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Eine amerikanische Kleinstadt in den 1970er-Jahren, eine Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Jungen: Sie sind jung, in ihrer eigenen Welt, jede freie Minute zusammen. Doch das wird nicht gut gehen: Während er immer aufbrausender und eifersüchtiger wird und ihr Leben kontrollieren will, schwankt sie ständig zwischen dem Wunsch, ihm nahe zu sein, und dem Drang, sich zu schützen. Es wird unerträglich. Und doch zugleich berauschend – für beide. Aber am Ende wird sie überzeugt sein: Alles, was er macht, was er sagt, was er ihr antut, ist völlige Hingabe. Nur eben schmerzhaft. Anouk Hagemann zeigt eine Amour fou, zeigt Gewalt, Leidenschaft, Versessenheit. Zeigt Liebe. Und deren dunkle Seite. Überzeugend, ungeschönt und mitreißend.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Anouk Hagemann
Mein dunkles Licht
1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten© copyright byRiverfield Verlag, Reinach BL (CH)www.riverfield-verlag.ch
Korrektorat & Satzihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)
UmschlaggestaltungRiverfield Verlag & ihleo verlagsbüro
Bildnachweis UmschlagRiverfield Verlag (created with generative AI)
E-Book ProgrammierungDr. Bernd Floßmann. IhrTraumVomBuch.de
ISBN 978-3-907459-02-7 (Print)
ISBN 978-3-907459-03-4 (E-Book)
Der Film war zu Ende, und sie schaltete auf die Nachrichten um, während sie auf einem Stück Schokolade herumkaute. Sie hatte schon länger keine Nachrichtensendungen mehr geschaut, weil sie lieber Bücher las oder Musik hörte, als sich mit all den komplizierten Dingen zu beschäftigen, die im ganzen Land vor sich gingen. In ihrer eigenen kleinen Welt fühlte sie sich viel wohler.
Zuerst kam das Übliche – ein Schönheitswettbewerb, debattierende Politiker, Waldbrände im Westen. Dann fuhr der Moderator mit einem Kriminalfall fort. Ein Reporter berichtete vor dem Gerichtsgebäude über die Ereignisse und erwähnte, dass der Angeklagte der dritte und letzte Verdächtige war, der verurteilt wurde. Währenddessen wurde Videomaterial von der Urteilsverkündung gezeigt.
»… drei Fälle von Mord ersten Grades …«
Als sie die Person sah, um die es ging, vergaß sie zu kauen.
»… ohne Aussichten auf vorzeitige Entlassung.«
Ein langer, schwarzer Pferdeschwanz, strähnige Haare. Ein schwarzes, übergroßes Hemd.
»Wir seh’n uns in der Hölle, merkt euch das!«
Tätowierungen auf der Stirn.
Teufelshörner. Das sind Teufelshörner.
Als die Reportage vorbei war, blieb sie bewegungslos auf dem Sofa sitzen, schockiert und ungläubig zugleich. Das geschmolzene Stück des Schokoladenriegels lag noch immer auf ihrer Zunge.
Das Telefon begann zu klingeln, aber sie ignorierte es. Ohne nochmals nachzudenken, schluckte sie den Klumpen herunter, sprang mit einem Satz auf, schnappte sich ihren Mantel und zog ihre Stiefel an.
*
Sie war ein stilles Mädchen mit welligem, kastanienbraunem Haar. Er war ein großer, blasser Junge mit eisblauen Augen. Von dem Tag an, als sie im Unterricht nebeneinandergesetzt wurden, waren sie unzertrennlich.
Sie hatte auch zwei Freundinnen, doch er verbrachte nie Zeit mit seinen Klassenkameraden.
»Ich brauch die nicht«, sagte er stets zu ihr.
Er war fast zwei Jahre älter als sie und die anderen Kinder; er war kühn, furchtlos. Niemand lachte ihn aus, weil niemand es wagte. Er hatte etwas Einschüchterndes an sich, eine gewisse Unberechenbarkeit. Wenn sich ihm die Gelegenheit einer Prügelei bot, nutzte er sie. Es spielte keine Rolle, ob es ein Junge war, der seine Freundin anrempelte, einer, der sie bloß anschaute, oder einer, der gar nichts mit ihr zu tun hatte – alle bekamen, was sie seiner Meinung nach verdienten. Er wurde suspendiert, kam zurück und wurde wieder suspendiert. Es dauerte nicht lange, bis ihm immer mehr Kinder aus dem Weg gingen.
Ihr war das egal. Für sie war er wie ein Ritter aus einem Märchen, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sie, die im Unterricht oft zu leise sprach und sich nicht gegen Spott zu wehren traute, zu beschützen.
Ihre Wege trennten sich nur kurzzeitig, als die Middleschool anfing: Sie kamen in verschiedene Klassen, und er begann sich mit anderen herumzutreiben, während sie damit beschäftigt war, ihre Freundschaft mit den beiden Mädchen aufrechtzuerhalten. Obwohl er manchmal tagelang nicht in der Schule aufkreuzte, hielt sie nichts davon ab, sich zu treffen. Sie hatten vereinbart – erst stillschweigend, dann offiziell –, in ihrer eigenen kleinen Welt zu leben, mit ihrem eigenen besonderen Sinn für Humor und ihrer eigenen besonderen Art und Weise, miteinander zu reden. Eine Welt, die nur ihnen gehörte und die niemand sonst betreten sollte.
Streit hatten sie nie. Er war zwar oft wütend und wurde laut, aber seine Aggression richtete sich gegen andere.
»Du bist so ziemlich der einzige Mensch, den ich mag«, sagte er einmal zu ihr.
»Warum?«
»Keine Ahnung. Ist einfach so.«
Sie hob die Augenbrauen. »Komm schon, was magst du an mir?«
Er stieß die Luft aus. »Na ja … Du bist einfach nett. Normal. Mit dir kann man Spaß haben und so.«
»Du meinst Fahrradfahren oder ins Kino gehen?«
»Ja, aber auch reden. Du hörst zu, du laberst kein dummes Zeug. Sonst interessiert’s keinen Arsch, was ich sag.«
Sie sah ihn ernst an. »Ich rede gern mit dir.«
»Wieso?«, fragte er grinsend. »Du bist dran.«
»Ich weiß nicht … Weil du es immer tust. Mit mir reden nicht viele.«
Er kniff sie sanft in die Wange. »Tja, die verdammten Volltrottel verpassen auf jeden Fall was. Hey, ich hab was für dich.«
Ihre Augen weiteten sich, als er etwas aus seiner Hosentasche zog und es ihr überreichte: Es war ein kleiner Sammelband mit Geschichten.
