Mein Mann lebt immer noch - Andrea Barheine - E-Book

Mein Mann lebt immer noch E-Book

Andrea Barheine

0,0

Beschreibung

Julia verliebt sich in den ansehnlichen Charmeur Ulf-Dieter. Für ihn verlässt sie ihren weit entfernten Heimatort und zieht zu ihm. Mit diesem, aus Liebe gefassten, Entschluss gibt sie ihren Freundeskreis und ihren gut bezahlten Job auf. Dass er viel jünger ist als sie, stört sie absolut nicht. Nach der Heirat schleicht sich bald der Alltag in die Ehe und Julia lernt erst jetzt den wahren Charakter Ulf-Dieters kennen. Julia will ihre Ehe zwar retten, zweifelt jedoch immer öfter an ihrer Liebe zu ihm und muss feststellen, dass zu einer gescheiterten Beziehung immer zwei gehören. Er und seine Mutter.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten von Geschehnissen oder Personen sind rein zufällig.

Er liegt stumm neben mir im Bett und starrt an die Zimmerdecke. Die Sonne strahlt durchs Fenster, wenigstens wettertechnisch wird es ein schöner Tag. Ulf hat heute frei und wollte deshalb richtig lange schlafen, aber es gelingt ihm anscheinend nicht. Unser gestriger Streit lässt auch mich nicht weiterschlafen und der Gedanke daran erzürnt mich erneut. Er hingegen weiß womöglich schon gar nicht mehr, was der Auslöser des Streites war. Ich überlege, wie ich dieses Kommunikationsfasten brechen kann. Harmoniesüchtig, wie ich bin, würde ich am liebsten die Diskussion von gestern ignorieren. Über die Sonne wundere ich jetzt gewiss nicht rum; das ist mir zu blöd. Außerdem könnte er auch mal etwas sagen und klein beigeben.

Für mich läuft das Erlebte noch einmal wie im Film ab. Beim Einkauf wollte ich für Ulf Nektarinen kaufen, aber seine Mutter Britta, die, wie immer beim Shoppen in meinem Schlepptau hing, behauptete felsenfest, dass ihr Ulf-Dieter lieber Pfirsiche isst. Ich kaufte deshalb irritiert jeweils ein Kilo Pfirsiche und Nektarinen. Meine Schwiegermutter hingegen nahm für sich nur die Früchte mit der pelzigen Haut.

Nach einem Einkauf ist das Auto immer überladen, denn Britta ist sehr daran interessiert, sämtliche Industriezweige am Leben zu erhalten, von ihr selbst ganz zu schweigen. Mitte zwanzig beginnt im menschlichen Körper der Zellabbau, nur bei ihr wissen die Fettzellen nichts davon. Das Geld ist für Britta auch nicht weg, sondern nur woanders. Die Heimfahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Britta sabbelte und sabbelte, sie erzähltevom gerade Geschehenen, dabei hatte ich doch alles haarklein miterlebt. Interessant war ihre Interpretation, denn ich empfand Einiges ganz anders.

Beim Hereintragen des Einkaufs in Brittas Wohnung, die direkt unter unserer liegt, stellte sie fest, dass ich versehentlich ihr die Pfirsiche gab, sie jedoch angeblich Nektarinen gekauft hätte. Es half keine Diskussion. Ich verlor den Disput, gab nach und Britta die Nektarinen. Somit hatte ich eine Menge Pfirsiche.

Dann schleppte ich das für uns Gekaufte in die Wohnung. Ulf hat von mir ein Verbot ausgesprochen bekommen, unseren Einkauf aus- oder wegzuräumen. Nichts ist danach dort, wo ich es suchen würde. Die saure Sahne finde ich dann zufällig im Schrank zwischen den Putzmitteln – damit sie dort erst richtig sauer wird – den Käse neben dem Zucker, dafür aber die Nugatcreme im Kühlschrank. Ulf entgingen die vielen Früchte nicht, er echauffierte sich darüber: »Warum hast du so viele Pfirsiche gekauft?«

»Um dir einen Gefallen zu tun«, entgegnete ich freundlich.

»Willst du mich veralbern? Du willst mir einen Gefallen tun? Das glaubst du doch selbst nicht.« »Nun krieg dich wieder ein! Ich hab es doch nur gut gemeint«, antwortete ich, seine Mutter immer noch in Schutz nehmen wollend. »Gut gemeint? Warum sagst du nicht die Wahrheit?«

»Die Wahrheit ist, dass ich für dich Nektarinen kaufte, die mir aber deine Mutter wieder aus dem Kreuz leierte. Ich bekam dafür die Pfirsiche«, wehrte ich nun doch ab und schilderte die wahre Pfirsich-Nektarinen-Mutter-Geschichte.

