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Carla Steiner hat als Fotografin einen Auftrag in Weimar zu erledigen. Sie muss die Bilder für eine neue Imagebroschüre der Stadt liefern. Als sie schon beinahe alles erledigt hat und ihr nur noch ein Foto als Symbol für das "klassische Weimar" fehlt, geschieht das Unglaubliche: der 26-jährige Goethe erscheint ihr leibhaftig in seinem Gartenhaus. Wie sich herausstellt, ist er direkt aus dem Jahr 1776 in die Gegenwart gereist, weiß jedoch weder, wie das passieren konnte, noch, in welchem Jahr er sich jetzt befindet. Carla nimmt sich ihm an und begleitet den von der Moderne überrumpelten Dichter durch das heutige Weimar. Gemeinsam suchen sie fieberhaft nach einer Möglichkeit, Goethe wieder in seine Zeit zu befördern. Dabei erfährt Carla nicht nur einiges über das Leben in Weimar gegen Ende des 18. Jahrhunderts, der ihr mittlerweile zum Freund gewordene Goethe hilft ihr auch, das Leid um ihre sterbenskranke Mutter zu ertragen. Und am Ende finden sie die Lösung ihres Problems dort, wo sie sie am wenigsten erwartet hätten…
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Melanie Feiler
Mein Freund Goethe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Epilog
Impressum neobooks
Man sagt, geteiltes Leid ist halbes Leid.
Doch das stimmt nicht. Während Freude sich teilen lässt, ist in seinem Kummer jeder für sich. Schmerz lässt sich nicht teilen. Im Gegenteil, der Kummer lässt einen erst richtig fühlen, wie einsam man damit ist.
Für die anderen geht das Leben weiter, unbarmherzig, oberflächlich, wohltuend pragmatisch, während für einen selbst alles still steht. Man sieht nur zu, das Leben ereignet sich woanders.
Das einzige, was das Leiden halbwegs lindert, ist die Arbeit. Sie lenkt einen ab, lässt einen funktionieren, bis die Zeit die Wunde vielleicht ein wenig geheilt hat.
Deshalb – und nur deshalb – hatte ich auch den Auftrag angenommen, den mir mein Chef – wohl aus demselben Grund – angeboten hatte. Er wusste um meine persönliche Situation und war sensibel genug, mir unaufdringlich zu helfen. Denn eigentlich war uns beiden klar, dass Goethe so gar nicht mein Thema war.
Und er war es im Lauf meines Weimar-Aufenthaltes bislang auch nicht geworden. Ausgerechnet die heißesten Tage des Jahres hatte ich mir ausgesucht, um die Fotos für die Weimarer Tourismus-Agentur zu schießen. Sie hatte sich mit dem Auftrag an unser Atelier gewandt, Bilder für ihre neue Werbebroschüre zu liefern. Neue, kreative Bilder. Weimar einmal anders. Dennoch durfte Goethe natürlich nicht fehlen. Ihn hatte ich bis zum Schluss hinausgeschoben. Was gab es schon Neues von einem Dichter, der schon fast zweihundert Jahre tot und darüber hinaus weltbekannt war? Sollte ich etwa das Goethe-Schiller-Denkmal aus einer Perspektive fotografieren, die bisher noch niemand eingenommen hatte? Von hinten vielleicht? Auf der Suche nach einem spannenden Motiv hatte ich mich sogar in das Goethe-Nationalmuseum begeben, zugegebenermaßen auch, weil es klimatisiert ist und es sich bei Außentemperaturen um die 34 Grad dort gut aushalten lässt. Doch die zündende Idee für ein gutes Foto war mir auch da nicht gekommen. Zufällig hatte ich beim Gespräch mit einem Aufseher vom Projekt der Technischen Universität Ilmenau erfahren, genauer gesagt waren es Studenten der Fakultät für Informatik und Automatisierung, die an manchen Stellen Weimars Virtual Reality-Brillen installiert hatten. Ein Standort war Goethes Gartenhaus.
Ich hatte noch nie eine solche Brille aufgehabt und war umso neugieriger, wie das Projekt der Studenten umgesetzt worden war. Möglicherweise inspirierten mich die Bilder der virtuellen Welt zu einem guten Foto. In sengender Nachmittagshitze trabte ich daher etwas lustlos durch den Park an der Ilm auf das unscheinbare weiße Häuschen zu, dem das bis unters Dach reichende Holzspalier an seiner Westseite ein ländliches Ansehen verlieh. Hier hätte man keinen Dichterfürsten vermutet. Wie ich heute schon gelernt hatte, war Goethe auch nur während seiner ersten paar Jahre in Weimar hier im Park wohnhaft. Später war er dann in das bekannte Haus am Frauenplan gezogen. Aber das Gartenhaus sprach mich irgendwie an. Es hatte etwas Unkonventionelles. Es waren keine Besucher da. Ich erreichte den Garten durch das weiße Holzportal am Zaun, stieg müde die wenigen Stufen hinauf, die zum hinter dem Haus liegenden Eingang führten und trat ein. Leider starb mit dem Eintritt sogleich meine Hoffnung auf ein weiteres klimatisiertes Gebäude. Eher glich die Raumtemperatur einer Sauna, was auch der behelfsmäßig aufgestellte Ventilator nicht änderte. Ich hatte ihn eher im Verdacht, die Hitze gleichmäßig auf alle Räume zu verteilen.