»Aber Weihnachten ist doch erst in zwei Wochen!«
»Scheiß auf Weihnachten. Abgeseh’n davon müsstest du dann warten, stimmt’s?«
Sie lächelte ihn an. »Danke. Das wollte ich unbedingt haben.«
»Ich weiß.«
Allmählich wurde er zum Kettenraucher und begann regelmäßig zu trinken. Die auffälligste Veränderung, die sie an ihm bemerkte, war seine Stimme. Sie mochte deren neuen Klang; er war tief und rau, beinahe gefährlich.
Auch ihr Körper entwickelte sich über die Jahre. Ihre Brüste wuchsen, ihre Hüften wurden breiter, und ihr langes Haar umspielte ihr Gesicht wie Meereswellen. Sie hatte sich nie für besonders hübsch gehalten, vor allem wegen ihrer römischen Nase. Auch wenn sie zu den hohen Wangenknochen, den dunklen Augen und den kräftigen Brauen passten, war sie der Ansicht, dass sie nicht in jene Kategorie fiel, die an der Highschool als das aktuelle Ideal galt.
Irgendwann merkte sie, dass ihr Freund sie auf eine andere Weise ansah als früher, aber es störte sie nicht. Im Grunde mochte sie das Gefühl.
Er war nun viel größer als sie. Seine Haare waren lang geworden, und er hatte sie schwarz gefärbt. Er hatte schon immer feine Gesichtszüge und volle Lippen gehabt, die ihm einen fast lieblichen Ausdruck verliehen, doch seine Augen, kalt und feurig zugleich, zeichneten ein anderes Bild.
Sie gingen oft spazieren. Allerdings hatten sie unterschiedliche Vorstellungen von der perfekten Umgebung: Ihm gefiel die Dichte des Waldes, sie schätzte die Weite der Felder und Wiesen. Als sie gerade am Waldrand entlangschlenderten, erzählte er ihr, dass er aus dem Haus seines Vaters ausgezogen sei.
»Wurd’ auch Zeit, ich bin verdammt nochmal siebzehn! Endlich hab ich den Scheiß-Loser vom Hals. Wollt mich in ’ne verdammte Klapsmühle stecken, kannst du dir das vorstell’n?«
»Eine was?«
»’N Irrenhaus.«
»Warum würde er so etwas tun?«
»War nicht das erste Mal. Ich hab verdammt nochmal die Schnauze voll.« Er schnaubte verächtlich. »Weißt du noch, als ich dir das Messer gezeigt hab? Das, das ich mir vor ’n paar Jahren besorgt hab?«
Sie nickte. Kurz nachdem er in eine große Prügelei auf dem Pausenhof verwickelt gewesen war, war er damit aufgetaucht und hatte behauptet, er brauche es, um sich verteidigen zu können.
»Da hat’s angefangen. Alle sind ausgeflippt. Ich bin verdammt nochmal verhaftet worden deswegen! Was zur Hölle ist los mit denen?«
»Na ja, vielleicht hättest du es nicht so offensichtlich mit dir herumtragen sollen«, entgegnete sie, und er verdrehte die Augen.
»Darum geht’s nicht, klar? Es war ’n verdammt geiles Messer, und ich hab mich gefühlt wie ’n Champ damit! Ich bin kein verdammter Spinner, darum geht’s.«
»Ich weiß.«
»Scheiß auf ihn. Scheiß auf alle. Ist mir egal, ob sie mich hassen. Ich lieb’s.«
»Warum denn das?«
»Weil’s mir Macht gibt. Verstehst du? Dieser römische Kaiser, wie heißt er nochmal … Der hat gesagt, es ist scheißegal, ob die Leute dich hassen, solang sie dich fürchten. Verdammt genial! Genau das mein’ ich.«
Einmal mehr fiel ihr auf, wie hibbelig er war. Er konnte keine fünf Sekunden lang stillhalten, gestikulierte, rieb sich die Nase oder warf den Kopf in den Nacken. In letzter Zeit schien es schlimmer geworden zu sein.
Nach einem Moment des Schweigens räusperte sie sich. »Wo wohnst du denn jetzt?«
»Bei ’nem Kumpel.«
»Oh! Cool. Wer ist es?«
»Kennst du nicht. Geht schon lang nicht mehr zur Schule.«
»Ach so … Gefällt’s dir?«
»Ja, macht Spaß. Keine Regeln, nur pures Chaos.«
Sie lächelte.
»Und er hat ’ne Menge interessantes Zeug. Bücher zum Beispiel.«
»Du liest?«, fragte sie und hob die Augenbrauen. »Seit wann denn?«
»Kommt auf die Literatur an«, antwortete er und grinste. »Natürlich hat er auch den üblichen Schulscheiß, Orwell, Woolf, all das … Nichts für mich, war’s auch nie. Sorry, dass ich dich enttäuschen muss.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ach, mach dir nichts draus. Ich habe die Hoffnung schon lange aufgegeben …«
Er grinste wieder.
»Tja, das Buch hat mich verdammt nochmal umgehau’n, so viel steht fest. Schon mal was von Satanismus gehört?«
»Satan sagt mir etwas, aber Satanismus …«
»Weißt du«, fing er an und schniefte, »ich hab kapiert, dass ich einfach kein guter Mensch sein soll und gute Dinge tun und bla, bla. Ich glaub an das, was andre ›böse‹ Dinge nennen – Chaos, Anarchie, Gewalt. Sich den Regeln widersetzen, sie brechen. Darum geht’s beim Satanismus.«
»Geht es beim Punk nicht auch darum?«
»Punk ist scheiße! Damit bin ich durch. ’N Haufen verdammter Loser.«
»Was ist denn an Satanismus besser?«
»Es steckt im Wort: Satan.«
Sie sah ihn verständnislos an.
