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Death Comedy – zum Sterben schön! Der Sensenmann berichtet knochentrocken von seinen unzähligen Versuchen, sein schlechtes Image wieder aufzupolieren. Er erzählt von seinen familiären Wurzeln, seiner ungewöhnlichen Karriere und vom harten Arbeitsalltag mit allen Höhen und Tiefen. Auf diese Weise will er um Verständnis werben und den Menschen die Berührungsängste nehmen. Dokumentiert wird alles mit exklusiven Fotos und intimen Tagebucheinträgen. Schräg, schwarz, kultig!
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2014
Der Tod
Death Comedy
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014
Covergestaltung: grape media Design
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402819-4
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Prolog
Überführung 2.0
Kundenrezension
13 User haben diesen Beitrag kommentiert
Die jungen Jahre
Die Tod GmbH
Auf die Knochen blamiert
Aus dem Tagebuch des kleinen Todes 1
Tabuthema
Die Fabel von Leben [...]
Katzenjammer
Der erste Auftrag
Die Lehrjahre eines Sensenjungen
Aus dem Tagebuch des kleinen Todes 2
Frühstück mit Lucifa
Achtung! Tod fährt mit!
Im Vorzimmer des Todes
Das Märchen vom Fährmann [...]
Tod in der Polizeikontrolle
Die Vanille-Idee
Aus dem Vanille-Manuskript: mögliche Werbeslogans
Aus dem Tagebuch des kleinen Todes 3
Aus dem Fotoalbum des Todes 1
Auf eigenen Gebeinen
Der Tod zieht ein
Die sieben Todsünden der ersten WG-Woche
Kochen mit dem Tod
Zum Sterben langweilig
Aufgehängt
Tod beim Psychologen
Das Glück der Menschen
Abserviert
Fix und fertig
Armageddon mit Lucifa
Totentanz
Internationale Synonyme für das Sterben
Freunde fürs Leben
Todesangst
Die Unterwelt
Bis dass der Tod euch scheidet
Das Endspiel
Aus dem Fotoalbum des Todes 2
Endlich richtig Tod
Alles neu macht der … Tod!
Aus dem Reisekatalog des Gevatters: Día de los Muertos
Worte für die Ewigkeit
Top 5 der letzten Worte
Todesflug
Interviews mit dem Tod
Jugendzeitschrift
Feuilleton
Yellow Press
Das wahre Paradies
Tod am Telefon
Friedhofsgeflüster
Die Top 10 der originellsten Grabsteinsprüche
Heide Friedrichs
Briefverkehr mit dem Tod
Kennste mich?
Kolumne: Tod-chic
Deckel drauf!
Im Auftrag des Todes
Tod in der U-Bahn
E-Mail-Verkehr mit dem Tod
Himmlisch schief
Top 10 der Beerdigungshits
Sport ist Mord
Du bist, was du arbeitest
Tod im Supermarkt
Die Zahnbürste des Obelix
Kommt Zeit, kommt Tod
Aus dem Freundschaftsbuch des Todes
Freunde
Aus dem Fotoalbum des Todes 3
Epilog
Anhang
Vorsorge-Bogen
10 Dinge, die ich unbedingt noch tun will, bevor ich auf die andere Seite muss:
Freundschaftsbuch des Todes
Spiele des kleinen Todes
Meine Urgroßeltern sind Tod. Meine Oma ebenfalls. Genauso wie mein Vater.
So war es wenig überraschend, beinah schon zwangsläufig, dass auch ich eines Tages in die außergewöhnlichen Fußstapfen meiner Vorfahren treten musste – um der undankbaren Aufgabe nachzukommen, eines der gefürchtetsten Familienunternehmen aller Zeiten fortzuführen. Wie die meisten Menschenkinder wäre auch ich in meinen frühen Zukunftsträumen viel lieber Arzt oder Feuerwehrmann geworden, allerdings sind das beides keine Berufe, die man zu irgendeiner Epoche einem Sprössling meiner Sippe anvertraut hätte. Aber ich will nicht jammern; es ist ein krisensicherer Job, man macht was mit Menschen, kommt viel herum, und ja, man kann ab und zu sogar Spaß dabei haben. Ich weiß: Das mag den ein oder anderen irritieren. Tod und Spaß – hier scheinen Gegensätze aufeinanderzuprallen. Doch genau da liegt auch schon das grundsätzliche Problem meiner Arbeit. Am Schluss ist prinzipiell Schluss mit lustig. Dabei heißt es so schön: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Leider, und das liegt nun einmal in der tragischen Natur der Sache, konnte bisher niemand authentisch berichten, wie viel Wahres gerade am scheinbar ultimativen Ende in dieser kleinen Weisheit liegt. Doch was nützt die größte Mühe, die liebevollste Überraschung, die beste Absicht, wenn sie niemand kennt, vielmehr stattdessen stets das Schlimmste befürchtet wird? Unwissenheit schürt Angst, das ist und war schon immer so.
Deshalb wird es höchste Zeit für einen Imagewechsel, eine öffentliche Richtigstellung, eine Enthüllung dieses düsteren Schleiers, der über mir und meinem Beruf liegt. Im Grunde meines Herzens bin ich nämlich kein schlechter Kerl. Und ja, verdammt, ich habe ein Herz. Ich bin auch manchmal traurig oder ungeduldig, aber noch viel lieber bin ich fröhlich und lache gern. Ist das verwerflich? Gut, ich gestehe: Ich singe gelegentlich Schlager schief mit, wenn ich sie im Radio höre. Das finde ich nüchtern betrachtet auch ziemlich schockierend. Aber jeder hat seine Macken.
