Mein Sonntag in Münster - Werner Zillig - E-Book

Mein Sonntag in Münster E-Book

Werner Zillig

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Beschreibung

Es fällt mir ein wenig schwer, von all dem zu erzählen. Aber dennoch – es ist so: Seit über zehn Jahren, seit ich in Münster lebe, treffe ich sie jeden Sonntag. In der Regel am Nachmittag, und sie ist, wie ich verlässlich weiß, von einem fremden Planeten. Ich erinnere mich: Vor einigen Jahren habe ich einmal gefragt: "Woher kommst du?" Damals habe ich gesagt: "Deine Heimat muss viele Lichtjahre von der Erde entfernt sein. Unsere Astronomen hätten sie sonst ja längst entdeckt." Sie hat darauf nur geantwortet: "Mach' dir darüber keine Gedanken. Entfernung und Zeit, das sind irdische Begriffe. Für uns liegt die Erde sozusagen – direkt um die Ecke. Verstehst du?" (Mein Sonntag in Münster) Diese Zusammenstellung enthält alle Science-Fiction-Geschichten, die Werner Zillig zwischen 1978 und 2001 veröffentlicht hat. Und dazu eine für diesen Band geschriebene Erzählung, die den ›Sonntag in Münster‹ abschließt und erklärt.

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EPUB
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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Werner Zillig

Mein Sonntag in Münster

Science-Fiction-Erzählungen 1978–2014

AndroSF 85

Werner Zillig

MEIN SONNTAG IN MÜNSTER

Science-Fiction-Erzählungen 1978–2014

AndroSF 85

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juni 2017

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Lothar Bauer

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi

Lektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda, Xlendi

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 095 5

Werner Zillig

Mein Sonntag in Münster

Science-Fiction-Erzählungen 1978–2014

Die Finger im Licht

»Hier bist du verloren!«, sagte er.

Er trat auf mich zu, als ich versuchte, durch die Tür zu gehen. Er wollte mich nicht einlassen. Er versuchte, mich durch seine Worte am Weitergehen zu hindern. Er trat mir in den Weg, als ich dennoch weiterging. Ich sagte ihm nur den einen Satz. Ich sagte ihm, ich sei nicht der, den er sehe, ich sei überhaupt nicht da. Er schaute mich starr und ohne Verständnis an. Ich ging an ihm vorbei.

Der Raum ist leer. Er ist so vollkommen leer, dass es mir jetzt, nachdem ich mich zwei- oder dreimal gedreht habe, unmöglich ist zu sagen, woher ich gekommen bin. Ich drehe mich um, ich suche. Ich höre ein Lied. Das hat man an dem Feuer gesungen, in dem ich verbrannt bin. Das Lied weist mir keinen Weg. Ein Bündel Papier fällt ganz langsam auf einem schräg gestellten Kissen, gleitet mit einem kratzenden Geräusch, das ihm Leben eingibt. Auch das unbeschriebene Papier weist mir keinen Weg. Das Papier, auf dem Worte geschrieben sind, ist nur beschrieben, um mich zu verwirren. Die Tür ist ins Schloss gefallen. Sie ist von der Wand aufgenommen worden. Die Tür gibt es nicht mehr. Es gab nie eine Tür, es wird keine Tür geben. Aber ich bin stark genug, dieses Wissen zu ertragen, und ich suche nach der Tür, durch die ich gekommen bin und die es trotzdem nicht gab und nicht gibt und nicht geben wird. Der Raum ist dunkel, so dunkel, als gäbe es kein Licht. Es flackern nur Gedanken auf, ich denke an das Feuer, in dem ich verbrannt bin. Und ich glaube, zu leben.

Ich habe hierher kommen müssen, ich hatte nie eine Wahl. Der Mann vor der Tür war der Letzte, der mich hätte aufhalten können, aber er war nicht unüberwindlich. Er war nicht unbezwingbar, ja, er war nicht einmal stark. Er hatte die Gewissheit, und ich nahm sie ihm, und er verging. Draußen, außerhalb des Raumes, haben sie immer gewusst, dass es, steht man vor einer Tür, möglich ist, einzutreten oder wegzugehen.

Aber Wissen ist nichts. Es gibt diese Möglichkeit nicht, was hätte ich tun sollen? Ob ich aus einer Höhle komme oder von einem Berg, ob ich blind bin oder halb sehe, es gibt keinen anderen Weg. Ich bin in einem Raum und war nie außerhalb des Raumes. Ja, ich rede von draußen, aber warum eigentlich? Ich könnte von Städten reden, von den Menschen und ihren Gesichtern, ihren Haaren. Ich könnte von den Steinen reden. Aber alles ist draußen, nicht hier. Und dennoch: Nichts ist draußen, überhaupt nichts. Es ist nicht leicht zu sprechen. Wie schlägt man ein Licht, wenn man weiß, dass es kein Licht gibt? Es ist schwer, ein Wort zu sagen, ein Wort zu schreiben, wenn man weiß, dass es in einem Raum steht, den es nie verlassen wird.

Hier geschieht nichts. Hier lohnt es sich nicht, einen anderen zu kennen. Hier kann nichts heraus, und hier kann nichts herein. Hier gibt es nichts, worin ich mich betrachten könnte. Es gibt keine Spiegel. Es gibt die Erinnerung an das Feuer.

Ich kenne ihren Unglauben.

Ich kenne ihren Unglauben, und deshalb habe ich ihre Gesichter aufgesetzt, wenn ich auf die Straße ging. Nun gibt es die Straßen nicht mehr, und weder Unglaube noch Glaube existieren. Es gibt die Furcht, aber die ist nicht in diesem Raum. Jahrelang bin ich durch sie hindurchgegangen, seit dem Tag, an dem er mich von der Tür abzuhalten suchte. Aber es gibt den Mann vor der Tür nicht.

Zuerst ging ich mit ausgestreckten Händen, weil ich erwartete, an eine Wand zu stoßen. Jetzt gehe ich immer noch, doch ich strecke die Hände schon lange nicht mehr aus. Ich wollte, ich liefe gegen eine Wand. Ich wollte, ich zerschlüge mir daran mein Gesicht, ganz.

Irgendwo steht auf einem runden Tisch, auf dem ein rotes Wachstuch liegt, eine braune Limonadenflasche, ein kleines Blechgefäß mit Curry gefüllt, ein Band von Marcel Prevost, Lettres à Françoise, ein weiteres Buch. Eine Anzahl von Zetteln liegt neben einem niedrigen Glas. Vielleicht steht auf einem dieser Zettel, dass ich M. nicht kenne. Auf einem jedenfalls habe ich einen Satz, ein Zitat geschrieben, überflüssigerweise.

Und ich gehe. Und es gibt nicht den Tisch und nicht den Satz. Es gibt keine kleine Tänzerin, die in einem Loch aus Licht eine sehr schnelle Pirouette versucht, mit ausgebreiteten Armen. Diese Arme reichen in das Dunkel.

Ich habe gerufen. Ich wollte durch ein Echo, durch die Rückkehr meiner eigenen Stimme aus der Ferne eine Wand spüren, ein Ende. Nirgendwo stieß meine Stimme an eine Wand, nirgendwo war ein Hindernis.

Ich lache oft jetzt. Mein Lachen ist ein dauerndes Rufen, das mich nicht anstrengt. Mein Lachen wartet auf kein Echo. Das ist das Entscheidende.

In diesem Raum gibt es keine Wege. Überall ist der Weg, ein sorgfältig geebneter Weg ohne Steine. Nicht das kleinste Hindernis steht mir im Weg.

Der Raum: An einem Abend bemerke ich überrascht, dass eine der beiden Glühbirnen meiner Lampe nicht mehr brennt. Ich gehe zur Lampe und versuche, die Birne fester in die Fassung zu drehen. Ich spüre, dass sie fest darin steckt. Aber sie brennt dennoch nicht. Ich nehme die Birne heraus und lege sie ans Ohr. Ich vernehme ein kleines, dünnes Geräusch, das immer weiter bestehen wird, ohne Ende. Von nun an wird mich dieses Geräusch begleiten. Ich denke daran, dass die zweite, jetzt noch intakte Glühbirne auch kaputtgehen könnte. Dann wäre es plötzlich finster, und anstelle des Lichts träte ein doppeltes kleines Geräusch. Dann wäre die Tür endgültig verschlossen, keiner könnte sie mehr öffnen. Die Vorhänge vor dem Fenster blieben zugezogen, keiner könnte sie mehr bewegen.