»Ich sollt’ Satan anbeten, nicht Gott. Was hat Gott je für mich getan? ’N Scheiß! In meiner Welt gibt’s keinen verdammten Gott. Satan kennt mich, er weiß, wie ich mich fühl. Er steht für das Schlechte, das Böse, die wahre Natur der Menschheit. Jeder von uns hat ’n Teufel in sich, und manche von uns spür’n, dass sie den Teufel über sich herrschen lassen sollten.«
»Okay«, sagte sie und versuchte ihr wachsendes Unbehagen zu verbergen. »Und wie – verehrst du ihn?«
»Schwarze Klamotten, wie du siehst. Wir geh’n zum Friedhof, treten hier und da ’n Grabstein um … Zünden blöden Krempel an, scheißen die Arschlöcher zusammen, die uns schief anglotzen. Dann wär’n da noch Rituale …«
Nun wurde ihr von seinem Gerede wirklich mulmig zumute. »Rituale?«
»Jepp.«
Sie wartete, aber er fügte nichts mehr an. »Was zum Beispiel?«
»Ach, das willst du nicht wissen.« Er lachte in einer Art und Weise auf, die sie beinah erschauern ließ.
»Doch, will ich.«
»Ne, vergiss es, okay?«
»Vergiss es? Warum hast du überhaupt damit angefangen, wenn du nicht mal …«
»Der Scheiß geht dich nichts an, kapiert?«
Sie öffnete den Mund, sagte jedoch nichts mehr, weil sie zu verwirrt war. Was hab ich ihm bloß getan?
Ein paar Minuten lang gingen sie Seite an Seite, beide ihren eigenen Gedanken nachhängend. Sie schmollte und war kurz davor, ihm zu sagen, dass sie nach Hause gehen wolle, als er sich räusperte.
»Ich wollt dich nicht anschnauzen.«
»Okay«, murmelte sie.
»Du würdest es sowieso nicht versteh’n, aber macht nichts. Brauchst du auch nicht. Ich find einfach, dass die meisten Leute, die sich als ›gut‹ bezeichnen, verdammte Heuchler sind, das ist alles.«
Sie runzelte die Stirn. »Also, ich bin bestimmt keine Heuchlerin.«
Er lachte und nahm eine Zigarette hervor. »Natürlich nicht. Du bist anders.«
»Wie meinst du das?«
»Du bist nicht wie andre Leute. Ich würd dich hassen, wenn du gleich wärst wie all die andern dummen Fotzen hier, aber das bist du nicht. Du bist ’n wirklich guter Mensch. Du bist – rein.«
Sie runzelte die Stirn, und er machte eine fragende Geste mit den Händen.
»Was?«
»Rein? Was soll das überhaupt bedeuten?« Unwillkürlich kicherte sie.
»Was zur Hölle ist so witzig, hä?«, blaffte er sie wieder an, und sie fuhr zusammen.
Herrgott, was ist los mit ihm? »Hey, komm wieder runter, okay? Ich versuche nur, dich zu verstehen. Kein Grund, mich anzuschreien.«
»Okay, okay, sorry. Verdammt.« Er berührte flüchtig ihre Wange und nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette. »Diese Sache ist einfach echt wichtig für mich, verstehst du? Ich hab mein wahres Ich gefunden, und ich hab Leute gefunden, die so denken wie ich. Und ich will, dass du verstehst, welche Rolle du in all dem spielst.«
»Und was für eine Rolle ist das?« Sie war sich ziemlich sicher, dass sie keine Rolle in seinem Spiel spielen wollte.
»Wie ich schon sagte – du bist das Gute, ich bin das Böse. Du bist ’n Engel, du hast keinen Teufel in dir, und darum brauchst du mich. Ich bin der Teufel, und ich mach dich komplett, genauso wie du mich komplett machst.«
»Warum glaubst du, dass ich keinen Teufel in mir habe? Ich dachte, jeder hat einen, das hast du vorhin selbst gesagt.«
»Na ja, du nicht. Du bist die Einzige, die keinen hat. Du säufst nicht, du rauchst nicht, du bist nicht scheiße zu andern …«
»Es gibt viele, die nett zu anderen sind und weder rauchen noch trinken. Was ist mit meinen Freundinnen?«
»Die interessier’n mich nicht«, sagte er ungeduldig, »Tatsache ist, dass ich noch nie jemanden getroffen hab, der so ist wie du. Du bist nicht dumm, du bist keine Klugscheißerin, du bist keine Schlampe. Du bist anders, du stehst über allen andern. Ich kenn dich mein halbes Leben, und du warst immer gut zu mir.«
Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie ihn als elfjährigen Jungen am Boden vor sich, mit blutverschmiertem Gesicht, weinend und nach ihrer Hand greifend, wie ein ertrinkender Matrose, der sich an sein Schiff klammert. Obwohl es schon Jahre her war, dachte sie immer wieder daran.
»Hörst du mir zu?«
»J-ja, klar, entschuldige. Aber du kennst nicht jeden auf diesem Planeten. Woher willst du wissen, dass ich der einzige wirklich gute Mensch bin?«
»Ich hab genug Volltrottel getroffen, um sicher zu sein, dass es niemanden wie dich gibt.«
Sie wollte widersprechen, traute sich aber nicht. Er schien unnachgiebig. »Und … Was wäre, wenn ich dich eines Tages enttäuschen würde?«, fragte sie stattdessen. »Was wäre, wenn ich doch nicht so gut bin, wie du glaubst?«
Er lächelte sie an.
»Du wirst mich nicht enttäuschen.«
Diese Worte sollten sie eigentlich beruhigen, doch das taten sie nicht. Irgendetwas gefiel ihr nicht an der Art und Weise, wie er über sie sprach.
»Und ich weiß auch«, fuhr er fort, »dass du dich nicht an irgend ’n Scheißbastard verschwenden würdest. Es gibt so viele Schlampen da draußen, weißt du? Die die Beine breit machen, wann immer sie können. Aber du nicht, weil du Stolz hast und Würde. Keiner von all den Volltrotteln hier ist es wert, dich anzufassen.«
In dem Moment begriff sie, dass er wohl niemals jemand anderen an ihrer Seite dulden würde. »Findest du, dass du es wert bist?«, fragte sie keck.
Plötzlich schien er nervös. Er sah zu Boden und ging schneller.
