Mein Freund Jim - W. E. Norris - E-Book

Mein Freund Jim E-Book

W. E. Norris

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Beschreibung

Als die drei Freunde Bracknell, Harry und Jim, alle aus der gleichen Ortschaft stammend, die Studierstuben von Eton verlassen, ist die Welt noch in Ordnung. Besonders Jim weiß seinen Weg vor sich. Er, der kleine Landedelmann, liebt die Pfarrerstochter Hilda Turner. Die jedoch hat ganz andere Pläne, sie hat es auf den sehr viel vermögenderen Bracknell abgesehen. Als dieser tatsächlich zum Entsetzen von Jim um ihre Hand anhält, weiß Bracknells Vater dies gerade noch zu verhindern. Für alle überraschend wendet Hilda sich nun augenblicklich wieder Jim zu, der allzu bereit ist, ihr zu vergeben. Kurz vor der Hochzeit der beiden kehrt Bracknell nach Hause zurück und nun nehmen die Dinge ihren unglückseligen Lauf.-

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2017

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W. E. Norris

Mein Freund Jim

Roman

Autorisierle Uebersetzung aus dem Englischen

Saga

Erstes Kapitel.

Ich entsinne mich des ganzen Vorgangs so deutlich, als ob er gestern nachmittag stattgefunden hätte — merkwürdig, wie einzelne, an sich weder bedeutsame, noch folgenschwere kleine Scenen es fertig kriegen, sich unserm Gedächtnis einzuprägen und darin zu haften, indes hundert andre im Lauf der Jahre verblassen und verschwinden. Als ich vorhin die Augen eine Weile zudrückte, sah ich alles wieder vor mir: das dunkle, muffig riechende Studierzimmer, in das ein breiter Sonnenstrahl in gerader Linie hereinfällt; Bracknell, Jim und ich stehen nahe bei einander vor dem hohen, leeren Kamin; der alte Lord Staines sieht mit einer Blume im Knopfloch und einem heiteren, behaglichen Lächeln auf seinem schönen Gesicht ungemein vornehm und weltmännisch aus (was er zu jener Zeit immer zu thun pflegte), und mein Lehrer blinzelt hinter seinen Brillengläsern und richtet wie gewöhnlich seine Worte an keinen von uns im besondern.

„Es thut mir leid, diese drei Burschen zu verlieren,“ sagte er. „Sie sind, alles in allem genommen, keine üblen Gesellen, und werden es voraussichtlich in der Welt zu etmas bringen, gerade wie in Eton, ja ungefähr auch in derselben Weise. Bracknell — nun ich wüsste nicht, was man mehr von ihm verlangen könnte, als dass er unter den Elfena) ist, und dabei ernstlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen wüsste. Er ist ein hübscher, gutmütiger Bursche, und von Zeit zu Zeit habe ich sogar Spuren von — nun ja von Intelligenz bei ihm wahrgenommen. Bracknell kann so bleiben; er wird seiner Stellung Ehre machen. Was dann Maynard betrifft, so ist er gescheit, wenn auch nicht in dem Mass, als er selbst es glaubt. Zu einem Denkmal wird er’s schwerlich bringen, aber ich hoffe, seine Mutter wird sich nie an ihm zu schämen brauchen, und ich habe ihr geschrieben, dass ich ihn als meinen Paradezögling betrachte. Das ist vielleicht etwas zu viel gesagt, keinenfalls laufe ich aber Gefahr, dass meine Mitteilung bezweifelt wird. Nun und dann haben wir noch Leigh,“ der Professor trat ein paar Schritte näher und klopfte Jim auf die Schulter, „ja, was lässt sich denn eigentlich von Ihnen sagen, Leigh? In den alten Sprachen sind Sie mittelmässig, in der Mathematik, soviel ich weiss, ebenfalls, unter den Elfen sind Sie auch nicht, und dass Sie unter die Acht gekommen sind, danken Sie, glaube ich, mehr Ihren zahlreichen Freunden als Ihrer Geschicklichkeit. Also kurzum mittelgut, Jim Leigh, und trotzdem der Beste von allen! Und deshalb möchte ich Ihnen fast prophezeien,“ fügte unser Mentor hinzu, indem er den jungen Riesen, der um mehr als eines Hauptes Länge über ihn emporragte, mit einem eigentümlichen, freundlichen Lächeln ansah, „dass es Ihnen nie an Freunden fehlen wird, Leigh, und dass Sie Aussicht haben, Ihr lebelang mehr oder weniger — hm — missbraucht zu werden.“

Bei dieser einigermassen cynischen Prophezeiung brach Lord Staines in ein herzliches Lachen aus. „Wir werden uns schon seiner annehmen,“ sagte er, „wir wollen sorgen, dass Ihnen kein Unrecht geschieht, Leigh.“

