommerhitze rannte das Mädchen am liebsten barfuß über die Platten, wobei ihre zarte Haut fast verbrannt wurde, große Blasen bekam es unter den Füßen.
Oma schimpfte: »Deine Eltern haben dich mir anvertraut, jetzt kriegst du solche Blasen. Was soll ich ihnen denn sagen?«
Das Mädchen schwor, so etwas Dummes nie zu wiederholen, während Oma sich mit einer erhitzten Nadel die gefährlichen Stellen vornahm. Oma schwitzte, der alte Ventilator summte, drehte sich links und rechts, spendete heiße Windzüge.
Das Mädchen malte Kästchen, Linien, Kreise …
Ich starrte auf ihre rosaroten Sandalen, die Oma von dem Geld aus Shanghai kaufte.
Ich bemühte mich, die Malarbeit zu entziffern. Ich näherte mich, komisch, dass ich keinen Schatten hatte. Oma sagte, nur die Geister hätten keinen Schatten.
Ich hörte ein Murmeln, die Sprache verstand nur ich.
»Das ist Papa, das ist Mama, das ist Schwester. Das bin ich.«
In der Nacht schlief ich sehr gut.
Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag – klingelte schrill das Telefon, weckte mich aus dem tiefen Schlaf.
Max’ enthusiastische Stimme schlug auf mein Trommelfell.
»Vivian, ich möchte dich heute sehen.«
Ich rieb mir die Augen. »Wann? Heute Abend?«
»Nein, jetzt – wenn ich nicht störe?«
»Jetzt?« Sofort wurde ich hellwach. »Ich schlafe noch, ist es nicht zu früh?«
»Dann steh doch auf!« Er klang aufgeregt und aufregend. »Ich habe einen verlockenden Vorschlag: Ich kaufe Croissants und komme zu dir. Lass uns zusammen frühstücken. Magst du Croissants oder lieber Brötchen?«
Das war nicht vorhersehbar. Dachte ich.
Ich sagte ja, okay, ich brauche eine halbe Stunde, ich stehe gleich auf.
»Das passt. Bis gleich.« Er legte auf.
Er brachte eine rote Rose, die ich auf den Tisch neben das Tütchen vom Bäcker legte, nachdem ich daran gerochen hatte.
Die habe er an der Tankstelle gekauft, lächelte er.
Ein Mann, der gleichzeitig an die Rose und an das Brot denkt.
Das war auch nicht vorhersehbar. Ich war leicht verwirrt.
Ich habe seltsam gerührt gewirkt, meinte er später.
Ich war noch nicht komplett wach, antwortete ich.
Wir frühstückten, wir erzählten, wir hörten zu, wir spazierten, wir lachten. Der kalte Tag bekam eine Körpertemperatur.
Am Ende des Tages lagen wir zusammen in meinem Bett.
Er war ein zärtlicher Liebhaber. Das Vorhersehbare erreichte seinen Höhepunkt. Ich schloss die Augen, liebkoste zum x-ten Mal diesen Moment wie zerkautes Zuckerrohr, das alles Süße bereits eingebüßt hatte.
Jetzt hat er das Ziel erreicht, jetzt ist es gut. Ich fühlte mich enttäuscht, fast betrogen.
Als ob meine Seele sich in eine kleine Fee verwandelt hätte, leicht wie eine Wolke schlüpfte sie aus meinem Körper, schwebte nach oben, landete an der Decke. Sie lächelte zu mir herab, flüsterte voller Bitterkeit und Wärme mit mir. Sie ließ mich nie allein, der Körper war nur die Hülle.
Wir sahen uns schweigend an. In der Luft flossen kaltblütige Augen, die uns beide wie zwei Wachsfiguren betrachteten.
Ich verachte alle Männer, die mit mir ins Bett steigen.
Mit sechs Jahren wurde das kleine Mädchen zu den Eltern nach Shanghai abgeholt. Es war groß genug, um zu Hause für sich selbst zu sorgen, allein in die Schule zu gehen. Die Schulen in Shanghai waren besser als die auf der kleinen Insel.
Opa war vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Das einzige Bild von ihm, das Lin An’An in der Erinnerung hatte, war sein warmer Schoß, sie saß darauf, er zeigte ihr die winzigen Kärtchen mit Schriftzeichen, auf deren Rückseite waren die Gegenstände abgebildet, die die Schriftzeichen zu bedeuten hatten. »Fisch … Reis … Mensch …«
Ihre süße Mädchenstimme verstummte, die Kärtchen hatte sie aus unerklärlichen Gründen längst verloren, vermutlich lagen sie in den vergessenen dunkelsten Winkeln des Hauses, wurden von den scharfen Zähnen der Ratten zerrissen.
