Meine dunklen, dunklen Lügen - Robin J. Gerull - E-Book

Meine dunklen, dunklen Lügen E-Book

Robin J. Gerull

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Beschreibung

In einer Welt, in der jeder ein Geheimnis hat, fällt es schwer, nicht zu lügen. Ich sollte Asjas Geheimnis aber kennen; ich sollte wissen, warum sie sich für Dinge ritzt, die nicht ihre Schuld sind. Doch wenn ich sie danach frage, erzählt sie nur ihre dunklen, dunklen Lügen. Und als ihre Mutter in Amsterdam zusammenbricht, scheint alle Hoffnung verloren.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Am schwersten auf der Seele wiegen meine dunklen, dunklen Lügen.

Mein Geheimnis, meine Scham und mein Verrat, dass ich es Dir nicht sag.

Es tut mir leid, mein Freund, so leid.

Über den Autor

Robin J. Gerull, geboren 2002, schreibt Bücher über Verzweiflung, Leid und Liebe. Er lebt in Berlin.

Bei BoD von ihm erschienen:

In Liebe – das Leben (Erzählung, 2018)

Meine dunklen, dunklen Lügen (Roman, 2020)

INHALT

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ERRLICHKEIT

Kapitel I

SCHATTEN IN DEN BLÄTTERN DER BÄUME

Es stand ein Baum auf der Wiese jenseits der Stadt. Er trug die goldensten Birnen und die zinnobersten Äpfel, seine Blätter leuchteten grün wie der Mai, und wenn man mit der Handfläche über die Rinde fuhr, genoss man die Ebenheit des Reliefs. Für Beo verkörperte der Baum all die Pracht und Herrlichkeit der Welt. Und wenn ich ihn danach fragte, lachte er so prall und satt, wie nur Beo lachen konnte.

»Natürlich kommt Dir die Welt bedrohlich und herzlos vor, wenn Du nur dorthin blickst, wo die Menschen solch schreckliche Dinge tun und so leiden. Aber schau Dir zum Beispiel nur diesen Baum hier an!« Er streckte den Arm aus. Wir lagen auf dem Rücken, gebannt vom Lichtspiel im rauschenden Blattwerk. »Vergisst Du da nicht all Deine Sorgen?«

Ich schwieg. Angestrengt versuchte ich, mich zu vergessen, in die einfache Schönheit unseres Baumes fallenzulassen … Doch es bedrängten mich immer wieder die Grübeleien über Asja und ihren Onkel, über meine kranke Mutter, den Selbstmord des Biolehrers und über die Angst, dass jemand von Beo erfahren könnte.

Ich schaute zur Seite. Er schien meinen Blick nicht zu bemerken, betrachtete nur versonnen die wogende Krone des Apfelbirnenbaums. Ich fand immer, er war wie der Herbst. Irgendwie weise und verspielt zugleich, so bunt, und selbst seine Kleidung hätte nicht herbstlicher sein können. Und ich fragte mich, woher das kam.

»Du beobachtest mich«, stellte er fest und wandte sich mir zu. Er lächelte.

»Ich habe nur gerade darüber nachgedacht … Warum kleidest Du Dich immer so bunt? Braun, grün, orange … Was bedeutet Dir der Herbst?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag Du es mir.« Ich blickte wieder nach oben. »Keine Ahnung.«

Und wir lagen noch dort, als es dämmerte.

»Bin wieder da!«, rief ich und schloss die Wohnungstür. Meine Mutter trat aus der Küche. Sie trug ein weiß-rot gemustertes Kopftuch, um ihren chemotherapierten Schädel weniger kahl wirken zu lassen.

»Warst Du mit Beo unterwegs?« Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Wie dem auch sei, ich möchte, dass Du mir beim Kochen hilfst. Dein Vater kommt in zehn Minuten.« Sie verschwand wieder in der Küche und ich folgte ihr murrend.