»Auch noch Mama vors Loch schieben. Das geht ja gar nicht. Und sag nicht immer Mutter! Also, warum kaufst du dusselige Kuh so viele davon? Du willst mich doch nur provozieren!«

»Das ist die Wahrheit!«, rechtfertigte ich mich und ignorierte vorerst die dusselige Kuh.

»Mit dir kann man keine Probleme lösen«, stellte Ulf tobsüchtig fest, und ich musste aufpassen, dass ich nicht vor Wut anfing zu heulen, wie jedes Mal, wenn ich mich so machtlos ihm gegenüber fühle. »Das ist doch wohl kein Problem!? Dein Problem ist, dass du kein Problem hast, aber aus zwei Kilo Pfirsichen kann man ja mal eins machen, und wenn hier jemand eine dusselige Kuh ist, dann ist das deine Mutter«, versuchte ich mich zu verteidigen. Er reagierte nicht weiter darauf und beachtete mich nicht mehr. Seitdem ist Funkstille.

Es ist inzwischen spät und die Sonnenstrahlen treiben mich aus dem Bett. Wortlos stehe ich auf und Ulf bleibt wortlos liegen.

Im Badezimmer vollziehe ich mein Morgenritual und höre, dass Ulf durchaus noch reden kann und noch dazu in einer lieblich erhobenen Stimmlage: »Komm runter, wir stehen auf!«

Runter ist unser sehr selten bellender Dalmatiner. Sein vollständiger Name ist »Runter vom Sofa«. Vor drei Jahren bekam ich ihn von Ulf als Versöhnungsgeschenk. Ich hatte mir schon lange einen Hund gewünscht. Zwar wollte ich lieber einen Rottweiler, aber Ulf liebt Dalmatiner. Als Kind bin ich im ganzen Rudel von Hunden aufgewachsen. Wir wohnten neben dem Tierheim und jeden Tag ging ich nach der Schule dorthin, um mit den armseligen Geschöpfen Gassi zu gehen. Dabei verliebte ich mich in jede einzelne Fellnase. Für Ulf ist inzwischen unser Hund das ultimative Ein und Alles. Seitdem sich Runter und Ulf ein Bett teilen, also auch seit drei Jahren, läuft zwischen uns fast nichts mehr im und außerhalb des Bettes. Als Ulf versuchte, den Beischlaf zu vollziehen, fiel Runter wie verrückt über uns her, sodass ich einen Lachflash bekam und Ulf beleidigt den Akt abbrach. Seither haben wir im Beisein Runters nie wieder probiert, uns zu lieben.

Während ich mir die Zähne putze, stellt sich Ulf provokant vor das Klo und pinkelt im Stehen. Mit einem kurzen Blick zu mir vergewissert er sich, dass ich es auch wahrnehme. Das ist für mich eine erneute Kriegserklärung. Ich brauche im Moment auch nichts dagegen zu sagen, denn seine Antwort lautet immer wieder: »Im Sitzen pinkeln ist unhygienisch, wenn ›er‹ dann jedes Mal im Klowasser hängt!«

Ich gehe in die Küche und beginne widerwillig das Frühstück für drei Personen zuzubereiten, denn Britta ist stetig beim Frühstück dabei, an Ulfs freien Tagen sogar zu allen Mahlzeiten. Am liebsten würde ich mir nur eine Tasse Kaffee kochen, um mich damit in mein Büro zu setzen und zu arbeiten. Aber ich benötige Frieden, stelle drei Tassen bereit und will die Kaffeepads aus der Dose nehmen. Ulf kommt in die Küche und drängelt mich zur Seite, um selbst an die Pads zu kommen. Fragend schaue ich ihn an, was das soll, und wie vom Blitz getroffen, zieht er seine Hand zurück und sagt: »Ach ja, mach das man lieber allein, sonst sagst du nachher wieder, ich würde dich bevormunden.«

