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Nachdem ihr Lebenspartner verstorben ist, zieht die Ruheständlerin Ingeborg in ein kleines Neubau-Appartement. Als sie entdeckt, dass sie dort mit einem Hausgeist - dem sie den Namen Eulalia verleiht - zusammenwohnt, beginnt eine aufregende Zeit. Die feenhafte, doch trickreiche Eulalia bringt sie in Kontakt mit anderen Geisterladys - edlen Damen, die im 14. und 17. Jahrhundert auf schottischen Burgen gelebt und dort, wie man hört, ihren Mann gestanden haben. Sie verabreden sich zum Tee "hinter der Membran" und erzählen aus ihrer Vergangenheit - einfallsreich und oft auch auf der Basis von historischen Tatsachen.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ingeborg Merz, 1943 in Augsburg geboren, hat viel erlebt und gelernt. Sie war beruflich erfolgreich als Geschäftsführungsassistentin in verschiedenen Unternehmen und später beim Aufbau und in der Verwaltungsleitung einer international tätigen Naturschutzstiftung. Nüchternes Denken, ständige Weiterbildung und strenge Selbstdisziplin waren ihr Rüstzeug, um den vielfältigen Herausforderungen in Beruf und Familie gerecht zu werden. Alt geworden und nun ledig aller Verpflichtungen, lässt sie ihren Gedanken lustvoll die Zügel schießen im Spiel zwischen Realität und Fantasie, Vergangenem und Aktuellem, Leidvollem und Amüsantem – immer mit einem kräftigen Schuss schrägem Humor. Ein erstes Ergebnis ist „Mein Leben mit Eulalia“.
Brief an Gerhard und Manuela
E-Mail an Werner und Elisabeth
Brief an Elfi
WhatsApp an Manuela
Antwort von Manuela
Brief an Elfi
E-Mail an Diane
Antwort von Diane
E-Mail an Diane
E-Mail an Gerhard
Brief an Elfi
E-Mail an Diane
WhatsApp an Diane
Brief an Elfi
E-Mail an Gerhard
WhatsApp von Gerhard
Nachwort
Hallo, Ihr Lieben!
Macht Ihr es Euch auch schön gemütlich an diesem Regensonntag? Uns beiden geht es gut. Nach einem opulenten späten Frühstück und dem gestrigen viergängigen Menü mit Grauburgunder am schön gedeckten Tisch kann es ja nicht anders sein. Eulalia summt zufrieden ein Morgenliedchen. Aber am Donnerstag brach sie in ein regelrechtes Freudengeheul aus. Sie quiekte, jaulte, winselte und gurrte besonders laut und ausdauernd in allen möglichen Variationen. Ich glaube, das war, als sie die alte schottische Burg endlich entdeckt hatte und sie zu inspizieren begann. Inzwischen ist sie dort wohl eingezogen. Sie zeigt sich sehr zufrieden und meint, das sei ja nun doch ein ihrer geistigen Würde angemesseneres Domizil als eine moderne Küchenzeile.
So sehen wir also einer glücklichen Zukunft entgegen – ich inmitten meiner Bücherstapel und reichhaltigen Teevorräte und Eulalia in ihrem verschachtelt gebauten alten Gemäuer, wo sie noch lange mit der Erkundung aller geheimen Winkel und Gänge zu tun haben wird. Im Moment beschäftigt sie vor allem die Frage, ob sie der einzige Bewohner ist. Bin gespannt, was sie im Laufe der Zeit alles herausfinden wird. Und ob sie mich wohl irgendwann einmal zu sich einlädt? Ich muss gestehen, ich bin sehr neugierig. Aber das wäre vielleicht doch eine zu große Ehre. Sie ist nämlich leider ein ziemlicher Snob. Aber ich kann warten. Sollte sie in der Burg keine angenehmere Gesellschaft finden, bekomme ich vielleicht doch eine Chance. …
Vielleicht sollte ich aber erst einmal ein paar Dinge erklären.
Auf Eulalia bin ich schon kurz nach dem Einzug in meine neue Eigentumswohnung aufmerksam geworden. Erst dachte ich an das Winseln eines Hundes. Seit der ersten Eigentümerversammlung war mir die Anwesenheit von drei Hunden im Haus bekannt, aber ich wunderte mich, dass so leise Geräusche durch Wände oder Decken dringen sollten, wo doch aufgrund der guten Dämmung sonst so gut wie nichts von meinen Nachbarn zu hören war. Aber da: wieder dieses Winseln. Und dann hörte ich zwischendurch auch noch so was wie Quieksen, Fiepsen, Giksen, Winseln, Seufzen, Summen, Schnurren, Knurren, Murren. Alles sehr, sehr leise, aber eben doch deutlich vernehmbar, wenn in der Wohnung sonst alles still war. Das war seltsam!
Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Doch an den nächsten Abenden hörte ich es wieder. Sogar tagsüber manchmal. Ich spitzte die Ohren und versuchte, die Herkunft dieser eigenartigen Laute zu orten. Abwechselnd öffnete ich Fenster, Türen und Schränke, fand aber nichts Verdächtiges, außer schließlich, dass die Geräusche irgendwie von der Küchenzeile herkommen müssten.
Nicht einmal mein Physiker-Sohn, der bei mir unter anderem als wandelndes Lexikon fungiert, fand des Rätsels Lösung. Er wirkte erst auch etwas perplex, meinte dann jedoch, es könne vielleicht von der modernen Leuchtröhre kommen, die immer im Stand-by-Modus verharrt. Oder eben von sonst einem Teil der üppigen Elektrik, die in diesem Teil der Wohnung verbaut worden ist. Wohl oder übel gab ich mich damit zufrieden. Schließlich konnte ich von ihm ja nicht verlangen, dass er alles auseinandernehmen solle, um das fragliche Teil zu orten – zumal er mir versichert hatte, passieren könne da nichts. Ich hatte nämlich spontan an Brand durch Selbstentzündung gedacht. In meinem alten Haus, das ich vor einem Jahr verkauft hatte, wäre das sogar zweimal beinahe passiert. Dank meines guten Riechorgans hatte ich eine Katastrophe jeweils gerade noch verhindern können. Aber in einem Fall waren immerhin schon Flammen aus einem Sicherungskasten geschlagen und die Tapete hatte auf etwa einem Meter Fläche zu brennen begonnen.