»Frag mich das nicht, okay?«
»Warum?«
»Lass es einfach. Es ist … Ich kann’s jetzt nicht erklär’n.«
»Warum nicht? Worauf willst du hinaus?«
»Hör auf mit der verdammten Fragerei«, sagte er, erneut die Stimme erhebend. »Okay?«
Sie erwiderte nichts mehr, und sie gingen schweigend nebeneinander her wie zuvor. Als sie bemerkte, dass etwas seine Jacke hochkrabbelte, wischte sie es weg.
»Was war das?«
»Eine Spinne.«
Er sah sie an und legte den Arm um sie. Sie wich nicht zurück.
*
Später im selben Jahr brach er die Schule endgültig ab. Fast zwei Wochen, nachdem sie zuletzt mit ihm telefoniert hatte, rief er sie mitten in der Nacht an. Sie schreckte auf und tastete nach dem Hörer.
»Rate, wer dran ist!«
Sie schüttelte den Kopf. »Zum Glück hab ich meinen eigenen Anschluss … Kannst du mich nicht wenigstens ein Mal zu einer normalen Zeit anrufen, so wie normale Menschen?«
»Ich ruf dich gern in der Nacht an. Du klingst verdammt sexy, wenn du flüsterst.«
Meist ignorierte sie seine Flirtversuche, auch wenn sie ihr nicht unangenehm waren. Nach einem Gähnen setzte sie sich auf.
»Also, was hast du so getrieben? Ich habe mir langsam Sorgen gemacht.«
»Ach ja?«
Er klang erfreut. Sie grinste.
»Nur ein bisschen, mach dir keine Hoffnungen.«
»Ah! Worte wie Messerstiche! Du bist ’ne grausame, grausame Frau.«
Sie kicherte leise. »Sag schon, wo warst du?«
»Na ja, brauchte ’n Job, oder?«
»Wo arbeitest du?«
»Tankstelle.«
»Wie hast du den Job bekommen?«
»Bin einfach reingegangen und hab gefragt.«
»Cool.«
Seit dem Tag ihrer ersten Begegnung bewunderte sie ihn für seine Unverfrorenheit.
»Aber ich hasse dieses verdammte System, das kann ich dir sagen. Der Scheißkerl kommandiert mich rum, als ob ich sein verdammter Sklave wär! Wieso kann ich nicht einfach mein verdammtes Ding machen, ohne wie Dreck behandelt zu werden?«
Sie ignorierte seine Nörgelei. »Du hättest mich vorwarnen können, weißt du.«
»Hä?«
»Na ja, woher hätte ich wissen sollen, dass du wirklich die Schule abbrechen willst? Wo kam das auf einmal her?«
»Oh, ich bitte dich, ich hab’s immer gehasst.«
Sie erinnerte sich an seine unzähligen Fehltage und zuckte mit den Schultern. »Okay, aber wer geht schon gern zur Schule?«
»Verdammt richtig. Du solltest auch aufhör’n! Wir könnten unsern eigenen Filmladen aufmachen.«
Sie lächelte wieder und schüttelte den Kopf. »Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die Schule abbrechen würde.«
»Natürlich nicht, du langweiliges, braves Mädchen.«
»Nenn mich nicht langweilig, du weißt, dass ich das hasse!«
Er lachte dreckig auf. »Ich glaub’s nicht, dass es immer noch funktioniert!«
»Du bist ein Arsch.«
»Oh verdammt, ich kann mir vorstell’n, was du grad für ’n Gesicht machst!«
»Hör mal, ich will weiterschlafen. Kommst du bitte endlich zur Sache?«
»Also gut, ich muss dich seh’n.«
Er sagte ihr wo und wann, und sie trafen sich zwei Tage später. Als sie aufeinander zugingen, lächelten beide.
Du siehst so gut aus.
Nach einer langen Umarmung musterte er sie von oben bis unten. »Diese Shorts sind – bemerkenswert.«
Sie lachte kokett. »Na ja, es ist bemerkenswert heiß, ich hatte also keine Wahl.« Sie setzten sich am Rande des Gehsteigs hin.
»Der Job ist für ’n Arsch«, grummelte er, »aber die Miete ist jeden verdammten Monat fällig.«
»Also wohnst du jetzt allein?«
»Jepp. Totale Freiheit.« Er holte eine Zigarette und ein Feuerzeug hervor.
»Darfst du hier rauchen?«
»Ist mir scheißegal.«
»Natürlich.«
Er grinste. »Also, was gibt’s Neues?«
»Eigentlich nichts. Wie du weißt, geh ich immer noch zur Schule … Hey, ich hab ein ›Genügend‹ in Mathe bekommen letzte Woche!«
»Gratuliere, du Genie.«
»Danke, Blödmann. Und bei dir?«
»Nicht viel …«
»Wann hast du angefangen?«
»Montag.«
»Letzten Montag?« Er nickte, und sie runzelte die Stirn. »Was hast du denn in der Zwischenzeit gemacht?«
»Weiß nicht … Dies und das. Ach, und, ähm …« Er räusperte sich. »Ich hab gebumst. ’N paar Mal, genau genommen.«
Einige Sekunden lang konnte sie nicht anders, als ihn mit offenem Mund anzustarren.
»Ach ja?«, sagte sie schließlich mit leicht schriller Stimme.
Er zuckte mit den Schultern. »Dachte nur, du solltest es wissen.«
Sie blickte einige Sekunden lang stumm in die Ferne und sammelte sich dann wieder.
»Wie war’s denn?«
»Wie meinst du das, wie war’s?«
»Na ja … Ich weiß nicht. Ich dachte, vielleicht war es besonders. Romantisch, was auch immer …«
Er schnaubte. »Romantisch, so ’ne Scheiße.«
Aus irgendeinem Grund verärgerte sie die Art und Weise, wie er darüber redete. »Hey, was ist los mit dir? Hast du überhaupt nichts Gutes darüber zu sagen?«
»Tja, wenn ich ehrlich bin: Nein, hab ich nicht! Okay? Wir haben im Wald ’ne Party gefeiert, alle haben gesoffen und sich Zeug reingepfiffen und …«
»Was für ein Zeug?«
»Egal«, sagte er hastig, »wir hatten ’n nettes, kleines Feuer, wir haben ’n paar satanische Verse aufgesagt, und irgendwann haben wir’s alle getan.«
Sie erwiderte nichts, schlicht, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.