„Wir schließen in zwanzig Minuten“, begrüßte mich die Dame hinter dem kleinen grauen Holztresen rechts neben der Eingangstür. Obgleich die Anrede wenig freundlich war, konnte ich es ihr angesichts ihres hochroten Kopfes nicht verdenken. Sie hätte wohl lieber jetzt als gleich ihren Posten verlassen. Unschlüssig sah ich mich um. Es war schwer einzuschätzen, wie lange ich für die Besichtigung brauchen würde.
„Meinen Sie, das ist zu schaffen?“ Die Dame lachte auf. „Eigentlich wollte ich mir hauptsächlich diese Brillen von der TU Ilmenau ansehen“, setzte ich erklärend hinzu. „Die gibt’s hier doch, oder?“ Vorsichtig spähte ich in den angrenzenden Raum, um schon einen Blick darauf zu erhaschen.
„Brille“, verbesserte mich die Museumswärterin. „In der Einzahl. Im Gartenhaus gibt es nur eine. Die ist oben.“ Sie sah mich abwartend an. „Na, gehen Sie schon hoch“, winkte sie mich halb lächelnd, halb genervt nach oben.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, vergaß nicht, ihr überschwänglich zu danken und nahm die ausgetretenen knarzenden Holzstufen links dem Tresen. Oben in der Diele luden mich gleich drei offene graue Holztüren ein, sie zu betreten. Ich entschied mich für die dem Treppenaufgang unmittelbar gegenüberliegende und gelangte in ein lindgrün und blau gestrichenes, karg eingerichtetes Zimmer. Ein Clavichord, eine kleine Sitzgruppe mit rundem Tisch, ein paar blasse Zeichnungen an den Wänden – nichts, was mir Lust auf ein Foto bereitete. Scheinbar hatte Goethe oder die Menschen in jener Zeit eine Vorliebe für Durchgangszimmer. Das hatte ich schon im Wohnhaus am Frauenplan bemerkt. So hatte jeder Raum zwei Türen, manchmal auch drei, was ich für ungeheuer unpraktisch hielt. Wo stellte man all seine Schränke hin, wenn in der einen Wand Fenster und den drei übrigen Türen waren? Das nächste Zimmer war ebenfalls grün mit einer in der Kombination gewagten terracottafarbenen Decke. Heruntergezogene Stoffjalousien sollten die Abendsonne davon abhalten, den Raum weiter aufzuheizen. Das leicht gedämpfte Licht, die stickige Atmosphäre und der verhinderte Blick nach draußen auf den Ilm-Park verliehen dem Ganzen etwas unwirklich Verstaubtes, beinahe Totes. Man konnte spüren, dass in diesen Räumlichkeiten schon lange kein Mensch mehr lebte. Die Beschriftungszettel an den wenigen Möbelstücken, wie dem Schreibpult, einem Tisch, einem Stuhl, einem Regalschrank und einem seltsamen Sitzbock unterstrichen den musealen Charakter. Durch die Türflucht konnte ich in die beiden weiteren auf dem Stock befindlichen Zimmer sehen und bemerkte gleichzeitig, dass ich der einzige Besucher war. Unwillkürlich fragte ich mich, ob hier immer so wenig los war oder ob es an der späten Stunde und dem heißen Sommertag lag. Aber bei meinem kurzen Blick war mir im angrenzenden sonnengelb gestrichenen Zimmer ein unpassendes Möbelstück ins Auge gesprungen, für das ich lächerlich dankbar war. Es handelte sich um einen gepolsterten Stuhl wie ein Autositz, der einzeln mitten im Raum stand und zu mir ins Arbeitszimmer gerichtet war. Mit zwei großen Schritten stand ich vor ihm und nahm die Virtual Reality-Brille auf, die auf der Sitzfläche lag. Beim Hinsetzen bemerkte ich überdies einen Kopfhörer, der über die Armlehne gelegt war. Mittels Kabeln war beides mit dem Stuhl verbunden, unter dem sich scheinbar ein Rechner oder etwas Ähnliches verbarg, denn ich konnte das leise Rauschen eines Lüfters wahrnehmen, wie es typisch für Computer war. Seitlich an der Brille war der Hinweis „Zum Starten hier drücken“ angebracht. Neugierig und nun doch einigermaßen gespannt setzte ich mir die klobige Brille auf, wobei ich mir das Gummiband über den Kopf zog, griff zu den Kopfhörern und war nun vollkommen von der Außenwelt abgeschottet. Alles war dunkel, die dicken Lederwülste der Hörer umgaben die Ohrmuscheln komplett und gaben keinen Laut der Umgebung an das Hörorgan weiter. Nicht dass es in diesem unbelebten Museum irgendein Geräusch gegeben hätte… Ich atmete einmal tief durch, lehnte mich so gut es ging in den Sitz und drückte den bezeichneten Knopf an der Brille.
