9,99 €
Verwandeln Sie Ihre Lebenshürden in Kraftreserven. Tauchen Sie ein in eine inspirierende Reise der Selbstentdeckung und der grenzenlosen Liebe. "Camino Provides" ist nicht nur eine kraftvolle Botschaft, sondern auch das Leitmotiv dieses ergreifenden Werkes. Geplagt von Zweifeln und Sorgen überlässt sich unsere Heldin dem Schicksal des Jakobsweges – einer Reise, die sie nicht nur körperlich, sondern auch geistig herausfordert. Ob es die unerwarteten Wunder des Weges sind, wie ein rettendes Schuhgeschäft in einer verschlafenen Stadt oder ermutigende Wegbegleiter, die ihr zeigen, wie man das Tempo des Lebens drosselt, um den Moment zu schätzen – jede Etappe ihrer Reise ist ein Spiegelbild unserer eigenen Lebenstraumata und Triumphe. Zu Hause zeigt ihr Mann, dass wahre Stärke und Hingabe jenseits der physischen Gesundheit liegen. Seine Worte der Ermutigung sind ein Testament für die unauslöschliche Kraft der Liebe, die uns selbst in unseren schwächsten Momenten stützt. Aber das Ende ihrer Reise markiert nicht das Ende ihrer Herausforderungen. Der Anruf des Schicksals und die unausweichlichen Pflichten als Mutter und Ehefrau testen sie erneut. Doch wie der Jakobsweg selbst lehrt, gibt es immer eine Chance, unsere Reise fortzusetzen, unsere Batterien aufzuladen und zu unserer besten Version zu werden. Lassen Sie sich von dieser Geschichte berühren und finden Sie den Mut, über sich hinauszuwachsen, egal welche Hindernisse das Leben Ihnen in den Weg legt. Ein unverzichtbares Buch für alle, die an die transformative Kraft der Hoffnung und der Entschlossenheit glauben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2023
© 2023 Sara Klomp
Lektorat: Johanna Furch (www.wortwuehlmaus.de)
ISBN Softcover: 978-3-384-02461-9
Druck und Distribution im Auftrag : tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor selbst verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Für alle die, die diese Sehnsucht auch spüren
Mein Weg ist das Ziel
Cover
Urheberrechte
Widmung
Titelblatt
Prolog
Ostersonntag 2018
The god of small things
Die Frage
Life begins at the end of your comfort zone
Erstmal ankommen
Vom Aufgeben und Weitermachen
Mentale Sachen und so
Bergauf
Liebes Universum
Auf dem Weg angekommen
Thankful
Recovering time – Pausen
Fifty shades of Camino
Der wunde Punkt mit dem Baby
I met jesus
Noch 100 Kilometer bis Santiago
Snorky porky and spirit
Zurück in die Realität
Santiago is calling
Ab nach Hause
Zu Hause
In der Zwischenzeit
Achterbahn
Stell dir mal vor
Die Gäste
Wo drückt der Schuh?
Allein
Die Erkenntnis des Tages
Das Meer
Das Ende der Welt
Nichtstun
Nichtstun 2.0
Abschied
Camino Playlist
Danksagung
Cover
Urheberrechte
Widmung
Titelblatt
Prolog
Danksagung
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
Prolog
Oktober 2016
Ich sitze hochschwanger im Wartebereich der Logopädiepraxis als mein Handy klingelt. Eine Nachricht von Nadja mit etlichen Bildern. Als ich sie öffne, erfasst mich plötzlich eine Traurigkeit und eine Sehnsucht, die ich bis dahin gar nicht kannte. „Das Laufen ist so befreiend. Der Camino war genau die richtige Entscheidung!“ Das belegen auch die elf Fotos, die sie mitgeschickt hat. Ich sehe mir ihre Bilder an und auf jedem Einzelnen strahlt sie mit dem Panorama um die Wette. Ich weiß gar nicht, ob ich sie je schon so habe strahlen sehen. Sie sieht so glücklich aus, befreit, leicht. Trotz des schweren Wanderrucksacks, den sie auf dem Rücken trägt und trotz der vielen Kilometer, die sie zu Fuß zurücklegt. Ich kämpfe mit den aufsteigenden Tränen und muss ein paar Mal schlucken. Warum fragt mich nicht mal jemand nach solch einem Abenteuer? Diese unbekannte Sehnsucht ist plötzlich zum Greifen nah und in mir keimt das erste Mal der Gedanke auf: Das muss ich auch unbedingt machen! Ich kann die Weite fast mit den Händen greifen, das Gefühl leicht und unbeschwert zu sein. Am liebsten würde ich auch sofort meinen Rucksack packen und loslaufen. Wenn ich denn einen hätte …
Ich streichle meinen Bauch. Selbst wenn … Ich kann nicht. Nach allem, was hinter uns liegt und dass wir endlich den Schritt gewagt und uns für ein zweites Kind entschieden haben. Trotz Daniels chronischer Nierenkrankheit. Dass er in den nächsten fünf bis zehn Jahren an die Dialyse muss, steht fest. Wir haben uns gedacht, wenn nicht jetzt, wann dann? Dann ist unsere große Tochter zehn und die Kleine wäre fünf, wenn wir vom schlimmsten Fall ausgehen und es in fünf Jahren schon so weit sein sollte. Beide wären aus dem allergröbsten heraus und könnten es zumindest anders verstehen, wenn sich unser Leben ändert. Also entschieden wir uns erneut aufgrund der starken Medikamente für eine künstliche Befruchtung. Leider hat das mit der Prognose nicht so ganz hingehauen und ich war gerade mit unserer zweiten Tochter schwanger, als das Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren auf zehn Monate geschrumpft ist.