Ich bin überzeugt, dass Lord Staines sich für vollständig befähigt hielt, solches zu thun, und doch hätte ein Unparteiischer, der den eignen Lebensgang desselben gekannt, ihn schwerlich für den geeigneten Mann gehalten, eine derartige Aufgabe zu vollbringen. Er hatte von jeher einen wohlgemeinten, etwas gönnerhaften Anteil an Jim genommen, der Vater und Mutter früh verloren hatte, dessen bescheidener Grundbesitz an seinen ausgedehnten in Berkshire grenzte und der vor allen Dingen der Freund seines Sohnes war. Er hielt ziemlich grosse Stücke auf ihn und war so gütig, dies hie und da auszusprechen; die Bemerkung des Professors, dass „Jim der Beste von allen“ sei, nahm er jedoch selbstverständlich als Scherz. Aber selbst wenn jemand in vollem Ernst die Behauptung aufgestellt hätte, dass Jim seinem Sohn überlegen sei, würde Lord Staines schwerlich böse geworden sein. Wenn man selbst im glücklichen Besitz eines edlen Rassepferdes ist, so gönnt man dem andern ja wohl die harmlose Freude, seinen behäbigen, fleissigen Ackergaul für das wertvollere der beiden Tiere zu halten.

Der arme, alte Lord Staines war von einer thörichten, närrischen Vaterliebe. Ich habe diese Ansicht mit solch langweiliger Einstimmigkeit aussprechen hören, dass ich den Satz sicherlich bestreiten würde, wenn auch nur die leiseste Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Da dies nicht der Fall, will ich wenigstens auf alles das aufmerksam machen, was zu seiner Entschuldigung dienen kann, und ich glaube mit vollem Recht behaupten zu können, dass auch ich stolz sein würde auf einen Sohn, der so hübsch und gewandt, so unerschrocken und fröhlich, so übermütig und jugendfrisch wäre, wie Bracknell es in jenen Tagen gewesen. Es lässt sich ja streiten, ob gerade diese Eigenschaften zu väterlichem Stolze berechtigen, aber es lässt sich nicht in Abrede ziehen, dass sie dieses Gefühl in der Regel hervorrufen. Dabei muss freilich zugegeben werden, dass Lord Staines’ Prahlen und Sichbrüsten etwas Herausforderndes hatte, und es ist begreiflich, dass seine Freunde es zum Teil komisch, zum Teil widerwärtig fanden. So oft eine Cricketpartie stattfand, las er so viele alte Kameraden auf als thunlich und schleppte sie nach Eton, um seinen Wunderknaben kämpfen und siegen zu sehen. Er wurde dieses entzückenden Anblicks niemals müde, und es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass die Sache für andre allmählich an Reiz verlieren könnte. Bracknells Kasse war selten leer, und der Vater lachte gutmütig über die Geschwindigkeit, mit der das Taschengeld erneuert werden musste. Ich glaube, dass selbst die etwas langen Rechnungen, die von Zeit zu Zeit von den Geschäften in Eton und Windsor einliefen, ihm wenig Sorge machten, auch wenn die Absender ergebenst zu bemerken sich erlaubten, dass sie drei Jahre nicht bezahlt worden seien. Auch er war seiner Lebtage sorglos, freigebig und leichtsinnig gewesen; vermutlich fand er es nicht mehr als billig, dass sein Sohn und Erbe ebenso geartet, und wenn er je gelegentlich bedachte, dass die Verschwendung zweier Generationen auf ein nicht allzu glänzendes Vermögen nachteilig wirken müsse, so sagte er sich ohne Zweifel, dass Bracknell eine reiche Frau heiraten und dadurch alles wieder in Ordnung bringen werde. So hatte er es dereinst gemacht und die Sache war vorzüglich ausgefallen, das heisst, er war zu der Zeit, von der ich spreche, noch nicht am allerletzten Schilling des Vermögens seiner Frau angelangt.

Am letzten Tag von Bracknells Schulzeit lagen ihm aber sicher derartige Betrachtungen überhaupt fern, denn er strahlte förmlich vor Wohlwollen und Selbstzufriedenheit. Als es Zeit war, Abschied zu nehmen, drückte er uns beiden herzlich die Hand und versicherte Jim und mich wiederholt, dass wir uns nicht einfallen lassen sollten, an ein Ende unsrer Freundschaft zu denken, weil unsre Lebenswege nun äusserlich auseinander gingen — Bracknell sollte nämlich sofort in das Leibgarderegiment eintreten, indes Jim und ich unsre Studien regelrecht in Oxford fortsetzen wollten.

„Wir sehen uns ja in Bälde wieder, in Staines Court natürlich. Wann eigentlich? — ja im nächsten Herbst vielleicht noch nicht, weil ich ziemlich lang in Schottland oben bleiben werde, aber dann sicher irgend einmal jedenfalls. Und Bracknell wird nach Oxford hinunterfahren und sich nach euch umsehen. Aber warum wollt ihr nicht zu uns nach Schottland kommen? Sind die jungen Herren Jäger? Was, noch nie auf der Jagd gewesen? Nun, jedes Ding muss einmal versucht werden, Bracknell ist für sein Alter ein tüchtiger Schütze. Also wir erwarten euch, abgemacht, und nun lebt wohl, meine lieben Jungen, lebt wohl!“

Damit eilte er, Bracknell mit sich nehmend, davon und hatte vermutlich unser beider gesamte Existenz in der nächsten Viertelstunde vergessen.