Sofort tat sich vor mir eine andere Welt auf. Es handelte sich um die gleichen Zimmer, die ich gerade durchschritten hatte, aber sie waren belebter: wesentlich mehr Möbel verteilten sich auf den Raum des Arbeitszimmers, in das ich blickte. Es war heller. Durch den geöffneten Flügel des Südfensters fiel der Schein des Vormittagslichtes herein. Draußen sah man eine Amsel auf dem Ast eines belaubten Baumes sitzen. Und man hörte sie auch singen. Es war so realistisch, dass ich sogar meinte, den Hauch der frischen Morgenluft zu spüren, der sanft meine nackten Unterarme streichelte. Überall lagen Sachen herum, Blätter, Zettel, aufgeschlagene Bücher, man konnte es wohl mit Fug und Recht chaotisch nennen. Über einer Stuhllehne hingen Klamotten und am Stehpult, mir direkt gegenüber an der Wand vor dem Fenster, da stand jemand. Er wandte mir den Rücken zu und schrieb emsig. Man konnte sehen, wie die Feder über das Papier huschte und hören, wie sie dabei ein mittellautes Kratzen verursachte.
„Hier können wir den 26-jährigen Goethe bei der Arbeit beobachten. Was er gerade schreibt? Wir wissen es nicht…“ Die tiefe, volltönende Männerstimme hatte mich erschreckt, so dass ich sogar leicht zusammenzuckte. Schade, dass die vollkommene Illusion, die das Zusammenspiel von Bild und Ton ergab, wodurch man vollständig in die Szenerie eintauchte, plötzlich durch die Stimme eines Sprechers oder Kommentators gestört, zerstört und aufgehoben wurde. Ein wenig verdrossen drehte ich mich langsam mit dem Stuhl im Uhrzeigersinn. Die virtuelle Realität der Brille zeigte mir Bücherregale mit dicken Folianten und großformatige Mappen, die lose Blattsammlungen beinhalteten. Als ich mich um 180 Grad gedreht hatte, konnte ich direkt in Goethes Schlafzimmer blicken. Auch hier stand ein Fenster offen, den Vorhang blähte leicht der hereinziehende Wind. Der Teil des Bettes, den man sehen konnte – das Fußende –, war mit weißer Leinenbettwäsche bedeckt. Etwas ratlos drehte ich mich weiter. Das war ja alles recht schön, das Projekt gefiel mir tatsächlich ganz gut – jedenfalls besser als das fade Museum, das man hier sonst erleben würde. Allerdings war es nun auch nicht so bahnbrechend, dass es mir neue Ideen für meine Fotos geliefert hätte. Als ich wieder am Ausgangspunkt meiner Drehung angekommen war, stand Goethe – oder wen sie dafür ausgaben – noch immer mit dem Rücken zu mir am Stehpult. Ich nahm nicht an, dass sich das noch ändern würde. Dann hätte man schließlich einen Statisten filmen müssen, der dem bekannten Dichter ähnlich sah. Auf einmal hatte ich die Idee, aufzustehen. Wie würde die VR-Brille darauf reagieren? Immerhin nahm sie ja wahr, ob ich mich umdrehte oder in welche Richtung meine Augen gingen. Ich stand also auf, wobei mir etwas schummrig wurde, und sah zum Boden. Wirklich reagierte die Technik auch hierauf und ich konnte den alten, abgewetzten Holzdielenboden in neuem, gewachstem Glanz erstrahlen sehen. Immer noch war das Vogelgezwitscher durch das geöffnete Fenster zu hören und das Kratzen der Schreibfeder auf dem Papier. Auf einmal setzte es aus. Fluchte da jemand? Ich sah zum Pult. „Goethe“ schlug ärgerlich und tatsächlich leise fluchend mit der Hand auf das Pult. „Verfluchte Feder!“, hörte ich ihn schimpfen. Sehr sympathisch fand ich das und musste schmunzeln. Ich tat ein paar Schritte in das Arbeitszimmer hinein, bis mich etwas zurückhielt und ich nicht weitergehen konnte. Das Kabel meines Kopfhörers. Es reichte offenbar nicht weiter. Wie schnell man doch immer wieder in die Illusion dieser virtuellen Realität hineingeriet und dann jedes Mal aufs Neue überrascht war, wenn man von der echten Wirklichkeit eingeholt wurde. Es war mir also verwehrt, dem Dichter beim Schreiben über die Schulter zu schauen. Aber wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich ihn vielleicht berühren. Mir war klar, dass es nicht möglich sein würde. Dennoch tat ich es. Und ich spürte etwas. Ich spürte das im Vergleich zu heutigen Hemden grobe Material seines nicht reinweißen Hemdes mit dem Rüschenkragen. Ich konnte sogar die Wärme des Körpers fühlen, den ich gerade am Schulterblatt berührte. Das war doch nicht möglich! Ich griff zu dem Kopfhörer, um sowohl diesen als auch die Brille abzusetzen. In dem Moment, da ich die Hörmuscheln des Hörers seitlich von meinen Ohren abhob, ertönte ein lauter, durchdringender Knall, der die Luft im ganzen Raum erschütterte. Er verursachte einen Druck in meinen Ohren, wie man ihn im Flugzeug beim Landeanflug spürt, wenn es rasch an Höhe verliert und der Luftdruck sich zu schnell verändert. Eilig riss ich mir die Brille vom Kopf. Die vormittägliche Atmosphäre des chaotisch belebten Zimmers wich der kargen Wirklichkeit des musealen Raumes. Beinahe alles war wieder wie vorher. Das Vogelgezwitscher war weg, Stille herrschte in der stickigen Luft. Aber er stand noch da. Goethe. Das Stehpult war nun wieder in die Zimmerecke gerückt, so dass er alleine vor dem Fenster stand, halb zu mir umgewendet und beide Hände schützend über seine Ohren haltend. Erschrocken, nein entsetzt, starrte er mich aus seinen enormen und weit aufgerissenen braunen Augen an. Ich nehme an, ich werde ihn nicht weniger blöd angeglotzt haben, konnte mein Verstand doch einfach nicht begreifen, was hier passierte. Wieso war er hier? Und: war er es überhaupt? Oder handelte es sich nicht vielmehr um einen Schauspieler oder Statisten, der im Rahmen des Projektes für Goethe Modell gestanden hatte?