Schon bald gewöhnte ich mich an die Geräusche aus der Küchenzeile, so wie ich früher die Kinderstimmen vom benachbarten Schulhof nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Ich will noch erwähnen, dass es in meiner neuen Wohnung keine getrennte Küche gibt. Das heißt, ich muss wegen dieses Architektenfurzes, ohne den es zurzeit anscheinend keine Neubauwohnung zu kaufen gibt, im selben Raum auch wohnen. Eine solch armselige Wohnsituation hätte ich mir früher nicht träumen lassen. Aber damit muss ich mich nun abfinden. Schließlich hatte ich lange genug auf eine meinen Anforderungen entsprechende, altersgerechte Wohnung im Innenstadtbereich warten müssen, und sonst gibt es hier auch wirklich nichts auszusetzen. Man kann eben nicht alles haben.
Mit der Zeit merkte ich dann, dass ich in meiner Wohnung nicht allein war. Die diffusen, für mich nicht zuordenbaren Geräusche entwickelten sich nämlich zu einer Art gedanklicher Lautäußerungen, bis ich, noch halb über mich selbst lächelnd, einmal fragte: »Wer bist Du denn eigentlich?« Und zu meinem großen Erstaunen erhielt ich eine, wenn auch unwirsche Antwort. »Wer soll ich schon sein? Ein Hausgeist natürlich. Was denn sonst?« Da war ich aber platt. Das musste ich erst verdauen.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, wandte ich zaghaft ein: »Aber Hausgeister gibt es doch nur in Schlössern und Burgen, allenfalls noch in einem weitläufigen alten Haus. Doch nicht in einer Neubauwohnung in einem Wohnblock!« – »Blödsinn«, kam es prompt zurück. »In jeder anständigen Wohnung gibt es einen Hausgeist – auch wenn die Mitbewohner oft zu blöd sind, um das zu merken.« Da konnte ich ja froh sein, dass ich nicht zu den zu Blöden gehörte. »Dann würde ich aber gerne wissen, wie ich Dich ansprechen soll,« sagte ich. »Wie heißt Du?« – »Das kann ich doch nicht wissen«, kam es patzig zurück. »Dir gehört doch die Wohnung.« – »Ja willst Du damit sagen, dass ich Dir einen Namen geben soll?« Auf diese Frage erhielt ich keine Antwort und auch sonst blieb es still. Ich überlegte eine Zeit lang, bis ich einen Vorschlag parat hatte: »Wie wäre es zum Beispiel mit Eulalia. Das klingt doch schön und auch recht speziell. Könnte vielleicht zu Dir passen.« Wieder gab es eine Pause. »Mhm«, summte es, und diesmal klang es eher zufrieden, beinahe vergnügt. »Daran könnte ich mich wahrscheinlich gewöhnen.«
So bin ich also zu meinem Hausgeist gekommen, und der zu seinem Namen. Wenn man ganz allein lebt, ist es manchmal recht nett, sich ein bisschen mit jemandem unterhalten zu können. Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt, auch wenn Eulalia ziemlich launisch und nicht immer ansprechbar ist. Manchmal, das muss ich zugeben, kann sie richtig zickig sein. Und eingebildet ist sie auch. Anscheinend meint sie, etwas Besseres zu sein.
Jedenfalls etwas Besseres als ich. Menschen verachtet sie nämlich. Sie bezeichnet sie als die Dreidimensionalen. Tatsächlich ist dreidimensional eine Art Schimpfwort für sie, das sie benutzt, wenn sie etwas total beschränkt, dumm oder primitiv findet. Trotzdem kommen wir meistens ganz gut miteinander aus.
Und letzten Montag haben Leute von Möbel Stumpp endlich die Glaswandplatte hinter Spüle und Herd eingebaut. Dafür hatte ich ein Fotomotiv von Schottland mit einer alten Burg in einem See ausgesucht. Das ist tatsächlich sehr schön rausgekommen, finden Eulalia und ich. Obwohl sie zuvor, als ich die Idee mit ihr ausführlich diskutiert hatte, noch abfällig äußerte: »Eine Fotowand! Typisch dreidimensionaler Kitsch!« Natürlich ist so was Geschmackssache. Das ist mir schon klar. Aber ich bin begeistert und sie nun wohl auch. Zumindest ist sie seither deutlich gnädiger gestimmt.
Neulich zeigte sie sich sogar direkt mitfühlend. Das war, als ich letzte Woche völlig fertig vom Pflegeheim zurückkam. Es war der erste Besuch nach über zwei Monaten gewesen. Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Covid-19-Virus hatte man so lange keine Besucher mehr ins Heim gelassen, und nun war endlich zumindest mal ein sogenanntes Besucherfenster eingerichtet. Das heißt, dass ich eine halbe Stunde lang vor dem Haus an diesem Fenster stehen und Mundi, meinen Mann, sehen konnte. Eine Unterhaltung war nur bedingt möglich, denn in die Fensteröffnung war eine Folie eingefügt, die nicht allzu geräuschdurchlässig war.