Omas Tod kam nach weiteren drei Jahren bei einem Autounfall, als sie die jüngere Tante in Hangzhou besuchte. Ein Lkw überrannte sie beim Rückwärtsfahren. Oma war damals schon taub, sie hatte die Hupe nicht gehört und einfach dagestanden.
Zur Beerdigung, die mitten im Schuljahr stattfand, konnte Lin An’An nicht fahren, sie hatte wichtige Prüfungen in der Schule, sie musste den Platz der Klassenersten verteidigen. Mama und Papa fuhren mit YaYa, der kleinen Schwester, weg.
An’An blieb allein zurück.
Ein subtropischer Windsturm aus dem Pazifik überfiel das gesamte Küstengebiet, brachte eine kühlere Temperatur mit sich und tagelangen Niederschlag. Ein alljährliches Klimaphänomen, das man hier Taifun nannte.
Einsam wie eine kleine Taube erschien Lin An’An vor dem Schulgebäude.
Mittlerweile galt sie als das schlankste, schlaueste Mädchen der Klasse, sogar des ganzen Jahrgangs. Sie war größer geworden. Als sie den Kopf gen Himmel hob, bildete sich zwischen dem Kinn und dem Hals eine elegante Kurve, die auf ihre spätere Schönheit hindeutete. Der starke Wind peitschte ihr Regentropfen in die Augen, ihre dichten Wimpern zuckten.
Sie wischte das Wasser vom Gesicht, blieb unter dem Dach stehen.
Sie hatte wieder einmal als Schnellste den Prüfungsbogen abgegeben. Als sie aus dem Klassenzimmer in den leeren Korridor trat, spürte sie die neidvollen Blicke hinter sich. Sie wusste nicht, ob sie wieder zu arrogant gewesen war, denn sie ließ niemanden von sich abschreiben.
Eine weiße Bluse, ein himmelblauer Rock, zwei weiße Sandalen. Auf der Schulter die grüne Umhängetasche der beliebten Volksarmee, die ihr als Büchertasche diente. Fast die Hälfte der Mitschüler hatte eine solche Tasche; es war die Mode.
Im Radio wurde berichtet, der Taifun hätte einige Menschen das Leben gekostet, mindestens einen Tag müsste diese Stadt noch vor seiner Macht zittern.
Lin An’An mochte schon immer Taifune. Der gnadenlose Wind mit der Gewalt, die er beherbergte, und den sie sich oft als launischen, jedoch gütigen Spielpartner vorstellte. Er zischte an ihr vorbei, hänselte sie, trieb sie voran.
Ein Spielfreund, der einen unermüdlich umarmte, herausforderte. Er roch salzig wie das Meer, wie die Insel von Oma und Opa.
An’An zog an dem linken kurzen Ärmel der Bluse, strich vorsichtig ein schwarzes Band glatt. Das sichtbare Zeichen der Trauer um einen Familienangehörigen.
Es war länger als der Ärmel, das letzte Drittel Schwarz bedeckte ihren nassen Arm, sie fühlte die Stecknadel auf der Haut. Es klebte an ihr. An’Ans Augen ruhten kurz darauf, als ob ihr weißer Arm in der schwarzen Box eines Magiers durchtrennt worden wäre.
Dann wäre ich behindert, dachte sie, wie könnte ich nur mit einem Arm die Prüfungen schreiben?
Der Regen ließ nicht nach, aus dem Klassenzimmer drangen laute Stimmen, die anderen schienen auch mit der Prüfung fertig zu sein.
Sie spannte den schwarzen Schirm auf, die weißen Sandalen quietschten im Regenwasser. Mit einem Ellbogen presste sie die Schultasche vor den Bauch, damit sie nicht nass wurde; die beiden kleinen Hände umfassten fest den Metallgriff des Regenschirms, sie musste sich leicht vorbeugen, der Gegenwind drückte die Schirmfläche nach innen.
Lass uns spielen, ich habe keine Angst vor dir. Mit aller Kraft kämpfte sie sich zum Schulausgang. Ihre langen Haare waren mit einem schwarzen Gummiband zum Pferdeschwanz gebunden, sie trug keine roten Schleifen mehr.
Zwischen Himmel und Erde verwoben sich unzählbare trübe Regenketten, der Pferdeschwanz verschwand hinter dem eintönigen Orchester.
Gestern Abend beim Auspacken ging mir die Frage durch den Kopf, wie oft ich wohl aus meinem Küchenfenster geschaut habe«, grüßte Peter mich, als ich mit zwei Gläsern Mineralwasser in mein Wohnzimmer trat.
