Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Deutschland Anno 2033. Die Neue Völkische Partei Deutschlands ist an der Macht. Die DM ist wieder eingeführt worden. Aloys Krampf (24), Sohn des Schatzmeisters der Partei und leicht Autist, tritt seinen Dienst als Gärtner bei der reichsten Frau im Lande an. Die 96-jährige Witwe Rosamunde Rosenthaler sitzt auf 118 Milliarden DM. Über Orchideen kommen sich die Milliardärin und der Gärtner immer näher, so nah, dass sie denken die ganze Nation sollte an ihrer Liebe teilhaben. Kurzum: Sie wollen an die Macht ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Deborah Dahlke
Mein Krampf
Unterhaltungsroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Krampf ist mein Name
Kuckucks-Knabenkraut und Lustschloss
Affen-Knabenkraut … Und rot noch dazu!
Die Partei
Der Ursprung der Welt
Der Ursprung der Liebe
Das Glück der Liebe
Hopp Hopp Hopp Pferdchen lauf Galopp
Krisensitzung Nr. 1
Die Kraft des Geistes
Der Parteitag
Krisensitzung Nr. 2
Collage
Generalprobe
Der Biograf
Die Rede vor der Nation
Beim Abendessen …
Orchideenanschlag
So fern, so nah
Zitierte Autoren
Impressum neobooks
Deborah Dahlke
Mein Krampf
Diesen Roman widme ich allen Menschen, die unter dem Joch einer staatlichen Willkür leben müssen.
© Copyright by Deborah Dahlke, 2017. All rights reserved. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung. Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form durch Fotokopien, Mikrofilm oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet oder verbreitet werden.
„Mein Name ist Krampf.“
Und wenn er das einmal gesagt hatte, hatte er so gut wie alles gesagt, denn mehr als seine Identität kundtun konnte er nicht, jedenfalls nicht bei fremden Menschen, die ihm wie „Vertreter einer außerirdischen Gattung“ vorkamen.
Krampf war ein Asperger-Autist von Kindheit an.
„Ihr Sohn leidet an tiefgreifenden Störungen in seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen und diese haben eine Einengung zur Umwelt zur Folge“, mit dem Satz des Hausarztes Dr. Heitzek, der für immer den Knaben mit einem undurchdringlichen Nebel umhüllte, mussten sich die Eltern, er Schatzmeister der Neuen Völkischen Partei Deutschlands, sie, Hausfrau, begnügen. Und auch mit der wissenschaftlichen Darstellung, die Synapsen in dem Gehirn des Sprosses seien wie kleine Tropfen umher irrender Rinnsale, die sich meistens willkürlich zu einem Ganzen fügen würden.
Wie gerne sie selber eigenhändig die Tropfen im Gehirn des Sohnes aussortiert hätten, um sie in die richtige Bahn zu lenken und die skurrilen, irrsinnigen verbalen Auswüchse, die sie an den Rand der Verzweiflung brachten, auszumerzen. Wie einst als der Sohn auf den Tod der Großmutter mit einem „sie gibt sich Mühe“ reagiert hatte oder als er der Mutter, von einem ihrer Migräneanfälle geplagt, still im Bett liegend, Verse des Hohenliedes deklamiert hatte:
Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung, da wurden meine Gefühle für ihn erregt. Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger von flüssiger Myrrhe, als ich sie legte an die Griffe des Riegels ...
Aloys Krampf liebte das Lied der Lieder. Aber noch mehr liebte er Orchideen, seitdem er, fünfjährig, an der Hand seiner Mutter, in dem botanischen Garten in Boulogne Billancourt bei Paris eine goldene Madagassische Orchideen-Blüte am Wegesrand entdeckt hatte.
Nein, zu einem logischen Ganzen fügten sich die tropfenartigen Synapsen bei Aloys Krampf nicht. Er war Autist, wenngleich einer leichten Form, gefangen in einer Welt voller biblischer Liebesgeflüster und wilder Orchideen.
