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Mit über 15 Stunden exklusivem Videomaterial! Dieses Buch ist mehr als eine Sammlung von Geschichten. Es ist ein multimediales Erlebnis: 300 Seiten voller Erinnerungen und Wissen kombiniert mit einzigartigen Filmaufnahmen. Über QR-Codes erhalten die Leser Zugang zu Trainingssituationen, persönlichen Einblicken und exklusiven Filmen mit international anerkannten Experten wie Udo Gansloßer, Günther Bloch, Dorit Feddersen-Petersen, Holger Schüler, Jan Nijboer, Marc Bekoff, Prof. Irene Sommerfeld-Stur, Michael Grewe, Ádám Miklósi und viele andere. Von der Fernsehkarriere zum Hunderudel - ein Leben mit Tieren, voller Umwege, Überraschungen und bewegender Momente. Die Mutter wünscht sich eine Tochter, der Vater einen Nachfolger für die Werkstatt - für Ralf Alef ist es der Start in eine schwierige Kindheit und Jugend. Was ihn rettet, ist die Zuneigung der Tiere. Besonders Hunde haben es ihm angetan. Noch Jahre später - er arbeitet beim Fernsehen mit Showgrößen wie Hape Kerkeling und Jürgen von der Lippe - bleibt der Gedanke an ein Leben mit Tieren präsent. Als er Knall auf Fall kündigt, um als Tierfilmer und Hundetrainer zu arbeiten, halten ihn viele für verrückt. Und tatsächlich ist aller Anfang schwer ... Amüsant und mit einer guten Portion Selbstironie erzählt der Autor vom Scheitern und Wiederaufstehen und vom turbulenten Leben mit Hunden, Katzen, Gänsen und Pferden: von Ausbrecherkönig Berry, der sanften Sandra und anderen Gefährten, von Verfolgungsjagden auf Autobahnen, den ersten Welpen aus zwei eigenen Würfen und herzzerreißenden Abschieden. Doch "Mein tierisches Leben" ist nicht nur eine Sammlung berührender Geschichten. Der Autor gibt auch einen reichen Schatz an Erfahrungen weiter: Wie finden wir den passenden Hund für unser Leben? Woran erkennen wir seriöse Hundetrainer? Was tun, wenn die Fellnase jagt, randaliert oder einfach nicht hört? Wie schenken wir unseren Tieren die Aufmerksamkeit, die sie verdienen? "Mein tierisches Leben" ist eine gefühlvolle Liebeserklärung an das Leben mit Tieren - und ein Werk, das Leserinnen und Lesern gleichermaßen Unterhaltung, Wissen und Herz bietet. Ein Buch zum Lachen, Weinen, Lernen - und dank des Bonusmaterials auch zum Erleben.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ich habe Ralf Alef im Rahmen eines gemeinsamen Filmprojekts an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel kennengelernt und später auf verschiedenen Fachtagungen immer wieder getroffen.
Als Ralf mir das Manuskript für dieses Buch vorlegte, habe ich es mit Freude gelesen. Es bewegt sich in einem besonderen Genre, in dem lebendige Erzählungen und wertvolle Lerneffekte auf natürliche Weise zusammenkommen. Mit Humor, Nachdenklichkeit und einer guten Portion Alltagspraxis vermittelt es auf unterhaltsame Weise Erfahrungen aus vielen Jahren des Zusammenlebens mit Hunden.
Ich bin sicher, dass alle Leser viel Freude mit dieser besonderen Sammlung von Erlebnissen haben werden – und an vielen Stellen mit einem Lächeln oder einem nachdenklichen Nicken ihr eigenes Erleben wiedererkennen.
Dorit Urd Feddersen-Petersen, Ethologin, Biologin und Tierärztin
Leider verstarb Dorit im Jahr 2023. Ihr Wissen und ihre Forschung haben das Verständnis für Hunde nachhaltig geprägt.
Mit großer Freude habe ich das Buch von Ralf Alef gelesen, in dem er sein bewegtes Leben mit Tieren schildert. Es zeigt eindrucksvoll, dass ein Leben ohne Tiere zwar möglich ist, aber um so vieles ärmer wäre. Alefs Geschichten sind nicht nur kurzweilig und unterhaltsam, sondern sie wecken auch unser Mitgefühl und vertiefen unser Verständnis für unsere tierischen Freunde.
Nessi Tausendschön, Kabarettistin
Vorwort
Vorwort 2
Der Wunschzettel
5.2.1999
Mai 2023
Sandra
Der liebe Junge
Not my first love, aber: Music!
Endlich ein Hund
Ungewohnte Seiten
Die Verfolgungsjagd
Der erste schlimme Verlust
Meine hundelose Zeit
Harry und Bettina
Berry
Närrische Hitparade
Geisterfahrer
Lunchen
Plötzlich Geschwister
Ab durch die Mitte
Der Held der B51
Abschied
Hundetrainer Ralf
Chaos im Hundetraining
Unter Wildhunden
Neues Rudel
Simba und Filou
Fly
Loona
Loona wird erwachsen
Konkurrenzkämpfe
Preisverdächtig
Bye-bye, Hundetrainer!
Filmproduzent
Los geht’s
Wohin mit den Welpen?
