Mein Mensch und ich - Elke Rogge - E-Book

Mein Mensch und ich E-Book

Elke Rogge

0,0

Beschreibung

Ronja, ein weiblicher Falke, erzählt von ihrem Leben mit ihrem Menschen. Sie berichtet von Abenteuern, von Erfolgen, von Missgeschicken, und man lernt als Leser vieles über Falken und über die Falknerei. Eine wahre Geschichte, die das Herz berührt. Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. (Ronja)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



MEIN MENSCH UND ICH

DIE ABENTEUER EINES FALKEN

Elke Rogge

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Lektorat: Birgit Rentz, Itzehoe

Fotografien:

Elke Rogge, wenn nicht unter den Fotos anders angegeben.

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Gedruckt auf FSC®-zertifiziertem Papier

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Prolog

1 ~ Ich werde verkauft

2 ~ Es geht los

3 ~ Die erste Nacht zusammen

4 ~ Mein neues Zuhause

5 ~ Ich beginne mit der Ausbildung meines Menschen

6 ~ Ich wohne auf dem Balkon

7 ~ Flugtraining

8 ~ Der Vierbeiner

9 ~ Meine Nahrung

10 ~ Anfassen

11 ~ Mein erster kleiner Urlaub

12 ~ Mauser

13 ~ Meine Voliere

14 ~ Beizjagd

15 ~ Mit meinem Menschen auf Beizjagd

16 ~ Greifvogel gefunden

17 ~ Trainingsunfall

18 ~ Unterschied zwischen Anwarterfalke und Faustfalke

19 ~ Müll in der Natur

20 ~ Hoher Besuch

21 ~ Mein Ring

22 ~ Unterschied Terzel und Weib

23 ~ Falknersprache

24 ~ Pleiten, Pech und Pannen

25 ~ Umstellung von Telemetrie zu GPS

26 ~ Mein Freund, der Kolkrabe

27 ~ Besondere Kennzeichen

28 ~ Aufgaben der Falkner

29 ~ Schulbesuch

30 ~ Wie wird man ein guter Falkner?

31 ~ Kropf und Verdauung

32 ~ Bauen Falken Nester?

33 ~ Sakerfalken in der Natur

34 ~ Falkner Festival im Schwarzwald

35 ~ Spiele und Humor

36 ~ Flugshow

37 ~ Mein Urlaub in der Normandie

38 ~ Frettieren

39 ~ Happy Schlüpftag

40 ~ Das Wunder des Schlüpfens

41 ~ Wind

42 ~ Wie gut können Falken sehen?

43 ~ Meine Lieblingsbeschäftigung

44 ~ Gründe

45 ~ Futtermenge

46 ~ Unterschiedliche Leute

47 ~ Ich werde erwachsen

48 ~ Fotoshooting

49 ~ Vorstellungsgespräch

50 ~ Natürliche Feinde

51 ~ Parasiten

52 ~ Urlaub im Schnee

53 ~ Silvester

54 ~ Neues Geschüh

55 ~ Dialog

56 ~ Gute letzte Reise, Vierbeiner

57 ~ Spieglein, Spieglein an der Wand

58 ~ Vorurteile gegenüber Falknern

59 ~ Falkenzahn abgebrochen

60 ~ Unterschied zwischen Vögeln und Säugetieren

61 ~ Putzfimmel

62 ~ Meine Lunge

63 ~ Überraschungen

64 ~ Neuer Mitbewohner

65 ~ Nickhaut

66 ~ K. o. in der ersten Runde

67 ~ Grimale

68 ~ Verwandtschaft

69 ~ Sonne

70 ~ Wie fühlt sich Fliegen an?

71 ~ Zecken

72 ~ Hinken

73 ~ Schlechte Laune

74 ~ Weiberurlaub in Tirol

75 ~ Schmerzen

76 ~ Die Hoffnung stirbt zuletzt

77 ~ Mein letzter Flug

78 ~ Der Anfang vom Ende

79 ~ Knochentuberkulose

80 ~ Abschied

81 ~ Die letzte Reise

Epilog

Danksagungen

Prolog

Ich sterbe an einem Freitag. Während ich meinen letzten Atemzug tue, steht mein Mensch an meiner Seite. Sie hält sanft meinen Fuß und streicht leicht mit ihrem Daumen darüber. Das ist das Letzte, was ich spüre.

