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Nora ist 36 und in ihren eigenen Augen eine Taugenichtsin. Ihre Ehe ist kein sicherer Hafen, ihr Beruf keine Selbstverwirklichung und ihr Muttersein kein aufgegangener Friede-Freude-Eierkuchen. Ändert eine der drei schicksalhaften Begegnungen Noras Leben?
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Seitenzahl: 36
Veröffentlichungsjahr: 2019
»Wie ist die weibliche Form von Taugenichts?«, fragte ich. Mein Mann, der Kapitän des Familienschiffs, umsegelte meine Frage wie die bedrohliche Spitze eines Eisbergs. Zu sehr taugte er in seinem Metier. Zuhause glänzte er durch präsente Abwesenheit. Und Leo? Ging es ihm noch gut an Bord unseres Schiffes?
Ich, die TaugenichtsIn, hatte ja meine Karre gezogen. Jetzt steckte sie fest. Im Sumpf. Gen Himmel blickend dachte ich allen Ernstes daran, den Weihnachtsmann anzurufen. Er solle mich mit seinem Schlitten abholen. Vielleicht braucht er Helfer beim Verteilen der Geschenke? Schlimmstenfalls würde ich mich als Rentier einspannen lassen, falls Rudolf oder einer seiner Kollegen verschnupft sein sollte.
Ich könnte die Eiskönigin anflehen, mich in ihren Mantel einzuhüllen. Sie schlittert in der Silvesternacht durch die Gegend und beschert auch Taugenichtse. Mit Splittern in den Augen. Mit Splittern, die den Schmerz lindern, ihn vergessen helfen... Vielleicht macht die Eiskönigin eine Ausnahme und nimmt sich ein Toygirl als Dienerin? Auch ohne Splitter im Auge würde ich ihren Eispalast blankschrubben.
Die Eiskönigin also. Aber wie anrufen? Per Telepathie, per Schrei, per Mobilfunk?
Meine Karre steckte fest. Seit wann? Ich war doch gut in Daten... Frühestens seit dem Uniabschluss und spätestens als mir die letzte Agentur mit einem kommenden Frustrationsstrudel drohte. Schon der dritte Text, wie lange wolle ich mich anmaßen? Das erste Mal fehlte ihnen der Witz in meiner traurigen Kindergeschichte, das zweite Mal sei meine Erzählperspektive zu emotionsräuberisch, das dritte Mal hätte ich ausgerechnet jenes Tier als Held der Geschichte gewählt, das es in der Kinderbuchlandschaft wie Sand am Meer gäbe.
Her mit den ausgefalleneren Tieren!
Lenken Sie den Wagen um, ändern Sie die Richtung, am besten gleich sich selbst, rieten mir meine Lifestyle-Berater.
Die Karre steckt, habt ihr nicht gehört?!
Wie ein Weihnachtschor stimmten sie erneut ein: STOP, steigen Sie aus! JETZT holen Sie tief Luft. Ist das Leben nicht schön, JETZT, da Sie alle Zeit haben, sich umzusehen?
Spinnt ihr, ich bin im Sumpf! Oder ist das nur der Treibsand der Gezeiten und ich soll mich treiben lassen?
Zugegeben, es klang verführerisch aus dem Mund des Happy-Life-Guru mit dem sexy altertümlich klingenden Namen und dem umwerfenden Lächeln. Schon längst glotzte ich seine Youtube-Videos. Wie das Hemd um seinen Brustkorb spannte, wenn er seine schulterlangen Locken von links nach rechts warf... – köstlich! Und erst diese Komm-mit-mir-in-die-Höhle-Stimme! Ich hatte den leisen Verdacht, dass ich mit meinen Buchkäufen maßgeblich zu seinem satten Lächeln beigetragen hatte. Seine weniger attraktiven Kollegen grinsten mich ebenfalls zufrieden von ihren Buchcovern an. Nur mein Lächeln saß schief. Sie hatten mich übers Ohr gehauen, keins ihrer Versprechen gehalten! Und ich krümmte mich unter der Last der Stapel Bücher mit grinsenden Kürbissen darauf, während ich sie zum Secondhand Bookstore schleppte.
Vor Augenkontakt mit dem Bucheinkäufer drückte ich mich. Er müsste schon Hitzewallungen kriegen, wenn er mich in der Donnerstagsschlange sah. Donnerstags erklärte er sich bereit, Fälle wie mich zu behandeln. Tja, er hatte sich bereiterklärt, bevor er mich kannte. Bevor er uns kannte. Uns von der Sorte „brotlose Künstler“. Wir, die eher Besucher als Bewohner dieser Welt sind... Oder aber er liebte uns, immerhin füllten wir seinen Laden, nicht nur donnerstags.
Wenn mich die flirtwilligen Männer auf den Unipartys charmant als zukünftige brotlose Künstlerin bezeichneten, stieg mir eine vornehme weißglutige Blässe ins Gesicht. Dabei erzählte ich ihnen doch nur, dass ich Kunstgeschichte studierte. In der musikgeschwängerten Umgebung hörten sie vermutlich bloß den ersten Teil meiner angestrebten Berufsbezeichnung. Als Kunsthistorikerin stünden mir weit mehr Türen offen als ihnen, Betriebswirten und Bauingenieuren: Ich hätte Forscherin werden können, Galeristin, Journalistin, Kunstförderin und vieles mehr, was ich mir nicht mal ausmalen konnte!
An all diesen Türen hatte ich geklopft, niemand öffnete. Ich ging durch die einzige Tür, die angelehnt war – die der Künstlerin. Pardon, die der brotlosen Künstlerin.
Wie viele von uns gab es in dieser wimmelnden und wuselnden Künstlerlandschaft! Ich fand mich in dem Bild eines holländischen Landschaftsmalers des Goldenen Zeitalters wieder. Ein solches Bild hängt in jedem städtischen Museum der westlichen Welt: In den schweren vergoldeten Rahmen wird eine unfassbare Weite hineingezwängt, bei einem Wetter, das die schicksalhafte Begegnung der Morgenrötegöttin Aurora mit dem grimmigen Gewittergott veranschaulicht. Im Vordergrund, auf Wiesen und Landwegen, tummeln sich Lebewesen. Kriecher, Kleinsäugetiere? Nein, Menschen! Jämmerliche, mit Ocker und Braun gekleckerte, Gestalten ohne Gesichtszüge, gebeugt, gekrümmt, zu Boden gestürzt... Wir, die brotlosen Künstler, wir, die es nicht geschafft haben, Geld aus ihrer Leidenschaft zu schlagen, eine goldene Ader im Fluss des Überflusses zu entdecken, einen Diamanten aus der Erde auszusieben...