Meine Bücher, in denen ich nicht mehr lesen könnte, rückten weiter und immer weiter von mir fort. Auch die anderen Gegenstände entfernten sich. Zuerst geschieht dies sehr langsam, dann immer schneller. Am Anfang brauche ich, um vom Tisch zu dem Sessel, der daneben steht, zu gelangen, eine Minute. Dann zwei Minuten. Irgendwann brauche ich einen vollen Tag. Das ist die Zeit, in der ich beginne, auf dem Fußboden zu schlafen, weil das Bett inzwischen so weit von mir entfernt ist, dass ich nicht mehr hinkommen kann, ohne unterwegs vor lauter Müdigkeit und Schwäche hinzufallen und einzuschlafen. Eines Morgens dann – ich nenne diese Zeit den Morgen, weil ich eben erwacht bin – gehe ich in die Richtung, in der ich meinen Sessel vermute. Und der Sessel, der bei meinem Einschlafen nur so weit von mir entfernt war, dass ich ihn, wenn ich meinen Arm ausstreckte, leicht berühren konnte, hat sich in der Nacht so weit entfernt, dass ich ihn nicht mehr erreiche. Der Abend ist die Zeit, in der ich müde bin. Als ich erwache und mich auf den Weg mache, habe ich jeglichen Orientierungssinn verloren. Ich gehe trotzdem, aber ich weiß jetzt, dass ich den Sessel nie mehr erreichen werde. Und auch der Tisch mit den nutzlosen Büchern darauf bleibt für immer unerreichbar. Die Kreisbögen zwischen Tisch und Bett werden mit jedem Tag größer, die Wahrscheinlichkeit, durch Zufall an einen Gegenstand zu stoßen, wird ständig geringer. Ich gehe dennoch.

In meinen Gedanken habe ich mir den Freudenschrei ausgemalt, den ich ausstoßen würde, wenn ich plötzlich an den Sessel stieße oder sogar an die Wand. Doch mit der Zeit verblasst auch die Erinnerung an diesen erdachten Schrei. Das Geräusch der Glühbirnen wird immer lauter. Wie bei vielen leisen und sehr gleichmäßigen Geräuschen kann ich ein Lauter- und Leiserwerden in regelmäßigen Abständen bemerken.

Im Zimmer war, daran erinnere ich mich noch, ein heller Teppichboden, die genaue Farbe habe ich vergessen. Jetzt, wenn ich niederknie und mit den Händen den Boden berühre, bemerke ich nicht die kleinste Rauheit. Selbst wenn ich mit einem Finger leicht über den Boden fahre, höre ich keinen Unterschied, in welche Richtung ich die Hand auch bewege. Also stehe ich auf und gehe weiter. Während ich gehe, rufe ich mir Gedichte oder Zeilen von Gedichten ins Gedächtnis. Die Erinnerung an ein Gedicht hält sich am längsten, doch auch sie vergeht mit der Zeit. Ich finde daraufhin in meinem Kopf nur noch Ausdrücke, von denen ich nicht mehr weiß, was sie bedeuten. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, was es heißt, mit der Diligence nach Drusenheim zu fahren. Ich bemerke, dass die Namen nicht mehr zählen, kein Wort hat mehr Sinn. Es ist nur noch eine alte Gewohnheit, die sich bis jetzt gehalten hat: Ich sage einen Satz, von dem ich glaube, dass er aus meiner Erinnerung aufgestiegen ist. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Ich erwache, ich gehe, ich werde müde, ich schlafe wieder. Und über allem, was ich tue, liegt das Geräusch der Glühbirnen. Oder ist das kein Geräusch?

Und an einem Morgen erwache ich und habe geträumt, alles sei hell. In einem Raum mit lichten, grünen Wänden stehen die Gegenstände eng beieinander. Ich habe deutlich einen Tisch gesehen, ein rotes Wachstuch darauf, eine Glasschale stand in meinem Traum auf einem gelben Teppichboden. Ein Buch mit einem hellblauen Einband, in dem Buch steckte ein Küchenmesser als Lesezeichen. Der schwarze Griff des Messers war auf der Unterseite des Buches, dort wo die Zeilen in die nächste Seite springen, deutlich sichtbar. Ich sitze noch eine Weile da und denke benommen über meinen Traum nach. Ich kann keinen Wert darin entdecken, nichts, was mir in meiner Lage helfen könnte. Ich stehe also auf, strecke die Arme, die während der Nacht steif geworden sind, weit von mir und höre, wie die Gelenke der Ellbogen knacken. Ich spreize die Finger. Ich lasse die Arme wieder fallen. Meine ersten Schritte an diesem Morgen sind unsicherer noch als sonst. Ich bin noch unentschlossen. Am Morgen, beim Erwachen, denke ich immer noch, dass ich eine Richtung finden muss, für die ich mich entscheide. Ich muss, während ich laufe, das Gefühl haben, dass ich mich von der Mitte des Zimmers entferne. Ich drehe mich und habe nach kurzer Zeit das untrügliche Gefühl: Das ist die Richtung! Ich gehe weiter.

Ich erlebe heute eine Überraschung. Ich gehe etwa in der Mitte der Zeit, die zwischen Morgen und Abend liegt, und spüre den Wind zuerst nur ganz leicht, sodass ich im ersten Augenblick glaube, ich hätte nur eine schnelle Bewegung gemacht. Aber der Wind wird bald stärker. Er ist kalt. Ich bleibe wie vor einem steilen Abhang stehen. Ich blicke mich um, ich starre in die Nacht. Meine Augen, die jetzt schon, während ich gehe, halb geschlossen sind, habe ich weit geöffnet. Der Wind macht meine Augen tränen. Und er wird immer stärker und immer kälter. Aber dennoch hoffe ich, dass der Wind bleibt. Vielleicht bin ich in ein Gebiet gekommen, in dem der Wind dauernd weht, immer aus der gleichen Richtung. Damit böte sich eine einfache Orientierungsmöglichkeit. Möglicherweise gibt es hinter dieser Stelle, an der ich jetzt bin, eine Region, in der es regnet, schneit, gefriert. Da müsste es also Wasser geben. Ich habe, seit ich vom Mittelpunkt weggegangen bin, noch keinen Tropfen getrunken. Erst jetzt merke ich, dass ich großen Durst habe. Ich versuche, diesen brennenden Durst zu löschen, indem ich den Mund öffne und den Wind hineinströmen lasse. Er kommt bis zu meinem Gaumen, fährt zwischen den Zähnen herum, unter die Zunge. Ich spüre den Wind immer deutlicher. Er ist eine Art Gefühl, ein Gefühl wie die Dankbarkeit, die ich früher immer gegenüber dem Zufall hegte.

Der Wind wird mir die Richtung zeigen. Ich werde mich nicht mehr drehen, früh, wenn ich vom Boden aufgestanden bin. Ich werde einfach aufstehen und gegen den Wind gehen. Das ist die Richtung, von diesem Tag an. Ich greife mit meiner linken Hand in mein Haar. Es ist staubig. Der Wind wird den Staub in wenigen Tagen aus meinem Haar geweht haben. Die Haare werden sich mit der Zeit nach hinten legen und mir nicht mehr ins Gesicht fallen. Und da ich weiter und immer weiter gegen den Wind gehe, wird der Wind meine Haare eng an meinen Kopf pressen, sodass sie, auch wenn ich mich niederlege, um zu schlafen, wie ein Helm meinen Kopf umschließen.

Ich beschließe, einen Tag lang zu laufen. Nicht zu schnell, nicht so, dass ich früher müde sein werde als an den anderen Tagen. Der Wind weht immer noch. Es ist nicht anstrengend zu laufen, jedenfalls wird es nicht viel anstrengender sein als das langsame oder schnelle Gehen. Am Abend werde ich müde sein, aber nicht müder, als ich es sein werde, wenn ich gehe. So, einen Fuß immer vor den anderen. Ja, ich werde laufen.

Während des Laufens habe ich Zeit, daran zu denken, was ich tun werde, wenn ich die Wand erreiche. Ich gehe, berühre sie immerzu mit den Fingerspitzen. Ich gehe ganz langsam und bemerke plötzlich eine kleine Unebenheit. Meine Finger tasten jetzt ganz langsam weiter, noch langsamer als vorher. Sie betasten mit Ehrfurcht den Türrahmen und gehen weiter bis zum Türgriff. Wenn ich die Tür nicht an der Seite erreiche, an der sich der Griff befindet, muss ich mich erst über die breite Fläche, die die Tür bildet, vortasten. Die Tür wird nicht verschlossen sein. Ich öffne sie und verlasse diesen Raum, gehe auf die Straße. Vielleicht schneit es. Ich gehe zu einer Telefonzelle und stelle mich für eine Weile hinein. Anschließend schlendere ich weiter und merke, dass es langsam dunkel wird. Ich erkenne es an den Fenstern, die immer heller werden. Hinter diesen Fenstern sitzen Menschen und essen. Hinter einem Fenster mit zugezogenen Vorhängen badet ein junges Mädchen. Es ist Samstag, und in dieser Straße baden die Menschen an den Samstagen. Morgen wird Sonntag sein. Hier erleben die Menschen nach den Samstagen, an denen sie baden, einen Sonntag, Woche für Woche. Sie unterscheiden die Tage und sagen nicht nur: Tag, wenn sie gehen, und: Nacht, wenn sie schlafen. Ich gehe weiter und halte einen Schlüssel in der Hand. Ich habe ein Zimmer in einem Haus, am Ende der Straße. Ich habe Angst vor diesem Zimmer, und so gehe ich an dem Haus vorüber. Eine kleinere Straße führt nach rechts, und ich gehe nach rechts. Die Straße endet bald. Es gibt nur noch einen Feldweg anschließend. Die Straße, auf der ich mich jetzt befinde, führt zu den Hochhäusern. Sie ist leicht abschüssig, diese Straße. Am Schild, das dort steht, sehe ich, dass sie zwölf Prozent Gefälle hat. Ich gehe an den Hochhäusern vorbei und versuche mir vorzustellen, wie die Wohnungen hinter diesen Wänden aussehen. Dann wieder nach rechts, jetzt eine lange Straße entlang. Da bin ich wieder an der Telefonzelle. Am Ende der Straße habe ich ein Zimmer. Ich schließe es nie ab. Ich gehe in das Haus, öffne die Tür meines Zimmers, warte kurze Zeit und schließe sie dann hinter mir. Der Wind ist geblieben. Der Teppichboden trägt die Spuren des nassen Schnees, der mir schon vom Mantel getaut ist. Woran habe ich auf dem Weg hierher gedacht? Warum ist das Fenster offen, dass der Wind die Gardinen fast zerreißt? Ich habe einen Sessel, einen Stuhl, ein Bett und einen Tisch. Wann ist das Licht erloschen?

