Mein innerer Käfig - Azin Heidari Nejad - E-Book

Mein innerer Käfig E-Book

Azin Heidari Nejad

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Beschreibung

Sie ist eine iranische Auswanderin, die sich in Deutschland längst etabliert hat, beruflich erfolgreich ist und gemeinsam mit ihrer Tochter in einer gepflegten, großstädtischen Wohnung lebt. Auch wenn die Erinnerungen an ihr Heimatland nach und nach verblassen: Allgegenwärtig ist eine unerfüllte Liebe und die Angst vor dem Vergessenwerden, die ein Teil von ihr geworden sind. So entschließt sie sich nach Jahren zu einer Reise in ihre alte Heimat, mit der sie sich immer noch tief verbunden fühlt, und es kommt schließlich zu einer unerwarteten Begegnung. Sie genießt es, in ihr früheres Leben einzutauchen, aber auch, neue Eindrücke aufzunehmen. Am Ende muss sie wieder zurück. Schafft sie es, ihren inneren Käfig aufzubrechen?

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Azin Heidari Nejad

Mein innerer Käfig

Roman

© Dittrich Verlag ist ein Imprintder Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2021Printed in GermanyISBN 978-3-947373-66-6eISBN 978-3-947373-77-2

Covergestaltung: Covergestaltung: Helmi Schwarz-Seibt, unter Verwendung einer Abbildung von Azarakhsh FarahaniSatz: Gaja Busch

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Ich lief durch ein Labyrinth von tausend Spiegeln, um wieder zu mir zu finden.Qeysar Aminpour

Aus dem Persischen übersetzt von Monika Matzke

Es war warm. Bei dem Gedanken an deinen Blick, deine Stimme und den vertrauten Duft deines Körpers durchströmte mich ein Gefühl von Wärme. Welcher Tag, welcher Monat war es? Ich weiß es nicht.

Es war warm und dunkel. Bei Halbmond stand ich neben einer Trauerweide. Ihr Stamm war zu dünn, um mich vor deinem Blick zu verbergen. Er war zu dünn, als dass du mich nicht entdeckt hättest. Einige Stunden stand ich da, starrte auf die Straße und die Laterne, die einen Lichtfleck auf die Schwärze des Weges warf, der bis zur Weide führte. Bis zu mir? Ich weiß es nicht.

In Gedanken vermaß ich deinen Schatten. Den Schatten, der von dir bis an die Spitze meines Fußes am Ende des Weges reichen würde. Insekten umkreisten die helle Lampe wie ein Heiligtum. In der Dunkelheit war sie zu ihrer Sonne geworden.

Hin und wieder berauschten sich einige von ihnen so sehr daran, dass sie mit ihrem Körper gegen die heiße Lampe prallten. Sie stießen gegen ihre Sonne und verbrannten.

Ich stand direkt neben der Laterne.

Wenn du gekommen und in diesem Lichtschein stehengeblieben wärst, dann hätten alle Luftmoleküle zu tanzen begonnen und mir den Duft deines Körpers, die Wärme deines Blicks und dieses süße Lächeln in deinen Mundwinkeln überbracht.

Wenn du in jener Nacht gekommen wärst, hätte ich mich nicht mit einem Lächeln begnügt. Wenn du in jener Nacht das Licht durchquert hättest, wäre ich dir entgegengeeilt, bevor du mich am Ende des Weges erreicht hättest. Ich wäre auf dich zugeeilt und hätte dich in meine Arme geschlossen.

Ich hatte es mir fest vorgenommen. Aber du bist nicht gekommen.

Unvermittelt wurde ich aus einem Land voller Sonne, aus einer Zweimillionenstadt, aus einem gastfreundlichen Haus, aus Gassen voller Spielgefährten und Vertrauten, in eine Stadt mit gerade einmal siebzigtausend Einwohnern geschleudert, die mich nicht willkommen hieß, in der mich keiner erwartete und keiner kannte.