»Aufgrund der Tatsache, dass du die meiste Zeit im Büro verbringst und erst sehr spät nach Hause kommst, dass du dann lieber mit den Schmetterlingen zusammen bist, dass du viel reist, dass dein Balkon auf der anderen Seite liegt, dass im Winter die Tage so kurz wie die Miniröcke der Mädchen sind«, ich gab ihm ein Glas, »wird es nicht sehr oft gewesen sein. Wie hat dir China gefallen?«
Mein Nachbar nahm einen Schluck, blickte in das Glas. »Aber ich gucke sicher öfter aus dem Küchenfenster, ohne etwas richtig wahrzunehmen … Zum Beispiel wenn ich mir ein Glas Wasser hole.« Er wandte den Kopf zum Balkon.
Ich folgte seinem Blick, draußen herrschte ein stumpfer, massiver Winterabend, der sich auf den schwachen Umriss meines Balkons niederlegte und wie ein Raubtier unser aller Vergangenheiten und Zukünfte fraß. Unter der Lampe standen wir isoliert in der Gegenwart. »Und es waren alles Momente deines Lebens«, ich wurde von seiner Melancholie angesteckt, »die keine Spuren hinterlassen!«
Peter lächelte. »Einige Momente sind hängengeblieben. Mir kommt es so vor, als sähe ich dich jedes Mal mit einem neuen Mann unter meinem Küchenfenster vorbeigehen.«
Ich hielt das Glas fest, die unerwartete Röte konnte nicht sofort unterdrückt werden. »Gestern Abend … Er heißt Max.«
Er grinste. »Sollte ich ihn auch am Wochenende einladen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Er hat die Kinder.«
Peter stellte das Glas zögernd auf den Couchtisch. »Kinder? Du mit Kindern?«
Ich sah auf seinen Rücken. »Sie sind nette Kinder.«
»Der ist vielleicht oberflächlich.« Er schien es ernst zu meinen. »Nach so kurzer Zeit stellt man die Kinder nicht der neuen Freundin vor.«
Ich drehte das Glas links herum, dann rechts herum, sein lästernder Blick traf ins Schwarze. »Eure deutschen Kinder … Mit ihnen darf ausschließlich liebevoll umgegangen werden. Die zarten Seelen ertragen keine Wahrheit, nichts ist gut genug für sie … Ah, interessiert mich gar nicht. Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe?«
Verlegen kramte Peter einen kleinen Stapel großer und kleiner Zettelchen aus dem Geldbeutel hervor, die wie Kassenbons aussahen. Ich starrte ihn an.
»Das sind alles Belege aus China. Jetzt weiß ich einfach nicht mehr, wo welche hingehören, weil ich das nicht lesen kann. Vielleicht kannst du mir sagen, was wofür ist? Ich muss meine Spesenabrechnung machen.«
Ich ging sie durch, den Berg kleiner Zettel mit chinesischen Schriftzeichen und arabischen Zahlen.
»Okay, das ist ein Teehaus … Warst du in einem Teehaus? Alles klar. Das ist wohl … fürs Taxi … noch ein Taxi … noch ein Taxi … das muss von einem Restaurant sein … und das, das, das … alles Restaurants. Das war’s.«
Er machte sich Notizen auf der Rückseite. »Danke dir. Ich habe meine Lektion gelernt, werde in Zukunft immer alles sofort aufschreiben, bevor ich es vergesse … Du hast mir sehr geholfen.«
»Und, was kriege ich dafür?«, grinste ich ohne wirkliche Hoffnungen, hob das Kinn dem Lampenlicht entgegen.
»Das hier, schon vorbereitet.« Er ging zur Garderobe, kam mit einer kleinen Dose zurück, die ich überrascht entgegennahm. »Extra aus deiner Heimat hergebracht.«
Die Dose hatte die Farbe nassen Papiers, meine Finger streichelten über eine fast klischeehafte, schwarz-weiße asiatische Landschaft, als gäbe es in dem vernebeltsten Berg den besten Tee. Das kleine, rote Siegel, das unten links schüchtern aufgedrückt war, erinnerte an ein Muttermal aus Zinnober, wie es sich die Frauen in früher Zeit elegant zwischen die Augenbrauen oder auf die Stirn tupften.