„Wer sind Sie?“, schien mir deshalb die angebrachteste Frage in dieser Situation.
Immer noch nicht war das Entsetzen aus seinen Augen gewichen. Der junge Mann, der vor mir stand, war kaum größer als ich selbst, also für einen Mann eher klein. Sein langes braunes Haar war an den tiefen Schläfen bereits grau meliert. Er trug es im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden und über den Ohren war es zu einer Rolle aufgedreht, wie man es aus Historienfilmen oder von alten Richterperücken kennt. Sein weißes Hemd mit den Rüschen an Kragen und Ärmeln, das ich bereits befühlt hatte, trug er über einer schwarzen samtenen oder wildledernen Kniebundhose. Weiße Strümpfe reichten von dort bis zu den flachen Halbschuhen. Aus seinem sonnengebräunten Gesicht schien alles Blut gewichen. Es tat mir plötzlich leid, dass ich ihn durch meine Berührung so erschreckt hatte. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie angefasst habe. Es war doch nur, weil ich die Kopfhörer und die VR-Brille aufhatte und dachte, Goethe steht vor mir.“
Er ignorierte meine Bemerkung. Langsam war sein Blick von mir zu den Einrichtungsgegenständen im Raum geglitten. Außer sich riss er ruckartig seinen Kopf herum, um sich umzusehen. Tiefe Falten bildeten sich zwischen seinen Augenbrauen, als sein Blick an mir vorbei auf den Sessel in der Bibliothek fiel, der für das Virtual Reality-Projekt aufgestellt worden war. Ohne ein Wort zu sagen ließ er mich stehen, lief eiligen Schrittes durch alle Zimmer und rannte dann mit wildem Poltern die Treppen hinunter. Unten hörte ich ihn nach jemandem rufen.
Ich konnte mir keinen Reim auf seinen Auftritt machen. Es hätte ja seinen können, dass er ein normaler Besucher war, der heraufgekommen war, während ich von der Wirklichkeit abgeschottet mit Brille und Kopfhörer beschäftigt gewesen war. Was allerdings dagegen sprach, war sein Aufzug. Er war gekleidet, wie man sich jemanden aus der Goethe-Zeit gemeinhin vorstellt. Vielleicht trat er hier in Weimar als Goethe-Double auf oder gab Führungen. Aber was hatte ihn dann so verstört? Dass ich ihn aus Versehen berührt hatte? Es hatte vielmehr gewirkt, als wisse er selbst nicht, wie er dorthin gekommen war beziehungsweise als wisse er gar nicht, wo er war. Seltsamer Typ.
Für heute hatte ich genug. Ich sah auf die Uhr an meinem Smartphone. Kurz vor sechs. Das Museum würde nun ohnehin schließen. Bedächtig machte auch ich mich auf den Weg nach unten. Die Hitze und die heutige Museumstour hatten mich geschlaucht, so dass ich einfach nur noch ins klimatisierte Hotel zurück wollte.
Die Kassiererin hatte mich schon erwartet. Mit neugieriger Miene konnte sie es kaum erwarten mich zu fragen: „Wer war denn das?“
„Meinen Sie den Mann, der gerade runtergerannt ist? Keine Ahnung. Haben Sie ihn denn nicht reinkommen sehen?“, wunderte ich mich.
„Eben nicht! Wissen Sie, ich sitze hier schon seit heute Mittag. Entweder ist er schon die ganze Zeit dagewesen oder ich muss seine Ankunft verschlafen haben. Das gibt es doch nicht!“ Sie schien ratlos.
„Kennen Sie den Mann denn nicht?“, wollte ich wissen. „Ich meine, er war ja kostümiert. Vielleicht tritt er am hiesigen Theater auf oder veranstaltet sonst irgendwas.“
Die Miene der Museumswärterin erhellte sich leicht. „Ah, da könnten Sie Recht haben. Wissen Sie, kommendes Wochenende ist doch Goethes Geburtstag. Da gibt es an verschiedenen Orten in Weimar Feierlichkeiten und auch Freilufttheater im Park. Wahrscheinlich proben die heute und das wird einer der Darsteller gewesen sein.“ Für die Dame schien nun alles klar. Auf einmal gluckste sie und beugte sich verschwörerisch zu mir vor. „Der hatte bestimmt ein dringendes Bedürfnis und hat hier Toiletten gesucht.“
Ich lächelte ihr zuliebe. Meiner Meinung nach hatte er nicht so ausgesehen, als ob er gerade ein Klo sucht, aber das konnte mir ja auch egal sein.