Als sie still blieb, fügte er an: »Das ist alles.«
Endlich fand sie die Sprache wieder. »Okay … Für mich klingt das, als hättest du Spaß gehabt.«
Er schüttelte den Kopf und starrte ins Leere. Sie betrachtete ihn von der Seite, seinen schwarzen Pferdeschwanz, seine Stirn, seine gerade Nase, sein ganzes blasses Gesicht.
Warum bin ich so fasziniert von dir?
»Ich muss es dir also wirklich erklär’n?«
Sie sah ihn verständnislos an. »Was erklären?«
Er verdrehte die Augen.
»Tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht, worauf du hinauswillst.«
»Also gut: Du weißt verdammt genau, dass ich nur dich will. So, ich hab’s gesagt. Zufrieden?«
Obwohl sie ihn schon so lange kannte, konnte sie sich an keinen peinlicheren Moment mit ihm erinnern. Dennoch musste sie sich eingestehen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.
»Whoa! Nein … Nein, das wusste ich nicht.«
»Oh, ich bitte dich!«
»Wirklich nicht! Woher denn? Du hast es mir ja nie gesagt, oder?«
»Ach, zur Hölle damit. Ich wollt das sowieso mit dir besprechen, also kann ich’s auch jetzt tun.«
Die darauffolgende Kunstpause machte sie nervös.
»Weißt du noch, als du mich gefragt hast, ob ich’s wert bin, es mit dir zu machen?«
Sie nickte langsam. Er drückte die Zigarette aus und faltete seine Hände. Er schien konzentriert, als wägte er seine Worte vorsichtig ab.
»Ich hab viel drüber nachgedacht, und jetzt seh’ ich alles glasklar: Wir sind füreinander gemacht. Wenn du und ich es machen würden, wär das das ultimative – Ding. Die Vereinigung von Gut und Böse.«
*
»Die Vereinigung von Gut und Böse«, wiederholte sie, und es hörte sich sonderbar an in ihren Ohren.
»Ja. Verstehst du? Ich bin der Eine für dich, und du bist die Eine für mich.«
Sie verschränkte die Arme und sah ihn herausfordernd an. »Ach ja? Fällt mir schwer, das zu glauben, wenn ich daran denke, dass du es mit anderen machst.«
Er zuckte mit den Schultern. »Das bedeutet nichts. Ich bin ’n Kerl, ich brauch’s einfach.«
»Und wenn ich auch Sex haben will?«
Er sah sie schräg an. »Na ja, das willst du nicht, stimmt’s? Nicht mit einem von diesen verdammten Volltrotteln an der Schule.«
Nach einem tiefen Atemzug sagte sie: »Ich finde, wenn du irgendein Mädchen – vögeln kannst, das dir nichts bedeutet, um dein Bedürfnis zu befriedigen, dann kann ich dasselbe tun, wenn ich meins befriedigen will. Das ist fair, oder?«
Sie konnte dabei zusehen, wie seine Miene versteinerte.
»Nein, das ist Rumhuren.«
Sie sprang auf.
»Hey!«
Er packte sie am Arm, und sie drehte sich abrupt um.
»Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich tun soll und was nicht, und gleichzeitig alles tun, was du willst, ohne mich zu fragen! So etwas machen Freunde nicht, okay?«
»Hör mir zu …«
»Ist dir überhaupt klar, dass du mich gerade Hure genannt hast?«
»Ich hab dich nicht Hure genannt, okay? Ich würd dich niemals so nennen. Du hast nicht kapiert, worum’s geht.«
»Oh, entschuldige bitte, dass ich nicht durchblicke bei all dem Blödsinn!«
Er machte eine rasche Handbewegung, um sie zum Schweigen zu bringen. »Hör mir verdammt nochmal zu, okay? Ich will damit – ich will damit sagen, dass ich dein Erster sein sollt. Verstehst du? Ich will nicht, dass du benutzt wirst von so ’nem Scheißkerl, der dich nicht verdient. Das will ich sagen. Und es ist verdammt nochmal kein Blödsinn, kapiert?«
Sie sah ihn an, die Arme in die Hüften gestemmt. »Warum glaubst du, dass alle anderen Scheißkerle sind? Und warum glaubst du, dass du mich verdienst?«
Er packte sie bei den Schultern und starrte ihr in die Augen. Seine Augen hatten sie schon immer in ihren Bann gezogen; sie waren so hell und klar, dass sie manchmal geradewegs durch sie hindurchzustoßen schienen wie gleißende Schwerter.
»Genau das mein ich!« Sie erwachte aus ihrem kurzen, eisblauen Tagtraum. »Wir sind füreinander bestimmt«, fuhr er fort, jetzt beinahe flüsternd, »siehst du das nicht? Wir passen aufeinander auf seit dem Tag, als wir uns zum ersten Mal geseh’n haben. Wir sind füreinander gemacht! Du bist zu gut für jemand anders, und ich bin zu böse für jemand anders. Wir könnten für immer zusammen sein.«
Ihr schwirrte der Kopf, und sie konnte sich nach wie vor nicht entscheiden, ob er kompletten Unsinn redete oder völlig vernünftige Dinge von sich gab – zumindest im Rahmen seines eigenen seltsamen Universums.
»Hey du, zurück an die Arbeit! Die Pause ist vorbei!«
»Ja, ja, komme!«, rief er unwillig, ohne sich umzudrehen.
Der Mann von der Tankstelle ging kopfschüttelnd und fluchend zurück in den Laden.
»Komm schon, sag was!«
»Okay, also … Damit ich das richtig verstehe: Du willst mein Erster sein, und darum soll ich keinen Sex haben, bis ich bereit bin, es mit dir zu tun.«
Er nickte. Ein paar Sekunden lang stand sie ganz still und dachte nach. Dann warf sie die Hände ratlos in die Höhe.
»Aber ich bin nicht deine Erste! Das ergibt keinen Sinn. Ich verstehe nicht, warum ich warten sollte, wenn du schon …«
»Ich hab ’ne verdammte Ewigkeit auf dich gewartet«, fiel er ihr harsch ins Wort. »Was hätt ich denn machen soll’n, hä? Du hast mir nie das Gefühl gegeben, dass wir mehr als Freunde sein könnten, und das weißt du verdammt nochmal auch. Also halt mir jetzt keine Scheißpredigt!«
Wieder war es ihr erster Impuls, sich zu verteidigen, aber diesmal fiel ihr nichts ein, was sie zu ihrer Verteidigung hätte sagen können.