Zweieinhalb Jahre zuvor …

1 ~ Ich werde verkauft

Heute ist irgendetwas anders als sonst. Ich stehe auf der „Hohen Reck“1 und warte. Nur weiß ich nicht, auf was. Ich höre, wie mein Züchter zu einem Praktikanten der Falknerei sagt, dass „sie“ bald kommen. Wer sind „sie“? Mich hat mal wieder keiner informiert. Offenbar hält das niemand für nötig. Ich bin ja nur ein Falke und verstehe nichts von dem, was die Menschen sagen und denken – das nehmen sie zumindest an.

Mein Züchter mustert mich eingehend, von oben bis unten, von vorne bis hinten. Er putzt meinen Schnabel und meine Krallen. Er kontrolliert meine Augen. Der Praktikant sieht ihm dabei zu und fragt, ob das immer alles gemacht werden muss, wenn ein Vogel verkauft wird.

Daher weht also der Wind, ich soll heute einem Käufer übergeben werden.

Ich höre ferne Autogeräusche, die rasch näher kommen. Schließlich Türenschlagen und fremde Stimmen.

Ich bin hier bei meinem Züchter vor neun Monaten geschlüpft. In der ersten Zeit wuchs ich bei meinen Eltern auf, dann lebte ich in der Falknerei, umgeben von anderen Vögeln und vielen Menschen. Eins weiß ich mit Sicherheit: Gefällt mir der Käufer nicht, werde ich mich strikt weigern, mitzugehen, denn in der Falknerei geht es mir gut.

Doch dann sehe ich meinen neuen Menschen. Eine Frau mittleren Alters, klein und schlank, mit langen Haaren und leuchtenden Augen. Sie erblickt mich und strahlt.

Bisher hat noch nie jemand bei meinem Anblick gestrahlt, dabei haben mich schon viele Menschen gesehen. Meistens waren es Praktikanten in der Falknerei, die mich abgetragen2 haben.

Alle waren stets nett zu mir, doch das Strahlen dieser Frau fasziniert mich.

Mein Züchter erklärt ihr, dass Falken es nicht mögen, wenn man sie anstarrt. Das stimmt, damit hat er recht, aber es gibt einen Unterschied zwischen Anstarren und Anstrahlen.

Das ist sie also, meine neue Besitzerin, mein Mensch. In ihrer Gegenwart fühle ich mich auf Anhieb wohl. Darum stimme ich meinem Verkauf ohne Einwände zu. Geld und Papiere wechseln die Besitzer, ein letzter Blick zu meinem Züchter, und los geht meine Reise in ein neues Leben.

2 ~ Es geht los

Mein Mensch ist nicht alleine gekommen, um mich abzuholen, sie hat ihren Mann dabei. Insgeheim gebe ich ihm den Namen „Azubi“, denn er hat noch keinen Falknerjagdschein. Den braucht man in Deutschland zusammen mit dem Jagdschein, um Falkner werden zu können und bei einem Züchter einen Falken kaufen zu dürfen. Das habe ich oft bei Gesprächen belauscht.

Mir wird meine Haube aufgesetzt. Wir Falken tragen Hauben, damit wir bei ungewohnten Situationen keinen Stress verspüren. Wenn ich nichts sehe, schalte ich in eine Art Ruhemodus, meistens döse ich dann. Eine Haube sollte perfekt passen, damit keine schmerzhaften Druckstellen neben dem Schnabel entstehen. Und sie sollte blickdicht sein, damit es unter der Haube vollständig dunkel ist. Wenn ich noch etwas sehe, dann irritiert mich das, dann kann ich mich nicht entspannen.

Ich werde in einer Box im Auto abgestellt und halte mich an einer Kokosmatte fest, die auf einen breiten Holzstab getackert ist. Moment mal! Da stimmt etwas nicht. Der Stab unter mir bewegt sich. He, hier ist eine Schraube locker! Merkt das denn keiner?