»Was hat das damit zu tun?« Er ignoriert die Frage, dreht sich um und geht aus der Küche. Spinnt der jetzt völlig? Ich hole zweimal tief Luft, ein, aus, ein, aus, doch es kommt nicht die erhoffte Entspannung, so wie ich es gelernt und schon oft geübt habe, sondern meine Wut potenziert sich. Zornig werfe ich die Tassen auf die blanken Bodenfliesen. Liebend gern würde ich den ganzen Küchenschrank ausräumen, um sämtliches Geschirr auf den Fußboden zu donnern. In Gedanken sehe ich allerdings das Chaos und den folgenden Scherbenhaufen vor mir, deshalb lasse ich es. Aus der Stube höre ich: »Hat ›Frau Tollpatsch‹ wieder was in die Brüche gehen lassen?« Was bildet der sich eigentlich ein, mich »Frau Tollpatsch« zu nennen? Wenn ich »Herr Tollpatsch« zu ihm sage, hat das seine Berechtigung, aber ich habe eben mit voller Absicht Scherben gemacht, die ich nun schnell wegfege, damit sich Runter nicht verletzt. Ich drehe mich im Kreis, renne in mein Büro und frage mich, was ich nun hier ohne Kaffee soll. Ich halte es in der Wohnung nicht mehr aus. Ich muss weg! Ich muss raus! Und zwar sofort. Runter steht erwartungsvoll und schwanzwedelnd neben mir. »Du bleibst hier. Ich geh nicht mit dir runter, Runter.« Und als ob er es wortwörtlich versteht, wird das Wedeln seiner Rute langsamer. Wie ein begossener Pudel legt er sich hin und gibt einen leisen wimmernden Ton von sich. Eigentlich könnte ich ihn gleich mitnehmen, aber das mache ich nicht mehr, weil Ulf meint, selbst dafür sei ich zu doof. Der Hund könne bei mir machen, was er wolle, und wenn er beim nächsten Gassi gehen bei Ulf umhertollt, bin ich schuld daran.

Ich schnappe meine Handtasche, mit der ich spontan das Land verlassen könnte, und verschwinde aus der Wohnung. Ulf geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach und sitzt am Computer, um einen neuen Spielrekord aufzustellen. Ursprünglicherweise wurde der Computer einmal entwickelt, um Zeit zu sparen, heute geschieht das Gegenteil.

Ich gehe vorerst völlig planlos. Nach rascher Abwägung, wo ich meinen heiß geliebten Morgenkaffee bekommen könnte, ziehe ich kurzzeitig in Erwägung, mit dem Bus zu meiner Freundin Gaby zu fahren, und überlege deshalb, welcher Wochentag heute ist. Mittwoch.

Gaby hat keine weitere Verbündete als mich und darum bin ich für sie auch die allerbeste Freundin. Mit ihren Macken kann vermutlich keiner umgehen. Sie hat ein großes Haus in Ordnung zu halten und nimmt ihren hausfraulichen Beruf sehr ernst. Montags putzt sie die Fenster. Jeden Montag in einer anderen Etage, jeden Dienstag ist Waschtag und mittwochs bezieht sie die Betten. Am ersten und dritten Mittwoch des Monats bezieht Gaby die Betten der Kinder und am zweiten und vierten die Ehebetten. Wenn ich jetzt bei ihr unverhofft vor der Tür stehe, wäre ich zwar herzlich willkommen, aber sie würde sich nicht von ihrer Beschäftigung abbringen lassen. Ich müsste mit ihr ins Schlafzimmer kommen und nebenbei könnten wir plaudern. Auf Bettenbeziehen habe ich keine Lust, deshalb verwerfe ich ganz schnell diesen Gedanken und entscheide mich für das Café um die Ecke. Dieses einzige Café in unserem kleinen Ort Hupfspringe ist frühmorgens bereits voll besetzt. Voll besetzt von alten Leuten; vermutlich nur Rentner. Haben alte Leute kein Zuhause? Die Frau vor mir bestellt sich »einen Kaffee to go zum Mitnehmen.« Dann fragt die Verkäuferin mich: »Und Sie?«

»Einen Kaffee ›no go‹ zum Hierbleiben«, halte ich dagegen. »Wie möchten Sie denn Ihren Kaffee?« Am liebsten würde ich sagen: ›Allein‹, aber ich antworte: »Schwarz«, und bleibe an einem Bartisch stehen.