Zesel
Osterüberraschung
Spießige Weihnachten
Dänemark
Wer züchtet, hat Verantwortung
Von der Hand in die Welt
Die Welpen wachsen
Ronja wird erwachsen
Von der Hand in den Hundehimmel
Misty
Misty zieht ein
Abenteuer Pferd
Navan
Vertreibung aus dem Paradies
Witscheiderhof – der Traum
Küchenkauf
Der Versuch, einen Aussie zu ertränken
Ein kostspieliger Traum
Katzenparadies
Unsere kleine Farm Teil eins
Schlaue Fressmanöver
Der zweite Wurf
Witscheiderhof - der Albtraum
Umzug nach Bergrath
Feuchte Überraschung
Die Eifel tickt anders
Kamikazedackel
Besuch von Kyrill
Unsere kleine Farm, Teil zwei
Don Pedro
Martin S. Gans
Waldläufer
Joy
Die Gelbbacke
Katerliebe kennt kein Alter
Was ist los mit Berry?
Seniorenjahre
Fauni
Der richtige Moment
Cooper
Filmstar
Abschied vom großen Bruder
Welpenspiele
Unser Goldstück
Weniger kann mehr sein
Abschied von Bergrath
Heimerzheim – und noch ein Abschied
Im Hier und Jetzt
Nachwort: Warum das alles?
Über mich
Bisher bei Dogtale Movies erschienen
Dankeseite
Bonusmaterial
Ich wollte schon immer einen Hund. Seit Lassie, Bootsmann aus „Ferien auf Saltkrokan“, Rin Tin Tin oder Wolfsblut war ich von Hunden besessen. Aber ich wollte nicht irgendeinen Hund. Ich wollte IHN, den perfekten Hund, einen Freund fürs Leben. Ich wollte einen Dackel.
Es herrschten Minustemperaturen, es schneite und es war Freitagabendverkehr. Ich rannte im T-Shirt hinter Berry her, meinem Ausbrecherkönig, den ich erst vor wenigen Wochen aus dem Tierheim geholt hatte. Er lief in Richtung A4, Abfahrt Köln-Poll, auf die Gegenfahrbahn in Richtung Frankfurt. Nach 200 Metern gab ich auf und sah Berry am fernen Horizont die Abfahrt hochgaloppieren. Berry war der schönste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Sein Körperbau, seine Fellschattierungen, seine perfekt geschwungene Rute mit der blonden Fahne, seine süßen Stehohren und dieser Blick, der mich gleich beim ersten Treffen in seinen Bann gezogen hatte. Ein stattlicher Hund, den man als eine Mischung aus einem Schäferhund und einem Collie wahrnahm.
Da ich tagsüber arbeiten musste, engagierte ich eine erfahrene Hundesitterin, die sich während dieser Zeit um Berry kümmerte. Nach Feierabend – es dämmerte bereits an jenem Freitagnachmittag – wollte ich ihn von dort abholen. Daniela, die Betreiberin der Hundepension, und ich unterhielten uns kurz im Garten, während die Türen sicher verschlossen waren.
Aber da war dieses Loch im Zaun. Das Loch, durch das bislang kein Hund versucht hatte, sich durchzuzwängen. Dieses Loch und dieser Moment der Unachtsamkeit reichten für Berry aus, um den Weg in die weite Welt und die vermeintliche Freiheit zu suchen.
Auf der Autobahn gab es so viele Autos, die man jagen konnte! Ihr könnt euch Berrys Gesichtsausdruck nicht vorstellen, als er an mir vorbeistürmte. Wie oft hatte ich diesen Ausdruck schon sehen müssen, wenn er die Ohren nach hinten legte und Vollgas gab. Er war nicht mehr ansprechbar. Was hatte ich in diesen Situationen schon geschrien, getobt, geheult, gefleht und ihm den Teufel an den Hals gewünscht! Nicht so an diesem Freitag, da hatte ich die nackte Angst um Berry. Diesmal konnte es nicht gut gehen. A4, Gegenfahrbahn, Schneeregen und Feierabendverkehr. Ich rief verzweifelt die Polizei an und innerhalb weniger Minuten wurde die Autobahn gesperrt. In Gedanken sah ich einen Horrorfilm vor meinem geistigen Auge ablaufen: fliegende Reifen, Lenkräder und einen toten Hund.
Als ich endlich die Auffahrt erreichte, kam ein Polizeiwagen mit Blaulicht angerast und sicherte die Fahrbahn. Autos standen quer auf der Straße und deren Fahrer waren ausgestiegen und fluchten über die Verzögerung. Auf der Gegenfahrbahn zwängte sich ein anderer Einsatzwagen an der Blechlawine vorbei und stoppte auf meiner Höhe, um die andere Seite der Autobahn zu sichern. Kein Berry weit und breit. Mir kam es vor, als wäre schon eine Ewigkeit vergangen. Ich konnte die Funkmeldungen aus dem Polizeiwagen hören: „Hund gesichtet. Er rennt auf der Gegenfahrbahn. Wir versuchen ihn zu stoppen.“ Was würde die Polizei jetzt tun, um einen panischen Hund einzufangen? Ihn erschießen, um Schlimmeres zu verhindern? Auf einmal kam Berry zwischen den stehenden Autos an mir vorbei gestürmt. Ich rief seinen Namen mehrfach, schrie so laut, dass sich meine Stimme überschlug. Aber Berry verschwand genauso schnell, wie er gekommen war, in die andere Richtung. Ich konnte seine Hilflosigkeit förmlich spüren, als er versuchte, orientierungslos zu fliehen – nur weg aus diesem Chaos. Er war nicht mehr der verspielte und neugierige Hund, den ich kannte. In diesem Moment war er von Instinkten und Panik getrieben, die ihn dazu drängten, vor allem davonzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Autos hupten und die Menschen auf den Straßen wurden zunehmend ungeduldig. Und mittendrin ich, komplett ratlos und ebenso panisch wie mein Hund.
