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Ein ehemaliger Nachrichtendienstoffizier wird aufgrund familiärer Beziehungen gegen seinen Willen in die Schattenwelt der diplomatischen Wirren des Ukraine-Krieges hineingezogen. In dieser kann er nur mit seinem inneren Dämon, den er vergeblich versucht hat kalt zu stellen, bestehen. Sein Auftrag führt ihn in die moldawische Hauptstadt, Kischinau, oder besser gesagt in jene Schattenwelt, die er eigentlich für immer verlassen wollte.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2023
Raffael Trimmel
Mein innerer Dämon
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Das Restaurant
Meine Frau
Der Abschied
Kischinau
Der Spaziergang
Mold Expo
Die OSZE
Die Akten
Der Virus
Die Infektion
Die Karaoke-Bar
Der Botschafter
Der 2. Vertreter des moldawischen Honorarkonsuls
Der russische OSZE-Vertreter
Die Übergabe
Die Bilder
Die Planung
Der Angelausflug
Das Zwischenspiel
Der Kompromiss
Ein kurzes Rendezvous
Der Zeitungsartikel
Das letzte Abendmahl
Warten auf Godot
Der vorletzte Tag
Die Abreise und erster Tag in Kiew
Der Vorbereitungstag
Der ASOW-Kommandant
Magic Life – Rammstein
Mein Lieblingsonkel
Das Blumengeschäft
Letzte Vorbereitungen
Reise nach Lyon
Lyon
Spaziergang durch Lyon
Die Abreise
Servus Kiew!
Die Ankunft
Das Restaurant
Impressum neobooks
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Waffen nieder!
Bertha von Suttner
Für meine
russischen und ukrainischen Freunde
Ich stehe hinter der Bar. Es ist schon einige Zeit her, seitdem ich an mein altes Leben gedacht habe, in der so genannten „Firma“. Oder besser gesagt, in der Schattenwelt, die Welt der Spionage. Es hat einige Zeit gedauert, aber irgendwann kommt der Punkt, wo man diese Schattenwelt mit seinem ganzen Sein verlässt. Zumindest kann man an den Punkt gelangen, wo man es sich selber einredet oder vielleicht sogar der tiefen Überzeugung dessen ist.
Manche glauben, dass man diese Welt nie wirklich verlassen kann. Ich versuche ihnen das Gegenteil zu beweisen. Ob es mir gelungen ist, werde ich wohl erst auf meinem Sterbebett erfahren. Ich hoffe zumindest, dass ich in einem Bett sterben werde. Am besten in meinem eigenen und friedlich. Friede...Ein Wort, dass wir im so genannten „Westen“ viel zu lange für selbstverständlich gehalten haben. So als ob es ein gottgewolltes Recht wäre, dass wir in Frieden leben können. Aber woher wollen wir dieses gottgewollte Recht ableiten? Nur mehr die wenigsten glauben an Gott oder wie Nietzsche es formulierte „Gott ist tot“. Zumindest für die meisten, wenn man die jährlichen Kirchenaustritte als Parameter heranzieht.
Ich versuche mir hierüber keine Gedanken zu machen, als ich am 24. Februar 2022 in meinem Restaurant stehe und die Nachrichten lese. Krieg in Europa. Irgendwie surreal. Ich versuche die Nachrichten nicht zu verfolgen. Das erste Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit. Daher sollte man auch so wenig wie möglich auf den Bildschirm schauen.
Geschehnisse sind grundsätzlich nichts Anderes als das Ergebnis von Prozessen, die schon lange im Laufen waren. Der Mensch glaubt aber lieber an eine Art „Naturereignis“. Plötzlich, unerwartet und unvorhersehbar. „Gut“ und „Böse“ sind so leichter einteilbar.
Aber schon Nietzsche wusste, dass es notwendig ist „jenseits von Gut und Böse“ zu blicken.
Huntington und sein „Clash of Civilizations“ (Seite 242 in der englischen Taschenbuchausgabe, falls es jemanden interessiert) und Mearsheimer ploppen daher in meinem Kopf auf. Sie haben das irgendwie vorausgesagt. Es wollte nur keiner hören bzw. lesen.