Eine Volksweisheit behauptet: »Die Besten sterben immer zu früh.« Ganz ehrlich, fühlt man sich da nicht gekränkt, wenn man noch am Leben ist? Das würde doch im Umkehrschluss bedeuten, dass nur die größten Idioten auf dieser Seite zurückbleiben. Und wer will schon freiwillig zu denen gehören? Und dennoch hat Sterben einen verdammt negativen Ruf. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es für die meisten eine recht ungewohnte und sicher auch erschreckende Situation darstellt, wenn man plötzlich zum Friedhof getragen wird, aber der Abholservice, nur das möchte ich zeigen, ist vollkommen anders als die meisten bisher vermuten. Serviceorientiert. Kundenfreundlich. Zielführend. Und lustig. Zumindest gibt er sich wirklich größte Mühe. Deshalb dieses Buch.
Endlich. Wie alles auf dieser Welt.
Um ein Lachen hinzuzaubern, wo bisher Angst und Schweigen herrschten. Ein Versuch. Mit Geschichten, die der Tod schreibt. Und ein bisschen auch das Leben. Mein Leben.
Mein Leben als Tod.
»Herr Jakobs, wir haben die Angelegenheit jetzt dreimal durchgekaut. Ich habe Ihnen sogar zwei Tage Verlängerung gewährt, damit Sie sich von Ihren Lieben verabschieden können. Wir müssen jetzt los. Also, Floß oder Tunnel?«
Nett zu sein erweist sich in meinem Beruf schwieriger als gedacht. Es ist jedes Mal dasselbe. Es bringt einfach nichts, wenn man ihnen zusätzliche Zeit schenkt. Danach fällt es den meisten bloß noch schwerer.
»Könnt ich nicht noch einen weiteren Tag …?«, versucht es Werner Jakobs erwartungsgemäß erneut.
»Nein«, bleibe ich diesmal konsequent, »ich komm schon wegen den bisherigen Verzögerungen in Teufels Küche!«
Zum Glück ahnt der Mann nicht, dass besagte Küche auf der anderen Seite ein absolutes Kultrestaurant ist, das sich, anders als es das Sprichwort vermuten lässt, besonders unter den Alteingesessenen großer Beliebtheit erfreut.
Mein Kunde scheint sich langsam mit seiner Situation abzufinden.
»Okay, ich sehe es ja ein. Sie waren bisher sehr geduldig mit mir.« Ich atme auf.
»Puh, sehr schön, dann hätten wir das geklärt. Bleibt noch die Frage: Floß oder Tunnel?«
Herr Jakobs lässt unsicher seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er hustet verlegen und sagt dann schließlich scheinbar vollkommen willkürlich: »Ich glaub, ich nehme den Tunnel.«
Ich frage mich ehrlich, was immer alle gegen das Floß haben. Die Wiedereinführung des Seewegs hat sich noch nicht wirklich bezahlt gemacht. Doch ich bin weiterhin der festen Überzeugung, dass dieses bei den aktuellen Strompreisen untragbare Licht am Ende des Tunnels einpacken kann, sobald sich erst einmal herumgesprochen hat, welche Vorteile auf dem Wasser seit der großen Neueröffnung warten. Wobei das mit dem Herumsprechen in meinem Job zugegebenermaßen immer so eine Sache ist. Dabei haben wir ordentlich aufgerüstet: spektakulär beleuchtete Fontänen, abenteuerliche Tauchkurse, gigantische Wasserfälle. Und obwohl man meist alleine reist, gibt es neuerdings sogar ein Pooldeck an Bord, bei dem man eine beliebige Liege per Handtuch für sich ganz persönlich reservieren kann. Doch all die wunderbaren Angebote bleiben viel zu oft ungenutzt, denn wer sein Leben stets im Tunnelblick verbracht hat, besteht in der Regel auch am Ende auf seinen alten Gewohnheiten.
»Denken Sie dran: einfach immer dem hellen Punkt entgegen!«, rattere ich meinen Standardtext herunter, »nichts anfassen, keine fremden Leute ansprechen. Wenn Sie durch sind, werden Sie von ein paar Verwandten abgeholt und in alles Weitere eingewiesen.«
»Aber nicht von Tante Erna!«, schreckt der alte Mann auf.
»Nein, keine Sorge, Tante Erna haben wir extra in die Uraufführung der Oper Casablanca geschickt.«
»Es gibt eine Oper von Casablanca?«
»Tja, Angebot und Nachfrage. Amadeus plant sogar schon das Musical.«
»Sie meinen doch nicht etwa den Amadeus?« Werner Jakobs wirkt auf einmal hellwach.
