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Beschreibung

Manche Geschichten in diesem Buch regen zum Schmunzeln an, andere zum Nachdenken und einige bleiben rätselhaft. In sonnigen, sinnigen und skurrilen Geschichten spiegeln sich die Wendepunkte des Lebens wider.

Ich wünsche viel Freude beim Lesen.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mein Mio

Sonniges Sinniges Skurriles

Meine Danksagung gilt den "Ersttätern" in Osnabrück, die für mich einen Meilenstein zur Entwicklung als Autorin bildeten. Und wie gerne erinnere ich mich an die vielen anregenden Gespräche mit meiner Autorenkollegin Rita Roth im Café Wellmann. BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Lügen haben kurze Beine

Missmutig stapfte Jennifer vom Schulhof. Sie mochte keinen Schnee und keine Kälte. Sehr zu ihrem Verdruss hatte sie im Januar Geburtstag, dem kältesten Monat im Jahr.

„Hey Süße!" John rannte mit großen Schritten hinter ihr her. "Nicht so schnell!"

Jennifer drehte sich zu ihm um: „Was is'n?"

„Ich wollte fragen … äh … hm … äh …"

„Mann! Spuck's schon aus!"

„Was bist'n du so aggro? Ich will doch nur höflich fragen … äh, was hast'n du Silvester so vor?"

„Hm, nichts. Also nichts Konkretes."

„Äh, wie wäre es dann mit einer Fete bei Micki? Wir sind so sechs, acht Leute. Die Mädels machen Salate und Knastpralinen. Na, was Mädels halt so brutzeln, ha ha ha ha. Es gibt jede Menge zu trinken und jede Menge gute Mucke. Die Fete geht bestimmt steil ab."

„Hm. Ja, ich könnte eigentlich mitkommen. Wann trefft ihr euch?"

„Um acht."

„Ja gut, ich ruf dich dann noch an. Okay?"

„Klasse Baby! Dafür bekommst du von mir noch eine Begleitung zur Bushaltestelle. Man weiß nie, wie gefährlich der Weg dahin ist. Ha, ha, ha."

Jennifer wurde etwas unbehaglich. John unternahm einige Annäherungsversuche, die sie unter seinem Protest abwehrte. Sie war froh, als der Bus endlich kam.

„Also du meldest dich noch bei mir? Kann ich mich darauf verlassen, Süße?", ließ sich John beim Einsteigen versichern.

„Ja, mach ich bestimmt."

Mit federnden Schritten ging John davon. Er fühlte sich einer Eroberung näher gekommen. Jennifers Begeisterung hingegen hielt sich in Grenzen. John sah gut aus mit seinem schlanken Körper und den dunklen Locken. Er hatte auch Humor, aber etwas an ihm störte sie. Sie konnte nicht sagen, was es war. Manchmal hatte er einen lauernden Blick. Sie fragte sich, ob sie wohl die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie hätte lieber mit ihrer besten Freundin im Hyde Park gefeiert. Das war es ja gerade, was ihr die Laune verdarb: Diana war an Grippe erkrankt und würde wohl Silvester ausfallen. Sie durfte sie noch nicht einmal besuchen. Infolge der vielen Erkrankungen hatte die Schule die Weihnachtsferien einige Tage vorgezogen. Das war wenigstens ein Lichtblick.

Die Tage vergingen, ohne dass sie etwas von Diana hörte. Sie reagierte auf keine Email, keine SMS. Ihre Mutter wiederholte am Telefon nur lakonisch, Diana sei noch krank. John versuchte sie zu erreichen, aber sie ignorierte es. Die Langeweile wurde durchbrochen vom Besuch ihrer Schwester, von einem Kinoabend und einem Wichtel-Flashmob auf dem Marktplatz. Die ganze Aktion war zwar witzig, aber der Inhalt ihres Geschenkpaketes war enttäuschend: ein paar alte CDs und etwas Schokolade. Endlich, ein paar Tage vor Silvester vibrierte ihr Smartphone.

„Oh Mann, Di. Endlich. Wieso hast du dich nicht früher gemeldet?"

„Na ja, das war schon krass. Ich hatte hohes Fieber, Übelkeit, Durchfall und den ganzen Mist. Und zu allem Überfluss musste ich noch ein paar Tage im Krankenhaus zubringen wegen Herzklabastern. Ich muss mich zwar noch ein bisschen schonen, aber bis Silvester bin ich wieder topfit. Also kommst du noch mit in den Hyde Park?"

