Mein Leben war bunt - Bärbel Beier - E-Book

Mein Leben war bunt E-Book

Bärbel Beier

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Beschreibung

Die Höhen und Tiefen eines ganzen Lebens: Die Liebe zum ausgewählten Friseurberuf. Jede Herausforderung, Privat und Geschäftlich annehmen, sich nie unterkriegen lassen! Mecklenburg-Vorpommern, im Alter zur über alles geliebten Heimat geworden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Mein Leben war bunt

Bärbel Beier

Autorin: Bärbel Beier

Cover: Bärbel Beier

Herausgeber: tredition

Vielen Dank an alle, die meinen Probedruck schon gelesen und mich ermutigt haben, es nicht dabei zu belassen, sondern mein Buch doch noch zu veröffentlichen.

Bärbel Beier

Parchim, 2024

Dieses Buch widme ich meinem verstorbenen Mann Gerd und meinem Sohn Marc, den ich über alles liebe!

Mein Leben war bunt

Bärbel Beier

Parchim, 2024

Impressum

© 2024 Bärbel Beier

Herausgegeben von: tredition

Verlagslabel: tredition

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort:

Die Flucht

Im Lager

Meine Schulzeit

Edda, mein Schäferhund

Meine Lehrzeit

Klaus

Mein “Haushaltsjahr“

Eiertouren und Hochzeit

Meine Meisterprüfung und der erste Salon

Unsere Ehe und Elvis

Rio, the Voice of Elvis

Das erste Haus und unser Neubau

Die Technik und ich

Meine ersten 3 Geschäfte

Meine erste Scheidung

Konrad

Die Ehe mit Konrad

Marc

Phil

Martina

Rio

Meine Rache

Ich ziehe die Konsequenzen

Die endgültige Trennung

Die Zeit danach

Gerd

Gerds Krankheit

Metelen

Die Krankheit meiner Eltern

Das Erbe

Erste Erfahrungen mit Mietern

Ostfriesland und Motorräder

Traumhäuschen in Berumerfehn

Horrorhaus in Berumerfehn

Gerd, der Kinderwürger

Mein geliebter Friseurberuf

Immobilienmaklerin Bärbel

Die schlechteste und die beste Schwiegermutter der Welt

Meine Urlaube

Man kann ohne Musik leben, aber ist das denn ein Leben???

Unser Flug nach Amerika

Auf den Spuren von Elvis

Sonstige Erlebnisse und Besichtigungen in Amerika

Rückflug auch mit Hindernissen

Sorge um Marc

Ich entdecke Mecklenburg Vorpommern

Berufsunfähigkeitsrente? Schuss in den Ofen!

Gerd, der Malocher

Es stand zwar kein Pferd auf`M Flur, aber im dunklen Wald…….

Mein Salon im eigenen Haus

Umzug nach Mecklenburg Vorpommern

Die erste Zeit in unserem neuen Zuhause

Line Dance

Discjockey Bärbel

Line Dance Party an meinem 70. Geburtstag

Die schönsten Jahre unseres Lebens…..

Das langsame Ende……..

Abschied von Gerd

Nichts war mehr so, wie es war…….

Umzug nach Parchim

Mein Leben in Parchim

„Männer“

Schwägerin Matilde

Und dann kam……nein, nicht Polly: Kathy

Marc heute

Die Gegenwart und mein 75ster Geburtstag

Zusammenfassung

Nachwort

Mein Leben war bunt

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Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort:

Nachwort

Mein Leben war bunt

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Vorwort:

Ende des Jahres werde ich 75 Jahre alt und heute kam mir der Gedanke, dass es jetzt an der Zeit ist, das zu tun, was ich mir ein Leben lang vorgenommen habe:

Ein Buch über mein Leben zu schreiben!

Viele werden jetzt denken, da ich ja kein Star, keine bekannte Persönlichkeit bin, kann es ja wohl nicht so interessant werden………

Ich versuche es trotzdem, denn alles, wirklich alles, was ich mir im Leben vorgenommen oder mir gewünscht habe, egal wie schwer es war, wie unmöglich es mir manchmal vorkam, habe ich mit eisernem Willen durchgezogen !

Folgende Einstellungen zum Leben haben mich immer begleitet:

Man kann alles, was man will erreichen .Das Eine leichter, das Andere schwerer…….

Aber: Kann ich nicht, gibt`s nicht!!!!

Man muss immer nach UNTEN gucken, nie nach OBEN, dann weiß man, wie gut es einem geht!

Meine Wünsche oder Ziele lege ich in Gedanken ganz oben auf eine Leiter:

Dann arbeite ich, oft mühsam, darauf hin,

Sprosse für Sprosse die Leiter zur Erfüllung meiner Wünsche zu erklimmen.

Bei jeder weiteren Sprosse, die ich erklommen habe, bin ich glücklich, wieder ein Stück näher am Ziel zu sein!

Natürlich ging dabei auch manches schief, aber daraus habe ich gelernt……..

Und wenn ich heute so zurückblicke, habe ich immer einen Satz im Kopf:

Mein Leben war ( und ist es noch:) BUNT !!!!

Da das Buch mein Baby ist und auch bleiben soll, wollte ich kein Lektorat.

Nach reichlicher Überlegung habe ich mich dafür entschieden, auch auf eine Korrektur und sonstige Hilfe zu verzichten.

Für manchmal nicht ganz korrekte Schreibweise bitte ich um Toleranz.

Bitte bedenken Sie, während Sie hoffentlich mit Freude mein Buch lesen, dass dies mein erstes Buch ist und auch mein einziges bleiben wird, denn ich bin zwar eine Friseurmeisterin, aber keine Schriftstellerin!

Die Flucht

Als ich 1948 im Harz geboren wurde, war ich das 3. Kind meiner Eltern.

Trotzdem hatte ich nur einen 6 Jahre älteren Bruder, weil der Bruder zwischen uns Beiden nur eine Stunde überlebt hat, nachdem mein Vater meine hochschwangere Mutter im Suff so verprügelt hat, dass es zur Fehlgeburt kam.

Der Grund war, dass meine Mutter die Affären des Vaters nicht mehr erdulden wollte.

Ich sollte dann das Kind werden, das die Ehe meiner Eltern kitten sollte, was aber nicht geklappt hat.

Als ich noch ein Säugling war, hat meine Mutter ihren Mann verlassen,

Die Schwestern ihres Mannes drohten ihr an, wenn sie nicht zu ihm zurückgeht, schlagen sie sie tot.