»Doch, doch, genau den. Verrückter Typ, kann ich Ihnen sagen.«
»Heißt das, ich werde Mozart kennenlernen?«
»Wenn Sie Ihre Abfahrt weiter hinauszögern, dann wird er bis dahin wahrscheinlich schon als Nachtigall wiedergeboren sein, und Sie verpassen diese einmalige Ge…«
»Na, worauf warten Sie denn?«, werde ich energisch unterbrochen, »ich bin doch schon längst bereit!«
Manchmal finde ich es regelrecht erschreckend, wie egal einigen Menschen plötzlich alles wird, wenn sie nur die Aussicht haben, irgendeinen Prominenten persönlich zu treffen. Auf der anderen Seite wimmelt es nur so von Berühmtheiten. Nach einem Kennenlernen verliert sich der Glanz jedoch erschreckend schnell.
»Haben Sie alle Erinnerungen dabei, die Sie mitnehmen wollen?«, frage ich vorschriftsmäßig. »Denken Sie daran: Es gibt kein Zurück.«
»Ich … g-glaube … schon«, stottert der Abreisende. »Ah, Moment … nein … puh, oh, beinah hätte ich den Geschmack von Mutters Käsekuchen vergessen. Dabei konnte ich den nie ausstehen. Komisch, oder?«
Immer wieder faszinierend, was für ein überflüssiger Gedankenmüll bei der Überführung eingepackt wird. Aber der Kunde ist König, ich hab es selbst so gewollt.
»Okay … ›aromatische Erinnerung an heimischen Käsekuchen‹, habe ich notiert. Wird in den kommenden Tagen nachgeliefert, Sie haben sogar ein zweiwöchiges Rückgaberecht.«
»Oh, wie praktisch.«
»Und nun lehnen Sie sich einfach mal zurück und kommen ein wenig runter. Alles wird gut, Herr Jakobs. Wir verlassen den Körper in 3, 2, 1 und …«
»Moment! Stopp! Ich …« Ich seufze.
»Was ist denn nun schon wieder?«
»Äh, ich … ich glaube, ich möchte doch lieber das Floß. Nicht den Tunnel.« Ein Lächeln zaubert sich unter meine Kutte.
»Also doch das Floß, nicht den Tunnel. Verstanden, wird umgebucht. Kein Problem.«
Na also. Es wäre doch gelacht, wenn wir Charons Geschäft nicht wieder in Schwung bringen würden.
»Aber … aber, oje, ich kann doch gar nicht schwimmen! Wenn ich nun ins Wasser falle …«
»Falls Sie es noch nicht realisiert haben«, versuche ich ihn zu beruhigen, »ums Ertrinken müssen Sie sich in Zukunft überhaupt keine Gedanken mehr machen. Und jetzt verdammt noch mal: Entspannen Sie sich gefälligst!«
Pflichtbewusst lässt sich Werner Jakobs auf sein Bett zurückfallen. Mein innerer Autopilot stellt sich ein. Puls drosseln. Atmung einstellen. Körperwärme herunterfahren. Inzwischen alles Routine. Was war ich beim ersten Mal noch nervös. Im Nachhinein ziemlich überflüssig, denn selbst wenn etwas schiefgehen sollte: Im schlimmsten Fall überlebt der Patient eben. Da gibt es definitiv Berufe, die mit mehr Verantwortung und schlimmeren Konsequenzen klarkommen müssen.
»Und der Herzschlag stoppt in 3, 2, 1, jetzt.«
Sekunden der Ruhe fliegen durch das große, aber gemütliche Schlafzimmer in der Schaperstraße 29. Die Gardinen plustern sich im warmen Sommerwind leicht auf, der, als wäre es geplant gewesen, genau in diesem Augenblick durch das gekippte Fenster fährt. Die Morgensonne scheint herein. Ich starte den Best-of-your-life-Rückschaufilm für Herrn Jakobs. Das wird ihn eine Weile beschäftigen. Währenddessen schreibe ich Charon eine WhatsApp-Nachricht, dass Kundschaft wartet und er geschwind das Floß in Position bringen muss. Hoffentlich frühstückt er nicht gerade in Teufels Küche.
»Oh, ich fliege«, stellt mein Kunde auf einmal neben mir erstaunt fest. Anscheinend waren die Höhepunkte seines Lebens eher ein Kurzfilm. »Bin ich das da unten?«
»Ihr Körper, ja«, antworte ich ehrlich.
»Es fühlt sich so schön an. Bleibt das so?«
»Warten Sie ab, es wird noch viel besser.« Ich schalte den Welcome-Bonus für Glücksgefühle frei.
»Juhu«, jauchzt der alte Mann neben mir auf. »Ehrlich, das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich muss gestehen, ich hatte ein völlig falsches Bild von Ihrer Arbeit.«
»Das haben die meisten. Ich kämpfe da mit einigen … nennen wir es Altlasten. Aber ob Sie’s glauben oder nicht, unser Unternehmen arbeitet gerade intensiv an einer besseren Außendarstellung.«
»Das sollten Sie auch, ganz ehrlich, guter Mann. Wenn Sie eine Empfehlung oder einen Erfahrungsbericht brauchen…«
»… dann komm ich auf Sie zurück, versprochen. Und jetzt genießen Sie Ihre Reise, Herr Jakobs.«
Manchmal ist es wirklich deprimierend. Da hebt man den gesamten Service des Betriebs auf ein nie dagewesenes Niveau, und im Diesseits kriegt es einfach keiner mit. Ich habe sogar schon ein paar Leute zurückgeschickt, damit sie von ihren positiven Erfahrungen beim Sterben berichten können. Aber dann kommt wieder so ein allwissender Arzt um die Ecke und erklärt, das habe wissenschaftlich erwiesen alles bloß was mit den Endorphinen zu tun, die der Körper beim Sterben ausschüttet, alles positiv Erlebte würde demnach zum Großteil nur auf Einbildung beruhen, und zack glaubt wieder jeder, was er will. Den Wahrheitsgehalt einer glücklichen Nahtoderfahrung ordnet die Öffentlichkeit inzwischen irgendwo zwischen Ufo-Sichtungen und politischen Wahlversprechen ein. Ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern, und vermute schon länger, dass Ärzte eher aus wirtschaftlichen Gründen darum bemüht sind, dass die Menschheit ihre Angst vor mir behält. Vielleicht sollte ich mal einen Enthüllungsfilm drehen. Aber bitte nicht wieder mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Dann sind die meisten am Ende bloß enttäuscht, wenn schließlich doch nur meine Wenigkeit vor der Tür steht.