»Mach nicht so ein Gesicht«, sagte sie mit dem Rücken zu mir, während sie Gewürze ins Regal einsortierte. »Schäl lieber eine Rote Bete.« Ich verdrehte die Augen, obwohl ich wusste, dass auch das ihr nicht entgehen würde, und öffnete den Kühlschrank. Während ich im Gemüsefach wühlte, deckte sie den Tisch.

»Wie geht es Asja?«, fragte sie und auf einmal klang ihre Stimme viel mütterlicher.

»Sie war heute nicht in der Schule.«

»Ob sie wieder depressiv wird?«

»Sie ist nicht depressiv, Mom. Einfach nur ein bisschen erkältet, okay? Es ist windig.« Ich drehte den Wasserhahn auf.

»Ich versteh gar nicht, warum Du das so abtust. Es ist Deine beste Freundin.«

»Ganz genau.« Ich schrubbte die Rote Bete ab. »Es ist meine beste Freundin. Und Du hast eigentlich nichts mit ihr zu schaffen. Nur weil sie einmal zum Essen hier war, kennst Du sie nicht gleich in- und auswendig.«

»Ach«, machte sie, während ich begann, die Wurzel zu würfeln. »Irgendjemand muss sich ja um sie sorgen. Du scheinst dieser Jemand jedenfalls nicht zu sein.«

Oh, wie falsch sie lag. Ich hatte große Sorgen um Asja. Verdammt große Sorgen. Aber das ging meine Mutter verhext noch mal nichts an.

Beo saß schmunzelnd auf einem der Stühle. Ich wechselte einen Blick mit ihm und musste grinsen.

»Was gibt es denn da zu feixen, junge Dame?« Mom schob die Rote Bete in die brodelnde Suppe. »Das Mädchen ist immerhin nicht zu beneiden.«

»Ach, nichts.« Sie warf einen misstrauischen Blick in die ungefähre Richtung von Beo, als könnte sie ihn spüren.

Die Wohnungstür rumste und ich lief in den Flur.

»Hei, mein Mädchen.« Dad nahm mich in den Arm. Obwohl er zehn Jahre älter war als Mom, wirkte er fast jugendlich. Nie in seinem Leben war er auch nur ein einziges Mal krank gewesen. »Nur ein gequetschter Finger«, sagte er immer und wackelte damit, als wäre er noch blau und grün. »Und das auch nur, weil ich einmal wissen wollte, wie es ist. So toll fand ich es letztendlich nicht.«

»Die Suppe ist jetzt verzehrbereit«, rief Mom aus der Küche. Dad schlüpfte aus den Schuhen und hängte seinen Mantel auf.

»Ute, das duftet vielleicht gut«, sagte er, als er mir in die Küche folgte.

»Setzt Euch, ich tue auf.«

»Zu schade«, meinte Beo, der jetzt hinter mir stand, »dass ich nicht zu essen vermag. Ich glaube, Borschtsch wäre wohl mein Leibgericht.« Ich musste lachen.

»Woher willst Du das denn wissen?«

»Ach, sie erinnert mich so an den Herbst …« Dad war dabei, sich eine Scheibe Brot zu buttern. Die beiden wussten, dass ich mit Beo sprach. Schließlich lebten wir bereits seit sechzehn Jahren unter einem Dach.

Mom verteilte die dampfenden Schüsseln.

Beo half mir immer mit den Mathehausaufgaben. Bei Tests war er Gold wert. Nur verstand er sich weniger gut auf die anderen Fächer.

»Ich finde, Mathe passt nicht zu Dir«, meinte ich einmal zu ihm, »Du bist eher ein Schöngeist und Dichter.« Darauf lachte er und erklärte, dass er nicht wirklich lesen konnte.