„Eigentlich bin ich jetzt mit John verabredet."

„Mit John? Du meine Güte! Der ist doch irgendwie spooky."

„Ich weiß. So ganz behagt er mir auch nicht, ehrlich gesagt. Aber jetzt habe ich ihm zugesagt."

„Na, das lässt sich doch ändern. Dir ist eben was dazwischen gekommen. Lass dir was einfallen. Bitte komm mit. Im Hyde Park ist bestimmt allerhand los und jede Menge interessante Typen laufen da rum."

Jennifer ließ sich nur allzu gerne überreden: „Okay, ich komme Silvester gegen sieben bei dir vorbei."

„Na das ist doch ein Wort. Tschau bis dann."

„Tschau."

Jennifer zögerte es Tag um Tag hinaus, John anzurufen. Sie wand sich innerlich hin und her. Schließlich war es Silvester Nachmittag. Sie lag immer noch unschlüssig auf ihrem Bett. Jetzt musste sie etwas unternehmen. Doch John kam ihr zuvor:

„Mann! Was is'n los? Du wolltest dich doch melden? Was lässt du mich so zappeln?"

„Ja. Hm. Es ist mir etwas dazwischen gekommen. Meine Schwester ist krank geworden und jetzt muss ich auf meine kleine Nichte aufpassen."

„Was! Auf'm Silvesterabend willst du den Babysitter mimen? Das ist nicht dein Ernst!"

„Tut mir ja auch leid. Aber ich hab es ihr versprochen. Sie hat sonst keinen und meine Nichte ist eine kleine Süße."

„Mann ey! Das ist doch nur eine oberfaule Ausrede. Du hast nur keinen Bock."

„Nun. Nein. Tut mir ja echt leid, aber …"

„Ach fick dich!"

Wütend legte er auf. Jetzt hatte sie dieses unangenehme Gespräch hinter sich. Sie gestand sich ein, dass sie John nicht mochte. Mit einem Wink ihrer Hand fegte sie ihr schlechtes Gewissen hinweg und schwang entschlossen ihre Beine vom Bett. Auf einmal verging die Zeit wie im Flug. Schnell war sie gestiefelt und gespornt.

Diana war noch mit ihrer Hochsteckfrisur beschäftigt: „Hör mal. Das ist die neue von Ronan Keating. Hört sich groovie an, oder? Ich hoffe im Hyde Park gibt's gute Musik. Hier nimm! Meine Mutter hat die Berliner gekauft."

Fröhlich plaudernd genossen die beiden ihr Beisammensein. Die Bushaltestelle war nicht weit entfernt. Trotzdem kostete es einige Mühe, mit den dünnen Absätzen durch den frischen Schnee zu kommen. Es war kalt geworden und begann zu frieren. Sie traten von einem Fuß auf den anderen. Endlich kam der Bus. Die Fahrgäste standen dicht gedrängt. Einige waren auch schon angeheitert. Deshalb sah Jennifer ihn auch nicht sofort.

„Oh nein! Da ist John!"

Da arbeitete er sich auch schon zu ihr durch: „Ach nee, das nennt man heute also Babysitten? Was fällt dir ein, mir die Hucke voll zu lügen? Du blöde Tusse. Dir ist wohl was Besseres dazwischengekommen, hm? Jetzt hat der Mohr seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen, was?"

„John, äh ich …"

„Halt bloß das Maul. Da krieg ich echt die Wut. Ich könnte dir den Hals umdrehen. Verpiss dich bloß." Er baute sich drohend vor ihr auf. Sein Atem wehte ihr ins Gesicht und erzeugte Übelkeit. Er redete sich immer weiter in Rage und Jennifer wurde mulmig. Der Bus hielt wieder. Sie mussten Einsteigern ausweichen. Für einen Moment war John still. Im letzten Moment griff Jennifer nach Dianas Hand und zog sie zum Ausstieg. Sie sprang aus dem Bus, Diana mit sich ziehend. Dabei knickte sie um und brach sich einen Absatz.

John beobachtete es mit Genugtuung. Durch die schließende Bustür brüllte er ihr nach: „Ja, ja, Lügen haben kurze Beine!"

Die Erleichterung John entkommen zu sein, kämpfte mit der Wut über den gebrochenen Absatz.

„Junge, der ist wirklich spooky! Der kann einem ja Angst einflößen." Diana schnappte nach Luft.

„Verdammt meine schönen Stiefeletten sind hin. Ich kann mit diesem Absatz unmöglich weiterlaufen. Scheiße!" Tränen der Wut rollten über Jennifers Wangen.