Während der kurzen Fahrt wackle ich vor und zurück, stets darauf bedacht, mich krampfhaft festzuhalten. Na, das fängt ja gut an.

Doch dann kommt zum Glück Abhilfe. Ich muss kurz raus aus der Box, damit die Schraube festgedreht werden kann. Da ich noch immer meine Haube trage, sehe ich zwar nichts, höre jedoch alles, was um mich herum geschieht.

Nächster Halt: Hotel. Dort werde ich von meiner Haube befreit und sehe, dass uns im Zimmer ein Vierbeiner erwartet. Er scheint gerade erst aufgewacht zu sein. Er gähnt und streckt sich ausgiebig, bevor er mich neugierig betrachtet und beschnuppert. Bei dem Vierbeiner handelt es sich um einen riesigen braunen Hund mit Schlappohren, der mich ansieht, als hätte er noch nie einen Falken gesehen. Was auch der Fall ist, wie sich später herausstellt. Hunde kenne ich von meiner Zeit in der Falknerei; ich weiß, dass sie harmlos sind und mir nichts anhaben wollen.

Ich hatte bei meiner Übergabe in der Falknerei belauscht, dass mein Mensch vor mir keinen anderen Falken hatte. Ich bin also von Falknerei-Anfängern umgeben. Das wird die Ausbildung erschweren. Ich ahne, dass ich meinem Menschen noch sehr viel beibringen muss.

3 ~ Die erste Nacht zusammen

Obwohl Winter ist, dreht mein Mensch die Heizung im Hotelzimmer ab, worüber sich Azubi bitter beschwert. Aber da gibt es keine Diskussion. Ich soll es nicht zu warm haben, das sei nicht gesund für mich, sagt mein Mensch. Ich könnte sie aufklären und ihr widersprechen, aber Diskussionen spare ich mir für später auf, stattdessen lasse ich meinen Menschen mal machen.

Da ich noch meine „Bell“ trage, ein Glöckchen am Fuß, schrecken nachts alle auf, sobald ich mich kratze. Außer mir scheint das keiner lustig zu finden. Nur der Vierbeiner schlummert ruhig. Seine Gelassenheit gefällt mir. Vielleicht ist er auch einfach nur taub.

Am nächsten Morgen gehen wir alle zusammen in den Wald, der neben dem Hotel liegt. Mein Mensch zieht ihren Falknerhandschuh an, und ich begebe mich freiwillig und scheinbar zahm auf ihre Faust. Scheinbar zahm, denn ein Falke ist ein Wildtier und bleibt auch immer ein Wildtier, das man nicht dressieren kann. Selbst die Tatsache, dass ich einer Zucht entstamme, ändert daran nichts. Aber das lasse ich meinen Menschen an diesem Tag noch nicht spüren.

Auch im Wald stehe ich ruhig auf der Faust meines Menschen und genieße ihre strahlenden stolzen Augen, die fast die ganze Zeit auf mich gerichtet sind. Man könnte fast meinen, sie sei in mich verliebt.

Der Vierbeiner tobt glücklich im Schnee herum und hinterlässt gelbe Flecken im sonst herrlichen Weiß.

Den restlichen Tag verbringen wir im Auto auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause.

4 ~ Mein neues Zuhause

Als wir endlich in meinem neuen Zuhause ankommen, scheinen mein Mensch und Azubi müde zu sein. Ich bin ausgeschlafen, habe ich doch unter meiner Haube die meiste Zeit gedöst. Aber ich habe Hunger!

Mir wird alles gezeigt: das Haus, der Garten … Moment mal, wo ist meine Voliere?

Ich höre, dass ich die ersten Tage im Haus im Wohnzimmer stehen soll, damit wir uns alle aneinander gewöhnen können. Und endlich gibt es Atzung3. Aber die bekomme ich nicht einfach so, ich soll mich dafür sportlich betätigen. Na, Mahlzeit!

„Vertikal Jumping“ heißt die Übung. Mein Mensch steht auf einer Holzkiste, und um an meine Atzung zu kommen, muss ich von ganz unten nach ganz oben auf ihre Faust fliegen, die sie in die Höhe streckt. Und das nicht nur einmal, sondern für jeden Bissen. Das soll ein gutes Training sein. Ich kann bestätigen: Das ist es auch! Zum Glück sind meine Brustmuskeln, die ich zum Fliegen benötige, gut trainiert, denn ich habe in der Falknerei viel frei fliegen dürfen.