Und auch der Gedanke, was uns noch bevorsteht: Bei unserer zweiten Tochter wurde bei der Frühdiagnostik schon festgestellt, dass auch sie Nierenprobleme in Form von verengten Harnleitern hat. Da der Urin nicht richtig abfließen kann, staut sich alles im Nierenbecken. Im schlimmsten Fall könnte sie dadurch eine oder beide Nieren verlieren. Seitdem muss ich in kurzen Abständen zum Frühdiagnostiker, der alles beobachtet und die Situation jedes Mal neu bewertet. Wir hoffen, dass wir sie nicht früher holen müssen, damit sie direkt operiert wird. Wir bangen bei jedem Termin, ob es sich vielleicht verwächst, je größer unsere Tochter wird. Gleichzeitig kämpft Daniel, es bis zur Geburt im November noch ohne Dialyse zu schaffen. Aber ich sehe, wie er immer mehr an Kraft verliert und immer weiter abbaut. Alles geht auf einmal so rapide schnell, dass ich oft ganz schön Angst habe. Aber Daniel kämpft weiter um das bisschen „Normalität“, das noch da zu sein scheint. Der nahende Start der Dialyse fühlt sich an, als wäre ab dem Zeitpunkt unser Leben zu Ende. Der errechnete Termin für unsere Tochter ist der 21. November 2016. Schon seit dem Sommer habe ich immer mal wieder leichte Wehen und einen harten Bauch. Alles in allem keine so rosigen Voraussetzungen.
Ich lasse meinen Blick noch einmal durch das Wartezimmer schweifen. Elternzeitschriften liegen auf einem kleinen Beistelltisch neben mir. Darunter steht eine Kiste mit Holzspielzeug. Doch lange kann ich nicht im Jetzt bleiben, da driften meine Gedanken schon wieder ab.
Je mehr ich über all das nachdenke, je mehr Sorgen und Ängste aufkeimen, desto stärker wird mein Wunsch nach dem Jakobsweg. Loslaufen, sich treiben lassen, die Gedanken ziehen lassen, frei sein. Als ich Daniel später davon erzähle, guckt er mich mit großen Augen an. Aber er wäre nicht Daniel, wenn er nicht sagen würde: „Ja mach das! Das klingt gut.“ Wir wissen natürlich beide, dass bis dahin noch eine Weile vergehen wird. Aber irgendwann gehe ich den Camino del Norte.
Als ich den Entschluss gefasst habe, wusste ich noch nicht, was in den Jahren darauf auf mich zukommt. Hätte ich es gewusst, wäre ich womöglich sofort losgerannt, um mich nochmal zu erden. Ich hätte wahrscheinlich nicht lange gezögert und wäre mit Plauze und allem losgelaufen.
Ostersonntag 2018
Mein Akku ist auf null. Ich bin innerlich aufgewühlt, bin müde, abgekämpft und kann schlicht und ergreifend einfach nicht mehr. Und ein wirkliches Ende ist auch nicht in Sicht.
Emilia, unsere zweite Tochter, hat sich vor anderthalb Jahren drei Wochen zu früh auf den Weg gemacht. Nein, eigentlich stimmt das nicht, durch einen Blasensprung wurde sie gezwungen, früher zu kommen. Und man merkte schon bei der Geburt, die sich ewig hinzog, dass dieses Kind einfach noch nicht bereit ist. Wir hatten leider alle keine andere Wahl. Nach der Geburt gab es schlimme Komplikationen, an denen ich fast gestorben wäre. Die Ärzte konnten in letzter Sekunde mein Leben retten, nachdem sie es kurz vorher fast beendet hätten. Ich wurde knapp eine Woche später und immer noch mehr tot als lebendig aus dem Krankenhaus entlassen. Aber leider gab es kein Wochenbett, an dem liebe Menschen für mich kochen, während ich auf der Couch liege, mein Baby im Arm halte und mich erhole. Die Realität sah leider ganz anders aus, sehr bitter. Da Daniels Kräfte nur noch zum Arbeiten reichten, habe ich einfach funktioniert und alles gemacht, so wie ich das immer gemacht habe. Nachts saß ich übernächtigt, mit brennenden Augen in Emmis Zimmer und habe sie im Fliegergriff geschaukelt, in der Hoffnung, dass ihre Bauchschmerzen endlich aufhören. Daniels Kraftreserven hatte der Alltag schon lange aufgefressen. Wie oft habe ich weinend in diesem Zimmer gesessen und mir gedacht, dass ich mir das alles anders vorgestellt habe?
Ende Januar bekam Daniel seinen Dialysekatheter implantiert und Anfang Februar ging es dann los mit der Bauchfelldialyse, kurz PD. Er wurde angeleitet, dass er die Dialyse zu Hause und im Büro machen konnte. Drei Mal täglich, alle vier Stunden füllt er seinen Bauchraum mit Glucoselösung, welches das Bauchfell anregt, über die Membran die Giftstoffe aus dem Körper zu filtern. Die Lösung bleibt vier Stunden im Körper und wird dann über den Katheter, der im Bauch liegt und nach draußen geht, in spezielle Beutel abgelassen, ehe dann die neue Flüssigkeit einlaufen kann. Aber ganz entgiften, wie mit einer Niere kann der Körper natürlich nicht. Aber die Wartezeit für ein Spenderorgan in Deutschland liegt bei neun bis zehn Jahren. Unser Alltag wurde also ab dem Zeitpunkt von Dialyse, Desinfektionsmitteln, Mundschutz und einem Schlafzimmer, welches jetzt einem Krankenzimmer glich, bestimmt. Und da das nicht genug war, wurde Emmis Harnleiterstörung nicht besser, sondern schlimmer. Die Ärztin sagte, dass so schnell wie möglich eine Operation durchgeführt werden muss, weil wir kurz davor sind, Emilias rechte Niere zu verlieren. Dann ging auch alles ganz schnell und ein paar Wochen später war ich mit Emilia in der Klinik, wo sie operiert wurde. Die Zustände dort waren teilweise menschenunwürdig. Es war dreckig, kaum zu glauben für eine Kinderklinik. Die Silberfische sind mir über die Füße gekrabbelt. Und es war laut. Daniel kümmerte sich um unsere erste Tochter Julia und um seine Dialyse, während ich meist alleine in der Klinik auf Emilia wartete. Jahrelang habe ich immer weiter funktioniert. Ich war Mutter, Vater, Entertainer, Köchin, Haushälterin, Taxi, Seelsorgerin, Krankenschwester und gefühlt noch so vieles mehr, ohne auch nur einmal Luft zu holen.