Das Gleiche drohte mein Vater meinem Bruder an, falls er sich bei der Scheidung äußern sollte, zu meiner Mutter zu wollen…….

Meine Mutter sah keinen anderen Ausweg, zumal es plötzlich hieß, dass die Russen kommen, mit mir in den Westen abzuhauen.

Dafür bewundere ich meine Mutter heute noch!

Obwohl ich schwer krank war und hoch Fieber hatte, brachte uns ein Nachbar, nur mit dem, was wir am Leibe hatten, zum Flugplatz Tempelhof nach Berlin.

Unser Flug ging nach Hamburg. Dort angekommen, war ich so krank, dass ich vom Flughafen direkt in ein Krankenhaus kam, wo ich 4 Wochen bleiben musste.

Meine Mutter hatte eine Freundin gebeten und ihr Geld dafür gegeben, dass sie uns unsere nötigsten Sachen nachzuschicken sollte, sobald sie eine Adresse angeben konnte.

Aber wir haben nie mehr etwas von dieser Freundin gehört, noch unsere Sachen bekommen……..

Einige Monate verbrachten wir in einem Lager in Hamburg.

Dann kamen wir in ein Lager nach Lünen, im Ruhrgebiet. Meine Erinnerungen fangen erst in Lünen, wo ich dann aufwuchs, an.

Im Lager

Meine erste Erinnerung an diese Zeit ist:

Wir waren erst kurz da, meine Mutter kannte noch keine Leute im Lager, so dass sie mich noch nicht irgendwo lassen konnte. Es ging auf Weihnachten zu und sie ging mit mir von Tür zu Tür, um Weihnachtskarten zu verkaufen. Es lag ziemlich viel Schnee und das Laufen den ganzen Tag fiel mir immer schwerer. Ich fing bitterlich an zu weinen, weil ich nicht mehr laufen konnte. Meine Mutter nahm mich in die Arme, tröstete mich, aber sagte immer wieder, dass wir noch nicht aufhören könnten, weil wir noch nicht genug Karten verkauft hätten………

Was hatte die Frau es schwer…..

Wir waren so arm, hatten nichts, aber es gab jeden Tag zu essen, ich hatte Kleidung und ein warmes Zuhause.

Wenn heute so viel über Kinderarmut gesprochen wird, kommen mir meine ersten 10 Lebensjahre in den Sinn: Das war Kinderarmut!

Wir lebten in einer Holzbaracke in einem ca. 8 qm großen Raum, in dem nur 1 Ofen, ein winziger Tisch mit 2 Stühlen, 1 Schrank und 1 Hochbett standen.

Plumpsklo war draußen. Zum Baden stellte meine Mutter eine Zinkwanne ins Zimmer und machte das Wasser in großen Töpfen am Ofen heiß.

Das Lager bestand aus mehreren Holzbaracken ganz am Rand von Lünen. Dahinter waren nur Felder. Für uns Flüchtlingskinder das Paradies, denn wir tollten den ganzen Tag draußen herum. Obwohl meine Mutter ständig bei einem Bauern in der Nähe arbeitete, war ich nie allein, denn es waren immer genug Erwachsene, meistens Omas und Opas, die sich um uns Kinder kümmerten.

Es war für uns Kinder die totale Freiheit; wie nie wieder später im Leben.

Meine erste Tracht Prügel bekam ich, als alle Kinder im Schnee eine kleine Anhöhe mit einem Schlitten, oder Holzbrett herunter fuhren. Da ich Beides nicht hatte, rutschte ich die Anhöhe auf meinem Hosenboden runter. Erst später verstand ich, was es für meine Mutter bedeutete, dass eins meiner wenigen Kleidungsstücke kaputt war.

Die zweite Tracht Prügel sah ich und sehe ich auch heute noch nicht ein:

Bill, ein schwarzer amerikanischer Soldat ging öfter durch das Lager. Da er immer Schokolade an uns verteilte, stürzten sich alle Kinder erwartungsvoll auf ihn, sobald er zu sehen war. Meine Mutter sah zufällig, dass Bill mich auf dem Arm durch das Lager trug. Alle Kinder folgten ihm schreiend und ich war stolz wie Oskar, dass ich diesmal getragen wurde. Meine Mutter kam an wie eine Furie und riss mich aus Bills Armen. Ich bekam es strengstens verboten wieder zu Bill zu laufen, was mich aber nicht daran hinderte, es doch zu tun, wenn sie nicht da war…..

Mit Franz, der 2 Jahre älter als ich war, war es das größte Vergnügen, Zuckerrüben von dem Feld hinter dem Lager zu klauen und dann im Lager zu verteilen. Der Bauer erwischte uns:

Dritte Tracht Prügel.

Ich war noch nicht in der Schule, als ich das erste Mal in meinem Leben total besoffen war. In der Nachbarschaft gab es eine Hochzeit. Meine Mutter kam erst später, weil sie noch arbeiten musste. Als sie dann kam, war ich so blau, dass sie mich zu unserer Baracke fast schleppen musste, weil ich alle 2 Meter in den Schnee fiel.

Diesmal keinen Arsch voll, war ja nicht meine Schuld, dass mich die Erwachsenen abgefüllt hatten. Die hatten aber einen dollen Krach mit meiner Mutter und ich durfte lange nicht hin. Darüber war ich sehr traurig, denn die hatten damals schon etwas ganz seltenes:

Einen Fernseher…….

Bei dieser Familie sah ich das erste Mal Johannes Heesters im Fernsehen, als er sang: „ Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin, in einem Schuhgeschäft…..“

Das gefiel mir so gut, dass ich es nie vergessen habe .Als es dann viele Jahrzehnte später Internet gab, habe ich mich noch über diesen Film informiert und finde diese Szene immer noch toll………

Als ich zur Schule kam, musste meine Mutter eine schwere Entscheidung treffen. Bei der Schulärztlichen Untersuchung fand der Schularzt, dass ich zu klein, zu zart, zu mickrig wäre, um schon zur Schule gehen zu können. Er empfahl ihr dringend, mich zurücksetzen zu lassen.

Gut , dass sie nicht auf ihn gehört hat. Sie sprach mit meinem Klassenlehrer darüber und der riet ihr, mich auf keinen Fall zurücksetzen zu lassen, weil ich hervorragend mitkäme. Ich blieb also in der Schule, aber ein paar Monate später wurde meine Mutter in die Schule bestellt und mein Klassenlehrer sagte ihr, dass sie darauf achten solle, dass ich richtig lese und nicht wie bisher, alles auswendig herunterleiere….