Aber alles in dem Leben des 24-jährigen und in dem Schicksal einer ganzen Nation sollte sich an jenem miesen regnerischen Tag ändern, als er seinen Dienst als Gärtner bei Frau Rosenthaler antrat, einer 96-jährigen Witwe, die auf 188,4 Milliarden Deutsche Mark saß, und deren Reichtum sich jede Sitzminute unter ihrem Schoß im Durchschnitt um 48.367 Deutsche Mark vermehrte - wohnhaft am Heiligen See Nr. 117, 14467 Potsdam.
Stramm, den Topf mit dem Affen-Knabenkraut gegen seine Brust gedrückt, wartete Aloys auf den Bus der Linie 22, der ihn gen Norden Richtung Potsdam, zum Heiligen See fahren sollte. Einundzwanzig Haltestellen bis zu der stattlichen Villa im französisch klassizistischen Stil. Sein Blick wanderte aufwärts bis zur dritten Etage zu seinen Verbündeten am Fensterrahmen, der Mutter, stolz, dem Vater, besorgt, und Erich, dem Dackel, gleichgültig.
„Mein Name ist Krampf. Ich bin der neue Gärtner. Ich habe eine Orchidee mitgebracht“. Die Sätze saßen. Er hatte lang genug vor dem Spiegel geprobt.
- „Mein Name ist Krampf“, warf er in den Bus hinein.
Aber keiner rührte sich.
In der vorletzten Reihe nahm er Platz. Still betrachtete er die weißlich-rosa, innen purpurfarbenen, gepunkteten Kelch- und Kronblätter seiner Affen-Orchidee.
Ein Mann gesellte sich zu ihm. Ein Exot mit schwarzer Haut, wie er merkte.
- „Mein Name ist Krampf“, sagte Alois.
- „Okay“, antwortete der Exot und ließ zwischen den Zähnen ein durchgekautes Ding erblicken, das einem Kaugummi ähnelte.
- „Eine Rarität“, fügte Aloys hinzu und wies auf die Blüten auf seinem Schoß, die unzähligen kleinen, aufrecht stehenden Affen ähnelten.
- „Okay“, gab der Exot von sich.
Vor dem Anwesen der Frau Rosenthaler empfing ihn ein Portier in Livree. Er führte ihn zu dem Trianon, so nannte die Herrin des Ortes die Orangerie in der Mitte ihrer Parkanlage, und bat ihn in einem roten Salon im Rokoko Stil einen Augenblick Platz zu nehmen.
- „Sprechen Sie laut, Herr Krampf, Madame ist schwerhörig“, sagte er ihm, bevor er den Raum verließ.
Aloys überlegte kurz was er nach den drei Sätzen sagen sollte. Aber im Grunde hatte sein Vater für ihn alles geklärt. Er musste also nur von seinem Können überzeugen.
Die Tür ging auf und eine kleine, zierliche Frau mit hellen durchdringenden Augen in einem viel zu großen Chanel Kostüm kam zum Vorschein, umgeben von vier Bediensteten, jeweils zwei an jeder Seite. Kleine, große und mittelgroße Locken aus dünnen, violett grauen Fäden zierten ihr Gesicht. Sie watschelte wie eine Ente zu ihm hin, nahm seine Hand in die ihrige, lächelte mild und begleitete die Geste mit den Worten: „Ich grüße Sie, Herr Krampf“.
- „Ja“, antwortete er, „Krampf ist mein Name.“
Darauf rückten eifrig zwei ihrer Bediensteten einen Sessel zu ihr.Sie setzte sich, bat ihren Gast, auf dem ihr gegenüber stehenden Hocker Platz zu nehmen, musterte ihnstill und lächelte mild.
- „Mein Name ist Krampf“, sagte Aloys, „ich bin der neue Gärtner. Ich habe eine Orchidee mitgebracht“.
- „Was ist das für eine?“, fragte sie höflich.
- „Eine Rarität“, sagte Aloys, während er ihr den Topf auf den Schoß stellte.
- „Wunderschön!“, erfreute sie sich.