Es ist immer wichtig das große Ganze zu sehen. Die Makroebene. Die Mikroebene, die Geschehnisse und Grausamkeiten auf dem Schlachtfeld, muss eiskalt ausgeblendet werden. Viele politische Kommentatoren versuchen aber durch Moralisierung der Mikroebene („Kriegsverbrechen!“) ihre eigene Meinung hinsichtlich der Makroebene zu rechtfertigen. Dass man hierdurch auf völlig falsche Schlussfolgerungen kommt, interessiert nur wenige. Wer schon die falschen Schlussfolgerungen zieht, wird nie in die Nähe eines Lösungsansatzes kommen.
Eine Wahrheit, der ich mich versuche anzunähern, ist, dass man mit Gefühlen noch nie einen Konflikt gelöst hat. Klingt herzlos, ist aber (wahrscheinlich) so. Mein ehemaliger Vorgesetzte sagte einmal im Zusammenhang mit der Analysearbeit „Hier kommt es nicht nur auf die Begeisterung an, sondern auf nüchterne, sachliche Arbeit, die nicht von heute auf morgen zu lernen ist.“ Woher er das hatte? Ich würde einmal auf Ernst Jünger tippen.
Begeisterung für eine „Sache“ oder auch:
Hat ein „Solidaritätskonzert“ jemals etwas bewirkt?
Und während ich mich bei diesen Gedanken ertappe, merke ich,wie mich diese Schattenwelt mithilfe meines inneren Dämons wiederum versucht in seinen Bann zu ziehen.
Mit all ihrer Mystik und all ihren Grausamkeiten.
Als ob meine weißrussische Frau Gedanken lesen könnte, schaut sie durch das Küchenfenster und sagt zu mir „Es ist nicht dein Problem.“ Natürlich weiß sie, wo ich gearbeitet habe und kennt meinen inneren Dämon, den ich immer noch versuche auf Abstand zu halten. Vollständig besiegen wird er sich wohl nicht lassen. Man kann ihn nur unter Quarantäne stellen. Ausmerzen kann man ihn nicht.
Es gibt allerdings ein weiteres Problem. Unser Restaurant ist zu einem Restaurant geworden, wo sich alle (Diplomaten, Nachrichtendienstmitarbeiter, Politiker) unerkannt treffen wollen und im Endeffekt sich niemand unerkannt treffen kann. Man wird also zwangsweise immer wieder mit seinem alten Leben konfrontiert. Das Trinkgeld mildert zwar ein wenig diese Bürde, aber Geld ist halt nicht alles. Und ich befürchte, dass aufgrund der Ereignisse „unerkannte“ Treffen in unserem Restaurant rasant steigen werden. Gut fürs Geschäft, schlecht für mein Seelenheil.
Als ich gedankenversunken aufschaue, steht meine Frau vor mir. Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie die Küche verlassen hat. „Du kannst nach Hause gehen, wenn du möchtest. So viel ist nicht los und wir schaffen das auch ohne dich.“
Ich nehme das Angebot nicht an, da ich weiß, dass man sich seinem inneren Dämon stellen muss. Eine Flucht bringt nichts. Er holt einen ein. Immer. Man muss den Kampf aufnehmen oder er wächst und irgendwann scheint er so groß zu sein, dass man glauben mag, ihn nicht bezwingen zu können. Zum Mitschrei,ben. Die meisten Dämonen kann man besiegen, oder zumindest unter Quarantäne stellen. Die Frage ist nur wie viel man von einem selber noch zusammenraffen kann, um den Kampf aufzunehmen.
Wer den Kampf nicht aufnimmt, landet in der Hölle. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und so stehe ich die nächsten Wochen in der Bar, sehe amerikanische, britische, deutsche, französische, ukrainische „Kulturattachés“. Es scheint sich jeder mit jedem zu treffen.
Außer einer ist abwesend. Der Iwan. Ich versuche auszublenden, wer sich mit wem trifft. Aber unbewusst beginnt es bei mir wieder zu rattern. Wer trifft sich mit wem, wie lange dauert das Gespräch und verdammt nochmal, wo ist der Iwan? Gerade mit dem müsste man doch reden. Oder glaubt der Westen wirklich, dass er das größte Land der Erde mit seinen Ressourcenreichtum am Ende des Tages in die Knie zwingen kann?
Je länger der Krieg dauert, desto mehr Menschen sterben, desto mehr Leid und desto tiefer die Wunden. Dass kann doch keiner wollen? Es gibt schon jemanden, der das möchte, dass sich manche Kräfte sich gegenseitig so lange wie möglich „aufreiben“. Ich erwähne ihn hier nicht, aber jeder der ein wenig Geopolitik versteht, kann erahnen ,wen ich meine.