„Ach komm. Vielleicht gibt es ja einen Schuhreparaturnotdienst." Diana bearbeite ihr Wischhandy.

„Jetzt am Silvesterabend? Vergiss es! Du musst allein in den Hyde Park."

„Mann Scheiße! Der nächste Bus fährt erst in vierzig Minuten. Wieso musste dieser schräge Typ auch ausgerechnet mit dem gleichen Bus fahren? Verdammt! Was sollte das eigentlich mit diesem Mohr?"

„Weiß ich auch nicht. John liest doch immer so komische Sachen, um sich wichtig zu machen. Komm lass uns erst mal auf den Stress einen trinken. Da vorne ist ein Grieche. Da genehmigen wir uns ein oder zwei Ouzo. Im Warmen lässt sich’s besser nachdenken."

Gesagt getan. Im Restaurant waren alle Tische besetzt. So setzten sie sich an die Theke.

Launig nahm der Wirt ihre Bestellung entgegen: „Na, an Silvester lass ich mal alle fünfe gerade sein, ho ho ho ho. Ihr wollt wohl vorglühen, was?" Als er das Malheur mit dem Absatz hörte, gab er sogar einen Ouzo aus. „Auf einem Absatz kann man ja schlecht stehen, ho ho ho."

Während sie ihre Ouzos tranken, tippte Diana ungeduldig auf ihr Smartphone ein.

„Was hast du?", wollte Jennifer wissen.

„Ach nichts. Ich bin mit Timo verabredet, aber der Arsch meldet sich nicht."

„Timo? Na, du hast keinen besseren Geschmack als ich. Der ist auch ein bisschen cranky. Der zieht doch jede mit Blicken aus. Ich möchte nicht wissen, wie viele der schon vernascht hat. Ah, du legst es drauf an, oder?"

Diana wand sich und prustete dann los. Sie lästerten noch über die „Typen" im Allgemeinen und John und Timo im Besonderen. Bei ihrem fünften Ouzo angelangt, fiel Ihnen der Bus ein. Ungeduldig zahlten sie. Eingehakt kichernd und leicht torkelnd öffneten sie die Tür und sahen gerade noch, wie sich die Bustür schloss. Den Eisregen ignorierend, der eingesetzt hatte, riss nun Diana Jennifer mit sich. Glatter Bürgersteig, dünne Absätze und der Schwips machten ihre Landung perfekt. Die Kleider verschmutzt, die Strumpfhosen durchlöchert und die Popos schmerzten. Die feinen Hochsteckfrisuren verformt zu Wischmopps. Nun fehlte bei Diana ebenfalls ein Absatz. Silvester war jetzt ganz im Eimer.

Aber Jennifer prustete los: „Hi hi hi hi, wir sehen aus wie die letzten Schabracken. So können wir gar nicht mehr unter die Leute gehen zum Teufel. Gehen? Gehen kann ich sowieso nicht mehr, hi hi hi hi. Ich ruf jetzt ein Taxi. Ich lass mich nach Hause chauffieren wie eine Lady."

„Wie eine Lady? Du kannst froh sein, wenn der Taxifahrer uns so mitnimmt."

„Ah, uns hast du gesagt. Du kommst also mit? Na dann los, eine Badewanne wartet, und eine lange Filmnacht. Diana weißt du was?"

„Nee."

„Hi hi hi hi, du hast den rechten Absatz verloren, ich den linken. Hi hi hi hi, wir passen zusammen wie Topf und Deckel. Wen hast du denn angelogen? Hm? Sag! Raus mit der Sprache!"

„Na ja, meine Mutter. Ich habe gesagt, ich übernachte bei dir."

„Ha, erwischt! Du legst es echt drauf an mit Timo, was."

Diana wieherte los: "Hü hü hü hü, jetzt ist die Lüge zur Wahrheit verdreht. Jetzt übernachte ich doch bei dir. Warum nicht gleich so? Hm? Hü hü hü hü. Wenn wir so weitermachen, rutschen wir auf unseren Popos ins neue Jahr."

Der Taxifahrer? Er nahm die beiden mit. Er hatte Mitleid mit ihnen und brachte sie wohlbehalten zu ihrem Ausgangspunkt zurück.