Wie konnte es nur so weit kommen?
Noch 62 Kilometer bis zum Michaelshof, einem denkmalgeschützten Bauernhof von 1650 und meinem neuen Wohnort in Bornheim Merten. Ab heute werde ich dort mit vier Menschen, zwei Hunden und drei Kühlschränken zusammenleben. Zusätzlich haben wir eine zuverlässige Putzhilfe, die uns dabei unterstützt, den Hof in einem gepflegten Zustand zu halten. In der Nähe ist die Tramlinie 18 nach Köln – ideale Voraussetzungen, um den Kontakt zur Stadt nicht zu verlieren. Im Rückspiegel sehe ich den blauen Anhänger, der bis unter die Dachkante beladen ist. Auf meinem Beifahrersitz türmen sich Jacken und Taschen. Und ganz oben, geschützt und gesichert wie die Mona Lisa, liegen die Bilder meiner früheren Hunde Berry und Cooper. Um 16:30 Uhr werde ich erwartet. Die Uhr zeigt mir 08:58 Uhr an. Ich bin sieben Stunden zu früh. In der Nacht habe ich vor Nervosität kein Auge zugemacht und wusste nicht, wie ich die Zeit bis zur Abfahrt überbrücken sollte. Also bin ich losgefahren und habe mich in den Berufsverkehr gestürzt, um den Rhein bei Bonn zu überqueren und mit all den mürrischen Menschen auf dem Weg zur Arbeit in mein nächstes Abenteuer zu fahren. 10:07 Uhr: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Wie erwartet steht kein Auto vor der Tür, denn die anderen Mitbewohner sind berufstätig. Nicht ohne Grund haben wir den Nachmittag vereinbart.
Unsicher, ob ich durch das große alte Tor hineinfahren soll, mache ich noch eine Runde durch das Dorf, halte beim Bäcker an und kaufe überteuerte Brötchen. „Ohne Remoulade bitte“, sage ich. Ich mag ganz schlicht belegte Brötchen. Ohne Butter, ohne Salat und erst recht ohne Remoulade. Wieder im Auto beiße ich herzhaft in das üppig belegte Brötchen. Die Remoulade tropft mir auf die Jeans und ich überfahre eine rote Ampel.
Die beiden Hunde meiner neuen Mitbewohner – Bella und Homer, kommen aus den Tiefen des Hofs zum Tor gestürmt, bevor ich die Chance habe aufzuschließen. Ich freue mich darauf, endlich wieder mit Tieren zusammenzuleben. Das Tor ächzt und knirscht, als ich es entriegele und mit beiden Händen nach hinten schiebe. Es ist ein altes, massives, zweiflügeliges Tor, das mir eindringlich klar macht, dass es ihm nicht gefällt, die meiste Zeit geschlossen zu sein. Ich fahre mit dem Anhänger auf den Hof und bin mir sicher, dass ich niemals in der Lage sein werde, diesen jemals rückwärts wieder zu verlassen.
Es ist 10:13 Uhr. Ich setze mich in den kleinen Unterstand, den die Bewohner scherzhaft Bushaltestelle nennen. Dort nehme ich das zweite Brötchen aus der Tüte und achte darauf, dass die Remoulade nicht wieder auf meine Hose tropft. Meine Möbel einräumen werde ich noch nicht. Es wäre mir unangenehm, das Haus allein zu betreten.
Homer und Bella lassen sich in meiner Nähe nieder und beäugen mich gespannt aus sicherer Entfernung.
Meine Gedanken gehen zurück ins Jahr 1999, als Berry zu mir kam, und was seitdem in meinem Leben passiert ist: Ich war weitgehend ahnungslos zum Hundehalter geworden, hatte Fehler gemacht, mit den Jahren viel gelernt und irgendwann mit fünf Schafen und unzähligen weiteren Tieren auf einem Hof gelebt. Es war ein Auf und Ab – zwei Ehen, sechs Umzüge, Corona, eine zerstörerische Flut, aber auch viele Träume, die ich mir erfüllen konnte. In meinem alten Leben war ich Musiker, Schuldirektor, Fernsehredakteur. Meiner wahren Leidenschaft folgte ich später als Hundetrainer und Tierfilmer. Was immer gleich blieb und sich nie verändern wird, ist meine große Liebe zu den Tieren. Durch mein Leben mit den Tieren habe ich mein Glück gefunden.