»Aber Du warst doch immer dabei, als ich es in den ersten Schuljahren lernte.«

»Hat mich wohl nie wirklich gereizt. Und ich komme gut ohne diese Buchstaben klar. Nur in der Mathematik ergeben sie einen Sinn für mich.«

Mit vollem Namen hieß er Beo Basilius Bonx. Er war der Einzige aus der Familie, an dem unser Nachname nicht lächerlich klang. Sein Vorname war schon immer da gewesen, hatte schon immer zu ihm gehört. Er war einfach Beo, und das hätte mir genügen können, doch ich ließ es mir nicht nehmen, ihm noch einen Namen mit B zu verpassen. So etwas wie Balthasar oder Bartholomäus. Sehr klangvoll.

Als wir mit den Hausaufgaben fertig waren, spielten wir eine Partie Schach. Es machte mir nichts aus, dass er immer haushoch gewann. Und es gab nicht viele Spiele, die infrage kamen, immerhin konnte er keine Gegenstände bewegen. Karten schieden also aus, und an Würfelspielen hatte er nicht viel Spaß, da er nicht selbst würfeln konnte.

»Manchmal wünschte ich, etwas berühren zu können«, sagte er, als ich zog. »Pferdchen nach F3.« Ich bewegte seinen Springer. »Schach. Einmal über die Rinde unseres Apfelbirnenbaumes streicheln. Einmal Dich in den Arm nehmen, Kim, das wäre doch was.«

Versonnen blickte ich ihn an. »Ja, das wäre schon was.« Ich spiegelte mich im schwarzen Fenster. Der Mond schien. Es war ganz still.

»Wo gehst Du eigentlich hin, wenn Du nicht da bist?« Ich rieb mir die Augen.

»Das habe ich Dir doch schon einmal erklärt.«

»Ich habe es aber nie verstanden.«

»Für mich gibt es keinen Ort, an den ich gehe. Ich bin entweder bei Dir oder ich bin nicht bei Dir. Ich nehm nicht einfach mal frei und geh einen Kaffee trinken.«

Ich lachte. »Ja, aber wo bist Du? Irgendwo musst Du dann doch sein.«

»Ach, Raum, Zeit … Wen kümmert das schon?« Er lächelte. »Wichtig ist nur, dass ich immer da bin, wenn Du mich brauchst.« Ich liebte sein Lächeln. »Du stehst noch immer im Schach.«

Kapitel II

DIE TUSCHELN

Herr Schenkel klappte die Tafel auf und nahm ein Stück Kreide zur Hand.

»Es ist ein sehr persönliches Thema, um nicht zu sagen ein intimes. Umso wichtiger ist es, darüber so viel zu wissen wir möglich, so wie Ihr in der sechsten Klasse Sexualkunde durchgenommen habt. Wer von Euch hat bereits einen Gabenpaten?«

Ich meldete mich sofort und blickte mich zu Asja um. Sie sah mit trübem Blick aus dem Fenster.

»Psst!«, machte ich, bis ich ihre Aufmerksamkeit hatte. Dann bedeutete ich ihr, sich ebenfalls zu melden. Wir waren Gabenpaten schon seit der dritten Klasse.

Außer unseren ragten nur ein paar wenige andere Arme in die Höhe. Kein Wunder. Es war der größte Vertrauensbeweis, jemandem davon zu erzählen. Häufig war erst der Lebenspartner der erste Gabenpate. Und immerhin waren wir in der zehnten Klasse.

»Gut.« Die Finger gingen wieder runter. »Die Talentologie unterscheidet zwischen zwei Arten der Gaben. Kann sie mir jemand nennen?« Alle sahen wir betreten auf unsere Tischplatten. Wahrscheinlich kannten einige die Antwort, doch nur Adele meldete sich.

