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Mein Rio de Janeiro zeigt lebensnahe Eindrücke der abenteuerlichen Metropole am Atlantischen Ozean in all ihren Schattierungen und ihrer Vielseitigkeit aus Sicht einer dort lebenden Münchnerin. Dieses kompakte Büchlein nimmt den Leser mit auf eine Reise in Brasiliens Schmelztiegel Rio de Janeiro zur Zeit der Olympischen Spiele 2016 - mit vielen persönlichen Insider-Tipps und zahlreichen Farbfotografien. Es ist nicht nur eine wertvolle Informationsquelle für Besucher und Auswanderer, sondern auch ein Einblick in Geschichte, Gesellschaft und reichhaltige Kultur dieser wunderbaren Stadt.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Meiner Tochter gewidmet.
Vorwort
Com todos os Sentidos
Rio sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen
Mais que nada!
Künstlerische Kreise einer Stadt mit Kulturerbe
X-Burger & X-Mas
Die Crux mit der Sprache
Rio Surreal
Infrastruktur, Bürokratie und Inflation
Cariocas são bacanas
Klasse Leute und Klassenunterschiede
Futebol é minha Praia
Sport, Strand und Körperkult in Rio
Cruz credo!
Religion, Aberglaube und Spiritualität
Toma cuidado!
Vorsicht unerwartete Gefahr
Mãe Natureza
Unberührte Natur und Umweltsünden
Das Jahr endet in Rio mit dem
Carnaval!
Rio de Janeiro
- Karte
Als gebürtige Münchnerin und reiselustige Freiberuflerin landete ich 2008 in Brasilien. Eigentlich wollte ich auf meiner Reise nur für ein paar Tage eine Freundin in der Millionenmetropole Rio de Janeiro besuchen, doch die Stadt zog mich von Anfang an in ihren Bann. Bislang hatte ich keinen Ort mit solch einer lebendigen und vielseitigen Tanz- und Musikszene kennengelernt.
Ich folgte meinem inneren Ruf und der großen Faszination für Samba, dem exotischen Rhythmus, der dort seine Ursprünge hat. Nach einigen bürokratischen Hindernissen gelang es mir, mit einem Studentenvisum brasilianischen Tanz und Kultur zu studieren.
Nach den ersten Wochen und Monaten wurde mir klar, Rio ist viel mehr als Samba, Zuckerhut und Karneval. Es ist eine bunte Welt voller Kontraste, mit kulturellen Highlights und vielschichtigen Realitäten. Es ist eine Stadt, in der das Leben sehr intensiv ist, in der man ständig Neues entdeckt, vieles „er-leben“ kann und in der alle Sinne angesprochen werden – positiv wie negativ…
So verbrachte ich die nächsten acht Jahre in der Metropole, erst als Touristin, dann als ausländische Studentin, später als Ehefrau eines Brasilianers, Mutter einer binationalen Tochter, als Berufstätige sowie als offizieller Rio-Tourguide – detailliertere Einblicke in das Leben von Rio gewann ich erst nach einigen Jahren im Land und besserem sprachlichen Verständnis.
Dieses Buch handelt von der kulturellen Vielfalt und den Sonnen- und Schattenseiten der ehemaligen brasilianischen Hauptstadt am atlantischen Ozean. Rio wird geliebt und gehasst, begeistert bereist und gemieden. Wenige Städte polarisieren so wie diese – die „Cidade Maravilhosa“, die „wunderbare Stadt“, wie die Cariocas, die Einwohner Rios sie gerne nennen.
Gleichzeitig vereint Rio eine Vielzahl an Lebensaspekten, von denen der Mensch träumt: Meer und Berge, Strand und Wald, Sport und Erholung, Musik, Tanz und authentische Kultur.
Nina Deyringer Xavier
Rio de Janeiro gilt als eine der schönsten Städte der Welt. Dank der unglaublichen Kulisse, in der sich Skyline und Urwald eng aneinander schmiegen und faszinierende Berg- und Felsformationen sich im Meer spiegeln.
An den „Hingucker“-Sehenswürdigkeiten der Stadt kann man sich kaum satt sehen. So wie am berühmten Pão de Açúcar, dem Zuckerhut, der sich als riesiger konischer Granitfels über den Stadtteil Urca erhebt A1auf der Karte S.→). Die moderne Gondelbahn bringt einen schnell auf den Gipfel von wo man einen atemberaubenden Ausblick auf die Stadt hat.
Ganz oben auf dem höchsten Berg in Rios Südzone – dem Corcovado – thront majestätisch in über 700 Meter über dem Meerespiegel der Cristo RedentorA2. Als das berühmte Wahrzeichen der Stadt scheint er jeden Menschen schützend mit offenen Armen zu empfangen. Am 7.7.2007 wurde er zu einem der Sieben Weltwunder der Neuzeit ernannt.
Durch seine Höhenlage blitzt er immer wieder wie magisch aus tausend verschiedenen Blickwinkeln hervor, während man sich durch die Stadt bewegt. Nachts hell beleuchtet, erscheint er selbst bei Dunkelheit strahlend über den Dächern Rios.