»Der Ausblick ist beeindruckend«, reißt mich mein begeisterter Begleiter aus den Gedanken.
»Ja, ich finde es auch jedes Mal wieder aufregend«, ergebe ich mich dem üblichen Smalltalk. »Wir schweben jetzt übrigens eine Weile. Darf ich Ihnen was anbieten, Herr Jakobs?«
»Zu freundlich, Herr Tod. Sagen Sie doch bitte Werner zu mir. Haben Sie vielleicht Tomatensaft?«
»Jede Menge, Werner, das bevorzugte Getränk unserer Kunden.«
»Oh ja, nur Fliegen ist schöner … Sagen Sie, riecht es hier eigentlich nach Vanille?«
»Das haben Sie gut erkannt. Sehr aufmerksam, ein neues Parfüm von mir. Wie finden Sie es?«
»Gewöhnungsbedürftig. Aber Sie duften besser, als ich es mir beim Tod vorgestellt habe.«
»Sehen Sie, genau das war Sinn und Zweck.« Eine Durchsage ertönt.
»Aufgrund einer defekten Leichenstellung kommt es zu einem ungeplanten Halt auf unserer Strecke. Unsere Weiterfahrt zum Jordan Tiefbahnhof verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Wir versuchen jedoch, durch ausgiebige Rauch- und Trinkarbeiten alle geplanten Sterbedaten rechtzeitig zu erreichen. Wir bitten Sie, diese Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, und hoffen, Sie beehren uns nie wieder.« Herr Jakobs zuckt mit den Schultern.
»Soweit ich das korrekt verstanden habe, Herr Tod, brauche ich mich um Zeit eh nicht mehr zu kümmern, oder?«
Ich muss schmunzeln. Da hat jemand aber schnell gelernt. Vielleicht ist die Menschheit doch kein ganz so hoffnungsloser Fall, wie mein alter Gevatter immer zu sagen pflegte. Ich sollte ihr eine Chance geben. Wenn sie mir denn auch eine gibt.
»Besser geht’s nicht! Ich war ja anfangs durchaus skeptisch, es war schließlich meine erste Überführung, aber bereits nach wenigen Sekunden haben mich Freundlichkeit und die fachliche Kompetenz des zuständigen Mitarbeiters restlos überzeugt. Zwar war der Rückschaufilm recht knapp gehalten (Anm. der Redaktion: Dieser Service erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird gerade überarbeitet.), aber der Gesamteindruck war ohne Zweifel sehr gut. Wer glaubt, dass er schon alles gesehen hat, der wird vom Tod nicht enttäuscht werden. Ich bin überzeugt, dass dieses wirklich einmalige Erlebnis absolut jeden vom Hocker haut.
Hätte ich die Gelegenheit dazu, würde ich den Tod auf jeden Fall noch einmal buchen wollen, und wenn es mir irgendwie möglich wäre, würde ich diese Dienstleistung selbstverständlich an Freunde, Familie und Verwandte empfehlen. Ich gebe 10 von 10 Knochen. Weiter so!
Mit besten Grüßen,
Werner Jakobs«
Tim G. schrieb:
Ganz ehrlich, früher, als der Tod noch ein Geheimtipp war, war er viel (!!!) besser. Inzwischen ist Sterben doch nur noch Mainstream und Kommerz. Extrem uncool.
Froschkönig19 schrieb:
Eindeutig Fake! Das ist niemals der echte Tod. Wer darauf reinfällt, ist selber schuld.
prinzessin_dollar schrieb:
Voll alt. Tod und Sterben. Das ist so letztes Jahrtausend. Schon x-mal gehört. Weiß doch inzwischen jeder. Kommt da endlich mal was Neues?
Boris Bum-Bum Bobbele B. schrieb:
Ein Tod, der nach Vanille riecht, den kann doch keiner ernst nehmen. Unglaublich, wie schnell manche ihre großen Namen zerstören. Nur noch peinlich.
Ksfnjsdhjhv schrieb:
Ich weiß aus sicherer Quelle: Dieser ganze Mist mit dem Lebensende ist bloß eine Erfindung der amerikanischen Geheimdienste, die damit Größeres vertuschen wollen. Lasst euch nicht täuschen. Lebt weiter!
#NSA #Kennedy #Prisma #area51 #9/11 #elvis
Der Insider schrieb:
Ich kannte mal einen, dessen Freundin meinte hinterher, der Tod wäre überhaupt nicht sooo toll gewesen, wie immer alle sagen.