Nach dem Training bin auch ich müde, aber endlich satt. Mein Kropf4 ist prall gefüllt.

Menschen haben wohl keinen Kropf, das wäre mir aufgefallen.

Nach dem Training stellt mich mein Mensch im Wohnzimmer ab. Hier stehe ich auf einem hohen Rundreck5, auf dem ich mich ausgesprochen wohlfühle, weil ich von der Höhe den Überblick über den ganzen Raum habe, und auch der Vierbeiner kann nur zu mir hochschauen. Er scheint nicht daran interessiert zu sein, zu mir hochzuspringen, das ist beruhigend.

5 ~ Ich beginne mit der Ausbildung meines Menschen

„Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden.“

Das ist ein Zitat von mir. Und genauso verhält es sich im Leben. Kein Mensch kann einen Falken dressieren. Ich vollführe niemals Kunststückchen, nicht mal für Essen. Ich tue stets nur genau das, was ich tun will. Und wenn es mir gelingt, meinen Menschen gut auszubilden, dann werden wir ein gutes Team.

An diesem Tag teste ich ihre Geduld.

Wir sind im Revier zum Flugtraining. Als Falkner braucht man die Erlaubnis des Jagdpächters, um einen Greifvogel in dessen Revier frei fliegen zu lassen. So schreibt es das deutsche Gesetz vor. Meiner Ansicht nach ist das Unsinn. In einem Revier fliegen doch viele wilde Falken und Greifvögel herum und holen sich ihre Beute. Wenn das Gleiche ein Falke macht, der zu einem Menschen gehört, dann soll das plötzlich Wilderei sein?

Mein Mensch sagt, ich soll mir darüber nicht meinen kleinen befiederten Kopf zerbrechen, auch sie versteht viele Gesetze und deren Sinn nicht.

An diesem Tag habe ich keine Lust auf Training und begebe mich auf einen Baum. Von dort aus habe ich eine grandiose Aussicht. Ich stehe auf dem höchsten Punkt, den es weit und breit gibt. Auf der einen Seite erblicke ich unsere kleine Stadt mit ihrem Kirchturm und dem Fluss. Auf der anderen Seite befindet sich ein Pferdehof, zu dem viele Koppeln gehören, auf denen Pferde grasen. Blicke ich vom Baum hinab, sehe ich auf eine Lichtung. Dort rennt mein Mensch auf einer Wiese umher, winkt mit einem toten Eintagsküken und macht sich zum Affen, um mich zu sich zu locken. Hunger habe ich zwar schon, aber ich lasse sie noch ein Weilchen zappeln. Immerhin muss sie lernen, dass ich bestimme, wann etwas gemacht wird.

Ich höre, wie mein Mensch in einem leicht verzweifelten Ton meinen Züchter anruft, um nach Rat zu fragen. Ich sage es ja: Geduld muss sie noch lernen. Als sie dann den Tipp meines Züchters ausführt und von daheim die tiefgefrorene Krähe holt und damit in meine Richtung schwenkt und winkt, hat sie mich überzeugt. Dem kann ich dann doch nicht widerstehen. Instinkt siegt immer.

An dem Tag verzichten wir auf weitere Trainingsversuche, da es zu schneien beginnt und die Sicht immer schlechter wird.

6 ~ Ich wohne auf dem Balkon

Meine Frage nach einer Voliere bleibt fürs Erste unbeantwortet. Im Garten kann ich keine erblicken. Nach meiner Eingewöhnungszeit im Wohnzimmer soll ich draußen an der frischen Luft leben, sagt mein Mensch.

Schade, ich habe gerade eine Lieblingssendung in der Flimmerkiste gefunden. Bei einem Sender werden oft Filme gezeigt, in denen man ein Bergpanorama bewundern kann, oder es werden Tierdokumentationen präsentiert, die ich äußerst interessant finde, sind doch auch potenzielle Beutetiere dabei.