Die meisten Besucher lassen sich eine Fahrt mit der Zahnradbahn auf den Corcovado nicht entgehen, um den Ausblick vom Fuße der 32 Meter großen Art Déco Statue aus zu genießen. (Nahaufnahme auf S. →)
Die Fahrt vom Stadtteil Cosme Velho aus führt durch tropischen Regenwald hinauf auf den Gipfel mit einem Rundum-Blick auf Rio, den Nachbarort Niterói und den Atlantischen Ozean bis hin zum Horizont.
Von dort oben, erhält man einen ersten Eindruck von den unterschiedlichen Regionen der Stadt: Von der wohlhabenden Zona Sul(Südzone in der Nähe der Strände) über das dicht bebaute Centro (das kommerzielle Zentrum) bis hin zur kaum überschaubaren Zona Norte (Nordzone).
Wegen des günstigeren Grundpreises expandiert sie ständig, ebenso wie die Zona Oeste (Ostzone), die jedoch wegen einer davorliegenden Bergkette und dem mächtigen Pedra da Gávea (Stein von Gávea) S7 vom Cristo aus nicht mehr sichtbar ist.
Wahrzeichen der Stadt: Pão de Açucar - der Zuckerhut
Blick auf Rio de Janeiro vom Gipfel des Zuckerhuts aus
Rios Berghänge sind Teil des Mata Atlântica, einem der artenreichsten Waldgebiete der Erde. Allerdings entstanden an den vielen Morros (Hügeln) der Stadt im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer weiterwachsende Favelas (Armenviertel), die den Wald zunehmend zurückdrängen.
In diesen gigantischen Labyrinthen leben über die Stadt verteilt inzwischen rund 2 Millionen Menschen in ihren improvisierten Behausungen. Viele der Favelas sind nur über schmale Trampelpfade erreichbar und liegen bis zu 500 Meter über dem Meeresspiegel.
Die armen Viertel grenzen oft unmittelbar an die reicheren an und sind daher Sinnbild für die extremen Kontraste sowohl der Stadt Rio, wie auch des gesamten Landes. Direkt neben den Stadtteilen Ipanema, Jardim Botânico und Leblon, den teuersten Wohngegenden Brasiliens mit Quadratmeterpreisen von bis zu 8 000 € (Stand 2016), liegt die größte Comunidade (Armengemeinde) Lateinamerikas – die Favela RocinhaC1, die allein rund 200 000 Einwohner in zusammengeschusterten Häuschen beherbergt. Die Rocinha ist nur eine der rund 16 großen und unzähligen kleinen Favelas Rios.
Im Künstlerviertel Santa Teresa sind die Gegensätze ebenso gewaltig: Während man hier luxuriöse Villen, exklusive Restaurants und Hotels, ja sogar ein bewohntes Schloss vorfindet, erstreckt sich nur wenige hundert Meter weiter die Armengemeinde Morro dos PrazeresC2 über die Anhöhen.
Um den Transport von Menschen und Gütern in den Favelas zu erleichtern, überquert seit 2011 ein weitreichendes Gondelbahn-Netzwerk die Hügel des sogenannten Complexo do Alemão (Komplex des Deutschen) C3 in der Nordzone der Stadt. Der Name geht auf einen früheren Besitzer des Terrains zurück, einen Polen, der fälschlicherweise als „Deutscher“ bezeichnet wurde.
Die Comunidade Santa MartaC4 in Botafogo diente 1996 als Schauplatz für das Musikvideo von Michael Jacksons „They don´t care about us!“ und 2010 für einen Videoclip von Alicia Keys & Beyoncé.
Bewohntes Schloss im Stadtteil Santa Teresa
Armengemeinde Morro dos Prazeres ganz in der Nähe im Viertel Santa Teresa
Die erste Favela Rios entstand bereits Ende des 19.Jahrhunderts auf dem Morro da ProvidênciaC5 durch den Zuzug freigelassener Sklaven aus der Kolonialzeit. Weitere Siedlungen wuchsen in den 1950er Jahren durch die große Zuwanderung von Brasilianern aus ärmeren Regionen des Landes, vor allem aus dem Norden und Nordosten.
Gegen Ende der 1970er begannen verschiedene Drogenbanden die Herrschaft auf den Morros zu erringen. Erst 2008, nahezu 40 Jahre später, installierte die Regierung die ersten UPPs, Einheiten der sogenannten Befriedungspolizei, und reduzierte damit die Kriminalität in diesen Vierteln stark. Leider wurden durch diese Maßnahmen viele der Probleme nicht gelöst, sondern ins Umland verlagert.
Seit es in manchen Favelas, wie dem VidigalC6 sicherer geworden ist, werden sie zunehmend attraktiver für Touristen. Allmählich wird es sogar zur „Mode“, in einer Favela zu wohnen. Auf den Morros eröffnen inzwischen immer mehr Bars, Restaurants und Hostels.