DreamboyBlue schrieb:
Never 10 von 10 Knochen. Höchstens 9!!!!!
Luci666 schrieb:
Also ich mag den Tod. ;-)
the hunter @ Luci666 schrieb:
du hast keinen plan von der materie. dieser tod klingt für mich nach seichter überführung ohne niveau. heutzutage gibt es echt bessere wege, um aus dem leben zu scheiden. guck mal bei youtube!
Mandy schrieb:
LOL
was ne Diskussion hier
*mitdenaugenroll*
ihr seid endpeinlich
yolo, man
Prof. Dr. Dietrich Körner schrieb:
Der Schreiber hat sich durch die kritiklose Darstellung des Vorgangs irreversibel als unfähiger Schwätzer entlarvt, ein prinzipienloser Selbstdarsteller, dessen wahre Absichten im Halbdunkel bleiben. Für mich und jeden Geist mit gesundem Menschenverstand muss nach diesem mehr als lückenhaften Bericht feststehen: Ein Rücktritt des Todes ist inzwischen unausweichlich.
Hier kommt Kurt schrieb:
Klingt doch richtig gut, wenn noch Plätze frei sind, bin ich mit meiner Frau dabei. Gibt’s Frühbucher-Rabatt?
Brainfaktor3000 schrieb:
EPICFAIL!
Sterben ist so old school.
Wie kann man da heutzutage noch ernsthaft mitmachen????
Ich sitze teilnahmslos an meinem Arbeitsplatz und tippe gedankenverloren die Sterbedaten der letzten Woche in eine Exceltabelle auf meinem Rechner. Tiptap tiptap. Mit mir arbeiten allein in diesem Tiefgeschoss weitere 300 Mitarbeiter in einem gigantischen Großraumbüro, dessen Ausmaß die Vermutung nahelegt, die halbe Stadt müsste für die Tod GmbH unterkellert worden sein. Eigentlich ist eine Kleinstadt im östlichen Brandenburg der perfekte Ort für ein Unternehmen, das jede größere Aufmerksamkeit vermeiden möchte. Über uns soll es gerüchteweise zwar noch bewohnte Etagen und belebte Häuser geben, aber größtenteils: Totenstille, Straßen wie ausgestorben, eine Gegend, wo der Hund begraben liegt. Prinzipiell also eine Toplage. Doch während andere Sensenjungs in meinem Alter schon längst ihre ersten Erfahrungen mit dem Leben und der großen weiten Welt gemacht haben, hänge ich in diesem verschlafenen Nest kurz vor Berlin am Schreibtisch fest, weil mein Gevatter darauf besteht, dass ich erst meinen Abschluss zum Master of Death bei ihm in der Firma mache.
Ich stöhne. Sterben ist einfach nicht mein Ding und erst recht nicht diese ganze, damit verbundene Bürokratie. Wahrscheinlich eine Folge davon, dass wir unseren Firmensitz schon vor einer halben Ewigkeit nach Deutschland verlegt haben. Für jedes einzelne Sensenschwingen muss mittlerweile irgendein Formular ausgefüllt und abgeheftet werden, Reisekosten werden nur noch abgerechnet, wenn sie auch ordentlich per Quittung belegt werden können, und zu allem Überfluss finden auch noch tagtäglich unzählige, superwichtige Meetings statt, die in erster Linie vor allem dem Erfinden von neuen Formularen und Paragraphen dienen, die wiederum erst von der Rechtsabteilung überprüft werden müssen und in den meisten Fällen abgelehnt werden, weil sie schließlich gegen irgendeine andere, bereits bestehende Regel verstoßen. Kein Wunder also, dass in der Folge die Menschheit immer älter wird, denn die eigentliche Arbeit kommt, wie so häufig, unter solchen Voraussetzungen viel zu kurz.
Ich schaue gähnend zu den anderen Mitarbeitern. Die meisten telefonieren und versuchen unter dem Vorwand einer ominösen Umfrage oder eines angeblichen Gewinnspiels, so viele persönliche Daten den Anrufern zu entlocken, dass der Zentralcomputer ihr voraussichtliches Sterbedatum errechnen kann. Eine in den neunziger Jahren entwickelte und überaus bewährte Methode. Gerade versucht sich der mir gegenüber sitzende Jan Fritschmann an einem potentiellen Kunden.
»Ah, hallo, Herr Kleinschmidt, schön, dass ich Sie erreiche. Fritschmann, mein Name. Ich melde mich im Auftrag der Firma Call By Death. Es geht um Ihren Telefonanschluss. Sie haben doch einen, oder?«
Selbstverständlich besitzt Herr Kleinschmidt solch einen Anschluss, sonst könnten wir gar nicht bei ihm auf dem Festnetz anrufen. Aber bei diesen Gesprächen, das begriff ich recht schnell, ging es nie um Logik, sondern nur um reine Informationsbeschaffung. Alles kann dabei von Bedeutung sein: Alter, Atemgeschwindigkeit, Reaktion auf Stress oder ungewohnte Situationen, Raucherhusten, Wohnort, sogar der Beziehungsstatus. Erst dadurch gelang es uns, das in vielen Religionen verbreitete Gerücht aus dem Weg zu räumen, Verheiratete würden länger leben. Richtig ist: Es kommt den Ehepartnern in den meisten Fällen einfach nur sehr viel länger vor.