Oh Mann, meine Mutter nahm das ernst!!!!!!!

Sie hat nicht nur mit mir geübt, sondern mir das Lesen regelrecht reingeprügelt!!!

Wenn sie später gemeckert hat, dass ich zu viel las, brauchte ich sie nur daran erinnern, dass sie mir schließlich das Lesen reingeprügelt hätte, sich jetzt also nicht beschweren sollte……….

.Dann grinste sie nur und sagte nichts mehr.

Tja, dann kam noch die Sache mit meiner Qualmerei im ersten Schuljahr:

Obwohl Franz 2 Jahre älter als ich war, konnten wir oft den ziemlich weiten Schulweg gemeinsam gehen. Ich weiß nicht mehr, wer auf die Idee kam, Zigarettenkippen zu sammeln, den Tabak in Zeitungpapier zu rollen und zu qualmen…….. .

Mehrere Monate ging es gut. Dann wurden wir erwischt und was passierte???

Ich bekam so eine Dresche, dass ich in meinem ganzen Leben, bis heute, nie wieder geraucht habe…………..

Im Nachhinein: Die ersten Jahre meines Lebens im Lager waren trotz unserer großen Armut, die schönsten meiner Kindheit!

Meine Schulzeit

Mitte meines 2. Schuljahres zogen wir genau an das andere Ende der Stadt:

In der Geist war ein ganz neu erbauter Stadtteil von Lünen. Mit einer Familie, 3 erwachsenen Personen, mussten wir uns eine Wohnung teilen. Die Familie bewohnte das Schlaf-und Kinderzimmer. Wir das Wohnzimmer und die Küche. Das Bad wurde von allen benutzt.

Hier waren, nicht wie vorher im Lager, Nachbarn, die sich um alle Kinder kümmerten. Wir konnten also hervorragend in der ganzen Siedlung, die noch Baustelle war, in den Sand- und Schuttbergen toben.

Die ersten knapp 2 Jahre, bis die katholische Nikolaus Groß Schule fertig gestellt war, ging ich zur Friedrich Ebert Gemeinschaftsschule.

Auf dem Weg zur Schule lernte ich Maria kennen und es entstand eine dicke Freundschaft, die unser ganzes späteres Leben halten sollte und die noch heute besteht. Maria kam aus einer großen Familie, in der ich mich sauwohl fühlte und wohnte direkt nebenan. Zu meinen liebsten Erinnerungen gehören die Nachmittage, wo ich mit allen Kindern der Familie auf dem Fußboden hockte und im Fernsehen die Kinderstunde sehen konnte. Besonders schön waren die Abende. Meine Mutter und ich lagen im Bett und hörten gemeinsam im dunkeln Hörspiele im Radio. Am liebsten : Paul Tempel ! Aufstehen musste ich Morgens allein, weil meine Mutter in einer Gärtnerei arbeitete und sie schon längst weg war, wenn der Wecker, der auf einem Teller stand, damit ich ihn auch hörte, schellte. Es war o.k. für mich, dass ich allein klarkommen musste. Ich bin sogar der Meinung, dass ich zu dieser Zeit schon gelernt habe, selbstständig zu sein und zu handeln. Obwohl wir es schwer hatten, ich keine Puppe, keinen Puppenwagen, auch sonst kein Spielzeug besaß, fand ich diese Zeit nicht schlimm. Es war eben so…

Einmal waren wir in der Stadt. Ich sah in einem Schaufenster Rollschuhe. Ich muss so sehnsüchtig diese Rollschuhe angestarrt haben, dass meine Mutter fragte, ob ich sie haben möchte. Da ich wusste, dass wir für so etwas kein Geld über hatten sagte ich schweren Herzens: „ nein“. Meine Mutter ging in das Geschäft und kaufte mir die Rollschuhe!

Ich konnte mein Glück zwar kaum fassen, hatte aber doch ein klein wenig schlechtes Gewissen…

Wenn ich heute daran denke, ist mir erst richtig bewusst, was dieser Kauf für meine Mutter bedeutete. Aber es sollte das letzte Mal sein, dass sie mir heiß ersehnte Wünsche erfüllen musste. Kurz darauf fing ich an, selbst Geld zu verdienen …

Ungefähr zur gleichen Zeit meldete mich meine Mutter zum Akkordeonunterricht an. Dafür brauchte ich ein eigenes Akkordeon. Ich bekam eins mit 120 Bässen. Es war so groß, dass es mir bis fast unters Kinn reichte. Was ich viel später erst erfuhr, war, dass meine Mutter 2 Jahre das Instrument abzahlen musste.

Mit einem anderen Jungen, der etwas älter als ich war, marschierten wir jede Woche mit einem Bollerwagen, auf dem unsere beiden Instrumente lagen, über den Lippedamm zum Wirtshaus Plagge, wo der Unterricht stattfand. Es machte mir Spaß, aber nach einigen Monaten gab es keinen Unterricht mehr, weil der Musiklehrer in den Knast musste….

Aber unbedingt sollte ich Akkordeon spielen lernen, also bekam ich Einzelunterricht Zuhause.

Der neue Musiklehrer war ein unangenehmer fetter Mann, der während des ganzen Unterrichts fraß und mir, wenn ich falsch spielte, mit einem Taktstock oben auf die Finger haute. Das tat sehr weh und nach einigen Monaten weigerte ich mich, noch weiter Unterricht zu nehmen. Allerdings verriet ich meiner Mutter nicht, dass der Musiklehrer mich immer schlug, weil ich befürchtete, dass sie einen anderen sucht und der mich auch wieder schlägt….….

Ich hörte also ganz damit auf, Musikunterricht zu nehmen, was ich später immer bedauerte. Außerdem hatte ich immer ein schlechtes Gewissen meiner Mutter gegenüber, weil ich ihren sehnlichsten Wunsch nicht erfüllt habe.

Auf ihrem Sterbebett habe ich ihr erst verraten, was der Grund dafür war, dass ich mich damals weigerte, weiteren Musikunterricht zu nehmen…

Aber dann mit 60 Jahren fing ich tatsächlich doch noch mal damit an und lernte Keyboard zu spielen.