„Komisch ist bloß, wie er an mir vorbei konnte, ohne dass ich ihn gesehen habe“, sinnierte sie weiter.
Schulterzuckend warf ich ihr noch ein unbestimmtes Lächeln zu und verabschiedete mich. Draußen war es kein Grad kühler geworden, aber wenigstens fühlte sich die Luft im Garten nicht so stickig an. Ohne die Anlage des Rasens, der Beete und Bäume weiter zu beachten, nahm ich den kürzesten Weg zum Tor. Zögernd tat ich meine letzten Schritte darauf zu, denn draußen sah ich den Mann von vorhin stehen. Er schien sich keineswegs beruhigt zu haben. Ich nahm mir vor, ohne ihn weiter zu beachten schnurstracks an ihm vorbeizugehen. Doch aus meinem Plan wurde nichts. Sobald er mich sah, kam er auf mich zu. Ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen und wendete meinen Körper schon in die andere Richtung, um meine Abweisung zu signalisieren. Der Mann war mir nicht geheuer.
„Warte, Mädelchen, so warte doch!“ Er lief mir nach. Ich beschleunigte meinen Schritt, doch er war schneller und fasste mich mit einer Hand am Ellbogen.
Einerseits furchtsam andererseits wütend drehte ich mich zu ihm um. „Was wollen Sie von mir?“ Von der Ferne sah ich Spaziergänger auf uns zukommen. Das beruhigte mich etwas. Falls der Typ mir etwas anhaben wollte, konnte ich um Hilfe rufen. Da bekamen seine Augen wieder diesen entsetzten Ausdruck, den ich vorhin in Goethes Gartenhaus schon wahrgenommen hatte. Aber diesmal meinte er nicht mich. Er fokussierte irgendetwas hinter mir. Ich wandte mich um, konnte aber außer einem Fahrradfahrer, der gemächlich in unsere Richtung steuerte, nichts entdecken. Nichts Außergewöhnliches also. Doch mein Gegenüber war völlig versteinert. Ein weiteres Mal drehte ich mich um und schaute dann wieder zu ihm. Er musste tatsächlich den Radfahrer meinen. Mit offenem Mund starrte er ihn an und als er an uns vorbeigefahren war, folgte er ihm mit seiner Körperdrehung und stierte ihm hinterher. Konsterniert wandte er sich nach einigen Sekunden wieder mir zu. „Was zum Henker war das?“
Seine Verwunderung war echt. Das konnte ich spüren. So gut konnte gar kein Schauspieler sein. Dennoch wusste ich nicht, ob ich es lustig oder beängstigend finden sollte. „Ein Mann auf einem Fahrrad. Was ist daran so komisch?“
„Bitte… sage mir: wo bin ich?“, flehte er mich an. Wäre er nicht so ehrlich verzweifelt gewesen, ich hätte ihn einfach stehen lassen und wäre gegangen. Doch langsam begann sich Mitleid in meiner Brust zu regen.
Daher gab ich ihm geduldig Auskunft. „Sie sind in Weimar. Das hier ist der Park an der Ilm und hinter uns befindet sich Goethes Gartenhaus. Sagt Ihnen das was?“
„Also doch. Aber wie anders! Wie anders ist alles! Ich begreife das nicht. Soeben steh ich noch an meinem Pulte über den Akten und da tut es einen Knall…“
„Ja, den Knall habe ich auch gehört“, bestätigte ich ihm. „Bloß dass sie nicht an Ihrem Pult standen, sondern an Goethes.“
Seine großen Augen bohrten sich in meine. „Ich BIN Goethe!“
Es mag unglaublich erscheinen, aber ich zweifelte keinen Augenblick an seiner Wahrhaftigkeit. Vielleicht ein wenig an seinem Geisteszustand, aber nicht daran, dass er ernsthaft glaubte, Goethe zu sein. Darum hielt ich es für das Beste, ihn nicht zusätzlich zu verstören, sondern reichte ihm stattdessen meine Hand. „Carla.“
Er nahm sie vorsichtig in seine weichen Hände, aber nicht um sie zu schütteln, sondern um sie sanft mit einer leichten Verbeugung zum Mund zu führen. Bei seiner Verneigung fiel sein Blick auf meine Beine. Für einen Moment verweilten seine Augen darauf. „Sag, weshalb bist du so merkwürdig gekleidet?“ Seine niedergeschlagenen Lider deuteten einen Anflug von Befangenheit an. Ich begriff nicht, was ihn an meinem Aufzug so beschämte.
„Wie meinen Sie das? Was ist daran merkwürdig?“, fragte ich etwas pikiert zurück.
Er schüttelte ungläubig den Kopf und lächelte. „Aber Mädchen, du bist doch ganz nackt! Siehst du das denn nicht?“
Ich sah an mir hinab. Meine Beine wurden von einem der Hitze angemessenen, kurzen Hosenrock bis zur Hälfte der Oberschenkel verdeckt. Von dort bis zu den Füßen, die in leichten Sandaletten steckten, waren sie tatsächlich nackt. Dennoch hätte das niemand – ausgenommen vielleicht in einer Kirche – als anstößig empfunden. Da fiel mir wieder ein, dass dieser Mann sich für Goethe hielt. Zu dessen Zeit hatten Frauen vermutlich nichts anderes als lange Kleider getragen. Ich musste ihn behutsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Weltgeschichte schon ein wenig weiter fortgeschritten war.