»Bei unserer unverbindlichen Kostenkontrolle haben wir herausgefunden, dass Sie viel zu viel bezahlen beim Telefonieren. Herr Kleinschmidt, haben Sie das gewusst?« Nein, hat er natürlich nicht, ist ja auch gelogen. Aber auf diese Weise kommen wir meist an die Kontodaten der Menschen und können so auch ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstandard in die Berechnung einfließen lassen. Nebenbei verkaufen wir auch noch ein paar völlig überteuerte Telefonverträge – aber gut, von irgendetwas muss schließlich auch der Tod leben.
Tiptap tiptap. Der ganze Raum ist erfüllt von Tastaturgeklapper und durcheinanderplappernden Stimmen. Wie immer, wenn ich mich eine gewisse Zeit mitten in dieser wabernden Geräuschkulisse befinde, ergreift mich über kurz oder lang eine bleierne Müdigkeit.
»Nicht einschlafen, junger Tod«, tadelt mich die vertraute Stimme Charons. Ich schrecke schuldbewusst hoch, obwohl ich mir eigentlich recht sicher bin, ausnahmsweise mal nicht weggedöst zu sein. Hinter mir steht wie erwartet der Personalleiter und engste Vertraute meines Gevatters.
»Das ist so endlangweilig hier, Charon«, klage ich ihm direkt mein Leid. »Bitte sag mir, dass das Ganze irgendwann noch spannender wird, ich halte das sonst nicht bis zur Rente durch.« Der Aufseher tätschelt väterlich meine Kutte. So richtig scheint mich in diesem Betrieb keiner ernst zu nehmen. Als Sohn vom Chef sind zwar alle ziemlich nett zu mir, aber im Kopf der Mitarbeiter bin und bleibe ich meistens nur der kleine Tod.
»Du bist jetzt seit einer Woche hier im Betrieb, mein Junge, im Vergleich zur stattlichen Geschichte dieses Unternehmens ist das eine geradezu lächerliche Zeitspanne.«
»Und im Vergleich zu meinen bisher wenigen Jahren, die ich auf dieser Welt bin, ist eine Woche ein unglaubliches Ausmaß an vertrödelter Zeit.«
»Hach, die Ungeduld der Jugend. Aber keine Sorge, du sollst nicht ewig herumsitzen, nur solltest du in jede Abteilung des Betriebes einen Einblick bekommen. Schließlich willst du den Laden ja bald selbst leiten.« Von wollen kann überhaupt gar keine Rede sein, denke ich trotzig, mich hat nie jemand nach meinen Wünschen gefragt. Ich würde mich sogar lieber zur Hebamme umschulen lassen, als weiter sinnbefreit Karteileichen zu archivieren, die sich wahrscheinlich eh nie wieder jemand anschauen wird.
»Früher war es noch viel aufwendiger«, erklärt Charon direkt, als hätte er meine Gedanken erraten, »so ohne Computer und Festplatten. Da mussten wir Tonnen von Papier aufbewahren und immer wieder den gesamten Bestand neu abschreiben, weil das Zeug in Rekordzeit vor unseren Augen zerfiel. Endlichkeit ist manchmal wirklich anstrengend.«
»Dann schaffen wir sie eben ab«, wende ich direkt ein. Fassungslos schüttelt Charon den Kopf.
»Kleiner Tod, kleiner Tod, du musst noch einiges lernen.« Himmel, wie ich diesen Satz liebe. Was soll ich denn hier lernen, verdammt? Wie man sogar, ohne zu sterben, zur seelenlosen Mumie werden kann, einfach nur indem man tagtäglich stupide Büroarbeit verrichtet? So was lehrt das Leben zur Genüge, da sollte der Tod die Knochen von lassen.
»Naja gut, vielleicht nicht abschaffen«, lenke ich ein, »weiß schon: Evolution, Fortschritt, blablablubb, aber warum lassen wir nicht alle Lebewesen einfach 200 Jahre alt werden? Schwups, haben wir die Arbeit auf einen Schlag halbiert.« Ich blicke meinen Vorgesetzten erwartungsfroh an. Anfangs habe ich mich ein wenig vor dem spargeldürren Zwei-Meter-Mann mit den tiefliegenden Augen gefürchtet, aber mittlerweile weiß ich, dass Charon eigentlich die gute Seele des Hauses ist, auch wenn man es ihm weiß Gott nicht ansieht. Unter seiner bleichen Haut zeichnen sich die einzelnen Knochen so genau ab, dass man vermuten könnte, Blut, Sehnen und die Hälfte aller Innereien wären bei dem guten Mann aus Versehen einfach vergessen worden. Seine einzigen beiden verbliebenen, schlohweißen Haarsträhnen sind stets streng über die Glatze gekämmt, als wäre er ernsthaft der Meinung, damit irgendwie den beinah vollständigen Haarschwund verbergen zu können. Im Betrieb nennt man ihn deshalb hinter vorgehaltener Sense auch nur den »Zweisträhnigen«.
Charon zieht sich einen Stuhl an meinen Arbeitsplatz und legt seine knochige Hand auf meine Schulter.
»Hast du schon mal einen hundertjährigen Menschen gesehen? Weißt du wie so einer aussieht?« Ich versuche, meine mangelnde Erfahrung mit kindlicher Frechheit zu kompensieren.