»Extrovertierte und introvertierte. Eine extrovertierte Gabe ist eine solche, die die direkte Umgebung beeinflusst, wie alle Arten der Telekinese oder Hypnose; eine introvertierte betrifft nur den Begabten selbst, wie Hypervision oder Empathie. Manche Terminologien gehen auch von den Begriffen ›nachweisbar‹ und ›verborgen‹ aus, da sie meinen, man könne zwar alle extrovertierten Gaben wissenschaftlich nachweisen, bei introvertierten hingegen müsse man der Aussage des Begabten vertrauen.«

»Vielen Dank.« Herr Schenkel kam kaum mit dem Schreiben hinterher. Ich war mir ziemlich sicher, dass es Adeles Gabe war, jeden gelesenen Text unverschämt wörtlich wiedergeben zu können. Das würde auch erklären, warum sie so viel las.

»Kopiert bitte das Tafelbild in Euer Heft.« Herr Schenkel klopfte seine Hände an der Kordhose ab, wie er es immer tat. Er trug nur weiße Hosen.

Jeder wusste, dass Joseph ein photographisches Gedächtnis besaß. Er und Adele hätten ein süßes Paar abgegeben.

Alle ohne photographisches Gedächtnis kramten nun etwas zum Schreiben hervor. Ich linste zu Asja hinüber, die vor mir saß. Lustlos kritzelte sie auf einem zerknitterten Stück Papier herum. Beo lugte ihr über die Schulter und runzelte die Stirn. Mit einem unauffälligen Blick fragte ich ihn, was er sah. »Sie zeichnet nur Kreise auf ihrem Blatt«, diagnostizierte er und malte mit dem Finger Kringel in die Luft. Ich zog die Brauen hoch.

»Kannst Du alles gut lesen, Kim?« Herr Schenkel bedachte mich mit einem seiner gutmütigen Vertrauenslehrerblicke.

»Ja, klar«, sagte ich und schrieb hastig weiter von der Tafel ab. Beo war verschwunden. Herr Schenkel stand auf. »Wie Ihr sicher alle wisst, gibt es keinen bekannten Fall von zwei Gaben, die in einem Menschen vereint wären. Allerdings verzeichnet die Pathotalentologie eine Nullkommawas-Prozent-Quote von ›Unbegabten‹.« Getuschel hob an. Es war bekannt, dass Herr Kasper, der Biologielehrer, sich wegen dieses Defizits vor einem Monat das Leben genommen hatte.

»Dieser Begriff, ›Unbegabte‹ oder ›Gabenlose‹, ist natürlich politisch nicht ganz korrekt. Nur weil jemand keine distinkte Gabe besitzt, kann er oder sie immer noch genauso viel erreichen im Leben wie jeder andere auch. Weiß jemand, ab wann eine ›distinkte Gabe‹ vorliegt?« Adele meldete sich sofort, und zögerlich reckte auch ich meine Hand empor. Herr Schenkel nickte mir zu. Mit hochrotem Kopf stammelte ich: »Also, ich glaube, das findet jeder für sich selbst heraus. Also, man spürt es sozusagen, was seine Gabe ist.«

»Genau!« Herr Schenkel strahlte mich an. »Es gibt zwar Verzeichnisse der gängigsten Gaben, doch nur weil Ihr Euch darin nicht wiederfindet, heißt das nicht, dass Ihr gabenlos wärt. Ihr wisst es hundertprozentig, wenn Ihr Eure Gabe identifiziert. Und niemand hat das Recht, Euch das streitig zu machen. Die Gabe des Menschen ist unantastbar. Asja?« Jetzt erst bemerkte ich, dass sie sich meldete.

»Kann ich bitte auf Toilette gehen?« Ihre Stimme zitterte leicht. Er schaute auf die Uhr und runzelte die Stirn. »Kannst Du vielleicht noch zehn Minuten warten?« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist ein gewisses Mädchenproblem.« Herr Schenkel sah aus, als wünschte er, sich in Luft auflösen zu können. »Na klar, geh schon.« Sie griff ihre Schultasche und rauschte aus dem Klassenzimmer. Besorgt blickte ich ihr nach. Irgendein Idiot in den hinteren Reihen kicherte. Aber ich wusste, dass ihre Menstruation erst nächste Woche einsetzte. Ich wechselte einen Blick mit Beo, der jetzt neben ihrem Pult stand.