Ich versuchte, laut schreiend Zuversicht und Fröhlichkeit zu verbreiten, während mir zwischendurch die Tränen herunterliefen. Mundi hatte mich gleich erkannt, als er in seinem Rollsessel in das Zimmer mit dem Besuchsfenster geschoben wurde. »Da ist meine Frau«, rief er. Aber danach sagte er keinen Ton mehr. Er streckte nur die Arme nach mir aus. Als ihn das nicht näher zu mir brachte, gab er es auf. Und sagte nichts mehr. Guckte nur, die ganze halbe Stunde lang. Und guckte! Mit todtraurigen Augen, die mich keinen Moment losließen. Ansonsten blieb er völlig unbeweglich. Das war kaum auszuhalten. Sein Blick verfolgte mich noch tagelang.
Als ich nach Hause kam, überfiel mich Eulalia sofort mit Fragen. Aber ich wehrte nur ab und legte mich zwei Tage lang ins Bett mit Schüttelfrost und Heulanfällen. Doch irgendwann musste ich ja weiterleben und meinen Körper mit Nahrung aus der Küche versorgen. »Ich habe Dich vermisst!«, schallte es mir entgegen. »Was ist los mit Dir? Wie geht es Dir?« Geduldig hörte sie sich mein Jammern und Schluchzen eine Zeit lang an und versuchte dann, mich zu trösten und mir zu raten. »Ruf doch Freunde an. Die können Dir das nachfühlen, und Dir tut es gut, alles auszusprechen, was Dich drückt. Da gibt es doch diese Elfi, mit der Du so gerne telefonierst. Oder den Werner. Der ist doch offenbar ein ganz Lieber. Vielleicht auch Deine Söhne oder Manuela, die Dir immer diese lustigen Sachen und Grüße über WhatsApp schickt.«
»Nein«, lehnte ich ab, »ich kann doch gar nicht richtig sprechen, weil ich dauernd unkontrolliert zu heulen anfange. Außerdem zerbrechen die sich dann die Köpfe, wie sie mir helfen könnten. Das belastet die bloß und ändert ja auch nichts.« – »Aber Du bist trotzdem nicht allein«, tröstete mich Eulalia. »Du hast ja mich. Ich bin da und höre Dir zu.« Dann summte sie eine Zeit lang beruhigend vor sich hin.
Ein paar Minuten später kam sie mit einem guten Vorschlag: »Zuallererst machst Du Dir jetzt einen starken Kaffee, der Deinen Kreislauf in Schwung bringt. Und dann legst Du eine der Bach-CDs auf, die Du so gerne hörst. Eins dieser vielschichtigen, wuchtigen Orgelwerke oder vielleicht seine Solosonaten für Violine. Du sagst doch immer, solche Musik sei Seelenmedizin und hebe Dich über den Alltag und Deine eigene kleine Existenz hinaus. Genau das brauchst Du jetzt. Es wird Dich auf eine gute Weise ablenken.« Ich folgte ihrem Vorschlag. Und wirklich, das half.
Zwei Tage später war ich allmählich wieder normal. Die nächsten beiden Besuche waren auch nicht mehr ganz so schlimm gewesen. Für meinen Mann hatte die erste Begegnung nach der langen Pause wohl ebenfalls einen Schock bedeutet. Inzwischen wirkte er weniger angespannt und antwortete sogar ab und zu mit ein paar Worten. Insgesamt hatte ich in dieser Zeit den Eindruck, er sei eigentlich ganz zufrieden und fühle sich in seiner gewohnten Umgebung geborgen. Es schien ihn eher zu stören, wenn man ihn für die Begegnungen mit mir ans Besucherfenster holte. Eulalia meinte auch, dass es vielleicht gar nicht mehr so sehr darauf ankomme, wer seine Hand halte und ihn ab und zu streichele. Damit versuchte ich, mich zu trösten.
Schon vor der Besuchersperre wusste Mundi ja oft nicht mehr, wer ich bin. Nun muss das Personal im Heim eben auch noch die Erfüllung seiner emotionalen Bedürfnisse übernehmen, dachte ich. Ich war sehr froh, dass dies offensichtlich – soweit überhaupt möglich – geschah. Alle gingen wirklich sehr lieb mit ihm um. So waren die Besuche für mich jedenfalls etwas besser auszuhalten. Doch wie schon immer in den letzten Monaten konnte ich nie wissen, in welchem Zustand ich Mundi beim nächsten Besuch antreffen würde. Auch als ich ihn noch täglich besuchen konnte, war er an einem Tag wach und fröhlich gewesen, am nächsten hatte er nur geschlafen und am übernächsten sprach er wirres Zeug, wirkte unruhig und unglücklich. Mal erkannte er mich, mal nicht.
Und nun hatte der Eigentümer des Heims auf dem Vorplatz ein Besucherhäuschen einrichten lassen, das angeblich »Begegnungen in einer familiären Atmosphäre« ermöglichen sollte. So stand es jedenfalls in dem Brief, mit dem er um einen Spendenbeitrag dazu bat. Es fühlte sich dann aber eher nach Gefängnisbesuchen an. Das Häuschen bestand aus einem Raum. Eine Glaswand trennte die Bereiche für Besucher und Heimbewohner, wobei auf jeder Seite Platz für zwei Leute sein sollte. Aber schon ich allein fühlte mich beengt auf meiner Seite. Noch enger war es auf der Seite meines Mannes mit seinem Rollsessel und einer Begleitperson, die allerdings meist gleich wieder wegging und uns allein ließ. Es gab eine Gegensprechanlage, die aber nicht richtig funktionierte.
Die Besuche in dem Besucherhäuschen waren eine einzige Belastung für Mundi und mich, fast wie in einem Alptraum. Ich fragte mich ernsthaft, ob es für ihn nicht besser wäre, wenn ich wegbliebe. Sicher konnte ich mir seiner Empfindungen aber doch nicht sein, und ich traute sogar meinen eigenen Gefühlen nicht so recht. Vielleicht machte ich mir selbst etwas vor, weil ich die Situation so schwer erträglich fand? Ich befand mich in einem Wechselbad der Gefühle. Letztendlich trieb mich mein Pflichtbewusstsein doch immer wieder in dieses grässliche Häuschen.