„Herr Goethe, vielleicht haben Sie es nicht mitgekriegt, aber wir sind inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen und da können Frauen kurze Hosen tragen, ohne dass sich jemand darüber wundert“, sagte ich daher höflich.
Sobald ich seine Reaktion sah, bereute ich meine Belehrung. Abermals entgleisten ihm seine Gesichtszüge und er griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Den Blick zum Himmel gerichtet, flehte er: „Gott helf, dass ich den Verstand nicht verlier!“ Ich beobachtete ihn mit zunehmender Ratlosigkeit. Was sollte ich mit diesem Menschen machen? Ihn einfach hier stehen lassen? Er wirkte völlig hilflos, seine Verwirrung echt. Aber an wen konnte ich mich wenden, um ihm zu helfen? Vielleicht an das örtliche Nervenkrankenhaus? Ich kannte mich in Weimar nicht aus, auch wünschte ich mir nichts sehnlicher, als endlich zum Hotel zurückzugehen, und ich fühlte mich komplett überfordert.
Ohne Vorwarnung packte er mich an den Oberarmen, Verzweiflung spiegelte sich in seinem Gesicht. „In welchem Jahre befinden wir uns jetzo?“
„2016“, entgegnete ich wahrheitsgemäß.
„Zweitausendsechzehn.“ Er wiederholte es flüsternd Silbe für Silbe. „Wahrhaftig? Ich bin im Jahre 2016?“
„Ja.“ Am liebsten hätte ich mich noch dafür entschuldigt, so leid tat er mir. Nur dafür konnte ich nun wirklich nichts. „Was dachten Sie denn?“
Er musterte mich eindringlich, seine Hände immer noch im Klammergriff um meine Oberarme. „Siebzehnhundertsechsundsiebzig.“
Einen Moment standen wir uns gegenüber und sahen uns wortlos in die Augen. Dann ließ er mich los und rief mit ausgebreiteten Armen: „Heute ist Dienstag, 27. August 1776, frühe um zehn!“
Die beiden Spaziergänger, die ich vorhin in der Ferne wahrgenommen hatte, kamen gerade an uns vorüber und wandten interessiert die Köpfe zu meinem Gesprächspartner. Ich wartete, bis sie endlich weitergegangen waren und sagte leise: „Heute ist Sonntag, der 21. August 2016, abends um sechs.“
„Es ist nicht möglich!“ Entschieden mit dem Kopf schüttelnd machte er kehrt und lief mit großen Schritten auf das Gartenhaus zu.
„Halt!“, rief ich ihm hinterher. „Sie können nicht zurück. Das Museum schließt um 18 Uhr. Wahrscheinlich ist es jetzt schon zu.“
Er drehte sich zu mir um und runzelte die Stirn. „Das Museum? Mein liebes Häuschen – ein Museum?“
„Na, Sie sind doch schließlich Deutschlands berühmtester Dichter“, zog ich ihn ein wenig spöttisch auf. Mir war immer noch nicht recht klar, wie ich ihn einzuschätzen hatte.
Offene Freude trat auf sein Gesicht. Die Augen lachten, der Mund war vor Begeisterung geöffnet.
„So kennt man meinen Werther sogar noch im Jahre 2016? Und den Götz?“, wollte er begierig auf eine positive Antwort wissen.
Seine Frage brachte mich ein wenig in Verlegenheit. „Ja, genau… stimmt, ‚Die Leiden des jungen Werther‘“, stammelte ich, während ich meine Erinnerung nach weiteren Titeln durchforstete. „Und ‚Die Räuber‘ haben wir damals in der Schule gelesen. Oder hat die nicht Schiller geschrieben? Sorry, so genau kenne ich die Sachen jetzt auch nicht. Jedenfalls ist Goethe unser bekanntester Dichter.“
Ich war mir jetzt ziemlich sicher, dass ‚Die Räuber‘ von Friedrich Schiller waren und schämte mich meines Fehlers.
Mein Gegenüber schien meine mangelnde Bildung in diesem Bereich jedoch nicht zu stören.
„Nun glaube mir doch: ICH bin Goethe.“ Er stellte sich in Pose. „Brief vom 4. Mai 1771. Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein!“
Mir dämmerte, dass er wohl gerade etwas zitiert hatte. Aber dazu musste man ja nicht Goethe sein, dass man aus seinen Werken zitieren konnte.