Da ich die jährliche Gasrechnung vom Restaurant bekommen habe, liegt es mir nicht nur einmal auf der Zunge die Gesprächspartner eines „unerkannten Treffens“ zu fragen, wann sie denn endlich gedenken mit dem Iwan zu reden. Der Strom kommt nämlich nicht aus der Steckdose und das Gas nicht aus der Gasleitung.
Vielleicht ist dies aber auch einfach der Anfang der Endphase der „Wohlstandsverwahrlosung“, die mit einem lauten Knall enden wird. Energieversorgung? Wozu um die Energieversorgung kümmern, wenn noch nicht gesetzlich verankert ist, dass man sein Geschlecht einmal im Jahr ändern darf? Es müssen eben Prioritäten gesetzt werden ,und ein bisschen frieren und fasten dafür hat noch niemandem geschadet.
Die Sanktionen erinnern mich auch ein wenig an die Politik der „Zeichen setzen“. Letztens hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Bekannten. Sie meinte, dass man bei einer Regierungsumbildung unbedingt eine Frau nachbesetzen soll, um „ein Zeichen“ zu setzen. Auf meinen Einwand hin, dass es doch nicht sein kann, eine Position mit einer Person alleine aufgrund der richtigen Geschlechtszugehörigkeit zu besetzen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Qualifikation, konterte sie mit „Es sitzen auch genug unqualifizierte Männer auf wichtigen Positionen“.
Unfähigkeit mit Unfähigkeit rechtfertigen. Kein Wunder, dass ich ein leises Lachen aus China höre.
Und mit den Sanktionen ist es ähnlich. Wir frieren, der Iwan lacht aufgrund Rekordeinnahmen aus seinen Energieverkäufen, und man hat zumindest „ein Zeichen“ gesetzt. Die einen klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, die anderen zittern vor der nächsten Vorschreibung.
Über Sinn und Unsinn der Sanktionen soll aber nicht diskutiert werden. Wäre ja auch moralisch nicht zu rechtfertigen, weiterhin das Gas vom bösen Iwan abzunehmen. Das russische Öl kaufen wir zwar über Umwege teuer vom Inder, und der Iwan macht auch gerade deswegen die Gewinne seines Lebens. Aber Öl aus Saudi-Arabien, Gas aus Katar oder aus Aserbaidschan? Kein Problem. Vor lauter Blut glauben manche sie seien in ein Weinfass gefallen.
Was man anders machen hätte sollen? Gasproduktion steigern, dadurch ein Überangebot schaffen und den Gaspreis ins Bodenlose fallen lassen. Das hätte dem Iwan wirklich weh getan.
Apropos Sanktionen. Letztens bat mich eine Bekannte aus Russland 169 Rubel (alter Währungskurs: rund €2; neuer sanktionierter Währungskurs: € 2,65) an einen Couchsurfing-Anbieter („airbnb für Arme“) zu überweisen. Auf meine Replik, dass ich zwar im Vergleich zu ihr etwas mehr verdiene, ich aber davon ausgehe, dass sie sich gerade noch 169 Rubel leisten könne, antwortete sie, dass der Couchsurfing-Anbieter 169 Rubel (€ 2,65) nicht von ihrer russischen Kreditkarte annehmen könne aufgrund der Russland-Sanktionen.
Vor meinem geistigen Auge sah ich sie schon auf dem Roten Platz in Moskau mit einem großen Schild „Weg mit Putin! Ich kann aufgrund der westlichen Sanktionen keine 169 Rubel an einen Couchsurfing-Anbieter überweisen!“
Manche haben wirklich den festen fanatischen Glauben an dieses Szenario. Gustave Flaubert hat einmal gesagt: „Keine große Sache wird ohne Fanatismus gemacht.“ Das einzige Problem:
Was kommt, nachdem die „große Sache“ erreicht wurde? Wären die Folgen der Erreichung der „großen Sachen“ nicht viel schlimmer als der Status quo?
Als eines Tages der weißrussische Kulturattaché unser Restaurant betritt, bin ich daher ein wenig erleichtert. Ok, der Iwan schickt zumindest einmal seine Vorhut. Ich gehe zu dem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen und frage ihn – so unauffällig wie möglich – ob er noch jemanden erwarte. Wie in einem schlechten Film schiebt er seinen gegenüberliegenden Sessel mit dem Fuß vom Tisch hinaus und sagt „Die Person steht gerade vor mir.“ Nach einem kurzen Sprache verschlagen, antworte ich ihm, dass ich echt keine Zeit, Nerven, Lust und vor allem keine Geduld habe für seine Spielchen. Er erwidert „Wenn ich du wäre, würde ich mich setzen.“.