Natürlich hatte ich Eulalia von Mundis zunehmender Demenz erzählt und darüber, dass man nie wissen könne, was in seinem Kopf vorgehe. »Oft habe ich das Gefühl, er lebe in seiner eigenen Welt, zu der ich keinen Zugang habe«, klagte ich ihr. »Aber das wechselt. Meist sagt er ja gar nichts mehr. Doch manchmal kommen wieder klare Momente, in denen er mich erkennt. Es kann sogar sein, dass er plötzlich sogar ein bisschen Kopfrechnen oder eine Überschrift in einer Zeitschrift lesen kann. Aber dann erzählt er wieder etwas, das überhaupt keinen Sinn macht.« – »Vielleicht«, meinte Eulalia, »sieht er ja mehr und mehr die Dinge hinter den Dingen, und das ständige Hin- und Herwechseln kann sein Verstand nicht verarbeiten.« – »Ach ja, das Ding an sich«; überlegte ich laut. Da schrie sie mich wütend an: »Das ist unverschämt!« – »Nein, Kant«, versuchte ich zu erklären. Doch schon war sie weg und ließ stundenlang nichts mehr von sich hören.
Als Eulalia sich wieder zu regen begann, war zunächst nur ein leises Gebrummel zu vernehmen, aus dem ich die Worte »Frechheit! Ich bin kein Ding! Ich bin eine Persönlichkeit!« heraushörte. Aha, nun war mir klar, was sie in den falschen Hals bekommen hatte. »Klar doch«, stimmte ich ihr zu. »Und was für eine!«
Kurz entschlossen nahm ich ein dickes Buch aus dem Regal, knallte es auf die Arbeitsfläche neben dem Kühlschrank und rief: »Da drin steht all das Zeugs über das Ding an sich. Und das hat mit Dir überhaupt nichts zu tun. Es geht darum, was berühmte Philosophen über die Erkenntnis der Existenz des eigenen Ich und der Welt, die uns umgibt, gedacht haben. Und dies führte zu der Gewissheit, dass die menschlichen Sinne nicht ausreichen, um alles, was existiert, auch mit dem Verstand zu erfassen. Im Zusammenhang mit diesen komplexen Fragen wurden Begriffe entwickelt wie eben das Selbst-Ich, das Außen-Ich, das Ding an sich oder so komische wie die Monaden von Leibniz. Und für das Übersinnliche gibt es noch viel mehr Begriffe, zum Beispiel Weltenseele, Schöpfergeist, das Numinose und vor allem auch Gott.«
Eulalia schien besänftigt. Deshalb wagte ich mich erneut auf schwieriges Terrain und bemerkte wie nebenbei: »Das mit dem Ding war ein Missverständnis, und Du sagst von Dir selbst, Du seiest eine Persönlichkeit. Aber was Du tatsächlich bist, weiß ich immer noch nicht.« – »Kann ich Dir auch nicht erklären, denn dazu bist Du zu dreidimensional. Und deshalb wirst Du nie etwas verstehen von den Dingen hinter den Dingen.« Das klang wieder mal sehr verächtlich. Aber dann seufzte sie und fuhr in ganz anderem Ton fort: »Jedenfalls bin ich ein höheres Wesen und habe auch Gefühle – sogar sehr starke. Oh, wie sehr ich mich nach Manannan Mac Lir sehne! Doch umsonst … « Die Seufzer zogen sich mehr und mehr in die Länge und verwandelten sich dann in jammervolles Winseln. So hatte sie mir also ein Herzensgeheimnis anvertraut. Sie war unsterblich verliebt. Und sie schien zu ahnen, dass es sich da wohl um eine aussichtslose Liebe handelte.
Meine Lieben,
ich bin wieder normal, d. h. was immer bei mir normal ist. Jedenfalls heule ich nicht mehr nur herum wie bei unserem letzten Telefonat. Ich sitze in meinem Küchenwohnzimmer, esse mein Butterbrot, trinke feinen Grüntee mit Zitrone und unterhalte mich mit Eulalia, die zurzeit wieder mal besonders lebhaft ist. Soeben macht sie auf einem schmalen Burgmäuerchen eifrig Trockenschwimmübungen. Und dies trotz ihrer Verachtung für alles Dreidimensionale. Sie hofft eben immer ein bisschen auf eine Begegnung mit Manannan Mac Lir. Dieser keltische Meeresgott sei der Mann ihrer Träume, hatte sie mir neulich verschämt gestanden. Schließlich träfen sich um ihre Burg herum drei Seen und das Meer sei auch nicht weit entfernt. Bei so viel Wasser könne es doch sein, dass er auch einmal hier auftauche, meinte sie. Und da wolle sie eben vorbereitet sein. Was man nicht alles macht aus Liebe! Dabei ist sie doch eigentlich so wasserscheu. Was mich betrifft, so hoffe ich, dass er nicht auftaucht – in Eulalias und meinem eigenen Interesse. Weder ihre Schwimmkünste noch meine Hausratversicherung wären Manannan Mac Lir gewachsen. Oder wäre dies eher eine Sache der Elementarschutzversicherung? Aber egal – die ist auch nicht hoch genug …
Je länger ich mit Eulalia zusammenlebe, desto mehr mache ich mir natürlich Gedanken darüber, was für ein Wesen sie überhaupt ist, welchen Umfang ihr Wissen hat, welche Gedanken und Wünsche sie umtreiben. Auch inwieweit sie handlungsfähig ist, hätte ich gerne gewusst – schon im Hinblick auf meine eigene Sicherheit. Direkten Fragen dieser Art ist sie jedoch bisher ausgewichen. Umso neugieriger werde ich.