»Die Pathotalentologie kennt außerdem Fälle, in denen Menschen ihre Gabe erst in der Pubertät entfalten. Ferner gibt es einige wenige Krankheiten, in deren Verlauf eine Abnahme oder sogar ein gänzlicher Verlust der Gabe stattfinden kann. Bei einem gesunden Menschen nimmt die Ausprägung der Gabe aber in der Regel mit dem Alter zu.«

»Seine Gabe ist bestimmt Hausaufgaben-Korrigieren«, hörte ich Simon hinter mir seinem Tischnachbarn zuflüstern, als Herr Schenkel die Stunde beendet hatte und die Schüler ihre Sachen einpackten. Mir wurde heiß. Das war ziemlich unter die Gürtellinie. Aber ich sagte nichts. Von Simon hatte man schon so einiges gehört. Zum Beispiel war er von einer anderen Schule geflogen, als er hinter das Geheimnis eines Mitschülers gekommen war und es in der Mensa an die große Glocke gehängt hatte. Und es war nicht einmal etwas so Normales gewesen wie Telekinese oder Hypervision, was jeder kannte, sondern irgendetwas ganz Spezielles. Die Fähigkeit, Tiergeräusche zu mimen oder etwas in der Art, womit nicht jeder so reif umging wie wünschenswert gewesen wäre.

Es gab wirklich schlimme, schlimme Dinge, die Menschen taten, und manchmal fragte ich mich, ob die Welt nicht ohne all die Gaben besser dran gewesen wäre.

Dann gab es solche Leute zum Beispiel, die sich anderen überlegen fühlten, nur dadurch, dass sie ein ganz ungewöhnliches Talent besaßen. Oder umgekehrt den Trend, mit einer durchschnittlichen Gabe die vermeintlichen Freaks auszugrenzen. Das nannte man Donismus, wenn man jemanden für seine Gabe diskriminierte.

Beo war etwas Besonderes. Solche Begleiter hatten nur vier oder fünf unter tausend. Meist waren es nur Stimmen im Kopf oder verschwommene Impressionen, die einem nur bedingt halfen. Ich hatte natürlich viel dazu recherchiert. Und meist ging damit auch eine Form der Hypervision einher, also zum Beispiel die Fähigkeit, durch Wände zu blicken oder mitzubekommen, was hinter dem Rücken vor sich ging, so wie es meine Mutter konnte. Ich hatte nur Beo, und er war perfekt.

»Hey, Kimberley!« Ich drehte mich um. Schüler strömten auf dem Gang an mir vorbei. »Du hast Deinen Kuli liegenlassen.«

»Danke, Martyn.« Ich lächelte ihn an. Zu gern hätte ich gewusst, was seine Gabe war. Es musste etwas wirklich Nützliches sein, wenn er später im Leben klarkommen wollte, denn seine Schulnoten waren bekanntermaßen unterirdisch. Aber das schien ihn nicht sonderlich zu kümmern. Vielleicht war es seine Gabe, die ihm so viel Zuversicht verlieh, dass er selbst noch lächeln konnte, wenn Herr Graal über ihn herzog. Oder er war einfach ein positiver Mensch.

»Na dann, bis gleich in Mathe. Hey, ich freu mich drauf!« Er zwinkerte mir zu und ich musste lachen. Martyn kam mit jedem gut klar. Er war einfach eine Sonne, die nie erlosch. Nicht dass ich es je erlebt hätte, jedenfalls.

Ich blickte ihm hinterher, wie er den Korridor hinablief. Mit seinem federnden Gang und dem teuren Anzug, den er immer trug – ganz so, als könnte jeden Moment der Bundespräsident in die Klasse treten.

Schmunzelnd wandte ich mich um und ging in die Mensa, um etwas zwischen die Rippen zu bekommen. Den Kugelschreiber ließ ich in meinen Fingern kreisen.