Ich klappe meinen Laptop auf, um meine Geschichte aufzuschreiben und andere an meinen Erfahrungen und meinem heutigen Wissen teilhaben zu lassen. In Homer und Bella habe ich zwei Zuhörer gefunden, denen ich das Geschriebene später vorlesen kann. Ich bin sicher, sie können es kaum erwarten.
Angefangen hat alles 1979, als ich Sandra begegnete.
Ich war 20 Jahre alt, spielte damals E-Bass und tourte mit den „Sunny-Boys“, einer fünfköpfigen Galaband, durch Deutschland. An diesem Wochenende gastierten wir in Krefeld. Wir hatten Tony Marshall begleitet, der mit seinem Hit „Schöne Maid“ aus allen Ecken der Republik zu hören war. Nach dem Konzert wurde es eine sehr lange Nacht mit hochprozentigen Getränken und Zigaretten. Entsprechend fühlte ich mich, als ich am anderen Morgen mit einem Kater wach wurde, der mir alle Versprechen abverlangte, nie mehr solch widerwärtiges Zeugs zu mir zu nehmen.
Ich hüpfte in eine Metzgerei und wollte mir belegte Brötchen für die Weiterreise zum nächsten Auftrittsort holen. Und dort traf ich Sandra, eine charmante vierjährige Neufundländerdame, groß wie ein Kalb und ihres Zeichens die Chefin im Metzgerladen. Ich war sofort komplett verzaubert. Wenn es so etwas gab wie Liebe auf den ersten Blick, dann erlebte ich sie in diesem Augenblick. Im Gespräch mit dem Metzgereibesitzer kam heraus, dass er gezwungen war, den Hund abzugeben, angeblich aufgrund von Anforderungen des Gesundheitsamtes. Ein Cocktail aus Dopamin, Adrenalin, Serotonin und Oxytocin durchflutete meinen Körper, und ich fühlte mich, als würde ich auf einer endlosen Welle der Glückseligkeit surfen. Ich konnte nicht widerstehen. „Darf ich Sandra mitnehmen?“ 100 DM für Sandra und 1,40 DM für das Brötchen – ein perfekter Handel.
Ich war überwältigt vor Glück. Erst später bemerkte ich, dass ich das geschmierte Brötchen liegen gelassen hatte. Und dann war da noch das Problem mit meinen Eltern. Damals wohnte ich schließlich noch zu Hause. Ich bin der festen Überzeugung, dass wahre Hundemenschen schon als solche auf die Welt kommen. Sobald sie als Kinder sprechen können, fangen sie an, ihre Eltern um einen Hund anzubetteln. Stellt sich der Erfolg nicht sofort ein, beweisen sie die Ernsthaftigkeit ihres Wunsches durch Taten: Sie führen den Nachbarshund aus oder gehen regelmäßig ins Tierheim, verlieben sich unbändig in die verwaisten Fellnasen – und müssen immer wieder Abschied nehmen, wenn die Tiere vermittelt werden. Angesichts solchen Herzeleids sagen viele Eltern doch irgendwann Ja zu einem Hund.
Bei mir kam es anders. Ich hatte die Situation vollkommen unterschätzt. Wir wohnten damals in Hürth-Hermülheim nahe Köln, in einem Haus mit großem Garten und dem typischen Jägerzaun. Als ich mit Sandra vor der Tür stand, traf ich sofort auf Widerstand. Meine Eltern machten mir deutlich, dass der Hund nicht ins Haus dürfe – es gab weder Raum für Sandra noch für Diskussionen. An diesem Punkt muss ich noch etwas weiter zurückschauen. Genau genommen bis zu meiner Geburt.
Es war der 14. Januar 1959, ein bitterkalter Mittwochmorgen in Köln-Nippes. Als einziges Kind eines KFZ-Meisters und einer Hausfrau lasteten von Anfang an hohe Erwartungen auf mir. Mein Vater hoffte, ich würde seine Werkstatt übernehmen, während meine Mutter sich insgeheim eine Tochter gewünscht hatte. Ideale Voraussetzungen für mein bevorstehendes Scheitern.
Ich träumte davon, Cowboy, Trapper, Musiker oder Fußballer zu werden – am besten alles auf einmal. Aber sicher kein KFZ-Meister und erst recht kein Mädchen. Die Welt, die mich in ihren Bann zog, war der Wilde Westen mit seinen legendären Figuren wie James Stewart und John Wayne, den indigenen Ureinwohnern und den mutigen Abenteurern. Zwar hatte ich kein ausgeklügeltes Berufskonzept, aber ich träumte davon, Heldentaten zu vollbringen und Abenteuer zu erleben – allein mit meinem Pferd und meinem treuen Hund.
In Wirklichkeit habe ich bis heute keine körperliche Auseinandersetzung erlebt, und wenn es auch nur eine Ahnung von drohender Gewalt gibt, bin ich der Erste, der die Beine in die Hand nimmt.
Ich stand immer auf der Seite der Guten, genau wie Winnetou und Old Shatterhand. „Hugh, ich habe gesprochen.“
In der Firma hatten alle einen riesigen Respekt vor meinem Vater, einem Meister der alten Schule, der sich nicht zu schade war, mit anzupacken und sich die Hände dreckig zu machen. Ob sie vielleicht sogar Angst vor ihm hatten, so wie ich? Die Furcht vor dem aufbrausenden Temperament meines Vaters sollte mich mein ganzes Leben begleiten und sich immer wieder schmerzhaft bemerkbar machen.