- „Affen-Knabenkraut, Madame.“
- „Affen-Knabenkraut? Oh wie schön!“
- „Das Affen-Knabenkraut ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 20 bis 45 Zentimetern erreicht.“
- „Oh ...“
- „Die zwei bis fünf in einer Rosette angeordneten Laubblättersind ohne Flecken und bis zu zwanzig Zentimeter lang. Die Blütezeit reicht von Mitte April bis Ende Mai. Der ovale Blütenstand ist dichtblütig. Typisch für diese Art ist das Aufblühen von oben nach unten. Die zwittrigen Blütensind zygomorph und dreizählig. Kelch- und Kronblätter bilden einen Helm. Die Lippe ist 15 bis 20 Millimeter lang, deutlich drei lappig, wobei der mittlere Lappen tief zweigeteilt mit kurzem Anhängsel in der Mitte steht. Die Seitenlappen sind sehr schmal, wie man sieht, hell bis kräftig rosa gefärbt, während die Mitte der Lippe weißlich mit feinen Punkten ist.“
- „Ja. Ich sehe alles was Sie da beschreiben, Herr Krampf. Wunderschön! Wirklich wunderschön!“
- „Das Affen-Knabenkraut“, fuhr Aloys fort, „gedeiht am besten auf kalkreichen, trockenen, humushaltigen, tiefgründigen Lehmböden. Die Nährstoffe werden in den Hoden gespeichert. So nennt man die kugeligen Wurzelknollen. Die Hoden, in Griechisch Orchis, haben den Orchideen ihren Namen gegeben.“
- „Fabelhaft!“, rief Frau Rosenthaler.
- „Haben Sie gehört?“, fragte sie ihr Personal, „Orchidee heißt Hoden! Wo ist der Otto? Das muss er sich unbedingt anhören.“
- „Der Otto ist tot“, sagte ein Mann an ihrer Seite, den sie Butler nannte.
- „Tot? Wann ist er gestorben?“, wollte sie wissen.
- „Letztes Jahr, Frau Rosenthaler, mit der Leiter.“
- „Mit der Leiter auch noch. Wie schade!“, seufzte sie.
- „Und der Herr Krampf tritt heute dessen Nachfolge an“, ergänzte der Butler.
- „Na, dann ist der Otto nicht umsonst gestorben“, kommentierte die alte Dame.
Am Abend zu Hause verlief das Abendessen stürmisch. Herr Krampf Vater wetterte gegen die schlechte Wirtschaftslage, die Kriege in dem Balkan, die Invasoren, die schiefe Weltordnung, die noch schiefere Menschheit und die Suppe, die nicht wie sonst schmeckte. Und vor allem machte ihm die Parteikasse Sorgen. Sie sei fast leer und er sollte dafür sorgen, dass ein bisschen drin bleibt, soviel um den Kassenboden nicht zu sehen.
Und nun war sein Sohn Gärtner … Bei der reichsten Frau Deutschlands. Ihm kamen die Tränen.
Und auch in den Augen der Mutter glitzerte die salzhaltige Körperflüssigkeit, als sie zu ihrem Mann sah, allerdings von einem anderen Kaliber. Glückseligkeit, Stolz und eine gewisse Genugtuung kullerten ihr die Wangen herunter: Der Sohn - ihr Sohn! - hatte eine anständige Arbeit in einem anständigen Haushalt! Er rettete, züchtete, pflegte zierliche Pflanzenwesen und zierte mit Liebe und Hingabe die Fensterbänke der Menschheit. Und siehe da: Wie bescheiden er vor ihr seine Suppe löffelte!
- „Mama“, brach Aloys die beredte Stille, „kann ich den Lüftungsmesser haben? Und auch den Temperaturmesser brauche ich.“
- „Aber natürlich, mein Sohn“, antwortete die Mutter, während sie still auf seine Hand sah wie diese, kahl, zierlich, weiß wie Alabaster, unschuldig wie die des Heilands, den Löffel zum Mund führte.
Mehr sagte er nicht. Er sagte nicht, dass er gelbe Flecken auf dem braunroten Sitter und braune auf dem Kuckucksknabenkraut bemerkt hatte, dass er die Raumtemperatur in dem Gewächshaus der guten Frau Rosenthaler auf 24,5 Grad Celsius schätzte und die Luftfeuchtigkeit auf 48%. Alles in allem keine zufriedenstellenden Kulturbedingungen. Er sagte nicht, dass er vorhatte, seine Schützlinge von dem Gewächshaus in das Trianon zu bringen. Eine dringende Angelegenheit. Er musste sie retten. Das war seine Pflicht.