Ich erinnere mich, dass Jim stehen blieb, ihnen nachsah, und dann, nachdem sie unsern Blicken entschwunden waren, in die Worte ausbrach: „Was für ein prächtiger Mensch er ist!“, und es mir bitter übelnahm, dass ich vorgab, diese Aeusserung auf den alten Lord Staines zu beziehen. Ich hatte Jims enthusiastische Bewunderung für Bracknell nie geteilt. Einmal liegt Enthusiasmus nicht gerade in meiner Natur, und dann habe ich, wie man mir wenigstens nachsagt, ein scharfes Auge für die Fehler meiner Freunde. Wie dem auch sei, so viel ist richtig, dass ich in Bracknells Charakter ein paar dunkle Flecken wahrgenommen hatte, wovon einer Selbstsucht, ein andrer Unbeständigkeit hiess. Ich war daher ganz darauf gefasst, dass er sich von dem Augenblick an, wo äussere Verhältnisse uns nicht mehr zusammenführten, wenig um uns bekümmern werde, konstatiere jedoch mit grossem Vergnügen, dass ich ihm hierin unrecht gethan. Wir machten selbstverständlich von der etwas allgemein gehaltenen Einladung zur Jagd in den Hochlanden keinen Gebrauch, aber wenige Monate darauf löste Bracknell seines Vaters Wort ein und suchte uns in Oxford auf, wo er, da noch viele andre einstige Schulkameraden vorhanden waren, sich so trefflich vergnügte, dass er sich leicht erbitten liess, seinen Besuch in Bälde zu wiederholen, und auch in den zwei folgenden Jahren von Zeit zu Zeit da erschien, wo eine Schar Gleichgesinnter stets bereit war, ihn willkommen zu heissen, und wo sein Erscheinen jedesmal zu einem Ringkampf von ungewöhnlicher Ausdehnung das Zeichen gab. Am andern Tag kehrte Bracknell nach London zurück und überliess es dem armen Jim, den hohen Würdenträgern des Kollegs die Stirn zu bieten, die ihn jedoch meist glimpflich behandelten. Ich bilde mir ein, dass sie so gut wie wir wussten, dass Jim dazu erlesen war, in jeder Lage der Sündenbock zu sein; und überdies war es keinem nur halbwegs fühlenden Menschen gegeben, mit Jim Leigh hart zu verfahren.

Hie und da erhielt Jim einen Tag Urlaub, um nach London zu gehen, von wannen er jedesmal etwas blass und angegriffen, aber hoch entzückt über die Gastfreundschaft des vierten Garderegiments zurückkehrte, dessen Treiben seiner Schilderung nach ein überaus fröhliches war. Ich kann darüber aus eigner Erfahrung nichts berichten. Weder forderte Bracknell mich auf, ihn in London zu besuchen, noch nahm ich an den vorerwähnten Ringkämpfen Anteil. Einmal war ich ein Bücherwurm, und zweitens konnte ich mich der Gefahr, zu verwildern und meiner Mutter Herz dadurch zu brechen, nicht aussetzen. Jim war, wie schon gesagt, Waise, und das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte, war deshalb lange nicht so bedenklich.

Mit einundzwanzig Jahren trat er vorschriftsmässig den Besitz seines Gutes und seines Vermögens an, wonach er sich jährlich auf etwas über fünftausend Pfund stellte, so dass er in des Wortes vollster Bedeutung unabhängig war. Seinem Wunsch gemäss blieben jedoch sein Onkel und seine Tante, die Elmhorst während seiner Minderjährigkeit verwaltet hatten, dort wohnen bis zu seiner Verheiratung, einem Ereignis, das ich allen Grund hatte, für nahe bevorstehend zu erachten. Die Sache war freilich ein tiefes Geheimnis — ich war eingeweiht, weil Jim von unsrer ersten Kindheit an kein Geheimnis vor mir hatte. Ausser mir ahnte keine Menschenseele von seinen Hoffnungen — am allerwenigsten die, welche der Gegenstand derselben war.