Langsam drehte ich die Dose zwischen den Fingern. Sie fühlte sich matt, aber glatt an. Peter erzählte: »Die Verkäuferin sagte … der beste grüne Tee aus China …«
Ich trank selten Grüntee, dessen Bitterkeit mich einfach an chinesische Medizin erinnerte. Ich bevorzugte Kaffee oder Schwarztee. Nur die alten Chinesen tranken gern Grüntee, wie mein Papa, der, jeden Morgen im Büro angekommen, stets seine Blechdose mit Grüntee aufdrehte, die Blätter in die weiß-blaue Tasse schüttete, das Wasser aus der Thermosflasche darübergoss, und den weiß-blauen Deckel aufsetzte, damit sich das Aroma in der geschlossenen Dunkelheit entwickelte … das Aroma, das sein geradliniges Dasein durchzog, sein Gesicht hinter dem Dampf kam mir immer verschwommener vor. Die Innenwand der Tasse wurde jeden Abend mit der Bürste geschrubbt, damit sie nicht verkalkte, doch mit der Zeit bekam sie eine graue Oberfläche. Der Beweis dafür, dass das Porzellan vergiftet ist, sagte ich immer zu ihm.
Peters hellblaue Augen fixierten mich gespannt, wie die Glaskugeln, mit denen ich als kleines Kind gespielt hatte. Ich lächelte. »Danke. Ich probiere ihn sofort.«
Im gekochten Wasser entfalteten sich die Blätter, sammelten sich zuerst an der Oberfläche, sanken dann geräuschlos in die Tiefe. Sie drehten sich, tanzten. Wie die Augenbrauen der klassischen Schönheiten, jedes Einzelne von ihnen …
Peter, der mir folgte, fragte: »Warum nimmst du kein Tee-Ei dafür? So ist es doch schwer, den Tee zu trinken. Oder habt ihr Chinesen eine besondere Technik?«
»Teetrinken braucht keine Technik.« Meine Hand führte den Becher zum Mund, ich blies leicht, damit die grünen Augenbrauen am Boden blieben, nahm vorsichtig von der Oberfläche einen Schluck.
Komischerweise schmeckte er nach Reis, stellte ich fest.
»Und kommst du am Samstagabend mit Lena?«, fragte Peter.
»Ja«, antwortete ich, während sich der Reisduft in meinem Körper breitmachte. »Ist abgemacht. Wir kommen pünktlich.«
Auf eine selbstverständliche Art drang Max in mein Leben zwischen dem Feierabend und Einschlafen, sein breites Grinsen nahm keine Rücksicht auf mein feines asiatisches Empfinden, dehnte sich in der kalten Abendluft in alle Richtungen aus wie die Teeblätter.
Seinen Körper über mir tragend, die Augen offenhaltend, seine Mimik beobachtend, steuerte ich meinem Orgasmus entgegen.
Das Gesicht verzog sich bald zu drei parallelen Linien – die obere waren die beiden Augen, die mittlere auf der Höhe der Nasenlöcher, die untere um den Mund. Er stieß einen lauten Schrei aus, während ich mir vorstellte, welche chemische Reaktion in diesem Moment in seinem Körper vollendet worden war.
Sex ist ein Instrument, dessen ich mich bediene, um an das zu gelangen, was ich brauche. Ein männlicher Körper neben meinem, in der langen, langen Nacht. Ich kann meine einsamen Hände auf ihm ausruhen; die warme Haut, die die tiefste Kälte aus meinem Herzen, meinen Knochen verdrängt; der Ausdruck des Begehrens in den Gesichtern … Sie trösteten mich über die erwachsenen Jahre in der vertrauten Fremde hinweg.
Zufrieden rekelte er sich in meinem Bett, nahm mich in die Arme. Ich staunte über diese ungewollte Nähe, diese … Unverschämtheit von dem Mann.
Als eine höfliche Asiatin hatte ich – trotz der hohen Anzahl – nur mit höflichen, korrekten deutschen Männern zu tun gehabt, die mich sogar vor dem Küssen fragten, ob sie es dürften; man kenne China zwar nicht, habe jedoch mitbekommen, dass intime Körperkontakte in Asien ein äußerst heikles Thema seien. Man wollte kein Minenfeld betreten, man sicherte sich vorsichtig ab. Wie konnte dieser deutsche Mann es wagen, mich ungefragt wie eine … deutsche Frau zu behandeln?
Meine Neugierde war nicht zu überwinden, ich entschied mich, das Spiel mitzumachen.
Mit derselben Selbstverständlichkeit begleitete er mich am Samstag auf die Shoppingtour, trug mit derselben zufriedenen Miene meine große Vero-Moda-Shopping-Tasche, die drei Paar Schuhe, ein paar teuer verpackte Shiseido-Dosen und zwei lange T-Shirts beherbergte. Auch dieses Terrain hat er erobert, dachte ich zerstreut, die Wochenend-Shopping-Time war immer meine männerfreie Zeitzone gewesen, da ihre geplagten Mienen mich gewaltig nervten. Außerdem genügte es, wenn sie meine Schönheit bewunderten … Sie mussten nicht die Quelle kennenlernen.