Als ich ankam, war es Herbst. Sieben Uhr abends. Nachdem ich die Koffer abgestellt hatte, ging ich hinaus, um mir noch ein wenig die Beine zu vertreten. Es regnete leicht und die alten Pflastersteine glänzten im Licht der Straßenlaternen.

Die Geschäfte waren geschlossen, einige Passanten mit Regenschirmen gingen vorüber. Ich blieb stehen. Ich hatte keinen Schirm und lechzte nach dem Regen. Ich bot meinen Körper den sanften Tropfen, die vom Himmel fielen, dar, nicht ahnend, dass es in den nächsten Tagen keine Spur von der heißen Sonne meiner Heimat geben würde.

Wieder blieb ich stehen. Vor mir erhob sich die alte Kirche der Stadt und Gott schaute aus der Höhe auf mich herab wie auf eine Ameise. Hinter mir war ein Modegeschäft. Ich wandte mich um. Von den Puppen in den beleuchteten Schaufenstern hatte eine die Hand in die Taille gestützt und das Kinn nach oben gereckt, eine andere ihre Brust herausgestreckt, verächtlich blickten sie mich an.

Es wurde acht Uhr und mir wurde klar, dass ich hier fremd war. Ich musste mein Ich vergessen. Ich musste die Sprache der Menschen von hier lernen. So machte ich mich auf den Rückweg, die Schritte schwer durch ein verschwommenes Gefühl von Angst, Neugierde und Heimweh. Die Auslage eines großen Buchladens lockte mich an. Mein Blick traf einen alten Bekannten, den »Kleinen Prinzen«. Als das Geschäft am nächsten Tag geöffnet war, kaufte ich das Buch.

»›Zieh es nicht so in die Länge, das ist ärgerlich. Du hast dich entschlossen zu reisen. So geh!‹, sagte die Rose zum kleinen Prinzen.«1

Ich suchte auch nach diesem Satz, aber fand ihn nicht:

»Was ist trauriger, als dass du kommst und niemand freut sich darüber? Dass du gehst und niemand bemerkt es!« Hatte ich diese Worte nicht in einer persischen Fassung des Buches gelesen? Aber vielleicht hatten sich vor der großen Reise meine Ängste zu diesen Gedanken in mir verdichtet.

1Antoine de Saint-Exupéry: »Der kleine Prinz«.

Zu schlafen gehört in all den Jahren zu meinen größten Vergnügungen. Sobald ich einen freien Tag habe, an dem mich bei Tagesanbruch kein Wecker aufschreckt und schlaftrunken zur Arbeit schickt, bleibe ich im Bett. Ich schließe meine Augen. Es ist ein seltsamer Zustand, eine Art Rausch, ein Gefühl zwischen Leben und Tod. Als ob man seinen Körper zum Ruhen in Morpheus’ Arme gelegt hätte und sich selbst, leicht wie eine Feder, ohne die Last des Körpers erhebt und seinen Blick umherschweifen lässt, wo immer man möchte.

Man legt seinen Körper ab, schwebt selbst in die Höhe und lacht über die Sekunden.

Sekunden, die nicht stehenbleiben können, Sekunden, die nicht sterben, Sekunden, die vorwärtsdrängen.

Das ist mein größtes Vergnügen. Ich lege mich hin und lasse die Zeit über mich hinwegziehen. So wie sie über die Toten hinwegzieht. Ich bewege mich nicht, spähe nur nach den Sekunden, wie sie sich über mir aneinanderreihen und dann hektisch vorüberziehen.

Sie sind so in Panik und verängstigt, dass sie sich manchmal gegenseitig anstoßen. Und wenn dann eine von ihnen strauchelt, fallen die anderen über sie. Dann bleibt die Zeit für einen Moment stehen. Aber sie stehen wieder auf, so wie die Sklaven beim Bau der Pyramiden.

Sie müssen weiter. Und wieder steigen sie hektisch über Schulter und Kopf nach oben, um voranzukommen. Sie sind verwirrt, sie haben mich verloren und suchen nach mir. Ich da unten genieße es zu verschwinden.