»Bestimmt so wie du!« Charon lacht herzlich.
»Naja, fast. Merk dir, unser Unternehmen lässt die Leute nicht altern, das tun sie seit Anbeginn der Zeit von ganz allein. Wir holen sie lediglich ab, bevor sie es selbst nicht mehr ertragen können.« Auch wenn ich es nicht leiden kann, wenn mir andere erklären wollen, wie das Leben funktioniert, so spüre ich bei Charon immer eine gewisse Faszination, die mein Rückgrat kribbeln lässt, wenn er anfängt zu erzählen.
»Dann sind wir also eigentlich ziemlich gut, oder?«
»Natürlich, Kleiner, natürlich sind wir das. Würden wir weitere 100 Jahre warten, müssten die Menschen Qualen leiden, denn ihre Physis ist für ein so hohes Alter überhaupt nicht geschaffen worden. Ihre Sinne lassen nach, die Organe fallen aus, ihr Körper baut langsam aber unaufhaltsam ab. Kein schöner Anblick, schau mich an. Und doch tragen die meisten den Wunsch im Herzen, ewig leben zu können, einfach nur weil jeder im Geheimen das am meisten ersehnt, was er nie bekommen kann, selbst wenn es in der Realität zum reinsten Grauen mutiert.« Ein trauriger Blick huscht über das faltige Gesicht des Aufsehers. Seine Augen scheinen einen kurzen Augenblick durch mich hindurchzuschauen, als würden sie dort etwas zu sehen bekommen, was wie die Sehnsucht der Menschen nach dem ewigen Leben in diesem Moment ganz für ihn allein in unerreichbare Ferne rückt.
»Charon? Alles in Ordnung?«, frage ich besorgt.
»Was? Ach so, ja, natürlich. Merke dir eins, junger Tod, das erleichtert dir später dein eigenes Gemüt: Du erfüllst keine Wünsche, aber du führst auch keine Kriege, du entwickelst keine Krankheiten, du baust keine Unfälle, und du ermordest niemanden. Du bist nicht für die Taten der Menschen verantwortlich, und du bist nicht Mutter Natur. Du bist schlicht und einfach nur der Tod.«
»Einfach nur der Tod«, wiederhole ich bereitwillig, »ich versuch’s mir zu merken.«
»Ach, und fast hätte ich es vergessen. Du sollst dringend in Etage zwei aushelfen, die brauchen Verstärkung.« Dabei grinst er so schelmisch, dass ich einen kurzen Moment überlege, ob mich dort oben nicht einfach nur noch monotonere Archivarbeit erwartet. Bevor ich jedoch fragen kann, ist Charon bereits wieder hinter dem Ozean der Schreibtische verschwunden. Ich schaue ihm und seinen belebenden Erzählungen sehnsüchtig hinterher, während das Geräuschmeer des Büros zu einem Wellenrauschen verschwimmt und mich gnadenlos zurück in die banale Realität an meinen Arbeitsplatz spült. Die penetrante Stimme von Jan Fritschmann dringt unaufhaltsam in mein Bewusstsein.
»Herr Kleinschmidt, aber natürlich sollen Sie das Ganze erst mit Ihrer Frau besprechen. Ist Sie zufällig da? Na, dann geben Sie mir sie doch gleich mal. Ich sag Ihnen: Dieser Telefon-Vertrag wird Ihrer beider Leben verändern.«
Ich habe genug. Geschwind schließe ich die geöffnete Tabelle auf meinem Computer, ignoriere die automatische Aufforderung zum Speichern der Datei und besinne mich auf einen Leitsatz der Firma: »Wenn du die Chance auf ein Ende hast, dann nutze sie.« Nichts lieber als das. Der einzige Vorteil an der Arbeit in einem kellerartigen Callcenter ist: Wenn man es verlässt, dann weiß man, egal was nun auch kommen mag, tiefer sinken ist unmöglich, es kann nur noch nach oben gehen. Voller Tatendrang springe ich von meinem Arbeitsplatz auf, stolpere wie zufällig über das dahinterliegende Kabel und sehe im Augenwinkel, wie sich Jan Fritschmanns Augen vor Entsetzen weiten, als sein Computerbildschirm erlischt und seine Verbindung unverhofft vorzeitig abbricht. »Upsi«, sage ich bloß und mache mich schnell aus dem Staub. Überall in der Abteilung flammt Panik auf, denn anscheinend sind die Leitungen auf der gesamten Etage tot. Unschuldig pfeifend mache ich mich auf den Weg zum Fahrstuhl. Von wegen kleiner Tod! Das ganze Stockwerk ist erledigt. Mein Gevatter wäre stolz auf mich.
Mit einem hellem Pling öffnet sich die Tür des Fahrstuhls, und ich werde im Treppenhaus ausgespuckt. Allein, wie immer. Irgendwie versuchen sämtliche Mitarbeiter, möglichst nicht mit mir gemeinsam im Aufzug zu fahren. Sie nehmen zur Not sogar die Treppe, obwohl dort im Vergleich zum Liftfahren rein statistisch gesehen weit mehr Menschen verunglücken, indem sie stolpernd die Stufen hinunterfallen. Doch ich wische die deprimierenden Gedanken beiseite und wende mich meinem frisch erhaltenen Auftrag zu.