Ich wünschte sehnlich, mit vollkommener Unparteilichkeit über Hilda Turner sprechen zu können; wäre ich dessen fähig, so würde ich dem Leser wahrscheinlich einen weit günstigeren Begriff beibringen von einem Wesen, das ihn, wenn er ihr im Leben begegnete, zweifellos bezaubern würde, wie es den meisten geschah, ja, in das er sich vielleicht verlieben würde, was so vielen passierte. Aber ich muss ehrlich bekennen, dass dies Mädchen mir immer unerträglich war, und dass mein Zeugnis also nur als das eines sehr zu ihren ungunsten voreingenommenen Zeugen zu betrachten ist. Dennoch gestehe ich ohne Widerstreben zu, dass sie hübsch war, wenn auch keine regelmässige Schönheit, und dass ihr Wesen einen grossen Reiz besass, wenn auch nicht für mich. Sie war eine jener Blondinen mit blendend weissem Teint und rosig angehauchten Wangen, jenem Teint, der sich bis in ein hohes Alter frisch und faltenlos erhält. Man belehrt mich, dass die letztere beneidenswerte Eigenschaft der Dicke der Epidermis zu verdanken ist, und ich habe mich zuweilen des Gedankens nicht erwehren können, dass solche Menschen auch ein gewisses Mass von moralischer Dickhäutigkeit besitzen, welches zur Erhaltung der jugendlichen Glätte das seinige beitragen mag — ich will diese Behauptung aber nicht allzu ernsthaft aufrecht erhalten. Hilda hatte goldblondes Haar und blaue Augen, und wenn Zähne wie die ihrigen häufiger vorkämen, müssten die Herren Zahnärzte sich nach einem andern Beruf umsehen. Trotz alledem hatte ihr Gesicht Mängel genug, wenn man sich einmal ans Kritisieren machte; ihre Nase zum Beispiel war zu kurz, ihr Kinn zu breit und ihre Lippen ein wenig zu dünn. Ich erinnere mich, dass meine Mutter, als ich diese Fehler einmal hervorhob, mir kopfschüttelnd bemerkte, dass ich kaum jemals eine Frau finden werde, wenn ich absolute Vollkommenheit verlange — Thatsache ist, dass ich bis auf den heutigen Tag unverheiratet bin, wenn auch freilich nicht aus diesem Grunde; aber ich bin überzeugt, dass selbst meine Mutter es vorzöge, mich als Hagestolz sterben zu sehen, als dass ich mich in Hilda Turner verliebte.

Vermutlich hat es seit Welterschaffung keinen schlechteren Menschenkenner gegeben als mein gutes Mütterlein. Teils rührte dies wohl davon her, dass sie von der Nachtseite der menschlichen Natur wenig zu sehen bekam — sie war fast seit meiner Geburt gelähmt und unfähig, einen Schritt zu machen — teils von ihrem unerschütterlichen Glauben an die Weisheit und Gnade einer alles lenkenden Vorsehung, der sie an jeglichem Ding die beste Seite herausfinden lässt, sogar an ihrem eignen Leiden — dazu kommt noch ihre gut und glücklich angelegte Natur, die sie, glaube ich, völlig ausser stand setzt, sich von bewusster Bosheit einen Begriff zu machen, und die sie die Menschen erblicken lässt, wie sie sie haben möchte, und nicht, wie dieselben wirklich sind. Aber trotzdem gab sie mir bei einer Gelegenheit äusserst zögernd und mit vielen Umschweifen zu verstehen, dass sie fürchte, dass Hilda Turner nicht ganz aufrichtig sei. Was ihr Veranlassung gegeben, dies furchtbar harte Urteil auszusprechen, konnte ich ihr nicht entlocken, aber ich vermute, dass sie die junge Dame bei einer unzweideutigen Lüge ertappt hatte. Ich hätte ihr versichern können, dass dies kein vereinzelter Fall gewesen, aber wenn ich es vermeiden kann, sie in dieser Richtung aufzuklären, thue ich es, weil die einzige Wirkung einer derartigen Mitteilung ist, ihr weh zu thun.

Wenn sie über Hilda einige Zweifel hegte, so hatte sie in Bezug auf deren Vater durchaus keine — er war der Ortsgeistliche, und meine Mutter sprach nie anders von ihm, als von „dem guten Mr. Turner“. Der gute Mr. Turner war ein absoluter Dummkopf, aber harmlos. Er machte sich mit seiner Gemeinde hie und da zu schaffen, arbeitete ein weniges, hielt uns Predigten, die wenigstens den Vorzug der Kürze hatten, und war von einem passiven Wohlwollen. Hilda herrschte über ihn — ich will nicht gerade sagen mit eiserner Rute, denn eine solche Waffe war in so zarter Hand undenkbar, aber sie beherrschte ihn vollständig.