 

Ein echter Hottie

Die schmucke Villa vibrierte von den dumpfen Bässen. Sie wirkte kalt und abweisend. Lag es an den Eis bedeckten kahlen Pflanzen oder den blauen Strahlern, die die Einfahrt säumten? Michael wusste es nicht. Unter seinen Schuhen knirschte der Schnee. Der feine Abendanzug sei erwünscht. So hatte man ihm gesagt. Ihn fröstelte.

Eine Hausangestellte in Schwarz mit weißer Cocktailschürze öffnete und bot ihm gleich ein Glas Sekt an. Er wanderte von Raum zu Raum zu dem weiträumigen Wohnzimmer. Ein schwerer Duft von Alkohol, Zigaretten, Cannabis und Schweiß ließ ihn zurücktaumeln. Er hatte nicht vorgehabt, Silvester hier zu verbringen. Aber man hatte ihm gesagt, Kristin sei hier. Sehnsüchtig suchte er den Raum nach ihr ab. Er blieb unentschlossen stehen.

‚Na ja, ein Bier kann ich ja erstmal trinken.’ Michael arbeitete sich durch das Gedränge. Männer im feinen Smoking und Frauen in eleganten Abendkleidern wiegten sich im monotonen Rhythmus der Musik. Hier und da standen Pärchen eng umschlungen. Sie erinnerten ihn an Kristin. Fast vier Monate hatte er jetzt nichts von ihr gehört. Auf der Abiturfete fing es an. Kristin hatte ihn verführt. Sie lockte ihn in einen leeren Klassenraum, zog ihm das Hemd aus und öffnete seine Hose. Ihr weicher Mund glitt von seiner behaarten Brust über den Bauchnabel weiter hinunter ... Bei den Gedanken daran stöhnte er und ein Feuer durchströmte seine Oberschenkel. Kristin war zwar nicht seine erste sexuelle Erfahrung, aber er war und blieb schüchtern. Als DLRG-Trainer war seine ruhige, besonnene Art von Vorteil. Doch Frauen gegenüber war sie ein Hindernis. So fand er. Liebten sie doch diese Macho-Typen. Umso überraschter war er, als Kristin begann ihn anzubaggern. Ihre offene Art faszinierte ihn, forderte ihn heraus. Einen Sommer lang genoss er ihre erotischen Zaubereien. Er war hemmungslos in sie verliebt. Dann folgten der Herbst und die Trennung. Kristin zog fort nach Gießen zum Medizinstudium. Er wollte hinterher reisen, Zahnmedizin studieren. Doch der Numerus clausus durchkreuzte seine Pläne. Dafür trat er ein Praktikum im Zahntechnik-Labor seines Vaters an. Der Kontakt zu Kristin war abgebrochen. Auf seine Briefe, E-Mails und SMS hatte sie nie geantwortet …

Michael entdeckte sie in der Küche. „Kristin! Kristin!“

„Oh, Mick! Du hier?“

„Schön dich wiederzusehen. Ich habe oft versucht, dich zu erreichen.“

„Ach, ich muss so viel pauken. Dauernd schreiben wir Klausuren und so. Ich hab’ kaum Zeit. Darum bin ich auch nicht dazu gekommen … Wart’ mal … Hey!” Sie hielt sich ihr Smartphone an ein Ohr.

Michael beobachtete, wie sie die üppigen roten Lippen zu einem Schmollmund formte. Aus dem blonden, lockeren Haarknoten löste sich eine Strähne und verfing sich im tiefen Spitzenausschnitt ihres schwarzen Etui-Kleides. Ihre runden Brüste quollen herausfordernd hervor. Hatte sie da nachgeholfen?

Endlich wandte sie sich ihm wieder zu. „Und du? Immer noch im Praktikum bei deinem Vater?“ Ein verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ist ja auch einfacher, sich ins gemachte Nest zu setzen. Irgendwann übernimmst du dann den Betrieb, nicht wahr? Na dann bist du ja das, was man eine gute Partie nennt. Aber …“ Wieder holte sie ihr Smartphone hervor. „Hey du bist auch hier auf dieser Party? Wo denn? ... Hier gibt’s einen Pool? Geil! Ich komme.“ Mit einem „Ich muss mal kurz weg, Mick. Geld für mein Studium verdienen.“, tänzelte sie lachend davon.

Michael konnte es sich nicht verkneifen, ihr hinterherzugehen. Er beobachtete, wie sie sich so einem schmierigen Typen in die Arme warf und mit ihm hinter einer Tür verschwand.

Er holte sich ein Bier und wartete.

