Mein Emmental - Tinu Heiniger - E-Book

Mein Emmental E-Book

Tinu Heiniger

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Beschreibung

Die Grossmutter des Autors sitzt am runden Stubentisch, die Katze auf dem Schoss, die Lismete in den Händen und das dicke Buch mit den Märchen der Gebrüder Grimm vor sich aufgeschlagen. Gebannt hört der kleine Martin zu, und wird diese in der heimeligen Atmosphäre entdeckte Liebe zur Literatur und zur Sprache nie mehr ablegen. Als Lesende geht es uns wie dem kleinen Martin: Wir tauchen fasziniert in die Geschichten Tinu Heinigers ein, dringen zu seinen Langnauer Wurzeln vor und lassen uns vom Klang seiner Sprache entführen, die sich unmittelbar aus dem Dialekt heraus Gehör verschafft. Es sind starke, gewaltige und ehrliche Texte fernab vom bluemete Trögli. «Ein Geschichtenerzähler ist er seit je, einer, der Stimmungen transportieren, Situationen und Gefühle heraufbeschwören kann, dass es einen beim Zuhören erhudlet.»Bänz Friedli über Tinu Heiniger «Der Musiker und Poet Tinu Heiniger, von dem es nicht selten heisst, er sei der Doyen der Schweizer Liedermacher, ist ganz nebenbei gesagt auch ein hervorragender Erzähler. Man hängt ihm an den Lippen, wenn er nach Konzerten, auf langen Autofahrten oder am Telefon Geschichten erzählt, Geschichten aus seinem Leben oder Geschichten aus dem Leben anderer. Sein Fundus scheint unendlich und man hört ihm immer gerne zu, weil er einen einmaligen Erzählrhythmus hat.»Pedro Lenz

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Impressum

Titel

Vorwort: Im Emmental aufgewachsen und eingewachsen

Älter werden heisst auch, sich erinnern

Aufgewachsen in Langnau im Emmental

Aus einer frommen Familie

Paul Heiniger, Präsident des Handwerker- und Gewerbevereins Langnau i. E.

Ämmitau

Mein Emmental

Mein erster Auftritt mit Liedern von Mani Matter

Das grosse Weltgeschehen

Der SCL – eine Liebeserklärung

Fussball in Langnau im Emmental

Mys Dorf, myni Wäut

Irgendwo dazugehören

Erschte Ougschte z Oberhofe

Nachtwanderung über den Stübisberg

Immer wieder die Mutter

Lied vom Waud

Erfahrungen mit Journalisten

Lieber Ernst Eggimann

In der Stille der Nacht

Ir Wyti vom Himu

Dank

Sein Emmental ist nicht mein Emmental

Über den Autor

Über das Buch

TINU HEINIGER

MEIN EMMENTAL

Der Autor und der Verlag danken für die Unterstützung:

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2022 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Angelia SchwallerKorrektorat: Jakob SalzmannCoverbild: Tinu Heinigers Vater Paul vor seinem neuen CitroënCovergestaltung: Bernard SchlupAutorenfoto: Reto Camenisch

Tinu Heiniger

MEIN EMMENTAL

Geschichten aus der schönen, engen Welt von Gestern

Für Maja Erismann

Vorwort: Im Emmental aufgewachsen und eingewachsen

Der Musiker und Poet Tinu Heiniger, von dem es nicht selten heisst, er sei der Doyen der Schweizer Liedermacher, ist ganz nebenbei gesagt auch ein hervorragender Erzähler. Man hängt ihm an den Lippen, wenn er nach Konzerten, auf langen Autofahrten oder am Telefon Geschichten erzählt, Geschichten aus seinem Leben oder Geschichten aus dem Leben anderer. Sein Fundus scheint unendlich und man hört ihm immer gerne zu, weil er einen einmaligen Erzählrhythmus hat. Diesen Rhythmus, den man heute auch gerne Flow nennt, dürfen wir auch in diesen niedergeschriebenen Geschichten geniessen. Tinu Heiniger hat nämlich die Gabe, seine mündliche Unmittelbarkeit im geschriebenen Text beizubehalten. Das hat wohl damit zu tun, dass er nicht dem verbreiteten Irrglauben folgt, die Schreibsprache müsse gescheiter klingen als die gesprochene Sprache. Wir können Heinigers Geschichten lesen, als hörten wir seinen Liedern zu, mit der Neugier der Kinder, mit beinahe geschlossenen Augen und voller Hingabe.