Er hat recht.
Als sie weiterhin schwieg, fragte er mit sanfterer Stimme: »Willst du denn nicht, dass ich dein Erster bin?«
Auf so eine schwierige Frage war sie nicht vorbereitet. Er kam näher, bis er so nah war, dass sie befürchtete, er würde sie küssen – befürchtete oder wünschte, sie war sich nicht sicher.
»Weißt du«, fing er wieder an und stieß einen verärgerten Seufzer aus, »ich kapier’s einfach nicht. Du fängst nie was mit jemandem an, aber meine Anmachen geh’n dir auch am Arsch vorbei … Scheiße, ich weiß nicht. Du bist mir ’n verdammtes Rätsel.«
»Na ja … Wenn ich etwas mit einem anderen Typen anfangen würde, würdest du mich hassen, oder? Das hast du vorhin ziemlich deutlich gemacht.«
»Dann willst du’s also?«, fragte er in einem beinahe drohenden Ton, und sie fühlte sich sofort wieder unter Druck gesetzt.
»Das hab ich nicht gesagt!«
»Du hast’s aber verdammt nochmal angedeutet. Wer ist der Bastard?«
»Hey, was soll das?«
»Sag schon, wer?!«
»Da ist niemand! Ich habe nur gesagt, dass …«
»Willst du die ganze verdammte Junior High ficken? Ist es das, was du willst?«
Ich fass es nicht …
»Was in aller Welt ist los mit dir? Warum greifst du mich so an? Ich habe doch nur theoretisch gesprochen, wieso … Ach, vergiss es!« Sie schüttelte den Kopf und starrte auf ihre Füße. Als ihr klar wurde, dass er sich nicht entschuldigen würde, fragte sie vorwurfsvoll: »Warum musst du so sein?«
»Wie denn?« Er zuckte mit den Schultern. »Ich fühl, was ich verdammt nochmal fühl. Nichts verkehrt dran, oder?«
»Aber was ist mit meinen Gefühlen?«
»Was ist mit denen?«
»Na ja, du – bist der Mensch, mit dem ich am liebsten zusammen bin«, murmelte sie und fingerte am Anhänger ihrer Kette herum. Es war ein runder Mondstein, umrahmt von einem Halbmond aus Silber. Ein Weihnachtsgeschenk ihrer Eltern. »Reicht dir das nicht? Sex ist nicht alles, weißt du.«
Als ob ich etwas davon verstehen würde …
»Hör mal, es ist nur Bumsen, okay?«, begann er sich sofort zu rechtfertigen. »Nur Körper auf Körper, kein Gefühlsscheiß. Du bist die Einzige, die mir wirklich was bedeutet.«
Sie erwiderte nichts.
»Wenn du willst, dass ich aufhör’, mach ich’s«, fuhr er fort. »Sag’s, und ich hör sofort auf.«
So wie er das formulierte, klang es wie eine Bitte. Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
»Ich werde dir das nicht verbieten.«
»Oh!« Er schien gekränkt.
Oder verletzt?
»Es ist dir also wirklich scheißegal, was?«
»Ich habe nicht gesagt, dass es mir egal ist! Ich finde nur, dass du aufhören solltest, weil du es willst, und nicht, weil ich es dir sage.«
»Aber willst du’s denn nicht?«
Sein stechender Blick machte sie nervös und sie wandte die Augen ab.
»Willst du’s denn nicht, Engel?«
Seit er ihr von seiner Theorie von Gut und Böse erzählt hatte, nannte er sie hin und wieder Engel … Sie war sich noch nicht sicher, ob ihr dieser Kosename gefiel.
»Na ja … Ja, ich … Ich glaube schon. Ich meine, ich mag dich ja.« Obwohl sie das Gefühl hatte, einwilligen zu müssen, fühlte es sich nicht falsch an.
»Jawohl!«, rief er und schlug die Hände zusammen. »Verdammt, das ist brutal.«
»Aber ich brauche Zeit, okay? Ich tue nichts mit dir, solange ich nicht bereit bin.«
»Ja, ja, alles klar. Ich geb dir alle verdammte Zeit der Welt, keine Angst.«
Plötzlich kam ihr etwas in den Sinn, und sie schaute ihn skeptisch an. »Übrigens, hast du verhütet?«
Ein verständnisloser Blick war die einzige Antwort, die sie bekam.
Ach, herrje.
»Tja, eins kann ich dir gleich sagen: Wenn du nicht anfängst, Gummis zu benutzen, kannst du das Ganze vergessen.«
»Was? Wieso?«
»Wieso? A, weil du jemanden schwängern könntest, und B, weil es echt riskant ist, nicht zu verhüten. Mum hat mir alles darüber erzählt.«
»Seit wann ist sie die verdammte Expertin?«
»Na ja, sie hat Medizin studiert. Und sie liest immer noch Fachbücher.«
»Beeindruckend«, kommentierte er abfällig. »Und warum zur Hölle ist sie jetzt keine Ärztin?«
»Weil sie Mutter sein wollte.«
»Na dann. Viel aufregender, als verdammte Leben zu retten, was?« Er grinste, aber sie sah ihn mit verschränkten Armen streng an.
»Würdest du wohl aufhören, meine Mutter zu beleidigen?«
»Glaub mir, wenn deine verdammte Mutter … Ach, scheiß drauf.«
Das Aufflammen des Zorns in seinen Augen war ihr nicht entgangen.
»Was wolltest du sagen?«
»Vergiss es, okay?«
»Du redest nie über deine Mutter, woher soll ich denn wissen, was bei dir los ist?«
Er starrte sie an, und es kam ihr vor, als wäre er kurz davor, zu explodieren. »Lass es. Okay? Das ist verdammt nochmal meine Sache. Sie ist ’ne Fotze, mehr brauchst du nicht zu wissen.«
Komm schon, lass ihn in Ruhe.
»Also, was ist mit deiner Moralpredigt?«
Sie seufzte und erwiderte dann: »Tja … Du kannst dir Krankheiten einfangen, weißt du.«
»Was für Krankheiten?« Jetzt schien er etwas besorgt.