„Ich kann nicht mehr“, gestehe ich Daniel also am Ostersonntag, knapp anderthalb Jahre später. Wir sind im Garten, die Sonne scheint und die Kinder toben um uns herum. Juli läuft hinter der kreischenden Emmi her, die unter unserem Haselnussstrauch noch ein letztes Schoko-Ei gefunden hat und das beide gerne essen wollen. Drinnen ist der Tisch für unser Osterfrühstück gedeckt und der Duft von frischem Kaffee und Brötchen dringt schwach in meine Nase. Außer den Vögeln, die schon emsig zwitschern und unseren beiden Kindern ist es draußen noch vollkommen ruhig. Zumindest äußerlich, denke ich mir. Die Kinder scheinen noch nicht so recht mitzubekommen, was für ein Sturm der Verzweiflung gerade in mir tobt. Ich muss hier raus, ich muss atmen, mich frei machen. Mal an was anderes denken als an Krankheit und Sorgen! Krafttanken, Gedanken leeren, an mich denken, an meine Bedürfnisse! Mein Entschluss steht fest: „Ich will dieses Jahr den Jakobsweg gehen, ich muss dringend meinen Akku wieder aufladen, sonst breche ich bald komplett zusammen.“ Und auch, dass wir eine Lösung finden müssen, wie es weitergehen kann.
Und diese Lösung finden wir an diesem Tag tatsächlich. Wir legen uns auf ein Datum fest: Der 25. August soll mein Starttermin sein. Dann fliege ich endlich los. Wir besprechen an diesem Tag mit der Familie, wer Daniel in dieser Zeit unterstützen kann. Meine Oma wird wochenweise hier sein und auch mein Vater und meine Bonusmama, Papas neue Frau, werden an den Wochenenden kommen und unterstützen.
Noch nie war ich mal alleine weg. Ganz alleine, ohne Familie, ohne irgendeine Gruppe. Ich war eigentlich immer ganz gerne zu Hause, bin ich doch so ein Heimwehkind. Aber diesmal werde ich alleine verreisen. Als ich unseren Freunden und der Familie von diesem Vorhaben erzähle, höre ich öfter: „Willst du wirklich ganz alleine laufen? Ist das nicht zu gefährlich?“ Aber darüber mache ich mir die wenigsten Sorgen. Ich lese einen Blog über Frauen alleine auf dem Jakobsweg, der das Ganze als nicht gefährlicher einstuft als das normale Leben zu Hause. Was will ich mehr? Gleichzeitig habe ich mich auf Facebook der Camino del Norte Gruppe angeschlossen, lese dort mit und schaue mir diese unendlich tollen Bilder an. Jeder, der schreibt, ist vollkommen fasziniert von dem ganzen Zauber. Das Verrückte ist, dass ich mit jedem Bild und mit jedem Satz diese Magie fühlen kann. Meine Sehnsucht ist so unendlich groß geworden, dass ich es kaum aushalte. Den Film von Hape Kerkeling, ‚Ich bin dann mal weg‘, kann ich nur mit einer XXXL-Packung Taschentücher anschauen. Dieses Suchen, welches darin immer wieder aufkommt, kann ich so gut nachvollziehen – als wäre es ein Teil von mir. Auch wenn ich nicht den Camino Frances gehe, so stimmen mich diese Szenen sehr ein. Daniel kann das nicht so recht begreifen und amüsiert sich ein wenig, wenn ich da mit Rotznase und Taschentüchern vor dem Fernseher sitze. Ergreifend ist auch der Moment, wenn Hape in Santiago ankommt. Diesen Ort nach so vielen Kilometern erreicht. Ich möchte auch endlich ankommen. Bei mir und in Santiago. Allerdings weiß ich auch: Es geht um den Weg, es geht um das, was dort mit mir passiert. Dort auf dem Weg soll es Fügungen geben, davon hat mir auch Nadja schon erzählt. Wenn man zum Beispiel ein brandneues Regencape am Wegesrand findet, gerade dann, wenn man es braucht. Ich höre den Weg rufen und ich merke, wie er mich anzieht und ich es kaum erwarten kann zu starten.
Mein Reiseführer liegt schon eine Weile zu Hause und es gibt fast keinen Tag, an dem ich ihn nicht mindestens einmal in den Händen halte. Darin wird vom Weg, von Land und Leuten berichtet. Und von verwirrender Streckenplanung – hier rechts, dann vierhundert Meter bis zu dem blauen Haus, dann dort links den Berg hoch. „Das verstehst du erst, wenn du auf dem Weg bist“, hatte Nadja mir erklärt. Dennoch wollte ich mich schon mal einlesen. Navigation ist nicht gerade eine Stärke von mir. Aber es gibt ja die gelben Pfeile und Muscheln, die mir den Weg weisen. Und zur Not frage ich halt.
Ich fange über Babbel auch einen Spanischkurs an, um mich wenigstens ein bisschen mit den Menschen verständigen zu können. Jetzt fehlen nur noch die wichtigsten Dinge wie Schuhe, Rucksack und die Klamotten.
Mein erster Weg
The god of small things
Ich brauche ein paar Schuhe, die mir das Gefühl geben, dass der Weg nicht lange dauert. Ein paar Schuhe, die mir auf ein paar hundert Kilometern zu Fuß die treuesten Begleiter sein werden. Wenn alles gut geht, werde ich in diesen Schuhen in Santiago einlaufen und als großen Bonus werden sie mich dann hoffentlich auch noch bis ans Kap Finisterre tragen, dem Ende der Welt. Früher glaubte man, dass genau dort das Ende der Welt ist. Heute weiß ich, dass an diesem Punkt unendliche Weite wartet. Dort hört etwas auf und fängt gleichzeitig etwas Neues an.