Es fühlte sich allerdings total entspannend an, Max neben mir beim Einkaufen zu haben. Wir teilten den Geschmack für Schuhe, er genoss es sichtlich, mich beim Anprobieren zu beraten.
Hand in Hand stolzierten wir durch die Stadtmitte, groß und zierlich, blond und schwarz, attraktiv und hübsch, deutsch und asiatisch, ein Mann und eine Frau. Die Blicke der gaffenden Leute prallten an unserer Fassade ab.
Ich schielte zu Max hoch, eine Metapher ging mir durch den Kopf. Wir liefen nebeneinander her wie die Sonne mit dem Mond. Er die strahlende, beanspruchende Sonne, ich der bescheidene, duldende, kühle Mond. Innerlich lächelte ich, das allerschlimmste Klischee war perfekt.
»Sag mal, Max, warum sagt ihr Deutschen ›die‹ Sonne und ›der‹ Mond?«
»Wie? Was meinst du?« Max war auf die plötzliche Frage nicht vorbereitet.
»Ich meine«, erklärte ich ihm, »für alle – oder fast alle anderen Länder der Welt ist die Sonne männlich, der Mond weiblich. Warum ist es bei euch umgekehrt?«
»Ich dachte, ihr habt in eurer Sprache keine Artikel?«, meinte Max.
Ich hob die linke Hand. »Na ja, nicht in dieser Form. Aber wir sagen dazu immer ›Opa‹ Sonne und ›Oma‹ Mond«, ›Onkel‹ Sonne, ›Tante‹ Mond, oder ›Bruder‹ Sonne, ›Schwester‹ Mond … das ist eindeutig genug. Oder?«
Beim Grübeln bildeten sich tiefe Falten zwischen seinen Augenbrauen.
»Hm, eigentlich habe ich mich das auch schon gefragt. Die einzige Erklärung, die mir einfällt, wäre, dass die Sonne uns die Energie, das Leben spendet, was wohl eine weibliche Eigenschaft darstellt. Aber ich weiß es nicht genau.«
Ich nickte, ohne überzeugt zu sein.
Er fragte: »Wie bist du darauf gekommen?«
»Eine der blöden Fragen zur Völkerverständigung.«
Er warf den Kopf nach hinten, das laute Lachen aus dem dicken Hals brachte mich in leichte Verlegenheit, weil sich die anderen wieder nach uns umdrehten.
Bevor er aufbrach, um die Kinder abzuholen, widmeten wir uns unserer Lieblingsbeschäftigung.
Ich beobachtete mein Spiegelbild in seinen Augen, die beiden verzerrten Gesichter, die nur eins waren und langsam nach unten trieben, bis meine beiden Augen wie dunkle Brunnen in seinen Augen zu sehen waren.
Ein Augenblick, so nennt man es. Ein Augenblick wird stets in der Vergangenheit vollendet.
»Ich finde das Wort ›erliegen‹ so toll«, sagte ich, die Augen weiter auf mein Ich in seinen Augen geheftet. »Etwas erliegen, Verb und Dativ, eine wunderschöne Kombination. Ein aussichtsloser Kampf, eine unausweichliche Niederlage. Pure Poesie!«
»Hm.«
»Kannst du mir sagen, dass du mir erliegst?«
Er rollte die Augen, damit drehten die Ichs auch zwei Kreise. »Ich bin dir erlegen«, er fing wieder an, laut zu lachen, »das hört sich außergewöhnlich an … aber es gefällt mir.«
»Nicht lachen, ich meine es ernst.«
»Ich bin dir erlegen«, erwiderte er, »ich meine es ernst.«
»Das glaube ich sehr gern.« Ich knabberte an seiner Brust.
»Und welches deutsche Wort magst du nicht?« Zwischen seinem Stöhnen vernahm ich die Frage, die er hinter mein linkes Ohr flüsterte.
»Die Beziehung«, ich hielt kurz inne, »furchtbar und eiskalt wie eine Nonne.«
»Du möchtest jemandem erliegen, du möchtest keine Beziehung. Was für eine Schlussfolgerung.«
Ich kann das Ende kontrollieren, dachte ich, ich habe das Spielchen im Griff. Das gefällt mir.
Ich lernte Lena vor fünf Jahren kennen, als ich frisch in die Stadt zog. Sie hatte im Internet inseriert, ob jemand Interesse hätte, neue Leute zu treffen. Am Abend des 11. 9. 2001 trafen wir uns in einer Studentenkneipe, nachdem der ausgewählte Tag ohne Vorabsprache mit uns ein unvergesslicher Tag wurde. Die meiste Zeit starrten wir auf den flackernden Bildschirm an der Wand. Niemand wusste richtig, was man sagen konnte. Diese Erfahrung war neu für alle.