Eine Frau springt auf, um ein Foto von ihrem Mann zu machen: »Nun lächle doch mal!«, fordert sie ihn auf. Seine Miene bleibt unverändert, der Fotoapparat klickt trotzdem. Danach ist die erwachsene Tochter dran. Sie steckt die Zunge heraus. »Es gibt kein Foto von dir, wo nicht deine elende Zunge mit drauf ist«, empört sich die Amateurfotografin. Das Kleinkind in der Karre fängt an zu heulen. »Ach, du warst doch gar nicht gemeint. Ist doch gut, mein Süßer«, versucht die Oma es zu beruhigen. »Was iss’n mit dem schon wieder los?«, will der Opa wissen. »Er hat Fieber«, antwortet die Kindesmutter. »Wer?« »Nils hat Fieber«, wiederholt die Großmutter. Alles, was Nils' Mutter von sich gibt, übersetzt sie, wie ein Simultandolmetscher, ihrem Mann.

»Mach Wadenwickel«, schlägt der Großvater vor.

»Hier? Kann ihm ja Himbeereis um die Waden schmieren.«

Der Kleine fängt nun noch mehr an, zu brüllen. Flüssigkeiten treten aus allen Öffnungen des Gesichts heraus, ganz besonders aus der Nase. Ich will zwar nicht hingucken, bleibe aber fest mit meinem Blick daran hängen und hoffe, dass Nils' Mutter ihr Taschentuch endlich zum Einsatz bringt. Das Geplärre nervt. Es ist überall das Gleiche, denke ich, und dann wandern meine Gedanken in die Vergangenheit zu meiner Freundin Anke, die auch immer die Zunge rausstreckte, wenn ich sie fotografieren wollte.

Ich verbrachte vor einigen Jahren mit meiner Freundin Anke ein verlängertes ayurvedisches Wellnesswochenende in einem kleinen abgelegenen Hotel. Wir wollten fern vom Alltag ausgiebig abschalten.

Am Empfang des Hotels stand ein großer, bildhübscher, durchtrainierter Mann mit einem liebenswürdigen Lächeln. Er wirkte verschmitzt und auch charmant. Ich schmolz förmlich dahin, als ich ihn sah.

Er übergab uns die Zimmerschlüssel mit einem Blick, als ob er liebend gern mitkommen wolle. Für jeden gab es eine Taschenlampe als Geschenk des Hauses, worüber wir uns sehr amüsierten.

Beim Testen unserer Betten hüpften Anke und ich im Sitzen vergnügt darauf herum. Ich johlte übermütig: »Hast du diesen Prinzen am Empfang gesehen?«

»Ja. Ich dachte schon, ihr rennt sofort zur Besenkammer, als ihr euch mit gegenseitigen Blicken ausgezogen habt«, gackerte Anke mit hoher Stimme.

»Nun reicht´s aber hin! Wir haben uns doch nicht ausgezogen!«

»Na, mit den Blicken schon.« Bei dem Gedanken des Ausziehens lief mir ein Kribbeln über den Rücken. »Ein Schmucker ist er ja«, meinte ich, doch Anke gab zu bedenken: »Der wäre nichts für mich. Er ist viel zu jung, außerdem hast du den nie allein, es sei denn, er ist ein Asket, dann hast du aber keine Chance bei ihm.« »Ach, er ist bestimmt schwul«, lenkte ich ein, »die hübschen und lieben Männer sind nämlich meist schwul.« »Was denkst du, wie alt er ist?«, interessierte sich Anke. »Irgendwas zwischen Frühling und Herbst«, antwortete ich, weil er wirklich viel zu jung für beide von uns war. »Sei doch mal ernst. Ich denke, Anfang zwanzig.«

»Ich denke, er ist älter, aber ist doch egal, wenn er schwul ist«, meinte ich, in der Hoffnung Anke würde sich nicht wirklich für ihn interessieren, denn sie hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt. Ich versuchte das Thema zu wechseln, um das Interesse von dem hübschen Kerl abzulenken: »Los, lass uns das Hotel etwas erkunden und dann gehen wir zum Abendbrot. Ich bin vielleicht schon neugierig, was es zu essen gibt.«

Mit der Besichtigung der »Hotelanlage« waren wir schnell fertig, denn es war alles sehr überschaubar. Sie bestand aus einer Bungalowsiedlung, ein Häuschen reihte am nächsten. So wie wir in die anderen Fenster schauen konnten, konnten auch wir in unserem Zimmer beobachtet werden. Nur große dicke Vorhänge schützten vor den Einblicken, die allerdings auch den Raum sehr verdunkelten. Die Sauna war eine frei stehende kleine Hütte, anstatt eines Tauchbeckens zur Abkühlung nach dem Saunagang, gab es einen vom Schilf bewachsenen Tauchteich. Anke fing an zu quietschen, weil direkt neben ihr ein Frosch in den Teich sprang: »Nein, hier werde ich garantiert nie saunieren!«

»Hab dich nicht so, vielleicht ist ja ein verwunschener Prinz dabei«, unkte ich.