Ich blicke an der Wand voller Wanderstiefel empor. Es gibt sie in allen erdenklichen Farben und Ausführungen, zum Wandern oder Bergsteigen, für Gletscher oder felsiges Gelände. In warmen Naturfarben oder sogar Pastelltönen. Ich muss ganz schön verloren aussehen, zumindest kommt nach kurzer Zeit ein Verkäufer des riesigen Outdoorgeschäfts zu mir und fragt, ob er mir helfen kann. „Für den Jakobsweg brauchen Sie festes, hohes Schuhwerk“, erklärt er mir, als ich ihm sage, was ich suche. Auf seine Empfehlung probiere ich manche an und sofort fühlt es sich ein Stück echter an. Es bleibt kein Traum. Ich stehe gerade wirklich in einem Outdoorgeschäft in Köln, probiere Wanderschuhe und bereite mich auf meine Reise vor. Es passiert wirklich. Ich hätte am liebsten auch gleich den Rucksack und alles andere gekauft. Aber ich muss mich ermahnen langsam zu machen. Es ist ja immerhin noch knapp vier Monate Zeit bis zum Starttag. Aber Wollsocken nehme ich gleich mit dazu. Es kostet zwar mehr als ich erwartet hatte, aber ich zücke voller Glücksgefühle und einem breiten Grinsen meine Geldkarte, als ich an der Kasse stehe.
Kaum bin ich zu Hause, ziehe ich meine Errungenschaft direkt an. Den restlichen Tag kriegt mich keiner mehr aus den Dingern raus. Selbst abends, als ich die Kinder ins Bett bringe, habe ich die Schuhe an. Juli und Emmi verstehen die Euphorie über ein paar klobige und schwere Schuhe natürlich nicht. Als die Kinder schlafen, lasse ich mich aufs Bett fallen – in den Schuhen natürlich – und rufe Daniel auf seiner Geschäftsreise an. Als erstes halte ich meine Wanderstiefel ins Bild. „In denen werde ich heute Nacht Schlafen“, kichere ich und er schüttelt lachend den Kopf. „Du bist verrückt“, schmunzelt er. Er kennt mich ja auch schon lange genug, um das zu wissen. „Wenn du schon nicht da bist, dann haben wenigsten die Schuhe heute Nacht einen Platz an meiner Seite“, sage ich noch und tatsächlich stelle ich sie auf Daniels Bettseite und schaue sie noch ein letztes Mal an, bevor ich einschlafe.
Seit diese Schuhe bereit zum Aufbruch in meinem Schrank stehen, macht sich eine innere Wärme und ein Gefühl des Glückes in mir breit. Wahnsinn, was so ein Paar Stiefel und Wollsocken bewirken können.
Die Frage
„Warum fliegst du nicht einfach für zwei Wochen in ein tolles Hotel und lässt es dir dort gutgehen?“ Diese Frage wurde mir einige Male gestellt, wenn ich von meinem Vorhaben erzählt habe.
Dort könnte ich doch auch wieder Kraft sammeln und vor allem entspannen. Aber jeden Tag zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig Kilometer laufen? Das kann doch nicht erholsam sein. „Denk doch noch mal drüber nach.“
Nun, was soll ich sagen? Ich will das! Wie kann ich diesen Menschen diese eine Sehnsucht erklären, die tief in mir schlummert und immer mehr an die Oberfläche bricht? Mein Bauch und mein Herz schreien nach dem Jakobsweg. Ich will mich freilaufen! Mein Herz freilaufen, meinen Kopf frei laufen! Einmal nur mit mir sein. Das, was kommt, aufsaugen und genießen. Und ich will diese Grenzerfahrung spüren, mit jeder Faser meines Körpers. Ich will mich wieder spüren, zu mir zurückfinden und zu meinen Bedürfnissen. Gehen, wann ich es möchte. Rast machen, wenn mir danach ist. Auf meinen Körper hören. Spüren, wann er nicht mehr kann. Ich möchte nicht im Hotel am Pool liegen und von Essen zu Essen tingeln, zwischen vielen Menschen, wo es laut und hektisch ist. Wer liegt als erster am Pool und hat die schönsten Liegen reserviert? Wer sitzt als erstes beim Essen?
Ich freue mich auf die Ruhe beim Laufen. Vielleicht finde ich jemanden, der mit mir eine Weile läuft oder mal ein Zimmer teilt – aber ich habe auch die Freiheit zu sagen, wenn ich das nicht möchte. Die Pilger verstehen das schon. Ich freue mich auf die unbeschreiblich schöne Natur. Ich nehme extra den Küstenweg, weil ich das Meer liebe und es schon immer eine Magie auf mich ausgeübt hat. Ich freue mich, durch duftende Eukalyptuswälder zu laufen, das Rauschen der Bäume und der Wellen des Atlantiks zu hören, den Asphalt unter meinen Füßen zu spüren und die Sonne, die mir auf die Nase scheint, zu fühlen. Ich hoffe in den Pausen meine Zehen für einen Moment im Sand vergraben, meine müden Füße im kalten Meer kühlen und meine Gedanken vom Wind dort an der Küste wegpusten lassen zu können. Sehen, hören, riechen und fühlen.
Und genau das WILL ich spüren!
Ganz schöne viele WILLS und MEINS und MIR und ICHS oder? Klingt total egoistisch? Ist es aber nicht. Man darf sich selbst nicht vergessen, man muss etwas für sich tun. Viele verlernen das mit der Zeit und genau so geht es mir auch. Ich habe keine Ahnung mehr, wie es ist, mich um mich selbst zu kümmern. Ich kümmere mich jeden Tag und jede Nacht um meine Familie und meistens habe ich mich und meine Bedürfnisse dabei total vergessen. Die Therapeutin unserer großen Tochter sagte die Tage zu mir: „Mensch, Sie tun ja wirklich alles für Ihre Kinder und Ihre Familie – mehr geht nicht. Das ist toll. ABER Sie begehen einen großen Fehler, Sie kümmern sich überhaupt nicht um sich selbst und das ist letztendlich schlecht für die Kinder!"
Bäm! Ich hatte sofort wieder ein schlechtes Gewissen. Aber sie hat recht: Es geht darum, sich ausreichend um sich selbst zu kümmern, damit man auch weiterhin die Kraft hat, für die Familie da zu sein. Und wenn der Kreislauf stimmt, dann stimmt der Rest.