Ich warte auf den Regen. Den Wind spüre und begreife ich nicht mehr. Der Wind treibt mir entgegen, dass es Regen geben wird. Ich gehe hastig jetzt, aber ich laufe nicht mehr. Der Regen kommt nicht. Ich werde mich bald zum Schlafen hinlegen. Hier, nach diesem Schritt, nach diesem Schritt muss ich mich hinlegen. Ich bin schon müde. Ich kann den Regen nicht mehr erreichen, heute nicht mehr. Ich setze eine Hand auf den Boden, um mich niederzulassen. Ich versuche, mich auf diese Hand zu stützen. Ich ziehe sie wieder zurück, denn ich spüre den Boden nicht. Meine Hand ist in Wasser eingetaucht. Als ich die Hand erneut ausstrecke, ertaste ich wieder Wasser. Ich vermute mich am Rande eines Sees. Es war nicht der Geruch des Regens, was mir der Wind zugetragen hat, es war der Geruch des Sees. Ich will sehen – fühlen, wo überall dieser See ist. Hier, hier, auch da. Ich bin sicher, dass ich mich bereits einmal um mich selbst gedreht habe. Überall war Wasser. Ich drehe mich weiter, Wasser, Wasser, überall. Ringsumher ist Wasser, aber ich stehe fest, ich habe noch Boden unter den Füßen. Ich strecke meine Hand abermals aus, um den Boden, auf dem ich stehe, zu ertasten. Meine Finger berühren meine Füße, kriechen über die Füße hinunter zum Boden und tauchen wieder in Wasser. Jetzt ziehe ich meine Hände an mich heran, berühre meine Füße. Ich kann meine Füße von unten her umfassen. Ich begreife: Ich stehe auf dem Wasser, das zwar meine Füße trägt, das aber meine Hände, meinen Rücken, meinen Kopf nicht tragen kann. Ich habe den Regen nicht gefunden, nein. Für die neue Gewissheit, dass es Wasser gibt, habe ich den Schlaf eingetauscht. Ich werde von nun an nicht mehr schlafen können, ohne zu versinken. Ich werde nie mehr schlafen, sondern nur noch gehen.

Ein geröstetes Brot stelle ich mir vor, als ich weitergehe. Draußen vor dem Fenster liegt Schinken. Ich kann Gewürz über den Schinken und das Brot streuen. Unter dem Deckel der kleinen Dose, in der ich das Gewürz aufbewahre, sammelt sich immer ein Rest. Ich muss achtgeben, dass ich ihn nicht, wenn ich den Deckel abnehme, aus Unachtsamkeit auf das Brot fallen lasse. Es wäre zu viel für eine Scheibe Brot. Ich wünsche mir das Brot und kann mir diesen Wunsch erfüllen. Bin ich müde? Warum bin ich nicht ganz wach? Warum gehe ich weiter? Warum bleibe ich nicht stehen, lasse mich hier, gerade hier, nieder mit der Gewissheit: Ich werde versinken. Gibt es noch eine Erklärung? Gibt es eine andere Erklärung als die, dass ich nicht bloß der bin, der immer wieder aufsteht, ohne dass er weiß, warum er aufsteht? Ich freue mich unsäglich, wenn ich auf dem Weg fremde Worte sprechen kann, deren Herkunft ich nicht kenne. Die Worte sagen dennoch genau das, was ich sagen will. Ich habe alle Worte gefunden, die keine Sprache mehr haben, die sie aufnehmen könnte. Ich weiß nicht, wann es war, dass ich diese Worte gefunden habe. Plötzlich waren sie in mir, heute, gestern? Schon immer vielleicht, ich weiß es nicht. Das Wasser kam, und es war doch schon immer da.

Die Wand wird kommen. Ich glaube daran, weil ich noch lebe. Ich lebe, weil ich noch daran glaube. Ich kann Brot, das ich gekauft habe, essen. Ich glaube daran. Ich kann sterben, weil ich lebe. Ich kann über die Straße gehen, weil die Straße wirklich da ist. Es muss die Straße geben. Der Geruch des Wassers liegt über meinem Wunsch. Ich esse das Brot. Ich rieche die Kälte. Das Geräusch fahrender Autos gefriert. Alles wird, während ich gehe, stehen bleiben und sich nicht mehr bewegen.

Während der Tage besinne ich mich darauf, dass noch vieles zu tun bleibt.

Ich bin müde, denn ich schlafe nicht mehr.

Ich bleibe ein immerwährendes, gleichbleibendes Auge.

Ich gehe über salziges Wasser. Das Meer trägt mich noch. Vielleicht schauen sie herüber, vom Ufer aus, und sehen mich wie ein dunkles Wunder. Ich kann ihnen nichts sagen. Sie sagen sich selbst, dass das, was auf dem Wasser geht, das sie nicht trägt, ein Wind sein muss und ein Gott. Sie umfassen die Knie und die Hüften derer, die über das Meer zu ihnen kommen. Sie weinen und bleichen unter den Tränen ihre Gesichter. Die Sonne macht die Tränen trocken.

Ich aber, ich weiß, dass ich ihr Gefangener bin. Ich weiß, dass ich untergehe, wenn ich nicht mehr gehe. Die Wand wird alt sein, sie wird Wurzeln haben und Runzeln. Die Wand wird ein einziges Gesicht haben. Alle alten Gesichter zusammen werden diese Wand bilden. Die Worte werden nur noch die Bedeutung des Augenblicks haben. Sie der Zeit zu erhalten, ist zwecklos.

Nur die Worte der Augen werden Bestand haben. Sie werden wieder denen gehören, die im flirrenden Licht auf das Wasser hinausstarren. Mit zusammengekniffenen Augen halten sie Ausschau. Stumm fragen sie sich, wann er auftauchen wird. Die Worte gehören jetzt nur noch denen, die auf das Wasser hinaussehen, den Wartenden.

1978 Die Finger im Licht. Aus: Science Fiction Story Reader 10. Hrsg. von Herbert W. Franke. München: Heyne. (Heyne TB 3602). – Unter dem Pseudonym Heinrich Werner.

Das Familientreffen

Im Laufe des Nachmittags sind wir alle angekommen. Am Abend war die ganze Familie versammelt. Es ist mehr als fünf Jahre her, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben. Bea, die Jüngste von uns, Siria, meine Lieblingsschwester, Gulo und Misra, die Zwillinge. Und ich, ich bin die Älteste von allen. Wir sitzen um den Kamin und sprechen leise miteinander, berichten von den Erfahrungen der letzten fünf Jahre. Zum Telefonieren fehlt meistens die Zeit. Gulo ist der Einzige, der jedes Jahr einmal jedem von uns einen Brief schreibt. Er ist aus Prestigegründen altmodisch, denn er handelt mit Antiquitäten. Im letzten Jahr kam sein Brief sogar versiegelt. Woher er den Siegellack hatte, weiß ich wirklich nicht. Vermutlich ist er ihm auf einer Auktion in die Hände gefallen. Das Petschaft hatte ein zierliches Wort in den Lack gedrückt: Gulo. Ob er auch mit derselben Frau gekommen ist, weil er uns beweisen will, dass seine Liebe zum Vergangenen vor dem Privatleben nicht haltmacht? Alle meine Schwestern haben neue Männer mitgebracht. Das heißt: Bea hat erstmals einen Mann dabei. Sie ist erst sechzehn. Er heißt Seno – oder Semo, ich weiß nicht mehr genau. Ein dunkelhaariger Knabe, vielleicht ein Jahr jünger noch als sie.