Kapitel III

DORT IM RACHEN DER DÄMMERUNG

Asja hieß natürlich Anastasia. Sie wohnte in so einem Stadtrandhaus, bei dem niemand sich je die Mühe gemacht hatte, es zu renovieren. Ihr Vater lebte irgendwo in Mexiko, und ihre Mutter war fast nie daheim. Nur Mia die Katze, von der ich mir fast sicher war, dass sie Beo spüren konnte. Und natürlich Bettina. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie wir uns damals in einem verlassenen Jägerhochsitz im Abdinger Wald versteckten. Asja hatte einen Rucksack mit Schokoriegeln dabei. Neidisch beobachtete Beo uns, wie wir sie herunterschlangen. Irgendwann hielt ich inne. Eine Eule rief irgendwo in den Bäumen.

»Weißt Du, Asja …« Nachdenklich ließ ich den Riegel sinken. »Ich will, dass wir Gabenpaten sind.« Sie blickte auf. Große Augen.

»Willst Du anfangen?« Sie schüttelte den Kopf. Ihr Blick war fast ängstlich. »Fang Du an.« Schon früh war uns eingeschärft worden, nur unseren allerengsten Vertrauten von unseren Gaben zu erzählen. Es war ein Tabu. Und es war aufregend.

»Also gut. Hier …«, ich machte eine dramatische Pause und deutete auf Beo, »… sitzt Beo Basilius Bonx.« Sie starrte auf die Luft, auf die ich zeigte. »Er ist mein unsichtbarer Begleiter.« Mein Herz pochte ordentlich, aber ich strahlte. Es war eine Erleichterung. »Jetzt Du.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ja. Das ist wirklich ein seltsamer Zufall.« Und dann offenbarte sie mir, wer Bettina war. Wir hatten die gleiche Gabe.

Heute war Asja nicht in den Unterricht zurückgekehrt, nachdem sie vorgeblich auf die Toilette verschwunden war. In Mathe schaute ich die ganze Zeit zur Tür auf, als würde sie jeden Moment hereinspazieren.

»Du gehst zu ihr, oder?«, fragte Beo, als ich nach Schulschluss in die verlasseneren Straßen einbog, wie ich es immer tat, um ungestört mit ihm reden zu können.

»Natürlich gehe ich zu ihr.« Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. Sie hatte sich wirklich merkwürdig verhalten. Noch merkwürdiger als sonst. »Meinst Du, es ist wegen ihres Onkels?« Ich hatte ihn nie zu Gesicht bekommen, doch Asja hatte so viel von ihm erzählt, dass ich mir seine schweren Tränensäcke, seinen rasselnden Atem und seine ungepflegten Haare lebhaft vorstellen konnte. Er war letztes Jahr gestorben, und endlich hatte sich Asja mir öffnen können. Früher war sie ein unbeschwertes Mädchen gewesen, höchstens etwas schüchtern, doch im Laufe der Zeit hatte sie sich immer mehr in sich selbst zurückgezogen. Eines Tages konnte ich nicht anders, als sie danach zu fragen. Lange schwieg sie daraufhin. Dann begann sie zu erzählen:

»Ich hatte einen Onkel. Ein schmieriger kleiner Kerl mit so stierenden Augen … Seine Gabe war die Hypnose … Aber er hat sie nie für medizinische Zwecke eingesetzt wie jeder Vernünftige … Er hat sie benutzt, um zu bekommen, was er wollte.« Sie machte eine schwere Pause. »Als ich noch kleiner war, suchte meine Mutter immer nach Babysittern für mich, weil sie so lange arbeiten musste. Wenn sie mal nicht genug Geld zusammenkratzen konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Schwager zu bitten, auf mich aufzupassen. Sie konnte ihn nicht ausstehen, und sie wusste, dass es mir genauso ging. Ich flehte sie an, mir eine Chance zu geben. Dass ich groß genug war, alleine auf mich aufzupassen. Doch dafür machte sie sich zu große Sorgen. Wenn sie gewusst hätte, was in diesem Haus wirklich geschah, wenn er auf mich ›aufpasste‹ …« Sie setzte das letzte Wort in angewiderte Anführungszeichen. »Und er zwang mich, niemandem davon zu erzählen. So ging es über Jahre – seit mein Dad nach Mexiko durchgebrannt war. Vor einer Woche dann … Mein Onkel trank viel, musst Du wissen, und dann war er gerade auf dem Weg zu mir, um wieder … Auf jeden Fall kam er von der Fahrbahn ab und starb.« Ihre Stimme war tonlos, so als ginge sie das alles gar nichts an. »Damit war der Bann sozusagen gelöst und ich konnte meiner Mutter endlich sagen, warum es mir immer schlechter ging.«

Eine Weile saßen wir dann da und ich starrte auf meine Knie. Beo betrachtete aufmerksam Asjas Gesicht, und Mia ließ sich von ihr streicheln.

»All die Ausflüchte …« Ich war ganz heiser. »Immer, wenn ich Dich fragte, was los sei, musstest Du also lügen?« Sie nickte, während sie Mias orange-weiß getigertes Fell betrachtete, das sich unter ihren Fingern unglaublich weich anfühlen musste.

»Hat sie mit einem Therapeuten darüber gesprochen?«, fragte Beo. Ich blickte zu ihm, der er im Schneidersitz auf dem Teppichboden saß.

»Was ist?«, fragte Asja.

»Beo fragt, ob Du Therapie machst.« Langsam schüttelte sie den Kopf. »Mom kann sich das nicht leisten, und ich hab ihr gesagt, dass ich damit schon alleine fertigwerde. Ich hab ja Dich.«

Ich lächelte zurück. »Und Du hast Bettina.« Ihr Lächeln wirkte abwesend. »Ja, und natürlich Bettina, klar.«

Jetzt, ein Jahr später, schien sie nicht im Geringsten damit fertigzuwerden. Und ich fühlte mich so hilflos wie noch nie.

Als ich an ihrem Haus ankam, fiel das Abendlicht ebenmäßig auf die rissige Straße. Es duftete nach Herbst und temperaturlose Brisen ließen die Pappeln tuscheln. Nach dem dritten Klingeln hatte noch immer niemand geöffnet. Ich probierte die Klinke. Es war offen.

»Asja?« Ich lauschte ins Haus hinein. Es roch nach Katzenfutter. »Anastasia?« Niemand antwortete.

»Vielleicht ist sie spazieren gegangen«, meinte Beo. »Bei dem Wetter …« Aber mich beschlich so ein Gefühl, das einem den Atem nimmt. Vorsichtig schloss ich die Tür und zog mir die Schuhe aus. Beo folgte mir in den Keller, wo Asja wohnte. Es war irgendwie kalt in dem Raum und das Gefühl wurde unerträglich. Ich schaute mich mit klopfendem Herzen um. Etwas lag auf ihrem sonst aufgeräumten Schreibtisch. Ich trat näher und las es Beo vor:

»Schatten in den Blättern der Bäume, die tuscheln, dort im Rachen der Dämmerung

Umbrane Gewitterwale am Horizont, eine gleißend graue Welt, sie ist krank

Eine Membran so fein wie ein Lächeln, die Bande der Realität, nicht mehr zwischen Wahnsinn und mir

Wie ein Mensch, wie ein Tier, ich brüll wie ein Sturm, und doch nicht ein einziger Laut

Fort, fort in die Finsternis, fort! Blut rinnt hinab meinen Arm, und die Blitze so grell und das Leben so schnell

Und nichts ist wie früher, wer ist dieser Mensch? Fort, fort in die Schmerzen

In mir haust die Angst, wild und grausam und gell, schwarz wie die Tiefen der See

Nirgends zu sehn eine Hoffnung, ein Funk? Und es lockt mich mein Messer ins Dunkel

Doch am Ende des Tunnels, voll Schwärze und Leid, wartet auf mich nur die Ewigkeit

Oh, Beo!« Ich ließ das Blatt sinken. »Ob sie sich was angetan hat?« Ich nahm mein Handy heraus und wählte ihre Nummer. Meine Finger zitterten.