Dennoch begann ich langsam aus einem mir unerfindlichen Grund an meiner Theorie mit der Geisteskrankheit zu zweifeln. Dieser Mensch wirkte nicht nur im höchsten Maße authentisch, sondern er schien auch völlig hellen Geistes zu sein, sein Blick war klar und lebendig. Mir kam eine Idee. Ich zückte mein Smartphone – sah zwei verpasste Anrufe von meinem Vater, woraufhin kurz ein flaues Gefühl im Magen aufflackerte, doch das musste jetzt warten – und gab im Browser GOETHE bei Google ein. An erster Stelle erschien der Wikipedia-Artikel. Ich rief ihn auf. Gleich oben auf der Seite erschien ein Bild. Es glich dem jungen Mann, den ich vor mir hatte, nicht im Geringsten. Allerdings zeigte das Porträt auch eher einen Greis. Ich las den ersten Absatz des Artikels und fragte mich, ob ich ihn jetzt das Geburtsdatum und den -ort abfragen sollte. Wenn er aber Goethes Werke auswendig herbeten konnte, wusste er das sicher auch. Also konzentrierte ich mich auf den zweiten Absatz. Da stand:
„Goethe stammte aus einer angesehenen bürgerlichen Familie; sein Großvater mütterlicherseits war als Stadtschultheiß höchster Justizbeamter der Stadt Frankfurt, sein Vater Doktor der Rechte und kaiserlicher Rat. Er und seine Schwester Cornelia erfuhren eine aufwendige Ausbildung durch Hauslehrer. Dem Wunsch seines Vaters folgend, studierte Goethe in Leipzig und Straßburg Rechtswissenschaft und war danach als Advokat in Wetzlar und Frankfurt tätig. Gleichzeitig folgte er seiner Neigung zur Dichtkunst, mit dem Drama Götz von Berlichingen erzielte er einen frühen Erfolg und Anerkennung in der literarischen Welt.“
„Welches Amt hatte Ihr Großvater mütterlicherseits inne?“, begann ich mit meiner Befragung und hob meine Augen vom Display. Aber anstatt mir zu antworten, versuchte „Goethe“ neugierig einen Blick auf das Smartphone zu erhaschen, indem er sich weit vorbeugte. „Was hast du da für ein klein Täfelchen?“
Ihn mir mit einer Hand vom Leib haltend, versteckte ich die andere mit dem Telefon hinter meinem Rücken. „Ich hab Sie was gefragt!“
Er stellte sich mir wieder ordentlich gegenüber, verschränkte die Arme vor seiner Brust und erwiderte: „Mein Großvater war Schultheiß. Und itzt du!“
Verständnislos sah ich ihn an.
„Ich habe dich auch was gefragt, Mädchen. Willst du mir die Antwort schuldig bleiben?“
„Achso, das Handy meinen Sie.“ Ich nahm meinen Arm wieder nach vorne und zeigte ihm das Smartphone. „Das ist ein schnurloses Telefon, mit dem man nicht nur telefonieren oder SMS schreiben kann, sondern auch im Internet surfen. Es hat keine Tasten, sondern nur einen Touchscreen.“ Er betrachtete mich, als hätte ich chinesisch gesprochen.
„Wie ist der Vorname Ihrer Schwester?“, fuhr ich unverdrossen mit meiner Befragung fort.
„Bitte, so höre doch auf, mir sinnlose Fragen zu stellen!“, flehte er mich an. „Cornelia heißt sie, Cornelia! Und was ist ein Telefon?“
Ich seufzte. Das mit den personenbezogenen Erkundigungen brachte uns nicht weiter. Ich ging wieder zurück zur Suchmaschine und gab bei der Bildersuche GOETHE JUNG ein. Es erschienen Porträts, einige von ihnen in Grau-Abstufungen, manche farbig. Die meisten hatten nichts mit dem eingebildeten Goethe vor mir zu tun. Bis auf eines… Ich tippte es an, um es in voller Größe sehen zu können. „Der junge Johann Wolfgang Goethe mit einem Scherenschnitt“ titelte die Bildüberschrift. Ich hielt es hoch und trat ein bisschen beiseite, damit ich mein Gegenüber von der Seite anschauen konnte, denn das Porträt war im Profil gemalt. Abwechselnd sah ich auf das Display und den Menschen, verglich die hervorstechendsten Merkmale: die großen braunen Augen, die markante Nase mit dem leichten Hügel, die Lippen mit dem ausgeprägten Amorbogen. Als Fotografin habe ich ein gutes Auge für Gesichter und die beiden Gesichter, die ich so angestrengt miteinander verglich – sie waren nahezu identisch.
Ich wandte dem Mann den Bildschirm zu und fragte: „Sind Sie das?“
„O Sancta Simplicitas!“ Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Weshalb glaubst du mir denn nicht? Ja, das ist meine Fratze! Der gute Georg hat sie gemalt. Aber nun erkläre mir doch, was es mit deinem Täfelchen auf sich hat. Wie kommt es, dass mein Bild drauf zu sehen ist?“
Anstatt ihm die Funktionsweise eines Smartphones und des Internets zu erläutern, was ich nebenbei bemerkt auch gar nicht gekonnt hätte, scrollte ich auf meinem „Täfelchen“ nach unten, um den Urheber des Porträts ausfindig zu machen. „Künstler: Georg Melchior Kraus (1737 – 1806), Werk: Der junge Johann Wolfgang Goethe mit einem Scherenschnitt (1775/1776)“ stand da. Mein Gegenüber glaubte, er sei im Jahr 1776, und er hatte gesagt, dass „der gute Georg“ das Bild gemalt hatte. Dementsprechend war das Gemälde also relativ aktuell, wenn man das so sagen konnte, und traf ihn deshalb vielleicht so gut. Weil der Mann, der vor mir stand, der echte Goethe von 1776 war.