Es ist nicht so, dass ich noch nie zuvor mit einem Hausgeist zu tun gehabt hätte. Oh nein. In der großen Villa, in der ich bis vor einem guten halben Jahr gelebt habe – sie wurde damals gerade hundert Jahre alt – gab es auch schon einen, den Huber-Geist nämlich. Ich weiß sogar, wo er herkam, während ich in dieser Hinsicht bei Eulalia völlig im Dunkeln tappe.
Also damals, als meine Eltern diese alte Jugendstilvilla mit dem großen Garten gekauft hatten, wohnte dort noch ein älterer Herr namens Huber zur Miete, ein pensionierter Finanzbeamter. Vielleicht war er von Berufs wegen so grantig. Er war empört über das Ansinnen, er solle ausziehen, obwohl er sowieso gerade dabei war, ein Haus am Bodensee als seinen Alterswohnsitz zu bauen und meine Eltern ihm von vornherein zugesagt hatten, keinerlei Zeitdruck ausüben zu wollen. Er könne sich so viel Zeit nehmen, wie er brauche, um sein Haus in aller Ruhe bezugsfertig zu machen, versicherten sie ihm. Sie wollten ja auch nur ein Stockwerk für sich, denn davon, dass ich mit meiner Familie einziehen werde, war damals noch nicht konkret die Rede. Trotzdem. Er fühlte sich tief beleidigt. Wahrscheinlich einfach aus Prinzip. Und als wir uns erdreisteten, ein zweites Mal in seine Wohnung kommen zu wollen, diesmal mit dem Architekten, der den Auftrag für die Renovierung des Hauses erhalten hatte (es ging u. a. um den Verlauf der Wasser- und Stromleitungen), beschimpfte er uns in beinah unflätiger Weise, und ja, verfluchte uns letztendlich sogar. So kam es, dass er nie ganz auszog. Sein dräuender Geist blieb uns erhalten.
Der Huber-Geist ließ sich zwar nie sehen oder hören, richtete aber im Verborgenen immer wieder kleineres oder größeres Unheil an. So etwa die oben genannten Fast-Brände. Immer wenn sich im Haus etwas sonst Unerklärliches ereignete oder kaputt ging, wussten wir: Das war der Huber-Geist.
Mit Eulalia läuft es ganz anders. Sie war von vornherein immer recht kommunikativ – zumindest, solange es sich nicht um Auskünfte über ihre Person handelte. Auch hat sie, soweit ich das beurteilen kann, bisher keinen Schaden angerichtet. Höchstens das mit dem Käse. Wir beide haben nämlich einen unterschiedlichen Geschmack, was Käse angeht. Mein Lieblingskäse ist der französische Weinbergkäse Saint André, aber nur in frischem Zustand, solange er noch ganz mild, weiß, fest und etwas bröselig ist. Eulalia dagegen bevorzugt Käse, die schon in die »Stinkerichtung«, wie ich das nenne, gehen. Also mag sie den Saint André lieber, wenn er leicht zu fließen beginnt, außen bräunlich geworden ist und einen strengeren Geschmack entwickelt hat.
Seit einiger Zeit schon war mir aufgefallen, dass ich meinen Lieblingskäse so frisch kaufen konnte, wie ich wollte – in kürzester Zeit, oft schon am nächsten Tag, war er so weit gereift, dass ich ihn nicht mehr essen mochte. Konnte das womöglich am neuen Kühlschrank liegen? Ich hatte ihn doch auf dieselbe Temperatur eingestellt wie bei dem in meiner früheren Wohnung. Oder ist schon die Lagerung in dem Supermarkt, in dem ich seit dem Umzug einkaufe, irgendwie anders? Ich war ratlos und beschloss, künftig keinen Saint André mehr zu kaufen. Es gab schließlich jede Menge Auswahl an der Käsetheke, und ich hatte lange noch nicht alles durchprobiert.
Da fragte mich Eulalia eines schönen Abends, wieso ich eigentlich keinen Saint André mehr im Kühlschrank hätte. Als ich ihr den Grund dafür erklärte, druckste sie erst ein bisschen herum und gab dann zu, dass sie nicht ganz unschuldig an der rapiden Käsereifung sei. »Was? Du hast da herumgefriemelt? Lass bloß Deine Finger von meinem Käse!«, rief ich empört. Eulalia war erschrocken. So kannte sie mich noch gar nicht. Aber bei meinem Tee und meinem Käse verstehe ich nun mal keinen Spaß. Schließlich murmelte sie entschuldigend: »Aber ich habe ihn doch bloß so ein ganz klein bisschen manipuliert.«
Eine Zeit lang redete ich nicht mehr mit ihr. Ich war sauer. Nicht nur, dass sie also wohl von meinen Lebensmitteln naschte. Sie laborierte auch noch damit herum. Das war doch die Höhe! Lange kann ich aber niemandem böse sein. Deshalb suchte ich nach einer Lösung für unser Problem – und fand sie auch. Von nun an schneide ich immer ein kleines Eckchen von meinem Saint André ab, bevor ich meine Einkäufe in den Kühlschrank packe.
Das erste Mal erklärte ich Eulalia: »So, das kleine Eckchen ist für Dich. Damit kannst Du machen, was Du willst.« Um dann mit erhobener Stimme fortzufahren: »Aber mit meinem Käse hast Du nichts zu schaffen. Ist das klar?« – Ein leises »Mhm«, gefolgt von einem demütigen Winseln, war zu hören. Jetzt tat sie mir doch fast wieder leid. Deshalb sagte ich noch versöhnlich. »Du sollst halt nicht ungefragt an meine Sachen gehen. Aber wenn Du auf etwas Appetit hast, kannst Du es mir sagen. Ich bringe sogar extra was für Dich mit, wenn Du einen besonderen Wunsch hast.« Wer nun Dankbarkeit erwartet hätte, täuscht sich. Schon zeigte Eulalia wieder Oberwasser und lehnte schnippisch ab: »Nein, auf Euer dreidimensionales Zeugs kann ich verzichten!« Sie fügte dann aber noch leise hinzu: »Nur von dem Saint André hätte ich schon gerne ab und zu was.«
Eine Kommunikation dieser Art ist allerdings selten zwischen uns. Die Vorzeichen stehen nämlich meistens umgekehrt: Sie ist die Beleidigte oder Empörte und ich muss zu Kreuze kriechen. Nun ja, man muss sich eben arrangieren.