Viele Favela-Bewohner sind stolz auf „ihr Grundstück“, auch wenn die meisten Behausungen ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Denn von hier oben haben Bewohner wie Besucher einen spektakulären Ausblick auf Stadt und Ozean.
Besonders Stimmungsvoll sind aus dieser Perspektive die Sonnenaufgänge und -untergänge mit freien Blick auf den Horizont. Jeden Tag malt die Natur aufs neue farbenprächtige Wolkenkunstwerke an den Himmel.
Die Sonne geht in diesen Breiten relativ konstant um ca. 6 Uhr auf und in den Wintermonaten bereits zwischen 17 und 18 Uhr unter. Bedingt durch die Zeitumstellung verschwindet sie in den Sommermonaten der Südhalbkugel im Dezember, Januar und Februar, erst zwischen 19 und 20 Uhr am Horizont.
Sehenswert ist ein Sonnenuntergang auch am Strand, vor allem in der Gegend von Ipanema. Traditionell versammeln sich einige hundert Menschen abends am Arpoador-Felsen A3. Sie applaudieren, wenn die Sonne, der Astro Rei (Königs-Stern), wie sie hier genannt wird, scheinbar im Meer „versinkt“.
Wird es Nacht in der Stadt, verschwinden die bunten Favela-Hütten in der Dunkelheit und es erscheint nur noch ein schillerndes Lichtermeer, wie funkelnde Sterne an den Hängen Rios.
Blick von der Comunidade „Vidigal“ auf den Stadtteil Ipanema und den Atlantik
Sonnenuntergang am Arpoador mit Blick auf Meer, Dois Imãos und Morro Vidigal
So vielfältig wie die Landschaft sind auch die Einwohner Rios, die dank ethnischer Vermischung alle Hautfarben aufweisen. Und auch die Kleider der Cariocas sind bevorzugt bunt: von neon-grün, über pink, knall-gelb, gestreift, gepunktet bis hin zu fröhlich geblümt.
In den Strandvierteln, wie der Copacabana, sieht man elegante Anzugträger mit Hemd und Krawatte, in Lumpen gekleidete Menschen, Bikini-Top tragende kurvenreiche Damen oder Surfer im Neopren-Anzug mit Brett unterm Arm. All dies ist ganz ‚normal‘ in Rio und so ungezwungen wie kaum sonst wo auf der Welt.
Brasilien ist der größte Schuhproduzent in Lateinamerika sowie der drittgrößte Produzent weltweit – der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Die Cariocas tragen elegante Stöckelschuhe, flache Ballarinas oder sportliche Tennisschuhe, stolzieren auf abenteuerlich hohen Plateau-Schuhen, laufen barfuß oder in Stiefeln – selbst bei tropischen Temperaturen. Doch die meisten sind auf Rios Straßen mit Flip-Flop-Zehsandalen unterwegs, hier Chinelos oder auch Havaianas genannt. Es gibt sie in allen nur erdenklichen Farben, Mustern und Ausführungen. Sie haben Kult-Status und sind Teil des lockeren Lifestyles.
Die schwungvolle Mentalität, zeigt sich auch in den markanten Straßenpflastern. Schwarz-weiße Wellenmuster säumen die charakteristischen Strandboulevards von Copacabana, Ipanema, Leblon, und São Conrado. Die Stadt ist weltbekannt für diese Gehwege mit organisch geschwungenem Design – sie sind aber auch symbolisch für die Dualitäten, die einem hier täglich begegnen: Zwischen den freudestrahlenden Gesichtern prägen zahlreiche bettelnde Obdachlose, darunter sogar Kinder und Kranke, das Straßenbild. Sie zeigen ungeschminkt die Realitäten des Lebens in einer Stadt, in der viele ums Überleben kämpfen.
Oft nur ein paar Schritte entfernt lassen Kinder ihre Papierdrachen, Pipas oder Cafifas genannt, steigen. Ein weiteres Symbol für dieses Land – fröhlich und bunt wie das Volk selbst – tanzen sie am Himmel.
Rio ist ein so malerischer Ort, der viele bildende Künstler inspiriert. Jeden Abend sind die Werke der in Rio ansässigen Künstler an der Avenida Atlântica, der Strandpromenade an der Copacabana, zu bewundern und zu kaufen.
Gehweg mit charakteristischem Wellenmuster an der Promenade der Copacabana
Fußgängerweg mit organischem Muster am Strand von Leblon und Ipanema
Nur wenige Meter weiter erscheint dort auch der neue Bau des MIS (Museu do Imagem e do Som)M1 ein Museum, das an seiner Front einen serpentinenartig verschachtelten Boulevard mit Blick aufs Meer bietet und 2016 eröffnet werden soll.
Vielerorts wird auch die Stadt selbst zum Kunstwerk – talentierte Straßenkünstler verzaubern graue Wände mit Graffiti in fantastische Welten. Sie sind in der ganzen Stadt verteilt, am häufigsten in den Vierteln Lapa, Santa Teresa, Botafogo, Maracanã