Im Kindergarten, nicht weit von unserem Haus, verbrachte ich 2 schöne und spannende Jahre.
Ich hatte viele Freunde und war rund um die Uhr ausgelastet mit Fußball, Verstecken sowie
Cowboy und Indianer spielen, bis der Ruf meiner Mutter den Abend einläutete und ich
widerwillig den Weg nach Hause antrat.
Duschen, Abendessen, Sandmännchen, Lesen und Licht aus. Immer der gleiche Ablauf. Die
Tage rasten nur so dahin und es wurde niemals langweilig.
Den ersten eigenen Hund besaß ich für circa 45 Minuten. Es war ein kleiner, schwarzer Hund mit Schlappohren, der vor dem Konsum festgebunden war. Ich taufte ihn Maxi und nahm ihn einfach mit. Freudestrahlend brachte ich Maxi als frischgebackener Hundebesitzer nach Hause und wunderte mich, dass meine Mutter ihn nicht als neues Familienmitglied akzeptierte. Mit überschlagender Stimme versprach ich, immer mit ihm rauszugehen, ihn zu füttern und zu bürsten. Ich verstand nicht, warum meine Mutter so abweisend war. „Das ist Timmy, der Hund von Frau Schneider“, erklärte sie mir. „Du kannst doch nicht einfach einen Hund mitnehmen.“ Es folgte eine gehörige Standpauke. Das Schlimmste war jedoch, dass ich mit zu Frau Schneider musste, um Timmy persönlich zurückzubringen. Keine Diskussion.
Frau Schneider hatte mittlerweile mit ihrem Mann und Kunden aus dem Konsum die Gegend abgesucht und verzweifelt nach Timmy gesucht. Ich werde nie vergessen, wie sie in Tränen ausbrach und mich umarmte, anstatt mir Vorwürfe zu machen, als ich, selbst den Tränen nahe, Timmy zurückbrachte. Den angekündigten Stubenarrest musste ich nie antreten; es blieb bei der Drohung. Doch was abends folgte, war mindestens so schlimm wie Stubenarrest. Mein Vater zeigte keinerlei Verständnis. Er steigerte sich in einen seiner typischen, pädagogisch wertvollen Monologe hinein – die jedoch im Laufe der folgenden Jahre immer mehr an mir abprallten.
In der Volksschule, die unmittelbar hinter unserem Garten lag, legte ich den Grundstein für meinen Ruf als Klassenclown. Ich hatte keine Wahl, in meinem lächerlichen Pepita-Anzug mit feiner Samtschleife und glänzenden Lackschuhen. Meine Mutter legte großen Wert darauf, dass „der Junge“ vernünftig aussah, zur Schadenfreude meiner Mitschüler. Der Anzug wurde bald gegen eine kurze Lederhose und einen Janker ausgetauscht, da der Dress dem Toben in der Pause nicht gewachsen war. Ihr Outfit-Wunsch und meine Vorstellung davon lagen auch später noch diametral auseinander. Ich erinnere mich an Kämpfe um zerrissene Jeans, die mir erst gefielen, wenn sie anfingen auseinanderzufallen, und die meine Mutter zu Putzlappen verarbeitete. Als sie eines Tages meine Lieblingsjeans zerschnitt, rächte ich mich bitter und trennte einen Ärmel von ihrem heiß geliebten Nerzmantel ab.
Schon in der Volksschule wurde viel Wert auf musikalische Früherziehung gelegt. Ich hatte die ersten Begegnungen mit Blockflöte, Melodica, Glockenspiel und Schlagwerk. Einige Mitschüler gingen in die Jugendmusikschule in Hürth und ich wollte etwas mit ihnen unternehmen. So lernten wir bei unserem Gitarrenlehrer, Herrn Wegener, mit Zupftechnik die ersten Etüden zu spielen. Schrecklich. Ich war vielleicht fünfmal dort, bevor ich anfing, blauzumachen. Da ging ich doch lieber in den Hürther Tennisklub. Tennis war damals noch ein Privileg der besser gestellten Familien, zu denen meine Eltern unbedingt gehören wollten. Am allerliebsten aber fuhr ich ins zwei Kilometer entfernte Tierheim auf dem Hürther Berg, so heißt die Erhebung hinter Hermülheim.
Zu der Zeit gab es keine Mamas, die einen mit dem Auto irgendwo hinfuhren. Jeder Meter wurde bei Wind und Wetter zu Fuß, auf Rollschuhen oder mit dem Bonanza-Rad gemeistert. Wir Kinder hatten Armbanduhren und klare Ansagen der Eltern, wann wir zu Hause zu sein hatten. Das war der Deal.
Jeden Samstagmorgen durfte ich zum Tierheim fahren, um mich dort nützlich zu machen. Schon um acht Uhr war ich da und half zunächst bei der Fütterung. Sie hatten auch Kaninchen, Katzen und Vögel. Aber mich interessierten nur die Hunde. Ich durfte nicht zu jedem in den Zwinger, da ich noch unerfahren war. Aber wenn kleinere Hunde dort waren, konnte ich mit ihnen spazieren gehen, allerdings nur in Begleitung erwachsener Tierpfleger. Ich kann das Unglück noch fühlen, wenn ein Hund, den ich liebgewonnen hatte, in neue Hände gegeben wurde. Doch meine Eltern ließen sich niemals erweichen. Irgendwann wollte ich nicht mehr in das Tierheim gehen.