Zweiter Stock hat Charon gesagt. So weit oben bin ich bisher noch nie eingesetzt worden. Im Hausflur riecht es nach Desinfektionsmittel und alten Kompostabfällen. Ich bin begeistert: Anfang und Ende in einem – eine wirklich gelungene Duft-Kombination. Mutig trete ich vor die einzige Tür auf dieser Etage, zupfe meine Kutte zurecht und betätige voll Vorfreude die Klingel.
Dingdong.
In solchen Momenten fliegen mir immer die wirrsten Gedanken durch den Schädel. Schließlich ist das genau die Situation, wie ich sie später nach Abschluss meiner Ausbildung tagtäglich erleben werde.
Wer öffnet gleich die Tür? Hoffentlich ist die Person nett.
Soll ich winken oder souverän lässig auftreten?
Sitzt meine Kapuze korrekt?
Steh ich richtig?
Ist die Kutte sauber?
Brauch ich Nebel?
Ist die Sense geputzt?
Auf die simpelsten und gleichzeitig wichtigsten Dinge kommt man meist erst hinterher.
Mit einem leisen Knarren öffnet sich die Tür, und ein älterer Herr mit Nickelbrille schaut missmutig durch den Spalt auf mich herab. Ich sterbe vor Aufregung fast tausend Leben, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen und stattdessen wie im Hausbesuchstraining gelernt tief durchzuatmen.
»Hallooo«, beginne ich ganz unverfänglich, »ich bin’s, der Neue. Ich soll hier anfangen.« Das runzelige Gesicht des Brillenträgers hellt sich schlagartig auf.
»Erna«, ruft er über seine Schulter in die Wohnung, »Erna, ich glaub, die vom Pflegedienst haben endlich reagiert«, und ergänzt zu mir gewandt: »Hereinspaziert, wie schön, wir haben schon dringend auf Sie gewartet.« Ich stolpere, ein wenig überfordert, in einen langen Flur, dessen Wände mit vielen Bildern geschmückt sind, die hauptsächlich eine erstaunlich korpulente, ergraute Dame zeigen.
»Sie kommen genau richtig«, fährt das dünne Männchen fort, »Sie können sich vorstellen, dass gerade jetzt, während Ernas Magen-Darm-Infekt, die Inkontinenz wahrlich kein Segen ist und ich für jede Hilfe bei der Körperhygiene dankbar bin.« Ich verstehe nur Bahnhof, freue mich aber extrem über die herzliche Aufnahme und das anscheinend hervorragende Arbeitsklima auf dieser Station.
Nun habe ich bereits in den unteren Abteilungen gerüchteweise davon gehört, dass Tod an und für sich ein ziemlich beschissener Beruf sein soll, man sich am Anfang erst einmal an die Arbeit gewöhnen muss und sich auch später immer irgendwie dreckig danach fühlen würde. Aber so, nein, so habe ich mir den Job eines Sensenmannes gewiss nicht vorgestellt. Wieso hat mich Charon nicht besser darauf vorbereitet? Nicht, dass ich die Wahl gehabt habe, aber ich hätte mich zumindest mit ein bisschen Übung nicht ganz so tollpatschig angestellt.
Als ich nach zwei arbeitsintensiven Stunden die Wohnung wieder verlasse, Erna mir noch ein freudiges »bis morgen« hinterherruft, während sich der Nickelbrillenmann, der sich als »Heinz« und Ehemann der bettlägerigen Frau herausstellte, zum Abschied mehrmals ausdrücklich für meine tatkräftige Unterstützung bedankt, da habe ich aber auch irgendwie das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Und welcher Tod kann das schon nach seiner ersten richtigen Schicht von sich behaupten? Ich bin ziemlich erleichtert. Und langweilig war es weiß Gott nicht. Erna und Heinz erwiesen sich als redselige Gesprächspartner. Meine Zufriedenheit bekommt jedoch leichte Risse, als ich im Treppenhaus beim Hinuntergehen bemerke, dass in der nächsten Etage das Schild »Oberste Abteilung der Tod GmbH« an der Tür prangt, und es mir langsam, aber sicher dämmert, dass ich mit dem Fahrstuhl vorhin irgendwie im falschen Stockwerk gelandet sein muss. Dabei scheine ich zufällig den sagenumwobenen, bewohnten Bereich gefunden zu haben. Das ist in Ostbrandenburg wie die Entdeckung der berühmten Nadel im Heuhaufen. Keine Frage: In mir schlummert das Talent, Leben aufzuspüren.
Wie sich später herausstellt, hat mir Charon mit purer Absicht die falsche Nummer genannt, denn nur wer Fehler mache, so seine Begründung, könne daraus lernen. Und so schreibe ich an diesem Abend die erste und wichtigste Regel eines jeden Todes zum Vermeiden von Missverständnissen in mein Tagebuch.
Regel 1: Vor einem jedem Auftrag gilt: Kontrollier das Klingelschild!
Regel 14: Was du heute kannst entsorgen, das verschiebe nicht auf morgen!
Liebes Tagebuch,
heute war es endlich so weit: meine erste richtige Überführung. Mein Gevatter hatte sich extra frei genommen. Himmel, war ich aufgeregt. Heute würde ich das blühende Leben kennenlernen. Ich dachte, wir könnten Freunde werden. Um es kurz zu machen: das Leben und ich, ganz ehrlich, ich glaube, das wird nix.