Ich hätte wer weiß was dafür gegeben, dass meine Mutter das noch erlebt hätte…

Neben ihrer Arbeit in der Gärtnerei nahm meine Mutter noch Putzstellen an und trug einmal die Woche mit mir den Lüner Anzeiger in der Geist aus. Ganz stolz war ich, als ich dann so mit 8 Jahren eine eigene Straße bekam, wo ich die Zeitung allein austragen durfte und auch das Geld dafür behalten konnte. Mit der Zeit wurde mein Revier immer größer und natürlich auch mein Verdienst.

Als ich gerade wieder Zeitung austrug, sah ich einige Kinder am Straßenrand, die offensichtlich auf etwas warteten. Neugierig fragte ich, worauf sie warteten und sie erzählten mir, dass sie von einem Bauern zum Arbeiten auf dem Feld abgeholt werden und 80 Pfennig pro Stunde verdienten.

4 Stunden am Tag. Das gefiel mir.

Als der Bauer kam, fragte ich, ob ich am nächsten Tag auch mitkommen könnte.

Ich konnte und hatte von da an die ganzen Schuljahre, bis ich in die Lehre kam, einen festen Job in den Rieselfeldern.

Bei diesem Bauern blieb ich aber nur den einen Sommer. Dann hörte ich, dass ein anderer Bauer 1,10 DM pro Stunde bezahlt. Allerdings holte der die Kinder nicht ab, sie mussten selbst kommen. Da ich schon inzwischen so viel verdient hatte, dass ich mir ein Fahrrad kaufen konnte, war das für mich kein Problem jeden Tag die 5 km zwei Mal zu fahren.

Auf der neuen Stelle fühlte ich mich so wohl, dass ich auch die gesamten Ferien ganztags dort arbeitete.

Oft durften wir Gemüse, das nicht so ganz der 1. Wahl entsprach, mitnehmen. Ganz stolz brachte ich es nach Hause und fühlte mich wie der

Ernährer der kleinen Familie.

Irgendwann wurde ich von der Eigentümerin eines kleinen Kolonialwarenladens, wo wir immer einkauften, gefragt ob ich nicht Lust hätte, statt beim Bauern zu arbeiten, ihren kleinen Enkelsohn zu verwahren. Der Stundenlohn sollte der Gleiche sein. Ich rechnete aus, dass dann ja die tägliche, Kilometerweite Fahrt in die Rieselfelder entfallen würde, ich also jeden Tag eine Stunde mehr arbeiten könnte und 1,10 DM mehr verdienen würde…

Außerdem machten das viele Freundinnen von mir und ich könnte den Winter durcharbeiten. Ich sagte zu. Der kleine Enkel entpuppte sich aber als total verzogenes Blag, mit dem noch nicht mal die Eltern fertig wurden. Nach einer Woche hatte ich die Nase voll, fuhr wieder in meine Rieselfelder und habe nie mehr als Babysitter gejobbt…

Im Winter, wenn ich nicht beim Bauern arbeitete, nahm meine Mutter mich oft zu ihren Putzstellen mit und sie übertrug mir kleinere Arbeiten. Mir gefielen die großen Wohnungen, die schönen Häuser und es entstand der Wunsch: So wollte ich auch einmal wohnen !

Und ich wohnte später auch so und hatte auch eine Putzfrau. …

In der Schule fand ich es ziemlich langweilig. Lernen brauchte ich nicht, was ich einmal gehört habe, behielt ich. Gedichte lernte ich auch nicht. Ich musste nur immer zusehen, dass ich nicht als Erste aufsagen musste. Ganz erstaunt war ich, als ich nach Jahrzehnten bei einem Klassentreffen von unserer langjährigen Klassenlehrerin erfuhr, dass sie das wusste. War ich doch immer in dem Glauben, dass es keiner gemerkt hätte.

Als ich später zur Meisterschule ging, klappte es aber mit dieser Methode nicht. Da musste ich erst mal lernen, wie man lernt…

Um irgendwie den langweiligen Unterricht in der Schule rumzukriegen, dachte ich mir kleine Geschichten aus und schrieb sie auf.

Aber am liebsten quatschte und störte ich. Bekam dafür sehr oft, besonders vom Direktor mit seinen knochigen Fingern, eine geknallt und es brachte mir 2 Mal eine saftige Bemerkung am Zeugnis und Vorladungen meiner Mutter in die Schule ein.

Zur Strafe durfte ich 3 Monate nicht fernsehen, wobei mir besonders meine liebste Krimiserie 77 Sunset Strip fehlte.

Irgendwann waren Halstücher modern, die in der Mitte durch Abnäher schmaler wurden. Ich fand die toll, kaufte mir Stoff im Stoffresteladen und nähte mir welche. Als mehreren Mitschülerinnen meine Halstücher gefielen, kaufte ich jede Menge Stoffreste, nähte Haufenweise Halstücher und verkaufte alle in der Schule und bei vielen meiner Zeitungskundinnen.

Im letzten Schuljahr wurden wir von einigen Lehrern gefragt, was wir denn beruflich lernen wollten. Meine Antwort kam immer wie aus der Pistole geschossen: Friseuse!

Obwohl ich während meiner ganzen Schulzeit nur 1 Mal beim Friseur war, also gar keine Vorstellung von dem Beruf hatte, kam für mich nichts anderes in Frage.

Unsere Klassenlehrerin und unser Pastor fanden diese Berufswahl von mir unmöglich, absolut nicht für mich geeignet und sie versuchten, mir andere Berufe schmackhaft zu machen. Ich reagierte bockig und gab immer zur Antwort: „ Wieso soll es denn nicht der richtige Beruf für mich sein? Ich mache meine Meisterprüfung und mache mich selbstständig!“ Aber meine Lehrerin gab noch nicht auf. Sie bestellte meine Mutter zur Schule und versuchte sie zu überzeugen, dass ich mit meinen Zeugnissen doch ganz was anderes werden könnte, als nur Friseuse.

Meine Mutter wurde unsicher. Ging mit mir zur Berufsberatung und bekam die Antwort, für die ich dieser netten Dame heute noch dankbar bin:

„ Wenn sie es unbedingt will, lassen Sie sie. Es muss ja schließlich auch gute Friseusen geben!“

Also wurde ich nur Friseuse, machte meine Meisterprüfung und hatte mit 22 Jahren meinen ersten Salon.

Meine Lehrerin hat es mir nie verziehen. Ich habe sie später oft Zuhause besucht und ihr immer wieder beteuert, dass es der einzige Beruf wäre, in dem ich glücklich bin, ihn mit Leib und Seele ausübe und es nie bereut habe, ihn gewählt zu haben.