Wenn ich abends nach der Tagesschau den Fernseher abgeschaltet und mich noch nicht ganz in meine Lektüre vergraben habe, ist Eulalia am ehesten zu einer kleinen Plauderei aufgelegt. So unterhielten wir uns einmal wieder über meinen ständigen Kummer bezüglich Mundis Situation im Pflegeheim. Da war es mir auch ein Bedürfnis, Eulalia für ihren Beistand zu danken, den sie mir geleistet hatte, als es mir so besonders schlecht ging. »Ist schon gut«, wehrte sie ab. »Wir müssen doch zusammenhalten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Du Dich fühlst. Aber Du hast immerhin ganz viele gute Jahre mit Deinem Mundi gehabt. Wenn Du jetzt so traurig bist, dann heißt es doch bloß, wie stark Du mit ihm verbunden warst. Ich dagegen hatte noch nie eine so enge Beziehung und weiß nicht, ob ich je etwas Derartiges erleben werde.«
Nach einer nachdenklichen Pause fuhr sie fort: »Aber Sehnsüchte habe ich schon. Sogar sehr starke. Du weißt ja, wie sehr ich mich nach Manannan Mac Lir sehne. Oh Manannan! Doch der bleibt wohl leider unerreichbar für mich.« – »Vielleicht ist das aber auch ganz gut so«, versuchte ich sie zu trösten. »Er ist doch ein gewaltiger Krieger. Stell Dir vor, er käme in seiner ganzen furchterregenden Größe, Kraft und Herrlichkeit und seiner harten, undurchdringlichen, eisenbewehrten Schuppenrüstung an und würde Dich in seine Arme reißen! Also, das würde vermutlich nicht nur schrecklich scheppern, sondern könnte ganz schön schmerzhaft oder gar gefährlich für Dich sein. Dein Körper – falls Du überhaupt so was wie einen Körper hast – ist schließlich eher von der ätherischen Sorte. Außerdem sagt man von ihm, dass er sehr schnell im Zorn ergrimmen kann.«
»Ach ja«, seufzte Eulalia, »schon. Aber er ist doch sooo SCHÖÖÖN!« Vor meinem geistigen Auge sah ich sie die Augen nach oben verdrehen. »Außerdem soll er ja auch eine Frau haben«, gab ich noch zu bedenken. »Fand heißt die, glaube ich. Obwohl man nichts Genaues weiß. Die Quellen sind da widersprüchlich. Sollte es diese Fand tatsächlich geben, könnte auch sie Dir gefährlich werden. Göttliche Ehefrauen dulden die Seitensprünge ihrer Männer meist nicht ungestraft. Man kennt das ja zur Genüge vom griechischen Pantheon.« – »Ich weiß, ich weiß. Aber ich würde alles in Kauf nehmen für Manannan«, klang es leise aus der Küchenzeile, »wirklich alles … « während sich ihre Stimme von der Brücke zur alten Burg hin verlor.
Liebe Elfi,
vielen Dank für Deine Anteilnahme und die guten Worte, die Du in meiner schweren Zeit für mich gefunden hast. Nun bin ich froh, dass alles vorbei ist.
Die Besuche im Pflegeheim waren zum Schluss schlimmer denn je. Dieses winzige Häuschen mit seiner Glastrennwand fand ich noch bedrückender als das Besucherfenster, wo man wenigstens noch etwas Bewegungsfreiheit hatte. Auf der Besucherseite wie auch auf der Seite für die Pflegeheimbewohner ging es arg eng zu. Theoretisch war es für jeweils zwei Personen gedacht, aber die durften dann nicht dick sein. Mundis Rollsessel musste man schon schräg stellen, sonst hätte er in der Tiefe gar nicht reingepasst. War noch eine Pflegekraft bei ihm, musste die sich sehr in die Ecke drücken. Aber wäre nur immer eine Begleitung dabeigeblieben! Meistens hatte wohl niemand die Zeit dafür und ich saß dann Mundi in dem engen Kabuff gegenüber, während er immer unruhiger wurde und die Türe zu öffnen versuchte, um hinauszugelangen. Ich wusste ja, dass er sich schnell beengt fühlte. Das kam, so hatte er mir einmal erklärt, daher, dass er im Krieg mal verschüttet war. Deshalb war er auch nie gern in einem Aufzug gefahren oder in einem Bus, wenn es wegen zu vieler Fahrgäste eng wurde. Und nachts konnte er es selbst in einem kalten Schlafzimmer nicht gut ertragen, fest zugedeckt zu sein.
Es war offensichtlich, wie unwohl er sich hier fühlte, als wir uns so hilflos und ein bisschen wie bei einem Gefängnisbesuch gegenübersaßen, während Mundi immer unruhiger wurde. Ein Gespräch war wegen seiner Schwerhörigkeit sowieso nicht möglich. In dem Versuch, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, streckte er sich mehr und mehr in Richtung Türklinke aus. Der Abstand war nicht groß und ich fürchtete sehr, es könnte ihm gelingen, die Tür zu öffnen und sich im Rollstuhl durch den Eingang hinauszudrücken. In den Armen hatte er ja noch einige Kraft. Dann wäre er draußen die Rampe runtergerollt und ich hätte vielleicht gar nicht schnell genug um das Häuschen herum durch die Absperrung rennen können, um seine Abwärtsfahrt aufzuhalten. Es war für uns beide Stress und ich merkte, dass er nur wegwollte.