Da unsre Nachbarschaft keine sehr zahlreiche war, kannten die paar Familien sich natürlich genau. Hilda, Jim und ich waren von klein auf Spielgefährten gewesen, und wenn Lord Staines auf seiner Besitzung anwesend war, verkehrten Bracknell und seine Schwester ebenfalls viel mit uns. Nach Lady Staines’ Tod stand das grosse Herrenhaus jedoch häufig leer, denn Lord Staines hielt sich in London, Schottland, Newmarket oder an irgend einem jener Orte auf, wo er sein Geld zu verschwenden liebte, und nur in langen Zwischenräumen kam die stille, kleine Lady Mildred mit ihrer Erzieherin und einer der Tanten, die sich ihrer annahmen, aufs Land. Sie war ein wohlerzogenes kleines Mäuschen, mit glänzenden braunen Augen, die weit mehr sahen, als man gewöhnlich voraussetzte, und dem besten Herzen von der Welt; da sie aber ziemlich schüchtern war und ihre Ansicht gewöhnlich für sich behielt, nahm niemand viel Notiz von ihr. Sie und Hilda galten für Freundinnen, obwohl kaum eine wirkliche Zuneigung zwischen ihnen bestanden haben kann, und als Hilda achtzehn Jahre alt war, hatte Lady Petworth, Mildreds Tante, die Gutmütigkeit, dieselbe für die Ballsaison nach London einzuladen und bei Hof vorzustellen.

„Ich bin froh,“ pflegte Mr. Turner in seiner bedächtigen, ehrlichen Weise zu sagen, „dass meine gute Hilda ihre Beziehungen zu Lady Mildred immer frisch erhalten hat. Ich habe sie darin bestärkt,“ (er glaubte vielleicht wahr und wahrhaftig, dass seine Wünsche irgend welchen Einfluss in dieser Frage gehabt hätten!) „weil ein gebildeter, feiner Umgang für die Jugend nur förderlich sein kann, und weil ich es für wünschenswert halte, dass Hilda einigermassen in die — nun eben in die beste Gesellschaft kommt.“

Ohne Zweifel hielt auch Hilda dies letztere Resultat ihres Verkehrs mit Lady Mildred für äusserst wünschenswert. Was den gebildeten Umgang betraf, so hätte sie diesen Zwang wohl mit Vergnügen abgeworfen.

Ich weiss nicht, ob es nach Miss Turners Einführung in die „beste Gesellschaft“ war, dass Jim die Entdeckung machte, dass er bis über die Ohren in sie verliebt sei, aber es war etwa um jene Zeit, dass er mich zu meinem Leidwesen, aber nicht zu meiner Ueberraschung, von seinem Herzenszustand in Kenntnis setzte. Aber erst mehr als ein Jahr später, nachdem wir beide Oxford verlassen hatten, kam die Sache zu einer Krisis. Bis dahin waren Jims Aufmerksamkeiten höchst bescheidener und schüchterner Natur gewesen; er hatte eine sehr geringe Meinung von seiner persönlichen Anziehungskraft und litt lieber die Qual der Ungewissheit, als dass er sich der Gefahr einer Zurückweisung aussetzte. Zu diesem Zögern trug ich meinerseits auch ein gut Teil bei, denn ehrlich gestanden, ich dachte mir, es müsste in den Sternen geschrieben sein, dass eine so bezaubernde junge Dame wie Hilda in London jemand begegnen würde, dessen Anspruch auf ihr Interesse grösser wäre, als der des armen Jim. Es war dies aber nicht der Fall — fünftausend Pfund jährlich ist kein sehr glänzendes Einkommen, aber wenn man sich die Mühe gibt, seine Bekannten Revue passieren zu lassen, so wird man finden, dass die heiratsfähigen Herren, die sich eines solchen erfreuen, in der Minorität sind, und es ist mehr als möglich, dass Hilda diese Berechnung anstellte.

Und so geschah es, dass in einem schönen heissen Juli, als das Pfarrhaus, halb verdeckt von seinen prächtigen Bäumen, die richtige Scenerie für eine Idylle bildete, als die breiten Terrassen von Staines Court in lustigem Blumenschmuck prangten, dessen sich leider niemand erfreute, als die Gärtner selbst, und als sogar unser bescheidenes Heim nach meiner Mutter Ausspruch, die ihren grossen Stolz darein setzte, „wie ein Paradies“ aussah, man zwei junge Wesen, von denen man sagen konnte, dass sie ein hübsches Paar bildeten, fortwährend miteinander zu Pferd oder zu Fuss Wiesen und Wälder durchstreifen sah. Nicht, dass unser starkknochiger, breitschultriger Jim mit seiner gebogenen Nase, seinen ruhigen grauen Augen und dem grossen Mund, der sich bei der geringsten Veranlassung lächelnd von einem Ohr zum andern zog, im eigentlichen Sinn des Wortes ein hübscher Mann gewesen wäre, aber er kam diesem Begriff doch nahe genug, um die von vielen und auch von Ehrwürden Simeon Turner ausgesprochene, wohlmeinende Bemerkung über das junge Paar zu rechtfertigen. Der geistliche Herr war frei von Ehrgeiz; ein Schwiegersohn mit fünftausend Pfund jährlich, einem tadellosen Lebenswandel und einem fügsamen Charakter genügte seinen Ansprüchen.