Aber ich konnte sie nicht davon überzeugen…

Edda, mein Schäferhund

In der Wohnung, mit der anderen Familie, lebten meine Mutter und ich ein paar Jahre.

Dann lernte meine Mutter Hans, meinen späteren Stiefvater, kennen und wir zogen in eine kleine Wohnung, ein paar Straßen weiter.

Anfangs war mein Stiefvater recht nett. Ich mochte ihn und es ging uns auch besser.

Leider fing er nach einiger Zeit an zu saufen und dann war er unausstehlich. Er hatte im Krieg einiges mitgemacht, war im KZ, konnte mit den Erinnerungen nicht fertig werden und machte im Grunde alle Deutschen dafür verantwortlich.

Wenn er nüchtern war, war er ein guter Ehemann und Stiefvater und es tat ihm dann auch leid, dass er so viel trank und dann aggressiv wurde.

Leider wurden diese Phasen später aber immer kürzer…

Ich wünschte mir schon lange sehnlichst einen Hund.

Als mein Stiefvater mal wieder besonders gesoffen und randaliert hat, hatte er danach so ein schlechtes Gewissen, dass wohl meinte, etwas gut machen zu müssen:

Ich bekam einen Hund :

Edda, eine 10 Monate alte Schäferhündin.

Sie bekam hinter dem Haus im Garten einen schönen großen Zwinger mit Hütte, durfte aber zu jeder Zeit auch in die Wohnung.

Ich meldete mich mit ihr im Schäferhundeverein, der am anderen Ende von Lünen war, an.

Edda lernte, neben meinem Fahrrad zu laufen und wir fuhren fast jeden Tag zum Hundeplatz und trainierten. Mit 12 Jahren war ich das einzige Kind im Verein unter nur erwachsenen Männern.

Aber ich wurde voll akzeptiert und sie brachten mir alles bei, was ich wissen musste, um meine Edda zum Schutzhund auszubilden.

Edda lernte schnell, parierte aufs Wort. Sie passte auf mich auf, ließ keinen an mich ran, der mir irgendwie blöd kam. Selbst meine Mutter wagte es nicht, mit mir zu schimpfen, oder mir eine Ohrfeige zu geben, wenn Edda in der Nähe war…

Ich fühlte mich überall sicher mit ihr …

Mächtig stolz war ich, als sie bei der Schutzhundeprüfung den 4. Platz belegte und wir sogar in der Zeitung waren…

Dieses mit und von einem Hund lernen, zu merken, wie ich mit ihm umgehen muss. Den Hund verstehen, auf seine Bedürfnisse eingehen, sich aber trotzdem durchzusetzen habe ich in dieser Zeit gelernt und bei allen späteren Hunden in meinem Leben anwenden können.

Ich habe mit meinen Hunden immer in einer Gemeinschaft gelebt, ihnen beigebracht, was sie durften und sollten, aber auch, was auf keinen Fall geduldet wurde.

Dann haben Beide ein vertrauensvollen, friedlichen Umgang miteinander und das ist einfach wunderschön!

Wobei ich mir aber nicht verkneifen kann, dass diese ganze „Hundeausbildung“ bei einem gestandenen Schäferhund fast leichter ist, als bei diesen vielen Mini- Rassen, besonders Terriern, die ich später hatte. Das können direkt kleine Mistviecher sein, die genau wissen, wie sie einen um die Finger, ( Pfötchen ) wickeln können. Wenn man sich da nicht durchsetzt, hat man verloren…

Meine Lehrzeit

Die Entscheidung war also getroffen:

Ich wurde Friseuse!!!

Total happy machte mich mit meinen Zeugnissen auf die Socken, um eine Lehrstelle zu finden.

Mein erster Versuch war ein großer, toller Salon mitten in Lünen.

Der Chef war von meinen Zeugnissen begeistert, erklärte mir aber bedauernd, dass bei ihm mehrere Friseusen schwanger wären, so dass er sich um Ersatzpersonal kümmern müsste und er ein zusätzliches Lehrmädchen im Moment nicht gebrauchen könnte.

Mein nächstes Bewerbungsgespräch im Salon Ebbinghaus war auch ohne Erfolg, denn ich war ihm mit meiner Größe von 1,45 m zu klein. Er überlegte lange und tat sich schwer mit seiner Entscheidung, denn von meinen Zeugnissen war er auch begeistert.

Aber weil er selbst auch nicht groß war, meinte er beurteilen zu können, dass dieser Beruf für meine Größe nicht geeignet wäre…

Tja, ein paar Jahre später machte ich dann meine Meisterprüfung und ihm Konkurrenz, indem ich einen Salon in seiner unmittelbaren Nähe übernahm.

Und wieder ein paar Jahre später, als er in Rente ging, übernahm ich seinen Salon ……..

Meine nächste Bewerbung war dann im 1. Salon von Lünen.

Ich bekam sofort einen Lehrvertrag.

Aber noch während meiner Probezeit hat meine Mutter mich dort „weggeholt“ , weil sie stinksauer war, dass ich als Lehrmädchen nach einer Renovierung des Salons an einem Montag bis spät abends dort putzen und dann in der Dunkelheit mit dem Fahrrad nach Hause fahren musste…….

Ohne mir etwas zu sagen, hatte sie mir einen Ausbildungsplatz im Salon Koball, ganz bei uns in der Nähe, besorgt.

Mir war egal, wo ich lernen sollte, Hauptsache Friseuse! ( Heute Friseurin ) Ich habe nie bedauert, dass es so gekommen ist, denn ich hatte im Salon Koball eine wunderschöne Lehrzeit. Sehr familiär mit nettem Chef, netter Chefin und netten Kolleginnen!

In der Berufsschule lernte ich meinen ersten Freund, Klaus, meinen späteren ersten Mann, kennen.

Von ihm bekam ich in den Pausen Stinkbomben, die ich dann in unserer Klasse „zündete“. Gab natürlich Ärger und ich musste beim Direx antanzen…

Trotzdem bekam ich als beste Schülerin im Friseurberuf, für vorbildliche Führung und großem Fleiß, zur Schulentlassung am 25.März 1966 im Stadttheater Lünen vom Oberbürgermeister ein Bild überreicht, das ich mir vorher aussuchen konnte.

Den Zeitungsausschnitt mit dem Foto von dieser Auszeichnung habe ich noch irgendwo.

Das Bild gefällt mir immer noch und hängt bei mir im

Wohnzimmer…

Klaus

Wie schon erwähnt, lernte ich Klaus, mit 15 Jahren, in der Berufsschule kennen.