„Na, Mick?“ Rico gesellte sich zu ihm, der Gastgeber. Michael hatte ihn nie gemocht, so aalglatt und verschlagen wie der war. Auch Rico hatte damals ein Auge auf Kristin geworfen. Aber sie hatte ihn abgewiesen.

„Wie gefällt dir die Party? Hast du Kristin schon gesehen? Ein richtiger Hottie, nicht wahr? Der Escortservice hat mit ihr einen guten Fang gemacht. Ich hab’ sie für heute Abend engagiert. – Ah, jetzt bist du geflashed! Du hast es nicht gewusst?“ Rico lächelte boshaft und wandte sich ab.

Trotz seines Schocks konterte Michael mit: „Na, ich hatte sie wenigstens umsonst!“

Ricos Mundwinkel zuckten.

Michael trank ein weiteres langweiliges Bier. Er wollte Gewissheit. Endlich erschien Kristin wieder, mit einem Kerl im Arm. Er griff grunzend nach ihrem Po und steckte ihr einen Geldschein in den Ausschnitt. Michael konnte sich gut vorstellen wofür.

Michael hatte genug gesehen. Er trat hinaus in die klirrende Kälte und sog die klare Luft ein. ‚Zeit für eine Veränderung. Das ist nicht meine Welt und wird es auch nie werden.’, dachte er.

 

 

Die Premiere

 Kennen Sie das auch: Beim ersten Mal geht alles schief? Sie sind kaum eingearbeitet bei einer neuen Stelle, schon sollen Sie alleine loslegen. Und prompt geht alles daneben.

Mir ist das nicht nur einmal so ergangen. Beim ersten Mal geht bei mir immer schief, was nur schief gehen kann. So zum Beispiel als ich den neuen Job im Schlaflabor bekam. Ich war hoch erfreut, diese Stelle ergattert zu haben. Sie war anspruchsvoll und recht einträglich für einen Nebenjob. Gut wollte ich meine Sache machen; denn etwas Besseres ist auf dem Stellenmarkt kaum zu finden.

Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Patienten mit Schlafstörungen zuhause zu betreuen. Dazu wurden sie mit aufwendigem elektronischem Gerät verkabelt, um Hirnwellen, Augenbewegungen, EKG und Muskelspannungen während des Schlafes aufzuzeichnen. Abends um neun wurden die Patienten angekabelt und am nächsten Morgen ab sechs Uhr wurden die Geräte wieder abgenommen. Danach ging's dann ab ins Schlaflabor zur Auswertung am PC.

Nur dreimal hatte ich verschiedenen Kollegen über die Schulter schauen dürfen. Das war verwirrend, denn jeder der drei zog die Strippen etwas anders. Da hieß es schon: „Morgen Abend hast du deinen ersten Patienten. Du brauchst die Geräte nicht erst bei dir ausprobieren. Das schaffst du auch so."

‚Morgen Abend schon! Dabei hatte ich noch so viele Fragen. Ich hatte bisher nur zugeschaut, und nicht unter Anleitung angekabelt, geschweige denn allein …’

Auf dem Weg zu diesem ersten Patienten raste mein Herz und die Finger zitterten. Ich sollte nicht so viel Kaffee trinken, erinnerte ich mich. Eigentlich konnte nichts schief gehen. Ich hatte mir den Ablauf genauestens notiert, einen Schaltplan gezeichnet und einlaminiert.

„Alles wird gut.", redete ich mir ein, als ich aus dem Wagen stieg.

Ich schnappte mir meine Umhängetasche vom Beifahrersitz und hievte die schwere Gerätetasche aus dem Kofferraum. Nach einmaligem Klingeln öffnete sich schon die Haustür und die Ehefrau geleitete mich ins Wohnzimmer. Dort harrte ihr Mann der Dinge, die da kommen sollten. Ich begrüßte ihn und erklärte ihm meinen Arbeitsplan. Das heißt, eigentlich erklärte ich ihn seiner Frau, denn sie stellte mir einige Fragen. Der Ehemann nickte nur und sagte hin und wieder: „Ja."