Es ist spät geworden. Mutter sitzt in ihrem Stuhl, wir anderen auf dem Teppich zu ihren Füßen. Sie lächelt und fragt mit leiser Stimme, ob es nicht Zeit wäre, zu Bett zu gehen. Niemand widerspricht. Schließlich haben wir eine ganze Woche Zeit, um uns die Neuigkeiten zu erzählen. Wir beginnen also mit der Abendzeremonie. Die Männer begeben sich zu der dunklen Wand auf der Kaminseite und setzen sich dort nieder. Die Frauen sitzen ihnen gegenüber. Dugua, die Frau, die mit Gulo gekommen ist, hat als der Gast das Recht der ersten Wahl. Sie nimmt Seno. Seno – so heißt er also – lächelt, steht auf und geht zu ihr. Schade, ich hätte auch Seno genommen. Aber ich habe erst jetzt das Recht zu wählen. Ich wähle Gulo und nehme mir vor, ihn zu fragen, woher er den Siegellack genommen hat. Gulo glättet mit einer raschen Bewegung sein weites Gewand und kommt dann zu mir. Ich streiche ihm über das Haar, er lächelt und küsst mich auf die Wange. Ich bemerke, dass er exotisch duftet, vermutlich nach einem alten Parfüm, das er nach einem Originalrezept aus den Duftstoffen von kostbaren Blumen herstellen lässt.

Es dauert nicht lange, und auch die anderen haben ihre Wahl getroffen. Auf Bea, die als Letzte ihren Mann für diese Nacht findet und der also im eigentlichen Sinne keine Wahl mehr bleibt, fällt Misras Mann, ein großer, blonder Bursche. Sie scheint mit dem Los nicht unzufrieden zu sein. Wir küssen Mama noch auf die Wange und ziehen uns dann in unsere Zimmer zurück.

Durch die Papierwand, rechts neben meinem Bett, höre ich Beas leise Stimme, dann nur noch ihren Atem, der immer schneller wird, schließlich nur noch einen kleinen Schrei und ihr Stöhnen, das lange und tief nachklingt. Ich spreche noch ein wenig mit Gulo. Den Siegellack hat er tatsächlich auf einer Auktion ersteigert. Er hat vor, ihn bei einer Produktionsgenossenschaft in großem Stil herstellen zu lassen, und ist sicher, dass es ein Verkaufsschlager wird. Ja, Gulo ist ein geschäftstüchtiger Mann. Das Parfüm hat ihm Dugua geschenkt. Es ist synthetisch, allerdings sehr teuer. Die Hersteller bemühen sich, den Duft der Blumen völlig naturgetreu nachzuahmen. Nur bei den sehr teuren Markenartikeln gelingt das.

Gulo ist ein guter Mann, ich habe ihn mit einer Art wehmütiger Stimmung gewählt, weil ich mich an die frühere Zeit erinnert fühle.

Er war vierzehn Jahre alt, ich einundzwanzig, nein, zweiundzwanzig. Ich habe ihn genommen. Ja, ich war ein Jahr lang seine Lehrerin. Er war sehr begabt, wenn ich so sagen soll. Und seine Begabung ist in all den Jahren nicht geschwunden. Er will seine Zärtlichkeit nicht an das Geschäft verraten. Seine Hände streicheln noch immer mit kaum merkbarer Sanftheit über meinen Rücken, dass ich mich voller Verwunderung frage, wie man in aller Geschäftigkeit sich diese Sanftheit der Hände erhalten kann. O ja, ich liebe meinen Bruder Gulo! Während meine Begierde unter seinen Händen in viele einzelne Gefühle zerspringt, bin ich dem Zufall denkbar, dass ich neben Gulo liege. Wäre es nicht schön, ein Kind zu haben, das mich mit ebenso sanften Bewegungen streichelt? Doch ich werde kein Kind haben. Diesmal nicht.

Manchmal stelle ich mir vor, dass es vielleicht für Fremde und für die Menschen vergangener Zeiten seltsam sein könnte, wenn sie unsere Form des Zusammenlebens in der heutigen Gesellschaft erlebten. Oder ist es nicht seltsam für jemanden, der vor zweihundert Jahren sein ganzes Leben mit ein und demselben Mann verbracht hat, zu sehen, dass jede Frau heute das Recht hat, zu jeder Zeit einen anderen Mann zu nehmen? Und auch die Folgen dieser Freiheit müssten sich für Fremde sehr seltsam ausnehmen. So, dass wir alle keine Väter haben. Das heißt: Natürlich haben wir alle einen Vater. Die eine oder andere weiß sogar einiges über den Mann, der sie gezeugt hat. Aber das ist natürlich unwichtig. Ich zum Beispiel weiß nicht, wer damals der Urheber meines Lebens war. Wozu sollte ich mich dafür interessieren? Meine Geschwister sind, wie man früher gesagt hätte, Stiefschwestern von mir. Gulo ist ein Stiefbruder. Da dies jedoch selbstverständlich ist, brauche ich es nicht gesondert zu betonen, und ich spreche deshalb von meinem Bruder Gulo und von meinen Schwestern Bea, Siria und Misra. Während ich meine Arme um Gulo lege, begreife ich plötzlich, warum Dugua immer noch mit Gulo zusammenlebt. Gibt es einen zärtlicheren und zugleich stärkeren Mann als ihn? Er hatte ja, ich muss es aufrichtig sagen, keinerlei Einfluss auf Duguas Entscheidung. Aber ich begreife sie, ja, ja, ich begreife sie. Und in aller Lust bin ich ein wenig stolz, denn ich war seine Lehrerin.

Am nächsten Morgen sitzen alle anderen schon beim Frühmahl, als ich zusammen mit Gulo das große Zimmer betrete. Ehe ich mich auf die Frauenseite des Tisches begebe, küsst er mich auf die Wange und sagt, dass er mich liebt. Das ist der Morgengruß für mich wie für alle anderen, nichts weiter. Da wir nun vollzählig am Tisch sitzen, beginnt Mutter mit den Erläuterungen zum Ablauf des Vorbereitungstages. Zwar sind die wichtigen Ereignisse von vornherein festgelegt, aber unsere Mutter weiß sehr geschickt die kleinen, unwichtigen und der freien Entscheidung der Mutter überlassenen Möglichkeiten zu nutzen. So ist es selbstverständlich, dass das Vorbereitungsbad getrennt stattfindet. Dugua, meine Schwestern und ich baden vor den Männern. Aber ist es kein wunderbarer Einfall unserer Mutter, dass sie uns bittet, wir möchten den Mann bestimmen, der die Duftöle mischen soll? Natürlich gibt es viele fertig gemischte Öle. Will man das Bad des Vorbereitungstages individueller und kostbarer gestalten, so kann man auch nach einem Verzeichnis der Charakterprotokolle aller Teilnehmer ein eigenes Öl synthetisieren lassen. Viel aufregender aber ist es ohne Zweifel, wenn man einen Mann bestimmen kann, der sich ganz im Vertrauen auf sein Gefühl daranmacht, eine neue Mischung nur für diesen Tag zu erfinden.

Traditionell beginnt das Frauenbad um die Mittagszeit. In einer längeren Beratung haben wir Seno dazu bestimmt, das Öl zu mischen. In seinem schmalen Gesicht konnte man die unterdrückte Freude sehen, als Bea ihm sagte, dass wir ihn erwählt hätten. Wie sich zeigt, hätten wir keinen Besseren als Seno finden können. Als wir den Baderaum betreten, liegt der Badeteich in einem smaragdfarbenen Grün da und es entströmt ihm ein fremdartiger Duft. Obwohl niemand während des Badens spricht, erkenne ich, dass auch meine Schwestern voller Begeisterung sind. Dugua, die neben mir steht, schließt die Augen und atmet lächelnd in tiefen Zügen ein. Alle lösen jetzt zugleich die Kordeln, die die schwarzen Badeumhänge am Hals zusammenhalten, wir legen einander die Hände auf die Schultern und schreiten mit kleinen Schritten hinab zum Wasser, auf dem in einer dünnen Schicht das dampfende Duftöl liegt. Das Wasser ist sehr heiß. Das Bad des Vorbereitungstages ist immer so heiß, dass es gerade noch ohne Schmerz ertragen werden kann. Senos Öl aber scheint die Hitze noch zu verstärken. Esist kein Schmerz in dieser Hitze, nur dieser Geruch, der die Blumen eines riesigen Urwalds in diese kleinen Ölflächen zu vereinen scheint. Als wir bis zu den Hüften im Wasser stehen, beginnt aus den Wänden die Musik wie Nebel auf uns herabzusinken. Manchmal staune ich über diese kleine, kunstreiche Vorrichtung der Badezimmer, die aus dem Herzrhythmus und den Bewegungen der Badenden solch eindringliche und harmonische Töne formt. Ich, als die Älteste, habe die Aufgabe, den Tanz zu beginnen. Meine Arme schweben wie ohne mein Zutun von den Schultern Duguas und Misras herab und beschreiben eine weite Bewegung, die darin endet, dass ich die Arme vor der Brust kreuze. Damit löse ich eine Tonfolge des Synharmonicums aus. Wie eine nicht endende, fallende Harfenmelodie kommen immer neue Töne aus den Wänden, brechen sich in den Sensoren zu anderen und immer wieder anderen Arpeggien, die aufsteigen und uns alle im Verein mit dem Duft des Öls zu tragen scheinen. Meine Schwestern und Dugua ahmen meine Tanzfigur nach. Die Musik wird nicht lauter, nur dichter. Es sind mehr und feinere Ober- und Untertöne in der Luft. Und unmerklich nimmt das Synharmonicum, das die Melodie bisher ohne klare Gliederung geformt hat, die Schläge unserer Herzen und die Bewegungen unserer Körper auf und errechnet im selben Augenblick daraus einen aufflammenden, synkopierten Takt. In diesem wunderbaren Kreislauf bewegen wir uns nun. Da wir nach der Melodie, die wir wahrnehmen, in einfachen und zärtlichen Bewegungen tanzen, entwirft das Instrument aus den allerkleinsten Abweichungen unserer Herzschläge und Körperschwankungen eine sich steigernde Symphonie. Es ist ein erhabenes Gefühl, mit dem Tanz der Frauen ein musikalisches Werk von unübertrefflicher Harmonie zu schaffen. Das Synharmonicum ist mit allen Harmonielehren programmiert, die je eines Menschen Geist erfunden und überliefert hat. Walzer, Choräle des Mittelalters und fernöstliche Erkenntnisse der Musikgeschichte haben ihre Regeln gestiftet, um dies möglich zu machen. Viele Versuche waren vonnöten, um das musikalische Empfinden unterschiedlichster Menschen zu prüfen und in miteinander verträgliche Programme umzuschreiben. Fürwahr, die Erfindung dieses Instruments ist die Vollendung der Musik.