Eigentlich war er gar nicht so richtig mein Typ, aber er machte so auf lässig, cool und halbstark. Fand ich toll! Außerdem fuhr er eine knallrote 50ccm Honda!

Wer zu dieser Zeit eine Honda, statt so einer blöden Kreisler fuhr, hatte sofort bei Mädchen in meinem Alter alle Chancen…

Besonders stolz war ich, wenn ich bei einem Spaziergang die Honda schieben durfte und wenn das auch noch jemand sah, war ich nicht mehr 1,45 m, sondern mindestens 1,90 m….

Aber gerade das, was mir so an Klaus gefiel, entsetzte meine Mutter und meinen Stiefvater. Sie verboten mir den Umgang mit ihm, denn Halbstarke, das waren in ihren Augen alles Verbrecher!

Und so fing ein jahrelanger Kampf mit meinen Eltern an: Als sie merkten, dass ich nicht „vernünftig“ wurde, wurde ich regelrecht auf Schritt und Tritt bewacht.

Ich fand aber trotzdem immer wieder Möglichkeiten, mich heimlich mit Klaus zu treffen.

Zum Beispiel ging ich zur Messe in die Kirche: Am Seiteneingang rein, hinten wieder raus, wo Klaus dann schon wartete…. Rauf auf die Honda und weg……….. Oft fuhr ich mit dem Fahrrad zu ihm nach Hause. Seine Eltern waren klasse. Sie mochten mich sehr und ich sie ebenso.

Sie waren aber sehr schlecht auf meine Eltern zu sprechen, die ja ihren Sohn ablehnten. Wo sie konnten, unterstützten sie unsere Heimlichkeiten.

Einmal war ich dort, als es schellte. Die Mutter von Klaus sah durch den Spion, dass meine Mutter vor der Tür stand.

Während sie langsam die Tür öffnete, kletterte ich über den Balkon nach draußen, schnappte mein Fahrrad und war eher Zuhause, als meine Mutter.

Sie hat nie erfahren, dass ihre Vermutung zwar richtig war, mich dort zu finden, aber ich schon weg war, als sie die Wohnung ergebnislos durchsuchte…

Allerdings wurde ich auch oft „erwischt“ und das war dann nicht lustig…..

Es hagelte Strafen, Verbote und Stubenarrest.

Unser Verhältnis wurde immer schlimmer, zumal der Alkoholkonsum meines Stiefvaters immer größer wurde. Irgendwann hatten sie es geschafft. Klaus hatte eine andere Freundin. Er war bei der Bundeswehr, aber wir schrieben uns immer.

Nach meiner Lehre im Salon Koball, fing ich, obwohl ich nicht mehr gewachsen bin, als Friseuse im Salon Ebbinghaus an.

Die Briefe von Klaus kamen an die Salonadresse. Seine Eltern besuchte ich noch und täglich winkten seine Mutter und ich uns um 11:10 Uhr zu, wenn sie mit dem Bus nach der Arbeit am Salon vorbeifuhr.

Als ich 18 Jahre alt wurde, hatte ich die Schnauze voll von dieser ganzen Situation: Ich wollte ausziehen, mir irgendwo ein Zimmer nehmen und endlich noch etwas von meiner Jugend haben, nicht nur Stress im Elternhaus.

Ich nahm meiner Mutter besonders übel, dass sie immer auf der Seite meines Stiefvaters stand und nicht, wie ich mir sehnlichst wünschte, auch mal Partei für mich ergriff.

Ich fühlte mich total allein gelassen, dann konnte ich also auch allein leben……

Allerdings war man zu dieser Zeit mit 18 Jahren noch nicht volljährig, sondern erst mit 21 Jahren und meine Mutter weigerte sich, mich ausziehen zu lassen…..

Mein “Haushaltsjahr“

Es war nichts zu machen, meine Mutter blieb hart.

Aber irgendwann im Dezember sprang mir eine Anzeige in einer lokalen Zeitung in`s Auge, worin eine Hausgehilfin, mit Wohnmöglichkeit auf einem Bauernhof, gesucht wurde. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das etwas für mich wäre.

Eigenartigerweise hatte meine Mutter gar nichts dagegen. Im Gegenteil, es gefiel ihr.

Ich rief an, machte einen Termin, um mich vorzustellen und fuhr mit meiner Mutter hin.

Wir kamen zu einem riesengroßen Hof, außerhalb Lünens. Mir gefiel alles auf Anhieb.

Meine evtl. zukünftige, sehr nette Chefin, erklärte, welche Aufgaben mich erwarteten.

Es gab absolut nichts, weswegen ich noch hätte überlegen wollen. Wir wurden uns schnell einig und schon ein paar Tage später bezog ich ein schönes, großes Zimmer und nahm meine mir völlig fremde Arbeit in einem fremden Haus, mit fremden Leuten auf.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, empfand ich aber alles gar nicht als fremd. Ich fühlte mich sofort wohl. Bekam gut erklärt, was ich zu tun hatte und hatte überhaupt keine Probleme damit, alles zu machen, wie es von mir erwartet wurde.

Allerdings einen gewaltigen Schrecken bekam ich in den ersten Tagen:

Meine Chefin erklärte mir, was an diesem Tag gekocht werden sollte. Sie müsste noch etwas erledigen, wäre aber rechtzeitig zurück, um mit mir gemeinsam zu kochen.

Als sie aber nicht kam, wurde ich doch etwas nervös. Da ging mein Chef durch die Küche, sah, dass noch gar kein Essen in Vorbereitung war und sagte ganz ruhig: „Bärbel, die Arbeiter kommen in einer guten halben Stunde vom Feld, dann muss das Essen fertig sein.“ Oh Mann, jetzt war die Kacke am dampfen. Ich wollte auf gar keinen Fall diese netten Leute verärgern oder enttäuschen. Also kramte ich in meinem Gedächtnis, wie meine Mutter dieses Essen gekocht hat und machte mich an die Arbeit.

Das Essen war rechtzeitig fertig, war ausreichend und hat allen geschmeckt. Das war meine Feuertaufe! Danach hatte ich nie mehr Bammel, dass irgendetwas nicht klappen könnte. Ich bekam meine Anweisungen führte sie aus und alles war ok. Es wurde nie gemeckert, nie etwas verlangt, was nicht zu schaffen war.

Es war einfach schön und ich fühlte mich sauwohl!