Es hat mir schon immer Vergnügen bereitet, mich zu verstecken. Zu verschwinden. Plötzlich nicht mehr da zu sein. Wie in den Tagen der Grundschulzeit, als es mir Freude bereitete, plötzlich eins mit der Farbe der Wand zu werden, damit die Lehrer mich nicht sähen. Damit ich nicht da wäre.

Einmal habe ich mein Nichtdasein so meisterhaft gespielt, dass sogar Gott daran zweifelte, mich je erschaffen zu haben. Er ging daran, mich ein zweites Mal zum Leben zu erwecken. Er stieg herab und legte seinen Mund auf meine erstarrten Lippen. Mein Herz begann schnell zu schlagen. Meine Wangen wurden rosig.

Wie Soldaten rückten die Sekunden an, packten mich unter den Achseln und brachten mich wieder auf den rechten Weg. Ich war wiedergefunden.

Mir gefällt das Verschwinden, wenn es jemanden gibt, der mich wiederfindet. Manchmal denke ich, die Verstorbenen warten auf jemanden, der kommt und sie findet.

Seit meiner Ankunft in dem fremden Land sind Jahre vergangen. Ich lebe, aber ich warte nicht mehr auf dich.

Ich stehe auf. Meine Tochter ist in der Schule. Während ich mich anziehe, sehe ich durch das Fenster die Nachbarin. Durch mein Fenster betrachtet, gleicht jeder Tag ihres Lebens dem vorigen.

Unsere Nachbarin hat keine Zeit. Weder morgens noch mittags noch abends. Wann immer ich sie sehe, ist sie in Eile. Entweder muss sie ein Kind zur Schule bringen oder eins von der Schule abholen, eins beim Sporttraining abliefern oder ein anderes abholen. Wenn sie das alles erledigt hat, kann ich durch das Fenster meines Arbeitszimmers sehen, wie sie Wasserkästen aus dem Kofferraum des Autos hebt, sie auf dem Gehweg abstellt und dazu die Körbe mit den Einkäufen.

Ihre Küche liegt direkt neben unserer. Dort hört man sie herumhantieren. Dann breiten sich Gerüche aus. Manchmal riecht es gut. Die Nachbarin geht nicht, sie rennt. Später sehe ich durch das Flurfenster, wie sie Wäsche zum Waschen nach unten bringt. Bald hört man sie wieder mit dem Auto wegfahren. Die Zeit verrinnt. Die Nachbarin kommt mit dem Auto zurück. Wieder hat sie einige Tüten in der Hand. Sie bringt die Kinder mit. Eins, zwei, drei.

Wenn wir uns zufällig im Treppenhaus begegnen – immer sind wir in entgegengesetzter Richtung unterwegs – beginnt sie, ohne stehenzubleiben, zu reden, ohne innezuhalten, ohne Punkt und Komma.

Wie es dem einen in der Schule ergeht, dem anderen beim Sport und von den Fortschritten des dritten am Klavier. Das Klavierspiel ihres Sohnes höre ich jeden Tag. Wenn sie darüber spricht, ist sie so glücklich, dass ich es nicht übers Herz bringe zu sagen, nicht einmal Élise selbst würde die Melodie noch hören wollen, die ihr Beethoven gewidmet hat.

Sie ist sympathisch. Aber sie hat keine Zeit. Nie höre ich ihr letztes Wort richtig, weil sie es ausspricht, während sie die Tür schließt. Sie quetscht es mit der Tür ein und es quietscht nur noch.

Ich stelle mir immer vor, dass die Nachbarin eine große Sanduhr und dazu weitere kleine im Haus hat: Eine dreht sie um, wenn sie die Kinder zur Schule gebracht hat und manchmal dauert es sechs oder sieben Stunden, bis der Sand durchgerieselt ist. Eine andere sicherlich, wenn sie mit dem Kochen beginnt und eine ganz bestimmt früh am Morgen, um am Abend an die Schlafenszeit erinnert zu werden. Unsere Nachbarin hat keine Zeit.