Und genau darum gönne ich mir diese siebzehn Tage, in denen ich mich mal ausführlich mit den ICHS, MIR, MEINS und WILLS beschäftige – auf dem Jakobsweg zu Fuß und nicht im Hotel.
Life begins at the end of your comfort zone
Der Tag des Abflugs naht nun ziemlich rasant. In vier Tagen ist es so weit. Die letzten Tage der Sommerferien sind angebrochen, Juli und Emmi planschen in unserem Pool im Garten.
Zwischen die Vorfreude von vor ein paar Wochen und Monaten schiebt sich immer mal wieder das Gefühl der Angst. Eigentlich hauptsächlich, dass ich den Weg nicht finde … Karten und sowas sind ja eigentlich nicht so mein Ding.
„Solang du den Hinweisen am Wegesrand folgst, kannst du dich gar nicht verlaufen“, hat mir meine beste Freundin bestimmt hundert Mal erklärt. Das wird schon.
Aber das ist nicht die einzige Angst. Dazu kommt die Sorge, ob zu Hause auch tatsächlich alles klappt ohne mich. Ob mein Mann das alles schafft mit Dialyse, Arbeit, Kinder und Co. Damit sind wir wieder beim Thema loslassen, was ich ja besonders gut kann *Ironie off*
Hatten wir doch im Urlaub auf Menorca erst ein super Beispiel wie schnell es gehen kann, dass mein Mann von jetzt auf gleich ins Krankenhaus muss. Ich sehe mich, die weinenden Kinder in meinem Arm, noch in der Anlage stehen, als Daniel auf der Krankentrage abtransportiert wurde.
Natürlich weiß er, wie man Windeln wechselt, spielt, Flasche gibt und die Kinder ins Bett bringt. Aber was, wenn wieder so etwas ist wie auf Menorca? Wenn er nicht für sie da sein kann? Ich sitze auf der Terrasse, gönne mir einen Moment zum Durchschnaufen und beobachte die Mädchen dabei, wie sie sich Wasser ins Gesicht spritzen – unbeschwert und vergnügt. Doch irgendwie bin ich unruhig. Sobald ich zur Ruhe komme, sind diese Zweifel da. Soll ich hier wirklich alle alleine lassen und dieses Ding nur für mich durchziehen? Ist es nicht doch irgendwie egoistisch?
Ich erinnere mich dumpf an meinen letzten Beitrag mit den MIR, MEINS, MICHS und ICHS und bin plötzlich wieder unsicher.
Oder ist der springende Punkt einfach der, dass ICH nicht loslassen kann? Dass ich nicht lockerlassen kann? Dass ich immer alles planen und unter Kontrolle haben muss? Alles sicher halten, jeden beschützen, bevor etwas passiert? Das wird es wahrscheinlich sein. Ich bin nämlich null locker und habe immer das große Bedürfnis, alles zu planen, damit ich alles im Griff habe.
Ich denke, dass es deshalb eines meiner größten Themen auf dem Camino sein wird. Lockerlassen, loslassen. Ich bin ja nicht für die ganze Welt verantwortlich, oder?
Ohne mich wird die Welt wohl nicht untergehen.
Ich werde meine Familie in den siebzehn Tagen unter Garantie höllisch vermissen. Und man mag es ja nicht glauben, aber mein Mann ist doch tatsächlich erwachsen und wird es wohl schaffen. Er ist ja auch nicht allein und hat etliche helfende Hände. Wieder etwas, das mir unangenehm ist. Hilfe annehmen. Von meiner Familie ok, aber von Freunden ist das manchmal so eine Sache. Klar frage ich gelegentlich, aber ich will niemandem zur Last fallen oder auf die Nerven gehen und schaffe lieber alles alleine. Obwohl geteilte Last leichter ist, oder?
Vielleicht sollte ich mir einfach wieder Gedanken darüber machen, ob ich den Weg nicht finde … das wäre einfacher.
Buddha brachte es wunderbar auf den Punkt:
Lerne loszulassen
– das ist der Schlüssel zum Glück (Buddha 560 – 480 v. Chr.)
Erstmal ankommen
Ich bin endlich angekommen! Nein, nicht in Santiago, sondern an meiner Startdestination. Und das ganz alleine! Ich habe bis jetzt noch nie etwas mit solch einem Ausmaß ganz alleine gemacht.
Als ich heute Morgen in meine Wanderklamotten geschlüpft bin, war da dieses Kribbeln in meinem Magen, das sich auf dem Weg zum Flughafen zu einem richtigen Krampf entwickelt hat. Die Vorfreude, Aufregung, Angst rumorte in mir und trieb mich weiter an. Jetzt geht es los! Ich weiß nicht, wie oft ich über die Möglichkeit nachgedacht habe, alles abzublasen und zu Hause zu bleiben, die Kinder brauchen mich doch. Nicht, dass sie denken, dass ich sie im Stich lasse, wo ich doch die Konstante in ihrem Leben bin.
Am Flughafen kam dann die nächste Ladung Unsicherheit. Das Verabschieden meiner Liebsten. Juli ist schon gar nicht mitgekommen, weil sie das viel zu traurig fand. Sie durfte bei meiner Freundin spielen. Aber von Emmi Abschied nehmen war echt schwer. Sie hat es mir natürlich nicht leicht gemacht und geweint wie verrückt. Die Tränen kullerten in Sturzbächen an ihren kleinen Bäckchen hinab. Immer wieder reckte sie ihre kleinen Ärmchen nach mir, als sie auf Daniels Arm war. Ich muss nicht sagen, dass ich etliche Tränen verdrückt habe. Ich habe mich richtig mies gefühlt. Ein letztes Mal habe ich ihr kleines Näschen abgewischt, ehe Daniel das für siebzehn Tage übernehmen muss, habe ihm einen dicken Kuss gegeben und bin dann endlich in den Sicherheitsbereich gegangen.