Jetzt höre ich mich tief in die Musik hinein. Es gehört eine lange Übung dazu, will man aus all den sich überlagernden und umherschweifenden Tönen sich selbst heraushören. Ich habe dieses Heraushören lange geübt und kann, wenn ich mich im Tanz nur genügend konzentriere, auch die Herzschläge und Bewegungen der anderen unterscheiden. Ich durchstreife die Musik, die einem Labyrinth aus unzähligen Tönen gleicht, und bin auf der Suche nach meinem Herzschlag. Hinter einem Bündel hoher, singender Töne finde ich ihn und gleich daneben auch Misras Herz. Woher weiß ich, dass es Misras Herz ist? Das weiß ich nicht mehr, es ist einfach Gewissheit in mir, eine Art Instinkt und musikalisches Gefühl.

Während wir tanzen, steigen wir tiefer in den Badeteich hinein. Das Wasser umspielt meine Brüste und macht sie leicht. Meine Hände, die unter der Wasseroberfläche Beas Rücken ertasten, werden wie die der anderen durch den Widerstand des Wassers in ihren Bewegungen verlangsamt. So sinkt die Gewalt der Musik ein wenig zurück, gleicht einem trägen und breiten Strom jetzt. Siria schreitet quer durch den Teich auf mich zu und ergreift meine Hände. Ihr Gesicht leuchtet, und ihre Augen sind weit geöffnet, so, als habe sie mich niemals zuvor gesehen und doch schon immer gekannt. Sie wird mich waschen. Die Waschung des Vorbereitungstages ist ein altes Symbol. Vom Gesicht an beginnend, streicht Siria über meinen Oberkörper hin, geht um mich herum und lässt ihre Hände auf meinem Rücken liegen. Damit bin ich rein und vorbereitet. Nachdem ich Siria ebenfalls gewaschen habe und weil die anderen unserem Beispiel inzwischen gefolgt sind, ist die pflichtgemäße Übung des Frauenbades erfüllt. Nun können wir frei und ungezwungen das Bad genießen. Im Allgemeinen ist es so, dass alle durch den Tanz versuchen, jemanden aufzufinden, der die Tanzmeisterin spielt. Alle wollen dann den Bewegungen der Tanzmeisterin folgen, wodurch sich erfahrungsgemäß eine sehr komische Melodie ergibt, die in ein immer schnelleres und hemmungsloseres Tanzen führt. Heute jedoch brauchen wir keine Tanzmeisterin zu suchen. Bea ist zum ersten Mal mit uns allen zusammen in einem Vorbereitungsbad, so ist es selbstverständlich, dass wir sie zur Meisterin bestimmen. Ohne dass es eines Wortes bedürfte, ahmen wir Beas Schritte und Tanzfiguren nach. Sie lächelt ein wenig und ist sich der kleinen Ehre, die wir ihr erweisen, durchaus bewusst. Wie könnte man seinen Schwestern besser zeigen, dass man eine wirkliche Frau geworden ist! Beas Jugend fließt über in das Zucken ihrer Beine, in das Zittern ihres Bauches und ihres Halses. Wir lachen und folgen ihr, nicht ohne durch unser langsames Tanzen ihr die Bestätigung zu geben, dass sie in ihrer ganzen Jugend frischer und zu größerer Lust fähig ist als wir.

Die Musik steigt wieder zu größerer Dichte auf. Der Duft des Öls wird betäubend. Bea hat, die Lungen voller schwerer Luft, einige Schritte auf die Mitte des Badeteiches zugemacht, und wir sind ihr gefolgt. So stehen wir nun unter Wasser, öffnen die Augen und spüren die Musik, die unter der Wasseroberfläche noch intensiver zu vernehmen ist. Es ist nicht leicht, Beas Tanz zu folgen, denn hier istihr zierlicher Körper biegsam wie der Rücken eines Fisches. Wer wird zuerst auftauchen müssen? In dem unschuldigen Spiel bin ich die Verliererin. Lachend springe ich empor, die anderen folgen mir. Bea taucht als Letzte auf, glücklich, das Spiel gewonnen zu haben. Sie ist jung, und sie ist eine Frau, was kann es Schöneres geben, als zum ersten Mal mit den Schwestern im Vorbereitungsbad zu stehen? Wir tanzen weiter. Der Duft des Öls stimmt uns in einen Rausch ein, dem wir nicht mehr entkommen. Das Synharmonicum, das empfindlich genug ist, auch die leiseste Stimmungsänderung wahrzunehmen, wandelt die Symphonie in ein überschäumendes Finale. Ich schlage auf das Wasser, das emporspritzt und meine Haut mit feinsten Tröpfchen Öl bedeckt. Mein Schlag wird zum Auftakt eines wuchtigen, von Paukenwirbeln beherrschten Satzes, in dessen vibrierenden, schüttelnden Stakkatos sich meine Schwestern und Dugua ekstatisch umarmen. Es ist die schönste Einstimmung für den Familientag. Selbst wenn wir uns nicht nach fünf, sondern erst nach zehn Jahren wiedergesehen hätten, so wäre die Gemeinschaft der Familie in diesem Vorbereitungsbad vollständig wiederhergestellt worden.

Im Kreise stehend, die Arme wie zu Beginn des Tanzes um Schultern und Hals der Nebenstehenden geschlungen, beenden wir den Tanz. Das Synharmonicum spürt die ersten Anzeichen unserer Erschöpfung auf und überträgt sie in eine feierliche und erhabene Schlussmelodie. Wir drängen uns eng aneinander und steigen wie eine einzige, ganz mit sich einig gewordene Frau aus dem Wasser. Nachdem die Musik in einem Harfenakkord verklungen ist, greifen wir, noch ein wenig atemlos, zu den Badeumhängen. Wir sind gerüstet. Wir sind rein und berechtigt, die Zeremonie des Familientages zu begehen.

Nach dem Mittagsmahl folgt das Vorbereitungsbad der Männer. Natürlich hat es nicht die Kraft, die das Bad der Frauen hervorbringt. Dazu ist es nicht eingerichtet. Um das Teichbecken sind kleine Tische mit Stühlen aufgestellt worden. Wir sitzen zusammen mit unserer Mutter da und trinken Sekt. Die Männer betreten den Raum und legen ihre Badeumhänge ab. Mutter schaltet das Synharmonicum ein, das nun die Symphonie, die von uns vor dem Mittagsmahl geschaffen worden ist, noch einmal wiedergibt. Das Wasser im Teich ist das, in dem die Frauen gebadet haben. Auch das ist traditionell so. Zu den Klängen der Harfenmelodie steigen die Männer in den Teich, und unsere Blicke folgen ihnen. Wir freuen uns über den Anblick dieser schönen, starken Körper, die im Tanz den Versuch machen, die Gemeinschaft der Frauen nachzuahmen. Es kann ihnen nicht gelingen. Wir alle wissen, dass Männer zur wirklichen Ekstase unfähig sind. Sie wollen uns gefallen, und ihr Tanz erfreut uns wie das Spiel der Kinder, die die Schönheit der erwachsenen Frauen darstellen wollen, indem sie deren Bewegungen und Grußformeln imitieren. Die Schwestern erzählen von ihren Männern, wo sie sie kennengelernt haben, von ihren Vorzügen und ihren Nachteilen. Währenddessen haben die Männer ein wenig scheu und ungeschickt mit der Reinigungszeremonie begonnen. Der darauf folgende männlich-ungeschickte Schlusstanz macht jedem klar, dass zwischen der Seele der Frauen und den engen und fantasielosen Geistern der Männer immer ein unüberbrückbarer Unterschied bestehen wird, der nur in glücklichen Fällen außerordentlichen Zufalls einmal unterbrochen wird: wenn ein Mann geboren wird, der die Fähigkeiten der Frauen in seinem brustlosen Körper trägt. In der vergangenen Nacht habe ich mir überlegt, ob nicht Gulo ein solcher Mann ist. Doch der Tanz unten im Teich macht in aller Deutlichkeit klar, wie weit auch er davon entfernt ist, die freie Seele einer Frau zu besitzen. In seinem Gesicht erkennt man die männliche Ängstlichkeit, als er mit den anderen jenen ekstatischen Paukensatz zu ertanzen sucht, den wir heute Morgen erschaffen haben. Wir lachen, vom Sekt und von der Lust des Tanzens erheitert, da wir die bewussten Verrenkungen der Männer sehen. Diese nehmen uns das Lachen nicht übel, sie wissen um die Überlegenheit der Frauen. Von wem auch die Zeremonie des Vorbereitungstages erdacht worden ist, er hat uns damit ein Mittel in die Hand gegeben, die Freiheit und Macht der Frauen darzutun.