Manchmal hält um vier, manchmal um fünf Uhr nachmittags ein Auto vor unserem Haus. Langsam wird die Tür geöffnet. Ein Paar Schuhe, zwei Beine, ein Kopf und das untere Ende einer Krawatte bewegen sich hinter der Autotür. Einige Sekunden vergehen, dann bleibt ein Mann mit einer Tasche in der Hand neben dem Auto stehen. Viel weiß ich nicht über ihn. Er ist der Ehemann der Nachbarin. Bedächtig setzt er seine Schritte, als ob er damit dem Boden eine Art Gnade erweise. Auf dem Weg zur Haustür mustert er mit durchdringendem Blick die Fenster der Nachbarhäuser. So als wolle er denjenigen, die ihn hinter offenen und geschlossenen Vorhängen beobachten oder von denen er glaubt, dass sie es tun, mit einer Geste sagen: »Ich habe euch alle im Blick.«

Einige Minuten nach seiner Heimkehr höre ich, wie auf dem Balkon ein Stuhl aufgeklappt wird. Als ob er anderen seinen Feierabend kundtun und sagen möchte: »Jetzt bin ich an der Reihe.« Er liest vielleicht ein Buch und das bestimmt mit einem kühlen Bier auf dem Tisch neben sich.

Der Mann der Nachbarin hat einen wichtigen Job. Er ist glücklich und hat keine Sanduhr.

Wenn es acht Uhr abends wird, hört man die Kinder nicht mehr. Aus der Küche kommt Geklapper. Die Nachbarin läuft eilig die Treppe auf und ab. Eine Tür wird geschlossen. Um zehn Uhr abends versinkt die Nachbarwohnung in tiefer Stille.

Immer wenn ich morgens aufstehe, bin ich besorgt. Besorgt um die Nachbarin, dass sie womöglich eines Tages ihre Sanduhren nicht mehr umdreht.

Ich bin spät dran und muss mich beeilen. Ich habe heute einen freien Tag und bin in die Schule meiner Tochter bestellt.

Dafür brauche ich keine förmliche Kleidung. Also ziehe ich eine weite, hellgraue Hose und dazu eine langärmlige, weiße Leinenbluse an. Die Knöpfe mache ich bis oben hin zu und die Ärmel kremple ich hoch. Meine Haare binde ich nachlässig zusammen. Es ist nicht wichtig. Den Duft meiner Haare möchte ich mit niemandem teilen. Ich bin darauf bedacht, nichts von meinem Körper preiszugeben. Dieser Körper gehört mir. Mein Ich habe ich darin verborgen, er ist voller unausgesprochener Worte, voller Erinnerungen. Um den Hals binde ich einen cremefarbenen Schal mit weißen Streifen und ziehe einen weiten, grauen Mantel über. Völlig farblos. Als ob ich von Schnee bedeckt wäre. Mir ist kalt, obwohl es draußen nicht sehr kalt ist. Mir ist immer kalt.

Die Lehrerin meiner Tochter möchte mich sprechen. Wir sind für 8 Uhr 20 verabredet. Es ist 8 Uhr 15 und ich stehe vor ihrer Tür. Eine Minute vor dem Termin wird sie geöffnet, sie gibt mir zur Begrüßung die Hand und bittet mich ins Zimmer. Ich folge ihr und auf ihr Zeichen setze ich mich in einen schwarzen Ledersessel. Sie nimmt mir gegenüber in einem braunen Ledersessel Platz und schlägt ihr rechtes Bein über das linke. Zwischen uns steht ein kleiner, niedriger Tisch, auf dem einige Mappen liegen. Sie beugt sich vor, nimmt ein Blatt aus einer der Mappen und legt es auf ihr Knie. Ich lehne mich zurück in meinen kalten Ledersessel, stütze meinen rechten Ellbogen auf die Armlehne und lege eine Hand unter mein Kinn. Ich höre zu.