- „Aber ja, natürlich“, willigte Frau Rosenthaler ein auf die Bitte ihres Gärtners, die Orchideen umzusiedeln.
- „Sie kommen in mein Trianon!“, sagte die alte Dame strahlend, „alle Orchideen, wenn Sie möchten.“
Und er eilte sich am nächsten Tag, die Töpfe von dem maroden Gewächshaus in das auf Deutsch Lustschloss genannte Refugium zu befördern.
Mitten in seiner Rettungsaktion machte sich Irina, die dritte Zofe, an ihn heran. Sie hatte auf den günstigsten Augenblick gewartet. Die ganze Zeit war sie hin und her an seiner Seite gerückt, hatte ihm zunächst flüchtig dann eingehend gedehnte Blicke zugeworfen. Und auf einmal legte sie los: „Haben Ihnen die anderen gesagt, was hier abläuft, Herr Krampf?“
- „Mit den Orchideen?“
- „Nein, mit uns.“
- „Die Herrin hat einen großen Haschmich im Kopp, das haben Sie gemerkt oder haben Sie es nicht gemerkt?“
- „Ich weiß nicht was sie im Kopf hat. Ich kümmere mich um die Orchideen“, antwortete er.
- „Sie hat Alzheimer, die Alte, schon lange. Nun muss ich Sie aufklären. Die Alte hat mitgekriegt, dass wir in Deutschland die Deutsche Mark wieder eingeführt haben, aber mit dem Wechselkurs zwischen Euro und D Mark kommt sie nicht klar.“
- „Das ist doch einfach“, erwiderte Aloys. „Eine DM entspricht 0,4566957 Euro oder umgekehrt ein Euro entspricht 2,1896418 DM“.
- „Und wir“, fuhr Irina fort, „das heißt ich, der Butler, der Chauffeur, die Köchinnen, die fünf Diener, die anderen Zofen und der Privatsekretär kriegen das Doppelte von dem was uns zusteht oder, besser gesagt, das Doppelte von dem Zehnfachen oder das Zehnfache von dem Doppelten, ich weiß nicht mehr genau. So haben wir entschieden. Und zehn Prozent zusätzlich kriegt der Privatsekretär, weil er die Gehälter überweist.“
- „Aber Fräulein Irina, das Doppelte von dem Zehnfachen und das Zehnfache von dem Doppelten kommt auf das Gleiche hinaus und, wenn Sie nicht in Verlegenheit geraten wollen, sagen Sie einfach das Zwanzigfache.“
- „Das Zwanzigfache, ja … Aber ich kriege am wenigsten“.
Sie begann zu weinen. „Weil ich die Jüngste bin. Das ist voll ungerecht.“
- „Voll ungerecht“, wiederholte er, „weil Sie die Jüngste sind.“
- „Das Alter sollte keine Rolle spielen ... Achtung! Sie kommt.“
In nullkommanichts verschwand die Zofe durch die Gartentür nach draußen. Frau Rosenthaler stand im Türrahmen und blickte selig in den großen Saal ihres Trianons hinein. Sie bat den Gärtner eine Tasse Tee mit ihr zu teilen.
Er willigte ein, aber erst nach Vollendung seiner Arbeit.
- „Aber natürlich, Herr Krampf.“
Auf einem schwarzen Barocksofa in einer Ecke des Zimmers nahm sie gemächlich Platz, klemmte ihren Gehstock zwischen den Beinen ein, legte beide Hände auf den versilberten Knauf und das Kinn darauf. Vor ihr stand ein runder niedriger Mahagoni Tisch, mit Tassen und einer Teekanne gedeckt, links und rechts von Barock Stühlen, mit rotem Samt gepolstert, umgeben.
Eine Zofe eilte mit einer Torte herbei. Frau Rosenthaler winkte ab und machte ihr klar, die Herrin sei von nun an für jedermann unabkömmlich.