Ich war zu jener Zeit mit meinen Rechtsstudien beschäftigt und bereitete mich vor, als Anwalt aufzutreten, obwohl ich damals wie heute dies Studium für das widerlichste halte, zu dem ein leidlich intelligenter Mensch sein Gehirn zwingen kann. Eines Nachmittags, als ich mit irgend eines Menschen „Civilrecht“ und „Entscheidungen in Strafsachen“ vor mir dasass, stürmte Jim in meine Zelle, und sich rittlings auf den Tisch schwingend, teilte er mir mit, dass er „der glücklichste Mann im römischen Reich geworden“ oder wenigstens etwas derart.

Wenn man weiss, dass ein Freund fest entschlossen ist, einen dummen Streich zu machen, so ist es die grösste Thorheit von der Welt, ihm dies zu sagen. Ich gab mir also alle Mühe, heiter teilnehmend auszusehen, und fragte: „Hat sie dir ihr Jawort gegeben?“

„Nun — nein“ — antwortete er, „das gerade nicht, aus dem einfachen Grund, weil ich sie gar nicht danach gefragt habe, aber ich glaube, dass alles gut gehen wird. Harry, altes Haus, ich weiss wahrhaftig nicht, womit ich ein solches Glück verdient habe.“

Das wusste ich ebensowenig, bin sogar überzeugt, dass er in seinem Leben nichts gethan, womit er das verdient hätte, und trotzdem ward es sein Los — und schliesslich, man sieht ja manchen Gefangenen ganz vergnügt mit seinen Ketten klirren. „Und weshalb,“ forschte ich, „hast du deine Werbung nicht angebracht?“

Jim lachte. „Ich bin nun einmal ein einfältiger Geselle!“ sagte er. „Es braucht lange, bis ich so weit bin, und so oft ich darauf lossteure, kriegt sie es fertig, mich wieder aus dem Geleise zu bringen. Nun, es liegt ja nicht so viel daran, Eile hat es nicht!“

„Durchaus nicht,“ pflichtete ich eifrig bei, da ich, solang das bindende Wort nicht gesprochen, immer noch einen Schimmer von Hoffnung für ihn hatte. Er aber warf sich in meinen Lehnstuhl, steckte sich eine Cigarre an und erging sich in Rhapsodieen, deren Wiederholung mir und dem Leser gleich langweilig sein würde.

Zweites Kapitel.

In diesem etwas kritischen Zeitpunkt kam es Lord Staines plötzlich in Sinn, Staines Court zu beziehen, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, längere Zeit dort zu verweilen. Seiner Ankunft ging die eines französischen Kochs, eines Haushofmeisters, Kammerdieners und der Himmel weiss, wie vieler andrer dienstbarer Geister voran, denn sein Haushalt war immer weit grossartiger gewesen als seine Mittel. Die Sache versetzte die ganze Nachbarschaft in fieberhafte Aufregung, und jedermann zerbrach sich den Kopf über die Veranlassung zu diesem plötzlichen Entschluss. Dieselbe wurde uns schon am nächsten Morgen klar, und zwar durch Lady Mildred, die so bald als möglich herüber kam, um meine Mutter zu besuchen.

„Papa hat dieses Jahr Unglück gehabt,“ sagte sie in ihrer einfachen geraden Weise. „Erstens unterlag sein Pferd im Derby um eine Kopflänge, wie Sie wissen —“

„Mein liebes Kind,“ unterbrach meine Mutter, „ich fürchte, dass ich von dem Derby gar nichts weiss, als dass es ein Rennen ist, welches alljährlich im Frühjahr stattfindet.“

„Natürlich. Papa dagegen weiss sehr viel davon, und sogar ich verstehe mich ein wenig darauf. ‚Premier‘ hätte gewinnen müssen, wenn nicht Störungen vorgekommen wären, niemand hatte schuld daran, aber meinen armen Papa traf das Unglück, und drauf hat er auch in Ascott kein Glück gehabt. Wir werden also in diesem Sommer nicht reisen, sondern ganz ruhig hier bleiben und fast niemand bei uns sehen.“

„Des einen Leid, dem andern Freud’,“ bemerkte meine Mutter; „für unsre jungen Leute wird es eine grosse Freude sein, dich hier zu haben. Und wer weiss,“ fügte sie nachdenklich hinzu, „ob dies scheinbare Unglück Lord Staines nicht zum Segen gereichen und ihn bestimmen wird, nicht mehr zu wetten, was ich nicht für recht halten kann, denn, siehst du, wenn der eine Geld dabei gewinnt, muss notwendig der andre das seinige verlieren.“

Lady Mildred gab zu, dass dies vermutlich der Fall sein werde, bezweifelte aber, dass Verluste vom Spiel abschrecken. „Was mich betrifft,“ sagte sie, „so bin ich ja am allerliebsten in Staines Court, und in einigen Tagen kommt Bracknell auch, und dann wird es wieder ganz sein, wie in unsrer Kinderzeit, nur fürchte ich, wird er es langweilig finden und nicht lange bleiben.“

„Ach, er findet ja Gesellschaft genug,“ versicherte mein Mütterchen in ihres Herzens Unschuld, „Harry ist hier und Jim Leigh und Hilda Turner.“