»Ich erspare dir die Einzelheiten.«
»Ne, ne, ne, Moment mal: Was für verdammte Krankheiten?«
»Krankheiten, die du nicht mehr loswirst. Benutz einfach die Dinger, okay? Ich sage das dir zuliebe. Du willst dich nicht für den Rest deines Lebens da unten kratzen müssen oder Schlimmeres.«
Seine Augen weiteten sich. »Scheiße, ist das verdammt nochmal dein Ernst?«
»Es stimmt, glaub mir. Manche Sachen kannst du auch kriegen, wenn du sie benutzt, aber das Risiko ist viel geringer.«
»Heilige Mutter Satans …«
»Und was mich angeht: Ich will kein unangenehmes Souvenir kriegen, das du dir im Bett von irgendjemand anderem aufgelesen hast.«
»Ja, ja, schon gut, ich hab’s kapiert.« Nach ein paar Sekunden fügte er an: »Aber … Ich mein, keiner benutzt die.«
»Na und?«, entgegnete sie mit einem Schulterzucken. »Das heißt nicht, dass es nicht das Richtige ist, stimmt’s?«
»Wen haben wir denn hier?«, sagte er grinsend: »Die verdammte Stimme der Vernunft.«
»Also wirst du sie benutzen?«
»Von mir aus. Aber eins kann ich dir garantier’n: Ich hab keine von denen geschwängert. Dafür hab ich gesorgt.«
»Keine von denen? Von wie vielen reden wir eigentlich?«
»Weniger als fünf, mehr als eine. Zufrieden?«
»Warum kannst du mir nicht einfach eine normale Antwort geben?«, fragte sie enttäuscht.
»Weil mir die Schlampen am Arsch vorbeigeh’n, okay? Ich hab keinen Bock, über die zu reden.«
»Aber … Du kannst nicht wissen, ob nicht doch etwas schiefgegangen ist.«
»Doch, kann ich.«
»Rausziehen ist keine sichere Methode.«
»Ich weiß. Ich bin nicht so blöd, wie du denkst.«
Sie runzelte die Stirn. »Wovon redest du dann?«
Als er den Mann erneut im Stechschritt herauskommen sah, küsste er sie auf die Wange. »Muss los.«
Bevor er sich umdrehen konnte, packte sie ihn am Arm. »Hey, willst du mir nicht noch deine neue Nummer aufschreiben?«
»Ne, wieso? Du rufst mich sowieso nie an.«
Sie war perplex.
»Na ja … Nur für den Fall, ich meine … Ich weiß ja nicht mal, wo du …«
»Ich meld mich schon, okay? Mach dir keinen Kopf.«
»O-okay.«
»Bis dann.«
Ihre Augen hingen an ihm, bis er an dem wütenden Mann vorbeigegangen und ihm die Eingangstür des Tankstellenladens vor der Nase zugeknallt hatte.
Will ich das wirklich?
Vielleicht schon.
Schließlich fand sie den Gedanken, dass er dazu bestimmt war, ihr Erster zu sein, reizvoll, obwohl sie nicht mehr seine Erste werden würde. Reizvoll und beängstigend zugleich – genau wie er.
*
Drei Wochen später ging sie zum ersten Mal zum Psychologen. Eine ihrer Freundinnen, die immer lächelnde Blondine mit dem runden Gesicht, hatte sie auf die Idee gebracht, indem sie von ihrer Cousine erzählt hatte.
»Angeblich hat sie die tollsten Gespräche mit diesem Typen. Sie redet über alles mit ihm, ihre Figur, Jungs, Sex … Igitt. Ich meine, wer will schon seine Probleme mit einem Wildfremden besprechen? Sie ist siebzehn, und er ist … Was auch immer. Alt eben. Es ist so schräg!«
»Warum redet sie nicht mit ihren Eltern? Oder mit ihren Freunden?«
»Na ja, sie sagt, dass die sie nicht verstehen. Dass sie überhaupt niemand versteht. Und dass sie sich wohlfühlt bei ihm, weil er sie nicht ›verurteilt‹ oder wie auch immer …«
»Spricht er denn nicht mit ihren Eltern über sie?«
»Nein, darf er nicht. Ich glaub, das heißt Schweigepflicht.« Sie schnaubte spöttisch und warf ihr golden schimmerndes Haar nach hinten.
»Ich versteh echt nicht, warum sie so von dem Typen schwärmt … Natürlich verurteilt er sie nicht, er wird schließlich dafür bezahlt, mit ihr zu reden! Welchen Rat kann er ihr schon geben, den jemand anders ihr nicht umsonst geben könnte? Ich würde mir nie sowas antun.«
Ich muss zu diesem Mann.
Ein Fremder. Jemand, der weder sie noch ihren Freund kannte. Ihm könnte sie alles erzählen, ohne befürchten zu müssen, dass er zu ihren Eltern rennen würde.
Doch selbstverständlich musste sie ebendiese zuerst um Erlaubnis fragen.
Als sie im Wohnzimmer vor ihnen stand, wippte sie nervös mit dem rechten Fuß. Beide hörten ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Am Ende ihrer Einführung atmete sie tief durch.
»Eigentlich … Eigentlich brauche ich einfach jemanden, mit dem ich darüber reden kann.«
Ihre Mutter runzelte die Stirn. Sie hatte dieselben kastanienfarbenen Wellen wie ihre Tochter, doch ihre Augen waren heller, fast wie Bernsteine.
Und ich habe Braun bekommen. Gewöhnliches Braun.
»Aber du kannst doch mit uns reden.«
»Ich glaube nicht«, entgegnete sie leise. Sie wusste, dass sie sich ihrer Mutter nicht anvertrauen konnte. Diesmal nicht. Die Forderung, die ihr Freund gestellt hatte, würde selbst diesem sanftmütigen Wesen zu weit gehen.
»Warum nicht?«
»Weil ihr ihn hasst.«
»Ich hasse ihn nicht.«
»Dad schon.«
»Tja, er ist schließlich ein Krimineller«, sagte ihr Vater mit verächtlicher Miene. »Seit dem Tag, als ich von diesem Messer erfahren habe, weiß ich, wieso ich den Jungen nie gemocht habe.«
Sie schnaufte. »Siehst du, Mum? Genau deswegen habe ich keine Lust, mit euch darüber zu reden.«
»Na ja, Dad macht sich eben Sorgen um dich … Das verstehe ich.«
»Er war immer gut zu mir«, erwiderte sie trotzig.