Die Schule ließ sich anscheinend nicht vermeiden und so quälte ich mich durch die Jahre der höheren Schule in Hermülheim. Ich saß neben Kurt, dem Streber der Klasse, bei dem ich abschreiben konnte und ihn im Gegenzug im Tennis gewinnen ließ. Kurt war jähzornig und hat so manchen Schläger zerstört, wenn ich Ernst machte und ihn auf dem Platz zur Verzweiflung trieb. Ich war neidisch auf ihn, weil er einen Hund besaß. Mit seinem kleinen Terrier hatte er etwas, was mir mehr bedeutete, als blöde Punkte beim Tennis zu machen.
Im Winter trugen wir in der Schule Hausschuhe. Ich schnappte mir Kurts Pantoffel und warf ihn mit viel Glück in die Lampenschale an der Decke. Kurt heulte und ich kam mir wie ein toller Hecht vor. Am Abend standen er und seine Eltern bei uns vor der Tür und beschwerten sich über mein Verhalten. Kleinlaut versprach ich Besserung und entschuldigte mich bei Kurt.
Die Initialzündung, um Bass zu spielen, geschah in einem Skiurlaub im italienischen Corvara. Ich war zehn Jahre alt und hatte bis dato hauptsächlich Heino und James Last gehört. Mein Freund Hermann, der Sohn der Freunde meiner Eltern, mit denen wir viele Male im Urlaub waren, spielte mir auf dem Ein-Tasten-Kassettenrecorder von Philips das Live-Album „Made in Japan“ von Deep Purple vor. Dieses magische Vibrieren des Basses, mitten hinein in mein Rückenmark, sollte für mich alles verändern.
Ich habe Roger Glover, den Bassisten von Deep Purple, später persönlich kennengelernt. Er hat sich amüsiert, als ich ihm sagte: „You‘re the person my father hated the most.“ Er war mitverantwortlich dafür, dass ich nicht den Weg in das Autogeschäft meines Vaters einschlug, sondern den in eine mehr als ungewisse Zukunft als Musiker. Ich bin seit einigen Jahren mit dem chilenischen Perkussionisten Mario Argandoña befreundet und spiele aktuell mit ihm in einer Bluesband. Er spielt unter anderem mit den Deep Purple Musikern und war Grammy nominiert mit seiner Band Acoustic Alchemy. Was lag also näher, als durch ihn Roger und die anderen Mitglieder von Deep Purple kennenzulernen? Ich war aufgeregt wie vor einem wichtigen Date. Das Treffen mit Roger war dann überaus herzlich und wir saßen lange Stunden in Bonn im Backstagebereich des „Kunstrasen“ zusammen, bis der Tourbus Richtung Paris abfuhr. Wir sprachen über unsere Bässe und Verstärker und die wichtigsten Einflüsse, die uns zur Musik brachten. Ich war schlichtweg begeistert, mit welcher Energie Roger immer noch Musik macht. Geld ist kein Motor mehr für einen der erfolgreichsten Musiker der Welt. Es ist immer noch die Freude, mit 78 Jahren auf einer Bühne zu stehen und mit seinen Bandmitgliedern zusammen zu sein.
Der E-Bass also. Ich übte mit meinen Schulfreunden, mittlerweile war ich 13, im Keller des Altersheims, direkt neben dem Raum, in dem die verstorbenen Bewohner lagen. Wir spielten Stücke von Santana, Deep Purple, Uriah Heep, Doors, den Stones und Status Quo und fühlten uns wie die Könige des Rock ‚n‘ Roll. Mit Auftritten in lokalen Jugendheimen nährten wir den Traum von der großen Karriere.
Mit 19 Jahren dann der Cut – ich musste zur Bundeswehr. Zu jener Zeit gab es noch die allgemeine Wehrpflicht, doch nach sechs Wochen in der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg wurde ich ehrenhaft entlassen. Wegen einer Schulteroperation konnte ich weder militärisch grüßen noch mein Bett selbst machen. In Wahrheit war es eher mein schauspielerisches Talent, das mich vor der Absurdität des Wehrdienstes bewahrte. Stattdessen durfte ich meinen Dienst in der warmen Küche ableisten und schöpfte meinen Kameraden Suppe in die Blechnäpfe, wenn sie frierend und nass aus den Schlammlöchern krochen. Nach der Untersuchung durch den Stabsarzt trug ich meinen Arm in einer Schlinge und konnte freudig der Entlassung entgegensehen.