Als ich am Gate ankam, habe ich erstmal Nadja angerufen und dann doch geheult. „Jetzt fängt deine Zeit an“, versuchte sie mich zu beruhigen. Aber in dem Moment fühlte ich das noch nicht. Daniel war auf dem Rückweg nach Hause und schickte mir ein Bild von einer friedlich im Kindersitz schlummernden Emmi. Es wurde mir ein wenig leichter ums Herz. In Gedanken war ich alles nochmal durchgegangen. Ich hatte alles gut geplant: Meine Oma und meine Bonusmama werden in der Zeit bei uns übernachten und es steht immer jemand bereit, der Emmi aus der Kita und Juli von der Schule holt, während Daniel arbeitet und so weiter. Am Tag meiner Abreise kamen gleich mein Papa mit meiner Oma über das Wochenende bis Montag. Papa hat sogar Mittagessen für zwei Tage dabei. Perfekt. Planen kann ich!
Aber auch wenn das gut gehen wird, stehe ich noch vor einer weiteren Angst: das Fliegen. Meine Flugangst ist nach einer Hypnose nicht mehr ganz so extrem wie früher. Mit einer halben Tavor kann ich es aber aushalten. Um kurz vor drei Uhr nachmittags lande ich endlich in Madrid. Mit ganz schön viel Gewackel beim Sinkflug. Dank der halben Tavor kralle ich meine Finger nur halb so fest wie sonst in den Sitz vor mir. Die Kotztüte im Sitz vor mir habe ich trotzdem im Visier und auch meine Beine sind wie immer ganz gerade nach vorne ausgestreckt. Warum ich das mache, weiß ich selber nicht, vielleicht stellt sich mein Unterbewusstsein vor, dass ich zur Not mit der Kraft meiner ausgestreckten Beine das Flugzeug bremse. Ich stelle mir jedenfalls immer vor, dass ich so aussehen muss wie eine Katze, die im Nacken gepackt und hochgehoben wird. Ich muss mich wirklich mal zusammenreißen. Mein Weiterflug nach Oviedo geht erst um fünf Uhr nachmittags und so habe ich noch etwas Zeit zum Runterkommen und um mich zurecht zu finden.
Mein Gate finde ich sogar recht schnell, gefühlt aber am anderen Ende des Flughafens. Meine neue Smartwatch, die ich von Daniel zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, freut sich. Fordert sie mich doch den ganzen Tag in regelmäßigen Abständen auf, Schritte zu sammeln und aktiv zu sein.
Und da alles so reibungslos läuft, spare ich mir für den kurzen Flug auch den Rest der Tavor. Das schaffe ich! Schon beim Rollen auf dem Startfeld könnte ich mich für diese dämliche Idee allerdings ohrfeigen. Mit heftigem Schlingern und Wackeln des Flugzeugs und etlichen Stoßgebeten meinerseits heben wir ab. Ich bete stumm, dass mein Abenteuer nicht zu Ende ist, bevor es überhaupt angefangen hat, weil das Flugzeug irgendwo eine Bruchlandung hinlegt. „Machen Sie sich keine Sorgen.“ Die Dame vor mir dreht sich zu mir um. „Das Ruckeln beim Start ist in dieser Region normal.“ Ich nicke nur eifrig, kann aber nichts sagen, weil meine Zähne sich aufeinanderpressen. Ok, ok, Zeit, um wieder runterzukommen. Atmen nicht vergessen. So richtig entspannen kann ich aber erst, als ich aus dem Flugzeug steige und wieder festen Boden unter den Füßen habe. Ich hole meinen Rucksack am Gepäckband ab und lasse mich danach von Fernando Alonso zum Hotel fahren. Ok, natürlich ist es nicht Fernando persönlich, aber der Fahrstil passt auf jeden Fall schon mal. Er fährt rechts, links, überholt langsamere Autos bei gefühlten hundertachtzig Stundenkilometern und ich rutsche trotz Anschnallgurt munter auf der Rückbank hin und her. Was ist denn nur los heute mit meinen Transportmitteln?
Mein Hotel in Gijon ist ein ganz süßes, sehr liebevoll und individuell eingerichtetes. Großartig! Und vor allem nur hundert Meter vom Meer entfernt.
Ich frage an der Rezeption nach dem nächsten Supermarkt, der auch glücklicherweise direkt um die Ecke liegt, und gehe mir erstmal Proviant für den nächsten Tag holen. Da ich am nächsten Morgen gegen halb sieben starten möchte, brauche ich was zu Essen und Wasser für den Weg. Ich entscheide mich für Baguette, Tomate, Mozzarella, ein paar Flaschen Wasser und Bananen. Ein Messer werde ich mir wohl in der Unterkunft leihen können. Denn alles, was ich kaufe, muss ich auch schleppen. Nachdem ich alles in mein Zimmer gebracht habe, gehe ich ans Meer.
Dieses Panorama ist einfach der Hammer. Die Wellen rauschen kräftig auf den Sand und werden dann wieder zurückgezogen. Das Meer hat einen besonders schönen Klang. Ich könnte Stunden – Tage – einfach nur dasitzen, auf das Wasser schauen und die Wellen rauschen hören. Da stellt sich ein innerer Frieden ein. Ein Traum!
Hier lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Ich bin endlich da, wo ich schon so lange sein will. Und heute fängt mein Abenteuer an. Ich grabe meine Füße in den Sand, spüre die kühlen Sandkörner zwischen meinen Zehen, atme tief den salzigen Geruch des Meeres ein, schließe kurz die Augen und lasse all das auf mich wirken. Es ist unglaublich friedlich, obwohl sich noch eine Menge Menschen am Strand tummeln. Ich freue mich, morgen ein Stück am Meer laufen zu können, bevor der laut Pilgeraussagen hässlichste Teil des Nordweges auf mich wartet.
Viele lassen das Stück aus und fahren mit dem Bus. Ich nicht. Mit etwas nicht so Schönem anzufangen, steigert die Vorfreude auf die nächsten Etappen. Und vielleicht ist es ja auch nicht ganz so hässlich wie alle sagen. So etwas liegt ja im Auge des Betrachters.