»Na und?«, warf ihr Vater ein. »Er macht trotzdem nur Ärger, und das weißt du.«
»Aber …«
»Du brauchst keinen Seelenklempner, das ist lächerlich«, winkte er ab. »Abgesehen davon bist du ja nicht diejenige, mit der etwas nicht stimmt, oder?«
»Niemand würde davon erfahren.«
Er lachte auf. »Oh doch, allerdings! Solche Neuigkeiten verbreiten sich hier wie ein Lauffeuer.«
»Ich würde aufpassen, niemand würde mich sehen.«
»Das kommt nicht in Frage.«
»Bitte, Dad, bitte«, bettelte sie.
»Du hast so etwas nicht nötig.«
»Das kannst du nicht entscheiden!«
»Ich weiß, dass es so ist, und du weißt es auch!«
Es folgte ein Moment des beleidigten Schweigens. Sie verschränkte die Arme, und er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, die bereits vollständig grau waren.
»Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee«, sagte ihre Mutter unerwartet und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es vernünftig, diese Freundschaft mit jemandem zu besprechen, der eine – neutralere Perspektive hat. Jemand, der neue Denkanstöße geben kann.«
Unter anderen Umständen hätten Mutter und Tochter über den Ausdruck der völligen Fassungslosigkeit auf dem Gesicht des Vaters gelacht.
»Es gab Zeiten, da hätte ich mir so eine Person gewünscht. Man kann nicht alles mit seinen Eltern teilen, ich weiß das aus Erfahrung. Auch du hast dich öfter mal unverstanden gefühlt, stimmt’s?«
Er brummte. Seine Tochter schaute ihm direkt in die Augen.
»Ich will das, Dad«, beharrte sie. »Wirklich. Ich weiß, dass es mir guttun wird.«
»So etwas kostet Geld«, erwiderte er nach ein paar Sekunden und verschränkte die Arme. »Und meiner Meinung nach ist es das nicht wert.«
»Ich zahle es dir zurück, jeden Cent, wenn du willst. Ich suche mir einen Job, sobald ich kann.«
Sie berührte seinen Arm. Er sah sie mit weicherer Miene an, und jetzt schien es, als zöge er wenigstens in Erwägung, es ihr zu erlauben.
»Du bist ein vernünftiges Mädchen … Wie kommst du auf so eine Idee? Machst du dir denn keine Sorgen darüber, was andere von dir halten könnten?«
»Nein. Das ist mir egal.« Sie zögerte. »Ich … Ich will nur lernen, wie ich mit ihm umgehen soll.«
»Wie meinst du das?«
»Na ja … Ich mag ihn. Er ist mein Freund, und ich will ihn nicht verlieren. Aber …«
»Aber was?«
Einen Augenblick lang überlegte sie, was sie sagen könnte, um ihn umzustimmen. »Er hat Probleme.«
»Was für Probleme?«
»Probleme zu Hause.«
»Zum Beispiel?«
Es kam ihr vor, als stünde sie vor Gericht – vor allem, weil er sie so streng anschaute mit seinen kräftigen, dunklen Augenbrauen, die zusammengekniffen noch einschüchternder wirkten.
»Sein Bruder hat ihn geschlagen, als er kleiner war«, sagte sie schließlich. »Sein Vater auch, glaub ich.«
»Oh«, machte ihre Mutter, sichtlich überrascht und in mitleidigem Ton.
»Woher weißt du, dass er die Wahrheit sagt?«, entgegnete er unbeeindruckt. »Vielleicht sind sie alle Raufbolde und kämpfen nur zum Spaß. Ich meine, offenbar ist es auch keine große Sache für ihn, ein Messer mit sich herumzutragen, also …«
Sie schluckte ihren Ärger herunter. »Ich hab es gesehen. Ich hab ihm mal seine Hausaufgaben gebracht, das ist schon Jahre her. Und da hab ich seinen Bruder dabei erwischt, wie er ihn verprügelt hat.«
»Okay, das ist nicht schön, aber ich sage dir jetzt mal was: Als ich ein Kind war, kriegten die meisten Jungs von Zeit zu Zeit eine verpasst, mich eingeschlossen. Und ich bin ganz gut herausgekommen, stimmt’s? Jeder Mensch hat eine Wahl. Es spielt keine Rolle, ob man hundert Mal Schläge kassiert hat oder nur eine einzige Ohrfeige, man kann immer wählen. Er hat sich für Gewalt entschieden, gut, das ist seine Sache. Aber ich mache bei deinem Samariterdienst nicht mit.«
»Ich entschuldige nicht sein Verhalten!«
»Was genau willst du denn von mir?«, fragte er ungeduldig.
Sie atmete tief ein. »Ich will verstehen, was mit ihm los ist, weil er mir wichtig ist. Und ich will mit einem Außenstehenden über ihn reden. Jemand ohne – Vorurteile. Ich sage ja nicht, dass ihr unrecht habt, okay? Es ist nur … Ich bin mir sicher, dass nicht alles Schwarz und Weiß ist.«
Ihr Vater rieb sich die Stirn. »Ach, herrje … Das Ganze ergibt keinen Sinn für mich. So wie ich das sehe, ist er derjenige, der einen Seelenklempner braucht.«
»Es geht aber nicht um ihn, Dad, es geht um mich. Ich brauche das.«
»Warum? Warum in aller Welt brauchst du das?«
»Ich weiß nicht, er …« Sie suchte nach Worten. »Du weißt, wie viel er mir bedeutet, Dad. Er war immer für mich da, als ich Schwierigkeiten in der Schule hatte.«
»Das stimmt«, klinkte sich ihre Mutter ein und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Weißt du noch, als er sie eingewickelt in seine Jacke nach Hause gebracht hat, weil die sie ihr weggenommen haben? Es hat geschneit! Ich war so froh, dass er sich um sie gekümmert hat.«
Danke, Mum!
Als ihr Vater bloß mit den Schultern zuckte, statt eine Antwort zu geben, beschloss sie, ihre Taktik abermals zu ändern.