Mein Mensch behauptet, dass ich fast immer nur ans Essen denke. Dazu kann ich nur sagen: Ja, das stimmt. Ich kann nicht anders, denn Essen bedeutet Überleben und Energie.

Außerdem habe ich den Eindruck, dass es bei den Menschen auch nicht anders ist, ständig wird über Nahrung geredet, oder sie wird zubereitet und verspeist.

Mein Mensch zeigt mir meinen Platz auf dem überdachten Balkon an der Vorderseite des Hauses. Dort soll ich leben, bis meine Voliere fertiggestellt ist. Hier muss ich aber sofort erzieherisch eingreifen. Mein Mensch stellt mich auf einen Falken-Block. Ein Block ist eine Sitzgelegenheit für Falken, wobei der Wortteil „Sitz“ nicht stimmt, denn wir Falken sitzen nicht, wir stehen. Auf diesem kleinen Block jedoch stehe ich so, dass ich die schöne Aussicht nicht genießen kann, die ich hätte, wenn ich höher stehen würde. Also mache ich einen Riesenrabatz. Ich springe ab, ich schreie, ich beschwere mich.

Zum Glück versteht das mein Mensch sofort und grübelt über eine Lösung nach. Ein höherer Falkensitz muss her, und zwar schnell. Also wird gebastelt und probiert. Und schon eine Stunde später stehe ich höher und bin zufrieden. Nun kann ich die Schwäbische Alb sehen und direkt gegenüber von meinem Platz steht eine Burgruine auf einem Berg. Ich kann den ganzen Wald um die Ruine herum überblicken und meine scharfen Augen übersehen keine Bewegung, die dort stattfindet.

In den Nächten trage ich meine Haube, aber damit komme ich gut zurecht, denn im Dunkeln schlafe ich ohnehin. Sobald es morgens hell wird, holt mich mein Mensch ab, befreit mich von meiner Haube und wir gehen zusammen mit dem Vierbeiner spazieren.

7 ~ Flugtraining

Mein Mensch und ich gehen fast jeden Tag zum Flugtraining. Davor muss ich immer auf der Waage stehen, damit mein Mensch sieht, wie hoch mein Gewicht ist. Daran liest sie ab, ob ich bereit für das Training bin. Wiege ich zu viel, bin ich höchstwahrscheinlich noch vom Vortag satt und sehe keine Notwendigkeit zu fliegen. Mein ideales Fluggewicht liegt bei 1.080 Gramm.

Wir Falken fliegen nur, um zu jagen. Und dazu muss ich hungrig sein oder zumindest Appetit haben. Natürlich gibt es noch andere Gründe für das Fliegen, nämlich Flucht bei Gefahr oder Balzflüge während der Paarungszeit. Aber niemals fliegt ein Falke rein zum Vergnügen, denn das Fliegen kostet Energie, die wir Vögel erst einmal wieder in Form von Futter jagen und verzehren müssen. Und da nicht jeder Jagdversuch ein Jagderfolg ist, kann man als Falke schnell mit seinem Energiehaushalt ins Minus rutschen. Hinzu kommt: Je schwächer ich bin, desto schlechter kann ich jagen, und jeder Tag ohne Beute führt einen Falken in der Natur näher ans Verhungern.

Balzflüge sind im Übrigen vergleichbar mit dem Tanzen von Menschen in der Disco oder in einem Club. Tanzen, sich einen Drink spendieren lassen, dann zusammen heimgehen, heiraten und Kinder kriegen. So machen das die Menschen, habe ich mir von Azubi erklären lassen.

Falkenmännchen, die man „Terzel“ nennt, bringen dem Falkenweibchen Geschenke in Form von Nahrung. So sieht das Falkenweibchen, dass er ein guter Jäger ist und eine Familie versorgen kann.

© Michael Laskus

Mein Mensch benutzt für mein Flugtraining ein Stangenfederspiel. Das ist zusammengesetzt aus einer ausfahrbaren stabilen Angel, einem dehnbaren Seil und einem Beute-Dummy, auf dem meine Belohnung festgebunden wird. Mein Beute-Dummy gleicht einer ledernen Krähe – ein schwarzer Körper mit schwarzen Flügeln.