»Die Vorstellung finde ich schauderhaft. Aber warum gibt es nicht mal einen großen Knall, wenn man einen Mann küsst, den man nicht mehr liebt, der dann aber zum handzahmen Frosch wird?«

»Vermutlich, damit es keine Froschplage gibt«, antwortete ich lachend.

Am Abend wurde uns im Restaurant ein Platz zugewiesen, der während des gesamten Aufenthalts eigens für uns, mit vier weiteren Damen, reserviert war. Ein Tisch direkt vor der Toilettentür. Jedes Mal, wenn die Tür aufging, wehte ein Hauch von frischem Klostein heraus.

Sehr auffällig war, dass alle Gäste Frauen waren.

Als der Kellner an unseren Tisch kam, um die Bestellung für die Getränke aufzunehmen, stieg in mir eine plötzliche Hitze auf. Es war der außerordentlich ansehnliche junge Mann vom Empfang. Er gefiel mir, keine Frage. Es war Leidenschaft pur, vielleicht sogar Liebe auf den ersten Blick. Nur Anke und ich bestellten ein Glas Wein, die anderen Damen nahmen vom kostenlosen Tee, der in Thermoskannen bereitstand.

Mit einer akrobatischen Hochleistung jonglierte der Supermann gleich fünf Teller an den Tisch. Ich beneidete ihn um dieses Können. Wir schauten auf unser »ayurvedisches Abendmahl«. »Ist das Kassler?«, fragte Anke entsetzt. »Das ungesunde Schweinefleisch, was durch Rauch und Pökelsalz pathologisch potenziert wird?«

»Ich habe solch einen Hunger, mir ist es erst einmal egal, was es ist«, antwortete ich. Es duftete nach leckerem Sauerkraut und die Knödel waren so goldgelb, dass ich sie gern gleich ganz in den Mund gesteckt hätte. Der hübsche Kellner konterte: »Das ist ayurvedisches Kassler, Mädels. Legt eine kurze Diätpause ein, ab morgen gibt es nichts mehr. Oder macht zwei Diäten, von einer wird man ja sowieso nicht satt.« Wir lachten darüber. Sofort, nachdem alle anderen Frauen ihre Teller leer gegessen hatten, sprangen sie auf und verließen das Lokal.

Anke und ich saßen bis Mitternacht und waren die letzten Gäste des Abends. Der charmante Kellner setzte sich zu uns und es dauerte nicht lange, bis wir Brüderschaft tranken. »Ich heiße Ulf-Dieter mit Bindestrich«, stellte er sich vor.

»Oh, Mitbindestrich, welch schöner Nachname«, quietschte Anke, »Ulf-Dieter! Ulf-Dieter, Ulf-Dihihihihi-iter«, sang sie seinen Namen, die Stimme immer höher werdend. Mir war ihr Verhalten äußerst peinlich, aber ich dachte auch, mit meiner Zurückhaltung bei ihm zu punkten. Er war sehr spendabel und gab einen Kräuterlikör nach dem anderen aus. Ich bewunderte seine Schlagfertigkeit und hing deshalb ständig an seinen Lippen. Mich umgab ein gewisser Zauber, wenn sich unsere Blicke trafen. Wir tranken einige Male Brüderschaft. Jedes Mal, sobald jemand versehentlich »Sie« sagte, wurde aufs Neue getrunken und geknutscht. Am häufigsten verplapperte sich Anke. Sie trank dann natürlich nur mit Ulf-Dieter Brüderschaft und küsste ihn, denn mich duzte sie schon lange. Es missfiel mir außerordentlich, dass sich Anke laufend versprach, und ich war mir sicher, dass dieses von ihr pure Absicht war. Wie aus heiterem Himmel zog Anke ihr T-Shirt straff, streckte ihren Oberkörper heraus und fragte Ulf-Dieter: »Findest du, dass ich zu wenig Busen habe?« Ich war wie vom Donner gerührt und froh, dass sie das T-Shirt nicht nach oben zog. Aber Ulf-Dieter antwortete schlagfertig: »Nein, zwei sind genug.«

Als es um das Bezahlen der Getränke ging, das Essen war bereits im Vorfeld bezahlt, verkündete Anke großzügig alles zu übernehmen. Mir, als chronisch Sparsame, war das mehr als recht. Je mehr Alkohol ich trank, je knickriger wurde ich. »Macht achtunddreißig fünfundneunzig ohne Trinkgeld!« Ohne Trinkgeld, wie dreist ist er denn, dachte ich, aber Anke fuhr voll darauf ab. Sie zog einen Fünfziger aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und ließ den Schein über den Tisch flattern.