Heiniger kommt aus Langnau im Emmental. Dort ist er aufgewachsen, und beinahe ist man versucht zu sagen, dort sei er eingewachsen. Zwar lebt er schon seit vielen Jahren im Aargau, aber in seiner Sprache, in seinen Erzählungen und in seinen Liedern ist das Emmental mit seiner urwüchsigen Landschaft und seinen nicht weniger urwüchsigen Bewohnerinnen und Bewohnern omnipräsent. Und wie so viele, die in einem Dorf aufgewachsen sind, hat Tinu Heiniger einen weiten Horizont. Das Dorfleben verlangt einem einiges ab. Toleranz, Anpassungsfähigkeit, Schlauheit und manche andere Eigenschaft, die einen später im Leben weiterbringt, lassen sich in der dörflichen Gemeinschaft nicht nur bestens erlernen, sie sind dort gleichsam überlebensnotwendig. Im Dorf seiner Kindheit füllte sich der feinsinnige und manchmal auch geplagte Bub seinen poetischen Rucksack. Das geschah unbewusst, beim Sport, in der Schule, in der Kirche, in der Familie oder bei seiner über alles geliebten Musik. Und wie alle wahren Poeten kann Heiniger ein Leben lang von dieser kindlichen Prägung zehren.

Wir Fans, die schon den jungen, aufmüpfigen, oft wütenden Rebellen gekannt haben, spüren im Werk des älteren, milderen und weiser gewordenen Tinu Heiniger noch immer seine typische Ausdrucksstärke. Denn auch wenn er versöhnlicher geworden ist, spricht uns in diesem Buch die gleiche Poesie und die gleiche Unmittelbarkeit an, die uns in seinen ersten Liedern so berührt hat.

Pedro Lenz

Älter werden heisst auch, sich erinnern

Nein, man will nicht so werden wie die Alten, die immer nur von früher reden und davon schwärmen, dass damals alles besser gewesen sei. Mein Grossvater hat uns immer wieder die gleichen Geschichten erzählt. Wir hätten sie nummerieren können. Hätte er dann mit einer Geschichte angefangen, dann hätten wir nur die entsprechende Nummer dazwischenrufen können, und alles wäre klar gewesen. Das haben wir, seine Enkelkinder, natürlich nicht getan. Wir haben diese Geschichten, die sich auch sprachlich wiederholten, mehr oder weniger gelangweilt über uns ergehen und den Grossvater nicht merken lassen, dass wir seine alten Erinnerungsgeschichten zur Genüge kannten.

Wenn ich heute, sechzig Jahre später, daran denke, was er uns von früher, von seinem «Früher» erzählte, dann weiss ich, das war Geschichtsunterricht: Wachtmeister Schär im Ersten Weltkrieg mit seiner Kompanie auf diesen brutalen Gewaltsmärschen. Er und seine Soldaten quälen sich in schweren Schuhen und in dicker, blauer Uniform während Tagen und Wochen, oft in Regen und Schnee, quer durch die Schweiz. Und die Familie daheim hat kaum mehr zu essen als das, was die Grossmutter im Garten findet. Das bisschen Sold, das der Wachtmeister heimbringt, reicht zu gar nichts. Oder wie Grossvater gleich nach dem Krieg am Bahnhof in Langnau den Generalstreik erlebte: Da isch eine vo de Rote, ganz e scharfe Hung, uf d Dampfloki ueche ggumpet u het ere der Dampf abgla! U d Büezer hei grölet u gchlatschet! Das hat diesem Schreinermeister und Mitglied von Mingers Bauern-‍, Gewerbe- und Bürgerpartei gar nicht gepasst, er fand den Einsatz der Armee gegen die Streikenden in Zürich gut und nötig. In der Krisenzeit der Dreissigerjahre hat er unser schönes Haus mit Werkstatt und Geschäftsladen geplant und gebaut, hat Tag u Nacht gchrampfet, damit dieses Haus, in dem wir dann aufwuchsen, möglich wurde. Und meine Mutter, damals noch ein Meitschi, hat ihm dabei begeistert geholfen. Logisch, dass sie dann seine Nachfolgerin wurde. Ja, das war ein zäher Mann, mein Grossvater, und die fleissige, liebe und geduldige Frau an seiner Seite, meine Grossmutter, und seine Töchter, auch seine dritte, meine Mutter, die waren das auch.

Ich habe als Kind jeweils gestaunt, wie dieser alte Mann mit grauer Dächlikappe und weissem Schnauz hoch oben auf der Leiter die Reben schnitt, dabei immer einen Stumpen im Mund, den er so lange rauchte, bis er nur noch eine dünne Scheibe aus Tabak war. Mit 84 Jahren steigt er nicht nur auf die alte Leiter, sondern auch auf das 3698 Meter hohe Balmhorn. Und wenn er und seine Kameraden auf dem Gipfel angekommen sind, dann nehmen sie einen Schluck Schnaps aus der Blechflasche, und mein Grossvater, der Schär Ärnscht, zeigt und erklärt mit der rechten Hand die Berge, in der linken brennt der Rössli-Stumpen.