»Geh ran, geh ran, geh ran!«

»Hey, hörst Du das?« Beo blickte gen Decke. Ich lauschte. Oben klingelte es. Ich stürmte die Treppe hinauf – Asjas Handy lag auf der Küchenanrichte.

»Oh, Scheiße!« Meine Gedanken flogen durcheinander. Ihre Mutter anrufen? Die Polizei? Den Krankenwagen?

»Das kann sie mir doch nicht antun!« Fahrig blickte ich mich in der Küche um, dann im Wohnzimmer. Vielleicht hatte sie ja einen Abschiedsbrief geschrieben?

»Beruhig Dich. Es ist bestimmt alles in Ordnung. Mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand.«

»Du hast leicht reden«, rief ich und schaute mich in der Waschküche um. Auch dort nichts. »Hoffnungsloser Optimist.« Ich sah ihn schmunzeln. Manchmal ging mir seine heitere Gleichmut entschieden gegen den Strich.

Dann hörte ich noch etwas: Jemand machte sich an der Haustür zu schaffen.

»Asja?!« Ich stürzte in den Flur. Die Tür schwang auf. Dort stand sie, zwei Einkaufstüten neben sich.

»Kim? Was –«

Ich fiel ihr um den Hals.

»Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Nach der Schule bin ich gleich zu Dir, und Du warst nicht da, und dann dieses Gedicht … Was war in der Schule los?«

Sie blickte auf ihre Schuhspitzen. »Es war mir einfach zu viel. Das ist alles.«

»Asja, irgendwas ist doch. Ist es immer noch wegen diesem Schwein? Hattest Du nicht gesagt, Du hättest damit abgeschlossen?«

»Das hast Du doch selbst nicht geglaubt.« Sie nahm die Taschen und drückte sich an mir vorbei. Ich half ihr dabei, die Einkäufe auszupacken.

»Frag sie, ob sie sich wirklich selbst verletzt hat. Ihr Gedicht klang nicht gut.« Ich warf einen Blick über die Schulter. Beo saß auf dem Esstisch.

»Hör mal, Asja …« Ich reichte ihr ein Glas Erdnussbutter. »Du ritzt Dich aber nicht, oder?« Wortlos verstaute sie es im Kühlschrank. »Du ritzt Dich! Asja, sag mir, dass Du das nicht tust!« Sie drehte sich um.

»Boah, Kim! Die Welt ist halt nicht so heil und unschuldig, wie Du manchmal denkst! Sie ist verdammt nochmal beschissen, und nur dass Du’s weißt: Ich kiffe auch.« Sie wandte sich ab. Ich biss auf meine Unterlippe und wechselte einen Blick mit Beo.

»Wo ist Bettina?« Sie antwortete nicht. Der Kühlschrank begann zu piepen, weil er schon zu lange offenstand. Schließlich schloss sie ihn behutsam.

»Sie steht dort drüben.« Asja nickte mit dem Kopf Richtung Küchentür.

»Und was sagt sie zu Deinem Zustand? Lässt sie Dich einfach so machen?«

Sie starrte die Tür an. Vielleicht sagte Bettina gerade etwas zu ihr.

»Sie findet es nicht gut. Sie hasst es, dass ich meine Arme aufschneide und mich zudröhne. Aber sie kann nichts dagegen tun. Sie ist nicht gern dabei …« Sie machte eine Pause. »Und sie sagt, dass sie Dich bittet, mir zu helfen.« Abermals wandte Asja uns den Rücken zu. Sie öffnete den Kühlschrank wieder und belud ihn mit den letzten paar Einkäufen.