Dennoch versuchten wir zu sprechen. Es war der Sinn bei solchen Treffen, dass man miteinander redete, dass man unter Leuten die Einsamkeit kurz vergessen konnte.
Im Alltag gehen die Deutschen distanziert miteinander um, hüten ihre private Sphäre, als wäre sie die heiligste Sache, sie sprechen sehr oft vom »Gern-allein-Sein« – umso öfter suchen sie nach der Gesellschaft fremder Menschen. Die Kneipe war überfüllt von all den freundlichen Gesichtern mit einsamen Augen. Die Zuflucht mit duftenden Getränken, warmen und fremden Körpern, die Trost spendeten.
So kamen wir zusammen: Lena, ich, Peter und ein paar andere fremde Leute – Peter wohnte nur in dem dritten Haus links von mir; ich überredete ihn dazu. Wir schauten zu, wie die Zwillingstürme in Flammen zu Boden sanken, als wären sie Kartenhäuser, ein zerbrechliches Dominospiel. Wie die Männer, Frauen und Kinder vor Angst weinten, schrien, rannten. Die verzweifelten Gesichter flatterten über den Monitor, eine Frau in der Kneipe brach in Tränen aus. Ihre Bekannten oder Freunde flüsterten ihr beruhigend zu, ein Mann nahm sie in die Arme. Ihr Schluchzen ließ langsam nach. Dann stand sie auf und sagte, ich habe genug, ich muss nach Hause. Die anderen blieben da und starrten weiter.
Peter war zwei Wochen vorher in einem der Türme, er hatte von da oben sehr schöne Panoramafotos gemacht.
Ich platzte plötzlich heraus: »Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Welt!«
Wie ich denn darauf komme, möchten die anderen von mir wissen.
»Nun, jeden Tag sterben die Menschen, der Tod gehört zum Leben, wir alle werden sterben. Nur ist das Leben eines Amerikaners viel mehr wert als das Leben eines – sagen wir – chinesischen Bauern. Wer hat gesagt, die Menschen sind alle gleich? Der war ein Lügner.«
Es war sehr unpassend, das zu sagen. Ich wusste es. Klar, es klang herzlos. Aber ich hatte eine Wut in mir, ich hasste diese Hysterie, diese Berichte über das Leiden dieses speziellen Volkes. In vielen unbekannten Ecken des Globus werden täglich mehr Leute umgebracht, sie sterben wegen Krankheiten, Seuchen, Kriegen, Verbrechen, Hunger … aus allen möglichen Gründen, an unvorstellbaren Qualen.
Wir konnten nicht helfen, wir saßen hier in der Sicherheit, tranken eine Sorte der wohltuenden Flüssigkeiten, hörten die Nachrichten, bedauerten es zutiefst und gingen nachher ins warme Bett schlafen. Wir hatten eigentlich kein Mitleid, das wir jetzt vorspielten. Morgen würden wir wie immer pünktlich aufstehen, um im Büro den friedlichen Tag zu verbringen. Wir verschwendeten keine Minute mehr als nötig an die Tragödien anderer Leute.
Es war nichts daran falsch. Wir konnten nichts tun. Ich war wütend, aber wusste nicht auf was.
Lena runzelte die Stirn über meine Äußerung, dennoch blieben wir in Kontakt, irgendwann wurden wir gute Freundinnen.
Ich brauche immer gute Freundinnen, ich, die ich allein im Ausland bin, zehntausend Kilometer von dem Geburtsort entfernt. Ich mochte sie, unternahm viel mit ihnen. Männer kamen und gingen, die echten Freundinnen blieben.
Diese Lena klingelte wie vereinbart bei mir, herausgeputzt wie ein neuer Plastikblumenstrauß.
»Stehst du jetzt auf bunt?«
»Mal was Neues.« Lena drehte sich im Kreis, ließ das lange Kleid im böhmischen Stil leicht schwingen, das fast alle Regenbogenfarben in sich vereinte.
»Bist du verliebt?«, fragte ich. »Habe beinah vergessen, wie steht es mit dem … wie heißt er? T – Irgendwas?« Ich kniff die Augen belustigt zusammen, um sie zu provozieren.
»Der T – Irgendwas heißt Tom«, sie verdrehte die Augen. »Wir haben uns viermal getroffen.«
»Hast du ein gutes Gefühl? Wird es ein fünftes Mal geben?«
»Beim letzten Mal hatten wir eine Auseinandersetzung.« Sie klang gleichgültig, als ob sie von anderen Leuten erzählte.
»Darf ich fragen, warum?« Ich linste vorsichtig zu ihr.