Hin- und hergerissen zwischen Zweifeln an meinem eigenen Verstand, am Geisteszustand meines Gegenübers und dem unerfindlichen Glauben an seine Wahrhaftigkeit, traf ich eine Entscheidung.
„Also gut, wenn Sie wirklich Goethe sind und gerade aus dem Jahr 1776 kommen – wie auch immer Sie das gemacht haben –, dann müssen wir sehen, wie wir Sie möglichst schnell wieder in die Vergangenheit zurückbefördern. Denn wenn das nämlich bekannt wird, dass Sie sich hier herumtreiben, dann gibt es einen riesigen Medienrummel und Sie werden keine ruhige Minute mehr haben.“
Erleichtert rollte Goethe mit den Augen und nickte zustimmend. „Endlich bist du vernünftig und unser Gespräch wird ersprießlich. Es gilt zunächst herauszufinden, wie ich diesen Zeitsprung getan, um ihn in die rückwärtige Richtung tun zu können.“ Nachdenklich fasste er sich mit einer Hand an die Stirn. „Ich stand also des Morgens an meinem Pulte, mit Amtsgeschäften beschäftigt, als mich wer am Schulterblatt berührt. Ich dreh mich um, es setzt den Knall und – wutsch – ist alles anders! In jenem Augenblicke zwischen der Berührung und dem Knalle muss es geschehen sein. Doch wie oder durch welchen Umstand?“
Ich war mir ziemlich sicher, dass es etwas mit der Virtual Reality-Brille zu tun haben musste, denn durch sie hatte ich Goethe überhaupt erst zu Gesicht bekommen. Und als ich ihn dann anzufassen versuchte, musste er sich irgendwie materialisiert haben, so komisch sich das auch anhörte. Ich war kein Fan von Fantasy-Filmen und litt nicht unter überbordender Phantasie was Beamen und Zeitreisen anging. Aber wie sollte ich einem Mann aus dem 18. Jahrhundert von dem Virtual Reality-Projekt erzählen, der noch nicht einmal wusste, was ein Telefon oder ein Fahrrad ist?
Goethe wartete nicht darauf, dass ich ihm meine Theorie erläuterte. „Die einzige Möglichkeit, es herauszufinden, ist, wieder dieselben Stellungen einzunehmen. Ich am Pulte, du stehst hinter mir. Auf, auf!“, rief er mir zu, schon auf dem Weg zur Tür des Gartenhauses.
„Halt, warten Sie!“ Meine Aufforderung ließ er unbeachtet und ich musste in einen Laufschritt verfallen, um ihn am Eingang abzufangen. Konsterniert stand er mit dem Türknauf in der Hand davor und rüttelte an der Tür. „‘S ist feste verschlossen“, murmelte er und sah mich beinah so verstört an wie vorhin, als er das Fahrrad gesehen hatte.
Beruhigend redete ich auf ihn ein. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es um 18 Uhr schließt. Wir können da jetzt nicht rein. Das wäre Einbruch. Wahrscheinlich ist es sowieso mit einer Alarmanlage gesichert.“
Wütend trat er mit dem Fuß gegen die Holztür, die bedenklich in den Angeln wackelte. „Es ist und bleibet MEIN Haus!“
Seufzend lehnte ich mich mit dem Rücken an die Hauswand, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den aus lauter einzelnen bunten Steinen bestehenden Boden. Die große Hitze hatte sich zu angenehmeren Wärmegraden gesenkt und der Schatten vor dem Haus tat sein Übriges. Inzwischen verspürte ich großen Durst.
Da bekam ich unerwartete Hilfe von der Museumswärterin, die uns aus dem hinteren Garten entgegenkam. Offenbar hatte sie nachgesehen, ob sich auch kein verirrter Besucher mehr auf dem Gelände herumtrieb. Als sie uns sah, lachte sie schon von weitem. „Na, immer noch auf der Suche nach einer Toilette?“ Sie erwartete scheinbar keine Antwort, denn sie fuhr fort, nachdem sie uns mit immer noch hochrotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn schnaubend erreicht hatte. Die Haare, die das Gesicht umgaben, waren nass und klebten ihr am Kopf. „Sie müssen den Garten nun aber verlassen. Ich sperre jetzt ab.“ Mit stampfenden Schritten setzte sie ihren übergewichtigen Körper wieder in Bewegung Richtung Gartenpforte.
Goethe setzte zum Protestieren an, aber ich zog ihn am Ellenbogen hinter mir her und flüsterte ihm so energisch, aber auch so leise wie möglich zu, damit uns die Dame nicht hören konnte: „Das Haus gehört Ihnen nicht mehr. Und wenn Sie nicht von allen für verrückt gehalten werden wollen, sollten Sie das besser akzeptieren! – Wir kommen morgen wieder, wenn das Museum geöffnet hat.“ Zu meiner Überraschung folgte er mir schweigend bis vor das Gartentor. Die Wärterin schloss es ab und verabschiedete sich mit einem kurzen Gruß, bevor sie sich zu Fuß auf ihren Heimweg machte. Wir standen und sahen ihr nach. Als sie weit genug entfernt war, war es Goethe, der das Schweigen brach.
„Und jetzo? Was soll ich bis morgen frühe anfangen, wenn ich nicht in mein Häuschen kann?“