Zurück von der „Front“ war es vorgesehen, dass ich in der Autofirma meines Vaters arbeiten sollte. Vor dem Bund hatte ich die Lehre bei ihm gemacht, da er mich mit 16 vom Gymnasium geholt und in seine kleine Filiale des Autohauses gezwungen hatte. Zugegebenermaßen waren die Höhe der Fehlstunden und mein Erstkontakt mit Haschisch nicht unschuldig daran. Dass ich im Jägerhof, der Kneipe neben der Schule, am linken Flipper in der Topliga der Vormittagsbesucher war, interessierte ihn ebenso wenig wie meine vorgeschobene Motorölallergie. Widerwillig trat ich die Lehre an, trieb aber gleichzeitig meine musikalische Karriere voran. Mit einer Band musizierte ich auf der Köln-Düsseldorfer Schifffahrtslinie. Wir spielten alte Schlager zum Tanztee, und ich verdiente mein erstes Geld mit der Musik. Mit der Zeit konnte ich mir immer weniger vorstellen, ein Autohaus zu leiten. Wirtschaftlich war es wohl die schlechteste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich hatte ein gutes technisches Verständnis, konnte Kalkulationen für Reparaturen erstellen und die Mechaniker einteilen. Was mir allerdings fehlte, war die Begeisterung für das Geschäft. Nach sechs Jahren hörte ich im Autohaus auf, was die Beziehung zu meinem Vater weiter verschlechterte. Aus der Schülerband wurde eine Galaband. Wir spielten auf großen Firmenveranstaltungen, Jubiläumsfeiern oder Bällen in den Festsälen der Stadt. Als Ende der 70er „Saturday Night Fever“ den Discorausch einläutete, wurden wir für einige Jahre zur Hausband einer Diskothek. Was meine Eltern mir nie zugetraut hätten, war eingetreten: Ich konnte von der Musik leben. Die beiden waren nur ein einziges Mal bei einem Auftritt, und ihr Kommentar war lediglich, dass es zu laut gewesen sei.
Obwohl in meinem Leben so viel passierte, blieb der Wunsch nach einem Hund weiterhin präsent, und ich hoffte, ich würde eines Tages einen treuen vierbeinigen Freund an meiner Seite haben.
Nachdem mit Neufundländer-Dame Sandra das genaue Gegenteil eines Dackels in mein Leben getreten war und meine Eltern nichts von ihr wissen wollten, stand ich vor einem Dilemma. Zurückbringen wollte ich sie auf gar keinen Fall. Glücklicherweise war es Sommer und ich entschied mich am ersten Abend, mit Sandra in meinem Opel Rekord am nahegelegenen Otto-Maigler-See zu übernachten.
Am zweiten Tag parkte ich Sandra heimlich in der Garage. Am dritten Tag gaben meine Eltern auf, weil sie wussten, dass ich Sandra niemals mehr zurückgeben würde. Sandra schlief ab diesem Zeitpunkt neben ihrem Bett. Meine Mutter, die im Krieg ihre geliebte Pekinesen-Hündin Heidi verloren und den Verlust nie überwunden hatte, öffnete ihr Herz. Sandra wurde in Rekordzeit ein vollwertiges Mitglied unserer Familie. Mein Vater ging Sonntagmorgens mit ihr um den Block, um anschließend in die nahe Burgschänke zum Frühschoppen einzukehren. Dies wurde zu einem festen Ritual für die kommenden Jahre.
Meine Mutter war für das Futter und die Schönheitspflege zuständig. Sandra verputzte große Mengen, und ihr langes Fell verlangte nach sehr viel Pflege. Endlich hatte meine Mutter jemanden zum Kämmen, Füttern und Versorgen.
Sandra und ich waren unzertrennlich und ich schwelgte im Glück. Wir genossen die Ausflüge in die Wälder, die Eifel und nach Holland ans Meer. Sie war eine ausgesprochene Wasserratte und mit ihrem einnehmenden Wesen zog sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich, als sei sie direkt aus der Welt von Oz entsprungen. Mein Hund begleitete mich vom ersten Tag an ohne Leine, unabhängig davon, wie belebt die Umgebung war. Mit einer Ausnahme: Wenn Sandra nicht in meine Richtung wollte, setzte sie sich hin. Für andere war das amüsant, aber für mich eher peinlich, da ich hilflos und verunsichert neben ihr stand. Dieses Risiko würde ich heute nicht mehr eingehen.
An manchen Kreuzungen war es unvorhersehbar, welchen Weg wir einschlagen würden. Sandra übernahm die Führung und bestimmte unsere Route. Manchmal warteten wir zwei bis drei Ampelphasen, bevor sie sich entschied, links, geradeaus oder rechts zu gehen.
Fast hätte man meinen können, dass sie solche Situationen suchte, um mich vorzuführen. Anfangs versuchte ich noch, Sandra zum Weitergehen zu bewegen – mit Fisch, Pansen, Lob, Wut, Ziehen oder dem Versuch, sie mit der Hand unter dem Bauch auf die Beine zu heben. Den Griff hatte ich mir aus asiatischen Karatefilmen abgeschaut und scheiterte kläglich. 51,3 Kilo, die wie ein nasser Sack auf der Straße klebten, waren eine deutliche Ansage. Ich vermied den Blickkontakt mit dem schmunzelnden Publikum, das oft hilfreiche Ratschläge parat hatte. Nach kurzer Zeit erkannte man uns auf unseren Spazierwegen und der ein oder andere Fußgänger blieb erwartungsvoll stehen, um zu schauen, wer heute das Ampelduell gewinnen würde.