Mit dem Vorbereitungsbad ist der wichtigste Teil des Vorbereitungstages beendet. Am späten Nachmittag gehen wir mit den Männern spazieren. Mutters Haus liegt inmitten einer sehr anmutigen, hügeligen Landschaft. Es ist Herbst und die Blätter der Bäume sind rot. Neben mir geht Seno, dem ich ein Kompliment für die exzellente Zubereitung des Duftöls mache. Der Junge lächelt und blickt vor sich auf den Weg, ja es scheint, als erröte er sogar ein wenig. Er ist allerliebst, ich überlege, ob ich Bea nicht fragen soll, wie viel sie für Seno verlangt. Ich weiß, dass ich ihn nicht einfach tauschen kann. Frano habe ich nur als Verlegenheitslösung mit zu diesem Familientag gebracht. Frano ist ein guter Liebhaber, doch er ist ein wenig zu dick geworden. Er ist erst vierundzwanzig Jahre all und isst doch schon so viel, als wäre er fünfunddreißig und ohne Hoffnung, noch einmal auf einem Familientag oder bei einer ähnlichen Gelegenheit erlöst zu werden. Nein, Bea wird mir Seno nicht einfach so überlassen. Sie kennt ihn, wie sie mir während des Vorbereitungsbades der Männer erzählt hat, erst seit ungefähr vier Wochen, und wenn ich die Blicke, die sie manchmal mit Seno tauscht, richtig deute, ist sie sogar noch ein wenig verliebt in ihn. Ich werde ihr zehntausend Dollar anbieten oder, wenn es sich zeigen sollte, dass Seno zärtlich sein kann, möglicherweise sogar fünfzehntausend.

Bei der Abendzeremonie habe ich die erste Wahl, und ich wähle Seno. Er ist überaus scheu und zurückhaltend. Ob dies damit zusammenhängt, dass ich ziemlich genau doppelt so alt bin wie er? Ich glaube es nicht. Er scheint zu wissen – irgendwie mit einem nahezu weiblichen Instinkt scheint er es zu spüren, dass ich seine Zurückhaltung liebe. Ich gewinne sogar den Eindruck, dass er trotz seiner Jugend mehr über Frauen weiß als irgendein Mann vor ihm. In der Nacht zeigt mir Seno, dass ich recht habe. Er ist von einer über alle Maßen weisen, wissenden Zärtlichkeit. Ich bin sicher: Er – er ist einer jener wenigen Männer, deren Seele die Größe der weiblichen Empfindungen zu ahnen vermag. Wiewohl ich weiß, dass man, wegen der Kürze des Gedächtnisses in diesen Bereichen, sehr vorsichtig mit der Verwendung der Superlative sein muss: Am anderen Morgen bin ich mir völlig sicher, einem der genialen Männer begegnet zu sein, deren Geist und Sensibilität an den Geist und die Sensibilität der Frauen heranreicht. Seno hat sich während des Vorbereitungsbades selbst verborgen gehalten, weil er sah, dass seine Fähigkeit zur freien Ekstase die anderen nur verwirrt und beschämt hätte. Nur gegenüber einer Frau darf er zeigen, dass er wie eine Frau sein kann. Eine weibliche Seele in einem jungen, männlichen Körper, das ist die Erfüllung menschlicher Möglichkeiten! An diesem Morgen ist mir klar, dass ich dieses Haus nur mit Seno verlassen will. Was immer Bea verlangt, sie soll es bekommen.

Dieser Tag, der Tag nach der Reinigungszeremonie, ist der völligen Erholung gewidmet. Obwohl ich durchaus sicher bin, dass es unschicklich ist, diesen Tag der Erholung mit einem Mann zu verbringen, gehe ich doch wenigstens am Vormittag eine Stunde lang mit Seno spazieren. Ich lege meinen Arm auf seine Schulter, er lächelt. Er versteht mich in vollkommener Weise. Es muss erlaubt sein, mit Seno zusammen unter den herbstlichen Bäumen zu gehen. Ist er nicht einer Frau ebenbürtig, ja sogar mehr als eine Frau? Da ich das denke, erschrecke ich. Es ist blasphemisch, Derartiges zu denken. Aber Seno ist in der Tat nur so vollkommen – in ihm wohnt die Seele einer Frau, und in der Gestalt des Mannes hat er zugleich die Fähigkeit, den Frauen Lust und Zärtlichkeit zu bringen. Bea ist zu jung, sie kann nicht wissen, dass sie mit Seno eine Ausnahme gefunden hat. Sie wird enttäuscht werden, wenn sie sich einen anderen Mann sucht. Sie muss immer enttäuscht werden. So aber kann sie auch nicht ermessen, wie viel mehr an Freude ihr Seno gibt. Ich werde ihr das sagen. Offenheit ist die Tugend der Frauen. Nur dort, wo Frauen von Männern unterdrückt werden, entwickeln auch sie den hinterhältigen, machtgierigen Charakter der Männer. Wir sind Schwestern, und ich kann sicher sein, dass Bea mir Seno überlassen wird. Gerade weil ich ihr sage, dass sie mit Seno einen unbezahlbaren Mann verliert. Kein Betrag kann diesen Wert aufwiegen. Noch heute Abend werde ich mit ihr sprechen. Oder soll ich die Zeremonie des Familientages abwarten? Ich habe das Gefühl, dass ich bis übermorgen warten sollte, ehe ich mit Bea spreche.

Am Abend wählt Siria, die heute die erste Wahl hat, ebenfalls Seno. Es ist außergewöhnlich, sehr außergewöhnlich, dass ein Mann dreimal bei der Abendzeremonie als Erster genommen wird. Man spricht unter Frauen nicht über diese selbstverständlichen Dinge: Männer sind durch andere Männer zu ersetzen. Die Gefahr, einen Mann durch wiederholte Bevorzugung stolz und überheblich zu machen, wiegt schwerer als die Erwartung einer Nacht. Doch alle scheinen den Wert Senos zu spüren. Ich erinnere mich eines Begriffs, den ich, als ich noch zur Schule ging, in der historischen Anthropologie kennenlernte; die Lehrerin gab sich alle Mühe, uns die Bedeutung dieses Wortes klar zu machen. Es ist ihr nur sehr unvollkommen gelungen. Nun plötzlich begreife ich in einem seltsamen, geringen Schmerz, der meine Brust durchzieht, welches Gefühl dies gewesen sein muss: Eifersucht. In meinem Innern schlage ich danach wie nach einem Insekt, und das Gefühl fliegt schnell davon. Es ist nicht tot, es wird wiederkommen…

Dann der Morgen, der Tag der Familienzeremonie. Als ich neben dem großen, blonden Burschen, der mit Misra gekommen ist, erwache, rieche ich den strengen Duft des Gewürzweines. An der Tafel tragen wir schon alle die weiten, seidenen Festgewänder, und meine Schwestern und Dugua haben wie ich das Haar mit einem breiten Band zurückgebunden. Freude und Feierlichkeit mischen sich in den Geruch des Weines. Die Zeit vor dem Mittagessen vergeht mit dem Abstimmen der einzelnen Geräte. Das Gelingen der Familienzeremonie hängt von der Genauigkeit der Geräte ab, und diese kann nur voll ausgenutzt werden, wenn man genügend Zeit hierauf verwendet, die einzelnen Blocks genauestens auszupegeln. Mutter übergibt jedem von uns nach dem Morgenmahl die Enzos, jene kleinen, kaum fingernagelgroßen, jedoch hochempfindlichen Enzephalosensoren. Wir nehmen die Stirnbänder ab und befestigen die Sensoren mit leichtem Druck unterhalb des Haaransatzes. Dann werden die Stirnbänder darübergebunden. Wir setzen uns im Kreis auf den Teppich des Wohnraums nieder und bemühen uns, wie es für den ersten Abstimmungsvorgang notwendig ist, leichte und angenehme Gedanken zu denken. Ich erinnere mich an den Spaziergang mit Seno, an seine schönen, schmalen Schultern und seine zarten Hände. Bei Familienzeremonien liegen die Entscheidungen an zwei Stellen konzentriert: bei der Mutter, die die zentrale Abstimmung aller Geräte vornimmt, und bei den drei dunklen Kästchen, in denen das Empfinden der Familienmitglieder registriert und in neue Empfindungen umgeschrieben wird.