Jahr für Jahr und Tag für Tag auf ihrem Sofa liegend, ohne Abwechslung, oder auch nur die Möglichkeit einer solchen, ward es ihr schwer, sich klar zu machen, wie rasch aus Kindern Leute werden. Man sagt, dass der Knabe der Vater des Mannes sei, und sobald man sich irgendwie mit Logik befasst, kommt man unwillkürlich zu dem Schlusse, dass das Mädchen die Mutter der Frau sei. Diese Theorie ist etwas betrübend, aber ich kann meinen eignen Beobachtungen nach kaum umhin, sie zu bestätigen. Ich nehme an, dass, als unser Pädagoge die Prophezeiung aussprach, Bracknell werde seiner Stellung Ehre machen, dies mit jener kleiner Beimischung von harmloser Ironie geschah, die er sich zuweilen erlaubte. Bracknell war nun mit dreiundzwanzig Jahren wahrscheinlich genau das, was unser Professor von ihm erwartet hatte. Er war einer der hübschesten Männer von London; unendlich gesucht und gefeiert von der Gesellschaftsklasse, die man neuerdings „die Leute von Schick“ nennt; seine Liebesaffairen waren zahlreich und nicht sehr in Geheimnis gehüllt, er war Eigentümer oder Mitbesitzer von verschiedenen Rennpferden, die es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatten, und er stak ziemlich tief in Schulden. Welch hervorragende Eigenschaften er besessen hätte, ausser der, Glück zu haben, wüsste ich nicht zu sagen, aber trotzdem wundere ich mich keineswegs über seine grosse Beliebtheit. Jim, der in ihm von jeher ein leuchtendes Gestirn sah, war überglücklich, als er vernahm, dass er unser stilles Thal eine Zeit lang mit seiner Gegenwart beehren werde, und es fiel mir auf, dass Hildas Augen leuchteten, als ihr die erfreuliche Neuigkeit mitgeteilt wurde.

Wir alle, das heisst die Turners, Jim Leigh und ich, waren am Abend von Bracknells Ankunft in Staines Court zu Tisch, und wir sassen noch nicht fünf Minuten, als es mir ganz klar war, dass Hilda Turner ihn zu fesseln gedachte. Was mir die Sache zweifellos machte, war der Eigensinn, mit welchem sie jedes Gespräch mit ihm ablehnte. Lord Staines, der sie zu Tisch geführt hatte, war anfangs sichtlich gedrückt und geistesabwesend, aber Hilda bot ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, und als der Fisch abgetragen wurde, war es ihr schon gelungen, ihren Nachbar in glänzende Laune zu versetzen, denn niemand schätzte Frauenschönheit und Geist höher als Lord Staines. Indessen war es Bracknell, zu dessen Rechten der alte Mr. Turner sass, sehr bald klar geworden, dass sich zu seiner Linken ein reizendes Wesen befinde, und es war äusserst amüsant, das grenzenlose Erstaunen zu beobachten, das sich auf seinem Gesicht zeigte, als ihm nach verschiedenen Versuchen, Hildas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die Ahnung aufdämmerte, dass sie die Gesellschaft seines Vaters der seinigen vorziehe. Vermutlich war ihm ein so absonderlicher Geschmack bei einer so anziehenden Persönlichkeit im Leben noch nicht vorgekommen. Vergebens führte er all seine Künste ins Treffen und zwang sie, sich umzudrehen, während er schmachtende Blicke nach ihr sandte, die aber völlig unerwidert blieben, ja sie gab ihm höflich, aber äusserst deutlich zu verstehen, dass seine Unterbrechungen ihr störend seien, antwortete ihm einsilbig mit flüchtigen Worten oder zerstreutem Lächeln und richtete ihre Bemerkungen sofort wieder an Lord Staines, der sich an der Missstimmung seines Sprösslings sichtlich ergötzte.

Jim plauderte die ganze Zeit höchst vergnüglich mit Lady Mildred von Kindheitserinnerungen, und nur hie und da ruhten seine Blicke mit einem fast komischen Ausdruck von Stolz und Liebe auf Hilda; ohne Zweifel dachte er, wie unendlich gut es von ihr sei, sich so viel Mühe mit der Erheiterung des alten Herrn zu geben. Der Herr Pfarrer und ich verzehrten unsre Mahlzeit, die nebenbei vorzüglich war, ohne dass irgend jemand sich um uns gekümmert hätte.