Viele Falkner verzichten auf die Stange und schwingen das Federspiel lediglich an einem Seil. Ich kenne beides und kann die Meinung meines Menschen bestätigen, dass man mit Stange mehr Reichweite hat und flexibler und wendiger trainieren kann.

Die Form des Federspiels ist variabel. Manchmal sieht es aus wie ein Hufeisen aus Leder, manchmal sind echte Federn des Beutetieres daran befestigt, wie beispielsweise Enten- oder Krähenfedern. Es gibt auch Beute-Dummys mit Kaninchenfell, die werden allerdings nicht in der Luft geschwungen, sondern über den Boden gezogen. Der Falkner setzt oft das ein, was später vom Beizvogel gejagt werden soll, also etwas, das der Beute ähnlich sieht.

Während ich einen Angriff nach dem anderen fliege, schwingt mein Mensch das Federspiel knapp vor mir weg, sodass ich es fast erwischen kann, aber eben nur fast, und dann einen erneuten Angriff fliegen muss.

So trainiere ich Ausdauer, Schnelligkeit und Wendigkeit. Das alles brauche ich, falls ich mal in der Natur eine Beute jagen und erlegen will.

Ich überlege mir ständig neue Angriffsstrategien, sodass kein Angriff wie der andere ist. Mal rase ich mit Höchstgeschwindigkeit auf die Beute zu, mal fliege ich scheinbar uninteressiert langsam vorbei, um dann blitzschnell zu wenden und zuzuschlagen. Mein Mensch muss mich die ganze Zeit über genau im Blick haben, um abschätzen zu können, wann ich genug trainiert habe. Dann lässt sie mich die Beute packen, und ich kann kröpfen6.

Manchmal lasse ich meinem Menschen keine Chance zu entscheiden, wann das Training vorbei sein soll, denn dann bin ich schneller und schlauer und greife mir die Beute. Je nach Wind kann ich beim Training eine Geschwindigkeit von bis zu 140 Stundenkilometer erreichen.

Mein Revier teile ich mir mit einem Turmfalken. Anfangs versuchte er mit Scheinangriffen sein Revier zu verteidigen und mich zu vertreiben. Mein Mensch sorgte sich dann um den Turmfalken, denn ich hätte ihn mühelos töten können, schließlich bin ich viel größer und stärker als er. Aber er begreift schnell, dass ich ihm seine Beute nicht streitig mache, denn mein Mensch bringt meine Atzung zum Training mit. Seit der Turmfalke das verstanden hat, stellt er sich während meines Trainings auf einen Baum in der Nähe und wartet, bis wir fertig sind. Danach kehrt er zurück zu seiner Wiese, um zu „rütteln“. Das bedeutet, er schlägt mit den Flügeln, verharrt aber auf einer Stelle in der Luft. Sobald er unter sich eine Maus auf der Wiese erblickt, stürzt er blitzschnell herab, um sie zu erbeuten.

Mein Mensch und ich sitzen oft auf einer Bank in der Nähe und schauen ihm zu. Die wenigsten seiner Angriffe sind erfolgreich. Er muss viel schuften für eine Maus. Und an extrem stürmischen Tagen kann er gar nicht jagen, da muss er hungern. Ganz schön hart, so ein Leben in der Natur, denke ich mir oft und putze die Essensreste, die noch an meinem Schnabel kleben, an der Jacke meines Menschen ab.

8 ~ Der Vierbeiner

Der Vierbeiner ist die Gelassenheit in Person. Anfangs dachte ich, es wäre nötig, ihn anzuschreien, um meine Position zu stärken. Aber ich merke schnell, dass mein strenger Blick genügt, damit der Vierbeiner unterwürfig zu Boden blickt. Damit haben wir im Handumdrehen meinen Status geklärt – ich bin der Chef. Als er mich das erste Mal draußen fliegen sieht, klappt ihm fast der Unterkiefer runter, so sehr erstaunt es ihn. Das hat er mir wohl nicht zugetraut. Ehrfurchtsvoll verfolgt er jede meiner Bewegungen, wenn ich an Höhe gewinne, in den Himmel steige, die Flügel anlege, um sogleich wieder herabzustürzen, und wenn ich elegant eine Kurve fliege.