Also setze ich mich. Ich frage ihn, was der Grund für dieses Vergnügen sei. Er antwortet mir, dass man sich auf meine Person geeinigt habe.
Wer? Die Ukrainer und die Russen. Und wie kam es dazu? Ihr habt ja letztens ukrainische „Vertriebene“ aufgenommen. „Vertriebene“? Es waren keine Vertriebene, sondern Personen vom ukrainischen Nachrichtendienst, SBU, die auf dem Weg zu gewissen Verhandlungen waren und klandestin zu einem Verhandlungsort reisen mussten. Mehr darfst du darüber auch nicht wissen. Ich habe eigentlich eh schon zu viel gesagt, aber für die Vertrauensbildung ist das manchmal notwendig. Du warst insofern eine gewisse Hilfe für die Ukrainer.
Ohne eine Miene zu verziehen, bin ich doch ein wenig erleichtert, dass die Ukrainer und die Russen doch – wenn, auch nur geheim und auf unterer Ebene – bilateral – ohne Einmischung von außen - miteinander reden.
Während des Aufenthalts bei dir haben sie dich, naja du weißt schon, ein wenig ausgekundschaftet. Lange Rede, kurzer Sinn. Du warst ihnen offenbar nicht ganz unsympathisch.
Auf meine Frage „Warum die Russen?“, macht er ein verschmitztes Lächeln und antwortet „Sie kennen dich noch von früher und glauben nicht, dass du dich – trotz deines Versuchs eines bürgerlichen Lebens – sonderbar verändert hast.“
Ich sage sarkastisch, dass ich mich geschmeichelt fühle, jetzt aber gerne wissen würde, auf welche großartige Einigung man sich betreffend meiner Person verständigt hat.
"Du sollst unter der Tarnung eines OSZE-Postens Kompromisse zwischen den Ukrainern und Russen ausloten."
Als er das sagt, fange ich lauthals an zu lachen. Ich habe schon viel in meinem Leben erlebt, aber der Gedanke, dass ich – ja, genau ich – irgendetwas zur Lösung des Konflikts beitragen kann, versetzt mich in eine etwas verrückte Heiterkeit, die sich allerdings recht schnell in eine gewisse Niedergeschlagenheit verwandelt.
Denn, wie verzweifelt müssen die Kriegsparteien sein, um auf eine solche Idee zu kommen?
Nachdem ich mich von meiner Emotionsregung ein wenig erholt habe, erörtert mir mein weißrussischer Freund, dass im Rahmen der OSZE gewisse Gespräche auf unteren Ebenen stattfinden, die allerdings von jedem – Deutschland, Frankreich, USA und wer weiß noch von wem – genauestens beobachtet werden. "Du kennst das Sprichwort „Zu viele Köche verderben den Brei.“ und wenn alle alle ihre Interessen einbringen wollen, kommt am Ende nichts raus. Deine Aufgabe ist es dir diesen ganzen Zirkus anzuschauen und hinter dem Vorhang mit dem russischen und ukrainischen Vertreter auszuloten, ob es Bereiche gibt, auf die man sich möglicherweise einigen kann."
"Und welche Bereiche wären das?"
"Alles, was du dir nur vorstellen kannst. Ich weiß, den Konflikt wirst du nicht lösen können, aber vielleicht bringst du ja eine Einigung – wenn auch nur eine kleine, in einem gewissen Bereich - zusammen, die zumindest ein erster Schritt wäre in Richtung Konfliktbereinigung. Ich muss es dir ja nicht sagen, aber ich sage es dir trotzdem. Die Russen sind nicht glücklich, ihre Soldaten in der Ukraine zu verlieren. Die Ukrainer sind nicht glücklich ihre Jungs an der Front und ihre Zivilbevölkerung zu verheizen und wir – die Weißrussen – haben auch keine Lust, unsere Leute gegen die Ukrainer einzusetzen."
"Und wie läuft das Offizielle ab?"
"Du meinst, dass du bei der OSZE akkreditiert wirst?
"Ja."
"Mit dem österreichischen Außenministerium ist alles abgestimmt. Finanziell wird es für dich alles andere als ein Verlustgeschäft. Natürlich werden die Deutschen, Franzosen und die Amis sowieso wissen, wer du bist und wo du gearbeitet hast. Sie könnten allerdings nicht wissen, warum zum Teufel du dich in der OSZE herumtreibst."