Als er dann 99 Jahre alt ist, da muss er doch noch ins Altersheim. Und fragt meine Mutter bei jedem Besuch: Wenn chan i wider hei? Nach ein paar Monaten im Heim wollen sie ihn mit all seinen Möbeln in ein anderes Zimmer zügeln, aber er will das nicht. Er verweigert das Essen und Trinken, tritt in einen Hungerstreik und stirbt.

Warum aber habe ich früher immer gedacht, ich wolle nicht so werden wie mein Grossvater? Oder noch wichtiger und entschiedener, ich wolle um Gottes willen nie werden wie der Vater? Beide waren Jähzornlinge. Und ich habe es lange Zeit nicht wahrhaben wollen, dass auch ich einer bin, und habe immer versucht, meinen Zorn vor meinen Mitmenschen zu verstecken. Und war jeweils von mir enttäuscht, wenn sich auch bei mir diese Wut, dieser grundsätzliche Zorn, laut und stark gemeldet und gezeigt hat. Ich habe zwar nicht zugeschlagen, aber herumbrüllen, das konnte ich schon.

Beim Grossvater, das weiss ich von meiner Mutter, hat die Wut und Unzufriedenheit während Tagen still vor sich hingedampft und in der Werkstatt und am Mittagstisch eine Saustimmung verbreitet. Und wehe, wenn sie einen Ausgang, einen Schuldigen gefunden hat. Dann konnte er einen Vertreter der Suva, der von ihm eine bessere Sicherheitshaube bei der Fräsmaschine verlangte, mit einer Holzlatte in der Hand und mit dem Hinweis, dort habe der Zimmermann das Loch für ihn gemacht, aus der Bude vertreiben und ihn noch lange laut schreiend und fluchend die Oberstrasse hinauf verfolgen. In den nächsten Jahren getraute sich, so erzählte mir die Mutter, keiner mehr von der Suva, bei diesem Wüstling aufzukreuzen und irgendetwas zu bemängeln oder zu beanstanden.

Vaters Jähzorn war von einer anderen Sorte. Sein Wutkessel ist in meiner Erinnerung an jedem Tag mindestens einmal explodiert: Er hat dann herumgeschrien, seine Lehrlinge und manchmal sogar die Arbeiter angebrüllt und zusammengeschissen. Er war ausser sich. Meine Brüder und ich schauten, dass wir ihm möglichst nicht begegneten. Die Mutter musste sich in ihrem Atelier oder in der Küche anhören, was für Idioten doch die anderen seien und was für einen Pfusch und was für einen Seich dieser und jener wieder gemacht habe. Was wir Kinder nicht wussten und nicht gemerkt haben: Sie musste auch ständig zwischen ihm und ihrem Vater schlichten und immer wieder für besseres Wetter sorgen. Die Bude, das Geschäft und das Leben mussten schliesslich irgendwie weitergehen.

Ich war das zweite von vier Kindern und von Beginn weg dazu auserwählt, diesen Laden einmal weiterzuführen. Merssi für Obscht! Ein Jahr nach der mir verordneten Schreinerstifti stellte ich mich endgültig quer, sagte: «Luegit säuber, aber ohni mi» – und ging von da an meinen eigenen Weg.

Schon als Kind wollte ich herausfinden, wie und warum und was zwischen den Menschen so läuft. Warum sie so fröhlich und lieb und kurz darauf so missmutig und böse sein können. Ich wollte auch wissen, warum meine Mutter immer wieder Kopfweh hatte und ob das wohl mit ihrem Mann und mit ihrem Vater, diesem ewigen Kampf zwischen ihnen, und mit diesem Dauerstress im Geschäft zusammenhing, der bei uns oft den Alltag vergiftete. Oder ich wollte verstehen, was ich nicht fassen, nicht begreifen konnte. Zum Beispiel, warum ausgerechnet die frommste der Schär-Töchter dem Geschenk für ihren Vater eine Engelskarte beigelegt hatte, auf der geschrieben stand, wenn der Grossvater dann einmal gestorben sei, dann solle er diese warmen Winterhandschuhe, die sie ihm hier zu Weihnachten schenke, ihrem Sohn vererben. Als dann die andere Schwester meiner Mutter, meine Gotte, mit ihrer Familie zu Besuch kam, liess ich am Mittagstisch die Bombe platzen. Und fragte in die Runde, was für ein heuchlerisches Verhalten meiner Tante es denn sei, meinem Grossvater etwas zu schenken und dann gleich dafür zu sorgen, dass ihre Familie es dann wieder bekomme. Ich wollte wissen, was meine Verwandten von dieser frommen Tante hielten. Mein Thema kam gar nicht gut an, niemand gab eine Antwort, mein Vorstoss wurde unter den Tisch gewischt. Vielleicht aber waren meine Eltern und die Gotte insgeheim ganz froh, dass da einer etwas gesagt hatte, was sie schon lange gedacht hatten. Ich bin fast sicher, mein Vater fand meine Mittagstischbombe noch cool!