»Eigentlich ein Blödsinn. Er wollte in eine Kneipe gehen, worauf ich keine Lust hatte. Die war zu stark verraucht. Am Ende haben wir uns dann auf Kino geeinigt, aber die Stimmung war sehr komisch.«
»Machtspielchen«, ein Wort, das ich erst in dem freien Land lernte, dann seine »partnerschaftliche« Bedeutung erfuhr, erschien auf dem Monitor meines Gehirns. Ein Phänomen des freien Konsumlandes, worüber man diskutierte, weswegen man die ausgebildeten Paartherapeuten konsultierte, Fachartikel verfasste, sich trennte oder scheiden ließ. Ich strengte mich an, sah zwei kämpfende Hähne vor mir.
Sollte es diese Liebe geben – die wahre, absolute Liebe –, benötigte sie keine solche Macht über den Geliebten. Sie ist wie der Luftzug um die Nase, der zwischen dem Einatmen und Ausatmen keinen Spalt freilässt. Man würde von einem Lächeln des anderen ins Paradies versetzt. Welche Macht bräuchte man? Wofür? Woher? Wohin?
Im Alltag sprach man von der »Beziehung«, der Kompromissform der Liebe, in der er und sie gemeinsam versuchten, möglichst nicht allein durch das Leben zu gehen. Sie sagten dazu auch »Partnerschaft«, »Lebensgefährten« oder »Lebensabschnittgefährten«, nüchtern, zynisch, strukturiert, schön angepasst, vorsichtig vorangetrieben, im Betrachten des eigenen Interesses stets für einen Rückzug bereit.
»Weißt du«, räusperte ich, »es geht viel einfacher, wenn eine Frau einen Mann zu etwas überreden möchte …«
Lena schwieg, doch ich wusste, dass sie mir zuhörte. »Eine Chinesin würde sich nicht auf einen Streit einlassen. Sie muss ihn nur kurz tätscheln, süß anlächeln, sich an ihn schmiegen, ihm sagen, dass der Rauch darin ihrer Haut schadet, wie wäre es mit einer Kneipe mit besserer Luft? Schon kapituliert er, folgt ihr wie ein braver Junge. Und das Beste kommt noch, er wiegt sich in der männlichen Überlegenheit, auf seine Süße so viel Rücksicht genommen zu haben. Sie kichert und belohnt ihn dafür.«
»Na cool, solches Getue der kleinen Frauchen.« Lena betonte »kleinen«.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich sehe nichts Falsches daran, sondern ich finde es sehr weise. Einer meiner klugen Vorfahren plädierte dafür, ›die Harten mit der Sanftmut zu besiegen‹. Die Sanften sind in Wirklichkeit die Stärkeren, sie habe die Lage ohne Kampf unter Kontrolle. Warum gönnen wir den Männern nicht etwas Scheinüberlegenheit? Sie wollen doch gar nicht so viel.«
Lena schüttelte den Kopf. »Manchmal glaube ich fast, dass du recht haben könntest.«
Wie eine Dampflokomotive machte Peter uns die Tür auf, aus der Wohnung strömte der köstliche Duft von Essen, der, zusammen mit seinem gelben Poloshirt, den blauen Jeans und dem Lächeln, den ganzen Türrahmen füllte.
Lena und ich hingen die Mäntel in der Diele auf, zogen die dicken Schuhe aus, schlüpften in die von Peter fürsorglich bereitgestellten Hausschuhe, um ins Wohnzimmer zu gehen. Peter blieb hinter uns. Als ich mich nach ihm umdrehte, sah ich ihn meine auf dem Boden umgekippten roten Stiefel sorgfältig in die Reihe der Schuhe einsortieren.
Ich grinste: »Ordnung muss sein!«
Peter stand auf, schnitt eine Grimasse. »Einen guten Geschmack für Schuhe muss man dir lassen.«
Es gab eine Vorstellungsrunde mit den anderen Gästen, wir schüttelten uns die Hände wie öffnende Türflügel, die gesellschaftlichen Zungen übten warme Grüße.
Ein Ehepaar und zwei Männer ohne weibliche Begleitung zählte ich, plus Lena, plus mich, plus Peter natürlich.
Peter brachte uns die gewünschten Drinks, warnte, wir sollten nicht zu fest mit den Gläsern anstoßen, weil sehr fragil. Ich befühlte die Glaswand, sie war tatsächlich sehr dünn, hatte sicher ein kleines Vermögen gekostet.
Er müsse das Essen noch fertig zubereiten, entschuldigend zog sich Peter in die Küche zurück.