"Ist das Außenministerium über eure Einigung betreffend meiner Person im Bilde?"
Er lächelt und sagt: Natürlich nicht. Wir haben das über drei Ecken gespielt, was übrigens nicht leicht war. Es ist wie beim Geld waschen, je mehr Ecken, desto schwieriger ist es den Ursprung zu finden. Gewisse Leute werden gewisse Vermutungen haben, aber wahrscheinlich bist du sowieso zu unbedeutend, dass da irgendwer auf die Idee kommen könnte besondere Ressourcen auf dich für deine Ausspähung zu verwenden. Und was sollen sie schon herausfinden? Ihre heißeste Spur könnten die zwei SBU-Agenten sein, die du mit deiner Frau beherbergt hast."
Ich fühle, wie diese Schattenwelt wieder versucht mich hineinzuziehen. So muss sich Faust gefühlt haben, den Mephistos in Versuchung brachte. Da ich meinen inneren Dämon aus meinem mühevoll aufgebauten Gefängnis allerdings nicht ausbrechen lassen möchte, sage ich ihm, dass er wisse, dass ich Frau und Kind habe, das Angebot mehr als nur schmeichelhaft sei, aber ich mich dagegen entscheide.
Er lehnt sich nach vor, schaut mir in die Augen und sagt, dass ich mir meine Antwort noch einmal überlegen soll, da er ansonsten die Brechstange herausholen müsste und ich wisse, dass es Dinge gibt, über die man lieber für sein eigenes Wohlergehen nichts wissen möchte.
Da ich mir aber geschworen habe, auch der größten Versuchung nicht nachzugeben, stehe ich auf und bedanke mich für das Gespräch. Während ich ihm meinen Rücken zuwende, flüstert er:
„Der Onkel deiner Frau ist in der Ukraine in Kriegsgefangenschaft.“
Und wie in einem Rausch merke ich, wie ich wieder am Abgrund der Schattenwelt stehe und mein innerer Dämon, mit all seinen Instinkten, die mir nicht nur einmal die Haut gerettet haben, neben mir. Er lächelt mir ins Gesicht und sagt nur:
„Mit all ihrer Mystik und all ihren Grausamkeiten. Hast du mich vermisst?“
Als ich mich wieder ein wenig fange und meinen Blick aufrichte, habe ich Augenkontakt mit meiner weißrussischen Frau. Mein Blick sagt wohl mehr als tausend Worte. Ihr Onkel in Kriegsgefangenschaft. Ohne dass ich großartig nachfragen muss, weiß ich, dass er wohl ein hohes Tier beim militärischen, weißrussischen Geheimdienst ist und, dass meine Frau den weißrussischen Kulturattaché wohl besser kennt als mir lieb ist. Hat sie mit ihm gearbeitet oder arbeitet sie immer noch mit ihm zusammen?
Und während ich weiterhin den Rausch in meinem Kopf spüre, setze ich mich wie in Trance wieder hin.
Ohne dass ich auch nur ein Wort hauche, sagt der weißrussische Kulturattaché: „Zu deiner Frage, die mir dein Gesichtsausdruck offenbart: Ja. Und Nein. Deine Frau ist draußen. Du warst ihr Ausstieg. Wir waren nicht ganz unglücklich darüber. Der Zahn der Zeit nagt an allen, selbst an schönen Frauen. Und manche sind da eitler als andere.“
Ich denke mir, dass ich – wäre ich der weißrussische Kulturattaché – genau das sagen würde.
Arbeitet aber meine Frau immer noch für den weißrussischen Nachrichtendienst? War ich selbst Gegenstand einer Honigfalle? Und verdammt noch einmal, warum muss mir so etwas widerfahren? Warum kann sie nicht einfach eine Frau sein? Eine ganz normale Frau ohne Bezugspunkte zur Schattenwelt. Und jetzt? Ein Kind ist ja auch schon da.
In dieser Schattenwelt können selbst die wahrhaftigsten und schönsten Dinge sich in einem Augenblick in eine scheinbar riesengroße Lüge verwandeln. Wie viel Wahrheit und wie viel Lüge steckt in meinem Leben? Meine Frau, eine ehemalige weißrussische Agentin. Ich hoffe zumindest auf das Adjektiv "ehemalig".
Und während ich immer mehr den Boden unter den Füßen verliere, flüstert mir mein aus dem Gefängnis ausgebrochener innerer Dämon zu: „