Ich bin gespannt, wie mein Körper auf all das reagiert. Das ist auch eins meiner Ziele: Mich selbst wieder spüren. Das muss ich ganz dringend lernen. Und gerade spüre ich … wie mein Magen knurrt. Also reiße ich mich vom Meer und seiner Brandung los und laufe an der Promenade lang, um mir ein Restaurant mit Blick auf den Ozean zu suchen. Der Kellner bringt die Karte und ich versuche zu verstehen, was auf Spanisch und Englisch da draufsteht. Wenn ich richtig liege, habe ich mir eine Art Steak mit Pommes bestellt. Dazu ein Glas Rotwein. Ich behalte recht, was ich sehe, als mein Essen serviert wird. Dieses Stück Fleisch sieht von Farbe und Form eher aus wie ein Elefantenohr. Ich stelle mich schon darauf ein, dass es recht zäh ist, aber es schmeckt ganz passabel. Alleine in Restaurants zu sitzen, finde ich komisch. Ich fühle mich dann so wie bestellt und nicht abgeholt. Als ich auf meinem Elefantenohr rum kaue, lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Dunkle Holztische mit den passenden dunklen Stühlen stehen dort. Das Einzige, was das Ganze nicht ganz so düster aussehen lässt, sind die weißen Tischdecken und die gelb gestrichenen Wände. Der Rest ist genau wie Tische und Stühle eher rustikal gehalten, ohne viel Schnickschnack und Deko. Außer mir ist kein anderer Gast da, was es viel weniger schlimm macht, dass ich ohne Begleitung hier bin. Kein Gekicher und keine Unterhaltungen an den Nachbartischen. Es läuft noch nicht einmal Musik. Also lasse ich meinen Blick wieder nach draußen schweifen und beobachte stattdessen das bunte Treiben auf der belebten Promenade. Nachdem ich meinen letzten Rest Rotwein ausgetrunken habe, laufe ich bis zum Sonnenuntergang am Meer entlang und gehe dann ins Hotel zurück.
Im Zimmer werde ich mich ins Bett werfen und schlafen. Mal sehen, ob das vor Aufregung vor der ersten Etappe überhaupt geht.
Vom Aufgeben und Weitermachen
Gijon – Avilés
Um sieben Uhr starte ich bei schönster Kulisse meine erste Etappe. Ich bin schon seit Stunden wach – vor lauter Aufregung natürlich. Draußen ist es noch stockdunkel und so dusche ich erstmal und präpariere mein Baguette für unterwegs. Meine Aufregung treibt mich dann um kurz vor sieben, als es endlich dämmert, aus dem Hotel.
Der Strand von Gijon ist bei Sonnenaufgang wunderschön. Ich mache etliche Bilder und strahle mit der aufgehenden Sonne um die Wette. Ich muss an Nadja denken und daran, dass ihre Bilder ähnlich ausgesehen haben. Jetzt kann ich es selbst fühlen, live und in Farbe sozusagen. Ein wenig brauche ich, um mich mit dem Adolfo, wie Nadja den Reiseführer nennt, zurecht zu finden. Gleichzeitig suche ich nach den besagten gelben Pfeilen und den Muscheln, die im Boden eingelassen sind, und die mir zusätzlich den Weg weisen sollen. Beides sehe ich natürlich nicht und bin auch schon kurz in die falsche Richtung gelaufen. Das merke ich aber recht schnell, denn ich kann keine Ähnlichkeiten der Umgebung mit der Beschreibung aus dem Adolfo feststellen. Dann endlich sehe ich Wegweiser. Jetzt geht es erst durch die komplette Stadt und anschließend in das Industriegebiet, bei dem die Herzen der Pilger nicht gerade höherschlagen. Die Strecke durch die Stadt ist ein langer Weg gerade aus, das finde ich auch ohne Adolfo ganz gut. Ich laufe vorbei an etlichen Hochhäusern, geschlossenen Bars und Cafés. Vereinzelt haben die Bistros geöffnet und ich sehe ab und zu einen Pilger seinen ersten Kaffee trinken. Aus einem Club kommen die letzten Schnapsleichen getorkelt und ich beschleunige etwas, weil ich alleine doch ein wenig ängstlich bin. Kaum lasse ich die Hochhäuser hinter mir, meldet sich Daniel. „Emmi hat die ganze Nacht durchgeschlafen und keine Flasche gebraucht“, schreibt er. Sofort bin ich überzeugt, dass er ihr das nächtliche Fläschchen während meiner Abwesenheit abgewöhnt. Ich sehe schon wieder, dass ich wohl diejenige bin, die das alles zu ernst sieht und beim kleinsten unregelmäßigen Atmen mit dem Fläschchen bei Emmi steht. Loslassen geht manchmal einfacher, wenn man nicht da ist und es jemanden machen lässt, der definitiv entspannter ist als man selbst. Da habe ich mit Daniel genau den richtigen Mann am Start.
Die Pilger haben recht, die Strecke von Gijon nach Avilés ist nicht die schönste Etappe. Am Anfang wartet ein dunkles und dreckiges Industriegebiet. Man möchte meinen, dass es hier laut und hektisch zugeht, aber die dreckigen Schornsteine und Gebäude schlummern an diesem Sonntagmorgen friedlich vor sich hin. Stattdessen zwitschern Vögel, die um diese Uhrzeit natürlich schon längst emsig dabei sind, ihr Frühstück zu suchen. Es hat trotz der wirklich hässlichen Kulisse etwas Ruhiges, alles steht still. Wenn man das Industriegebiet erstmal hinter sich gelassen hat, kommt ein wunderschönes Stück Wald. Die Sonne lacht auf mich herab, es ist noch nicht zu warm. Ein leises Rauschen geht durch die Bäume, die immer mal wieder ein wenig Schatten auf meinen Weg werfen, sodass ich nicht die ganze Zeit in der Sonne laufe. Die Vögel zwitschern munter und allerlei kleines Getier fliegt durch die Luft. Jetzt bin ich laut meiner Fitnessuhr auch schon über zehn Kilometer unterwegs. Zwischendrin überholt mich der ein oder andere Pilger oder kleine Pilgergruppen, die gemeinsam laufen. Auf dem Weg begrüßen wir uns mit einem freundlichen „buen Camino“. Mit diesen Worten wünscht man sich einen guten Weg. Viele Pilger sind allerdings nicht unterwegs, was ich aber schon aus meinem Adolfo wusste. Der Küstenweg ist noch nicht so überlaufen wie der berühmte Camino Frances. Ich genieße es, dass ich nicht in den Pilgermassen untergehe. Die Damen, die schnellen Schrittes an mir vorbeilaufen, tragen teilweise nur Mini-Rucksäcke und unterhalten sich angeregt auf Spanisch miteinander. Kein Wunder, dass sie so flott unterwegs sind, wenn sie auf ihrem Rücken lediglich eine Flasche Wasser und ein Brot transportieren. Ich frage mich, wo ihr ganzes Gepäck ist oder ob es die Damen vom örtlichen Wanderclub sind, die hier jeden Sonntag in der Früh strammen Schrittes wandern. Später soll ich aber erfahren, dass es hier tatsächlich Taxis gibt, die das große Gepäck schon mal zur Unterkunft des Tages bringen.