Als wir später im Salon wieder bei einander waren, wurde Lord Staines abermals ernst und schweigsam — die Sorge mochte wohl wieder die Oberhand gewonnen haben. Er brachte eine undeutliche Entschuldigung hervor und schlich sich davon — vielleicht versuchte er noch einmal, Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen. Lady Mildred hatte Jim Photographieen zu zeigen — möglich dass er sich wirklich so sehr für dieselben interessierte, als es den Anschein hatte, vielleicht war es auch nicht der Fall. Mr. Turner würdigte in Ermanglung bessrer Zuhörer mich, seine Gedanken über weltliche Erziehung zu vernehmen, und während er mir dieselben in einiger Ausführlichkeit entwickelte, beobachtete ich, dass es genau so kam, wie ich erwartet hatte. Bracknell setzte sich auf ein Sofa neben Hilda, die ihren Fächer in die Hand nahm und ihn mit einem halb übermütigen, halb aufmunternden Seitenblick empfing. Er redete sie halblaut an, der Ton klang vorwurfsvoll: vermutlich drang er in sie, ihr zu gestehen, weshalb sie ihn mit so auffallender Kälte behandelt habe, denn plötzlich vernahm ich ein leises Auflachen und die Antwort: „An Ihrer Stelle, Lord Bracknell, würde ich die Frage unerörtert lassen. Wenn nicht, so darf ich mir vielleicht Ihre Lesart gewisser Anekdoten ausbitten, die ich in London über Sie erzählen hörte.“

„Was für Anekdoten?“ versetzte er eifrig. „Verlassen Sie sich darauf, es war kein wahres Wort daran. Sie werden doch auf solchen Klatsch keinen Wert legen?“ Und so weiter, und so weiter.

Das Zwiegespräch wurde nun mit so gedämpften Stimmen fortgesetzt, dass die Beredsamkeit des Herrn Pastors, der sehr nahe neben mir stand und seinen Worten durch gelegentliches Betippen meiner Weste mit seinem Zeigefinger Nachdruck verlieh, dasselbe meinem Gehör entzog. Ich war aber nicht einmal neugierig, mehr zu hören, eher möchte ich wissen, wie oft dieser Dialog wörtlich so wiederholt worden ist, seit die Welt steht, und wie oft er sich noch wiederholen wird? In der Regel dauert es etwa fünf oder zehn Minuten, bis die Dame ein unumwundenes Bekenntnis als Vorbedingung einer etwa möglichen Absolution begehrt, und dann sagt ihr der Mann — nun, vermutlich sagt er ihr zuweilen die Wahrheit, obwohl dies zu den Ausnahmefällen zählen wird. Was Bracknell Hilda sagte, nachdem sie sich langsam auf die offne Balkonthüre zu bewegt hatten und durch dieselbe verschwunden waren, kann ich mir schwer vorstellen, ist aber auch ganz unwesentlich. Was ich dagegen weiss, ist, dass sie nicht viel weniger als eine Stunde unsichtbar blieben, dass Jim lange vor Ablauf dieser Zeit unruhig wurde und dass Lady Mildred ängstlich dreinsah, dass Mr. Turner den Schlaf des Gerechten schlief und dass der bescheidene Chronist vollständig erschöpft war von seinen verzweifelten Anstrengungen, ein Gespräch in Gang zu erhalten, das nach jedem Versuch sofort aufs neue erstarb.

Endlich erschien Lord Staines wieder. Sein Haar sah sehr zerwühlt aus, woraus ich schloss, dass er immer noch kein Rechnungsverfahren entdeckt hatte, vermittelst dessen man die grössere Summe von der kleineren abziehen kann, und wenn ich mich nicht täusche, so lag ihm bei unserm Anblick der Ausruf: „Wie, noch da?“ stark auf der Zunge. Er war aber ein viel zu höflicher Mann, um so etwas laut werden zu lassen, und machte artig Konversation, bis Bracknell und Hilda wieder erschienen, was von ihrer Seite aus ohne das leiseste Zeichen von Verlegenheit geschah. Der alte Turner erwachte nun plötzlich, rieb sich die Hände und versicherte, dass sie einen reizenden Abend verlebt hätten, nun aber den Wagen nicht länger warten lassen könnten, worauf wir einander gegenseitig mit grosser Lebhaftigkeit gute Nacht wünschten und aufbrachen.

Jims Dogcart war da, und er hatte versprochen, mich heimzufahren; als ich aber im Vorsaal nach meinem Ueberrock griff, trat er zu mir und sagte: „Macht es dir etwas aus, noch eine Viertelstunde zu warten, Harry? Ich möchte mit Bracknell eine Cigarre rauchen.“

Natürlich erwiderte ich, dass ich ganz damit einverstanden sei, und wir begaben uns ins Rauchzimmer, wohin Lord Staines uns nicht folgte. Ich glaube, einen so unentwegt auf sein Ziel lossteuernden Menschen wie Jim gibt es nicht noch einmal; einige Umschweife zu machen und etwas auf den Busch zu klopfen, wie wir alle es mehr oder weniger thun, kommt ihm gar nie in Sinn. Wenn er irgend etwas auf dem Herzen hat, darf man ganz sicher sein, dass er keine Minute verlieren und nicht das geringste bei sich behalten wird. Seine Cigarre war kaum angezündet, so hatte er auch Bracknell schon alles so klar gemacht, dass keinerlei Missverständnis möglich war.