Er bewohnte eine einhundertfünfzig Quadratmeter große Wohnung. Die Wohnküche, in der wir uns befanden, nahm den ganzen vorderen Raum ein. Mit Lenas Augen bestaunte ich erneut die überall verteilten Stoffe, Bezüge, Deckchen, Scheibchen, Holzarten, Pflanzen und Dosen, sie fühlten sich geschmeidig an, ließen hohe Einkaufspreise vermuten. In Schwarz und Weiß hatte Peter den Schauplatz des Zusammenseins eingerichtet. Zwischen den Büchern, Sofakissen, an der Hi-Fi-Anlage und anderen kleinen Reisemitbringseln haftete hartnäckig der Geruch eines zweiundvierzigjährigen Single-Mannes, ohne Eltern, ohne eine Frau oder Kinder. Nur sein Geschmack zählte. Er allein suchte alle Teile aus, setzte sie wie ein Puzzle zusammen, brachte sie bei jedem Umzug mit. Die Teile absorbierten ihn in sich, die Pflanzen atmeten mit ihm. Sie wurden mit der Zeit »Sein«!!
Diese ruhigen Freunde, sie waren anspruchslos und treu.
Ich wuchs in einer kleinen Wohnung auf, die Eltern hatten ihr eigenes Schlafzimmer, in eine Ecke des »Wohnzimmers« stellten sie ein großes Doppelbett hin, das ich lange Zeit mit meiner Schwester teilen musste. Der einzige Schreibtisch war viel zu klein für unsere Bücher und Hefte, so setzten wir uns immer an den Esstisch in der Küche, um die Hausaufgaben zusammen zu machen. Wir kannten es nicht anders, allen Kindern in unserer Straße erging es gleich. Als wir in eine größere Wohnung einzogen, war ich fünfzehn Jahre alt. Ich bekam ein eigenes Schlafzimmer, das neben dem Bett nur den kleinen Schreibtisch beherbergen konnte. Dann ging es zur Universität, wo vier Mädchen in einem WG-Zimmer von zehn Quadratmetern untergebracht wurden. Vier Jahre lang. Alle Mädchen genossen es, in einer solchen Gemeinschaft weg von den Eltern zu leben.
Ich dachte an meine Wohnung, zwei Häuser entfernt von Peter, mit einer Diele, einer Küche, einem großen Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, einem Bad und einem großen Balkon. Meine ganzen Möbel stammten von IKEA.
Warum brauchte ein einzelner Mensch einhundertfünfzig Quadratmeter Platz?
Lena war verwickelt in ein Gespräch, während ich zu Peter in die Küche ging, um ihm meine Hilfe anzubieten. Sie steckten die Köpfe zusammen wie bei einer Verschwörung, diskutierten über Mietverträge und Steuervorteile.
Peter hatte sich eine Schürze umgebunden und hantierte in der Küche mit viel grünem Zeug, etwas Fleisch und ein paar Flaschen. Die Silhouette seines Kopfes war vor der weißen Gardine, die am Fenster hing, klar auszumachen, er beugte sich nach unten, um die Teller herzurichten.
Ich stand neben ihm. »Nach drei Jahren ist deine Wohnung endlich fertig eingerichtet?«
Er schmunzelte. »Nur die Sofas müssen neu bezogen werden, ich habe mir einen Katalog von einem guten Lieferanten zukommen lassen, sie haben sehr feine Sachen.«
Ich schielte zum Wohnbereich, die Gäste hatten das Thema auf Autos verlegt. »Lohnt es sich, so viel Geld für so exklusive Sachen auszugeben? Ich bin mit wenigem zufrieden.«
Mit einem Messer in der Hand drehte er sich halb zu mir. »Luxus muss nicht unbedingt sein, aber man gönnt sich doch gern ein schönes Zuhause.«
Ich überlegte. »Keine Ahnung, ich habe keine Motivation, die Wohnung einzurichten … Vielleicht weil ich mich darin nicht wie zu Hause fühle, sie ist … provisorisch für mich.«
»Ah, und wann ist sie endgültig?«, lächelte Peter.
»Ich glaube, dann kann ich es spüren.« Ich holte das Geschirr für ihn. »Der Buddhismus betrachtet auch das Leben, den Körper als provisorischen Behälter, als eine Illusion.«
Peter seufzte. »Nimmst du bitte auch das Besteck mit?«
Ich sagte: »Ja, gern.«
Am Fenster blieb ich kurz stehen, blickte flüchtig in die Nacht. Ich sah den winterlichen Rest dreier Bäume, ein Auto fuhr gerade ab, dessen Scheinwerfer sich mit meinen Augen kreuzten, beleuchtete die grauen Häuser gegenüber, die wie aus dem Meer plötzlich auftauchten, um sofort wieder ins Dunkel zu sinken.