Das Bedürfnis, Nachhause zu fahren, hatte ich nicht. Meine Mutter kam manchmal zu Besuch, aber ich wollte sie eigentlich nicht sehen. Wenn ich nichts von ihr sah und hörte, ging es mir besser.

Zur Familie gehörten 2 Söhne, ca. 3 und 4 Jahre jünger als ich .Obwohl jünger, empfand ich sie immer „als meine großen Brüder“!

Wenn ihre Eltern nicht da waren, sind wir auch schon mal spät abends im dunklen mit Taschenlampen losgezogen und haben einen Geheimgang gesucht, der da irgendwo sein sollte. Haben wir aber nicht gefunden. Schön waren auch die Fernsehabende, wenn wir allein waren und einen spannenden Film sahen. Einmal sahen wir einen sehr aufregenden Film, als der Hofhund plötzlich bellte. Der ältere Sohn stand auf, ging raus, kam mit 3 Gewehren wieder und drückte sie uns in die Hand. Nun saßen wir da, jeder mit einem Gewehr. An einen Einbrecher dachte ich nicht. Ich fürchtete mich nur davor, dass das Gewehr losgeht und traute mich kaum, mich zu bewegen…..

Die Jungen fuhren morgens mit dem Bus zur Schule nach Werne.

Manchmal verpassten sie aber den Bus. Dann kamen sie in die Küche gerannt und riefen: „Bärbel, der Bus ist weg. Du musst uns mal eben nach Werne bringen.“ Das habe ich immer besonders gern gemacht.

Aber mit 2 Dingen hatte ich große Probleme:

Tiere, die ich besonders schön oder niedlich finde, kann ich nicht essen.

Wenn es also Wild gab, habe ich es zwar zubereitet, aber nicht essen können. Dann aß ich eben Spiegeleier, was bestimmt keiner verstand, aber es wurde akzeptiert. Das 2. Problem war mein großer Ekel vor Mäusen! Aber gerade davon gab es auf so einem großen Bauernhof reichlich…

Die Jungen hatten natürlich ihren Spaß daran, mich damit zu ärgern.

Als sie aber irgendwann mit einer Maus in mein Zimmer kamen, ich im Bett stand, wie am Spieß schrie und stinksauer auf sie war, merkten sie wohl, dass das für mich kein Spaß war und haben so etwas nicht mehr gemacht. Im Gegenteil :

Als mal eine Maus vor meiner Hand, die hinter die Brotmaschine zu einer Brotscheibe greifen wollte, über die ganze Arbeitsplatte weglief und ich vor Entsetzen wieder schrie, kam der ältere Sohn angelaufen, weil er dachte, es wäre was passiert. Ich erzählte ganz aufgebracht von der Maus. Er sagte nichts, ging weg, kam aber sofort wieder, legte mir eine Pistole auf die Arbeitsplatte und sagte ganz trocken:

„ Wenn sie wieder kommt, SCHIESS!“

Obwohl ich wohl nicht geschossen und auch sowieso nicht getroffen hätte, fühlte ich mich aber eigenartigerweise sofort sicherer. Bis mein Chef durch die Küche ging, die Waffe sah und fragte, was ich denn da hätte. Ich erzählte ihm alles. Er sah nach, stellte fest, dass die Waffe gar nicht geladen war und legte sie mir wortlos wieder hin…

Natürlich fühlte ich mich veräppelt und sagte das auch meinem „ Beschützer“. Der sagte aber nur ganz trocken: „ Meinst Du etwa, ich gebe Dir eine geladene Waffe?“

Zu meinen Aufgaben gehörte das zubereiten und servieren der Speisen, meistens auch für die Leute, die auf dem Hof arbeiteten. Im Sommer Unmengen von Obst einmachen und natürlich sämtliche Küchenarbeiten. Was ich auch lernte, allerdings nicht gerne machte, war das rupfen und ausnehmen von Hühnern und, was noch schlimmer war, das abziehen des Fells von Hasen. Aber hat mir nicht geschadet. Habe ich allerdings nie mehr im späteren Leben gemacht.

Was ich sehr gern machte, war das Sortieren von Eiern mit der Eiersortiermaschine. Das wurde immer zu zweit gemacht: Oben wurden die Eier aufgelegt, liefen dann über ein beleuchtetes Glas, so dass man erkennen konnte, ob sich etwas im Ei befand, z.B. Blut oder Risse in der Eierschale. War das der Fall, wurden diese Eier entfernt und die restlichen rollten in verschiedene Fächer, in denen sich dann immer die Eier einer Größe befanden. Dort wurden sie dann aufgenommen und in Eierlagen gelegt. Anfangs konnte ich nur 1 Ei in jede Hand nehmen, musste also sehr schnell arbeiten. Aber nach einiger Zeit waren es mehrere pro Hand. Letztens wollte ich doch mal probieren, wieviel Eier ich jetzt noch schaffe…..

Mein Hund hat mir dann beim sauber machen geholfen.

Es kamen viele Leute zum Hof, die Eier kauften. Sie zu bedienen gehörte auch zu meinem Job..

Eiertouren und Hochzeit

Aber zu meinen wichtigsten Aufgaben gehörten die „Eiertouren.“

Die ersten Male nahm mich meine Chefin mit. Sie zeigte mir, wo die Stammkunden wohnten und erklärte mir, wieviel, welche Eiersorte und wie oft sie welche kauften. Dann bekam ich eine Liste mit diesen Informationen und durfte allein fahren.

3 Mal die Woche packte mir meine Chefin das Auto mit Eierlagen picke packe voll. Damit fuhr ich nach Lünen in verschiedene Stadtteile. Es machte mir Spaß und ich hatte immer das Bedürfnis, so viel wie möglich zu verkaufen.

Zwei Mal gab es auch „Rühreier“ im Auto, was eine große Schweinerei war. Vorsichtig musste man mit diesem zerbrechlichen Gut schon fahren, was ich eigentlich auch fast immer machte. Aber ich hatte auch einen Ehrgeiz: In der Nähe des Hofes, Richtung Lünen ging es steil bergab und um Ende des Gefälles war eine ganz scharfe Kurve…….

Ich weiß nicht warum, es war wie eine Wette mit mir selbst……

Diese Kurve musste ich unbedingt mit 80 km/h durchfahren, was mit dem Auto von meinem Freund Klaus oder mit einem leeren Eier Auto auch immer klappte. Aber einmal klappte es mit einem vollen Eier Auto eben nicht…

Die Schweinerei unvorstellbar. Ich war auf den größten Ärger eingestellt. Natürlich war meine Chefin nicht begeistert, aber sie hat nicht getobt, nicht geschimpft. Nichts! Mir tat es soooo leid!