So mit sich ganz allein zu sein, ist schon irgendwie komisch. Ich würde gern etwas erzählen oder jemanden haben, mit dem ich mich gegenseitig weiterziehen kann. Ich laufe eine Weile mit diesem für mich unbefriedigenden Gedanken im Kopf. Und so kommt es, wie es kommen musste: Mitten im Wald überkommt mich zum ersten Mal die „Ich habe keinen Bock mehr“-Phase. Weit und breit keine Bank, wo ich mich mal ausruhen kann, nirgends ein anderer Mensch.
Doch Gott sei Dank habe ich einen tollen Mann, der mir von zu Hause aus Schützenhilfe leistet und mir über den Tag verteilt kleine Nachrichten schickt. „Gib nicht auf!“ oder „Du schaffst das!“ Aufgeben will ich heute gefühlt aber hundertmal. Wer ist denn bitte auf diese bescheuerte Idee mit dem Jakobsweg gekommen, frage ich mich innerlich. Ich selbst? Ach so, scheiße! Wie kann man nur so doof sein? Nachrichten helfen gerade nicht, deswegen rufe ich Daniel an und jammere ihm ins Telefon: „Ich bin so platt und würde mich gerne hinsetzen, aber meinst du hier gibt es auch nur eine einzige blöde Bank auf dem Weg?“ Daniel antwortet in seiner typischen wohlwollenden Art: „Es ist dein Weg, das was du schon so lange wolltest. Und jetzt bist du endlich unterwegs. Nimm das an, was kommt. Ich bin sicher, dass bald eine Bank in Sichtweite sein wird. Ich bin stolz auf dich und liebe dich und die Kinder auch.“ Nach dem kurzen Telefonat geht es mir ein wenig besser und ich laufe weiter in der Hoffnung, endlich eine Sitzgelegenheit zu finden.
Nach gefühlt einer Ewigkeit ohne Pause und Möglichkeit mich mal zu setzen, ist eine alte, kleine Kirche die Rettung. Auf dem Kirchhof stehen Bänke und ein Brunnen –Halleluja! Ich ruhe mich erstmal aus, strecke die Füße von mir, esse und trinke etwas. Bevor es weitergeht, stecke ich mir die Kopfhörer in die Ohren und öffne meine extra zusammengestellte Camino-Playlist mit Liedern, die das Laufen leichter machen sollen. Von da an komme ich viele Kilometer singend und tanzend vorwärts. Als Xavier Naidoo „Dieser Weg“ singt, schmettere ich extra laut mit – natürlich immer im Blick, ob jemand nah genug an mir dran ist, um mich schief singen zu hören. Wahrscheinlich hätte man eher gedacht, dass irgendwo auf der Weide eine Kuh mit Bauchschmerzen steht und jault.
Mit meiner guten Laune ist es allerdings vorbei, als es gefühlt sechs Kilometer auf einer Schnellstraße in der prallen Sonne geradeaus geht. Der einzige Weg führt über den Standstreifen, der aber glücklicherweise breit genug ist, um nicht direkt überfahren zu werden. Dreckig, staubig, laut, kein Millimeter Schatten. Und die Sonne brennt in der Mittagshitze gnadenlos auf mich herab. Selbst hier überholen mich ein paar Pilger. Die wollen bestimmt auch schnell von dieser Straße weg. Jetzt merke ich auch, warum sich viele den Weg sparen! Da war das Industriegebiet am Anfang noch gar nichts gegen. Ausgerechnet jetzt meldet sich auch ganz leise meine Blase. Na toll, wo soll ich denn hin? Noch kann ich aber ganz gut aushalten.
Irgendwann lasse ich mich mitten in den Dreck einer Einfahrt fallen und mache dort Rast. Ich kann einfach nicht mehr! Zur Stärkung gibt es erstmal eine Banane.
Der Weg bis Avilés ist von da an unerträglich lang und meine Blase unerträglich voll. Die Straße wird immer länger und länger und nirgends ist eine rettende Bar für meine volle Blase zu sehen. Ich latsche gefühlt von Bushaltestelle zu Bushaltestelle, um mich jedes Mal zu setzen. Ich kneife zusammen und zwischenzeitlich denke ich, ich muss mich vor lauter Verzweiflung hinter irgendeine Bushaltestelle hocken und meine Blase entleeren. Ein Albtraum. Irgendwann kommt ein verlassenes Grundstück, auf das ich mich schleiche. Da hocke ich mich erstmal hin und erleichtere mich. So weit ist es schon gekommen, denke ich mit Tränen in den Augen. Hat Nadja nicht erzählt, dass sie kaum auf Toilette musste, weil sie so geschwitzt hat? Bei mir scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Obwohl ich unter der Sonne meine Klamotten nass schwitze, muss ich trotzdem ständig auf Toilette. Ich versuche schon, so gut wie nichts mehr zu trinken, was bei dem Wetter natürlich auch kontraproduktiv ist, aber irgendwann gehen auch mir mal die Grundstücke aus, auf die ich mich schleichen kann. „Ich will wieder heim“, schluchze ich ins Telefon bei