Dass er nun in Ruhe und Geborgenheit sterben konnte, war eine Erlösung. Ich hatte Dir ja schon am Telefon erzählt, dass ich in seinen letzten Stunden bei ihm war und dass wir uns da noch einmal ganz nah gekommen sind. Ich bin so froh für meinen Mundi, dass er nicht mehr leiden muss und ihm nie mehr etwas Schlimmes oder auch nur Unangenehmes widerfahren kann. Das ist das Wichtigste. Mit der Leere, die er hinterlassen hat, muss ich eben zurechtkommen. Schließlich bin ich nicht die einzige Witwe in dieser Welt.
Bezüglich Eulalia gibt es nichts Neues. In den letzten Wochen herrschte Funkstille zwischen uns. Mir ging es einfach zu schlecht, um mich auf sie einzulassen, wenn sie erwartungsvolle Geräusche von sich gab. Aber gestern Abend redeten wir erstmals wieder kurz miteinander. Wenn Du im Herbst wirklich mal wieder zu Besuch kommst, kannst Du sie ja selbst erleben. Bis dahin bleib gesund und munter. Wir telefonieren bald wieder. …
In den ersten Wochen nach Mundis Tod gab es viel zu erledigen und zu organisieren. Das war mir gar nicht unlieb, denn so musste ich einfach nur funktionieren und konnte mich nicht ständig in meinem Kummer suhlen. Und ich war zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, auch diesen schweren Lebensabschnitt ohne Hilfe zu bewältigen. Also war ich wohl doch noch einigermaßen leistungsfähig, wenn ich mich nur ordentlich zusammenriss.
Trotzdem überfielen mich zwischendurch immer wieder regelrechte Heulattacken, die ich über mich ergehen ließ, weil ich ja wusste, dass das Unterdrücken starker Gefühle ungesund ist. Schließlich bin ich ein vernünftiger Mensch. Aber mittendrin in einem solchen tränenreichen Anfall hörte ich ganz deutlich Mundis Stimme in meinem Kopf: »Mach doch kein solches Theater. Du tust ja gerade so, als sei noch nie einer gestorben.« Da hatte er natürlich recht. Blitzartig hatte er mich wieder einmal auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt. Das war typisch für ihn. Es war ihm oft genug gelungen, mich mit seinem knochentrockenen Realismus bei überbordenden gedanklichen oder gefühlsmäßigen Eskapaden zu erden. Sein Eingreifen war auch diesmal klärend und hilfreich. Man braucht sich ja nur vorzustellen, wie viele Menschen vor uns schon gestorben sind und nach uns noch sterben werden. Und wenn man erst daran denkt, unter welch furchtbaren Umständen das oft geschieht – in Kriegen, bei grausamen Verbrechen oder Krankheiten – dann relativiert sich so ein einzelner Todesfall, der dazu in hohem Alter und schmerzlos stattfindet, schon beinahe zur Bagatelle. Nichts hat mich so wirkungsvoll getröstet wie diese posthumen Worte meines Mannes.
Um nun aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich wusste sehr wohl, dass kein Geist zu mir gesprochen hatte. Doch im Laufe unserer fast vierzigjährigen Ehe waren mir Mundis Ansichten, seine Art, sich zu äußern und der Klang seiner Stimme in Fleisch und Blut übergegangen. Auf diese Weise konnte ich ihn trotz seiner Abwesenheit wirklich hören.
Ähnliches hatte ich auch nach dem Tode meines Vaters erlebt, nämlich als ich begann, mir ernsthaft Gedanken über eine Scheidung von meinem ersten Mann zu machen. Schon vorher war mir diese Ehe unerträglich geworden. Weil mein erzkonservativer Vater Scheidungen stets rigoros verdammte und wir wussten, dass seine Lebenszeit wegen seiner Krebserkrankung sowieso bald zu Ende gehen würde, wollte ich ihn aber verschonen. Da er mich sehr liebte und wir im selben Haus wohnten, hätte ich all den Kummer, die Aufregungen und den ganzen Schmutz im Gefolge der Trennung nicht von ihm fernhalten können. Also riss ich mich zusammen und hielt durch, obwohl er dann doch noch ein Jahr länger als erwartet am Leben blieb.
Danach aber musste ich einen Entschluss bezüglich einer Scheidung fassen. Und als ich so am Überlegen war, ob ich diesen Schritt nun wirklich tun sollte oder ob es nicht doch vielleicht auch noch andere Lösungen gäbe, hörte ich die Stimme meines Vaters klar und deutlich: »Inge, lass’ ihn laufen. Er macht Dich und die Familie kaputt.« Da wusste ich auf einmal, dass mein Vater diese Trennung doch akzeptiert hätte, vielleicht sogar schon geahnt hatte, obwohl ich meinen Eltern gegenüber nie ein Wort in diese Richtung hatte verlauten lassen. Ich war erleichtert und mir war auf einmal sehr klar, was zu tun war. Mein Vater hatte mir den richtigen Weg gezeigt. Ja, in dieser Weise leben die Toten in uns weiter.
Mit Eulalia verhielt es sich natürlich ganz anders. Sie war real genug und brachte eher Unruhe als Klarheit in mein Leben, aber eben auch Abwechslung und so manche Anregung.