Nur Siria möchte während dieser Zeremonie ein Kind empfangen. Dadurch wird der erste Teil der Zeremonie kurz sein. Die Erlösungszeremonie wird unabhängig davon nur von uns und dem Erlösten abhängen. Während der Familienzeremonie vor fünf Jahren, als sowohl ich wie auch Misra Kinder empfingen, dauerte die Erlösung bis tief in die Nacht. Obwohl es bereits die zweite Zeremonie war, die ich mitmachte, war der Eindruck unbeschreibbar tief.

Nachdem die Zeremoniengeräte abgestimmt sind, gibt Mutter an die Frauen die letzte Tasse des Kräuterweins aus, in der sie die Droge aufgelöst hat, die zum Vollzug der Zeremonie einstimmt. Die Männer halten nacheinander ihre rechte Hand in die Drogengeber. Dann ziehen wir uns alle zurück. Für jede Frau ist ein einzelnes Zimmer bestimmt, die Männer gehen zusammen in einen etwas größeren Raum.

Ich setze mich nieder und spüre die Wirkung der Droge. Erwartung und Ruhe, so könnte man die beiden Gefühle bezeichnen, die durch die Droge aufgebaut werden. Ich fühle deutlich die leichte Erwärmung meiner Beine. Die Einstimmung dauert lange, misst man sie mit den Uhren der gewöhnlichen Tage. Doch die Zeit zieht sich für den, der auf die Familienzeremonie wartet, aus dem Bewusstsein zurück. Erinnerungen werden zu kleinen Einstichen in einem riesigen schwarzen Raum der Zeitlosigkeit. Die Gegenwart verschwindet, löst sich auf und gesellt sich zu den anderen Bildern des Gehirns. Wo habe ich die alte Frau gesehen, ihre zerfurchte Haut? In einem Buch, einem alten illustrierten Buch. Ich beschäftige mich lange mit den Falten, die um den Mund der Frau herum sich zusammenziehen. Ich möchte sie ansprechen, möchte sie fragen, wann sie gelebt hat. Was war das wichtigste Ereignis ihres Lebens. Fast glaube ich schon, dass sie mir antworten wird. Ehe dieser alte Frauenmund sich jedoch öffnen kann, wird die Tür zu meinem Zimmer aufgeschoben. Mutter tritt ein, nimmt mich bei der Hand und führt mich in den großen Wohnraum, wo ich mich auf den Boden setze. Dann holt sie nacheinander Misra, Siria und Bea, die sich in einem weiten Kreis neben mich setzen. Wir lächeln uns aus trüben, hellsichtigen Augen an und versinken dann in unseren Bildern.

Mutter öffnet die Tür des Raumes, in dem sich die Männer befinden. Diese gehen in die Mitte unseres Kreises und bleiben dort stehen, während Mutter sich auf einen Stuhl neben die Zeremoniengeräte setzt. Sie thront dort. Unsere Mutter ist die Königin der Zeremonie, ihr gebührt ein Thron. Ich sehe zu ihr auf. Um den Stuhl ranken sich goldene Schlingpflanzen, die sich nun straffen und den Thron erheben. Dann das Licht – sie ist in ein blendendes Licht getaucht. Auch meine Schwestern sehen zu unserer Mutter hin, denn nun wird sie die Zeremonie in Gang setzen. Sie beginnt langsam, leise zu singen. Und diesen kaum vernehmlichen Gesang hört das Zeremoniengerät, mit dem wir alle verbunden sind. Es schaltet sich selbstständig ein. Nun hören wir uns alle, alle Frauen spüren sich. Mutter hat die Augen geschlossen und singt lächelnd weiter. Das Lied erfasst uns, wir stimmen ein in den großen, so überaus harmonischen Ton. Wir alle werden nun zusammen sein, und wir werden zusammen entscheiden. Wir werden den Vater von Sirias Kind bestimmen. Wir werden den ersten Augenblick des neuen Lebens begleiten und werden in allen Zufällen sein, auch in jenem wichtigsten Zufall. Wir werden den Sohn dankbar begrüßen und werden jubeln, wenn eine Tochter dieser Zeremonie entspringt.

Die Zeremoniengeräte sind vollkommene und objektive Berater. Nicht sie bestimmen, wir, die Frauen vereinen uns in ihnen und planen alles. Ich fühle, wie ich mich mit Bea, Siria und Misra vereinige. Dugua, die nicht zu unserer Familie gehört, bestimmt die Zeremonie nicht mit, doch ist sie ebenfalls mit uns verbunden, sie kann unsere gemeinsamen Gefühle in sich wahrnehmen. Auch ihre Augen leuchten.

Ich habe mir vor dem Beginn der Zeremonie keinen Gedanken darüber gemacht, wen wir gemeinsam zum Vater für Sirias Kind erwählen werden. Gulo wird als unser Bruder von den Zeremoniengeräten ausgeschaltet und dringt nicht in unser Bewusstsein ein. Alle anderen werden wir prüfen. Die Auswahl ist nicht vorhersehbar, doch habe ich Seno ausgeschlossen. Er ist sehr jung, und es kommt ganz selten vor, dass ein Mann, der noch nicht zwanzig Jahre all ist, bei der Zeremonie zum Vater bestimmt wird. Seno also nicht. Doch die anderen. Wer sind die anderen Männer? Sie stehen noch immer in der Mitte. Nun, da wir uns in ihr Bewusstsein einschalten, bewegen sie sich leicht, so als fröstelten sie in einem kalten Abendwind am Meer. Doch sie frieren nicht, die Schauder auf ihrer Haut entspringen dem Gefühl der Lust. Um zu verhindern, dass sie ihre Gedanken und Erinnerungen, überhaupt ihre Körper wie ihr Bewusstsein vor unseren forschenden Blicken verbergen können, stimuliert das Zeremoniengerät in ihnen fortwährend eine Woge von Lust. Kein Mensch kann, wenn er dieses Gefühl verspürt, seinen Körper oder seinen Geist vor einem anderen verbergen. Dazu gehörten Konzentration und Anspannung. Beides wird durch die Angstgefühle hinweggespült. So sind die Männer wie Kinder wieder, die ins Spielen versunken sind und nicht bemerken, dass die Augen der Erwachsenen ihnen zusehen.

Doch zuerst müssen die Frauen sich zusammenfinden. Wir kreiden lange um die Gedanken unserer Mutter. Wie Rauch über dem Feuer suchen wir unseren Ursprung zu ergründen, um in ihm zu einem Geist zu werden. Plötzlich, in einem Blitz, sehe ich mich selbst. Ich öffne die Augen: Meine Mutter schaut mich an. Ich habe sie gefunden, ich sehe durch ihre Augen auf mich selbst. Dann sehe ich sie aus einem leicht veränderten Blickwinkel – Misra! So sieht Misra unsere Mutter. Und wieder verändert – Siria, dann die Augen und der Geist Beas. Nun müssen wir zusammengehen. Es ist wie ein Schreiten, jede Schwester geht auf jede ihrer Schwestern zu. In unser aller Mittelpunkt aber wartet still und mit weisem Lächeln unsere Mutter auf uns. Es geht schnell, ich spüre viele Gefühle in mir. Viele spüren mich. Wir spüren uns. Nun sind wir zusammen, ohne Geheimnis, ohne Arglist. Es ist Liebe. Liebe! Wir sind eine Familie, wir sind der Geist einer Familie und wir wollen, dass diese Familie weiter wächst. Wir wollen ein Kind.

Die Männer frieren stärker, als wir gemeinsam auf sie zugehen. Sie bemerken uns nicht, und wir treten bei allen zugleich ein. Frano zugleich neben dem blonden jungen Mann. Wie verschieden ihre Seelen sind! Und die anderen. Am Ende aber immer wieder und immer stärker. Seno. Seine Jugend? Nein, er ist nicht jung, er trägt die Last und die Erfahrung eines langen Lebens in sich. Er ist ein alter Mann und voll der Weisheit eines alten Mannes. Aber er ist kräftig und jung, er ist Jugend und Alter zugleich. Wir sind verwirrt, denn wir verstehen Seno nicht. Wir sind nicht in einen Mann eingedrungen, sondern stehen in einer Stadt voller Menschen. Frauen, ja auch Frauen sind darunter. Es ist ein Wunder, das uns Angst macht. Die Seelen der anderen haben wir vergessen, sie streifen uns wie leichte Schleier im Wind, und wir achten nicht mehr auf sie. Vor uns liegt, verborgen in einem einzigen Menschen, eine große Stadt voller Menschen. Wir werden nie verstehen können, dass es möglich ist, als ein Mensch eine Stadt in sich zu verbergen. Deshalb also war uns Seno Mann und Frau zugleich! Hinter der zufälligen Gestalt des jungen Mannes gibt es keinen einzelnen Geist, es gibt Tausende einzelner Geister. Fantasie – kann hinter diesem alltäglichen Wort das stehen? Aber dies ist Wirklichkeit!