Das schlechte Gewissen meinen netten Arbeitgebern gegenüber habe ich noch heute……

Aber ich gab nicht auf. Erst fuhr ich die Kurve langsamer. Dann steigerte ich mich wieder bis 80 km/h. Gab kein „ Rührei“ mehr.

Aber einen Kotflügel habe ich auf dem Gewissen: Am parkenden Eier Auto fuhr ein tolles Motorrad, natürlich eine Honda, vorbei. Ich rein ins Auto und wollte hinterher…

Da hatte sich doch tatsächlich, während ich parkte, ein Laternenmast vor das Auto gestellt…

Dieses Mal rechnete ich damit, dass mir meine Chefin den Kopf abreißt, denn der Kotflügel war gerade ganz neu…

Aber, wieder keinen Ärger bekommen!

Zu Ostern schickte mich meine Chefin ins Münsterland, um noch zusätzliche Eier einzukaufen, weil wir selbst nicht genug hatten. Sie gab mir die Anschrift und gab mir genaue Anweisungen, was ich höchstens bezahlen durfte. Hat geklappt. Was war ich stolz, dass sie mir das zutraute!!! Heute frage ich mich, wie ich das ohne Navi gefunden habe…

Die Eiertouren machte ich gern, aber immer wenn ich an einem Friseursalon vorbeikam, wenn die Türen aufstanden und ich den „Friseurgeruch“ in die Nase bekam, blutete mir das Herz. So schön es auf dem Hof war und so sehr ich mich auch wohl fühlte, ich vermisste meinen Beruf. Zwar machte ich meiner Chefin jede Woche die Haare; sie hatte extra eine Haube gekauft, aber es fehlte mir doch dieser ganze „Salonbetrieb“.

Ich glaube, wenn ich meinen Beruf vorher noch nicht gehabt hätte, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dort wegzugehen. Aber so wurde die Sehnsucht nach meinem Beruf immer größer…..Aber, auf keinen Fall wollte ich wieder nach Hause. Zu sehr hatte ich mich daran gewöhnt, dass es ein anderes Familienleben gab, als das, das ich kannte.

Klaus und seine Eltern verstanden mein Problem, aber eine Lösung wussten sie auch nicht. Irgendwann war dann die Rede davon, dass wir dann eben heiraten. Meine Chefin war nicht begeistert, meine Mutter erst recht nicht, denn Klaus war ja immer noch ein ungehobelter, halbstarker Klotz.

Bald stand es fest: Wir wollten heiraten.

Die Eltern von Klaus freuten sich, besonders die Mutter. Trotzdem sagte sie kurz vor der Hochzeit zu mir, dass sie sich zwar sehr freut, wenn ich ihre Schwiegertochter werde, aber dass sie sich ganz sicher ist, dass wir NICHT zusammen blieben. Wir wären zu unterschiedlich. .Ich würde mich weiterentwickeln, Klaus nicht. Natürlich denkt man, wenn man so jung ist, dass die Alten ja sowieso keine Ahnung haben, man selber weiß es eben besser…

Sehr oft dachte ich später daran, wie Recht die Mutter von Klaus hatte. Es kam so, wie sie es vorhergesagt hatte und meiner Mutter warf ich Jahrzehnte später vor, dass es diese Ehe nie gegeben hätte, wenn sie und mein Stiefvater nicht mit allen Mitteln versucht hätten, sie zu verhindern! So hatte ich nicht die Möglichkeit, Klaus genauer kennenzulernen und hätte auch nicht das Bedürfnis gehabt, mich unbedingt durchsetzen zu müssen…

Aber erst einmal planten wir eine kleine Hochzeit. Meine Mutter musste mir noch, was sie schweren Herzens tat, die Genehmigung zur Hochzeit geben, weil ich noch nicht 21 Jahre alt war.

Mein Brautkleid kaufte ich gebraucht für 80,- DM von einer Eierkundin während einer Eier Tour.

Von einer frei werdenden Wohnung erfuhr ich von einer Eierkundin während einer Eier Tour.

Gefeiert haben wir nicht, sondern sind nach der standesamtlichen und kirchlichen Trauung mit einer kleinen Gesellschaft in ein Hotel in unmittelbarer Nähe von dem Hof, der ein Jahr mein Zuhause gewesen ist, zum Essen gegangen. Dann sind Klaus und ich für ein kurzes Wochenende nach Holland gefahren.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, war es doch alles ziemlich emotionslos, eher geschäftsmäßig…

Wie desinteressiert und langweilig Klaus war, merkte ich schon, als wir Möbel kaufen wollten:

Wir fuhren nach Dortmund zu einem großen Möbelgeschäft. Als ich ausstieg, sagte er: “Ach weißt Du, eigentlich kannst Du alles allein aussuchen, dann kann ich mir in der Zeit das Fußballspiel im Radio anhören!!!“

Ich marschierte also allein rein und suchte unseren gesamten zukünftigen Hausstand aus, was ich damals aber gar nicht schlimm fand. So bekam ich wenigstens das, was ich gern haben wollte…

Schweren Herzens verließ ich mein Zuhause des letzten Jahres, meine fast Familie und meinen Job auf dem Hof, auf dem ich mich so wohlgefühlt habe. Ich merkte, dass meine Chefin enttäuscht war, weil ich aufhörte und es tat mir sehr weh, aber…

Es sollte fast 55 Jahre dauern und ich fast 500 km entfernt wohnen, bis eine Frage meiner Freundin Chrissi den Wunsch in mir weckte, den Hof und seine Bewohner nach so langer Zeit zu besuchen.……

Meine Meisterprüfung und der erste Salon

Wir zogen in unsere kleine, aber gemütliche Dachgeschosswohnung in Lünen-Süd.

Mein größter Wunsch ging in Erfüllung: Ich hatte sofort eine Stelle in einem chicen Friseursalon in Alstedde. Mein Chef und meine Chefin war ein junges Ehepaar, das noch gar nicht so lange selbstständig war.

Von Anfang an fühlte ich mich in dem Salon wohl, obwohl dort sehr viel mit Haarteilen und Perücken gearbeitet wurde, wovon ich zu der Zeit noch gar keine Ahnung hatte. Aber das war kein Problem, hatte ich ruck zuck raus.