Währenddessen kramte ich in meiner Umhängetasche nach meiner Brille. ‚Verdammt! Die muss doch da sein!' Ich hatte sie eingesteckt. Das wusste ich genau. Oder etwa nicht? Nun gut! Das Ankabeln ging ja erstmal ohne Brille. Aber ich musste den Rekorder am Patienten nachher über den Laptop starten. Ohne Brille ging das beim besten Willen nicht …

Ich bereitete zunächst die Gerätschaften auf dem niedrigen Marmortisch aus: Elektroden, Tupfer, Desinfektionsmittel, Brustgurt mit Rekorder, Bauchgurt … Dann bearbeitete ich den Mann, klebte die Elektroden an, legte die Gurte um, setzte die Kabel. Ich arbeitete schweigend, denn ich musste mich konzentrieren. Währenddessen wurde ich aufmerksam von zwei Augenpaaren beobachtet. Gott sei Dank hatte ich meine Arbeitsanleitung und meinen Schaltplan nicht vergessen. Langsam arbeitete ich mich voran, der unausweichlichen Wahrheit entgegen: Ich musste den Laptop starten.

„Eh. Hm. Ich habe meine Brille vergessen. Ich bräuchte da mal Ihre Hilfe.", wandte ich mich an das Ehepaar und wiegte den Kopf hin und her. Schweißperlen traten mir auf die Stirn.

„Was sind Sie denn?", fragte die Ehefrau.

„Weitsichtig."

Sie sprang bereitwillig auf. „Das bin ich auch. Vielleicht hilft Ihnen ja meine Brille."

Gott sei Dank! Die Brille hatte in etwa meine Stärke. ‚Nur weiter jetzt!' Nun konnte ich den Laptop starten und mit ihm den Rekorder am Patienten steuern. Jetzt musste eigentlich alles klappen. Ich fuhr mit dem Finger über die Schaltfläche. Ich öffnete verschiedene Fenster und – auf einmal wusste ich nicht weiter. Ich testete hin und her: ein Fenster schließen, das nächste öffnen, auch dieses wieder schließen und das vorherige wieder aufmachen. Es half alles nichts. Es fiel mir die Handhabung nicht mehr ein. Ich musste eine Kollegin anrufen.

Ein zweites Mal kramte ich in meiner Umhängetasche. Dieses Mal auf der Suche nach meinem Handy. Es musste doch da sein. – War es aber nicht. Erneut überflutete mich eine Schweißwelle.

Ich drehte mich zu dem Ehepaar um. „Äh, das Handy ist mir aus der Tasche gefallen. Ich muss mal kurz im Auto nachschauen."

Ich hastete zum Wagen. Ich tastete herum und fand es auf dem Beifahrersitz. Meine Brille fand ich nicht. Zurück im Wohnzimmer schaltete ich das Handy ein und suchte Melanies Nummer. Kaum hatte sich Melanie gemeldet, meldete sich das Handy ab.

Wieder wandte ich mich Hilfe suchend an die Ehefrau: „Der Akku ist leer."

„Eh, dann nehmen Sie mein Mobilteil."

„Äh, haben Sie auch die Nummer vom Schlaflabor?"

„Ja, ja." Die Frau kramte in Papieren auf einem Schreibtisch und zog eine Visitenkarte hervor.

„Danke. Ich muss im Schlaflabor anrufen. Ich habe die Nummer der Kollegin nicht im Kopf." Ich zuckte entschuldigend die Schultern.

Gut, dass das Schlaflabor jeden Abend besetzt war. Man gab mir Melanies Nummer und ich rief erneut bei ihr an. Melanie meldete sich ein zweites Mal und – das Mobilteil meldete sich ab. Jetzt war ich einem hysterischen Lachkrampf nahe.

Ich sah die Ehefrau an, mühsam mir das Lachen verbeißend: „Hm, öh, hm. Der Akku ist leer."

„Eh. Wir haben ein zweites Mobiles." Wieder sprang sie bereitwillig aus dem Sessel.

Endlich konnte ich mit Melanies Hilfe diese elende Kabelei zu Ende bringen. ‚Nun nur noch Blutdruck messen – und dann nichts wie weg hier!’

„Das Abkabeln morgen früh geht dann aber ruckzuck", versicherte ich dem Ehepaar noch beim Hinaushasten.

Im Wagen sah ich meine Brille wieder. Sie lag auf der Erde vor dem Beifahrersitz. Sie war wie das Handy aus meiner Tasche gefallen. Das war mir weder vor diesem Tag noch danach je wieder passiert.

Einige Tage später nahm mich ein Kollege beiseite. „Du bräuchtest nicht so hektisch sein, soll ich dir ausrichten. Von wem das auch immer kommen mag.", bemerkte er und hob die Schulter hoch.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen und ich arbeite immer noch in diesem Schlaflabor. Mittlerweile zähle ich zu den alten Hasen, und die Routine hat der anfänglichen Unsicherheit Platz gemacht.