Wir bemerken, dass wir nicht mehr fähig sind, uns von Senos Bewusstsein zu trennen. Wenn man ein Wunder sieht, wie kann man da zum Gewöhnlichen zurück? Wir starren Seno an, vieläugige Frau. Dann kommt der Auftrag auf uns zu. Wollen wir diesen Auftrag noch hören? Gewiss, bis heute war es unauslöschlich sicher, dass Frauen Kinder empfangen. Es war sicher, dass wir dazu zusammengekommen sind, um einen Vater für Sirias Kind zu bestimmen. Aber nun stehen wir vor einem Wunder, das wir nicht begreifen können. Soll Seno der Vater dieses Kindes sein? Seine Erlösung – das Wort kracht in unser Denken. Wir wollen kein Kind, nein, kein Kind mit Seno! Doch der Auftrag fließt wie siedender Honig aus den Zeremoniengeräten. Er treibt uns vor sich her. Sein süßer Geruch steigt heiß in unsere Nasen: Wenn wir dem Auftrag, den wir den Geräten selbst gegeben haben, nicht nachkommen, wird uns diese klebrige Substanz überfluten, unsere Gehirne werden ineinander verklebt bleiben. Die gewaltsame Trennung brächte uns allen den Wahnsinn. Jedes Mädchen lernt diese wenigen, einfachen Tatsachen in der Schule. Aber Seno ist ein Wunder. Kann man ein Wunder, einen Menschen, in dem Tausende von Frauen wohnen, einfach dazu benutzen, um ein Kind zu zeugen? Und sei es auch ein Mädchen. Wir stellen uns dem Auftrag entgegen. Es ist unmöglich, das Gerät ist nicht abschaltbar, seine Sicherheit ist die Gewähr der Fortpflanzung. Wir haben den Trieb, Kinder zu zeugen, er kommt auf uns zu, der Auftrag! Warum keinen anderen? Blutschänderische Fantasie – warum nicht Gulo? Aber wir können uns von Seno nicht mehr entfernen, und der Auftrag ist stärker als wir.

Wir öffnen die Augen. Die Männer stehen in einem schwachen Frösteln da. Nur Seno, Seno liegt am Boden, geschüttelt vom Fieber unserer gemeinsamen Anstrengung, ihn zu verlassen. Wir starren ihn mit allen unseren Augen an und sehen, dass er uns ansieht. Es ist Bewusstsein in ihm. Er lächelt. Was weiß – weiß er alles? Ja, er sieht uns und lächelt uns zu. Wir spüren seine Dankbarkeit. Er ist dankbar, dass wir den Versuch machen, ihn zu verlassen und das Wunder seiner Fantasie zu bewahren. Doch wir vermögen nicht länger der Lavamasse des Auftrags zu entgehen. Derjenige, in dessen Geist wir sind, wird für Siria bestimmt sein. Wir sind in Senos Seele, er hält uns fest. Er ist der Erwählte. Was bleibt uns nach diesem letzten Versuch, uns gegen den Auftrag aufzulehnen?

Unser Widerstand ist gebrochen. Wir haben Seno bestimmt, und die Zeremonie wird ihren festgelegten Fortgang nehmen. Wir folgen dem Körper von Siria. Die Männer mit Ausnahme von Seno erhalten von den Zeremoniengeräten den Befehl, sich zurückzuziehen. Sie begeben sich in den größeren Raum, aus dem sie zu Beginn der Zeremonie gekommen sind. Sirias Körper steht auf. Wir stehen auf. Seno kniet nieder und wir treten auf ihn zu. Zweimal zwei unserer Hände lösen sein Gewand und zwei andere Hände lösen das Gewand von Sirias Körper. Noch immer sehen wir die Stadt in Senos Seele. Viele andere Landschaften. Rot glühende, herbstliche Urwälder. Sternenräume aus Unendlichkeit. Doch nun, da wir den Widerstand aufgegeben haben, können wir all das staunend und mit großer Freude sehen. Wir treten auf Seno zu. Er liegt nun auf dem Rücken und erwartet unseren Kuss, unseren erlösenden Kuss. Seine Augen sind ein wenig starr, und er lächelt, als wir uns über ihn beugen. Er öffnet den Mund und heißt uns willkommen. Er ist ganz bereit für uns, wartet auf unsere schnellen, erfahrenen Bewegungen. Wir spüren ihn, riechen seinen Körper, der noch nach dem Öl des Vorbereitungsbades duftet. Wir hätten es ahnen können, dass dieser Duft nicht von einem Mann gemischt ist. Wie war es möglich, dass Frauen nicht auf diese naheliegenden Gedanken gekommen sind. Er hat sich vor uns verborgen, wie sich Wunder eben zu verbergen pflegen.

Unsere brennende Hoffnung, unsere Erwartung des Kindes überfällt uns vollkommen. Und da unsere Lust und unsere Freude sich mit Senos Gier mischen, da erkennen wir mit einem Mal: Wir bevölkern mit vielen anderen Frauen Senos Geist. Wir sehen uns. Nackt und mit vor Lust verzerrten Gesichtern entspringen wir seinen Gedanken. Dort an einer Straßenecke sehen wir Misra liegen. Auf dem Rasen eines Parks wälzt sich schreiend Dugua. Siria tanzt mit lüsternen Augen im Licht von hundert hell strahlenden Scheinwerfern. Bea steht bis zu den Hüften in warmem Wasser und zittert in ihrer Anstrengung. Mora liegt an einem weiten Strand, und der helle Sand wärmt ihren Rücken und ihre Beine. Wir alle sind Senos Fantasie und Lust. Er ist in uns. Er lebt von uns und erhält uns am Leben. Dann spüren wir ihn. Wir sehen sein Gesicht, seine Arme, seine Brust. Unser Blick verweilt dort, wo er sich mit Sirias Körper vereinigt. Seine Beine stützen diesen Körper unserer Schwester, der sich langsam auf und nieder bewegt. Dieser Körper gehört uns allen. Das ist die Zeremonie.

In einem Sekunden einer unbegreiflich langen Zeit währenden Blitz verbrennt dieser erste Teil der Zeremonie: Unser Kind soll wachsen und leben! Unser seufzender, langer Schrei hat ihm den Weg ins Leben gewiesen. Die Geräte instruieren uns, denn unsere Gedanken sind noch leer, und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Als wir bemerken, dass wir wieder vereinzeln, haben die kleinen, dunklen Kästen uns bereits vorwärts geschoben.

Langsam sehe ich diesen schlanken Körper wieder aus meinen eigenen Augen. Als ich um mich blicke, treffen mich Beas Blicke, und ich erschrecke. Sie ist bleich und ihr blutleeres Gesicht steht voll Entsetzen. Sie weiß, dass die Zeremonie nicht aufgehalten wird. Senos Erlösung – wir dürfen sie nicht unterlassen. Wir sind an Seno herangerückt und legen unsere Hände auf seinen Körper. Wir streicheln über ihn hin. In den nächsten Minuten, vielleicht in den nächsten Stunden erst, werden wir ihn erlösen. Ich erinnere mich eines Traums, unseres gemeinsamen Traums. Die Erinnerung ist ebenso dunkel wie die Bilder, die von einem Spaziergang in mir emporsteigen. Seno ist jung. Er wird bald bereit sein für die Erlösung. Mutter beginnt zu singen. Meine Schwestern stimmen ein. Auch ich beginne, zu singen. Unsere weichen Frauenhände tragen Seno davon. Er lächelt. Wie jung er ist. Schon nach wenigen Minuten spürt er die Lust wieder in sich. Die Zeremoniengeräte melden es uns. Er vermag sich seinem erneuten Verlangen nicht entgegenzustellen. Auch darin zeigt sich seine Jugend. Ältere Männer versuchen, die Erlösung hinauszuzögern. Unser Gesang wird lauter. Wir berauschen uns daran, wiegen uns, immerfort Senos Körper berührend, im Takt des Gesangs hin und her. Bald glüht das Gesicht des jungen Mannes vor uns. Doch das ist noch nicht das Ende. Er wird unsere Dankbarkeit spüren, er wird die Lust eines ganzen langen Manneslebens in wenigen Minuten spüren, in die Grenzenlosigkeit zusammengedrängt. Er beginnt leise zu wimmern, dann zu schreien. Es ist, als versuche er, unseren Gesang zu vollenden. Wir singen lauter und übertönen seine leisen Schreie.