Sie seufzte. Gedehnt und hoffnungsvoll. Der Gärtner eilte beschwingt von dem Vorraum, wo die Diener seinem Wunsch folgend die Pflanzen gebracht hatten, eine Orchidee in den Armen, um sie auf eine einfache improvisierte Ablage vor dem Fenster, das die ganze Breite des Schlösschens einnahm, zu stellen.
Nach links drehte er zuerst seinen Schützling, dann nach rechts, wieder nach links … und bemerkte dabei nicht die eingehende Beobachtung seiner Herrin.
Ob es da eine Logik gäbe bei diesen Drehungen, fragte sie sich. Auch hatte sie noch nie einen Menschen gesehen, der so in seine Arbeit vertieft war. Wie besessen, so kam es ihr vor, platzierte er die Töpfe nach einer Rangordnung, die nicht der Gattung entsprach, sondern eher der Anzahl der Schaften und der Blüten. Mit einem kleinen Hüpfer der Freude zwischendurch holte er aus dem Vorraum die nächste Blume an der Reihe.
Der Mann sei nett, meinte Rosamunde Rosenthaler, nicht sehr hübsch, aber nett. Immerhin.
Die blonden Locken, die runde Brille, alles an ihm erinnerte sie an eine Art von jungen Intellektuellen, die man Anfang des letzten Jahrhunderts in Wiener Kaffeehäusern hätte begegnen können. Sie schlief bei dem Gedanken ein.
Als sie die Augen aufschlug, saß er vor ihr und lächelte sie an.
Er sagte: „117 Orchideen.“
- „Prima“, erwiderte sie und setzte sich aufrecht.
Fieberhaft ließ sie die Perlen einer in einem breiten Dekolleté halb verschwundenen Kette zwischen ihren schmalen Fingern gleiten.
- „Ich hatte vier Männer“, hob sie ohne Umschweife an, „alle vier tot. Ich weiß nicht mehr so recht, ob sie in Unfällen gestorben sind oder ob ich sie umgebracht habe. Das ist nicht auszuschließen. Wenn ich das sage, meinen sie alle ich wäre nicht ganz bei Sinnen. Keiner glaubt mir.“
- „Oh doch“, antwortete Aloys, „ich glaube Ihnen, Frau Rosenthaler. Warum sollte das nicht wahr sein?“
- „Sie sind ein guter Mensch, Herr Krampf. Wissen Sie, was Mensch in Jiddisch heißt?“
- „Nein.“
- „In Jiddisch heißt Mensch „guter Mann“. Also sind Sie in meinen Augen ein guter Mann.“
- „Dann heißt guter Mensch guter guter Mann.“
- „Und Humor besitzen Sie auch.“ Sie lachte.
Dann seufzte sie gedehnt, führte die Tasse zu ihren Lippen und bevor sie ihren Tee auf den Tisch abstellte, sagte sie entschlossen: „Fast fühle ich mich verpflichtet, Ihnen ein bisschen von meinem Leben zu erzählen.“
Er schwieg.
- „Ich hatte eine furchtbare Kindheit“, begann sie zu erzählen. Sie hatte den Diamanten am Ende ihrer Perlenkette in die Hand genommen und streichelte ihn mit den Fingerkuppen. „Mein Vater war Bänker und meine Mutter Gräfin. Nach meinem Biographen jedenfalls. Die Biographie ist noch nicht veröffentlicht worden. Nach eigenem Erleben weiß ich nicht wer meine Eltern waren. Ich weiß nichts mehr von meiner Kindheit. Von meinem Leben weiß ich nur, was der Biograph gesponnen hat. Ich habe viermal geheiratet. Mein erster Mann starb an einer Überdosis Zyankali, einem Überbleibsel aus der Nazi-Zeit. Der Fall wurde als Suizid bewertet. Gustav hieß er. Der zweite … Eine undichte Stelle am Benzintank seines Autos. An die Explosion kann ich mich auch nicht erinnern. Ich habe einen tiefen Schlaf. Seitdem fahre ich nur Modelle eines deutschen Fabrikates. Der Vorname ... Mark oder Markus. Ein feiner Kerl.“