»Ach, das stimmt dann so?«, meinte Ulf-Dieter forsch.

»Ja«, kicherte Anke mit einem anzüglichen Augenaufschlag. Ulf-Dieter steckte den Schein ein und sagte grinsend: »Wer seine Schokoladenseite zeigt, signalisiert vernascht werden zu wollen.« Ich schüttelte mit dem Kopf und hatte für beide kein Verständnis, denn ich war total eifersüchtig. Alle waren betrunken, ich auch, aber keiner hätte sich das an diesem Abend eingestanden.

Beim Verabschieden fiel es mir schwer, mich Ulf-Dieters Annäherungen zu entziehen. Er hauchte mir ins Ohr: »Das größte Glück der Welt hat der, der dich in seinen Armen hält.« Sein warmer Atem verursachte ein Kribbeln, das vom Ohr aus bis über meinen Rücken lief. Der Satz ging runter wie Öl, es war Balsam für meine Seele. »Wir sehen uns morgen. Ich habe Frühschicht«, flüsterte er weiter.

Auf dem Weg zu unserem Bungalow wurde uns klar, wofür wir beim Empfang die Taschenlampen erhalten hatten, die allerdings im Zimmer lagen. Es war stockfinster. Auf dem Gelände befand sich nicht eine Laterne. Ich war erleichtert, als wir unser Zimmer unfallfrei erreichten.

Weil ich absolut kein Verständnis für das viele Trinkgeld hatte, fragte ich Anke: »Bist du verrückt, so viel Trinkgeld zu geben?« Sie gackerte und antwortete: »Ach, das hab ich doch alles schon wieder raus.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Schau mal hier!« Es klapperte in ihrer Handtasche und sie holte eine Essig- und eine Ölkaraffe, zwei kleine Löffel und zwei Pfefferstreuer heraus. »Deshalb hatte ich vorsorglich schon meinen Geldschein in der Hosentasche«, hickste sie mit einem dauernden Schluckauf, »pfiffig, oder?«

»Wieso hast du gleich zwei Pfefferstreuer mitgenommen?«

»Oh, das war wohl ein Versehen - hick - den werde ich morgen gleich - hick - umtauschen.«

»Umtauschen? Dann nimm doch noch zwei Salzstreuer zu deinen beiden Pfefferstreuern.«

»Ne, brauch ich ja nicht - hick. Willst du?«

Ich fand diese Streuer so hässlich, dass ich dankend ablehnte.

Am Folgetag auf dem Weg zum Frühstück hoffte ich, Ulf-Dieter an der Rezeption sitzen zu sehen. Der Platz war leer. Die nächste Chance erhoffte ich mir im Restaurant, aber auch dort war er auf den ersten Blick nicht zu sehen. Vor dem Frühstück gab es Zitronenwasser und Ingwertee, was sehr wohltuend gegen die Katersymptome wirkte. Einige Situationen des Vorabends waren mir äußerst peinlich. Trotz Filmriss hatte ich jedoch Ulf-Dieters Abschiedssatz noch genau im Ohr. Ich war sehr erleichtert, dass von ihm nichts zu sehen war. Vielleicht hatte er verschlafen.

Nach dem Katerfrühstück stand die erste Massage an, für Anke eine Fußmassage und für mich eine Ganzkörpermassage. Ich las noch einmal laut aus dem Hotelprospekt vor: »Es gibt nichts Besseres, als sich in schöner Atmosphäre einer Ganzkörpermassage hinzugeben – mit allen Sinnen spüren und genießen und dabei Körper, Geist und Seele mit positiven Energien aufladen. Einmal sich von Kopf bis Fuß verwöhnen lassen, bedeutet Wohlbefinden und Entspannung pur.

Hier unten steht ganz groß geschrieben: In unseren besonders weichen Betten erwartet Sie ein noch nie da gewesenes Schlaferlebnis.«

Wir lachten beide darüber: »Wie hast du eigentlich geschlafen?«

»Frag lieber nicht, die Matratze ist so weich, da konnte ich mich gar nicht umdrehen; jedes Mal hatte ich das Gefühl, mich hält jemand fest oder ich wäre in die Matratze einzementiert und kann mich deshalb nicht bewegen. Laufend war ich wach, mein Nacken