Doch diese Momente konnten mein Hundebesitzerglück nicht trüben. Ich genoss es, Sandra während des Weihnachtstrubels auf den Kölner Einkaufsstraßen frei laufen zu lassen. Ab und zu fiel sie etwas zurück, und für die anderen Passanten sah es wohl so aus, als ob sie allein unterwegs wäre. Aber sie folgte mir immer. Ich sah mich als modernen Franz von Assisi, der eine besondere Beziehung zu Tieren hatte. Ich musste später auf schmerzhafte Weise feststellen, dass dies an Sandra lag und nicht an mir. Sie war Franziska von Assisi.
Oft saß ich mit ihr auf der Hundedecke im Flur und weinte manche Träne in ihr Fell. Sie war mein Anker im kühlen Elternhaus, das einerseits ablehnend, andererseits erdrückend war. Ich fand bei ihr den Trost und die Wärme, nach der ich mich immer gesehnt hatte.
Es gab auf dieser Welt nur einen Menschen, den Sandra nicht leiden konnte: Ernst Golombek. Ernst hatte eine Beeinträchtigung – er stotterte. Ich kannte ihn von Kindesbeinen an und hatte in meiner jugendlichen Unbedachtheit oft über ihn gelacht. Wenn Ernst zu Besuch kam, mussten wir Sandra wegsperren. Sobald sie seine Stimme hörte, regte sie sich auf und war nicht mehr zu beruhigen.
Sie erkannte Ernst schon am Klang seiner Autotür. Sofort begann sie das infernalische Gebrüll eines unkontrollierbaren Höllenhundes. Da gab es nichts zu retten – verbrannte Erde, für immer, obwohl es keine ersichtliche Vorgeschichte gab. Wir haben Ernst nie erzählt, dass er der Einzige war, bei dem Sandra derart ausrastete.
Ein völlig anderes Verhalten zeigte sie, wenn Willi, der Cousin meiner Mutter, zu uns kam. Er und seine Frau Gerta wohnten in einem Wohnpark, etwa zwei Kilometer entfernt.
Willi war von Beruf Schlachter. Ich werde nie nachvollziehen können, wie man Schlachter werden kann, aber das ist eine andere Geschichte.
Einmal im Monat brachte Willi Pansen und andere furchtbar riechende Tierreste mit. Der unerträgliche Gestank erfüllte das gesamte Haus, und unsere Küche wurde quasi zur Außenstelle des Schlachthofs. Willi und meine Mutter portionierten die Pansenstücke, kochten sie und verstauten sie in Frischhaltebeuteln in einer extra dafür angeschafften Tiefkühltruhe. An diesen Tagen war Sandra besonders ausgelassen. Willi war ihr Held. Wenn Willi zu uns kam, trug er einen Geruch an sich, den Sandra über alles liebte – und den ich als den Geruch des Todes bezeichnete. Wenn er Sandra berührte, sah es aus, als würde er ein Stück Holz streicheln. Vielleicht lag es an seinem Beruf. Ich stelle es mir nicht einfach vor, den ganzen Tag Tiere zu töten und dann nach Hause zu kommen, um den Hund liebevoll zu knuddeln.
Vor der Metzgerei Zens stand ein großer, freistehender Mülleimer aus Metall, an den meine Mutter Sandra band. Sie war kein Hund, der weglief – da waren wir uns sicher. Leider hatte der Mülleimer Rollen, die an diesem Tag nicht arretiert waren.
Als Sandra sich hinlegte und dabei die Leine straffzog, rollte der Mülleimer auf sie zu und fiel um. Das versetzte Sandra derart in Panik, dass sie losrannte, als sei der Leibhaftige persönlich hinter ihr her. Verzweifelt galoppierte sie drauf los, bis sie schließlich von Passanten in einer Sackgasse gestoppt werden konnte. Meine Mutter hatte sie da längst aus den Augen verloren. Der Mülleimer, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte und in den Kurven versuchte sie zu überholen, muss für die arme Sandra traumatisch gewesen sein.
In dem damals noch kleinen Hermülheim wussten alle, wo sie hingehörte, und man brachte Sandra zu uns zurück. Nach dem Vorfall verließ sie das Haus tagelang nicht mehr.
Selbst in der größten Eile würde meine Mutter ab jetzt kein Risiko mehr eingehen.
Als Sandra zu mir kam, war sie vier Jahre alt. Nur drei Jahre später erkrankte sie an Gebärmutterkrebs. Die ganze Familie litt und bangte mit ihr. Nach einer Totaloperation erholte sie sich jedoch schnell und erfreute sich bald wieder bester Gesundheit.
Leider wurde Sandra nur elf Jahre alt. Wir mussten die schmerzvolle Entscheidung treffen, sie einschläfern zu lassen. Ihre Hüftgelenke waren beidseitig inoperabel, ein Prozess, der sich über viele Jahre hinweg abgezeichnet hatte. Die Schiefstellung der Gelenke ist bei großen und schweren Tieren leider häufig das Todesurteil. Die sogenannte HD (Hüftdysplasie) ist eine genetisch bedingte Fehlbildung der Hüftgelenke. Zunächst unauffällig, treten irgendwann die ersten Anzeichen bei heftigen Bewegungen auf. Bei Sandra war es so schlimm, dass sie zuletzt kaum noch aufstehen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten wir sie noch mit Medikamenten unterstützen.