Die erste Unterhaltung mit Eulalia nach der langen Pause war wirklich kurz gewesen. Sie war nämlich stinkesauer, dass ich sie dermaßen vernachlässigt hatte. Natürlich wollte ich ihr den Grund dafür erklären. Doch sie ließ mich gar nicht zu Wort kommen, sondern schrie und tobte nur herum, bis auch ich sie anschrie, sie solle endlich Ruhe geben, ich habe sie doch extra auf Eis gelegt, weil … Da schlug ihre Stimmung plötzlich um. Sie ließ mich den Satz nicht zu Ende reden. »Oh, Eis!«, rief sie begeistert, »Was? Wo? Das habe ich ja noch gar nicht gemerkt!« Und dann wollte sie wissen, welche Sorte. Sie möge nämlich nur Bananeneis. Da hatte ich genug. Ich ließ sie einfach sitzen und ging ins Bett.
Am nächsten Morgen dann ließ sich Eulalia in Ruhe erklären, was alles vorgefallen war. Sie zeigte sich einsichtig und sogar wirklich mitfühlend. Es war also wieder Friede eingekehrt zwischen uns und wir genossen einen ruhigen Tag miteinander.
Du glaubst gar nicht, in was sich Eulalia alles einmischt und wie anspruchsvoll sie ist. Dummerweise hat sie vorhin mein Telefongespräch mit dem Hotel Fortuna mitgehört, bei dem es um das Essen nach der Beerdigung ging. Sie will mitbestimmen, was serviert wird. Beim Hauptgang soll es eine Fischplatte statt Zwiebelrostbraten geben – wegen Manannan Mac Lir – und zum Dessert soll die Mousse aus weißer statt aus dunkler Schokolade sein, weil das vornehmer sei.
Also so was! Jetzt wird die auch noch wählerisch. Soll froh sein, wenn sie überhaupt was kriegt. Die solltest Du Dir beizeiten erziehen.
Antwort an Manuela:
Leider geht es bei uns andersrum. Sie erzieht mich. Aber ich denke, jetzt werde ich ihr gelegentlich mal ganz brutal sagen müssen, dass sie ohne mich gar nichts wäre. Schließlich denke ich sie. In Abwandlung der Philosophenerkenntnis: Ich denke, also bin ich. Es gäbe sie ja gar nicht, wenn ich sie nicht dächte. Eine Spur Dankbarkeit wäre schon angebracht.
Unsere nächste Auseinandersetzung ließ nicht lange auf sich warten. Da machte ich mein Vorhaben wahr. Ich sagte Eulalia klipp und klar, dass sie nur ein Produkt meines Denkens sei und deshalb gar nichts zu melden habe. Ein bisschen tat sie mir dabei schon wieder leid, denn wirklich verletzen wollte ich sie ja nicht – nur etwas in ihre Schranken weisen. Ihre Reaktion war jedoch ganz anders als erwartet. Anstatt sich gedemütigt und bescheiden winselnd zu verziehen, trumpfte sie frech auf und sagte: »Ganz egal, wer oder was mich gedacht, gebaut, programmiert, geboren, erschaffen, ausgefurzt oder zusammengeschraubt hat: Jetzt bin ich da! Und ich mache, was ich will! Und deshalb bestimme nämlich ich, was Du denkst, dass ich denke, sage oder mache.«
Also, mir hat es die Sprache verschlagen. Es war mir direkt unheimlich zumute. Wenn ich ehrlich sein soll, fühle ich mich schon ein bisschen gesteuert. Dabei müsste ich meinen Kopf eigentlich frei haben, solange ich noch so viel zu organisieren und zu bedenken habe wegen Mundis Beerdigung und allem, was sonst noch zu erledigen ist. Und meine Trauer muss ich schließlich auch irgendwie bewältigen. Aber tatsächlich machen sich Gedanken oft selbstständig, wenn sie erst einmal gedacht worden sind – ob es sich nun um die Eifersucht eines Liebhabers, die Erfindung der Kernspaltung oder eine Gespenstergeschichte handelt, die kleine Kinder nicht mehr ruhig schlafen lässt. Oder eben um einen Hausgeist.
In den darauffolgenden Tagen kehrte endlich wieder Ruhe ein. Vielleicht ist Eulalia doch ein wenig in sich gegangen. Seitdem ist es eigentlich richtig schön mit ihr. Wir hatten eine grundlegende Aussprache und haben uns versöhnt. Dabei haben wir einiges voneinander gelernt und sind nun wieder Freundinnen.
Auslöser für diese Aussprache war ein Kaffeebesuch. Erstmals hatte ich einen anderen Bewohner des Hauses, in dem ich nun wohne, zu mir eingeladen. Als ich Eulalia mitteilte, dass demnächst ein geistlicher Herr zu uns komme, fragte sie aufgeregt: »Oh, das ist aber interessant! Was soll ich dann anziehen? Gibt es eine Kleiderordnung?« – »Nein, natürlich nicht«, beruhigte ich sie, »es ist kein großer Anlass. Außerdem sieht er Dich ja sowieso nicht.« Eulalia wirkte nicht ganz überzeugt. »Man kann aber nicht sicher wissen, was er mit seinem geistlichen Auge sieht, oder?«, murmelte sie. »Schließlich bin ich vermutlich etwas Ähnliches wie er.« Da musste ich aber lachen und erklärte ihr, dass unser Besucher ein ganz normaler Mensch, aber eben ein katholischer Priester sei. »Also, auch nur ein Dreidimensionaler«, murrte sie enttäuscht.
Eine Zeit lang war sie ruhig. Sie dachte nach. Dann sagte sie: »Ja, von denen habe ich schon gehört. Aber was will er in unserem Küchenwohnzimmer machen? Will der hier beten?« Wieder musste ich lachen. »Nein, nur Kaffee trinken. Zum Beten geht er in die Kirche. Das heißt, natürlich betet er auch sonst wo, aber dann eben meistens nur so für sich. In der Kirche leitet er die Gottesdienste, damit es dabei schön feierlich zugeht und eine gute Stimmung für die Gebete entsteht.«
